Zehntes Kapitel.Abschied von Indien.
Der Tag meiner Abreise kam. Es war nach Sonnenuntergang, als sich vor meiner Wohnung ein Haufen Schokas versammelte. Ich verabschiedete mich von meinem Wirte Zeheram, seiner Frau und seinen Kindern, die mit Tränen in den Augen glückliche Reise wünschten.
»Salaam, Sahib, Salaam!« wiederholte Zeheram schluchzend, indem er seine Hand respektvoll an die Stirne führte.
»Du weißt, Sahib, daß ein Pferd zu einem Pferde geht, ein Tiger zu einem Tiger, ein Jak zu einem Jak und ein Mann zu einem Manne. Eines Mannes Haus ist eines andern Mannes Haus, gleichviel ob die Farbe unserer Haut verschieden ist oder nicht. Deshalb danke ich dem Himmel, daß du Obdach unter meinem bescheidenen Dache genommen hast. Es muß dir unbehaglich gewesen sein, denn ihr Sahibs seid alle reich und an Luxus gewöhnt. Ich bin nur ein Händler und Bauer. Ich bin arm, aber ich besitze ein Herz. Du hast, anders als andere Sahibs, immer freundlich zu mir und zu uns Schokas allen gesprochen. Wir fühlen, daß du unser Bruder bist. Du hast uns Geschenke gegeben, aber wir hatten sie nicht nötig. Das einzige Geschenk, das wir von dir wünschen, ist, daß du, wenn du das Ende deiner gefährlichen Reise erreichst, uns eine Botschaft schickst, daß du dich wohl befindest. Wir wollen alle für dich Tag und Nacht beten. Unsere Herzen sind betrübt, daß du uns verläßt.«
Dies war von dem rauhen, alten Burschen, den ich wirklich liebgewonnen hatte, rührend, und ich sagte ihm, ich hoffte, daß ich eines Tages imstande sein würde, ihm seine Freundlichkeit zu vergelten.
Als ich die Stufen hinabstieg, gab es auf dem Hofe ein großes Gedränge. Jeder wollte mir Lebewohl sagen. Die Männer nahmen meine rechte Hand in ihre beiden Hände und führten sie an ihre Stirn, indem sie Worte der Betrübnis über meine Abreise murmelten. Die Frauen streichelten sanft mein Gesicht und wünschten mir: »Nikutza, gehe gut! lebe wohl!« Es sind die Schokagebräuche beim Abschied von Freunden, die in ein entferntes Land gehen.
Von einer wirklich betrübten Gesellschaft an der Hand geführt, schritt ich dem schmalen, steilen Abstieg zur Tschongurbrücke zu, der in die hohen Lehmwände eingeschnitten ist. Unterwegs wollte ich mich noch in Katschis Wohnung verabschieden, aber er war bereits vorausgegangen.
Einen betrübteren Zug konnte man sich nicht vorstellen. Das schwache Licht des Neumondes vermehrte die Traurigkeit noch, und bei jenem eigentümlichen Geräusch verhaltener leiser Schritte war mir zumute, als wenn ich meinem eigenen Leichenbegängnis beiwohnte. Ich bat sie, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Einer nach dem andern kam, meine Füße zu umarmen und meine Finger zu halten, dann gingen sie, das Gesicht in den Händen verbergend, auf dem steilen Pfade hinauf und verschwanden allmählich, kleiner und kleiner werdend, geisterhaft in der Ferne. Einige zwanzig oder dreißig jedoch bestanden darauf, mich zum Flusse hinabzubegleiten. Ich stieß auf die aufgeregte Gestalt einer alten Frau, die ihr Haar zerraufte und jämmerlich weinte. Sie warf sich mir zu Füßen und flehte mich an, für ihren Sohn Sorge zu tragen. Es war Katschis betrübte Mutter. Ich tröstete sie, so gut ich konnte, ebenso den trostlosen Vater, den guten alten Junia, der gekommen war, um mir zärtlich Lebewohl zu sagen, während ihm die Tränen die Backen hinunterrannen.
Man Sing, der Aussätzige.
Man Sing, der Aussätzige.
»Wo ist euer Sohn?«
»Du wirst ihn ein wenig weiter unten finden, Sahib.«
Wilde Esel.
Wilde Esel.
Ich fand ihn mit vier andern in einem Haufen am Boden liegend. Einer von ihnen versuchte aufzustehen und rief aus: »Katschi, steh’ auf, hier ist der Sahib«, fiel aber dann wieder um. Katschi gab kein Lebenszeichen von sich, und ich entdeckte, daß sie in einem Zustande hoffnungslosen Rausches waren. Arm in Arm lagen sie da, wie sie hingefallen waren, und schliefen.
