VIII.

Paula, die noch immer von der Erinnerung an jenen einen Tanz mit Beuthien zehrte, hatte auf ihrem Schulweg ihren Tänzer getroffen. Er hatte ihr von seinem Bock herab freundlich zugenickt, und sie hatte seinen Gruß kokett erwidert.

"Kennst Du den?" fragten drei, vier Stimmen zugleich, und ihreFreundinnen drängten sich neugierig an sie.

"Was sollt ich den nich kennen. Ich bin sogar mit ihm zu Tanz gewesen," erzählte sie.

"Das lügst Du," riefen die andern wie aus einem Munde.

"Das ist doch wahr," behauptete Paula. "Fragt ihn doch."

Ungläubig trennte man sich.

Paula lechzte seitdem nach einer Wiederholung des wunderschönenWalzers. Aber wie sollte sie es anstellen? Zum Ausreißen hatte sie schonMut, aber wenn man sie dort sähe, es ihrem Vater hinterbrächte?

Sie suchte mit Beuthien näher bekannt zu werden. Sie nickte ihm zuerst zu, wo sie ihn sah. Traf sie ihn vor seinem Stall beim Spülen der Droschken oder bei sonstiger Beschäftigung, so blieb sie keck stehen und redete ihn an.

Das erste Mal hatte er im Scherz mit der tropfenden Bürste nach ihr gespritzt. "Nu haben Sie mir meine reine Schürze naß gemacht," schalt sie ihn und zog schmollend ab. Aber schon am nächsten Tag dachte sie, ob er mich wohl wieder spritzt, und gesellte sich vorsichtig zu ihm.

Eigentlich hatte sie schon jemand, mit dem sie "ging", einen dreizehnjährigen Lümmel von Jungen, einen Schüler der Mittelschule. Aber Bernhard Prüßnitz konnte nicht mit ihr zu Tanz gehen. So machte sie sich keine Gewissensbisse daraus, sich neben dem, mit dem sie "ging," noch eines andern zu versichern, mit dem sie "tanzte."

Beuthien amüsierte sich über das Kind. Heimlich that es ihm auch wohl, daß jemand aus dem Behnschen Hause seine Freundschaft suchte. Er fragte Paula aus und freute sich, wenn die Kleine auf Lulu schalt.

"Tanzt Deine Schwester auch," fragte er sie, als sie wieder seinemReinigungswerk auf der Straße zusah.

"Und ob," war die Antwort. "Sie thut man immer so etepetete, aber die hat's faustdick hinter den Ohren."

Er lachte.

"Tanzen Sie Mittwoch wieder, Herr Beuthien?" fragte sie nach einer Pause, in der sie mit anscheinend großem Interesse beobachtete, wie er das linke Hinterrad der Droschke um seine Axe kreisen ließ, es waschend und schmierend.

"Gewiß, komm man hin, Deern," lachte er, ohne aufzusehen.

"Vor Mutter bin ich nich bange," meinte sie, "aber Lulu, das Uetz, paßt mir immer auf."

"Dann bring sie mit," scherzte er.

Lulu war entrüstet, als Paula ihr diese Einladung in aller Unschuld überbrachte.

"Das sag' ich Papa," schalt sie. "Du hast solche Dinge im Kopf?"

"Das kannst Du thun," antwortete Paula möglichst gleichgiltig. "Dann sag' ich Papa, daß Du Anna geschlagen hast."

Lulu lachte laut auf. "Zu kindlich."

Am Abend fragte sie die Schwester leise, im Vorübergehen: "Paula, ist es wirklich wahr, mit Beuthien?"

"Was denn?"

"Ach Du weißt ja, was ich meine."

"Ich lüg nicht so wie Du."

Zu jeder andern Zeit wäre Paulas Frechheit nicht ohne Erwiderung geblieben. Diesmal hörte Lulu sie kaum.

Eine halbe Stunde später war es Paula, die im Wohnzimmer leise hinter dem Rücken der Schwester auf die Sache zurückkam. "Wenn Du's Vater sagst, hau ich Dich," flüsterte sie.

Jetzt hätte Lulu gar zu gerne die gehörige Antwort gegeben, aber um dieMutter nicht aufmerksam zu machen, mußte sie auch diese angenehmeEröffnung stillschweigend entgegennehmen.

Im Grunde war Lulu das Treiben der Schwester höchst gleichgiltig. Ihr jetzt etwas in den Weg zu legen, sie sich zu verfeinden, wäre obendrein unklug gewesen. Stand Paula mit Beuthien auf vertrautem Fuß, konnte sie ihr vielleicht noch gute Dienste leisten.

Am Sonnabend kam ein Brief der Altonaer Freundin, der Lulu zum Geburtstag einlud und besonders betonte, den Hausschlüssel nicht zu vergessen. Man wolle recht vergnügt sein, und es würde voraussichtlich spät werden.

"Dat is doch nett von Lene Kröger, dat se noch an Di denkt," meinte Mutter Behn. "Se war immer so'n lütt anghänglich Deern. Wat schenkst Du ehr denn?"

Lulu entschloß sich zu einem Bouquet und einer Tafel Vanillechocolade, die Lene so sehr liebte, wie sie sagte.

Hermann Heineckes Liebe zu Mimi Kruse war erfinderisch in allerleikleinen Aufmerksamkeiten gegen das hübsche Mädchen, obgleich er sich mitRücksicht auf Therese immer noch Zurückhaltung auferlegte. Sein gutesHerz erlaubte ihm nicht, Mimi mit einem Geschenk, einem Bouquet, einerRose, oder was der Tag und der Zufall brachte, zu erfreuen und dieCousine leer ausgehen zu lassen. Und selten hatte er ja Gelegenheit, dieGeliebte länger als fünf Minuten alleine zu sprechen.

Nebenbei widerstrebte es seinem Stolz, Heimlichkeiten mit ihr zu haben, sie zu bitten, der Tante und Cousine nichts zu erzählen, wenn er ihr eine Blume oder ein Fläschchen Odeur mitgebracht hatte. So sah er sich genötigt, alles zweifach und manchmal, um die Tante nicht zurückzusetzen, dreifach zu spenden, und mit der Erfindungsgabe des Verliebten den für Mimi bestimmten Gegenständen noch irgend einen kleinen Ueberwert zu verleihen, aus dem sie entnehmen konnte, daß er sie auszeichnen wollte.

Nur den Ring, den er ihr gekauft hatte, damit sie den häßlichen grünenStein ablegte, hatte er ihr doch heimlich zusenden müssen. Ein solchesWertstück konnte er ihr unmöglich öffentlich überreichen, ohne dieKritik der Tante herauszufordern. Diese Heimlichkeit war in seinen Augenentschuldigt.

Mimi hatte den Ring mit unverhohlener Ueberraschung und lebhafter Freude entgegen genommen. Er ward zu einem gewichtigen Verbündeten der goldenen Brille Hermanns. Herr Heinecke war entschieden eine höchst annehmbare Partie, ein Verehrer, den man warm halten mußte. Sie fand ihn schon ansehnlicher, als vor acht Wochen, eigentlich doch gar nicht so übel.

Hermann freute sich der Wirkung des Ringes. Als er damals mit den beiden Mädchen nach dem Konzert soupiert hatte und er in seiner gehobenen Stimmung Theresens Anwesenheit störend empfand, war ihm der lebhafte Wunsch gekommen, einmal einen Tag mit Mimi allein zu verbringen. Aber wie sollte er das anfangen. Er durfte sie doch nicht gradezu einladen, sie war doch immer das Ladenmädchen seiner Tante.

Und heimlich? Freilich, das Versteckspielen hat seine Reize.

Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein verabredeter Sonntagnachmittagsspaziergang nach der Elbschlucht, einem an der Flottbecker Chaussee gelegenen Restaurant mit wundervoller Aussicht auf den Elbstrom, drohte durch Theresens Kopfschmerzen in Frage gestellt zu werden, als die Tante, durch Mimis kindlich zur Schau getragene Trauer gerührt, antrieb, den Spaziergang doch ohne Therese zu machen.

Es war ein herrlicher Maisonntag, als die beiden jungen Leute auf dem Rathausmarkt die Pferdebahn verließen, um eine Droschke erster Klasse anzurufen. Mimi, entzückt über Hermanns Gentilität, strahlte vor Vergnügen, als sie, bequem in den weichen Fond des sauberen Gefährts zurückgelehnt, wie eine Dame durch die Straßen rollte.

Sie sah allerliebst aus. Ihre volle, jugendfrische Büste kam in dem straff anliegenden schwarzen Jäckchen, das sich wirkungsvoll von dem schlichten, perlgrauen Kleid abhob, zur schönsten Geltung. Eigenhändig hatte ihr Hermann eine dunkelrote, halberschlossene Rose ins Knopfloch gesteckt. Ein leichtes Strohhütchen, nur mit weißen, duftigen Spitzen garniert, stand ihrem frischen lachenden Gesicht vortrefflich.

Hermann, der auch seine kleinen Schwächen besaß, hatte Mimis Vorliebe für das Pincenez das Opfer gebracht, sich ein solches zuzulegen, und war nun alle paar Minuten beschäftigt, den ungewohnten Nasenreiter mit seinen bismarckfarbenen Händen—er trug mit Vorliebe diese Modehandschuhe—wieder in den Sattel zu setzen. Uebrigens verlieh diese Gesichtszierde ihm ein vornehmeres Aussehen, und die Wenigsten suchten gewiß in diesem distinguierten Paar einen Volksschullehrer und eine Ladenmamsell.

Unterwegs entschloß man sich, die Fahrt, die beiden viel Vergnügen bereitete, etwas weiter auszudehnen, und befahl dem Kutscher, nach dem eine halbe Stunde weiter elbabwärts gelegenen Parkhotel zu fahren. Von da wollte man mit einem der kleinen Elbdampfer nach Hamburg zurückkehren und den Tag in irgend einem Konzertgarten beschließen.

Aber ein Blick in den Vergnügungsanzeiger, der im Hotel auslag, hatte Mimis Tanzleidenschaft angeregt, und in guter Laune beschlossen sie, auf Hermanns Vorschlag, dem nächstgelegenen Tanzlokal, dem Ottensener Park, einen Besuch abzustatten, wo man sich so gut wie fremd fühlen und ohne Furcht gesehen zu werden, der höchste Vorteil einer großen Stadt, unter die Tänzer mischen durfte.

Arm in Arm gingen sie einen einsamen Seitenweg durch die Felder; derUmweg war ihnen willkommen.

Es war schon dämmerig. Lange Strecken gingen sie zwischen Hecken undKnicks, oder auf schmalen Fußsteigen an Wiesenrändern, ohne einenMenschen zu treffen.

Mimi war sehr aufgeräumt. Die genossene Chartreuse that ihre Wirkung. Man alberte mit einander, suchte sich in die kleinen wasserlosen Gräben zu drängen, kitzelte sich mit langhalmigen Gräsern unter die Nase und trieb allerlei Kindereien.

Mimi war selten so animiert gewesen. Alles erschien ihr in rosigem Licht heute, auch Hermann. Er kam ihr fast hübsch vor.

Ihre Gedanken nahmen in der Einsamkeit der Felder mit einem Mal eine eigentümliche Richtung an, und sie erschrak mitten unter ihren Narrheiten.

Gab es eine passendere Gelegenheit für ihn, sich auszusprechen? Forderte ihn nicht alles dazu auf? Ob ihm gar keine derartigen Gedanken kommen würden?

Sie ward stiller und ging nicht mehr auf seine Neckereien ein. EinigeMinuten gingen sie schweigend weiter, sie vorauvorausdurch die Enge desWeges genötigt, hinter ihr.

"Sehen Sie, die blühen schon," rief sie plötzlich, stehen bleibend, und zeigte auf einen schwankenden, überhängenden Weißdornzweig, an dem die ersten Knospen sich erschlossen hatten.

Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus.

Da sie vor ihm stand, mußte er sie gewähren lassen. Aber sie mühte sich vergeblich, und er griff über ihre Schulter weg gleichfalls nach dem Zweig.

Wie sie so aneinandergedrängt standen, alles an ihrem schlanken, jugendkräftigen Körper straff gespannt, faßte es ihn mit Gewalt. Er umfing sie und drückte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen Kuß auf den Mund.

Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht, und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses Spazierganges nicht ungern gesehen, so fühlte sie sich doch bei dieser unerwarteten Berührung plötzlich ernüchtert. Sein heißer Atem, die feuchte Wärme seiner breiten, schwülen Lippen flößten ihr Widerwillen ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel.

Scham, Zorn und Bestürzung ließen sie anfangs auf Sekunden verstummen.Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihremGesicht, das sich in jähem Wechsel zwischen rot und weiß verfärbte,zeigte ihm deutlich, daß er zu kühn gewesen war.

Betreten suchte er durch einen flauen Scherz über die Verlegenheit hinweg zu kommen.

"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen, peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um".

"Aber Fräulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er.

"Ganz gewiß", beteuerte sie.

Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestürzt aus.

"Wenn Leute kommen. Hier auf offenem Felde", lenkte sie ein.

"O, das hat niemand gesehen", meinte er, glücklich, sie ihre gute Laune wieder gewinnen zu sehen.

"Sind Sie mir böse"? fragte er, sich ihr nähernd.

"Ja". Trotzig trat sie einen Schritt hinter ihn, als fürchte sie eine neue Umarmung. Der Bierdunst seines Atems hatte sie wieder gestreift.

Nun wurde auch Hermann ärgerlich. Hatte sie sich nicht frei und ausgelassen genug benommen, daß er auch seinerseits sich wohl vergessen konnte?

"Wenn es Ihnen lieber ist, Fräulein Kruse", sagte er verletzt, "so bringe ich Sie bis zur nächsten Pferdebahn. Es thut mir leid, wir waren so vergnügt, und ich bitte Sie um Verzeihung".

Sie wurde ganz rot. Was fiel ihm denn ein? Das hatte sie nicht erwartet. Er hätte freilich den Kuß unterwegs lassen können, aber so tragisch war doch die Geschichte nicht. Oder sollte er selbst vielleicht genug von der Partie haben und die Gelegenheit benutzen wollen, sich ihrer für den Rest des Abends zu entledigen?

"O, ich finde die Pferdebahn auch alleine", gab sie ihm schnippisch zurAntwort.

"Wenn Sie es vorziehen, bitte". Er gab ihr den Weg frei und lüftete denHut.

Sie zögerte und bohrte die Spitze ihres weißen Spitzenschirmes in den tiefen weichen Sand.

"Sie sind abscheulich!" stieß sie plötzlich hervor. Sie zog dieUnterlippe unter die Oberlippe, und Thränen standen ihr in den Augen.

Sofort war er gerührt.

"Aber liebes Fräulein, machen Sie doch keinen Unsinn. Kommen Sie." Er legte ihren Arm mit sanftem Zwang in den seinen und zog sie mit sich.

Zum Schein sich sträubend, mit der behandschuhten Rechten eine große Thräne von der linken Backe wischend, folgte sie ihm. Sie schämte sich, und ein noch halb mit dem Weinen kämpfendes Lachen förderte einen drolligen, hellen, glucksenden Ton zum Vorschein.

Dieser komische Laut gab Anlaß zu erneutem Lachen, und der Friede war geschlossen.

