Chapter 7

* * *Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen.Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder[pg 121]an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillings[pg 122]pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden hatten.Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten habe, mitzukommen.Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut tun.Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund heraus.Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht[pg 123]aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn denken.Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht[pg 124]wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme.„O, ich bitte dich,“flehte sie Ilse an,„rede es Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine[pg 125]Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt wurde.„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich amüsieren,“sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen.„Siehst du wohl,“lachte Ilse.Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu viel getan hätte.„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“sagte Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln,„ich werde auf die beiden Männer achten.“„O, Sie sind mir der Rechte,“erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße zu.Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um sie zufrieden zu stellen.[pg 126]So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem Interesse.„Du hast dich aber gar nicht verändert,“hieß es.„Etwas stärker bist du geworden.“„Und du siehst viel wohler aus, als früher,“und ähnliche Redensarten mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht.Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes erwarte.Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in[pg 127]dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu fühlen.Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.„Sie kennen mich alle,“sagte sie stolz,„und ich darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“„Wie geht’s dem Vater?“fragte sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu:„Ich komme in diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun in den Gutshof ein.[pg 128]„Vor das Schloß fahren,“befahl Flora mit komischer Grandezza.Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte„Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren.„Es gehörte einem Baron v. H.,“erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben keine Antwort.[pg 129]„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln„Lining“und„Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen hätten.„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen in Locken verwandeln.„Aber nun kommt herein,“sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und fragte ihre Kinder:„Wo ist denn der Papa?“[pg 130]„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft nicht verbergen.„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie gerne sehen,“bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick hochinteressant war.„Später, später,“antwortete Flora flüchtig.Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten Städtern eine Wohltat, und[pg 131]mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine.„Aber nun will ich nicht weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet wären.Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen[pg 132]ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise höchst neugierig waren.Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von Nellie vermuten.„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“wandte sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte.„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“erwiderte er und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn.„War[pg 133]wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?“wandte er sich an seine Nachbarinnen.„O ja,“lachte Ilse,„aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die Umgegend ist so schön,“sagte Flora.„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs Vieh mehr haben.“„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch keinen Regen wünschen,“erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß er so sprach.Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es bedeutet: kein Regen!“„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“fragte der Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.„Aber, August,“rief Flora,„ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und Frau Althoff erzählt.“[pg 134]„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“„August!“Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.„O, das kenne ich von Fred genau,“tröstete Nellie.„Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven auch sehr herunter.“Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer Pflege so sehr bedürfe.Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand.Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte[pg 135]ihm unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden würde.Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen.Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der Kaffee unter der[pg 136]großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden sollte.Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke, auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung, die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im Zimmer taten.In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum auf, was besonders von Ruth[pg 137]jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof, alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein strenges, aber gerechtes Regiment führte.„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war[pg 138]für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der Kastanie stellte.Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche Stille.Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.„Gerne, gerne,“riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn Werner.„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“erwiderte Flora.„August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde.[pg 139]Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht wahr?“wandte sie sich an die beiden.„Selbstverständlich,“gaben sie zur Antwort.„Na, dann schlafen Sie recht gut,“sagte der Hausherr und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte.„Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,“sagte er dann freundlich zu Flora.„Vergiß nicht, morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“entgegnete Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,“fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie[pg 140]deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.