Neunzehntes Kapitel.Ein Mordanschlag.
Noch ein Tag rückte langsam seinem Ende entgegen, und noch immer keine Spur von der Rückkehr unserer Boten! Zwei Mann erboten sich, nach Kardam, einer einige Meilen entfernten Niederlassung, zu gehen, um zu versuchen, Lebensmittel zu erlangen. Der eine von ihnen hatte an diesem Ort einen Freund und glaubte, er würde von ihm Proviant für einige Tage erhalten können.
Als Pilger verkleidet brachen sie auf, eine Verkleidung, die nicht sehr schwierig anzulegen war, da ihre Kleider infolge unserer beschwerlichen Märsche in der letzten Zeit in Fetzen zerfielen. Sie blieben den ganzen Tag fort und kamen erst spät abends zurück, wo sie eine ergötzliche Geschichte zu erzählen hatten.
Als sie einer Horde Dogpas begegnet waren, hatten sie dreist das Lager betreten und Lebensmittel zu kaufen versucht. Leider hatten die Dogpas nicht genug für sich selbst und konnten keine entbehren. Beiläufig hatte man meinen Leuten mitgeteilt, daß Lando Plenki, der Name, den mir die Tibeter gegeben hatten, ein großes Heer nach Tibet hineingeführt habe und daß in Taklakot sowohl als auch an andern Orten große Aufregung herrsche, die durch die Tatsache hervorgerufen sei, daß der Sahib die außerordentliche Macht habe, sich unsichtbar zu machen, wenn die tibetischen Soldaten in seiner Nähe seien. Man hatte berichtet, daß er an vielen Stellen in Tibet gesehen worden sei. Um ihn zu fangen, waren Soldaten nach allen Richtungen ausgesandt worden. Seine Spuren waren mehrmals entdeckt und verfolgt worden, und doch hatte man ihn nie finden können. Eilboten waren von Taklakot nach Lhasa, eine Reise von 16 Tagen,und nach Gartok, einem großen Basar in Westtibet, gesandt worden, um Truppen zu verlangen, die bei der Gefangennehmung dieses geheimnisvollen Eindringlings helfen sollten, von dem auch gesagt wurde, daß er die Macht habe, auf dem Wasser zu gehen und über Berge zu fliegen. Als ich mir unsere Anstrengungen und Leiden bei dem Übersteigen der Berge und dem Passieren der Wasserläufe ins Gedächtnis zurückrief, kam mir dieser von den Tibetern über mich gegebene Bericht nicht nur höchst phantasievoll, sondern fast grausam ironisch vor. Jedenfalls war ich aber erfreut, daß die Tibeter mir solche übernatürliche Kräfte zutrauten, denn dies mußte sicherlich von Vorteil für mich sein, indem sie die Furcht davon abhielt, mit uns handgemein zu werden.
Drei weitere Tage mußten wir in trauriger Ungewißheit und Sorge über das Schicksal unserer nach Taklakot gesandten Boten zubringen. Voll Verzweiflung hatten wir uns in unsere Festung zurückgezogen, von Sorge erfüllt, sie könnten gefangen und enthauptet worden sein. Es war 10 Uhr abends. Wir waren gänzlich erschöpft und schickten uns zum Schlafengehen an. Unser Feuer unten am Rande des Baches war in langsamem Erlöschen; totenstill lag die Natur um uns. Plötzlich hörte ich das Geräusch nahender Schritte. Ich weckte meine Leute; wir horchten und spähten durch die Spalten unserer Mauer. Waren es Tibeter, die uns im Schlafe zu überfallen suchten, oder konnten es unsere Leute sein, die endlich zurückkehrten?
Aufmerksam beobachteten wir die Schlucht, aus der das Geräusch kam. Alle verhielten wir uns still, aber es fehlte bei meinen Leuten doch nicht an Zeichen nervöser Aufregung. Der schwache Ton von Stimmen drang an unser Ohr, und jetzt krochen vier taumelnde Gestalten vorsichtig zum Lager. Bei dem trüben Lichte konnten wir nicht unterscheiden, ob es unsere eigenen Boten waren. Wir standen atemlos, unbeweglich und stumm. Die Gestalten kletterten weiter nach unserm Horste hinauf.
»Kuan hai?Wer da?« rief ich.
»Dola!« antwortete eine Stimme, und im Nu begrüßten wir sie freudig und herzlich. Aber unser Glück sollte nicht lange dauern. Die Leute antworteten kaum. Sie schienen gänzlich erschöpft, sehr niedergeschlagen und sichtlich erschreckt. Ich forderte sie auf, die Ursache ihres Kummers zu erklären, aber, schluchzend undmeine Füße umarmend, zeigten sie großen Widerwillen, es mir zu sagen. In der Tat waren die Nachrichten, die sie brachten, ernst und Ungemach verheißend.
