Siebzehntes Kapitel.Die Flucht aus dem Teufelslager.

Siebzehntes Kapitel.Die Flucht aus dem Teufelslager.

Wir nannten dieses Lager »Teufelslager«, denn teuflisch war in der Tat der Wind, der an unserm Zelte rüttelte, und der Schnee, der von dem rasenden Sturm in unser Obdach geweht wurde. Während der Nacht nahm der Wind an Wut zu. Es waren weder Holz noch Dung oder Flechten zur Feuerung zu finden. Unsere Zelte waren in 5150 Meter Höhe aufgeschlagen. Um den Gipfel des Gebirges zu ersteigen, würde ein Aufstieg von 600 Meter nötig gewesen sein. Bei solchem Wetter waren die Schwierigkeiten des Aufstiegs verzehnfacht, wenn wir auch, um der Wachsamkeit der tibetischen Wachen zu entgehen, die unsere Bewegungen auszuspionieren suchten, keine günstigern Chancen hätten haben können als eine stürmische Nacht wie diese.

Ich machte mit dem Doktor ab, daß er das ganze Gepäck, das ich zurückließ, und die Leute, die sich weigerten, mir zu folgen, nach Garbyang zurücknehmen solle. Er mußte alle unsere Zelte bis zum späten Nachmittag des nächsten Tages stehenlassen, um die Tibeter glauben zu machen, daß wir noch alle darin wären, und um mir Zeit zu geben, einen langen Eilmarsch auszuführen, ehe sie uns auf die Spur kommen könnten. So beschwerlich die Wanderung auch für uns werden würde, wollten wir doch kein Zelt mitnehmen außer dem kleinen, das ungefähr zwei Kilogramm wog. Wir würden ohnedies mehrere Tage nicht imstande sein, eins aufzuschlagen, aus Furcht, von den Tibetern entdeckt zu werden, die bald ausgeschickt werden würden, uns zu suchen. Wir würden bei Nacht weite Strecken gehen und uns meist auf der Höhe des Gebirges halten müssen, anstatt wie andere Reisende durch die Täler zu wandern; wenn wir überhaupt schlafen könnten, müßtees am Tage geschehen, wenn wir uns an irgendeinem recht abgelegenen Orte verbergen könnten. Den Gedanken an ein Feuer mußten wir auf unbestimmte Zeit hinaus aufgeben, denn selbst in dem unwahrscheinlichen Falle, daß wir auf den großen Höhen, wo wir würden lagern müssen, Feuerungsmaterial fänden, weiß doch jeder, daß ein Feuer und eine Rauchsäule bei Tag wie bei Nacht aus großer Entfernung gesehen werden können.

Alles dieses überlegten und besprachen wir, ehe wir aufbrachen, und wir waren uns überdies völlig bewußt, daß, wenn die Tibeter einmal Hand an uns legen könnten, unsere Zahl zu klein sei, um kräftigen Widerstand zu leisten, und daß wir uns dann als verloren betrachten müßten. In der Tat, alles in allem genommen zweifelte ich sehr daran, ob von dem Augenblicke an, da wir das Teufelslager verließen, das Leben meiner paar Begleiter und das meinige auch nur einen Pfifferling wert sein würde.

Im vollen Bewußtsein der Gefährlichkeit meines Unternehmens war es vielleicht töricht von uns, überhaupt fortzugehen; aber Mangel an Entschlossenheit kann billigerweise nicht zu unsern Fehlern gerechnet werden.

Der bedachtsame Doktor hatte ein paar Flechten von unserm letzten Lager mitgebracht, mit denen er versuchte, ein Feuer anzumachen, um vor der Abreise ein paar Tschapatis für mich zu bereiten. Ach, vier Stunden angestrengter Arbeit und die gleiche Anzahl von Schachteln mit Streichhölzern waren nicht imstande, auch nur den Schein einer Flamme zu erzeugen.

Um Mitternacht sandte ich Tschanden Sing und Katschi fort, um die Leute zu sammeln. Zwei kamen zitternd ins Zelt; die andern waren nicht aufzuwecken. Ich ging selbst und führte sie, einen nach dem andern, zu ihren Lasten. Sie weinten alle wie Kinder; da erst entdeckte ich, daß ich in der Eile und Verwirrung eine Last zuviel zurechtgemacht hatte. Das war ein Dilemma. Alles war bereit und günstig für unsere Flucht, und eine Verzögerung in diesem kritischen Augenblicke war verhängnisvoll. Ich mußte um jeden Preis noch einen Mann haben.

Als ich, um noch einen zu holen, in das Zelt der Kulis ging, war das Klagen und Stöhnen jämmerlich. Man hätte denken können, daß sie alle in ein paar Minuten sterben müßten und jetzt in den letzten Zügen lägen; alles aus Schreck und Furchtdavor, daß sie ausgewählt werden könnten, mir zu folgen. Schließlich wurde nach endlosen Mühen, Drohungen und Versprechungen Bijesing, der Johari, überredet, mitzukommen. Aber die Last war zu schwer für ihn; er wollte nur die Hälfte tragen. Um weitern Verdruß zu ersparen, kam ich mit ihm überein, daß ich die andere Hälfte noch neben meiner eigenen Last tragen wollte.

Wir löschten unsere Sturmlaternen aus, und um 2 Uhr morgens, als der Sturm am heftigsten tobte und uns Kies und Schnee wie Nadelspitzen ins Gesicht trieb, als Wind und Kälte uns mit schneidender Gewalt bis ins Mark zu dringen schienen, als alle Götter ihrem Zorne Luft machten, indem sie mir jedes Hindernis in den Weg legten, um ein weiteres Vordringen in dieses hohe Land der Öde abzuschneiden, verließ eine Handvoll schweigender Männer, halb erfroren und taumelnd, das Lager, um dem eisigen Schneesturm zu trotzen. Ich befahl meinen Leuten, sich dicht beisammenzuhalten. Wir schlugen sofort den Weg nach dem Bergabhange ein, wobei wir Sorge trugen, die Stellen zu vermeiden, wo, wie wir vermuteten, die tibetischen Spione postiert waren.

Wir hätten keine passendere Nacht für unsere Flucht wählen können. Es war so dunkel, daß wir kaum über unsere Nasen hinaussehen konnten. Der Doktor begleitete mich schweigend und mit schwerem Herzen ein paar hundert Meter weit. Ich drang in ihn, nach dem Zelte zurückzukehren. Er stand still, um meine Hand zu ergreifen. Dann sagte mir der gute Mann mit gebrochener Stimme »Lebewohl« und »Gott behüte Sie«.

»Die Gefahren Ihrer Reise«, flüsterte Wilson, »sind so groß und so zahlreich, daß Gott allein Sie hindurchführen kann. Wenn ich an die Kälte, den Hunger und das Ungemach denke, die Sie zu ertragen haben werden, muß ich in Sorge sein für Sie.«

»Leben Sie wohl, Doktor«, sagte ich tiefbewegt.

»Leben Sie wohl«, wiederholte er. »Leben …«, die Stimme versagte ihm.

Zwei oder drei Schritte, und die Dunkelheit trennte uns. Aber seine rührenden Abschiedsworte klangen in meinen Ohren wider, während ich mit Trauer der Treue und fröhlichen Güte dieses guten Freundes gedachte.

Die Reise nach Lhasa war nun im vollen, grimmigen Ernst wieder begonnen.

In kurzer Zeit waren unsere Ohren, Finger und Zehen fast erfroren, und der schnelltreibende Schnee, der heftig gegen unsere Gesichter schlug, tat uns in den Augen weh. Wie die Blinden gingen wir vorwärts, sprachlos und erschöpft, langsam aufsteigend und unsern Weg mit den Füßen tastend. Als wir höher hinaufgekommen waren, wurde es kälter und der Wind schneidender. Alle paar Minuten waren wir gezwungen, anzuhalten und uns dicht aneinanderzusetzen, um warm zu bleiben und Atem zu schöpfen, da die Luft so dünn war, daß wir unter unsern schweren Lasten schrecklich keuchten.

Wir hörten ein Pfeifen und Töne von entfernten Stimmen. Meine Leute drängten sich um mich, flüsterten: »Räuber, Räuber!« und warfen sich dann platt auf den Schnee. Ich lud meine Büchse und ging voraus, aber meine Hoffnung, die Finsternis durchdringen zu können, war vergebens. Ich horchte. Wieder schrille Pfiffe!

Meine Schokas waren erschrocken. Der Ton schien gerade aus der Richtung vor uns zu kommen. Wir änderten unsern Kurs ein wenig und setzten unsern Weg langsam und stetig fort, bis wir bei Sonnenaufgang fanden, daß wir nahe dem Gipfel des Berges waren. Es schneite noch heftig. Eine letzte Anstrengung brachte uns auf das Plateau des Gipfels.

Hier fühlten wir uns verhältnismäßig sicher. Gänzlich erschöpft legten wir unsere Lasten auf den Schnee und lagerten uns in einer Reihe dicht aneinander, um uns warm zu halten, dann häuften wir noch alle verfügbaren Decken über uns auf.

Um 1 Uhr nachmittags erwachten wir, bis auf die Haut durchnäßt, da die Sonne die dicke Schneedecke über uns geschmolzen hatte. Das Lager war in 5480 Meter Höhe. Der Wind aus Südost war schneidend wie ein Messer. Wir hatten nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern beinahe an jedem Tage unsers Aufenthalts in Tibet von ihm zu leiden. Er fängt um 1 Uhr nachmittags mit großer Heftigkeit und Regelmäßigkeit an zu wehen und erst gegen 8 Uhr abends läßt er etwas nach und hört allmählich auf.