„Ja, ja, das bin ich auch,“erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort:„Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“[pg 141]„Bravo, bravo!“rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals sprechen hören.„Und wie ist es mit Käthe?“fragte Nellie.„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.“„Wie schön für dich,“sagte Nellie.„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.„Nun, und Orla?“fragte sie plötzlich.„Was habt ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich nach etwas Höherem.“Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb.„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“rief Ilse.„Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden[pg 142]ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.“„Ein Leben im großen Stile!“sagte Flora, wie zu sich selbst.„Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“„Jedenfalls,“lachte Ilse;„darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“„Ja, ihr ist es geglückt,“sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend.„Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als Nihilistin eine Rolle?“„Warum nicht?“meinte Ilse,„zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.“„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“warf hier Nellie ein.„Aber ich bitte dich,“sagte Flora,„unmöglich ist es doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt würde.“[pg 143]„O, o!“rief Nellie entsetzt,„deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!“„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“fragte Flora;„in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.“„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage ich dir,“antwortete Ilse.„O, süß!“schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr Gesicht.„Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“bettelte Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten[pg 144]Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt.Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es[pg 145]ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.„O, was magst du von uns denken,“entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:„Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!“Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen zugegen zu sein.[pg 146]„Nun, stimmt die Milchrechnung?“fragte Nellie lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte.„Poesie und Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“antwortete Ilse.„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,“fuhr Flora fort;„es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. Thusnelda“– sie sprach den Namen immer mit der Betonung einer Klara Ziegler aus –„ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter„erblich belastet“sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.„Ja, aber wo ist denn Ruth?“fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten umsehend.In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und[pg 147]lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken setzte.Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß man sie in„temperamentvoll, eigenartig und willensstark“übersetzen konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite ihr eine große Zukunft. –Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte[pg 148]sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein.„O, ganz ordentlich,“versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus:„Himmlisch war’s!“„Wo ist dein Mann geblieben?“fragte Nellie und sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“erklärte Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne Kraftworte, wie„Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August den Kiesweg heraufgegangen.Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen,[pg 149]der ebenso, wie das Gesicht, vorÄrgerund Hitze blaurot war.Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse.„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“sagte er;„sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:„O, haben Sie Ärger gehabt?“„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“setzte er noch hinzu und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend zusammenschlug.„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“sagte Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.„Hesse ist auch ein Esel,“fing er wieder an;„bringt beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen[pg 150]auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.“„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole dich erst,“versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß aus der oft verlachten und verspotteten„Dichterin“eine vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der Grundzug von Floras Charakter. –Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren[pg 151]lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“sagte er, als eines Tages wieder die Rede darauf kam.Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man merken.„Aber, August,“widersprach sie ihm,„eine Frau kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter doch nicht zu versäumen.“„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen können, das ist die Hauptsache.“Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen.Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so stunden[pg 152]lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen werden.Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt[pg 153]einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen genug geben,“sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße schritt.Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die Höhe nahmen.Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie[pg 154]bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige[pg 155]Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon zurück.„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen.„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“fragte Flora, indem sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde.„Schlecht, schlecht,“antwortete sie leise,„es geht immer schlechter.“„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe[pg 156]Gott wird Ihnen schon helfen,“tröstete Flora sanft und liebevoll.Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen Füßchen streichelte.„O, wie süß ist dasbaby,“sagte sie zu Ilse.„Wie heißt du?“fragte sie das Kind.„Ännchen,“antwortete die ältere Schwester.„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“fragte sie weiter.Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.Müde und apathisch dankte die Frau.[pg 157]Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen.„Wo ist denn die Mutter?“fragte Flora sich umblickend.„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“entgegnete die junge Witwe.„Kommt sie denn bald wieder?“forschte Flora weiter.„Sie können doch in Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“