»Deine Tage sind gezählt, Sahib!« rief Dola endlich. »Es ist unmöglich für dich, lebend aus diesem Lande herauszukommen. Sie werden dich töten. Der Jong Pen von Taklakot sagt, daß er deinen Kopf um jeden Preis haben müsse.«
»Sachte, sachte, Dola«, erwiderte ich, bemüht, ihn zu beruhigen. »Blicke nicht so weit voraus, sondern erzähle mir erst, wie ihr Taklakot erreichtet.«
»O, Sahib, wir folgten deinem Plane. Unterwegs hatten wir viel zu leiden, da die Märsche lang und schwierig waren und wir sehr wenig Nahrung hatten. Zwei Tage lang gingen wir Tag und Nacht, hielten uns abseits vom Wege und versteckten uns, sobald wir jemand sahen. Als wir in die Nähe der tibetischen Festung kamen, bemerkten wir am Fuße des Hügels einige Zelte nepalesischer Schokas. An dem Flusse stand Tag und Nacht eine Wache, und es wurde scharfer Ausguck gehalten, um jeden, der das Land betreten würde, anzuhalten und festzunehmen. Zwei Fakire, die auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Mansarowarsee waren, hatten, von den Gefahren nichts ahnend, den Lippupaß überschritten und waren nach Taklakot gegangen. Dort wurden sie augenblicklich ergriffen und beschuldigt, daß einer von ihnen der Sahib, also du, in Verkleidung sei. Da die Tibeter nicht ganz sicher waren, wer von den beiden der wirkliche Sahib wäre, züchtigten sie beide schwer und schlugen sie fast tot. Was nachher aus ihnen geworden ist, konnten wir nicht erfahren. Jedenfalls fanden die Tibeter später heraus, daß du über einen andern Paß nach Tibet hineingekommen warst, und nun wurden Soldaten in jeder Richtung ausgesandt, um nach dir zu suchen.«
»Kaum erschienen wir in Taklakot,« schluchzte Dola, »als man sich auf uns stürzte und uns festnahm. Sie verhörten uns aufs peinlichste. Wir gaben vor, Joharihändler zu sein, sagten, daß uns die Nahrung ausgegangen sei und daß wir uns nach Taklakot aufgemacht hätten, um Vorräte zu kaufen. Sie schlugen uns und behandelten uns schlimm, bis dein Freund Zeheram, der Dorfoberste von Tschongur in Nepal, uns zu Hilfe kam und sich für uns verbürgte, indem er die Summe von 30 Rupien zahlte. Dannwurde uns erlaubt, in seinem Zelte zu bleiben, das von tibetischen Soldaten streng bewacht wurde. Die Vorräte, die du brauchtest, kauften wir heimlich von ihm und verpackten sie. Am Abend gelang es Zeheram, die Soldaten, die uns bewachten, in sein Zelt zu locken, und da gab er ihnen Tschökti zu trinken, bis sie besinnungslos betrunken waren. Uns vieren glückte es, nach und nach mit unsern Lasten zu entwischen. Standhaft marschierten wir drei Nächte lang und verbargen uns zu größerer Sicherheit während des Tages. Nun sind wir zu dir zurückgekommen, Sahib.«
Dola hielt ein paar Minuten inne.
»Sahib,« fuhr er fort, »man erzählte uns in Taklakot, daß über tausend Soldaten nach dir suchen, und noch mehr werden aus Lhasa und Schigatse erwartet, wohin der Jong Pen Eilboten geschickt hat. Sie fürchten dich, Sahib, aber sie haben Befehle aus Lhasa, dich um jeden Preis gefangenzunehmen. Sie sagen, du könntest dich unsichtbar machen, wenn du willst, und so werden täglich Beschwörungen angestellt und Gebete dargebracht, damit du in Zukunft gesehen und festgenommen werden mögest. Einmal gefangen, werden sie kein Mitleid mit dir haben, und du wirst geköpft werden; denn der Jong Pen ist wütend auf dich wegen der herausfordernden Botschaften, die du ihm aus Garbyang geschickt hast. Er hat den Soldaten Befehl gegeben, dich tot oder lebendig einzuliefern, und wer deinen Kopf bringt, wird eine Belohnung von 500 Rupien erhalten.«
»Ich hatte keine Idee, daß mein Kopf so wertvoll sei«, konnte ich nicht umhin laut lachend auszurufen. »Ich werde ihn in Zukunft sehr in acht nehmen.«
In Tibet repräsentieren 500 Rupien (800 Mark) ein Vermögen, und der Mann, der sie besitzt, gilt als reich.
