Chapter 9

Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte er sich getäuscht.Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.„Onkel Heinz,“rief sie leise,„bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn geschehen sei.Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.„Was ist denn nur los?“fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem Professor.„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden ist,“sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich fort:„Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?“„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen begann.[pg 189]„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“klagte sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt im Zimmer auf und ab wandelte.„Ja,“– sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“fragte sie angstvoll.„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“gab er lächelnd zur Antwort.„Was soll ich denn aber tun?“„Ja –“sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte;„da ist nun schwer etwas zu sagen.“Ruth hing sich an seinen Arm.„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch immer alles,“sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen,„daß er besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“hatte aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber[pg 190]leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer auf und ab.„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“fragte er endlich.„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“lautete die Antwort.„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“„Aber, Onkel Heinz,“unterbrach ihn Ruth hastig,„wenn man jemand auch leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du doch?“Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb – überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos.„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich.Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die nichtssagenden Worte heraus:„Ja, das ist nicht so leicht,“und fuhr dann plötz[pg 191]lich fort, als wäre ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen:„Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich heiraten zu wollen?“„Das war so, Onkel Heinz,“begann Ruth;„gestern abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn nun wohl heiraten?“Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und Ruth wurde immer dringender.„Ach, gib mir doch eine Antwort,“bat sie flehentlich.„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“fuhr er barsch heraus; als er aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“sagte er zärtlich,„was in dieser Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf einläßt.“Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch wohl sonst nicht ganz die richtige[pg 192]war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,“rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen Arm.„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“fragte er und empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe.„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich tun muß.“Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt herein.„Na, was ist denn schon wieder los?“fragte Onkel Heinz.„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“jammerte sie laut.„Ja, was ist denn zu spät?“fragte er.„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll ich nun tun, was soll ich anfangen?“[pg 193]Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen begleitete.„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“fing sie an.„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“sagte er.„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und unglücklich machen,“fuhr sie fort.Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen Seele.„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die schlechteste,“sagte er.„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!“Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das„Nein, nein, Gott sei Dank nicht,“kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu[pg 194]dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon von manchem Silberfaden durchzogen war.„Weißt du, Onkel Heinz,“rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an,„wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. –Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen Arm um ihre Taille.In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen[pg 195]mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte.„Gernhaben“und„Liebhaben“wäre doch ein großer Unterschied, erklärte Ruth.Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas!„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht heiraten könnte,“drängte Ruth.„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit bereiten,“sagte Ilse.„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“fragte Ruth.„Bewahre.“„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen wollte,“setzte Ilse auseinander.„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so[pg 196]schlimm,“sagte Onkel Heinz,„und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet hatte, von ihr genommen wurde.Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, worauf sie auch das Jäckchen auszog.Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth.„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten[pg 197]Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte.[pg 198]„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu sich,“sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen hatte.„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“meinte Ilse besorgt.„Ach was, der kann auch nichts helfen,“erwiderte der Professor.„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“fragte Ruth voller Angst.„Woher das kommt?“wiederholte er bedeutungsvoll.„Woher das kommt? An allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist kein Wunder.“Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der Ohnmächtigen zu.„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“fing er wieder an.„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt.[pg 199]So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es doch nichts zu jammern,“rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten.„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“erwiderte er ruhig.Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte:„Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für Geschichten!“Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“rief Thusnelda mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie schweigen möchten, zurück.Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor[pg 200]ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen Szene bei Gontraus.„Ja, ja, so etwas würde auch vorkommen,“schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche antwortete er darauf:„es ist schon besser so.“Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier[pg 201]knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und knisterte.Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er dasselbe erwidere.Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen erfuhr derProfessor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.[pg 202]„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“rief Ruth laut jammernd aus.„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,“entgegnete Onkel Heinz.„Sie ist aber so elend.“„Wird sich schon wieder erholen.