* * *Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen.Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder[pg 121]an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillings[pg 122]pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden hatten.Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten habe, mitzukommen.Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut tun.Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund heraus.Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht[pg 123]aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn denken.Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht[pg 124]wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme.„O, ich bitte dich,“flehte sie Ilse an,„rede es Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine[pg 125]Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt wurde.„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich amüsieren,“sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen.„Siehst du wohl,“lachte Ilse.Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu viel getan hätte.„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“sagte Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln,„ich werde auf die beiden Männer achten.“„O, Sie sind mir der Rechte,“erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße zu.Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um sie zufrieden zu stellen.[pg 126]So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem Interesse.„Du hast dich aber gar nicht verändert,“hieß es.„Etwas stärker bist du geworden.“„Und du siehst viel wohler aus, als früher,“und ähnliche Redensarten mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht.Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes erwarte.Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in[pg 127]dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu fühlen.Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.„Sie kennen mich alle,“sagte sie stolz,„und ich darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“„Wie geht’s dem Vater?“fragte sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu:„Ich komme in diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun in den Gutshof ein.[pg 128]„Vor das Schloß fahren,“befahl Flora mit komischer Grandezza.Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte„Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren.„Es gehörte einem Baron v. H.,“erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben keine Antwort.[pg 129]„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln„Lining“und„Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen hätten.„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen in Locken verwandeln.„Aber nun kommt herein,“sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und fragte ihre Kinder:„Wo ist denn der Papa?“[pg 130]„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft nicht verbergen.„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie gerne sehen,“bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick hochinteressant war.„Später, später,“antwortete Flora flüchtig.Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten Städtern eine Wohltat, und[pg 131]mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine.„Aber nun will ich nicht weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet wären.Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen[pg 132]ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise höchst neugierig waren.Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von Nellie vermuten.„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“wandte sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte.„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“erwiderte er und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn.„War[pg 133]wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?“wandte er sich an seine Nachbarinnen.„O ja,“lachte Ilse,„aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die Umgegend ist so schön,“sagte Flora.„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs Vieh mehr haben.“„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch keinen Regen wünschen,“erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß er so sprach.Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es bedeutet: kein Regen!“„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“fragte der Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.„Aber, August,“rief Flora,„ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und Frau Althoff erzählt.“[pg 134]„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“„August!“Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.„O, das kenne ich von Fred genau,“tröstete Nellie.„Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven auch sehr herunter.“Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer Pflege so sehr bedürfe.Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand.Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte[pg 135]ihm unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden würde.Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen.Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der Kaffee unter der[pg 136]großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden sollte.Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke, auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung, die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im Zimmer taten.In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum auf, was besonders von Ruth[pg 137]jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof, alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein strenges, aber gerechtes Regiment führte.„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war[pg 138]für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der Kastanie stellte.Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche Stille.Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.„Gerne, gerne,“riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn Werner.„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“erwiderte Flora.„August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde.[pg 139]Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht wahr?“wandte sie sich an die beiden.„Selbstverständlich,“gaben sie zur Antwort.„Na, dann schlafen Sie recht gut,“sagte der Hausherr und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte.„Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,“sagte er dann freundlich zu Flora.„Vergiß nicht, morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“entgegnete Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,“fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie[pg 140]deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.„Ja, ja, das bin ich auch,“erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort:„Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“[pg 141]„Bravo, bravo!“rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals sprechen hören.„Und wie ist es mit Käthe?“fragte Nellie.„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.“„Wie schön für dich,“sagte Nellie.„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.„Nun, und Orla?“fragte sie plötzlich.„Was habt ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich nach etwas Höherem.“Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb.„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“rief Ilse.„Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden[pg 142]ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.“„Ein Leben im großen Stile!“sagte Flora, wie zu sich selbst.„Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“„Jedenfalls,“lachte Ilse;„darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“„Ja, ihr ist es geglückt,“sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend.„Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als Nihilistin eine Rolle?“„Warum nicht?“meinte Ilse,„zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.“„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“warf hier Nellie ein.„Aber ich bitte dich,“sagte Flora,„unmöglich ist es doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt würde.“[pg 143]„O, o!“rief Nellie entsetzt,„deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!“„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“fragte Flora;„in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.“„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage ich dir,“antwortete Ilse.„O, süß!“schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr Gesicht.„Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“bettelte Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten[pg 144]Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt.Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es[pg 145]ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.„O, was magst du von uns denken,“entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:„Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!“Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen zugegen zu sein.[pg 146]„Nun, stimmt die Milchrechnung?“fragte Nellie lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte.„Poesie und Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“antwortete Ilse.„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,“fuhr Flora fort;„es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. Thusnelda“– sie sprach den Namen immer mit der Betonung einer Klara Ziegler aus –„ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter„erblich belastet“sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.„Ja, aber wo ist denn Ruth?“fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten umsehend.In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und[pg 147]lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken setzte.Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß man sie in„temperamentvoll, eigenartig und willensstark“übersetzen konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite ihr eine große Zukunft. –Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte[pg 148]sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein.„O, ganz ordentlich,“versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus:„Himmlisch war’s!“„Wo ist dein Mann geblieben?“fragte Nellie und sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“erklärte Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne Kraftworte, wie„Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August den Kiesweg heraufgegangen.Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen,[pg 149]der ebenso, wie das Gesicht, vorÄrgerund Hitze blaurot war.Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse.„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“sagte er;„sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:„O, haben Sie Ärger gehabt?“„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“setzte er noch hinzu und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend zusammenschlug.„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“sagte Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.„Hesse ist auch ein Esel,“fing er wieder an;„bringt beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen[pg 150]auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.“„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole dich erst,“versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß aus der oft verlachten und verspotteten„Dichterin“eine vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der Grundzug von Floras Charakter. –Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren[pg 151]lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“sagte er, als eines Tages wieder die Rede darauf kam.Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man merken.„Aber, August,“widersprach sie ihm,„eine Frau kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter doch nicht zu versäumen.“„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen können, das ist die Hauptsache.“Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen.Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so stunden[pg 152]lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen werden.Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt[pg 153]einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen genug geben,“sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße schritt.Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die Höhe nahmen.Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie[pg 154]bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige[pg 155]Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon zurück.„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen.„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“fragte Flora, indem sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde.„Schlecht, schlecht,“antwortete sie leise,„es geht immer schlechter.“„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe[pg 156]Gott wird Ihnen schon helfen,“tröstete Flora sanft und liebevoll.Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen Füßchen streichelte.„O, wie süß ist dasbaby,“sagte sie zu Ilse.„Wie heißt du?“fragte sie das Kind.„Ännchen,“antwortete die ältere Schwester.„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“fragte sie weiter.Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.Müde und apathisch dankte die Frau.[pg 157]Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen.„Wo ist denn die Mutter?“fragte Flora sich umblickend.„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“entgegnete die junge Witwe.„Kommt sie denn bald wieder?“forschte Flora weiter.„Sie können doch in Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“