Meine Leute waren indessen nicht in der Stimmung, zu lachen. Sie sahen die ganze Sache als ernsthaft an.
Ich gab den vier Leuten ein ordentliches Geschenk. Alle Schokas schluchzten jämmerlich und sagten, die Gefahr sei zu groß, sie würden mich hier sogleich verlassen und keine Stunde länger bleiben.
Ich erwiderte, ich würde jeden Mann erschießen, der versuche, das Lager zu verlassen. Da wir jetzt Lebensmittel für zehn Tage hätten, müßten wir vorwärts gehen.
Verdrossen und murrend verließen die Schokas unser Felsennest und gingen nach dem Bache hinunter. Sie sagten, sie zögen es vor, dort unten zu schlafen. Ich vermutete, daß sie irgendeine List anwenden wollten, und so blieb ich, anstatt zu schlafen, auf, um sie zu beobachten. Mein Träger rollte sich in eine Decke ein und war wie gewöhnlich bald eingeschlafen. Die Schokas zündeten ein Feuer an, setzten sich um dasselbe und hielten, die Köpfe zusammensteckend, im Flüsterton eine erregte Beratung ab. In der hitzigen Erörterung sprachen einige lauter, als sie wollten, und da die Nacht besonders still und die örtlichen Verhältnisse besonders geeignet waren, Geräusche weit hören zu lassen, verstand ich viele Worte, die mir zeigten, daß ich auf der Hut sein müsse. Ich war überzeugt, sie verabredeten miteinander, meinen Kopf zu verkaufen und das Geld zu teilen.
Die Männer rückten dichter zusammen und sprachen so leise, daß ich nichts mehr verstehen konnte. Dann legten sie nacheinander jeder eine Hand über die andere an einem Stocke entlang, bis dessen Ende erreicht war; dann gab ihn jeder seinem Nachbar weiter, der dieselbe Prozedur vornahm; eine komplizierte Art, das Los zu ziehen, die aber unter den Schokas gebräuchlich ist. Schließlich zog der durch das Los bestimmte Mann ein großes Gurkhamesser aus einer Last heraus und nahm die Scheide ab. Der seltsame, beinahe phantastische Moment, als meine eigenen Leute, die Gesichter von einer kleinen Flamme des flackernden Feuers beleuchtet, alle nach meinem Horste emporblickten, hat sich in mir fest eingeprägt.
Der entscheidende Augenblick für ihren Verrat war gekommen. Grausam und verzerrt erschienen ihre Gesichtszüge, wie ich sie durch die Spalte in der Mauer sah. Sie lauschten, um zu hören, ob wir schliefen. Alle bis auf einen rollten sich, wie von Schrecken ergriffen, in ihre Decken ein, die ihnen Kopf und Leib vollständig bedeckten. Eine Gestalt nur saß, wie ich jetzt sehen konnte, einige Zeit neben dem Feuer, wie in tiefes Nachdenken versunken. Nur von Zeit zu Zeit wandte der Verräter seinen Kopf zum Felsen hinauf, dann horchte er. Endlich stand er auf und trat mit den Füßen das Feuer aus.
Es war eine liebliche Nacht. Sobald die rötliche Flamme des Lagerfeuers erloschen war, schienen die Sterne wieder wieDiamanten an dem kleinen Fleck tiefdunkeln Himmels, der über meinem Kopfe sichtbar war.
Ich legte den Lauf meiner geladenen Büchse auf die Mauer; meine Augen hafteten fest auf der schwarzen Gestalt dort unten. Ich sah, wie sie tief niedergebeugt Schritt für Schritt bis zu meinem Standort hinaufkroch; jedesmal, wenn ein herabrollender Stein ein Geräusch verursachte, hielt sie still, um zu horchen. Jetzt war der Schoka nur noch zwei oder drei Meter entfernt. Er schien zu zögern. Bereit, aufzuspringen, hielt ich meine Augen fest auf den obern Rand der Mauer gerichtet. Ich wartete eine Zeitlang, aber der Mann schien keine Eile zu haben, und ich wurde ungeduldig.
Sachte, die Büchse in der Hand, stand ich auf, und als ich meinen Kopf über die Mauer erhob, fand ich mich dem Manne auf der andern Seite gegenüber. Sofort hatte er die Mündung meines Mannlicher dicht an seinem Gesicht. Der verblüffte Schoka ließ sein Messer fallen und stürzte, um Verzeihung flehend, auf die Knie.