Sie hätte sich jetzt noch einmal von ihm küssen lassen, aber er ging sittsam neben ihr her.

Der Umweg erwies sich größer, als Hermann ihn geschätzt hatte, und es herrschte völliges Dunkel, als man aus den Feldern heraus in den bebauten Weg einbog, der nach dem erwähnten Tanzlokal führte. Die Straßenlaternen brannten schon, und auch der nun sichtbar werdende Garten, das Ziel der Wanderung, erstrahlte im Licht seiner vielen Lampen.

Der Ottensener Park war ein altes Etablissement. Früher bei den kleinen Bürgersleuten, namentlich der Nachbarstadt Altona, als Konzertgarten sehr beliebt, hatte er in den letzten Jahren eine kleine Wandlung durchgemacht und erfreute sich jetzt vornehmlich des Zuspruchs der jungen tanzlustigen Welt.

Selbst aus Hamburg kamen die jungen "Herren", Kommis, Hausknechte und Gesellen hierher. Das "Damenpublikum" bestand zum größten Teil aus Näherinnen, Schneiderinnen, Dienstmädchen und Fabrikarbeiterinnen. Hin und wieder mochten auch unlautere Elemente sich hierher verirren, die sonst in St. Pauli, der fröhlichen Vorstadt Hamburgs, ein ergiebigeres Feld für ihre Thätigkeit fanden.

Hermann und Mimi eilten durch den kiesbestreuten Garten. Zahlreiche unter lichtdämpfenden Milchglaskuppeln brennende Flammen erleuchteten ihn, gereichten ihm aber, teils kandelaberartig von grün angestrichenen Pfählen getragen, teils wie Lampions auf von Pfahl zu Pfahl laufenden Drahtbögen aneinandergereiht, keineswegs zur Zierde.

In dem kleinen gleichfalls mit dem geschmacklosen grünen Anstrich versehenen Orchesterpavillon trug eine Kapelle populäre Musikstücke vor.

Die scharfen Rhythmen des Wiener Gigerlmarsches und der Glanz der vielen, von dem dunklen Hintergrund des Busch- und Laubwerks sich abhebenden Lampen versetzten die beiden vom Wege etwas ermüdeten Ankömmlinge sofort in einen eigenartigen, nervenprickelnden Rausch. Die gedämpften Klänge eines zweiten Orchesters lockten sie in den Saal. Es war voll drin, und sie mußten eine Weile stehen, bis sie an einem Seitentisch Platz fanden.

Die Hitze zwang auch sie, Hut und Ueberkleider in der Garderobe abzugeben. Hermann und Mimi waren beide keine Neulinge mehr auf einem solchen Tanzboden. So bewegten sie sich denn ungeniert zwischen den tanzlustigen Paaren.

Als sie nach dem ersten Walzer sich dem Rundgang durch den Saal anschlossen, gewahrte Hermann Lulu Behn an dem Arm eines kleinen schmächtigen Tänzers mit sehr pomadesatter, glattgescheitelter Frisur.

Er war erstaunt.

"Ist das nicht die von drüben?" fragte er Mimi.

Sie folgte seinem Blick.

"Wirklich, Lulu Behn! Nein, sag einer, wie kommt die hierher?"

"Ja, wie kommen wir hierher?" lachte Hermann.

"Aber die"?, meinte Mimi.

Sie sah Lulu in diesem Augenblick einer langen, hageren Brünette, die unter den Zuschauern stand, einen resignierten Blick zuwerfen und leicht die Achseln zucken, worauf ein breites, spöttisches Grinsen das sinnliche gutmütige Gesicht der anderen keineswegs verschönte.

"Das wird interessant", meinte Hermann. Bald hatte auch Lulu Mimi entdeckt und ihr mit erstaunt in die Höhe gezogenen Brauen einen verwunderten Blick zugeworfen, dem sie sofort ein verständnisvolles Lächeln folgen ließ. Dann machte sie sich aus dem Arm ihrer Freundin los, mit der sie die letzte Polka getanzt hatte, und eilte auf Mimi zu.

"Um Gotteswillen, Fräulein, erzählen Sie nichts," bat sie ängstlich."Mein Vater schlägt mich tot."

"Sein Sie ohne Sorge", tröstete Mimi. "Eine Krähe hackt der anderen dieAugen nicht aus".

Dumme Person, dachte Lulu, sagte aber aufatmend: "Das meine ich auch.Schöne Seelen finden sich".

"Die Hitze aber, was"? setzte sie, sich Kühlung fächelnd, hinzu und entfernte sich mit einem leichten, vertraulichen Nicken.

Ein semmelblonder, überhöflicher Kommis oder Barbiergehilfe bat in singendem, sächselndem Dialekt Mimi um die Ehre eines Tanzes, und Hermann mußte wohl oder übel ebenso höflich gewähren.

Da Lulu ohne Tänzer geblieben war, engagierte er sie zu diesem Walzer. Sie war höchst erfreut. Hatten sie erst mit einander getanzt, brauchte sie keinen Verrat mehr zu befürchten.

Hermann, selbst ein guter Tänzer, hatte selten eine so gute Tänzerin gefunden. Er hatte ihr diese Leichtigkeit nicht zugetraut.

Mimi tanzte auch vortrefflich, aber etwas lebhaft, ungeduldig. Dieses sanfte, anstrengungslose Wiegen und Drehen mit Lulu gefiel ihm, wie sie selbst auch.

Sie sah vorteilhaft aus und wußte sich lebhaft und zwanglos zu unterhalten.

Nur ihr hastiges, unstetes Umhersuchen mit den Augen fiel ihm sonderbar auf.

"Suchen Sie jemand, Fräulein", fragte er.

"Nein. Ich? Warum? Meine Freundin", stotterte sie.

Einen Augenblick vergaß Hermann über Lulu Mimi und den Semmelblonden, bis sie beim Anschließen vor ihm zu stehen kamen und er sich über die singenden Komplimente des Sachsen ärgerte, um so mehr, als Mimi in heiterster Laune auf das fade Geschwätz einging.

Seine Eifersucht erwachte, und er verstummte Lulu gegenüber, die befremdet diese Veränderung bemerkte.

Auf einmal ging ein Flüstern durch die Reihen, und neugierig wandte sich hier und da ein Mädchenkopf nach dem Eingang des Saales.

"Der schöne Wilhelm", ging es halblaut von Mund zu Mund.

"Wer?" wandte sich Hermann an seine Tänzerin.

Lulu war ganz blaß geworden und schien seine Frage überhört zu haben.

Mimi aber wandte sich lächelnd um.

"Kennen Sie den nicht?" fragte sie das Paar.

"Nein, wer ist das?" fragte Hermann zurück.

"Der schöne Wilhelm, Wilhelm Beuthien, unser Beuthien, den kennen Sie doch. Sehen Sie, da steht er ja", gab Mimi Auskunft. Sie zeigte ungeniert mit der Hand nach dem Pfeiler in der Nähe des Saaleingangs.

"Ach", rief Hermann. "Gewiß, das ist also der schöne Wilhelm? Na, jeder nach seinem Gusto. Die Damen müssen's wissen."

"Aber sind Sie nicht wohl, Fräulein?" wandte er sich erschrocken anLulu.

"Bitte, nein, es ist nichts. Die Hitze", stammelte sie, ihr Taschentuch wie zur Kühlung vor das Gesicht haltend. "Wollen Sie mich entschuldigen, Herr Heinecke?"

Sie hatte seinen Arm fahren lassen.

"Da steht meine Freundin schon", rief sie, und ehe Hermann etwas erwidern konnte, hatte sie sich einen Weg zu jener gebahnt.

"Laß man, Cäsar, das giebt sich", witzelte der Semmelblonde. "Wird wohl wieder werden."

Wilhelm Beuthien hatte von seinem etwas erhöhten Standpunkt aus sofortLulu Behn bemerkt und auch ihr Erblassen, als ihre Blicke sich trafen.Das grenzenlose Erstaunen, sie hier zu treffen, wich bald der geheimenFreude, der Erfüllung seines lange gehegten Wunsches so unerwartet nahezu sein.

Ob sie mit der Ladenmamsell von der Ecke gekommen war?

Sonderbar. Oder——

Ein überlegenes Lächeln flog über sein hübsches Gesicht. Die vielen begehrlichen Mädchenblicke unbeachtet lassend, suchte er, ohne seinen Platz zu verändern, Lulu mit den Augen. Er hatte sie bald wiedergefunden. In einer Ecke des Saales stand sie in eifrigem Gespräch mit der Freundin.

Kurz entschlossen ging er auf die beiden Mädchen zu, ließ Lulu fast unbeachtet und forderte Lene Kröger zum Walzer auf.

Lulu biß sich auf die Lippe und trat einen Schritt zurück. Sie war kreideweiß geworden und zitterte. Es war ein Stuhl in der Nähe, und sie war froh, sich setzen zu können.

Lene Kröger hatte mit einem jungfräulichen Erröten Beuthiens Arm genommen, vergebens bemüht, zu verbergen, wie sehr sie sich durch diese unerwartete Aufforderung geschmeichelt fühlte. Mit zusammengekniffenen Lippen und wutfunkelnden Augen verfolgte Lulu die beiden.

Lene Kröger galt früher für die beste Tänzerin in diesen Kreisen, eineSchwester von ihr war sogar Solotänzerin beim Ballett der Zentralhalle.

Lene tanzte auch jetzt noch gut. Wie graziös die hagere, eckige Person sich zu wiegen verstand.

Lulu kochte vor Eifersucht und Zorn. Die Schmach!

Beuthien schien kein Ende finden zu können. Und wie die Lene lachte. Er sprach in einem fort mit ihr.

Endlich verstummte die Musik, und die beiden kamen zurück. Mit einer kurzen, nachlässigen Verbeugung und einer schlenkernden Armbewegung schleuderte Beuthien das lange Mädchen förmlich auf seinen Sitz zurück.

"Der tanzt aber", stieß Lene hochatmend hervor und fächelte sich mit demTaschentuch Kühlung zu.

Lulu war dem Weinen nahe. Mühsam bezwang sie sich.

"Das find ich gemein von Dir", zischte sie.

"Na nu, was kann ich denn dafür?" fragte Lene unschuldig.

Lulu schwieg.

"Kind, sei doch nicht pütscherig", lachte die gutmütige Brünette. "Er wagte sich nur nich ran."

Das log sie allerdings, und Lulu brummte:

"Unsinn."

"Er kommt noch, paß auf", behauptete Lene. "Er fragte mich, ob Du gut tanztest."

"Und was sagtest Du?" fiel ihr die Gekränkte hastig ins Wort.

"Wie Etelka vom Ballett", scherzte die andere. "Aber siehst Du? Er suchtDich schon".

Die Musik setzte wieder ein und spielte einen Rheinländer.

"Mein Gott, was ist das? Rheinländer?" fragte Lulu bestürzt. "Den kann ich nicht."

"Ach was, wag's nur. Wenn er ihn nur kann", meinte Lene.

Und da war er auch schon.

"Mein Fräulein."

Mit einem leisen Anflug von Spott und einem zweifelnd fragenden Blick pflanzte sich Beuthien mit lautem Hackenschlag fast militärisch vor Lulu auf.

Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ihm einen Korb zu geben.

Was fiel ihr ein?

Mit einer stummen Verbeugung nahm sie seinen Arm. Ihr schwindelte. DasBlut strömte ihr gewaltsam durch den Kopf. Sie hörte kaum die Musik.

Zum Glück trat er nicht gleich mit ihr zum Tanz an, sondern schloß sich den promenierenden Paaren an.

"Auch'n bischen hier, Fräulein", begann er die Unterhaltung. "Wie kommt denn das?"

"Ja, es machte sich so. Meine Freundin", sagte sie stockend.

"Nettes Mädchen", lobte er. "Rank und schlank. Schröder heißt sie?"

"Kröger", berichtigte sie.

Die Reihe war an ihnen, und sie tanzten. Beuthien tanzte Walzer nach demRhythmus des Rheinländers, und sie überließ sich aufatmend seinerFührung.

"Wie 'ne Feder", schmeichelte er ihr während des Tanzes.

"Meinen Sie?"

Er hob sie statt einer Antwort mit kräftigen Schwunge vom Boden, so daß sie einige Sekunden frei in seinen Armen schwebte. Beim zweiten Mal, es schien ihm Vergnügen zu machen, schrie sie leise auf. "Nicht, nicht", keuchte sie.

Er schwenkte sie jedoch ein drittes Mal, so daß sie die Zähne zusammenbiß.

"Hoch geht's hier her, Fräulein. Das ist mal nicht anders."

Sie lachte. Ein nie gekanntes Wohlgefühl kämpfte ihre Scham nieder.

"Wenn der Alte das wüßte", ängstigte er sie.

"Um Gottes Willen", flüsterte sie, als ständen Aufpasser hinter ihnen.

"Der Segen", meinte er bezeichnend.

So kamen sie auf ihre Familie zu sprechen. Er ließ Lulu nicht von sich und tanzte auch den folgenden Tanz mit ihr.

Sie, überglücklich, doch ihren Zweck erreicht zu haben, ward immer gesprächiger und munterer. Sie ließ sich von ihm mit Bier traktieren, er lud auch ihre Freundin ein, Jugenderinnerungen kamen zur Sprache, und eine gemütliche Vertraulichkeit stellte sich ein.

"Da liegt der Hund begraben", meinte Mimi, als sie mit Hermann an demTisch vorüber ging, wo die Drei sich gütlich thaten.

"Sollte sie wirklich?" fragte Hermann. "Eine Verabredung?"

"Gewiß", versicherte Mimi. "Die ist nicht so fromm, als sie aussieht.Ich kenne meine Pappenheimer."

Im Grunde kannte sie ihre Pappenheimer nur sehr oberflächlich und war nicht weniger als Hermann erstaunt, Lulu Behn mit dem jungen Droschkenkutscher in solcher Intimität auf dem Tanzboden zu treffen, denn die Jugendbekanntschaft der beiden war ihr fremd. Mimi, neben Lulu die "vornehmste" Erscheinung unter allen "Damen", war viel begehrt und konnte nicht genug vom Tanzen bekommen. Immer bat sie, nur einen Walzer noch, und Hermann mußte nachgeben.

Er selbst fand nicht ganz seine Rechnung bei diesem Vergnügen. Es wollte ihm nicht recht wohl werden unter den "Hausknechten" und "Häringsbändigern". Und dann plagte ihn die Eifersucht, und er war chokiert, daß Mimi an solchen "Herren" überhaupt Gefallen fand und sie auf gleiche Stufe mit ihm stellte.

Je ausgelassener Mimi wurde, je reizender sah sie aus. Es war ein Feuer in dem Mädchen, das ihn überraschte. Seine Leidenschaft hätte Kuß auf Kuß gewagt, wenn er in diesem Augenblick mit ihr jenen einsamen Feldweg gegangen wäre.

Einen Handkuß hatte er während eines Walzers sich erlaubt, und er war ihm ungestraft durchgelassen worden. Wenn er doch nur eine Stunde mit ihr allein sein konnte. Aber sie war ja nicht aus dem Saal fort zu bringen. Welche Tanzwut!

