Chapter 10

Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde, vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den„wunderlichen alten Herrn“amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den[pg 219]fertigen Korb angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen Bräutigam war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen Menschen verkehren mußte.Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen Schrittes die Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war doch keine Kleinigkeit[pg 220]und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte, schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der mächtige Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden Lichter warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen, Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie – und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann, bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der Seite anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu verbergen suchte. Auch Leo war still und[pg 221]in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her bewegen, während die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob über die herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu:„Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben[pg 222]brauchten, hatte ich nun nicht recht?“Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts, denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie: ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln unterbrach manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im Publikum, und der Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die Treppe von den Emporen herunterkam. Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser übersehen zu können und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter[pg 223]ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er nicht viel, nur die Worte:„Alte, gute Kröte,“wiederholte er immer wieder, und eine rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, dieZwillinge,alle die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“sagte[pg 224]Nellie zu ihrem Manne, als die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch anders gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten, wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen noch die Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man plötzlich das absichtlich laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, und mit harten Schritten ging der Kastellan über die Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen.Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. Plaudernd und lachend schritt das[pg 225]junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher.„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“sagte Ilse zu dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem Blick auf Ruth und Marianne:„Wie lange wird’s dauern, und eines Tages fliegen beide aus dem Neste.“„Über so etwas muß man eben nicht sentimental denken,“erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu müssen.„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?“fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.„Ja, was fangen wir an?“wiederholte er und sah sie forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht, und er sagte:„Dann schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung hinwegbringen wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen Vorschlag ein.„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“rief sie;„vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen[pg 226]auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.“„Na, das wird was Schönes werden,“gab der Professor zur Antwort,„eine schreibende Frau? Brr!“„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es für Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war – eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden und ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und auch durch Sie, Onkel Heinz.“„Durch mich?“fragte er, sie ungläubig ansehend.„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur,“gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem Titel„Trotzkopf als Großmutter“in gleichem Verlag erschienen ist.

Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde, vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den„wunderlichen alten Herrn“amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den[pg 219]fertigen Korb angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen Bräutigam war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen Menschen verkehren mußte.Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen Schrittes die Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war doch keine Kleinigkeit[pg 220]und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte, schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der mächtige Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden Lichter warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen, Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie – und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann, bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der Seite anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu verbergen suchte. Auch Leo war still und[pg 221]in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her bewegen, während die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob über die herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu:„Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben[pg 222]brauchten, hatte ich nun nicht recht?“Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts, denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie: ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln unterbrach manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im Publikum, und der Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die Treppe von den Emporen herunterkam. Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser übersehen zu können und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter[pg 223]ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er nicht viel, nur die Worte:„Alte, gute Kröte,“wiederholte er immer wieder, und eine rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, dieZwillinge,alle die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“sagte[pg 224]Nellie zu ihrem Manne, als die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch anders gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten, wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen noch die Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man plötzlich das absichtlich laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, und mit harten Schritten ging der Kastellan über die Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen.Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. Plaudernd und lachend schritt das[pg 225]junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher.„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“sagte Ilse zu dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem Blick auf Ruth und Marianne:„Wie lange wird’s dauern, und eines Tages fliegen beide aus dem Neste.“„Über so etwas muß man eben nicht sentimental denken,“erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu müssen.„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?“fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.„Ja, was fangen wir an?“wiederholte er und sah sie forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht, und er sagte:„Dann schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung hinwegbringen wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen Vorschlag ein.„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“rief sie;„vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen[pg 226]auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.“„Na, das wird was Schönes werden,“gab der Professor zur Antwort,„eine schreibende Frau? Brr!“„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es für Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war – eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden und ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und auch durch Sie, Onkel Heinz.“„Durch mich?“fragte er, sie ungläubig ansehend.„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur,“gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem Titel„Trotzkopf als Großmutter“in gleichem Verlag erschienen ist.

Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen würde, vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl besser wäre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, ob alles in Ordnung sei. Die Verkäuferin hatte sich schon am Morgen über den„wunderlichen alten Herrn“amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tüpfelchen anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den[pg 219]fertigen Korb angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner Meinung in die Farbenharmonie nicht paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine Frau besaß er nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und für einen Bräutigam war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich lachen; sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig und pünktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen Menschen verkehren mußte.

Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen Schrittes die Straße ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert stattfinden sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war doch keine Kleinigkeit[pg 220]und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon erleuchtet, und über die breite Treppe, die nach dem Eingang führte, schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die große Tür verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete Portal. Der mächtige Raum war mit Menschen bereits dicht gefüllt. Die flackernden Lichter warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen, Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie – und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann, bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder – es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn manchmal verstohlen von der Seite anblickte – er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der Professor fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre Aufregung zu verbergen suchte. Auch Leo war still und[pg 221]in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her bewegen, während die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung von Haydn, wußte er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich unmusikalisch, und nur Gesang konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, waren seine Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der Stimme die Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu glitten die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in reinen, mächtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den Herzen der Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob über die herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu:„Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben[pg 222]brauchten, hatte ich nun nicht recht?“Sie lächelte wie verklärt, sagte aber nichts, denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie: ‚Nun beut die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes Hüsteln unterbrach manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten könne und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte. Als das Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine förmliche Aufregung im Publikum, und der Andrang zu Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die Treppe von den Emporen herunterkam. Neugierig spähte er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken könne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus seiner Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser übersehen zu können und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter[pg 223]ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er nicht viel, nur die Worte:„Alte, gute Kröte,“wiederholte er immer wieder, und eine rührende väterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der grauköpfige Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den Armen. Auch Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, dieZwillinge,alle die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurückgelassen, und der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.

„O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,“sagte[pg 224]Nellie zu ihrem Manne, als die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden Ehegatten doch anders gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten, wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese Stimmungen noch die Gemüter in der verschiedensten Weise beherrschten, hörte man plötzlich das absichtlich laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, und mit harten Schritten ging der Kastellan über die Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen.

Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen. Plaudernd und lachend schritt das[pg 225]junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die Gefeierte; bedächtig gingen die Alten hinterher.

„Ja, ja, aus Kindern werden Leute,“sagte Ilse zu dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem Blick auf Ruth und Marianne:„Wie lange wird’s dauern, und eines Tages fliegen beide aus dem Neste.“

„Über so etwas muß man eben nicht sentimental denken,“erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu müssen.

„Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?“fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.

„Ja, was fangen wir an?“wiederholte er und sah sie forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln über sein Gesicht, und er sagte:„Dann schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.“

Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und sich über die Stimmung hinwegbringen wollte, die etwas rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen Vorschlag ein.

„Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,“rief sie;„vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen[pg 226]auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.“

„Na, das wird was Schönes werden,“gab der Professor zur Antwort,„eine schreibende Frau? Brr!“

„Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es für Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war – eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden und ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und auch durch Sie, Onkel Heinz.“

„Durch mich?“fragte er, sie ungläubig ansehend.

„Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur,“gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.

Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem Titel„Trotzkopf als Großmutter“in gleichem Verlag erschienen ist.


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