Nachdem ich ihn mit dem Flintenkolben gehörig durchgeprügelt hatte, schickte ich ihn zu seinen Freunden. Dem Manne fehlten alle Eigenschaften zu einem Mörder. Aber ich fühlte doch, daß es geraten sei, darauf zu achten, daß keine Störung während der Nacht stattfände. Zwar versuchten zwei Leute, aus dem Lager fortzulaufen, aber ich entdeckte es rechtzeitig. Dann war alles ruhig, bis die Sonne aufging und die Nacht mit all ihren Plagen und Sorgen dahinschwand.
Bei meiner letzten Rekognoszierungswanderung auf den Hügel über dem Lager hatte ich mit Hilfe meines Fernrohrs den Lagerplatz einer tibetischen Wache erspäht, der ungefähr 5 Kilometer nördlich vor uns lag. Ich teilte meinen Leuten diese Tatsache mit.
Am Morgen, als wir den Hauptteil unseres Gepäcks wieder ausgruben und uns zum Aufbruch bereitmachten, trat einer meiner Leute, ein Mann aus Kuti namens Nattu, vor und erklärte, er sei imstande, uns direkt nach dem Mansarowarsee zu führen. Er schien sehnlichst zu wünschen, dies zu unternehmen, und sagte, daß auf dem Wege, den er kenne, eine Entdeckung unmöglich sein würde, und daß wir folglich bei Tage reisen könnten.
Von diesem Manne geleitet, marschierten wir den Bach entlang hinauf, und ich war über die Bereitwilligkeit erstaunt, mit der die Schokas darauf eingingen, weiterzuziehen. Nach kurzer Zeit jedoch war ich überzeugt, daß der Verräter uns absichtlich nach derjenigen Stelle führte, die ich am meisten zu vermeiden wünschte. Als ich Einwendungen dagegen machte und dem Weitermarsch in jener Richtung Halt gebot, lehnten sich meine Schokas dagegen auf und versuchten, ihre Lasten wegzuwerfen und zu entwischen. Aber mein Träger versperrte ihnen schnell den Weg in dem engen Bache von vorn, und ich verhinderte ihr Entkommen auf der andern Seite. So mußten sie sich ergeben.
So schmerzlich es mir auch war, mußte ich sie doch alle hart züchtigen, und während ich darauf achtete, daß keiner ausriß, schien Tschanden Sing ein besonderes Vergnügen daran zu finden, sie umherzustoßen, bis sie alle zur Vernunft gebracht waren. Als sie einem eingehenden Kreuzverhör unterworfen wurden, gestanden sie offen, daß sie sich verschworen hätten, mich der tibetischen Wache auszuliefern, um den Schrecken der Tortur durch die Tibeter zu entgehen. Dieser letzte Akt von Verräterei in Verbindung mit dem, was die Leute, die ich immer mit besonderer Güte behandelt hatte, in der Nacht verübt hatten, war mir zuviel. Ich nahm einen Stock und teilte Schläge sehr freigebig auf ihre Rücken und Beine aus, wobei Nattu, der Mann aus Kuti, die größte Portion bekam, weil er das Haupt der Verschwörung war.
Als ich einen hochgelegenen Punkt bestieg, entdeckte ich, daß außer von der Wache, die wir im Norden vor uns hatten, unser Weg auch noch nach Osten und nach Westen von tibetischen Soldaten versperrt war. Es war nicht möglich, während des Tages weiterzukommen, ohne gesehen zu werden; doch ich weigerte mich entschieden, nach Süden zurückzugehen. Ich hielt eine Unterredung mit meinen Leuten ab, die jetzt scheinbar ergeben und fügsam waren. Sie willigten ein, mich bis zum Maiumpasse, auf dem Wege nach Lhasa, zu begleiten, eine Strecke, die wir auf ungefähr 15 bis 18 Tagemärsche schätzten. Auch darauf gingen sie ein, sich zu bemühen, Jake und Nahrungsmittel für mich zu erlangen; ich versprach sie alsdann zu entlassen.
Die Nacht war dunkel und stürmisch, und wir stießen bei unserm Vorwärtsdringen auf viele Schwierigkeiten, da der Bodenbald glatt und schlüpfrig, bald mit Gesteinstrümmern und Felsblöcken bedeckt war. Wir konnten nicht weit sehen, und obgleich wir aus der Neigung des Abhanges wohl erkannten, daß wir an einem Abgrund entlang wanderten, konnten wir nichts wahrnehmen als einen leuchtenden Streifen tief, tief unten; es war ohne Zweifel der Fluß.
