Einen solchen Genuß hatte Frau Caroline lange nicht gehabt.
"Wer hätte das dem Mädchen angesehen", meinte sie, "und dann das Ganze, die vielen Zithern. Und was'n Stimme, Herrn Süß seine, die war ja woll was für Pollini."
Als man den Saal verließ, wartete draußen eine neue Ueberraschung der Gesellschaft. Buntfarbige Lampions waren unter den hohen Bäumen angebracht und gewährten einen reizenden Anblick. Auf der Wiese aber hatte sich das als "Ehrengast" anwesende Soloquartett des Gesangvereins "Unentwegt" aufgestellt, und feierlich klang es von dort herüber: "Das ist der Tag des Herrn."
Den Schluß des Festes machte ein Tänzchen, das jedoch mit einerPolonaise im Freien, durch das "stickendüstere" Gehölz eröffnet wurde.Jeder bekam eine Stocklaterne, die Herren aus rotem, die Damen ausweißem Papier.
"Wi sünd Hanseaten," erklärte Tetje.
Wie schön war das alles, wie wunderschön.
Sonne, Mond und Sterne,Ich geh mit meiner Laterne.Aber so ein kleines LichtLeuchtet in die Ferne nicht.
Herr Mehlberg, Winchen Studts Verlobter, hatte seine Braut bei einerBiegung, wo er sich ungesehen glaubte, geküßt. Aber es war bemerktworden, und ein Kichern und Witzeln lief durch die ganze Kette derPromenierenden.
Das führende Paar nahm im Übermut den Weg durch einen trockenen Graben.Das war ein Gespringe und Gehüpfe, ein Gekreisch und ein Gelächter.
Frau Caroline getraute sich nicht die ziemlich steile Böschung hinunter.Aengstlich trippelte sie und hob ihr Kleid.
Im Graben aber stand Beuthien mit seiner Laterne und sang: "Komm herab, o Madonna Therese", zum Gaudium der nachdrängenden. Endlich nötigte er mit einem festen Griff die Aengstliche zu einem ungewollten Hopsen, und weiter ging's unter Lachen und Scherzen.
Nein, so was Schönes war noch nie dagewesen. Frau Caroline stand nicht allein mit diesem Urteil.
Und dabei war es so "gruselig" in dem dunklen Wald.
"Hier sind doch keine Schlangen?" fragte die kleine Frau einmal furchtsam.
"Ne, aber Katteker," versetzte der unverbesserliche Tetje.
Längst lag Frau Caroline schon in den Federn, als durch ihre Träume noch immer die Lampions wie große Leuchtkäfer huschten.
"Nein, was ich mich gestern amüsiert habe, sagen kann ich es nicht," sagte sie am folgenden Morgen zu Therese und Mimi. Acht Tage, acht Wochen später, sprach sie noch mit derselben Wärme von diesem wundervollen Tag, und je weiter er zurücklag, desto geneigter war sie, ihn als einen der schönsten ihres Lebens zu preisen.
Auch für Therese und Mimi war dieser Sonntag ein amüsanter gewesen.
Hermann hatte sich frühzeitig genug eingestellt, um noch der Tante einenGruß mit dem Taschentuch nachwinken zu können.
Das Dampfboot nach Buxtehude fuhr erst um halb neun Uhr von derLandungsbrücke in St. Pauli ab. Ohne zu eilen, konnte man sich mit derPferdebahn dorthin begeben.
Schon beim Betreten des Schiffes geriet man in eine muntere Gesellschaft. Ein mittelgroßer Herr mit breitrandigem Panamahut, weißem Leinenrock, grauem Beinkleid und leichten gelben Lederschuhen bildete den Mittelpunkt einer Gruppe rauchender, schwatzender und sehr aufgeräumter junger Herren. Die Ankunft Hermanns und der Damen unterbrach die Unterhaltung. Mimi zog sofort alle Blicke auf sich. Die Herren lüfteten die Hüte und gaben mit übertriebener, geckenhafter Höflichkeit den Weg frei.
"Ah, Fräulein Kruse," rief plötzlich der Herr in Weiß überrascht und mit schlecht verhehlter Verlegenheit.
"Fräulein Saß, Sie auch?" wandte er sich an Therese.
"Herr Pohlenz! Gott, nein, wie komisch," lachte Mimi.
Hermann erkannte unter den andern jungen Leuten einen Bierfreund. Die Begrüßung wurde intimer, man schloß sich aneinander an und wurde nicht müde, über diese zufällige Begegnung geistvolle Betrachtungen anzustellen.
Hermann wäre lieber mit den Mädchen allein geblieben. Er sah voraus, daß Mimi ihm auf Stunden durch die Aufmerksamkeit der anderen entzogen sein würde. Keinenfalls wollte er sich in Buxtehude jener Gesellschaft anschließen. Am Bord war man ja nun einmal auf einander angewiesen.
Auch Therese war anfänglich etwas peinlich von Mimis Triumphen berührt. Sie gönnte sie ihr ohne Neid und hätte nicht ungern gesehen, sie würde so sehr von den Fremden in Anspruch genommen, daß Hermann mehr auf ihre, Theresens, Gesellschaft angewiesen wäre. Sie sah dem Eifersüchtigen schon den Mißmut an.
Seit Hermanns offenem Geständnis der Tante gegenüber, hatte Therese sich an den Gedanken gewöhnt, Mimi bereits als seine heimliche Braut zu betrachten. Es war ihr gelungen, Schmerz und Eifersucht niederzukämpfen, ein leises feindliches Gefühl gegen Mimi zu besiegen.
So ließ auch dieser Erfolg der hübschen Freundin bei der männlichen Fahrgesellschaft keine unedlen Regungen bei ihr aufkommen, obwohl sie es schmerzlich empfand, auch hier wieder zurückstehen zu müssen. Erst als sie, um nicht ganz übersehen zu werden, ihre Stimmung meisterte, und sich unbefangen an der Unterhaltung beteiligte, als man auf ihre oft treffenden Bemerkungen und witzigen Einfälle aufmerksam wurde, fand auch sie ihre Rechnung bei dieser Umgestaltung des Programms, die an Stelle eines Trios eine so vielstimmige Symphonie setzte.
Die ausgeladene Höflichkeit der kleinen Herrengesellschaft war bald erklärt und begründet. Herr Pohlenz hatte in der Stadtlotterie einen namhaften Treffer gemacht, vierzigtausend Mark waren ihm zugefallen. Nun spielte der glückliche Gewinner den freigiebigen Freund und begann schon im Anfang der Fahrt alle am Bord Befindlichen, Kapitän und Schiffsvolk eingeschlossen, zu traktieren.
