„Die Kinder sind ja da.“„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“sagte Flora.„Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“Unendlich schmerzlich klangen diese Worte.„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten Abend und recht, recht gute Besserung.“Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends.[pg 158]Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“berichte Flora.„Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –[pg 159]Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf dem Platze unter der Kastanie.„O, die armen Kinder, das süßebaby, was wird daraus?“rief Nellie mit Tränen in den Augen.„Ja, ja, wir müssen helfen,“sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er seine Frau:„Wie viel Kinder sind da?“„Sechs,“antwortete sie.„Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es ist zu traurig!“„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“sagte ihr Mann.„Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.“„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu wonnigesbaby!“rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein[pg 160]in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen.„Höre, Nellie,“rief Ilse plötzlich,„wenn dir das Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu euch.“So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; doch heftig schüttelte sie den Kopf.„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“rief sie aus.„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtestdues denn?“fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe diebabysso sehr,“erwiderte Nellie leise.„Aber es geht nicht, es geht nicht!“fuhr sie lauter fort.„Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und das ginge doch nicht.“Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen wurde, Nellie blieb dabei,„es[pg 161]ginge nicht.“Ganz aufgeregt begaben sich die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.Aber Ilse ließ sich von ihrem„guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte.„Nein, so doch nicht, lieber so,“unterbrach sie sich dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen.Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.[pg 162]Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.„Von Fred,“sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln von ihrem Fred studierte.Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre Lippen.„O Ilse, was bist du einedarling, o was bist du gut, was hast du für mir getan!“rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred undlasihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin:[pg 163]daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde.Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm geschrieben hatte.„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb Ilschen,“antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie leise fort:„O, wie will ich die kleinebabylieb haben, und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“wehrte diese ab.„Was du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.“Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. –[pg 164]Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen.So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen Elend zu entreißen.Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.* * *Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und[pg 165]darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das„Erziehen“hätte leicht ein„Verziehen“werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben hierher verpflanzt worden war.* * *So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern später und manchem nie.Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem[pg 166]andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen.Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. –Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten[pg 167]Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:„Gottes Hand ruht schwer auf uns.“Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. –Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem[pg 168]ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete:„Ganz die Mutter.“Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte:„Wer ist deine beste Freundin?“antwortete sie:„Onkel Heinz!“Von ihm ließ sie sich weit mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich.[pg 169]So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den ersten Ball führen konnte.Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen„lumpigen Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen.Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine Kleinigkeit.„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,“rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei[pg 170]waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte.„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war,„wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?“„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!“„Einem jungen Mädchen steht alles,“hatte Marianne in weisem Tone erwidert.„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!“Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu[pg 171]trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt werden können.Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten.Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja[pg 172]die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“sagte Ilse, aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu Blumen im Haar.Ruth lehnte alles ab.„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“rief sie.In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.„Von Herrn Jansen,“sagte sie strahlend und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß.Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser[pg 173]Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner Töchter eingeladen worden.Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den Händen.„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der Zwillinge:„O, wie reizend, himmlisch, süß,“und Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt in derselben stehen.„Alle Wetter, ist das ein Staat!“rief er endlich laut.Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. Zwischen den hellen Farben rings um ihn[pg 174]herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“–„Wie findest du mein Kleid, steht es mir wohl gut?“„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.„Scheußlich seht ihr alle aus,“platzte er endlich hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“–„Ist das dein Ernst?“–„Gefallen wir dir nicht?“so schwirrte es von neuem durcheinander.„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“fragte Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht widerstehen konnte.„Na, es geht!“antwortete er und betrachtete sie eingehend.„Aber sage mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“[pg 175]Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht.„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“fragte Thusnelda.Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“riefen sie alle.„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher gefunden?“fragte Marianne.„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“fragte Marianne.Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“„Weißt du was, Onkel Heinz,“schlug Ruth vor,„komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber urteilen.“„Ja, ja, komm mit!“riefen nun auch die andern.„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“[pg 176]„Mich darfst du zu Tische führen.“„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“rief er, sie zurückdrängend.Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden Mädchenkranze.Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme entgegen.„Du bist zu beneiden, Onkel,“sagte er halblaut.Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.„Ja, nun macht nur,“mahnte sogar Onkel Heinz,„Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr bekommen.“[pg 177]„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“meinte Ruth.„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens mal ein vernünftiges Wort,“erwiderte der Professor.„Aber es geht nun doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“„Onkel Heinz,“rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten Einfall bekommen,„weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das wäre reizend!“„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“fragte Herr Jansen.„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“gab sie zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor.„Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. Morgen vormittag[pg 178]komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!“Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief es:„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn fortgenommen?“Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende gefunden.„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich[pg 179]mache mich aus dem Staube,“sagte Onkel Heinz.„Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“fragte er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn.Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“„Wir kommen, wir kommen!“Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. –Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er legte sie aber beiseite und schaute – die eine[pg 180]Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie[pg 181]gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.„Unsinn, Unsinn,“murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich doch einschlief.Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht gewesen.Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald[pg 182]überhoben, denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen dicht besetzten Ballkarten.„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“sagte Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie durchaus noch nicht aus wie„alte Mütter“. Das Glück, das aus beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und verschönte sie merkwürdig.Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht[pg 183]mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre Schwester zu bringen.Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie nun,[pg 184]nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen hatte, mit Behagen verzehrte.„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens herrlich, Sie auch?“fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an ihrer Seite niedergelassen hatte.„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“erwiderte er.„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas nicht?“erkundigte sie sich.„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der schönste für mich sein,“antwortete er mit Nachdruck.„So, und warum denn?“Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:„Weil Sie hier sind!“und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte:„Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“[pg 185]Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden.„Haben Sie mich denn nicht gern?“wiederholte er eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete sie hastig:„O ja, doch, natürlich.“Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten rasch voraus.Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem„Ja“antworten; sie hatte ihn ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte.[pg 186]Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem holden Mädchenantlitz.So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche Gefühle hegen möchte. –Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papier[pg 187]korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort entgegengedonnert:„Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts anrühren!“was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne,[pg 188]die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.
„Die Kinder sind ja da.“„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“sagte Flora.„Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“Unendlich schmerzlich klangen diese Worte.„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten Abend und recht, recht gute Besserung.“Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends.[pg 158]Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“berichte Flora.„Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –[pg 159]Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf dem Platze unter der Kastanie.„O, die armen Kinder, das süßebaby, was wird daraus?“rief Nellie mit Tränen in den Augen.„Ja, ja, wir müssen helfen,“sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er seine Frau:„Wie viel Kinder sind da?“„Sechs,“antwortete sie.„Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es ist zu traurig!“„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“sagte ihr Mann.„Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.“„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu wonnigesbaby!“rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein[pg 160]in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen.„Höre, Nellie,“rief Ilse plötzlich,„wenn dir das Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu euch.“So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; doch heftig schüttelte sie den Kopf.„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“rief sie aus.„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtestdues denn?“fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe diebabysso sehr,“erwiderte Nellie leise.„Aber es geht nicht, es geht nicht!“fuhr sie lauter fort.„Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und das ginge doch nicht.“Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen wurde, Nellie blieb dabei,„es[pg 161]ginge nicht.“Ganz aufgeregt begaben sich die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.Aber Ilse ließ sich von ihrem„guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte.„Nein, so doch nicht, lieber so,“unterbrach sie sich dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen.Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.[pg 162]Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.„Von Fred,“sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln von ihrem Fred studierte.Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre Lippen.„O Ilse, was bist du einedarling, o was bist du gut, was hast du für mir getan!“rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred undlasihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin:[pg 163]daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde.Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm geschrieben hatte.„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb Ilschen,“antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie leise fort:„O, wie will ich die kleinebabylieb haben, und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“wehrte diese ab.„Was du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.“Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. –[pg 164]Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen.So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen Elend zu entreißen.Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.* * *Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und[pg 165]darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das„Erziehen“hätte leicht ein„Verziehen“werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben hierher verpflanzt worden war.* * *So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern später und manchem nie.Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem[pg 166]andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen.Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. –Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten[pg 167]Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:„Gottes Hand ruht schwer auf uns.“Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. –Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem[pg 168]ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete:„Ganz die Mutter.“Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte:„Wer ist deine beste Freundin?“antwortete sie:„Onkel Heinz!“Von ihm ließ sie sich weit mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich.[pg 169]So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den ersten Ball führen konnte.Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen„lumpigen Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen.Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine Kleinigkeit.„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,“rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei[pg 170]waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte.„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war,„wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?“„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!“„Einem jungen Mädchen steht alles,“hatte Marianne in weisem Tone erwidert.„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!“Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu[pg 171]trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt werden können.Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten.Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja[pg 172]die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“sagte Ilse, aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu Blumen im Haar.Ruth lehnte alles ab.„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“rief sie.In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.„Von Herrn Jansen,“sagte sie strahlend und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß.Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser[pg 173]Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner Töchter eingeladen worden.Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den Händen.„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der Zwillinge:„O, wie reizend, himmlisch, süß,“und Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt in derselben stehen.„Alle Wetter, ist das ein Staat!“rief er endlich laut.Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. Zwischen den hellen Farben rings um ihn[pg 174]herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“–„Wie findest du mein Kleid, steht es mir wohl gut?“„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.„Scheußlich seht ihr alle aus,“platzte er endlich hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“–„Ist das dein Ernst?