Ich konnte mir nicht erklären, was dieses Leuchten des Wassers verursachte; es konnte nicht vom Widerschein des Sternen- oder Mondlichtes kommen, weil der Himmel gerade sehr bewölkt war; dazu hatte der Fluß eine ganz eigentümliche, grünliche Färbung.
Das Gehen war so beschwerlich und mühsam, daß wir vier Stunden brauchten, um ungefähr 5 Kilometer zurückzulegen. Unsere Hände waren von den scharfen Steinen zerschunden und bluteten. Ich musterte meine Leute. Der arme Man Sing, der Aussätzige, fehlte. Als wir ihn zuletzt gesehen, hatte er unter seiner Last jämmerlich gestöhnt und war beständig gestolpert und gestürzt. Zwei Mann wurden nach ihm ausgeschickt, aber nach einstündigem Suchen war es ihnen noch nicht gelungen, ihn zu finden. Darauf gingen der treue Tschanden Sing und der Schoka Dola auf die Suche, da ich den armen Kerl nicht verlassen wollte, wenn er irgendwie gerettet werden konnte. Nach einer weitern Stunde ängstlichen Wartens kamen beide zurück und brachten den Unglücklichen mit. Hände und Füße des armen Burschen waren bös mitgenommen, und er konnte nicht aufrecht stehen. Er war vor Erschöpfung ohnmächtig hingefallen, und zufällig waren Tschanden Sing und Dola in der Dunkelheit über seinen fast leblosen Körper gestolpert. Von seiner Person abgesehen, würde sein Verlust sehr schmerzlich für mich gewesen sein, da er mein Bettzeug und meine photographischen Apparate trug.
Es fing an zu hageln und zu regnen, und die Kälte war stark. Wir fuhren tapfer fort, emporzuklimmen, wobei Tschanden Sing und ich dem armen Aussätzigen vorwärts halfen. Der Marsch war jetzt weniger schwierig, da wir in einer Bodensenkung entlang gingen und vor dem durchdringenden Winde geschützt waren, der uns bis jetzt Regen, Hagel und Schnee heftig ins Gesicht getrieben hatte. Langsam legten wir noch ungefähr 5 Kilometer zurück. Unterdessen hörte der Sturm auf, und die Luft wurde herrlich klar.
Als wir den über 5180 Meter hohen Paß erreichten, wurden wir durch eine merkwürdige optische Erscheinung überrascht. Die größern Sterne, die von einem blendenden Glanze waren, wie ich ihn in meinem Leben nie gesehen, schienen am Himmel schnell und plötzlich hin und her zu schwingen, indem sie kurze Bogen beschrieben und jedesmal wieder in ihre normale Stellung zurückkehrten. Die Wirkung war so unheimlich, daß das erste, was mir einfiel, war, es müsse an meinen Augen etwas nicht in Ordnung sein. Aber meine Gefährten sahen dieselbe Erscheinung. Seltsam war bei diesem Phänomen auch, daß die dem Horizont nähern Sterne hinter dem Gebirge verschwanden und wieder erschienen. Bei diesen dem Horizont nähern Himmelskörpern waren auch die Schwingungen weniger schnell, aber der Winkel des von ihnen beschriebenen Bogens maß fast das Doppelte von dem, den die Sterne direkt über unsern Köpfen beschrieben. Die Schwingungen der letztern waren ab und zu so schnell, daß der Stern selbst nicht mehr zu erkennen war, sondern nur eine fortlaufende Lichtlinie auf dem dunkeln Hintergrunde des Himmels erschien. Diese merkwürdige optische Täuschung, die bald, nachdem der Sturm sich gänzlich gelegt, begonnen hatte, dauerte einige Zeit; dann wurden die Schwingungen allmählich weniger heftig, und die Sterne nahmen schließlich ihren normalen Stand wieder ein und leuchteten in unbeschreiblicher Schönheit.
Wir überschritten den Paß und machten auf der nördlichen Seite halt, denn die Füße meiner Leute waren in einem solchen Zustande, daß sie die Schmerzen nicht länger ertragen konnten.
Als wir am andern Morgen aufwachten, fanden wir, daß das Thermometer, das in der Nacht bis auf 11 Grad unter Null gefallen war, auf 1 Grad unter Null gestiegen war und daß wir in einen dichten Nebel gehüllt waren, der uns bis ins Mark hinein erkältete. Mir hingen Eiszapfen von Schnurrbart, Augenbrauen und Haar herab, und meine Backen und die Nase waren mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, die durch den Niederschlag und den Atem auf dem Gesicht entstanden war.