“„Glaubst du wirklich?“„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“redete er ihr liebevoll zu.„Warum mußte es auch so kommen?“klagte Ruth.„Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt mich?“Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht.„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“fragte das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“fragte sie dann wieder.Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.„Dummes Zeug! Unsinn!“sagte er dann ziemlich schroff.„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“Und[pg 203]als er nicht antwortete, fuhr sie fort:„Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann überhaupt nicht lieben.“„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“dachte der Professor bei sich.„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“fragte Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf.„Willst du es wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich möchte – eine Künstlerin werden.“Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte ausgerufen.„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend.Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“sie zeigte auf ihr Herz,„da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude[pg 204]an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“bemerkte sie lächelnd.Da erwachte er aus seinen Gedanken.„Hm!“brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal so.„Onkel Heinz,“fing sie wieder an und schmiegte[pg 205]sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund.„Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“„Da werde ich mich schön hüten,“warf er ein und lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig bringen.„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“fragte er aber dennoch.Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte.„Onkel Heinz,“kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen,„wenn du doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und siehst du,“fuhr sie leidenschaftlich fort,„ich möchte so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“„Das ist ja Unsinn,“sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach ihn ernsthaft.„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.“Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch[pg 206]immer gleich flennen müßt,“sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen.„Aber das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“fuhr er fort,„das geht nicht, das geht auf keinen Fall.“Sie sah ihn bittend, fast flehend an.„Aber Onkel Heinz!“„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?“Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen wolle.„Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus wird nichts!“Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer Gedanke.„Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“setzte er wie im Selbstgespräche fort,„aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am Arme fest.[pg 207]„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen. Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel, das ist wahr,“sagte er einlenkend.Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und zuversichtlich:„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“sagte er abwehrend.„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“bat sie und hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer Geschwindigkeit.„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“versprach sie.„Will ich gar nicht,“brummte er vor sich hin.„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“rief sie lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre:„Wann willst du denn mit den Eltern sprechen?“„Gar nicht,“erwiderte er kurz.Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter:[pg 208]„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“„Nein!“„Bitte, bitte, sage ja.“„Nein, nein, nein!“widersprach er heftig.„Onkel Heinz!“Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte.„Lieber Onkel Heinz.“Er antwortete nicht.„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichtsabschlagen.„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“rief er laut.Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander[pg 209]gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben würde.Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe,[pg 210]und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden[pg 211]hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse voller Stolz.Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen denken, wie an einen fernen lieben Freund.So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen[pg 212]Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.„Wenn nur alles gut geht,“sagte sie seufzend zu dem Professor.Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja was.“„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das[pg 213]nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es lange.“„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß ich,“versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“meinte Ilse und holte tief Atem.„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“sagte Onkel Heinz und legte einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in[pg 214]ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke Seite.„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“fing er dann plötzlich an,„bei Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei mir.“[pg 215]„Ja,“entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde,„Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“„Ja, ja, dieselfmade men, das sind die besten,“warf Onkel Heinz ein.„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“fragte Ilse.„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“warf Ilse ein.„Er hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß,[pg 216]weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“widersprach Onkel Heinz,„so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte Zeiten muß derselfmade manauch mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“meinte Ilse.„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“gab Onkel Heinz zur Antwort.„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre hindurch,“wandte Ilse vorwurfsvoll ein.„Da hatte er ganz recht,“unterbrach sie der Professor von neuem;„er wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte ganz anders behandelt werden müssen.“[pg 217]„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“erwiderte Ilse.„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,“neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen Seitenblick auf sie.„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“rief Ilse lachend.Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie er darüber dachte.„Sind Sie denn nun ruhiger?“fragte er nach einer kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort:„Na, sehen Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“berichtigte sie lachend,„das war ja Bromkali –“„Weiß schon, weiß schon,“unterbrach er sie schnell.„Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser. Ver[pg 218]schonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das kann ihr eher schaden als nützen.“„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“sagte Ilse;„bei der ist es nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“fragte sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch nicht sprechen, die müsse Ruhe haben.

Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte er sich getäuscht.Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.„Onkel Heinz,“rief sie leise,„bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn geschehen sei.Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.„Was ist denn nur los?“fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem Professor.„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden ist,“sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich fort:„Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?“„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen begann.[pg 189]„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“klagte sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt im Zimmer auf und ab wandelte.„Ja,“– sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“fragte sie angstvoll.„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“gab er lächelnd zur Antwort.„Was soll ich denn aber tun?“„Ja –“sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte;„da ist nun schwer etwas zu sagen.“Ruth hing sich an seinen Arm.„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch immer alles,“sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen,„daß er besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“hatte aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber[pg 190]leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer auf und ab.„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“fragte er endlich.„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“lautete die Antwort.„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“„Aber, Onkel Heinz,“unterbrach ihn Ruth hastig,„wenn man jemand auch leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du doch?“Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb – überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos.„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich.Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die nichtssagenden Worte heraus:„Ja, das ist nicht so leicht,“und fuhr dann plötz[pg 191]lich fort, als wäre ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen:„Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich heiraten zu wollen?“„Das war so, Onkel Heinz,“begann Ruth;„gestern abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn nun wohl heiraten?“Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und Ruth wurde immer dringender.„Ach, gib mir doch eine Antwort,“bat sie flehentlich.„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“fuhr er barsch heraus; als er aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“sagte er zärtlich,„was in dieser Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf einläßt.“Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch wohl sonst nicht ganz die richtige[pg 192]war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,“rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen Arm.„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“fragte er und empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe.„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich tun muß.“Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt herein.„Na, was ist denn schon wieder los?“fragte Onkel Heinz.„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“jammerte sie laut.„Ja, was ist denn zu spät?“fragte er.„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll ich nun tun, was soll ich anfangen?“[pg 193]Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen begleitete.„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“fing sie an.„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“sagte er.„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und unglücklich machen,“fuhr sie fort.Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen Seele.„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die schlechteste,“sagte er.„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!“Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das„Nein, nein, Gott sei Dank nicht,“kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu[pg 194]dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon von manchem Silberfaden durchzogen war.„Weißt du, Onkel Heinz,“rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an,„wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. –Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen Arm um ihre Taille.In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen[pg 195]mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte.„Gernhaben“und„Liebhaben“wäre doch ein großer Unterschied, erklärte Ruth.Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas!„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht heiraten könnte,“drängte Ruth.„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit bereiten,“sagte Ilse.„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“fragte Ruth.„Bewahre.“„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen wollte,“setzte Ilse auseinander.„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so[pg 196]schlimm,“sagte Onkel Heinz,„und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet hatte, von ihr genommen wurde.Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, worauf sie auch das Jäckchen auszog.Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth.„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten[pg 197]Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte.[pg 198]„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu sich,“sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen hatte.„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“meinte Ilse besorgt.„Ach was, der kann auch nichts helfen,“erwiderte der Professor.„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“fragte Ruth voller Angst.„Woher das kommt?“wiederholte er bedeutungsvoll.„Woher das kommt? An allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist kein Wunder.“Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der Ohnmächtigen zu.„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“fing er wieder an.„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt.[pg 199]So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es doch nichts zu jammern,“rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten.„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“erwiderte er ruhig.Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte:„Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für Geschichten!“Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“rief Thusnelda mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie schweigen möchten, zurück.Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor[pg 200]ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen Szene bei Gontraus.„Ja, ja, so etwas würde auch vorkommen,“schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche antwortete er darauf:„es ist schon besser so.“Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier[pg 201]knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und knisterte.Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er dasselbe erwidere.Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen erfuhr derProfessor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.[pg 202]„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“rief Ruth laut jammernd aus.„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,“entgegnete Onkel Heinz.„Sie ist aber so elend.“„Wird sich schon wieder erholen.