Endlich hatte er sie zum Gehen überredet. Als er ihr in der Garderobebehilflich war, kostete es ihm Mühe, sich in Gegenwart derGarderobenfrau zu beherrschen, so berauschte ihn ihre Nähe und dasVeilchenparfüm, das ihrem schwarzen Jäckchen entströmte.

"Wir nehmen eine Droschke", entschied er.

"Unsinn", protestierte sie. "Die haben Sie nicht unter zehn Mark."

"Einerlei," beharrte er. Sollte er jetzt steif neben ihr in derPferdebahn sitzen, wo jede Fiber in ihm nach einer Wiederholung derHeldenthat vom Feldweg drängte? Er wollte sich aussprechen, noch heute.

Er griff in die Tasche, um das Garderobegeld zu entrichten.

Was war das? Er suchte in allen Taschen, sein Portemonnaie war fort.

Mimi sah ihm erschrocken zu.

Er stürzte in den Saal zurück und kam blaß und verstört wieder. Das Portemonnaie war verschwunden. Es enthielt ein Zwanzigmarkstück und einiges Silbergeld, fünf bis sechs Mark, wie er schätzte.

Die Kellner liefen zusammen, der Wirt kam. Man zuckte mit den Achseln, bedauerte, aber was sollte man dabei machen? Es blieb nichts übrig, als sich vorläufig in den Verlust zu fügen.

Nun musste man schon mit der Pferdebahn vorlieb nehmen. Aber, es fielHermann jetzt erst ein, er hatte ja auch dafür keinem Pfennig.

"Haben Sie Geld bei sich, Fräulein?" fragte er zögernd.

Sie errötete heftig.

"Zwanzig Pfennige", lachte sie verlegen.

Einen Augenblick war man ratlos, bis Mimi zaudernd Lulus Namen nannte. Was half es, man mußte es versuchen. Unmöglich konnte man den weiten Weg von Ottensen nach Hause in der Nacht zu Fuß gehen.

Lulu war erfreut über diese neue Gelegenheit, sich die beiden zu verpflichten.

Sie begann den Fahrpreis in Zehnpfennigstücken abzuzählen.

"Lassen Sie doch den Pfennigkram", schalt Beuthien, zog seinPortemonnaie und wog es protzig in der Linken.

"Bitte nehmen Sie", drängte er Hermann ein Zehnmarkstück auf. "Wir sehen uns ja wieder."

Ungern nahm Hermann gerade von Beuthien diese Gefälligkeit an, aber um nicht unartig zu sein, weigerte er sich nicht lange.

Das war ein unerfreulicher Schluß des Tages. Es war keine Aussicht vorhanden, das Verlorene oder Gestohlene wieder zu erlangen. Das Vergnügen war ihm teuer geworden. Der Ring, den er Mimi geschenkt hatte, stand auch schon auf dem Conto dieses Monats, nun noch dieser Verlust, da hieß es, bis zum nächsten Ersten sich sehr einschränken. Es ging so schon bis hart an die Grenze seiner pekuniären Kräfte, seine Liebe kostete ihm viel.

Mimi wurde in der Pferdebahn müde und gähnte ein paar mal herzhaft. Hermann konnte nicht über seinen Verlust hinweg kommen. Beinahe bereute er diese Extravaganz, wie er jetzt gesonnen war, seinen Ausflug mit Mimi zu nennen. Er war mit einmal sehr ernüchtert, und Mimi kam ihm, wie sie sich schläfrig in die Ecke des Wagens drückte, sehr unvorteilhaft vor.

Doch als sie sich trennten, und sie mit aufrichtigem Herzenston ihren Dank für den "wunderschönen" Tag sagte, schlugen die alten Flammen wieder auf.

Ach was, dachte er. Es war doch schön. Der Kuß zwischen den Hecken fiel ihm ein.

"Zum Lohn," bat er und legte seine Hand auf die ihre, die bereits den Griff der Ladenthür berührte, die er ihr dienstwillig aufgeschlossen hatte.

Eine Sekunde sah sie ihn verständnislos an. Er umfaßte sie, und halb müde, halb in gutherziger Aufwallung, ließ sie es geschehen, daß er sie küßte.

Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr EmilPohlenz, von der Firma Müller und Lenze, ohne Probenkoffer, imGesellschaftsanzug, mit hellen Glacés und modernstem Cylinder in einerDroschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfothangehalten.

Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Räuspern und Fußscharren einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der große, altväterische Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen, daß der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Höflichkeit die Wand streifte und mit einem weißen Aermel die "gute" Stube erreichte.

Das hatte willkommenen Anlaß gegeben, im Verlauf derReinigungsbemühungen die beiderseitige Verlegenheit zu überwinden.

Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend, mit schmachtendem Blick über das goldene Pincenez hinweg, hatte dann Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Füßen gelegt, "nach reiflicher Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, daß sie zusammen glücklich werden würden".

Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, daß sie in ihrem fünfjährigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzüge der Ehe zu schätzen verlernt hatte, und ließ durchblicken, daß die gebotene Gelegenheit zur Rückkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung nicht unwert erschien.

Herrn Pohlenzens kaufmännische Tüchtigkeit würde unbedingt das Geschäft ungeahntem Glanz entgegenführen, das Kapital von sechstausend Mark, das er mitbrächte, wäre nicht zu verachten, und was "das Uebrige" anbelangte, so fühle sie sich ungemein geschmeichelt und wäre überzeugt, daß gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme das erhoffte Glück verbürgen würden.

Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung über allen Zweifel, und "Rücksichtnahme, mein Gott, Rücksichten müßten wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen".

Nachdem man noch eine Viertelstunde über das Glück der Ehe im allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte, mußte Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem inhaltsschweren Schritt zu drängen. Acht Wochen Bedenkzeit möge er ihr gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt, sie wisse die Ehre zu schätzen.

Herr Pohlenz wollte durchaus nicht drängen. Acht Wochen wäre zwar eine lange Zeit, "wenn es sich um das Glück eines Lebens handelt". Hierbei unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen Besichtigung, als überlegte er, ob derselbe auch diese Prüfungszeit überstehen würde.

Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reiflicheUeberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wieMann und Frau vorgekommen, und der Mann wäre denn doch immer "derjenige,welcher".

Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch immerhin für einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen.

Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles muß man selbst denken", ein Gros Perlmutterknöpfe, kleinste Nummer. Dann trennte man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg angestellt hatte, mit verbindlichem Händedruck.

Der vertröstete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke geöffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Rücken ihre Rechte heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte.

In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, für immer?

Jedenfalls würde sie sich das in den acht Wochen noch gründlich überlegen.

Die beiden Mädchen, die schon lange über Herrn Pohlenzens spekulativesHerz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hattenkeinen Augenblick Zweifel darüber gehegt, welche geschäftlichenAngelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden vonMüller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte.

Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke der Mädchen mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln deren Vermutungen betätigte.

"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schüttelnd vor Heiterkeit.Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wußte, wie dieWittfoth über ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": DieserKnirps, dieser Pomadenhengst.

"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie.

"Na, na!" neckte Therese.

"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi.

Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wußte sie nun doch zur Genüge, daß zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres Verhältnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr der beiden hatte nach jenem, für Hermann so "teueren" Sonntag die bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer Eifersüchtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug und hatte nicht nur Therese gegenüber Andeutungen gemacht, sondern auch ihren Neffen einmal selbst vorgenommen.

Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewährte Gutenachtkuß versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte, war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine.

So hielt er denn auch der Tante gegenüber nicht hinter dem Berg. Es sei seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte er sicher zu sein. Von Michaelis an erführe sein Gehalt die planmäßige Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des Mädchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die Entscheidung stellen.

Frau Caroline hatte keine Gründe dagegen, hielt es aber doch für ihreTantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen.

