* * *[pg 33]Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage,„es bliebe gut,“so„bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen hatte, insbesondere los.„Überhaupt welcher Unsinn, so spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten[pg 34]bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.„Was machst du denn da?“fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm, die sie in den ihrigen steckte.„Fred hat zu schwer zu tragen,“sagte sie etwas verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der Hand.„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?“„Laß nur,darling, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,“erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.[pg 35]„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“sagte Ilse;„ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.“Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht,siewußte es aber besser.„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen.[pg 36]„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“wehrte Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen blieb, um auf die übrigen zu warten.Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben prangten bereits große Plakate:„Logis zu vermieten“. Nur noch wenige Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen[pg 37]einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“sagte Nellie so recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich auch den von Onkel Heinz.„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick verwelkt,“sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und Gelb!“rief Ilse.„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“sagte er wieder ablehnend.Ilse wandte sich ab.„Na, denn nicht,“meinte sie.„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“rief Onkel Heinz nach einer Weile,„man kann ja gar nicht mitkommen.“„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber[pg 38]ich gehe doch wahrhaftig nicht schnell,“sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo seiner Schritte.„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?“fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen Lächeln.„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler bestiegen.“„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm nicht zugetraut hätte.Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich in wirksamem Kontrast das duftige Blau und[pg 39]Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über, verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf den Zweigen.Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran.Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an[pg 40]Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren auch die andern meistens still.Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe gehenden Natur ein Schlummerlied.„Es wird feucht,“sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe.„O, du frierst doch nicht?“fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der liebenswürdigsten Weise.„Es geht dir doch gut, Fred?“fragte sie wieder nach einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller.[pg 41]„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“fragte Nellie eifrig.„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“rief da Onkel Heinz’ Stimme.„Sie vergiften sich ja nur damit.“„O, es hilft Fred aber so gut,“meinte Nellie.„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“erwiderte Onkel Heinz mit Achselzucken,„aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als Gegengift.“Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die„dummen Kerle“, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich.Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und rief den andern zu:„Menschliche Wohnung in Sicht!“indem er dabei auf einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters[pg 42]das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor ihm standen.[pg 43]„Das nenne ich aber Mut,“sagte er zu ihnen.„Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.“„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“erwiderte Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den Stuhl.„Kann man hier einen guten Kognak haben?“fragte Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten.„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu genießen,“rief er hinaus.Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an.Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte, eingehend den Weg besprochen.Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, silber[pg 44]glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken.„Da, da!“rief sie und zeigte entsetzt nach oben.„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.[pg 45]„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!“rief er laut.Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend schimmerte.„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“meinte Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen wollte.„Na, Gontrau,“rief Onkel Heinz,„nun fängst du wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?“Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte.[pg 46]Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher.„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“sagte Nellie.„Sie würde uns für verrückt halten,“meinte Fred.„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“erwiderte Onkel Heinz.„Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren[pg 47]beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl[pg 48]sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten Kognak.Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall aufgenommen wurde.„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel Heinz,“sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch.„Wieso?“fragte der Professor erstaunt.„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über alles spotten und höhnen.“Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja[pg 49]nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung war es nun geschehen.Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand.Lange noch blieb der Professor draußen.Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden.[pg 50]Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn gestört.„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“sagte Nellie;„sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.“Und sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht geschlafen,“erwiderte er mißmutig.„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft bedauert wurde.Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas behauptete.Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich schon die[pg 51]schönsten Beinamen gegeben, wie„alter Junggeselle“,„Brummbär“und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.„Schneeluft,“sagte Althoff.Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur, aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm ihn wieder mit fort.An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die[pg 52]Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand diesen„Winter im Frühling“herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter, umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie Diamanten darin funkelten.„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.„Kann ich nicht finden,“versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken.„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,“sagte er dann zu Leo.Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die[pg 53]Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß er unrecht hatte.„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“sagte er.„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“entgegnete Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend:„Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen.„Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“schloß sie ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern[pg 54]zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“versuchte Althoff zu scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in sich versunken ging er weiter.Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen zu lächeln.Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser[pg 55]zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in hellster Aufregung gewesen war.[pg 56]Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen und munkelten, daß es„angesteckt“sein müsse. So meinte auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine Rede.Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war die Frage,[pg 57]die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.„Ein famoser Gedanke!“rief sie ein über das andre Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr er[pg 58]warten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde,„welches Stück?“Das war gar nicht so einfach, denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie zum Schluß kamen.„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen könnten?“fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der Professor nie viel übrig gehabt.„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“war die scharf betonte Antwort.Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das[pg 59]letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer.Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht.