Hinter der Gloriole des liebenswürdigen Schwerenöters verschwand selbst in Theresens Augen die komische Figur des vertrösteten Freiers. Selbst sie fand Herrn Emil Pohlenz doch eigentlich ganz nett, und Mimi erklärte, man könne sich doch oft sehr in einem Menschen täuschen.
Das herrliche Wetter that das seine, die Fahrt durch die schmale, vielgewundene Este zu einer genußreichen zu machen. Die fetten, im schönsten Sommerschmuck prangenden Marschufer boten mannigfache, wechselnde Reize: Breite Deiche, mit üppigem Pflanzenteppich behangen: großblättriger Huflattich in wuchernder Ausbreitung, hochstielige Schafsgarbe mit ihren weißen Blütenkronen, dazwischen gestreut, wie eine Hand voll Gold, die fettigen, gelben Blüten der Butterblume. Auf grasreichen Wiesen weidende Kühe. Auf den Stegen, hinter den Hecken der freundlichen obstreichen Gärten, kichernde rotwangige Landmädchen, die Kußhände und losen Scherzworte, die ihnen die Herren vom Schiff aus zuwarfen, dreist erwidernd oder verlegen empfangend.
Ein jüdischer Handelsmann, der sich am Bord befand, machte den ortskundigen Cicerone und lobte die reiche Gegend, in der er lohnende Geschäfte zu machen pflege.
Und in der That verriet das saubere behäbige Aussehen der einzelnen Höfe sowohl, als der ganzen Dörfer, deren Rückseite sich oft bis hart an das schilfumrauschte Ufer des Flüßchens erstreckte, gediegenen Wohlstand.
Selbst Hermann verlor während der Fahrt seine Mißstimmung. Hoffte er doch auch, sich in Buxtehude mit den Mädchen verabschieden zu können.
Doch er sah sich getäuscht. Die Herren wollten die Gesellschaft derDamen nicht wieder missen, diesen selbst gefiel es nur zu gut im Kreiseso vieler galanter Ritter, und da man sich durch Annahme vielerGefälligkeiten und Liebenswürdigkeiten verpflichtet hatte, konnte auchHermann schließlich, wenn er nicht unartig erscheinen wollte, nur guteMiene zum bösen Spiel machen.
Schwer genug ward es ihm. Eifersüchtig sah er, wie Herr Pohlenz seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein Kruse zuwandte, und wie Mimi sich geschmeichelt fühlte.
Allerdings war sie dann später zartfühlend genug, Herrn Pohlenzens taktlose Aufforderung zur Mittagstafel mit einem Hinweis auf Hermanns ältere Rechte abzulehnen. Aber jener wandte sich an Therese und wählte seinen Platz so, daß er Mimi zur Linken hatte. Zwischen beiden Damen sitzend, zeigte er sich als interessanter Gesellschafter, so daß Hermann auch jetzt noch nicht zur ungeschmälerten Freude an Mimis Gesellschaft kam.
Und so blieb es. Auch für den Rest des Tages war Mimi die Königin, der alles huldigte, und das hübsche Mädchen spielte die ihr zugewiesene Rolle mit Geschick und Liebe zur Sache.
Auf der Rückkehr nach Hamburg änderte sich das Wetter. Ein leichter Regen fiel, ohne jedoch die fröhliche Gesellschaft vom Deck zu vertreiben. Man scheute die Stickluft der engen Kajüte. Die meisten, erhitzt von Wein und Frohsinn, empfanden die kleine Douche als Erfrischung. Auch Therese und Mimi blieben oben, um nicht die allgemeine Gemütlichkeit zu stören. Sie fanden genügenden Schutz hinter der Kajütenwand, und auch eine warme Decke trieb man auf, in die sich die empfindlichere Therese einhüllen konnte.
Hatte man einmal A gesagt, sollte man nun auch B sagen. Herr Pohlenz wehrte sich auch nach der Ankunft in Hamburg noch lebhaft gegen eine Trennung.
"Sie sind meine Gäste, Sie müssen bleiben," rief er. "Jetzt wird's erst fidel."
Und man blieb zusammen, hörte einige Musikstücke in Hornhardts Konzertgarten an, ging, den Widerspruch einzelner besiegend, noch auf ein Glas Bier zu Mittelstraß, einem beliebten Restaurant, und schloß endlich zu später Stunde mit einer Tasse Melange in Görbers Café.
Einige Tage später sprach man in der Nachbarschaft des Durchschnitts von nichts anderem, als von der Verlobung des alten Beuthien mit der Witwe Wittfoth, hier mit neidischer Geringschätzung, dort mit selbstbewußtem Indiebrustwerfen: haben wir es nicht gleich gesagt. Etliche gleichgiltig, als handle es sich um das Wetter, andere mit einer Vertiefung in den Gegenstand, als wäre nun die natürliche Ordnung der Dinge durchbrochen und die Erde liefe von jetzt ab anders herum.
Und man sprach nicht mehr von einem Gerücht. Es war eine Thatsache. Der alte Beuthien hatte wirklich von dem Stiftungsfest des "Alpenveilchens" den nötigen Mut mit nach Hause gebracht, und Frau Caroline hatte nach kurzem schamhaftem Sträuben, unter Hinweis auf ihr vorgerücktes Alter, ja gesagt.
"Wenn Sie es durchaus wollen, so will ich Ihrem Glück nicht im Wege sein."
So ungefähr lauteten die Schlußworte der kleinen Frau.
Hiermit war denn auch über den Antrag des Herrn Pohlenz entschieden. Die Kunde von seinem Lotteriegewinn hatte Frau Caroline allerdings wieder unschlüssig gemacht, nachdem sie sich in ihrem Hinundherwenden der Sache schon mehr für die Ablehnung entschieden hatte.
Für vierzigtausend Mark jedoch konnte man über Kleinigkeiten schon hinweg sehen.
Aber ob man mit vierzigtausend Mark nicht auch über allerlei hinweg sähe? Ueber die Witwe Wittfoth zum Beispiel? Das war eine andere Frage.
Frau Caroline war bei aller Selbstachtung doch nicht eitel genug, um das Bestechliche, was für Herrn Pohlenz in einer Verbindung mit ihr lag, in ihrer Person gesucht zu haben. Sie hatte sich keiner Täuschung hingegeben. Bei Beuthien aber war sie sicher, daß auch persönliche Neigung zu Grunde lag.