Aufstieg zum Lumpiyapaß.
Aufstieg zum Lumpiyapaß.
Neben Katschi lag Dola, sein Onkel, der in der vierfachen Eigenschaft als Dolmetscher, Träger, als Diener Katschis und als Koch angestellt war, in welch letzterer Kunst er nach Schokaart ein wahrer Meister war, dessen Ruhm sich über ganz Bias verbreitet hatte. Er war deshalb ein Schatz, den man nicht leichtsinnig aufgeben durfte, und ich mußte jetzt, wo ich schnell und entschieden handeln wollte, ernstlich erwägen, ob ich vorwärts gehen sollte, während zwei der wichtigsten Schauspieler in meinem Stück unfähig waren. Würde ich, durch diese halben Leichen behindert, imstande sein, ungesehen an der aufmerksamen tibetischen Wache bei der Tschongurbrücke, nur wenige hundert Meter von hier, vorüberzukommen?
Ich beschloß, es zu versuchen. Indem ich auf jeder Seite einen unter dem Arme ergriff, stützte ich sie und hielt sie aufrecht. Es war kein leichtes Stück Arbeit, und ich fühlte, wie unsere Geschwindigkeit mit jedem Schritte zunahm, während ich mit meinen taumelnden Genossen den steilen, schlüpfrigen Pfad hinabstieg. Mit halsbrecherischer Schnelligkeit erreichten wir den Fuß des Hügels, und da der Pfad am Rande des Wassers schmal war, war es ein Wunder, daß wir nicht alle drei im Fluß ein unfreiwilliges Bad nahmen. Als wir so plötzlich anhielten, fielen meine beiden Schützlinge wieder gänzlich in sich zusammen, und ich war so erschöpft, daß ich mich hinsetzen und ausruhen mußte.
Katschi Ram hatte einen lichten Augenblick. Er sah um sich und erblickte mich zum erstenmal an diesem Abend.
»Sahib, – ich – bin – be–trunken«, preßte er heraus, indem er zwischen jedem Worte eine lange Pause machte.
»Und ob!« sagte ich.
»Wir Schokas haben diese böse Gewohnheit«, fuhr er fort. »Ich mußte mit allen meinen Verwandten und Freunden Tschökti trinken, bevor ich zu dieser langen Reise aufbrach. Sie würden beleidigt gewesen sein, wenn ich nicht mit jedem einen Becher Wein getrunken hätte. Ich sehe jetzt alles im Kreise herumgehen; bitte, stecke meinen Kopf in kaltes Wasser. O der Mond tanzt umher und ist jetzt unter meinen Füßen!«
Ich erfüllte seine Bitte und gab sowohl seinem als auch Dolas Kopf in dem eisigen Kali eine Taufe.
Dies hatte die unglückliche Wirkung, sie in einen so festenSchlaf zu versetzen, daß ich glaubte, sie würden nie wieder erwachen. Einige der nüchternen Schokas erboten sich, die beiden hilflosen Leute auf dem Rücken zu tragen. Wir verschwendeten die kostbare Zeit, und der Himmel bewölkte sich unterdessen.
Als der Mond hinter dem hohen Berge verschwunden war, ging ich voraus, um zu rekognoszieren. Überall Finsternis, nur hier und da flimmerte ein glänzender Stern am Himmel. Ich kroch nach der Brücke und horchte; kein Ton, kein Licht am entgegengesetzten Ufer, alles still, jene Totenstille der im Schlaf liegenden Natur und des schlafenden menschlichen Lebens.
Ich betrat die Brücke. Sie ist mit Hilfe eines großen Felsblocks in der Mitte des Stromes, der als Pfeiler dient, über den Fluß gespannt. Eigentlich sind es also zwei Brücken, die durch den Felsblock verbunden sind. Ich ging vorsichtig über den diesseitigen Teil, stand auf dem Felsen, der die schäumenden Wasser trennt, still, um wieder zu horchen, und bemühte mich, die Finsternis zu durchdringen. Kein Wesen war zu sehen, kein Ton zu hören. Ich schritt über den Felsen und ging auf die andere Hälfte der Brücke zu, als ich zu meinem Entsetzen fand, daß diese zerstört war. Dieser Teil war ganz zusammengestürzt; mit Ausnahme eines langen Balkens, der noch mit seinem einen Ende unten in dem reißenden Wasser hin und her schwankte, und einiger Bretter war alles fortgespült worden.
Ich kehrte zu meinen Leuten zurück.