* * *

Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.

Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.

Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen.

Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder[pg 121]an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.

So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillings[pg 122]pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden hatten.

Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten habe, mitzukommen.

Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut tun.

Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund heraus.

Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht[pg 123]aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn denken.

Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht[pg 124]wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme.

„O, ich bitte dich,“flehte sie Ilse an,„rede es Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“

Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.

Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine[pg 125]Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt wurde.

„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich amüsieren,“sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen.

„Siehst du wohl,“lachte Ilse.

Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu viel getan hätte.

„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“sagte Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln,„ich werde auf die beiden Männer achten.“

„O, Sie sind mir der Rechte,“erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –

Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße zu.

Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um sie zufrieden zu stellen.

So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.

Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.

Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem Interesse.„Du hast dich aber gar nicht verändert,“hieß es.„Etwas stärker bist du geworden.“„Und du siehst viel wohler aus, als früher,“und ähnliche Redensarten mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht.

Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes erwarte.

Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in[pg 127]dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.

Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.

Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu fühlen.

Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.

„Sie kennen mich alle,“sagte sie stolz,„und ich darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“„Wie geht’s dem Vater?“fragte sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu:„Ich komme in diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“

Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun in den Gutshof ein.

„Vor das Schloß fahren,“befahl Flora mit komischer Grandezza.

Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte„Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren.

„Es gehörte einem Baron v. H.,“erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.

Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben keine Antwort.

„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.

Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln„Lining“und„Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.

Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen hätten.

„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen in Locken verwandeln.

„Aber nun kommt herein,“sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und fragte ihre Kinder:„Wo ist denn der Papa?“

„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.

Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft nicht verbergen.

„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie gerne sehen,“bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick hochinteressant war.

„Später, später,“antwortete Flora flüchtig.

Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.

Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten Städtern eine Wohltat, und[pg 131]mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.

Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.

„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine.„Aber nun will ich nicht weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“

Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet wären.

Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.

Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen[pg 132]ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise höchst neugierig waren.

Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?

Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?

Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von Nellie vermuten.

„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“wandte sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte.

„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“erwiderte er und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn.„War[pg 133]wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?“wandte er sich an seine Nachbarinnen.

„O ja,“lachte Ilse,„aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“

„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die Umgegend ist so schön,“sagte Flora.

„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs Vieh mehr haben.“

„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch keinen Regen wünschen,“erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß er so sprach.

Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:

„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es bedeutet: kein Regen!“

„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“fragte der Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.

„Aber, August,“rief Flora,„ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und Frau Althoff erzählt.“

„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“

„August!“Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.

„O, das kenne ich von Fred genau,“tröstete Nellie.„Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven auch sehr herunter.“

Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer Pflege so sehr bedürfe.

Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand.

Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte[pg 135]ihm unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden würde.

Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen.

Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der Kaffee unter der[pg 136]großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden sollte.

Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke, auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.

Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung, die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im Zimmer taten.

In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.

Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum auf, was besonders von Ruth[pg 137]jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.

Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof, alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein strenges, aber gerechtes Regiment führte.

„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war[pg 138]für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der Kastanie stellte.

Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche Stille.

Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.

„Gerne, gerne,“riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn Werner.

„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“erwiderte Flora.„August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde.[pg 139]Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht wahr?“wandte sie sich an die beiden.

„Selbstverständlich,“gaben sie zur Antwort.