Als Herr Emil Pohlenz von der Verlobung der Witwe Wittfoth hörte, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Jetzt war er der Freigegebene, der Verschmähte.
Als er beim Lotteriecollecteur das gewonnene Geld eingestrichen hatte, wußte er, was er wollte.
"Nach reiflicher Ueberlegung und mit Bewahrung meiner vollsten Hochachtung und Wertschätzung kann ich mich der Einsicht nicht verschließen." So oder ähnlich dachte er sich den Anfang seines Briefes an die Wittfoth.
Natürlich wollte er jetzt nicht länger Stadtreisender bei Müller und Lenze bleiben. Aber bis zur Lösung seines Kontraktes mußte er noch seine Geschäftsbesuche bei der Witwe fortsetzen. Das war auch jetzt noch sehr peinlich, aber er konnte ihr doch mit dem Stolz des Gekränkten, Verschmähten gegenüber treten, eine Rolle, in welche er sich mit vierzigtausend Mark in der Tasche leicht hinein finden würde.
Ein anderes kam hinzu, das ihm den Gang nach dem Eckkeller der Wittfoth bedeutend erleichterte.
Auf der Fahrt nach Buxtehude war eine schlummernde Neigung in ihm wach geworden. Schon immer hatte er sich bemüht, dem hübschen Ladenmädchen der Witwe näher zu kommen. Aber Mimi Kruse war ihm gegenüber stets kühl bis ans Herz gewesen, ja abweisend. Ihr liebenswürdiges Entgegenkommen in Buxtehude aber hatte Hoffnungen in ihm geweckt.
Er gab sich keinen Illusionen hin. Er taxierte sie richtig. Er wußte, welcher Wind dieses Wetterfähnchen gedreht hatte. Aber er betrachtete ja selbst das Leben nur vom kaufmännischen Standpunkt. Was kostet das?
Was Mimi Kruse anbelangte, so wußte er jetzt, daß er sie sich "leisten" konnte, daß seine "Mittel" sie ihm "erlaubten". Warum sollte er sie nicht "kaufen?"
Als er die Verlobungsanzeige der Wittfoth erhalten hatte, verband er mit einem Geschäftsbesuch die Gratulationsvisite und die Erkundigung bei Mimi, wie ihr die Ausfahrt bekommen sei. Er bat um die Erlaubnis, sie einmal ausführen zu dürfen, erzählte von seinen Zukunftsplänen, ließ durchblicken, daß er möglicherweise noch eine kleine Erbschaft von einer Tante erwarten könnte, und machte einen solchen Eindruck auf Mimi, daß sie "mit Vergnügen" seine Einladung annahm.
Von jetzt ab kam Herr Pohlenz häufiger, zur Verwunderung Frau Carolinens, die jedoch nicht lange im Unklaren über die Veranlagung zu diesem Geschäftseifer des Stadtreisenden blieb.
Sie war beleidigt von dem Gleichmut, mit dem Herr Pohlenz ihren Verlust, den Verlust seines "ganzen Lebensglückes," wie er es damals nannte, ertrug, und war entrüstet über Mimi.
Hatte diese nicht Hermann "Avancen" gemacht? Und nun band sie mit diesem Gecken an, weil er Geld hatte.
Was würde Hermann sagen, der arme Junge. Sie mochte gar nicht daran denken. Wenn nicht in diesen Tagen ihre Verlobungsfeier stattfinden sollte, an der sie nur vergnügte Gesichter um sich sehen wollte, so würde sie Hermann schon jetzt die Augen öffnen. Aber nachher sollte er auch keinen Augenblick länger über Mimis Doppelspiel im Dunkeln bleiben.
Dem Mädchen selbst wagte sie keine Vorwürfe zu machen. Es war ihr peinlich, sich darein zu mischen. Wenn sie nun die Entrüstete spielen wollte, sähe es nicht aus, als ob sie sich über den Entgang der vierzigtausend Mark ärgerte? Wie Neid, Mißgunst?
Nein, sie ließ der Sache ihren Lauf. Mochte Hermann sehen, wie er mitMimi fertig würde. Im Grunde wäre es ja nur ein Glück, wenn er diesePerson nicht bekäme.
"Stich hält sie doch nicht," schalt sie bei sich.
Hermann hatte nach der Buxtehuder Tour einige mißvergnügte Tage. Mimis freies Benehmen, ihre Liebenswürdigkeit gegen Pohlenz, über den sie doch sonst bei jeder Gelegenheit die Schale ihres Spottes ausgoß, hatten ihn tief verstimmt. Immer mehr kam er zur Erkenntnis ihres oberflächlichen Charakters. Aber ihrem sinnlichen Reiz konnte er sich nicht entziehen. Seine Eifersucht blendete seinen klaren Blick und verwirrte seine Entschlüsse.
Dieser faden, beschränkten Krämerseele sollte er weichen?
Statt den Kampf mit dem Verachteten aufzunehmen, zog er sich erbittert zurück, und glaubte, Mimi durch Vernachlässigung strafen zu können. Aber diese Strafe traf nur ihn selbst. Er litt sehr. Er sehnte sich, sie zu sehen, sich auszusprechen. Doch wann würde er sie bei der Tante einmal sprechen können, ohne Störung?
So wollte er sie denn um eine Zusammenkunft bitten.
Aber wenn sie merkte, was er wollte, und nicht käme?
Das beste wäre, er spräche sich gleich brieflich mit ihr aus.
Und so schrieb er denn:
Liebes Fräulein!
Die Gefühle, die mich beseelen und die ich nicht länger zum Schweigen verurteilen kann, drücken mir die Feder in die Hand. Habe ich nötig, das noch auszusprechen, was Ihnen, ich weiß es, schon lange kein Geheimnis mehr sein kann?
Mein ganzes Benehmen gegen Sie muß Ihnen längst bewiesen haben, wieunaussprechlich ich Sie liebe, und daß es das höchste Ziel meinesStrebens, das Glück meines Lebens ist, Sie, teuerste Mimi, mein eigennennen zu dürfen.
Ich wollte noch bis Michaelis warten, bis zur Aufbesserung meines Gehaltes, ehe ich Sie vor die Entscheidung stellte. Aber der Kopf denkt, und das Herz lenkt. Und mein Herz gehört Ihnen, hochverehrtes, inniggeliebtes Mädchen, wie auch immer Ihre Antwort ausfällt.