“„Glaubst du wirklich?“„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“redete er ihr liebevoll zu.„Warum mußte es auch so kommen?“klagte Ruth.„Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt mich?“Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht.„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“fragte das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“fragte sie dann wieder.Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.„Dummes Zeug! Unsinn!“sagte er dann ziemlich schroff.„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“Und[pg 203]als er nicht antwortete, fuhr sie fort:„Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann überhaupt nicht lieben.“„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“dachte der Professor bei sich.„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“fragte Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf.„Willst du es wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich möchte – eine Künstlerin werden.“Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte ausgerufen.„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend.Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“sie zeigte auf ihr Herz,„da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude[pg 204]an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“bemerkte sie lächelnd.Da erwachte er aus seinen Gedanken.„Hm!“brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal so.„Onkel Heinz,“fing sie wieder an und schmiegte[pg 205]sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund.„Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“„Da werde ich mich schön hüten,“warf er ein und lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig bringen.„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“fragte er aber dennoch.Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte.„Onkel Heinz,“kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen,„wenn du doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und siehst du,“fuhr sie leidenschaftlich fort,„ich möchte so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“„Das ist ja Unsinn,“sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach ihn ernsthaft.„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.“Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch[pg 206]immer gleich flennen müßt,“sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen.„Aber das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“fuhr er fort,„das geht nicht, das geht auf keinen Fall.“Sie sah ihn bittend, fast flehend an.„Aber Onkel Heinz!“„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?“Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen wolle.„Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus wird nichts!“Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer Gedanke.„Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“setzte er wie im Selbstgespräche fort,„aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am Arme fest.[pg 207]„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen. Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel, das ist wahr,“sagte er einlenkend.Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und zuversichtlich:„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“sagte er abwehrend.„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“bat sie und hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer Geschwindigkeit.„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“versprach sie.„Will ich gar nicht,“brummte er vor sich hin.„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“rief sie lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre:„Wann willst du denn mit den Eltern sprechen?“„Gar nicht,“erwiderte er kurz.Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter:[pg 208]„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“„Nein!“„Bitte, bitte, sage ja.“„Nein, nein, nein!“widersprach er heftig.„Onkel Heinz!“Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte.„Lieber Onkel Heinz.“Er antwortete nicht.„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichtsabschlagen.„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“rief er laut.Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander[pg 209]gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben würde.Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe,[pg 210]und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden[pg 211]hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse voller Stolz.Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen denken, wie an einen fernen lieben Freund.So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen[pg 212]Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.„Wenn nur alles gut geht,“sagte sie seufzend zu dem Professor.Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja was.“„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das[pg 213]nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es lange.“„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß ich,“versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“meinte Ilse und holte tief Atem.„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“sagte Onkel Heinz und legte einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in[pg 214]ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke Seite.„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“fing er dann plötzlich an,„bei Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei mir.“[pg 215]„Ja,“entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde,„Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“„Ja, ja, dieselfmade men, das sind die besten,“warf Onkel Heinz ein.„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“fragte Ilse.„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“warf Ilse ein.„Er hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß,[pg 216]weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“widersprach Onkel Heinz,„so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte Zeiten muß derselfmade manauch mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“meinte Ilse.„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“gab Onkel Heinz zur Antwort.„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre hindurch,“wandte Ilse vorwurfsvoll ein.„Da hatte er ganz recht,“unterbrach sie der Professor von neuem;„er wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte ganz anders behandelt werden müssen.“[pg 217]„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“erwiderte Ilse.„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,“neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen Seitenblick auf sie.„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“rief Ilse lachend.Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie er darüber dachte.„Sind Sie denn nun ruhiger?“fragte er nach einer kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort:„Na, sehen Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“berichtigte sie lachend,„das war ja Bromkali –“„Weiß schon, weiß schon,“unterbrach er sie schnell.„Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser. Ver[pg 218]schonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das kann ihr eher schaden als nützen.“„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“sagte Ilse;„bei der ist es nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“fragte sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch nicht sprechen, die müsse Ruhe haben.

Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte er sich getäuscht.

Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.

„Onkel Heinz,“rief sie leise,„bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“

Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn geschehen sei.

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.

„Was ist denn nur los?“fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem Professor.

„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden ist,“sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich fort:„Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?“

„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen begann.

„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“klagte sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt im Zimmer auf und ab wandelte.

„Ja,“– sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.

„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“fragte sie angstvoll.

„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“gab er lächelnd zur Antwort.

„Was soll ich denn aber tun?“

„Ja –“sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte;„da ist nun schwer etwas zu sagen.“

Ruth hing sich an seinen Arm.

„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch immer alles,“sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.

Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen,„daß er besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“hatte aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber[pg 190]leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer auf und ab.

„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“fragte er endlich.

„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“lautete die Antwort.

„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“

„Aber, Onkel Heinz,“unterbrach ihn Ruth hastig,„wenn man jemand auch leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du doch?“

Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb – überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos.

„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich.

Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die nichtssagenden Worte heraus:

„Ja, das ist nicht so leicht,“und fuhr dann plötz[pg 191]lich fort, als wäre ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen:„Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich heiraten zu wollen?“

„Das war so, Onkel Heinz,“begann Ruth;„gestern abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn nun wohl heiraten?“

Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und Ruth wurde immer dringender.

„Ach, gib mir doch eine Antwort,“bat sie flehentlich.

„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“fuhr er barsch heraus; als er aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.

„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“sagte er zärtlich,„was in dieser Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf einläßt.“

Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch wohl sonst nicht ganz die richtige[pg 192]war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.

„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,“rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen Arm.

„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“fragte er und empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe.

„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich tun muß.“

Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.

Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt herein.

„Na, was ist denn schon wieder los?“fragte Onkel Heinz.

„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“jammerte sie laut.

„Ja, was ist denn zu spät?“fragte er.

„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll ich nun tun, was soll ich anfangen?“

Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen begleitete.

„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“fing sie an.

„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“sagte er.

„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und unglücklich machen,“fuhr sie fort.

Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen Seele.

„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die schlechteste,“sagte er.

„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!“

Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das„Nein, nein, Gott sei Dank nicht,“kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu[pg 194]dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon von manchem Silberfaden durchzogen war.

„Weißt du, Onkel Heinz,“rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an,„wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“

Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. –

Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen Arm um ihre Taille.

In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen[pg 195]mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte.„Gernhaben“und„Liebhaben“wäre doch ein großer Unterschied, erklärte Ruth.

Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas!

„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht heiraten könnte,“drängte Ruth.

„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit bereiten,“sagte Ilse.

„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“fragte Ruth.

„Bewahre.“

„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“

„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen wollte,“setzte Ilse auseinander.

„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so[pg 196]schlimm,“sagte Onkel Heinz,„und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“

In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet hatte, von ihr genommen wurde.

Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.

Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.

Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, worauf sie auch das Jäckchen auszog.

Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth.

„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.

Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten[pg 197]Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –

Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:

„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“

Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.

Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte.

„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu sich,“sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen hatte.

„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“meinte Ilse besorgt.

„Ach was, der kann auch nichts helfen,“erwiderte der Professor.

„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“fragte Ruth voller Angst.

„Woher das kommt?“wiederholte er bedeutungsvoll.„Woher das kommt? An allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist kein Wunder.“

Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der Ohnmächtigen zu.

„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“fing er wieder an.

„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.

„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt.[pg 199]So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es doch nichts zu jammern,“rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten.

„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.

„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“erwiderte er ruhig.

Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte:„Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für Geschichten!“

Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.

„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“rief Thusnelda mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie schweigen möchten, zurück.

Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor[pg 200]ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –

Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen Szene bei Gontraus.„Ja, ja, so etwas würde auch vorkommen,“schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche antwortete er darauf:„es ist schon besser so.“Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.

Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier[pg 201]knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und knisterte.

Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er dasselbe erwidere.

Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!

Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen erfuhr derProfessor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.

„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“rief Ruth laut jammernd aus.

„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,“entgegnete Onkel Heinz.

„Sie ist aber so elend.“

„Wird sich schon wieder erholen.“

„Glaubst du wirklich?“

„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“redete er ihr liebevoll zu.

„Warum mußte es auch so kommen?“klagte Ruth.„Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt mich?“

Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht.

„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“fragte das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.

Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.

Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.

„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“fragte sie dann wieder.

Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.

„Dummes Zeug! Unsinn!“sagte er dann ziemlich schroff.