„Na, dann schlafen Sie recht gut,“sagte der Hausherr und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte.„Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,“sagte er dann freundlich zu Flora.„Vergiß nicht, morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“

„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“entgegnete Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.

Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.

„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,“fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie[pg 140]deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.

„Ja, ja, das bin ich auch,“erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.

„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort:„Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“

„Bravo, bravo!“rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals sprechen hören.

„Und wie ist es mit Käthe?“fragte Nellie.

„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.“

„Wie schön für dich,“sagte Nellie.

„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“

Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.

„Nun, und Orla?“fragte sie plötzlich.„Was habt ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich nach etwas Höherem.“

Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb.

„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“rief Ilse.„Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden[pg 142]ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.“

„Ein Leben im großen Stile!“sagte Flora, wie zu sich selbst.„Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“

„Jedenfalls,“lachte Ilse;„darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“

„Ja, ihr ist es geglückt,“sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend.„Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als Nihilistin eine Rolle?“

„Warum nicht?“meinte Ilse,„zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.“

„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“warf hier Nellie ein.

„Aber ich bitte dich,“sagte Flora,„unmöglich ist es doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt würde.“

„O, o!“rief Nellie entsetzt,„deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!“

„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“fragte Flora;„in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.“

„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage ich dir,“antwortete Ilse.

„O, süß!“schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr Gesicht.„Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“

„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“bettelte Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –

Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten[pg 144]Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –

Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt.

Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es[pg 145]ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.

Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –

Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –

Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.

„O, was magst du von uns denken,“entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:„Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!“

Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen zugegen zu sein.

„Nun, stimmt die Milchrechnung?“fragte Nellie lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!

„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte.„Poesie und Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“

„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“antwortete Ilse.

„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,“fuhr Flora fort;„es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. Thusnelda“– sie sprach den Namen immer mit der Betonung einer Klara Ziegler aus –„ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“

Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter„erblich belastet“sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.

„Ja, aber wo ist denn Ruth?“fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten umsehend.

In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und[pg 147]lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken setzte.

Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!

Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß man sie in„temperamentvoll, eigenartig und willensstark“übersetzen konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite ihr eine große Zukunft. –

Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte[pg 148]sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein.„O, ganz ordentlich,“versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus:„Himmlisch war’s!“

„Wo ist dein Mann geblieben?“fragte Nellie und sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.

„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“erklärte Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne Kraftworte, wie„Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August den Kiesweg heraufgegangen.

Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen,[pg 149]der ebenso, wie das Gesicht, vorÄrgerund Hitze blaurot war.

Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.

Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse.

„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“sagte er;„sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“

Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:

„O, haben Sie Ärger gehabt?“

„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“setzte er noch hinzu und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend zusammenschlug.

„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“sagte Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.

„Hesse ist auch ein Esel,“fing er wieder an;„bringt beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen[pg 150]auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.“

„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole dich erst,“versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.

O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß aus der oft verlachten und verspotteten„Dichterin“eine vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der Grundzug von Floras Charakter. –

Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren[pg 151]lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.

„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“sagte er, als eines Tages wieder die Rede darauf kam.

Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man merken.

„Aber, August,“widersprach sie ihm,„eine Frau kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter doch nicht zu versäumen.“

„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen können, das ist die Hauptsache.“

Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen.

Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so stunden[pg 152]lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen werden.

Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –

Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt[pg 153]einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.

So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.

„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen genug geben,“sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße schritt.

Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die Höhe nahmen.

Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie[pg 154]bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.

Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.

Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige[pg 155]Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon zurück.

„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen.

„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“fragte Flora, indem sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.

Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde.

„Schlecht, schlecht,“antwortete sie leise,„es geht immer schlechter.“

„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe[pg 156]Gott wird Ihnen schon helfen,“tröstete Flora sanft und liebevoll.

Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen Füßchen streichelte.

„O, wie süß ist dasbaby,“sagte sie zu Ilse.„Wie heißt du?“fragte sie das Kind.

„Ännchen,“antwortete die ältere Schwester.

„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“fragte sie weiter.

Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.

Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.

Müde und apathisch dankte die Frau.

Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen.

„Wo ist denn die Mutter?“fragte Flora sich umblickend.

„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“entgegnete die junge Witwe.

„Kommt sie denn bald wieder?“forschte Flora weiter.„Sie können doch in Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“


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