Verschmähen Sie meine Liebe nicht, werden Sie mein, und machen Sie namenlos glücklich
Ihren hoffenden
Hermann Heinecke.
Als Mimi den Brief las, überkam sie zuerst das Gefühl einer großenBestürzung. Nun ward es ernst.
Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort.
Sie las zum zweiten Mal und ward nun gerührt. Er war doch ein guterMensch. Namenlos glücklich sollte sie ihn machen.
Mein Gott, es ist doch etwas Schönes um die Liebe. Sie barg den Brief in ihrer Tasche und brach in ein unterdrücktes Schluchzen aus.
"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemütes überraschte.
"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi.
"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline.
"Das nicht," war die Antwort.
"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," tröstete die Wittfoth.
"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thränen getrocknet hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem."
"Na, Fräulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so schlimm?"
"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu.
"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmütig."Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklärte Mimi.
Und am selben Abend schrieb sie an Hermann:
Geehrter Herr Heinecke!
Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben berührt hat, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewiß, daß Sie eine Frau so glücklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich nach reiflicher Erwägung zu dem Entschluß gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu können, so gerne ich dieses auch möchte.
Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Sünde, wenn ich ja sagen wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich leid, Ihnen weh thun zu müssen, aber es giebt ja noch ganz andere Mädchen, als ich eine bin, und Sie werden gewiß noch einmal so glücklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wünscht Ihnen von Herzen
Ihre Mimi Kruse.
Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Höherschrauben der Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen befleckt.
Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihrSchreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einigevergessene U-striche hinein. Dann schloß sie den Brief in ein Couvert.Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie öffnete es wieder.
"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so gütig waren mir zu schenken", fügte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu behalten. Nochmals meinen besten Dank für alles Gute."
Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift.
Herrn VolksschullehrerHermann Heineckep. Adr.: Frau Ww. ThielemannHierselbst.Raboisen 27, III.
Das große Sommerrennen in Horn hielt die ganze sportfreundliche WeltHamburgs in Aufregung. Es waren besondere Festtage auch für alle dieStraßen, durch welche die teilweise glänzende Korsofahrt nach und vondem Rennplatz ihren Weg nahm.
Auch in der Gärtnerstraße waren alle Fenster, Balkons und Verandas mitSchaulustigen besetzt. Auch die Wittfoth hatte Stühle und Schemel vorihre Ladenthür auf das Trottoir gestellt, für sich und die beidenMädchen.
Hermann, der sonst an einem dieser Tage zu kommen pflegte, war ausgeblieben. Er hatte sich überhaupt lange nicht bei der Tante sehen lassen, zu deren und Theresens großer Verwunderung. Nur Mimi wußte, warum er nicht kam.
Sie fühlte keine Reue über ihre Ablehnung seiner Werbung. Sie hatte sich nach Fertigstellung ihres Briefes, dessen nach ihrer Meinung elegante Redewendungen ihr nicht leicht geworden waren, mit dem Gefühl zur Ruhe gelegt, als hätte sie etwas Rechtes, etwas Großes gethan.
Am nächsten Morgen hatte sie nur noch das eine Gefühl der Neugier: Was wird er wohl sagen? Was wird er nun thun?
Pohlenzens Bemühungen um sie fanden einen fruchtbaren Boden. Schnell schoß das neue Verhältnis unter dem befruchtenden Segen der vierzigtausend Mark in die Halme, das bescheidene Grün der alten Beziehungen zu Hermann überwuchernd und erstickend.
Mimi hatte zum zweiten Renntag, dem Sonntag, eine Einladung von Pohlenz angenommen. Sie hatte am ersten Tag Hermann in Begleitung einiger Freunde vorbeifahren sehen, hatte jedoch Therese und deren Tante nicht auf ihn, der sich wie absichtlich abwandte, aufmerksam gemacht.
Ob sie ihn wohl auch am Sonntag auf dem Rennplatz treffen würde? Sie wünschte es beinah. Es wäre pikant. Auf jeden Fall würde sie an der Seite ihres neuen Verehrers dem Abgedankten imponieren.
Pohlenz wollte ein Cabriolet nehmen und selbst fahren. Hermann hätte sich das nicht leisten können, hätte auch wohl kaum zu fahren verstanden.
Den ganzen Tag lag ihr nichts mehr im Kopf, als diese mögliche Begegnung zwischen ihr und Hermann. Wie eine Theaterszene malte sie es sich aus.
Sie war nie beim Rennen gewesen und brannte vor Ungeduld. Sorgfältig beobachtete sie die Insassinnen der vorüberrollenden Equipagen und Mietsfuhrwerke und dachte sich an deren Stelle, vornehm nachlässig zurückgelehnt, chic gekleidet, alle Blicke auf sich ziehend.
Pohlenz hatte ihr ein neues Kostüm geschenkt, in dem sie ohne Frage gefallen würde. Sie hatte nach kurzem Bedenken diese "kleine Aufmerksamkeit" von ihm angenommen.
Ihn hatte sie gebeten, sich zu kleiden, wie damals in Buxtehude, und geschmeichelt hatte der überaus Eitle es versprochen. Er hatte ihr zu sehr in diesem Anzug gefallen. Er hatte so etwas exotisches darin. Reiche Brasilianer und indische Nabobs, Helden früher von ihr gelesener Romane, lebten in ihrer Erinnerung auf. Der tief brünette Pohlenz mit dem großen Panamahut, dem weißen Röckchen, eine seiner feinen Cigaretten rauchend, eigenhändig den schlanken Traber lenkend, sie neben ihm im neuen Kostüm, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem Bilde zurück.
Da fuhr Hermann vorüber in einer gewöhnlichen Droschke, etwas krumm, vornübergeneigt, wie immer, wenn er es sich bequem machte Er sah sehr blaß aus, wie übernächtig. Auch die drei Herren neben ihm waren keineswegs elegante Erscheinungen. Der eine erregte sogar ihre Heiterkeit durch eine geschmacklose kirschrote Krawatte.
Wie gewöhnlich das ganze Fuhrwerk aussah. Sie möchte sich nicht darin unter diese eleganten Equipagen mischen.
Hermann hatte Mimi schon von weitem auf ihrem Schemel stehen sehen, neben seiner kleinen Tante, die einen Stuhl erklettert hatte, um besser sehen zu können. Rechtzeitig wandte er sich ab, um nicht ihrem Blick zu begegnen.