* * *[pg 33]Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage,„es bliebe gut,“so„bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen hatte, insbesondere los.„Überhaupt welcher Unsinn, so spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten[pg 34]bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.„Was machst du denn da?“fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm, die sie in den ihrigen steckte.„Fred hat zu schwer zu tragen,“sagte sie etwas verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der Hand.„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?“„Laß nur,darling, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,“erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.[pg 35]„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“sagte Ilse;„ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.“Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht,siewußte es aber besser.„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen.[pg 36]„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“wehrte Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen blieb, um auf die übrigen zu warten.Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben prangten bereits große Plakate:„Logis zu vermieten“. Nur noch wenige Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen[pg 37]einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“sagte Nellie so recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich auch den von Onkel Heinz.„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick verwelkt,“sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und Gelb!“rief Ilse.„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“sagte er wieder ablehnend.Ilse wandte sich ab.„Na, denn nicht,“meinte sie.„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“rief Onkel Heinz nach einer Weile,„man kann ja gar nicht mitkommen.“„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber[pg 38]ich gehe doch wahrhaftig nicht schnell,“sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo seiner Schritte.„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?“fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen Lächeln.„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler bestiegen.“„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm nicht zugetraut hätte.Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich in wirksamem Kontrast das duftige Blau und[pg 39]Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über, verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf den Zweigen.Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran.Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an[pg 40]Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren auch die andern meistens still.Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe gehenden Natur ein Schlummerlied.„Es wird feucht,“sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe.„O, du frierst doch nicht?“fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der liebenswürdigsten Weise.„Es geht dir doch gut, Fred?“fragte sie wieder nach einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller.[pg 41]„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“fragte Nellie eifrig.„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“rief da Onkel Heinz’ Stimme.„Sie vergiften sich ja nur damit.“„O, es hilft Fred aber so gut,“meinte Nellie.„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“erwiderte Onkel Heinz mit Achselzucken,„aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als Gegengift.“Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die„dummen Kerle“, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich.Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und rief den andern zu:„Menschliche Wohnung in Sicht!“indem er dabei auf einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters[pg 42]das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor ihm standen.[pg 43]„Das nenne ich aber Mut,“sagte er zu ihnen.„Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.“„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“erwiderte Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den Stuhl.„Kann man hier einen guten Kognak haben?“fragte Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten.„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu genießen,“rief er hinaus.Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an.Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte, eingehend den Weg besprochen.Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, silber[pg 44]glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken.„Da, da!“rief sie und zeigte entsetzt nach oben.„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.[pg 45]„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!“rief er laut.Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend schimmerte.„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“meinte Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen wollte.„Na, Gontrau,“rief Onkel Heinz,„nun fängst du wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?“Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte.[pg 46]Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher.„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“sagte Nellie.„Sie würde uns für verrückt halten,“meinte Fred.„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“erwiderte Onkel Heinz.„Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren[pg 47]beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl[pg 48]sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten Kognak.Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall aufgenommen wurde.„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel Heinz,“sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch.„Wieso?“fragte der Professor erstaunt.„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über alles spotten und höhnen.“Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja[pg 49]nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung war es nun geschehen.Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand.Lange noch blieb der Professor draußen.Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden.[pg 50]Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn gestört.„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“sagte Nellie;„sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.“Und sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht geschlafen,“erwiderte er mißmutig.„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft bedauert wurde.Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas behauptete.Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich schon die[pg 51]schönsten Beinamen gegeben, wie„alter Junggeselle“,„Brummbär“und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.„Schneeluft,“sagte Althoff.Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur, aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm ihn wieder mit fort.An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die[pg 52]Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand diesen„Winter im Frühling“herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter, umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie Diamanten darin funkelten.„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.„Kann ich nicht finden,“versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken.„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,“sagte er dann zu Leo.Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die[pg 53]Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß er unrecht hatte.„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“sagte er.„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“entgegnete Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend:„Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen.„Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“schloß sie ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern[pg 54]zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“versuchte Althoff zu scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in sich versunken ging er weiter.Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen zu lächeln.Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser[pg 55]zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in hellster Aufregung gewesen war.[pg 56]Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen und munkelten, daß es„angesteckt“sein müsse. So meinte auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine Rede.Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war die Frage,[pg 57]die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.„Ein famoser Gedanke!“rief sie ein über das andre Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr er[pg 58]warten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde,„welches Stück?“Das war gar nicht so einfach, denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie zum Schluß kamen.„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen könnten?“fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der Professor nie viel übrig gehabt.„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“war die scharf betonte Antwort.Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das[pg 59]letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer.Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht.
* * *
Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage,„es bliebe gut,“so„bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen hatte, insbesondere los.„Überhaupt welcher Unsinn, so spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.
Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten[pg 34]bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.
Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.