Eigentlich berührte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine Doppelverlobung verursachen würde. Tante und Neffe, Prinzipalin und Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das würde etwas für die Nachbarn sein.

Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach.

Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen über die Küsserei geärgert. Sie war höchst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann gegenüber benehmen?

An und für sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie auf Hermann gemacht.

War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Nähe, war es ihr immer, als müßte er sie jeden Augenblick umfassen und küssen. Gewöhnlich suchte sie sich den Rücken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem Bann, wenn sie ihn hinter sich wußte, allein mit ihm, und wie ein Wunsch nach verbotenen Früchten stieg es heiß in ihr auf.

Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese und der Prinzipalin gegenüber. Sie wäre auch noch eher darüber weg gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden hätte. Aber das war jetzt alles so peinlich.

Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer Liebenswürdigkeit, die sie den andern gegenüber in Verlegenheit setzen mußte.

Daß er jetzt ihr gehörte, ganz, daß sie nur die Hand nach ihm auszustrecken brauchte, war ihr über jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang mußte er sich erklären. Was dann?

Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefühl, das sie für ihn empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder gesunde Mann einflößte, der heiratsfähig und im Besitz seiner graden Glieder war. Liebe war das nicht.

Ueber die Liebe hatte sie überhaupt ihre eigenen Gedanken.

Wie hatte sie im vorigen Jahr für den braunen, schwarzbärtigen Postsekretär in der Neustraße geschwärmt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr nicht gebrochen.

Und der hübsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf, und der dunkeläugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Für jeden hatte ihr Herz schneller geschlagen, als für Hermann.

Ob das Liebe war?

Dann war es nichts Beständiges, die Liebe, und jedenfalls nichtsUnentbehrliches zum Heiraten.

Freilich, sie möchte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt, wie es in den Büchern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt.

"Du meine Wonne, Du mein Schmerz."

Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schön vor, so wie sie auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit Gefühl, daß man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und lese es nicht nur.

Aber die Dichter und Romanschreiber übertreiben immer.

Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefühlen.

Und das mochte sie auch an Hermann nicht, daß er manchmal so sentimental sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was Therese gerade so "reizend" an ihm fand.

Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit thäte ja viel. Wenn sie erst immer zusammen wären, fiele ihr das vielleicht nicht mehr so auf.

Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi prüfte oft in Gedanken, wie sich das ausnähme; es schien ihr nicht übel zu klingen.

Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annäherung auf dem Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit genommen.

Lulus Angst, ihr Abenteuer möchte durch irgend einen Zufall ihrer Familie verraten werden, wurde bald eingeschläfert. Lange Nachgedanken und ängstliche Sorgen lagen überhaupt nicht in ihrer Natur.

Und wie viel größere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren.

Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin, das Pensionsfräulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab zu ziehen. Aber auch ihre Person ließ ihn nicht kalt. War er auch nicht verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal etwas anderes und besseres als Stine und Mine.

Und im Hintergrund stand bei ihm auch die Überlegung; wer weiß, wie es kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie.

Freilich, es war höchst unwahrscheinlich, daß der alte Behn sie ihm jemals geben würde.

Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf aus.

Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie ihrer Neigung für den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre gewöhnliche Natur sich für die Verbildung, für die aufgedrungene Überfeinerung rächen wollte.

Leichter, als die erste Wiederannäherung, war die Fortsetzung desVerkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschränkt in ihrem Thun undLassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo erbestimmte.

Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu lange aus, so daß er über die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und den Fuhrlohn abliefern mußte, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht kärglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermöglichten sie, da auch er in nötigen Fällen nicht mit dem Gelde zurückhielt, gelegentlich weitere Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstraßen in schon ländlicher Gegend sich sicher fühlten.

Lulus ruhige, träge Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause jeden Verdacht nieder zu halten.

Sie war nicht leicht aus ihrer täglichen Art und Weise zu bringen. Zu statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem häufig an Kopfschmerzen leidenden, verwöhnten Mädchen, das sich in den Jahren seiner größten Entwickelung viel zu wenig Körperbewegung machte, tägliches, womöglich mehrstündiges Spazierengehen empfohlen hatte.

So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten Tochter als wohlthätige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergänge, ohne zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten.

Schuldbewußt, jeden Anlaß zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender, nachgiebiger.

Anna, die seit jener thätlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg gegen Lulu geführt hatte, war plötzlich entlassen worden.

"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft.

"Se is rinfull'n," hieß es bei den Kolleginnen der Gekündigten.

Die offizielle Behnsche Erklärung aber lautete. "Sie hat sich mit meinerTochter nicht vertragen können."

Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Mädchen vom Lande, kam für Lulu nicht in Frage. Ihrer Autorität konnte von der Seite kein Angriff drohen.

Die Hauptsache für sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten.

Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Tänzer hatte keine Abnahme erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Mädchen eine willkommene Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefügiger zu machen.

"Ich sag's Paula," drohte er, und ängstlich gab sie nach.

Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzenzu können, hatte schließlich Mut gefaßt und sich an einem unbewachtenSonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf demHolsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in derHoffnung, Beuthien dort zu treffen.

Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Prüßnitz, der mit einem älteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war.

Der Erkennung war eine hastige Begrüßung gefolgt.

"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula.

"Kostet das was?"

"Ich habe zwanzig Pfennige, hier."

Sie steckte ihm das Geld zu, und dann stürzten sie sich unter dieTanzenden, mit klopfenden Herzen und heißen Wangen.

"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er hüpfte wie ein junger Hahn und stieß sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er sie stehen ließ, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht tanzen.

Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand heftig am Ellbogen zerrte.

"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder."

Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermißten von dem untrüglichen Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Flüchtling sofort hier vermutet hatte.

Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das größere, ihr überlegene Mädchen ihr einschärfte, kam es nun zwar nicht an den Tag, aber auf irgend eine für Paula unbegreifliche und nie aufgeklärte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung seiner Jüngsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung ihres frühzeitigen Unternehmungsgeistes.

Paula, wütend auf den unbekannten Verräter, bezichtigte unter zwanzig anderen auch Lulu der Schändlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese, der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im Entdeckungsfalle warten würde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte überhaupt nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig."

Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se ward ja ok ümmer öller und verstänniger", meinte sie.

Beuthien hatte Lulu eines Nachmittags in einer neuangelegten, noch häuserlosen Straße in seine Droschke aufgenommen. Es war ein verabredetes Rendezvous, und da Lulus Börse gerade gut gefüllt war, wollte man längere Zeit zusammen bleiben.

Wie immer, so lange sie durch lebhaftere Straßen fuhren, wo eine unliebsame Begegnung zu befürchten war, saß Lulu tief zurückgelehnt in dem Fond der verschlossenen Droschke, verschleiert, und jeden Blick auf die Straße vermeidend. Erst weiter draußen wagte sie, das Verdeck des Coupees zurückschlagen zu lassen.

Beuthien hatte die Richtung nach Horn genommen. Drüber hinaus, auf einer menschenleeren Feldstraße stieg Lulu aus und ging, wie sie zu thun pflegte, mit ihm, an seinem Arm hängend, neben dem gemächlich bummelnden Braunen her.

Der Weg erlaubte eine freie Uebersicht. Nahte jemand, war noch immer Zeit genug, sich zu trennen und unbefangen nebeneinander herzugehen, oder in die Droschke zurückzuschlüpfen.

Beuthien wußte in der Gegend ein abgelegenes Wirtshaus, wo man wagen durfte, einzukehren.

Lulu war zu allem bereit.

Es war ein wunderschöner Sommertag. Eine warme, sonnige Luft lag, ohne lästig zu sein, über den grünen, vielversprechenden Saaten.

Lulu war sehr heiter.

Die stille, wohlthuende Ruhe hier draußen wiegte alle ihre Bedenken ein.