Ihre Absage hatte ihm sehr weh gethan. Er liebte sie wirklich und konnte sie nicht vergessen. Selbst der ungebildete Stil ihres Schreibens, der kleine grammatikalische Schnitzer, beleidigten ihn nicht. Es war ihm ja nicht unbekannt, daß ihre Bildung keine lückenlose war, ihr Charakter nicht ohne Schwächen. Aber welches Weib hat nicht seine Schwächen. Vom Weibe verlangt man etwas anderes, als Charakter und Grammatik. Eine vollkommene Frau hätte ihn gar nicht gereizt. Er hatte es sich so schön geträumt, Mimi allmählich zu erziehen, zu veredeln, die schlummernden guten Anlagen zu wecken.
Der Traum war aus.
Hermann mied das Haus der Tante seit Mimis Brief. Er suchte Zerstreuung und überredete auch seine Freunde, gemeinschaftlich das Rennen zu besuchen. Er hoffte die Geliebte dort oder beim Vorüberfahren zu sehen. Er malte sich eine Begegnung aus: Kühler, höflicher Gruß von seiner Seite, mit einem leisen Anflug von Schmerz. Farbe der Resignation. Männliche Gefaßtheit. Sie errötend, dann erblassend, mit dem bekannten schnippischen Wurf ihres hübschen Köpfchens die Sache schnell und geringschätzig abthuend.
Einen Augenblick hatte er geglaubt, das Spiel noch nicht verloren geben zu sollen. Mimi würde sich wohl noch besinnen, er müsse ihr Zeit lassen. Sie wäre auch gar zu wenig vorbereitet gewesen.
Vielleicht bedauerte sie schon ihre Abweisung seines Antrags, der nur edle selbstlose Motive zu Grunde lagen. Das Leben ist so furchtbar ernst, hatte sie geschrieben. Sie war nicht schlecht, sie hatte ein gutes Herz. Vielleicht empfand sie auch selbst ihre Unbildung und glaubte, nicht für ihn zu passen. Und er sah sie in Gedanken blaß, traurig, weinend in ihrem engen Stübchen sitzen, das ihm immer ihrer so wenig würdig vorgekommen war.
Aber solchen Illusionen konnte er sich nicht länger hingeben, seitdem ihm einer seiner Freunde auf Ehre versicherte, Mimi mit Herrn Pohlenz Arm in Arm, im Zoologischen Garten getroffen zu haben.
Also doch! Im Grunde glaubte er ja auch selbst nicht an seine Beschönigungen. Warum sich belügen? Sie war eine Kokette, seiner nicht wert. Er mußte sie vergessen.
Als er sie jedoch am zweiten Renntage auf dem Rennplatz wieder traf, an der Seite des verachteten Nebenbuhlers, entflammte aufs neue der heftigste Schmerz in ihm.
Mimi sah auch entzückend aus. Er hatte sie nie in diesem Kostüm gesehen.Es musste ganz neu sein und schien ihm über ihre Verhältnisse zu gehen.Sollte sie sich bereits von dem Probenreiter kleiden lassen?
Mimi trug ein enganschließendes, taubengraues Kleid von vornehmerEinfachheit. Eine leuchtende rote Rose schmückte die anmutig volleBüste. Ein kleiner runder, grauer Herrenfilz mit weißem Taubenflügel saßkokett auf dem hübschen Blondkopf.
Und nichts von Trauer, Gedrücktheit oder Nachdenklichkeit lag auf diesem frischen, lebhaften Mädchengesicht. Das war ganz die muntere, sorglose, genußfreudige Mimi, die ihn immer so bezaubert hatte mit ihrer Lebenslust.
Er mußte sich zusammennehmen, damit der aufwühlende Schmerz ihm keine Thränen entlockte, der Schmerz und die Wut auf den verhaßten Sieger. Er trennte sich von den Freunden, um aus Mimis Nähe zu kommen.
Die Tribüne verlassend, traf er auch die Behnsche Familie, die vom Wagenaus dem Derby zusah. Er grüßte hinauf, ohne von den ganz von derSportlust in Anspruch Genommenen einen Gegengruß zu erhalten. Nur vonLulu erhaschte er einen matten, ausdruckslosen Blick.
Es fiel ihm auf, wie blaß das Mädchen aussah, fast leidend.
Seit ihrer Tanzbodenbegegnung hatte er Lulu nur dann und wann flüchtig am Fenster gesehen, von der Wohnung der Tante aus. Er hatte sich damals seine eigenen Gedanken über sie gemacht, nicht zu ihrem Vorteil. Er hatte keine hohe Meinung von ihr. Ein leichtsinniges Mädchen, das sicher auch andere Vergnügungen nicht verschmähen würde, wenn es sich nicht für zu gut hielt, mit diesem Droschkenkutscher die Tanzböden zu besuchen.
Auch in dem kleinen Kreis der Tante Wittfoth herrschte keine andere Ansicht über Lulu. Er hatte immer nur geringschätzig über sie sprechen hören.
Was stimmte ihn nun auf einmal so günstig für das Mädchen? Wie Mitleid überkam es ihn. Sie hatte so bedrückt, so unglücklich ausgesehen.
Seine Einbildungskraft suchte nach Ursachen, anknüpfend an jenes Ottensener Abenteuer und auf dem Faden ihres Verhältnisses zu Beuthien allerlei romantische Vermutungen aufreihend.
Er wird sie betrogen haben, dachte er, und lachte bitter auf: Tout comme chez nous, mit vertauschten Rollen.
Es that ihm wohl, eine Leidensgefährtin in Lulu zu haben, wenn auch nur in seiner Einbildung. Er wog Lulu gegen Mimi und gab ihr den Preis vor dieser, mit einer Art schmerzlichen Wollustgefühls befriedigter Rache.
Lulu war ihm das Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, Mimi eine herzlose, oberflächliche Kokette, eine käufliche Dirne.
Ja, eine Dirne war sie, verkauft hatte sie sich diesem Affen, diesemKnopfkrämer.
Wie ekel war ihm das Leben, wie schal, wie kindisch erschien ihm das ganze Treiben hier, diese Hetzjagd um den Preis, dieses Wetten und Spielen.
Er kam sich einsam unter der Menge vor. Er strebte dem Ausgang zu.
Da ward ihm ein Gruß.
Es war Beuthien, der mit anderen Rosselenkern zusammenstand, jeder ein halbgeleertes Bierseidel in der Hand, fachmännische Gespräche mit derben Witzen würzend.
Wie roh sahen die Leute aus. Selbst Beuthien, der alle um Haupteslänge überragte, von Hitze und Biergenuß gerötet, stieß ihn ab. Lulus Geschmack war ihm unverständlich.