„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“Und[pg 203]als er nicht antwortete, fuhr sie fort:„Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann überhaupt nicht lieben.“

„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“dachte der Professor bei sich.

„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“fragte Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf.„Willst du es wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich möchte – eine Künstlerin werden.“

Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte ausgerufen.

„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend.

Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.

Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:

„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“sie zeigte auf ihr Herz,„da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude[pg 204]an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“

Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.

„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“bemerkte sie lächelnd.

Da erwachte er aus seinen Gedanken.

„Hm!“brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal so.

„Onkel Heinz,“fing sie wieder an und schmiegte[pg 205]sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund.„Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“

„Da werde ich mich schön hüten,“warf er ein und lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig bringen.

„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“fragte er aber dennoch.

Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte.

„Onkel Heinz,“kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen,„wenn du doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und siehst du,“fuhr sie leidenschaftlich fort,„ich möchte so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“

„Das ist ja Unsinn,“sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach ihn ernsthaft.

„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.“

Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.

„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch[pg 206]immer gleich flennen müßt,“sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen.„Aber das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“fuhr er fort,„das geht nicht, das geht auf keinen Fall.“

Sie sah ihn bittend, fast flehend an.

„Aber Onkel Heinz!“

„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?“Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen wolle.„Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus wird nichts!“

Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer Gedanke.„Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“setzte er wie im Selbstgespräche fort,„aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“

Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am Arme fest.

„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen. Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“

„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel, das ist wahr,“sagte er einlenkend.

Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und zuversichtlich:

„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“

„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“sagte er abwehrend.

„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“bat sie und hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer Geschwindigkeit.

„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“versprach sie.

„Will ich gar nicht,“brummte er vor sich hin.

„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“rief sie lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre:„Wann willst du denn mit den Eltern sprechen?“

„Gar nicht,“erwiderte er kurz.

Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter:

„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“

„Nein!“

„Bitte, bitte, sage ja.“

„Nein, nein, nein!“widersprach er heftig.

„Onkel Heinz!“

Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte.

„Lieber Onkel Heinz.“

Er antwortete nicht.

„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“

Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichtsabschlagen.

„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“rief er laut.

Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –

Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander[pg 209]gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.

Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben würde.

Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe,[pg 210]und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.

Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden[pg 211]hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse voller Stolz.

Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen denken, wie an einen fernen lieben Freund.

So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.

An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen[pg 212]Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.

„Wenn nur alles gut geht,“sagte sie seufzend zu dem Professor.

Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:

„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja was.“

„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das[pg 213]nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es lange.“

„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß ich,“versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.

„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“meinte Ilse und holte tief Atem.

„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“sagte Onkel Heinz und legte einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.

Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in[pg 214]ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke Seite.

„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“fing er dann plötzlich an,„bei Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei mir.“

„Ja,“entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde,„Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“

„Ja, ja, dieselfmade men, das sind die besten,“warf Onkel Heinz ein.

„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“fragte Ilse.

„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“

„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“warf Ilse ein.„Er hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß,[pg 216]weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“

„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“widersprach Onkel Heinz,„so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte Zeiten muß derselfmade manauch mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“

„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“meinte Ilse.

„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“gab Onkel Heinz zur Antwort.

„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre hindurch,“wandte Ilse vorwurfsvoll ein.

„Da hatte er ganz recht,“unterbrach sie der Professor von neuem;„er wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte ganz anders behandelt werden müssen.“

„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“erwiderte Ilse.

„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,“neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen Seitenblick auf sie.

„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“rief Ilse lachend.

Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie er darüber dachte.

„Sind Sie denn nun ruhiger?“fragte er nach einer kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort:„Na, sehen Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“

„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“berichtigte sie lachend,„das war ja Bromkali –“

„Weiß schon, weiß schon,“unterbrach er sie schnell.„Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser. Ver[pg 218]schonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das kann ihr eher schaden als nützen.“

„O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,“sagte Ilse;„bei der ist es nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?“fragte sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber heim gehen und sie dann später in der Kirche treffen wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch nicht sprechen, die müsse Ruhe haben.


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