„Was machst du denn da?“fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm, die sie in den ihrigen steckte.
„Fred hat zu schwer zu tragen,“sagte sie etwas verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der Hand.
„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?“
„Laß nur,darling, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,“erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.
„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“sagte Ilse;„ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.“
Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht,siewußte es aber besser.
„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.
Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.
Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen.
„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“wehrte Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen blieb, um auf die übrigen zu warten.
Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben prangten bereits große Plakate:„Logis zu vermieten“. Nur noch wenige Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen[pg 37]einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.
„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“sagte Nellie so recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.
Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.
Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich auch den von Onkel Heinz.
„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick verwelkt,“sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.
„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und Gelb!“rief Ilse.
„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“sagte er wieder ablehnend.
Ilse wandte sich ab.
„Na, denn nicht,“meinte sie.
„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“rief Onkel Heinz nach einer Weile,„man kann ja gar nicht mitkommen.“
„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber[pg 38]ich gehe doch wahrhaftig nicht schnell,“sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo seiner Schritte.
„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?“fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen Lächeln.
„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler bestiegen.“
„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm nicht zugetraut hätte.
Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich in wirksamem Kontrast das duftige Blau und[pg 39]Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.
Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über, verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf den Zweigen.
Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran.
Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an[pg 40]Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren auch die andern meistens still.
Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe gehenden Natur ein Schlummerlied.
„Es wird feucht,“sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe.
„O, du frierst doch nicht?“fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der liebenswürdigsten Weise.
„Es geht dir doch gut, Fred?“fragte sie wieder nach einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller.
„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“
„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“fragte Nellie eifrig.
„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“rief da Onkel Heinz’ Stimme.„Sie vergiften sich ja nur damit.“
„O, es hilft Fred aber so gut,“meinte Nellie.
„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“erwiderte Onkel Heinz mit Achselzucken,„aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als Gegengift.“
Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die„dummen Kerle“, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich.
Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und rief den andern zu:„Menschliche Wohnung in Sicht!“indem er dabei auf einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters[pg 42]das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor ihm standen.
„Das nenne ich aber Mut,“sagte er zu ihnen.„Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.“
„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“erwiderte Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den Stuhl.
„Kann man hier einen guten Kognak haben?“fragte Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten.
„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu genießen,“rief er hinaus.
Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an.
Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte, eingehend den Weg besprochen.
Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, silber[pg 44]glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.
Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken.
„Da, da!“rief sie und zeigte entsetzt nach oben.
„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“
Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.
„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!“rief er laut.
Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend schimmerte.
„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“meinte Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen wollte.
„Na, Gontrau,“rief Onkel Heinz,„nun fängst du wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?“
Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.
Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte.[pg 46]Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.
Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher.
„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“sagte Nellie.
„Sie würde uns für verrückt halten,“meinte Fred.
„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“erwiderte Onkel Heinz.„Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“
Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren[pg 47]beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.
Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl[pg 48]sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.
Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten Kognak.
Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall aufgenommen wurde.
„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel Heinz,“sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch.
„Wieso?“fragte der Professor erstaunt.
„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über alles spotten und höhnen.“
Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja[pg 49]nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung war es nun geschehen.
Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand.
Lange noch blieb der Professor draußen.
Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden.[pg 50]Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn gestört.
„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“sagte Nellie;„sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.“Und sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.
„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht geschlafen,“erwiderte er mißmutig.
„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.
„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“
Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft bedauert wurde.
Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas behauptete.
Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich schon die[pg 51]schönsten Beinamen gegeben, wie„alter Junggeselle“,„Brummbär“und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.
Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.
„Schneeluft,“sagte Althoff.
Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur, aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm ihn wieder mit fort.
An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die[pg 52]Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand diesen„Winter im Frühling“herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.
„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter, umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie Diamanten darin funkelten.
„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.
„Kann ich nicht finden,“versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken.
„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,“sagte er dann zu Leo.
Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die[pg 53]Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß er unrecht hatte.
„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“sagte er.
„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“entgegnete Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend:„Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“
„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.
Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen.„Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“schloß sie ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern[pg 54]zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“versuchte Althoff zu scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in sich versunken ging er weiter.
Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen zu lächeln.
Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser[pg 55]zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.
Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in hellster Aufregung gewesen war.
Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen und munkelten, daß es„angesteckt“sein müsse. So meinte auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine Rede.
Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war die Frage,[pg 57]die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.
„Ein famoser Gedanke!“rief sie ein über das andre Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr er[pg 58]warten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde,„welches Stück?“Das war gar nicht so einfach, denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie zum Schluß kamen.
„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen könnten?“fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.
Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der Professor nie viel übrig gehabt.
„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“war die scharf betonte Antwort.
Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –
Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das[pg 59]letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer.
Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht.