Zweiundzwanzigstes Kapitel.Am Mansarowar.
An demselben Nachmittag waren wir ungefähr zwei Kilometer in der Richtung auf den Mansarowar weitergezogen, als wir von einem der Jogpas angerufen wurden, die wir kurz zuvor verlassen hatten. Er ritt auf uns zu, augenscheinlich in einem Zustand großer Erregung. Nachdem er abgestiegen war, zog er sein Schwert und lief damit auf einen meiner Jake zu. Da er uns zurief, daß er nichts Böses beabsichtige, ließen wir ihn gewähren. Schließlich holte er den widerspenstigen Jak ein, warf nach einem Kampfe mit dem unglücklichen Tiere seine Arme um dessen Hals und legte seinen Kopf zwischen dessen Hörner. Ich war über diese Possen nichts weniger als erfreut, da ich glaubte, daß dieser Überschwang von Liebe nur ein Kniff wäre, um dem Tiere den Hals abzuschneiden. Zu meinem Erstaunen fand ich, daß der junge Jogpa mit den Zähnen einen Büschel von den Haaren des Jaks ergriffen hatte und sich bemühte, ihn herauszureißen, während das Tier verzweifelte Anstrengungen machte, seinen Peiniger abzuschütteln. Endlich gab das Haar nach, und mit einem Mundvoll Haare, die zu beiden Seiten seiner festgeschlossenen Lippen herabhingen, ließ der Jogpa den Kopf des Tieres los und führte mit seinem Schwert einen Schlag nach dem Schwanze des Jaks.
Nun packte ich aber doch den Kerl bei seinem Zopfe, während er seinerseits sich an den Schwanz des erschreckten Jaks klammerte, der ausriß und uns in unangenehm schneller Gangart hinter sich her zog.
Während unserer tollen Jagd schnitt der Jogpa eine lange Locke aus dem seidenen Haare des Jaks und schien, als er diese hatte, vollkommen befriedigt. Er ließ los und steckte sein Schwertin die Scheide, verbarg die gestohlenen Haare in seinem Rocke, machte uns tiefe Verbeugungen und streckte wie gewöhnlich die Zunge heraus. Auf Befragen erklärte er, daß man sicher von Unglück betroffen werde, wenn man bei der Trennung von einem Tiere, das man besessen, nicht diese Vorsicht gebrauche. Damit schloß der Zwischenfall.
Der Jogpa ritt beglückt fort, und wir verfolgten unsern Marsch über die steinige Ebene, bis wir den Rücken erreichten, der sich quer durch sie zieht und die beiden Seen voneinander trennt. Wir kletterten bis zum Kamme hinauf, der zirka 5000 Meter über dem Meere liegt. Um festzustellen, ob der Höhenzug die beiden Seen vollständig trennt, ging ich bis zur Mitte des Rückens, wo ich fand, daß die nördliche Hälfte des Rückens etwas niedriger ist als die südliche, aber immerhin mehr als 100 Meter über dem Seespiegel liegt. Dieser Abstecher verursachte einigen Zeitverlust, so daß wir, als die Nacht kam, noch auf dem Rücken waren.
Von unserm Lagerplatze aus sahen wir fünfzehn schwarze Zelte an dem Abhang; im Osten, am Seeufer, lag eine große Gomba, ein Lamakloster, mit einem Tempel und einer Anzahl von Lehmhäusern. Ich schätzte die Entfernung zwischen uns und der Gomba auf nur 15 Kilometer, eine erfreuliche Entdeckung, da ich hoffte, dort frischen Proviant zu bekommen, der es uns ermöglichen sollte, schneller vorwärtszukommen. Wir waren jetzt ganz aus dem Bereiche der Soldaten von Gyanema, wie auch aus dem des Tarjum von Barka und des Jong Pen von Taklakot. Wenn wir nur nachts genügend Vorrat von Nahrungsmitteln erlangen und früh am andern Morgen durch die Wildnis dringen konnten, war wenig Gefahr, daß wir noch eingeholt würden. Die Schokas wurden bei dem Gedanken, eine tibetische Niederlassung betreten zu sollen, wieder von Schrecken ergriffen, ich erklärte ihnen aber bestimmt, daß wir die Gomba und das Dorf Tucker erreichen müßten.