Und doch, was wollte er denn?
Kaufkraft und Muskelkraft, das sind ja die Kräfte, vor denen die WeiberRespekt haben.
Lulu Behn hatte sich vergeblich gesträubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie hatte Kopfschmerz vorgeschützt, ihr häufiges Uebel, aber der Vater hatte es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gäbe sich unterwegs, in frischer Luft, am besten.
So gutmütig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Härte gegen kleine körperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst übte.
Lulu, um nicht unnötige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Gründen gefährlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke neben der Mutter ein, während Paula mit dem Vater auf dem Rücksitz Platz nahm.
Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre häufigen heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst.
Nach jenem Besuch des Horner Wäldchens hatten sie sich erst einmal wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schämte sich vor ihm. Dieses eine Mal aber mußte sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie befürchtete.
Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschläge gegeben und dieGeängstigte beruhigt.
Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie gefaßter. Beuthien würde sie nicht sitzen lassen, er würde sie heiraten.
Heute aber fuhr sie mit der Gewißheit des ihr Bevorstehenden durch die bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der nach dem Schauplatz seiner That geführt wird.
Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal errötet war er, als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen stieg. Und wie gleichmütig er dort oben auf dem Bock saß, und wie sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte.
Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen schloß und sich erblassend zurücklehnte.
"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit derPferdebahn zurückfahren."
Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe hatte sie geärgert, und sie wollte es ihm nachthun.
Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes Wäldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es über die welligen Felder hinweg.
Ob er hinüber sah?
Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick für die Umgebung. Er mußte seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten.
Sie aber mußte immer wieder hinüber sehen nach dem schwarzen Fleck dahinten, über dem jetzt eine einzelne weiße Wolke, wie ein fabelhaftes Ungetüm, schwebte.
Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean.
Ein wunderliches, nie gekanntes Gefühl der Vereinsamung überkam Lulu.Mühsam beherrschte sie sich.
"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula.
Lulu schrak zusammen.
"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so."
Sie wußte es kaum, daß sie beständig dort hinüber starrte.
"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das frischt ihr auf."
Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurückschicken, Beuthien sollte dann zum Schluß des Rennens zurückkommen.
Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis wäre sie jetzt mit ihm allein gefahren.
Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht über sie begann sich seit ihrer letzten Unterhaltung zu regen.
Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als sähe sie schärfer, wie durch ein Vergrößerungsglas.
Zuerst fielen ihr die vielen Fältchen unter den Augen auf, und das häufige nervöse Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhöhung auf dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte, drängte sich ihren Augen förmlich auf. Die breite Hautfalte über dem kräftigen gebräunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales.
Sie hatte während der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte ansehen müssen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes.
Wie garstig!
Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem flüchtigen Blick vom Wagen aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine überlegenen Kräfte anstrengungslos brauchte, fühlte sie sich wieder auf seinem Arm, wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine glühende Welle stieg das alte Gefühl für ihn wieder in ihr auf.
Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschäftigt. Die vorgeschützten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt, infolge der Gemütsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde herrschte. So war sie froh, als man sich für den Heimweg rüstete.
Auf der Rückfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags ausgehalten, und das genossene Getränk hatte namentlich auf Paula seine erregende Wirkung nicht verfehlt.
Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu dürfen, und der alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes für sich allein benutzen zu können.
Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen Anregungen beständig im Schwätzen mit Beuthien, der sich an dem Mädchen ergötzte, das ihn oft mit so eigentümlichen leuchtenden Blicken anblitzte.
"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit."
Der große, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem weißen, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn nicht auf die Dauer reizten.
Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden rotenBluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weißen Strohhutes.
"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot.
Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward plötzlich eifersüchtig.
Es war nicht Paula, "das dumme Gör", die sie fürchtete, aber in der Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr möglicherweise von anderer Seite drohen könnte.
Wenn Beuthien sie verließe?
Wieder kam einer jener Momente über sie, wo sie mit grauenhafterDeutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau,Kutschersfrau.
Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, würde ihr Vater ihn zwingen?Würde er ihn als Schwiegersohn anerkennen?
Sie schloß die Augen, als könne sie sich dadurch gegen allesWiderwärtige absperren.
Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen, wie es ging.
Aber dann störte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer "brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre Droschke überholten, musterten fast auffällig das blasse Mädchen in der weißen, gürtelumschlossenen Bluse, das mit so müden Blicken vor sich hinstarrte.
Lulu hatte kein Auge für die Herren. Sie war ganz mit sich beschäftigt. Etwas wie Haß auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit ihrem naiven Geschwätz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fuß in dem verbotenen Garten, von dessen Früchten sie selbst bereits genascht hatte.
Ein häßlicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen, höhnischen Blick aus.
Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt.
Fräulein Mimi Kruse machte nach den Renntagen ihre Verlobung mit HerrnEmil Pohlenz bekannt und kündigte ihre Stellung bei der Wittfoth.
"Hab ich's nicht gleich gesagt?" meinte die Tante. "Mir such einer was zu verheimlichen."
"Es war vorauszusehen", betätigte Therese. "Wenn sie sich leiden mögen, kann man sich ja nur darüber freuen."
"Meinen Segen haben sie", sagte die Wittfoth. "So eine, wie Mimi, bekommen wir schon wieder."
"Na", zweifelte Therese. "Mimi war doch eigentlich im Geschäft recht tüchtig."
"Alles was recht ist", gab die Tante zu. "Das heißt, vergeßlich ist sie doch man, und nachräumen muß man ihr alles."
"Ja, wo findest du eine ohne Fehler, liebe Tante." Ein häßlicher Husten, der sie seit der Buxtehuder Ausfahrt quälte, unterbrach stoßweise Theresens Worte.
"Das ist auch man ebenso viel, zu ersetzen ist jede", behauptete FrauCaroline. "Mich ärgert man bloß, daß das dumme Ding solch Glück hat.Aber man ist ja wohl eigentlich schlecht, so was zu sagen. Ich meineauch man bloß. Ich will ihn ihr nicht nehmen, und wenn sie ihn auf'nTeller bringt."
"Du hast ja schon Dein Teil", lachte Therese. "Am Ende hätte ich nochOnkel Pohlenz sagen müssen. Da ist mir doch Onkel Beuthien lieber."
"Mich amüsiert man, daß wir nun doch noch 'ne Doppelverlobung zu Stande gekriegt haben. Nu mach auch man Anstalten", meinte die Wittfoth.