Als wir uns fertig machten, um mit krampfigen, steifen Gliedern den Weg zu noch größern Höhen wieder anzutreten, bedeckte sich der Himmel plötzlich mit schweren, grauen Wolken, und esfiel von neuem Schnee. Es war keine Möglichkeit, ein Feuer zu machen. So brachen wir hungrig und halb erfroren auf.

Bis an die Hüften im Wasser wateten wir durch einen eisig kalten Strom, dann stiegen wir auf einer Strecke von 11 Kilometer stetig höher und höher empor, und erreichten endlich ein zweites Plateau. Die Höhe betrug 5780 Meter. Wir waren überrascht, auf diesem hohen Tafellande vier dicht nebeneinanderliegende Seen von beträchtlicher Größe zu finden. Die Sonne, die für einen Augenblick die Wolken durchbrach, schien auf die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge, versilberte das Wasser der Seen und schuf ein schönes, großartiges Bild von wildem, bezauberndem Effekt.

Hunger und Erschöpfung verhinderten uns an der vollen Würdigung der Landschaft; nichts konnte uns aufhalten, schnell einen passenden Platz im Schutze der hohen Hügel rings um das Plateau oder in irgendeiner Bodensenkung zu suchen, wo wir unsere schwachen, entkräfteten Körper ausruhen könnten. Ich sehnte mich, über das Plateau vorzudringen und auf der Nordostseite zu irgendeiner niedrigern Höhe abzusteigen, wo wir wahrscheinlich Feuerungsmaterial finden würden, aber meine halbverhungerten, übermüdeten Leute konnten nicht mehr weiter. Ihre nassen Lasten waren beträchtlich schwerer als gewöhnlich; infolge der großen Höhe keuchten sie schrecklich, und kaum waren wir an eine teilweise geschützte Stelle zwischen dem größern See und der östlich anstoßenden Wasserfläche gekommen, als sie alle zusammenbrachen und unfähig waren, weiterzugeben.

Ich war in großer Sorge um sie, da sie sich weigerten, kalte Nahrung zu sich zu nehmen, die, wie sie sagten, ihren Tod herbeiführen würde. Ich wußte wirklich nicht, wie sie für den Marsch des nächsten Tages hinreichende Kraft sammeln könnten. Schließlich verbürgte ich mich persönlich dafür, daß sie nicht sterben würden, und überredete sie, ein bißchen Satu und Ghur zu genießen. Kaum hatten sie etwas davon, mit kaltem Wasser gemischt, gegessen, als sie unglücklicherweise fast alle von heftigen Magenschmerzen ergriffen wurden, an denen sie die ganze Nacht hindurch zu leiden hatten.

Ohne Zweifel hat die Erfahrung sie gelehrt, daß der Genuß kalter Nahrung in beträchtlichen Höhen gefährlicher ist als garnichts zu essen, und ich bedauerte meinen unzeitigen, wenn auch gut gemeinten Rat. Man ist geneigt, andere Leute nach sich selbst zu beurteilen; ich persönlich habe nie einen Unterschied in der Wirkung wahrgenommen, ob meine Nahrung kalt oder warm war.

Bald nach Sonnenuntergang war die Kälte intensiv. Es schneite noch stark, und unsere nassen Kleider und Decken gefroren jetzt. Ich zündete eine kleine Spirituslampe an, um die wir uns alle dicht zusammendrängten, bedeckt mit unsern gefrorenen Umhüllungen. Ich versuchte sogar, etwas konzentrierte Fleischbrühe auf der Lampe zu kochen, aber infolge der großen Höhe über dem Meere brauchte das Wasser lange Zeit, bis es kochte, und als es eben lauwarm wurde, ging die Flamme aus, und ich hatte keinen Weingeist mehr; so mußte das Kochen aufgegeben werden, und wir krochen, als die Nacht kälter und kälter wurde, unter unsern Decken zusammen, in dem vergeblichen Bemühen, zu schlafen.

Wir hatten aus unserm Gepäck einen Schutzwall gemacht, und meine Leute bedeckten ihre Köpfe und den ganzen Körper mit ihren Decken; ich konnte mich jedoch mit ihrer Art zu schlafen nie befreunden, da ich dabei ersticken zu müssen glaubte. Ich ließ immer den Kopf frei, denn dies war nicht nur behaglicher, ich wollte auch bei irgendeinem Anzeichen, daß wir von den Tibetern überrascht werden sollten, auf dem Posten sein. Während der ganzen Nacht klagten und stöhnten meine Leute und klapperten krampfhaft mit den Zähnen. Ich wachte oft auf von einem heftigen, durch Erfrieren hervorgerufenen Schmerz in den Ohren; auch meine Augen litten, da die Augenwimpern sich mit Eiszapfen bedeckten. Jedesmal, wenn ich sie zu öffnen versuchte, hatte ich ein Gefühl, als ob die Wimpern abgerissen würden, da die Öffnung des Auges augenblicklich fest zusammenfror, wenn die Lider geschlossen wurden.