»Wir müssen unsern Weg auf dieser Seite des Flusses fortsetzen«, flüsterte ich ihnen zu. »Die Tibeter haben die Brücke zerstört.«
»Der Pfad ist bezeichnet,« antworteten sie, »aber bei Nacht ist er ungangbar.«
»Tut nichts, wir müssen gehen. Vorwärts!« Damit stellte ich mich an die Spitze des lautlosen Zuges.
Wir gingen ungefähr zwei Kilometer. Wieder ein anderes Dilemma. Katschi und Dola schliefen noch fest, die andern, von der Anstrengung des Tragens ermüdet und angegriffen, wünschten zurückzukehren. Der Himmel war jetzt über und über bewölkt, und es fing an zu regnen.
Ich fühlte, daß es nutzlos gewesen wäre, auf meinem Willen zu bestehen. Nachdem ich dafür gesorgt hatte, daß die beidenbetrunkenen Geschöpfe unter einem Schuppen platt auf den Boden gelegt und gut zugedeckt wurden, kehrte ich nach Garbyang zurück, mit der Absicht, kurz vor Sonnenaufgang, wenn die Trunkenbolde wahrscheinlich imstande sein würden, allein zu gehen, von neuem aufzubrechen.
Um 4 Uhr morgens, ehe die Sonne aufging, brach ich von neuem in größter Eile auf. Ich ging schnell nach der Stelle, wo ich die beiden Betrunkenen gelassen hatte. Sie waren verschwunden.
Der Weg war schlecht und gefährlich; er führte hart an Abgründen hin und war kaum breit genug, um darauf stehen zu können. Wir kamen an eine Stelle, wo der schmale Pfad aufhörte. Vor uns war ein Felsen, der senkrecht wie eine Mauer zum Kali abfiel. Das hier abtropfende Wasser des schmelzenden Schnees, von welchem auf dem Gipfel des Berges eine dicke Schicht zu liegen schien, hatte die Oberfläche des Felsens allmählich ganz glatt gemacht. Auf der andern Seite setzte sich der schmale Pfad wieder fort.
Dieser und andern gefahrvollen Stellen ist es zuzuschreiben, daß diese Route auch von den Eingeborenen nur sehr selten benutzt wird. Der übliche Weg liegt auf dem jenseitigen Ufer des Kali, in dem Gebiete von Nepal. Trotzdem besitzen einige Schokas auf diesem Ufer des Flusses kleine Landparzellen, und sie waren es, die in frühern Jahren ein Auskunftsmittel erdacht haben, um das Hindernis, vor dem ich jetzt stand, zu überwinden.
Indem sie einen Mann an Stricken hinunterließen, gelang es ihnen, zwei parallele Reihen von kleinen Höhlungen in dem Felsen anzubringen, von denen die obere 1,8 Meter über der untern war. Die Löcher wurden in Zwischenräumen von etwa 1 Meter längs jeder Linie angebracht; an den obern sollte man sich mit den Händen halten, die untern sollten die Füße stützen; keins dieser Löcher war tiefer als ein paar Zentimeter.
Der Übergang war zu jeder Zeit gefährlich, gerade damals aber fast unmöglich, weil der leichte Regen, der sich eingestellt, den Felsen glatt und schlüpfrig wie Glas gemacht hatte. Aber es mußte gewagt werden, um jeden Preis. Mit der Miene erheuchelter Sicherheit zog ich daher meine Stiefel aus und ging voran.
Ich konnte mich nicht umsehen, denn ich hing mit dem Körper an der Wand, mit Zehen und Fingern nach Halt tastend. DieHöhlungen waren so flach, daß das Vorwärtskommen mühsam und gefährlich war. Wenn ich mit den Zehen des rechten Fußes in einem Loche festzustehen schien, ließ ich den rechten Arm am Felsen entlang gleiten, bis die Finger einen festen Griff in der Höhlung erlangt hatten, welche direkt über der lag, in der die Zehen waren. Dann mußte der ganze Körper von links nach rechts geschoben werden, wodurch der linke Fuß und die linke Hand nahe an die rechten gebracht wurden, indem so die Last des Körpers auf die linke Seite übertragen wurde, um den rechten Fuß und Arm für die nächste Vorwärtsbewegung freizumachen. So manövrierte ich weiter, bis ich die andere Seite erreichte und auf dem schmalen Pfade anlangte, der selbst nur etwa 15 Zentimeter breit war.
Nachdem Tschanden Sing meine und seine Schuhe über die Schultern gebunden hatte, unternahm er barfuß dasselbe Wagnis. Wenngleich ohne persönliche Gefahr für mich, waren die Augenblicke, während er mit von Kälte und Furcht halb gelähmten Zehen und Fingern nach dem Wege tastete, ebenso aufregend für mich wie die vorhergegangenen. Aber auch er kam sicher und heil hinüber, und das übrige war verhältnismäßig leicht.