Unter uns lagen die beiden großen Seen. Der Teufelssee mit seinen zerklüfteten steilen Ufern, seinen felsigen Inseln und seinen weit ausgreifenden Halbinseln war für mich weit bezaubernder als der Heilige See neben ihm, in welchem der Sage nach Mahadewa und alle andern guten Götter wohnen. Obgleich das Wasser ebenso blau und durchsichtig ist, obgleich beide Seen die große Gangrikette als Hintergrund haben, ist der Mansarowar, dieSchöpfung Brahmas, nach dem er benannt ist, doch nicht annähernd so reizvoll wie sein weniger heiliger Nachbar. Der Mansarowar hat keine Uferschluchten, die steil aus seinem Wasser aufsteigen, in dem ihre lebhaften Farben wie in einem Spiegel widerglänzen; er bildet ein fast vollkommenes Oval ohne Einbuchtungen. Eine steinige, langsam sich abdachende Ebene von etwa dreieinhalb Kilometer Breite liegt zwischen dem Rande des Wassers und den umgebenden Bergen, mit Ausnahme der Strecke längs des Rückens, der ihn vom Rakastal trennt, dessen Ufer wilder und steiler ist.
Direkt südlich von dem See erhebt sich eine Kette von hohen, schneebedeckten Gipfeln, in der mehrere Ströme entspringen. Von unserm Standpunkte aus konnten wir deutlich sehen, daß das Niveau des Rakastal einst mindestens 10 Meter höher gewesen sein muß, als es jetzt ist. Das schräge Bett von kleinen, abgerundeten, glatten Steinen, das sich bis dreieinhalb Kilometer über den heutigen Wasserrand hinausstreckt, ist Beweis genug, daß das Wasser einst bis dorthin gereicht hat. Ich glaube, daß es noch in allmählichem Zurückweichen begriffen ist.
Rund um den See befinden sich mehrere baufällige Schuppen, die unter der Obhut von Lamas stehen; aber nur ein wirkliches großes Kloster und ein Tempel im Dorfe Tucker sind vorhanden.
Man erzählte mir, daß im Nordwesten des Sees eine kleine Gomba und Serai unter Aufsicht von Lamas sich befinde, aber für die Richtigkeit dieser Angabe kann ich nicht einstehen, da ich sie nicht selbst besucht habe und die Mitteilungen über ihre Lage und Bedeutung, die ich von den Tibetern erhielt, widersprechend waren.
Räuber.
Räuber.
Wie sich die Natur der Landschaft zwischen dem Teufelssee und dem Mansarowar plötzlich ändert, so waren auch das Wetter und die Temperatur sehr verschieden. Über dem Rakastal sahen wir beständig einen lieblich blauen Himmel, während über dem Mansarowar immer schwere Wolken tief herabhingen und unaufhörlich Regen fiel. Von Zeit zu Zeit trieb der Wind den Regen für einige Minuten fort, und dann war das Spiel des Lichts auf dem Wasser reizend, bis neue Wolken unter heftigen Donnerschlägen die Szenerie wieder düster und bedrückend machten.
Eingang in den Lamatempel von Tucker.
Eingang in den Lamatempel von Tucker.
Wir stiegen ungefähr 4 Kilometer zu der Ebene hinab und überschritten ein reißendes Delta des Flusses Langa Tsangpo oderLanga; zwei Kilometer weiter überschritten wir noch einen Fluß. Da diese Flüsse direkt aus den Schneefeldern kommen, war das Wasser sehr kalt und unterwegs infolge des Schmelzens von Schnee und Eis oft bis 11/3Meter tief.
Unser Lager im Schutze einer Felswand mit der Inschrift: »Om mani padme hum«.
Unser Lager im Schutze einer Felswand mit der Inschrift: »Om mani padme hum«.
Kaum hatten wir die Ufer des Mansarowar erreicht, als aus den schweren Wolken über unsern Köpfen ein solcher Regenschauer niederging, daß wir in einem Augenblick bis auf die Haut durchnäßt wurden. Wir marschierten sehr schnell, da alle unsere schweren Lasten jetzt auf den beiden Jaken waren. Aber die Nacht war schon vorgeschritten und die Dunkelheit so groß, daß wir nur wenige Zentimeter vor uns sehen konnten. Wir gingen in drei bis fünf Zentimeter hohem Wasser, und ein starker Südostwind trieb uns Regen und Hagel so heftig ins Gesicht und auf die Hände, daß wir beträchtliche Schmerzen empfanden. In unsern nassen Kleidern froren wir, und unsere Zähne klapperten, obgleich wir uns dicht aneinander hielten und schnell marschierten. Von Zeit zu Zeit wurde der See von einem grellen Blitzstrahl erhellt, dem ein furchtbarer Donnerschlag folgte. Nach dem, was wir während der wenigen hellen Sekunden sehen konnten, versuchten wir, unsern Weg nach dem Dorfe und der Gomba von Tucker zu finden.