Auch Beuthien war aufgeräumt. Er ließ bald ihren Arm fahren und legte vertraulich den seinen um ihre Hüfte. Und sie ließ sich seine derben Scherze und zeitweiligen Zärtlichkeiten gefallen.

Ein kleiner Garten neben jenem Wirtshaus, das den poetischen Namen "Zum einsamen Winkel" trug, enthielt zwei nicht sehr schattige Lauben, die jedoch mit ihren grünen Holzstäben und grüngestrichenen Tischen und Bänken etwas Trauliches, Einladendes hatten.

Der Wirt, ein ordinär aussehender, verschmitzt schmunzelnder Patron, brachte zwei Gläser Bier dorthin, fuhr einmal träge mit seiner unsauberen blauen Schürze über den bestaubten Tisch und suchte eine Unterhaltung anzuknüpfen, auf die man jedoch so einsilbig einging, daß er bald davon abstand.

Auf dem verwilderten runden Grasplatz vor ihrem Sitz schnatterte und schnabbelte eine einsame Ente. Ein magerer, weiß und braun gefleckter Hühnerhund blinzelte mit müden Blicken aus den triefenden, von Fliegen gequälten Augen aus seiner Hütte zu ihnen herüber.

Das Bier war warm und abgestanden, und mundete ihnen nicht. Der Geruch des nahen Hühnerstalles wurde ihnen lästig.

Lulu sah sich nach einem andern Platz um.

Hinter dem Garten zog sich ein spärliches Wäldchen an dem Rand einerWiese hin, größtenteils dichtes, mannshohes Unterholz, aus dem sich nureinige zerstreut stehende junge Birken mit ihren glänzenden weißenStämmen hervorhoben.

Ein halbvermorschtes Brett führte über einen ausgetrockneten Graben in das Holz hinein.

Nach einigem Zaudern, aus Rücksicht auf ihr Kleid, folgte Lulu mit aufgeschürztem Saum Beuthien in die kleine Wildnis.

Wie oft waren sie als Kinder in dieser Weise im Freien umhergestreift, hatten Beeren gesucht, Kränze aus Laub, Ketten aus den hohlen Stengeln der Kuhblume gewunden, oder waren mit bloßen Füßen in dem kühlen, schlammigen Wasser der Gräben und Pfützen gewatet.

Beiden kam die Erinnerung zugleich, und beide sprachen sie aus.

Er rauchte seine kurze Meerschaumpfeife mit dem Kaiser-Friedrich-Kopf, und der beizende Qualm zog ihr in die Nase und ward ihr unbehaglich.

Sie drängte sich vor ihn.

Uebermütig faßte er sie bei den Schultern und schob sie vor sich hin, so schnell, daß sie auf dem unebenen Boden ins Stolpern kam.

Sie schrie auf und riß sich los. Er suchte sie zu haschen. So sprangen sie einen Augenblick unter Gelächter und Gekreisch um einander herum.

"Wull Du mal her", rief er und packte weit auslangend ihren Arm. Sie rangen mit einander. Seine Kräfte, mit denen er bisher nur gespielt hatte, gebrauchend, hob er sie plötzlich hoch vom Boden und nahm sie wie ein Kind auf den Arm.

Zappelnd bemühte sie sich, wieder festen Fuß zu fassen. Aber er zwang sie.

"Wull Du ruhig sin? Wull Du ruhig sin!" wiederholte er ein paar mal. Er sprach überhaupt während dieser ganzen Balgerei nur platt.

"Laß mich", keuchte sie.

Sie hatte die Arme gegen seine Brust gestemmt. Aber vor seinen heißen, verzehrenden Blicken verstummte sie. Ihre Kraft erlahmte, und willig, schwer atmend, ließ sie sich von ihm zu einer nahen Moosbank tragen.

Der alte Beuthien ging schon lange mit dem Gedanken um, sich vom Geschäft zurückzuziehen, es seinem Sohn zu überlassen. Er hatte keine rechte Lust mehr daran. Die Jahre machten ihn bequem.

Aber an Bequemlichkeit hatte es ihm immer gefehlt, seit seine Frau tot war, also seit ungefähr zehn Jahren, in welcher Zeit eine alte Tante der Verstorbenen ihm die Wirtschaft führte.

Wilhelm war nun auch in dem Alter, wo er ans Heiraten dachte. Dann würde er, der Vater, zwischen der alten Negendank, die immer stumpfer wurde, und der jungen Schwiegertochter, die natürlich das Regiment beanspruchen würde, ärgerliche Tage haben.

Nach zehn Jahren fing er von neuem an, seine Frau zu vermissen. Wenn manälter wird, ist das Verheiratetsein doch nicht zu schelten. Und daFreunde dem noch immer rüstigen Mann oft, teils im Scherz, teils imErnst, rieten, sich doch wieder zu beweiben, hatte er sich mit demGedanken vertraut gemacht.

Eilig war es ihm nicht damit. Er erwog diese und jene Partie, die ihm vorgeschlagen wurde, aber immer nur obenhin, und selbst nicht recht daran glaubend, daß noch einmal etwas daraus werden könnte.

Als er nun aber nach dem Verlust seines besten Pferdes, des auf dem Glatteis gestürzten Braunen, gänzlich die Lust am Geschäft verlor, hing er doch ernstlicher solchen Zukunftsträumen nach.

Von allen Frauen, die in Betracht kamen, gefiel ihm keine so gut wieFrau Caroline Wittfoth. Das wäre noch eine Partie.

Die kleine lebhafte, noch recht ansehnliche Witwe sagte ihm sehr zu.Seine Selige war gerade so quecksilbern gewesen.

Das gute Geschäft der Wittfoth war auch ein Magnet. Er machte kein Hehl daraus. Wenn er die zehntausend Mark, über die er nach Wilhelms Abfindung noch verfügen konnte, in dies Geschäft steckte, wäre das Geld gut angelegt. Und es würde ihm ein guter Fürsprecher bei seiner Werbung sein.

Als er nach langem Sinnen zu dem Entschluß gekommen war, es mit Frau Caroline zu versuchen, war die zweite Frage an ihn herangetreten. Wie fängst du das an?

Es fehlte ihm wirklich an Mut, obgleich er jeden ausgelacht hätte, der das zu behaupten wagte.

Aber dennoch war es so.

Einmal versuchte er, an "Ihre Wohlgeboren" zu schreiben. Er kam über dieAnrede "Sehr geehrte Frau" und den Anfang "Da ich mir nunmehr in derLage befinde," nicht hinaus.

Die Negendank störte ihn, trotzdem er sich aus Furcht vor ihr in derFutterkammer eingeschlossen hatte. Tante Tille hatte trotz ihrerTaubheit schon von seinen Heiratsplänen munkeln hören und war derentschiedenste Gegner solcher "Verrücktheit".

So warf er eilig den angefangenen Brief in die Futterkiste, die er als Schreibpult benutzt hatte, und öffnete der Klopfenden. "Dat togt so bannig," schrie er ihr ins Ohr, als sie sich wunderte, daß er sich einschloß.

Da machte ein Zufall allen Schwierigkeiten ein Ende. Tetje Jürgens, sein guter Freund, hatte einen klugen Einfall.

In Tetjes Wirtschaftskeller hatte der Zitherverein "Alpenveilchen" seinKlubzimmer. Das Stiftungsfest dieses Vereins stand bevor, und nichts warleichter, als durch Tetje Einladungskarten für Beuthien und dieWittfoth zu erlangen.

Wie alljährlich, sollte eine gemeinsame Ausfahrt in offenen Breaks die Gesellschaft ins Grüne führen, und da müßte es doch eigen zugehen, wenn sich an einem solchen Tage keine Gelegenheit zu einer Annäherung finden würde.