Jetzt war es an der Zeit, nach Spuren von Katschi und Dola zu forschen, die uns vorangegangen zu sein schienen. Ich war froh, als ich etwas weiter frische Fußspuren, ohne Zweifel die der beiden Schokas, fand. Der Weg führte auf und ab, fast immer an steilen Abhängen entlang, und war überall gefährlich schmal, hier und da gab es kleine Strecken auf wackeligen Balken. An einer Stelle zwang uns die zerklüftete Wand, zur höchsten Spitze des Felsens emporzusteigen und auf allen vieren über eine Art Brücke zu kriechen, die aus Baumästen gemacht und in einem Winkel von 60 Grad über einen Abgrund von über hundert Meter Tiefe gespannt ist.
Ich fand einen weißen Wollfaden über dieses primitive Bauwerk gelegt, was ein Gebrauch der Schokas zu sein scheint, wenn einer ihrer Verwandten oder Freunde fern vom Heimatdorfe den Tod findet. Sie glauben, daß die Seele während der dunkeln Nacht wandert und nach dem Geburtsorte des Verstorbenen zurückkehrt, wobei diese weißen Fäden an gefährlichen Stellen, die der Pfad kreuzt, den Weg zeigen.
Nachdem wir den Pfad mehr als einmal verloren hatten, befanden wir uns unten am Ufer des Kali und waren gezwungen, mehr als hundert Meter über Sand und Geröll emporzuklimmen, nur, um den Pfad wiederzugewinnen.
Endlich kamen wir in Nabi an. Dort fand ich meine Lasten in gutem Zustand, die auf dem bessern Wege auf der nepalesischen Seite, bevor die Tibeter die Tschongurbrücke zerstört hatten, herübergebracht worden waren. Auch Katschi und Dola, die sich von ihrem Rausch erholt hatten, fand ich hier. Vielleicht um ihr schlechtes Benehmen wieder gut zu machen und wahrscheinlich, um mich dasselbe übersehen oder vergessen zu lassen, hatten sie, wie es schien, die Eingeborenen veranlaßt, mich mit besonderer Herzlichkeit zu bewillkommnen. Ich wurde unter Aufwand großer Gastfreundschaft aufgefordert, die Nacht in ihrem Dorfe zuzubringen.
Mit einiger Feierlichkeit wurde ich zu einer primitiven Leiter mit sehr roh hergestellten Stufen geführt und mit Hilfe von oben und unten auf ein flaches Lehmdach hinaufgeschoben. Hier war ein Zelt aufgeschlagen, dessen Boden als Lager für mich mit Matten und Decken belegt war. Kaum hatte ich mich niedergelassen, als eine Schar von Männern, Frauen und Kindern ankam, die Schalen mit einem reichen Mahle von Reis, Fleisch, Balab (gekochte Buchweizenblätter), saurer und süßer Milch, geröstetem Korn mit Zucker, Tschapatis, Süßigkeiten, einheimischem Wein und Branntwein trugen.
Während des Mahls wurde Tee verschiedener Art serviert. Da war chinesischer und indischer Tee, Tee mit und ohne Zucker gekocht, Tee mit Milch und Tee mit Butter und Salz, heller und dunkler Tee, süßer und bitterer Tee – wirklich, es war so viel Tee, daß ich, so sehr ich ihm sonst ergeben bin, in diesem Augenblick doch wünschte, daß kein Teeblatt jemals gepflückt worden wäre!
Ich untersuchte eine junge Frau, die sich einen Rückenwirbel schlimm verletzt und teilweise gebrochen hatte, alsDr.Wilson plötzlich auftauchte und dem armen Geschöpf die geringe Erleichterung verschaffte, die in ihrem Zustande möglich war und die sie von mir vergebens erhofft hatte. Neben dem Vergnügen, das mir seine Gesellschaft bot, war er mir noch aus andern Gründen willkommen. Er hatte sich angeboten, meine Expedition einige Tagemärschenach Tibet hinein zu begleiten, und ich war froh, ihn bei mir zu haben.
Wir drangen sobald als möglich auf dem Wege zwischen Nabi und Kuti vor. Die Reise war ganz ereignislos. Die Schneebrücken und Schneefelder, die so hinderlich waren, als ich zuerst diesen Weg ging, waren geschmolzen und gänzlich verschwunden. Selbst in Nabi trug sich wenig zu. Nur den folgenden Zwischenfall muß ich erwähnen, weil er als Illustration für das seltsame Mißtrauen und die Abneigung dienen kann, die ich überall gegen meinen photographischen Apparat vorfand.