"Ich werde Wilhelm einen Antrag machen", scherzte Therese etwas verlegen. Die unzarte Bemerkung der Tante that ihr weh, für sie war ja das Verloben und Heiraten "nicht erfunden", sie durfte zusehen.
Und doch war sie ebenso liebebedürftig, hatte ein ebenso empfänglichesHerz, wie Mimi und die so viel ältere Tante.
Ihre Neigung zu Hermann brannte wie eine Kerze, mit gleicher, ruhiger, sanfter Flamme, sich selbst verzehrend.
Zu stolz und zu klug, sich Illusionen hinzugeben, hatte sie ein für allemal auf Liebesglück verzichtet, wenigstens sich mit dem begnügt, das auch unerwiderte Liebe zu bieten vermag.
Sie hatte, fast zu frühzeitig, doch ihre Stunden waren ja sehr in Anspruch genommen, eine Handarbeit zu Hermanns nächstem Geburtstag angefangen, sein Monogramm in Gold, umrahmt von einem Veilchenkranz in blauer Seide. Auf schwarzem Atlas gestickt, sollte das Ganze einem Taschenbuch zur Zierde gereichen.
Emsig arbeitete sie daran, und die Liebe machte ihre solcher feinenArbeiten ungewohnten Finger geschickt.
Wenn sie ihn doch öfter erfreuen könnte, für ihn arbeiten, sich ihm nützlich erweisen.
Als er neulich einmal, ärgerlich über seine saumselige Wirtin, der Tanteeinige Strümpfe zum Stopfen brachte, war sie erfreut gewesen, dieser dieArbeit abnehmen zu dürfen, und hatte sich in dieser fraulichenThätigkeit für den Geliebten glücklich gefühlt.
Konnte sie selbst Hermann nicht besitzen, so gönnte sie ihn doch nur einer Würdigen, und seine Neigung zu Mimi hatte nie recht ihren Beifall gefunden.
Sie war Mimi herzlich gut, ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften wegen, zu welchen auch ein rücksichtsvolles, zartes Benehmen gegen die kränkliche Freundin gehörte, aber für Hermann schien sie ihr doch nicht die rechte Frau zu sein. Schon der Unterschied der Bildung machte sie bedenklich.
Freilich, sie selbst war auch kein Kirchenlicht, aber Mimi hatte ja nicht mal fürs Lesen Interesse, und die Bücher waren nun doch einmal Hermanns Rüst- und Handwerkszeug.
So war Therese denn im Grunde nur erfreut gewesen, daß Mimi durch ihre Verlobung mit Pohlenz das Verhältnis zu Hermann endgiltig abgeschlossen hatte.
Hermann, dieser liebenswürdige, gescheute, feine Mensch, würde gewiß bald ein anderes Mädchen finden, das ihn besser zu schätzen wüßte und ihn Mimi vergessen machte.
Sie billigte es, daß er nach Empfang des Korbes stolz vermied, mit dieser zusammen zu treffen, so schmerzlich sie selbst ihn vermißte. Wenn Mimi erst aus dem Hause wäre, würde ja wieder alles anders werden. Er würde sich wieder, wie früher, ihr allein widmen, ihr vorlesen, sie belehren und fördern. Wie freute sie sich darauf.
Die Tante hatte der Verlobten etwas spöttisch gratuliert und allerleiBemerkungen von "stolz werden", "vornehme Dame" und "einfachenKellersleuten" fallen lassen, worauf Mimi ganz gekränkt ausrief: "Abernein, Frau Wittfoth, wie reden Sie nur so", und in Thränen ausbrach.
"Na, Herrjeses, was hab ich denn gesagt?" that die Wittfoth pikiert.
"Mimi vergißt uns nicht", suchte Therese zu vermitteln. "Ohne uns hätte sie ihr Glück nie gemacht. Wenn ich Herrn Pohlenz nun gekapert hätte, oder Du, Tante hättest ihn ihr weggeangelt, was denn? Mimi muß uns ewig dankbar sein."
Diese lustigen Worte brachten wieder Sonnenschein, und Mimi beteuerte, sie würde Zeit ihres Lebens an die schönen Jahre zurückdenken, die sie in diesen Räumen verlebt hätte.
"Auch an einen?" drohte Therese mit dem Finger, da die Tante das Zimmer verlassen hatte.
Mimi errötete. Dann aber legte sich eine feine Trotzfalte zwischen ihreBrauen.
"Ich konnte Herrn Heinecke nicht heiraten."
"Das muß jeder selbst wissen, liebe Mimi. Das kann niemand von Ihnen verlangen", versetzte Therese auf dies Geständnis. "Eine Ehe ohne Liebe denke ich mir entsetzlich."
"Nicht wahr?" stimmte Mimi bei. "Dazu ist das Leben doch auch zu furchtbar ernst. Wenn ich Emil nicht liebte—"
"Dann werden Sie auch gewiß glücklich mit ihm," unterbrach Therese sie schnell. "Hermann ist auch noch viel zu jung zum Heiraten", fuhr sie fort. "Ein Lehrer mit seinem kargen Anfangsgehalt sollte noch nicht daran denken."
"Das sage ich auch", eiferte Mimi. "Was kostet das nicht alles! Pohlenz sagt auch, mit dreitausend Mark möchte er nicht heiraten."
"Das kommt nun auf die Ansprüche an", meinte Therese.
"Natürlich. Mit wie wenigem kann doch der Mensch eigentlich auskommen, wenn er nur will."
"Sie werden nun Ihr gutes und reichliches Auskommen haben, liebe Mimi."
"Ja, das haben wir nachher. Emil kann es ja", sagte Mimi. "Ich hoffe,Sie besuchen uns denn auch mal."
Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit erklärlichem Eifer getroffen. Außer dem unvermeidlichen Platenkuchen hatte sie einen Puffer gebacken, groß genug, um die ganze Nachbarschaft abfüttern zu können. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei ihrem Brotträger einen gefüllten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll auch was davon haben", sagte sie.
"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese ein.
"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen muß sein", erklärte die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht."
Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermöglichen. Auch einem auswärtigen älteren Bruder des Bräutigams, der nicht früher hatte abkommen können, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern.
Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Nähe von Oldesloe, kam denn auch schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Frühzug an, mit ihm ein geräumiger Korb mit Eiern, Würsten und Speck.
"Min Lowise wär gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau."Aber de Lütt is erst veer Wochen, nu Se weten wull."
"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller."