Endlich kam der Morgen! Die Nacht hatte endlos geschienen. Als ich die Decke zu heben versuchte, um mich aufzusetzen, schien sie von außerordentlicher Schwere und Steifheit zu sein. Kein Wunder! Sie war hart und steif wie Pappe gefroren und einen Fuß hoch mit Schnee bedeckt. Das Thermometer war während der Nacht auf 5 Grad unter Null gesunken. Ich rief meine Leute; sie waren schwer zu erwecken, auch sie waren im Schnee begraben.

»Uta, uta, uta!Aufstehen, aufstehen!« rief ich, indem ich einennach dem andern schüttelte und so viel Schnee, als ich konnte, fortwischte.

»Barof bahut!Es ist viel Schnee!« bemerkte einer, als er seine Nase aus der Decke steckte und seine von dem Schnee ringsum geblendeten, schmerzenden Augen rieb. »Salaam, sahib«, fügte er hinzu, als er sein erstes Erstaunen überwunden hatte und mich bemerkte, und hob seine Hand graziös zur Stirn empor.

Die andern grüßten mich ebenso. Katschi war wie gewöhnlich der letzte, der geweckt wurde.

»Katschi,« schrie ich, »steh auf!«

»O bahiyoh!O Vater!« gähnte er, indem er die Arme ausstreckte. Halb im Schlaf, halb wach, sah er wie in einer Verzückung um sich, indem er unzusammenhängende Worte murmelte.

»Guten Morgen, Herr. O viel Schnee! O sieh, Herr, zwei Kiang dort! Wie heißt Kiang auf englisch?«

»Wilder Esel.«

»Wild? Du schreibst w…i…l…d?«

»Ja.«

Hier wurde das Notizbuch unter seinem Kopfkissen hervorgeholt und das Wort eingetragen.

Diese Schokas sind in der Tat sonderbare Leute! Der Durchschnittseuropäer würde unter solchen Verhältnissen, halb verhungert und erfroren, kaum an die Rechtschreibung denken.

Man Sing, der arme Aussätzige, litt furchtbar. Er weinte die ganze Nacht hindurch. Ich hatte ihm eine meiner Decken gegeben, aber sein Blutumlauf schien gehemmt zu sein. Sein Gesicht war grau und leichenhaft, mit tiefen vom Leiden gezogenen Furchen, und seine Füße waren so erfroren, daß er eine Zeitlang nicht stehen konnte.

Wieder wollten die Schokas nichts essen, denn der Schnee fiel noch immer. Wir machten uns nach Nordost auf den Weg. Nach zwei Kilometer auf ebenem Boden begannen wir einen steilen Abstieg über unangenehme lose Gesteinstrümmer und scharfe Felsen. Das Vorwärtskommen war schnell, aber sehr mühevoll.

Als ich das Land unter meinem Fernrohr absuchte, bemerkte ich tief unten im Tale im Nordosten Gesträuch und Flechten und auch ein Zelt und einige Schafe. Das war schlimm, denn wir mußten unsere Richtung ändern, um nicht gesehen zu werden.Wieder kletterten wir zu der Höhe des Plateaus empor und gingen unbemerkt um den Gipfel des Berges herum, eine mehr östliche Richtung einschlagend. Gegen Sonnenuntergang begannen wir unsern Abstieg von dem letzten Punkte und überschritten den Fluß ohne große Schwierigkeit.

Nachdem wir eine gut geschützte Bodensenkung ausgesucht hatten, schlugen wir mein kleines Zelt auf. Mit Eifer gingen wir alle daran, Flechten und Sträucher für unsere Feuer zu sammeln, und jeder Mann brachte mehrere Lasten Brennmaterial ins Lager. In einem Augenblick loderten drei große Feuer, und wir waren nicht nur imstande, ein besonders reichliches Mittagessen zu kochen und unsere Mühen in einem Eimer kochenden Tees zu ertränken, sondern wir konnten auch unsere Kleider und Decken trocknen. Die Erleichterung durch die Wärme war wunderbar, und wir vergaßen in unserm verhältnismäßigen Glück das Ungemach und die Leiden, die uns bisher betroffen hatten. Mit Ausnahme einer Handvoll Satu war dies die erste Mahlzeit, die wir seit achtundvierzig Stunden gehabt hatten.


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