“–„Gefallen wir dir nicht?“so schwirrte es von neuem durcheinander.„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“fragte Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht widerstehen konnte.„Na, es geht!“antwortete er und betrachtete sie eingehend.„Aber sage mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“[pg 175]Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht.„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“fragte Thusnelda.Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“riefen sie alle.„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher gefunden?“fragte Marianne.„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“fragte Marianne.Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“„Weißt du was, Onkel Heinz,“schlug Ruth vor,„komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber urteilen.“„Ja, ja, komm mit!“riefen nun auch die andern.„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“[pg 176]„Mich darfst du zu Tische führen.“„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“rief er, sie zurückdrängend.Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden Mädchenkranze.Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme entgegen.„Du bist zu beneiden, Onkel,“sagte er halblaut.Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.„Ja, nun macht nur,“mahnte sogar Onkel Heinz,„Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr bekommen.“[pg 177]„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“meinte Ruth.„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens mal ein vernünftiges Wort,“erwiderte der Professor.„Aber es geht nun doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“„Onkel Heinz,“rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten Einfall bekommen,„weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das wäre reizend!“„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“fragte Herr Jansen.„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“gab sie zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor.„Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. Morgen vormittag[pg 178]komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!“Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief es:„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn fortgenommen?“Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende gefunden.„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich[pg 179]mache mich aus dem Staube,“sagte Onkel Heinz.„Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“fragte er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn.Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“„Wir kommen, wir kommen!“Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. –Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er legte sie aber beiseite und schaute – die eine[pg 180]Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie[pg 181]gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.„Unsinn, Unsinn,“murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich doch einschlief.Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht gewesen.Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald[pg 182]überhoben, denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen dicht besetzten Ballkarten.„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“sagte Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie durchaus noch nicht aus wie„alte Mütter“. Das Glück, das aus beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und verschönte sie merkwürdig.Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht[pg 183]mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre Schwester zu bringen.Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie nun,[pg 184]nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen hatte, mit Behagen verzehrte.„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens herrlich, Sie auch?“fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an ihrer Seite niedergelassen hatte.„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“erwiderte er.„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas nicht?“erkundigte sie sich.„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der schönste für mich sein,“antwortete er mit Nachdruck.„So, und warum denn?“Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:„Weil Sie hier sind!“und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte:„Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“[pg 185]Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden.„Haben Sie mich denn nicht gern?“wiederholte er eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete sie hastig:„O ja, doch, natürlich.“Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten rasch voraus.Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem„Ja“antworten; sie hatte ihn ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte.[pg 186]Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem holden Mädchenantlitz.So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche Gefühle hegen möchte. –Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papier[pg 187]korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort entgegengedonnert:„Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts anrühren!“was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne,[pg 188]die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.
„Die Kinder sind ja da.“
„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“sagte Flora.„Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“
„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“Unendlich schmerzlich klangen diese Worte.
„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten Abend und recht, recht gute Besserung.“
Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends.
Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“berichte Flora.„Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“
Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –
Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.
Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –
Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf dem Platze unter der Kastanie.
„O, die armen Kinder, das süßebaby, was wird daraus?“rief Nellie mit Tränen in den Augen.
„Ja, ja, wir müssen helfen,“sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er seine Frau:„Wie viel Kinder sind da?“
„Sechs,“antwortete sie.„Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es ist zu traurig!“
„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“sagte ihr Mann.„Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.“
„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu wonnigesbaby!“rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein[pg 160]in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen.
„Höre, Nellie,“rief Ilse plötzlich,„wenn dir das Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu euch.“
So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; doch heftig schüttelte sie den Kopf.
„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“rief sie aus.
„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“
„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“
„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtestdues denn?“fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.
„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe diebabysso sehr,“erwiderte Nellie leise.„Aber es geht nicht, es geht nicht!“fuhr sie lauter fort.„Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und das ginge doch nicht.“
Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen wurde, Nellie blieb dabei,„es[pg 161]ginge nicht.“Ganz aufgeregt begaben sich die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
Aber Ilse ließ sich von ihrem„guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.
Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.
Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte.
„Nein, so doch nicht, lieber so,“unterbrach sie sich dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen.
Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.
Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
„Von Fred,“sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln von ihrem Fred studierte.
Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.
Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre Lippen.
„O Ilse, was bist du einedarling, o was bist du gut, was hast du für mir getan!“rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred undlasihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin:[pg 163]daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde.
Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm geschrieben hatte.
„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.
„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb Ilschen,“antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie leise fort:„O, wie will ich die kleinebabylieb haben, und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“
„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“wehrte diese ab.„Was du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.“
Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. –
Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen.