Wirklich erwies sich Tetjes Idee als vortrefflich. Frau Caroline nahm freudig die Einladung an, die ihr in unauffälliger Weise von Tetjes Frau überbracht wurde, als diese ein Paar Kindersöckchen für ihr Jüngstes kaufte.

So was wäre ihr lange nicht geboten, wann käme sie mal ins Grüne, meinte die Geschmeichelte.

Nebenbei war sie glücklich, nun mit gutem Grund von einer Wasserpartie nach Buxtehude, zu der Hermann sie und die Mädchen eingeladen hatte, zurücktreten zu können. Sie hatte eine unüberwindliche Furcht vor dem Wasser.

In vier offenen, mit Guirlanden und bunten Fähnchen geschmückten Breaks fuhr die vergnügte Gesellschaft am Stiftungssonntag schon früh morgens um sechs Uhr von Tetjes Lokal ab, Herren und Damen, größtenteils junge Leute. Die "aktiven" Mitglieder hatten die Kästen mit ihren Instrumenten vor sich auf den Knieen oder hatten sie unter die Sitze geschoben. Das Festprogramm schloß auch einige Konzertvorträge ein.

Es machte sich von selbst, daß die paar älteren Leute in derGesellschaft in einem Wagen zusammenfuhren, und unter ihnen wiederBeuthien, als einziger Witwer, und die Dame seiner Neigung, als einzigeWitwe, zusammengeführt wurden.

Frau Caroline hatte ihre beste Garderobe angelegt, ein leichtes schwarzes Spitzenkleid mit glitzerndem Perlenfichu. Ihr besonderer Stolz war ihr neuer Sommerhut, aus dessen Garnitur zarter schwarzer Spitzen sich ein Sträußchen lila Phantasieblumen wirkungsvoll abhob.

"Kieck, wo stuhr se sik höllt, as'n Hahn", hatte Tetje Jürgens sie beimEinsteigen gehänselt.

Auch Beuthien hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet. Sein grauer, etwas borstiger Kinnbart war sauber gestutzt, und auf der weißen Piquéweste prunkte die schwere goldene Uhrkette, auf deren Besitz er sich etwas einbildete.

Die Fröhlichkeit war schon vor der Abfahrt eine allgemeine gewesen, und sie steigerte sich während der Fahrt unter dem Einfluß des heiteren, sonnigen Wetters, das einen schönen Festtag versprach. Gesang und allerlei Neckereien würzten die Unterhaltung, und schon unterwegs wurden Beuthien und Frau Caroline im Scherz als das behandelt, was als ernstes Ziel ihm wenigstens dann und wann mit beängstigender Deutlichkeit vor Augen schwebte.

Der Endpunkt der Fahrt war eine hinter Wandsbek gelegene Waldwirtschaft.

Eine festlich geschmückte Tafel unter hohen Bäumen, mit freiem Blick auf eine buschumsäumte Wiese, empfing die Gesellschaft.

Herr Bierwasser, als Präses, begrüßte die Festgenossen mit einer wohlgesetzten Rede. Er sprach von den erhebenden Gefühlen, die die Brust eines jeden beseelen müßten, wenn er der Bedeutung dieses Tages gedächte.

"Vor fünf Jahren, meine Damen und Herren, meine Freunde und Festgenossen, vor fünf Jahren erblickte unser bescheidenes Alpenveilchen zum ersten Mal das Licht der Welt."

Bravo! Sehr gut. Donnernder Beifall.

"Bleiben wir den hohen Zielen treu, die wir uns gesteckt haben. Ich meine die edle Musika, die unsere Herzen erhebt und erfrischt nach des Tages Last und Mühe."

Bravo! Bravo!

"Darum, meine lieben Freunde und Festgenossen, und auch sie, meine verehrtesten Gäste, erlauben Sie mir und fordere ich sie auf, mit mir in den Ruf einzustimmen: Der Zitherklub Alpenveilchen von 1876, er lebe hoch!"

"Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!" sang die ganzeGesellschaft, stehend, die Gläser in der begeistert erhobenen Rechten.

Es war zu schön.

Frau Caroline, die auch als Tischherrn den alten Beuthien hatte, war ganz "in ihrem Fett", wie sie sagte. So was möchte sie für ihr Leben gern.

Unter den Bäumen waren verschiedene automatische Apparate aufgestellt. Ein Chocoladenautomat und einer für Cigarren, ein Elektrisierapparat und einer, an dem man seine Kraft erproben konnte, während ein benachbarter Gelegenheit gab, das Körpergewicht vor und nach dem Festmahl zu bestimmen, "wonach der Wirt das Couvert berechnet," wie ein schelmischer Jüngling witzelte.

Die Wittfoth stellte fest, daß sie in einem halben Jahr fünf Pfund zugenommen hätte. Wovon, wüßte sie nicht. Appetit hätte sie gar nicht, und dann die Arbeit von morgens bis abends, und selbst in der Nacht fände sie nicht einmal ihre Ruhe. Dann gebe es erst recht tausenderlei zu bedenken, wozu der Tag keine Zeit gelassen.

"Na, freuen Sie sich", meinte Tetje Jürgens, "wenn Sie von's Rumarbeiten all fett werden, würden Sie von's Nichtsthun ja woll der leibhafte Globus werden, und dann is es aus mit die Lebensfreuden".

Alles lachte, und Frau Caroline gab ihm kokett einen Klaps mit demSonnenschirm.

Beuthien erprobte seine Kraft an dem automatischen Kraftmesser und stellte noch manchen jüngeren in den Schatten, nur Tetje mit seinen großen Händen war ihnen allen überlegen.

Die Frauenzimmer drängten sich um den Elektrisierapparat. Das Kribbeln in allen Nerven schien ihnen Vergnügen zu bereiten. Das war ein Schnattern und Kreischen. Nur die Wittfoth getraute sich nicht heran.

Winchen Studt, eine achtzehnjährige blasse Schönheit mit Stumpfnase, ließ sich von ihrem Verlobten, einem Zeichner am Stadtbureau, mit Chocolade füttern. Sie war eine wichtige Persönlichkeit heute, denn sie sollte noch etwas vortragen.

Auf der Wiese lockten Schaukel, Turngeräte und eine Bergbahn.

Namentlich die letztere übte eine große Anziehungskraft auf die Damen aus. Selbst die Wittfoth konnte nicht widerstehen und rutschte in Gesellschaft Beuthiens, ohne den sie sich es nicht getraute, einige male unter Gekreisch hin und her.

Es war zu schön, wirklich zu schön, wie sie alle Augenblicke versicherte.

Und dann später das Konzert im Saal. "Des Schweizers Heimweh", von achtZithern vorgetragen, erntete den größten Beifall. "Entzückend" spielteHerr Cäsar Puhvogel "des Aelplers Liebesklage" auf der Elegiezither.

Die größte Bewunderung aber fand Herr Süß für den Vortrag des beliebtenLiedes "Im tiefen Keller sitz ich hier".

In allen Gesangvereinen sprach man von dem phänomenalen Baß des HerrnSüß.

Wie Orgelton und GlockenklangErtönet unseres Süß' Gesang

hatte einmal ein Lobredner auf ihn getoastet.

Auch Winchen Studt, im weißen Kleid mit Rosaschärpe, deklamierte "Des Sängers Fluch" von Uhland sehr brav mit Verständnis und Gefühl. Besonders der Schluß verursachte den Empfindsameren unter den Hörern eine leise Gänsehaut. Wie mit Grabesstimme recitierte Winchen: "Versunken und vergessen, das ist des Sängers Fluch," mit bedeutungsvollem, fast schmerzlichem Verweilen auf der ersten Silbe des "Sängers."


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