Die infolge des strömenden Regens angeschwollenen Flüsse waren schwer zu durchschreiten, und das Wasser floß so reißend, daß wir uns eben nur auf den Füßen halten konnten. Wir waren so naß, daß wir uns nicht mehr die Mühe nahmen, Schuhe oder Kleider auszuziehen. Dreimal gingen wir bis über die Hüften in das eisige Wasser hinein, dann wanderten wir scheinbar endlos auf dem mit Steinen bedeckten Abhang. Wo wir gingen, konnten wir nicht sehen, und der Sturm schien mit jedem Augenblick schlimmer zu werden. Zwischen größern Steinen und Blöcken stolperten wir dahin und fielen dann wieder auf schlüpfrigen Felsen übereinander. Weiterhin versanken wir bis an die Knie in Schlamm, und jedesmal, wenn wir den Fuß hoben, schien er wie von Blei zu sein.
»Bist du ganz sicher, Katschi, daß dieser See die Wohnung der Götter ist?« fragte ich Katschi. »Selbst am Teufelssee hatten wir doch besseres Wetter als jetzt.«
»Ja, Herr«, erwiderte Katschi. »Aber du machst die Götter zornig, und deshalb schicken sie Donner, Hagel und Regen, umdein Vordringen aufzuhalten. Du gehst gegen die Götter vor, Herr.«
»Laß gut sein, Katschi, es kann nicht ewig gießen.«
Um Mitternacht hatten wir keine Idee, wo wir uns befanden, aber wir drangen vorwärts.
Waren wir an der Gomba schon vorüber? Hatten wir sie noch nicht erreicht? Das waren die Fragen, die wir einander vorlegten. Mir schien es, daß wir bei der Geschwindigkeit, mit der wir gingen, jetzt dem Orte schon sehr nahe sein müßten, und doch konnten wir nach einer weitern Stunde des Wanderns ihn noch nicht ausfindig machen. Ich war in dem Glauben, daß wir ungefähr 16 Kilometer marschiert seien, und meinte, daß wir an dem Kloster vorbeigegangen sein müßten; aber die Schokas bestanden darauf, es sei nicht der Fall. So gingen wir weiter.
Wir waren noch nicht 500 Meter gegangen, als wir aus der Ferne ein schwaches, uns willkommenes Hundegebell vernahmen. Es kam aus Nordwesten, und wir vermuteten, daß es aus Tucker kommen müsse. In der Dunkelheit waren wir zu weit südlich von dem Orte geraten.
Von dem Gebell geleitet, richteten wir unsere Schritte eilig direkt auf die Ansiedelung. Das Geheul des einzelnen Hundes wurde auf einmal durch das zornige Gebell von fünfzig andern verstärkt, aber trotzdem wir aus dem Tone erkannten, daß wir uns dem Dorfe näherten, konnten wir den Ort nicht finden, so dunkel und stürmisch war es. Erst als wir dicht vor den Lehmhütten waren, bemerkten wir sie.
Es war zwischen 2 und 3 Uhr morgens. Der Regen goß noch in Strömen, und nirgends ein Zeichen, daß irgendeiner der Einwohner willens gewesen wäre, uns ein Obdach zu gewähren. Es konnte keine Rede davon sein, unser kleines Zelt aufzuschlagen, denn unsere Sachen waren schon zum Auswinden naß.
Das Geräusch, das wir machten, als wir an eine Tür klopften, war so stark, daß die Tür selbst beinahe nachgab. Es war ein Serai, ein Schutzhaus für Pilger; da wir den Anspruch erhoben, Pilger zu sein, hatten wir nach den Landesgesetzen das Recht, eingelassen zu werden. Nattu, der schon früher einmal auf einem andern Wege den See erreicht hatte, führte uns zu diesem Hause.
»Ihr seid Dakoit,« sagte eine heisere Stimme von innen, »sonst würdet ihr nicht um diese Stunde kommen.«
»Nein, das sind wir nicht«, sagten wir. »Bitte, öffnet. Wir sind wohlhabende Leute. Wir wollen niemand etwas zuleide tun und für alles bezahlen.«
»Middu, middu!Kann nicht sein, nein! Ihr seid Dakoit, ich werde nicht öffnen.«
Um zu zeigen, daß wir nicht das waren, was sie vermuteten, klopften der treue Tschanden Sing und Dola wieder so sanft an die Tür, daß der Riegel nachgab. Im nächsten Augenblick kauerten zehn Fremdlinge sich rings um ein warmes Feuer nieder und trockneten ihre zusammengeschrumpfte, durchweichte Haut am Feuer von trockenen Tamarisken und Dung. Der Wirt, beiläufig gesagt ein Arzt, beruhigte sich, als er sah, daß wir keine bösen Absichten hatten, und als er einige Silbermünzen auf seiner Handfläche fand. Dennoch sagte er, es würde ihm lieber sein, wenn wir anderswo schliefen, nebenan wäre eine vortreffliche leere Hütte. Als wir hierauf eingingen, führte er uns an den Ort, wo wir den Rest der Nacht oder vielmehr des Morgens zubrachten.