So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen Elend zu entreißen.
Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.
* * *
Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und[pg 165]darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das„Erziehen“hätte leicht ein„Verziehen“werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben hierher verpflanzt worden war.
* * *
So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern später und manchem nie.
Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem[pg 166]andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen.
Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. –
Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten[pg 167]Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:„Gottes Hand ruht schwer auf uns.“Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. –
Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem[pg 168]ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete:„Ganz die Mutter.“Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte:„Wer ist deine beste Freundin?“antwortete sie:„Onkel Heinz!“Von ihm ließ sie sich weit mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich.
So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den ersten Ball führen konnte.
Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen„lumpigen Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen.
Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine Kleinigkeit.
„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.
„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,“rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei[pg 170]waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte.
„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war,„wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?“
„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.
„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!“
„Einem jungen Mädchen steht alles,“hatte Marianne in weisem Tone erwidert.
„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!“
Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu[pg 171]trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt werden können.
Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten.
Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.
„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja[pg 172]die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“sagte Ilse, aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.
Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu Blumen im Haar.
Ruth lehnte alles ab.
„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“rief sie.
In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.„Von Herrn Jansen,“sagte sie strahlend und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß.
Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser[pg 173]Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner Töchter eingeladen worden.
Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den Händen.
„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der Zwillinge:„O, wie reizend, himmlisch, süß,“und Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.
Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt in derselben stehen.
„Alle Wetter, ist das ein Staat!“rief er endlich laut.
Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. Zwischen den hellen Farben rings um ihn[pg 174]herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.
„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“–„Wie findest du mein Kleid, steht es mir wohl gut?“
„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.
„Scheußlich seht ihr alle aus,“platzte er endlich hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.
„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“–„Ist das dein Ernst?“–„Gefallen wir dir nicht?“so schwirrte es von neuem durcheinander.
„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“fragte Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht widerstehen konnte.
„Na, es geht!“antwortete er und betrachtete sie eingehend.„Aber sage mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“
Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht.
„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“fragte Thusnelda.
Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.
„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“riefen sie alle.
„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher gefunden?“fragte Marianne.
„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“
„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“fragte Marianne.
Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.
„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“
„Weißt du was, Onkel Heinz,“schlug Ruth vor,„komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber urteilen.“
„Ja, ja, komm mit!“riefen nun auch die andern.
„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“
„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“
„Mich darfst du zu Tische führen.“
„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“
Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.
„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“rief er, sie zurückdrängend.
Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden Mädchenkranze.
Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme entgegen.
„Du bist zu beneiden, Onkel,“sagte er halblaut.
Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.
„Ja, nun macht nur,“mahnte sogar Onkel Heinz,„Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr bekommen.“
„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“meinte Ruth.
„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens mal ein vernünftiges Wort,“erwiderte der Professor.„Aber es geht nun doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“
„Onkel Heinz,“rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten Einfall bekommen,„weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das wäre reizend!“
„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“fragte Herr Jansen.
„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“gab sie zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor.„Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“
Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:
„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. Morgen vormittag[pg 178]komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!“
Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.
Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief es:
„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“
„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“
„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“
„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn fortgenommen?“
Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende gefunden.
„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich[pg 179]mache mich aus dem Staube,“sagte Onkel Heinz.„Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“fragte er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn.
Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:
„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“
„Wir kommen, wir kommen!“
Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. –
Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er legte sie aber beiseite und schaute – die eine[pg 180]Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie[pg 181]gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.„Unsinn, Unsinn,“murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich doch einschlief.
Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht gewesen.
Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.
Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald[pg 182]überhoben, denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen dicht besetzten Ballkarten.
„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“sagte Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie durchaus noch nicht aus wie„alte Mütter“. Das Glück, das aus beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und verschönte sie merkwürdig.
Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.
Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht[pg 183]mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre Schwester zu bringen.
Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.
In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!
So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.
Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie nun,[pg 184]nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen hatte, mit Behagen verzehrte.
„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens herrlich, Sie auch?“fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an ihrer Seite niedergelassen hatte.
„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“erwiderte er.
„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas nicht?“erkundigte sie sich.
„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der schönste für mich sein,“antwortete er mit Nachdruck.
„So, und warum denn?“
Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:„Weil Sie hier sind!“und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte:„Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“
Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden.
„Haben Sie mich denn nicht gern?“wiederholte er eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete sie hastig:„O ja, doch, natürlich.“
Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten rasch voraus.
Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem„Ja“antworten; sie hatte ihn ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte.[pg 186]Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.
Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem holden Mädchenantlitz.
So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche Gefühle hegen möchte. –
Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papier[pg 187]korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort entgegengedonnert:„Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts anrühren!“was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne,[pg 188]die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.