Ich war im Begriff, den Ort zu verlassen, als eine hübsche Frau, die ich vorher nicht bemerkt hatte, mich unter hysterischem Schluchzen anredete; sie war mir unverständlich, aber sie machte deutlich den Eindruck des Leidens.
»Du hast mein Kind getötet, und jetzt wirst du meinen Mann töten«, klagte sie, als sie imstande war, zu sprechen. Es fiel mir ein, daß ich bei meinem frühern Aufenthalt in Nabi eine Momentaufnahme von einem Kinde genommen, das oben auf einer Last saß, welche die Frau auf dem Rücken durch mein Lager trug und die ich, als sie sich beklagte, in der gewöhnlichen Weise, mit einem Geldstück, beruhigt hatte. Sie hatte ihre Last nach Kuti gebracht, wo sie sich vielleicht mit ihrem Erlöse gütlich getan hatte, und auf dem Rückwege war sie mit ihrem Kinde nicht weit von jener Stelle, wo ich meine fast tragische Rutschpartie gehabt hatte, ausgeglitten und, weniger glücklich als ich, in den reißenden Strom gefallen. Sie vermochte sich an den Felsen anzuklammern und wurde schließlich gerettet; aber das Kind war von Fels zu Fels gerissen worden und unter einem Schneetunnel verschwunden.
»O Sahib,« rief die Frau, »wenn du uns nicht, ehe wir fortgingen, durch die Augen (die beiden Objektive) deines schwarzen Kastens (des photographischen Apparates) angeblickt hättest, würde ich mein Kind nicht verloren haben!«
»Und was ist’s mit deinem Mann?«
»O, den wirst du auch töten!«
»Ich kenne deinen Mann ja gar nicht. Jedenfalls verspreche ich dir, daß ich ihn mit diesen Augen nicht anblicken werde.«
»Das ist es nicht, Sahib; aber er kommt mit dir nach Tibet. Er trägt eine von deinen Lasten. Ihr werdet dort alle umkommen.«
Sie zeigte ihn mir: es war einer der stärksten unter den Trägern, die ich bei mir hatte und der am meisten darauf bestand, mich begleiten zu dürfen. Jedenfalls war er zu gut, um ihn zu verlieren, und ich war daher nicht willens, wegen der Tränen dieser guten Frau meinen Anspruch auf ihn aufzugeben. So tröstete ich sie, so gut ich konnte, versprach, gut für ihn zu sorgen und ihn unter keinen Umständen zu photographieren.
In Kuti hattenDr.Wilson und ich einige Stunden damit zu tun, die Vorräte, die ich gekauft hatte, abzuwiegen und in gleich schwere Lasten zu packen; es waren im ganzen 14 Munds (etwa 500 Kilogramm) Mehl, Reis, Ghur, roter Pfeffer (15 Kilogramm), Miseri, Ghi (Butter) und eine große Menge Satu (Hafermehl) und geröstetes Korn. Dazu kam der Proviant an Konserven in Büchsen, den ich von London mitgebracht hatte.
Um meinen Trägern keinen Grund zur Klage zu geben, erlaubte ich ihnen, ihre Schuhe, Decken usw. selbst auszuwählen, und tat alles, was in meiner Macht stand, sie zu befriedigen, weil die Lasten außerordentlich schwer zu werden drohten. Schließlich fand ich, daß, selbst nachdem ich auf alles verzichtet hatte, was irgendwie entbehrt werden konnte, doch noch für wenigstens zwei starke Männer zu tragen übrigblieb. Jeder verfügbare Schoka hatte sich der Gesellschaft angeschlossen, und kein Reizmittel, das ich anwandte, war imstande, mir mehr Freiwillige zuzuführen. Ich war durchaus nicht willens, länger zu zögern, und schon entschlossen, die beiden Extralasten noch einmal unter die Träger, die ich hatte, zu verteilen, als zwei Hirten auftauchten, halb verhungert, mit langem, ungekämmtem Haar und mit weiter nichts bekleidet als einem Korallenhalsband und einem silbernen Armring. Ich warb sie schnell an und kleidete sie. Obgleich der eine nur ein Knabe war, beschloß ich, mich auf das Glück und aufDr.Wilsons Versicherung zu verlassen, daß er zähe genug und brauchbar sein würde.
Hierdurch wurde meine kleine Streitmacht auf die Stärke von dreißig Mann gebracht, und nun konnte ich ruhig aufbrechen.