"Jau, eenunsöstig is 'n Oeller", meinte er bedenklich.
"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline.
"Neegen Stück."
"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Küche hinein. "DenkDir, Herr Beuthien hat neun Kinder."
"Neun?" lautete die verwunderte Rückfrage.
"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnäckig belästigte, meinte der gutmütige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da könnte sie sich mal ordentlich "rausessen".
"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in dieser Hinsicht etwas empfindlich.
"Glöw ick, glöw ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de ollHosten, de geföllt mi nich."
"Ja, ich weiß gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante. "Das geht nun schon wochenlang so. Wir müssen wirklich mal nach'n Arzt schicken."
"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft möt se hebben."
"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich übel", setzte er hinzu.
"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thüren und Fenstern," erklärteTherese, "aber meine Erkältung verträgt den Zug nicht."
"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schädlich. Aber frische Luft, de hätt noch keenen Minschen umbrögt."
"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer gleich sterben, wenn ich nur mal die Thür aufmach. Mir soll's gleich sein. Ich sag nichts mehr."
Nachmittags um fünf Uhr wurde das Geschäft geschlossen, das heißt, dieVorhänge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzigeZugang zur Wohnung durch den Laden führte, mußte dieser geöffnetbleiben.
Um nun jede Störung durch Käufer fern zu halten, hatte Tetje Jürgens denVorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift:Dieses Geschäft ist heute von fünf Uhr Nachmittags an wegen Verlobungder Inhaberin geschlossen.
Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch.
Eine große Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, daßHermann zugesagt hatte, zu kommen.
Sonst waren nur noch Tetje Jürgens nebst Frau Gemahlin gebeten.
Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hieß, versprach am Abend nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem Mädchen und dem Kellner alleine überlassen mochte, für den Abend aber eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte. Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen.
Auch Wilhelm Beuthien hatte sich fürerst entschuldigen lassen müssen. Er hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen können, da es sich um gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurückzuerwarten.
Frau Caroline hatte keine Mühe gescheut, es ihren Gästen gemütlich zu machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Fädchen, jede Erinnerung an Geschäft und Arbeit, sorgfältig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen und Reseda, mit dem Therese schon am frühen Morgen die Tante überrascht hatte, prangte in einer weißen Biskuitvase inmitten der in einem Kreis arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der Zuckerschale.
Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei derReinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab,von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehäkelten Sofaschoner,Hermanns größter Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil dieTante einmal an diesem hohen Festtag sämtliche Sitzmöbel mit solchemZierat behangen hatte.
Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weißen Rosen, das der galante Bräutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem Spiegelschrank stand protzend ein mächtiger Strauß buntfarbiger Georginen, den Onkel Martin seinem ländlichen Garten entnommen hatte. Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wassergläsern kleinere Bouquets und ein vom Krämer gespendetes rosagarniertes Blumenkörbchen. Der praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas thun zu müssen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes "!Viel Glück und Heil!"
Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefüllt, die Hermann hatte besorgen müssen.
Als die kleine Gesellschaft, außer Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit Spitzen und Schleifen garniert.
Ein allgemeines Ah des Entzückens empfing die wundervoll duftende Gabe.
Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, öffnete das beigegebene parfümierte Couvert.
"Mit herzlichem Glückwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von der kleinen Elfenbeinkarte ab.
"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung überreichte er das Bouquet, dessen lautester und unermüdlicher Bewunderer.
Therese beobachtete ihn still.
Nachdem die Angriffskräfte auf die Kuchenberge erschöpft waren und auch die Unterhaltung über Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen Skat vor. Er sah wohl, daß die lange Zeit bis zum Abendessen sonst unerfüllbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen würde.
Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurück. DerCigarrenschrank wurde geöffnet, und Therese stellte einige FlaschenLöwenbier zur Hand.
Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Häkeln, Albumbesehen undKüchengesprächen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler undThorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantestenUnterhaltungsstoffes.
Die Krämersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern hätte doch wahrhaftig andere Pflichten.
Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich, Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehört, für einen ganzen Pfennig Korinthen. Daß die Person sich nicht schämte. "Und dabei thut solch Volk, als ständen sie mit'n Bürgermeister auf Du und Du."
Und als nun Frau Jürgens die "Behnsch" erwähnte, geriet Frau Caroline in eine kreiselnde Beweglichkeit.
"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehört?" "Nu lassen Sie sich aber mal erzählen." So schwirrte es durcheinander.
Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gesprächen vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung, in ihrem Urteil über Welt und Menschen übereinstimmten.
Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie sich jedoch sehr abgespannt fühlte und ihres Hustens wegen nicht viel sprechen wollte, ließ sie häufig fünf gerade sein und schwieg.
Auch das überlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhörigkeit bedingt, griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als nötig in der Küche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann besonders vom Glück begünstigt wurde.
Auch einige Käufer, die sich von den herabgelassenen Vorhängen nicht hatten abschrecken lassen, beschäftigten sie zeitweilig.
Endlich kam auch Tetje Jürgens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden nahmen die Plätze der Brüder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu den Damen zurück.
Die Gesellschaft erhielt allmählich einen immer nüchterneren Anstrich, hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, daß man zur Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, überging.
Mit einigem Geräusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer.
Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen dem kalten Aufschnitt und der süßen Speise geschickt aufgestellt und jedem Teller ein Extrasträußchen beigelegt.
Auf dem Sofa saß das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin mit Frau Jürgens, links von dem Bräutigam Tante Tille und Tetje Jürgens, neben diesem Therese, Wilhelm gegenüber, dem sein Platz neben Frau Jürgens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch, zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt des Mundschenken übertragen worden.
Frau Caroline hatte für guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzüglich und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung.
Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich, mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret die Frauen, sie flechten und weben".
Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline daraufaufmerksam gemacht werden mußte, daß ihr das Hoch gelte. WilhelmBeuthien, der im übrigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, ließ dieDamen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas.
Er möchte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen wünschen, daß es ihnen immer gut gehen möge, "in truge Fründschaft un Leev, un mit Gottes Segen."
"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Gläser aneinander klangen.
Die Stimmung ward immer gemütlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbrüderschaft getrunken.
Tetje Jürgens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll söte Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein in der Küche gekühlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten.
Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, löste sich allmählich die Zunge, da Hermann ihm fleißig einschenkte, und er rückte mit allerlei gewagten Anekdoten und Rätseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger noch überbieten zu müssen glaubte.
Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seineWahrnehmung zu.
Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen dieAchsel.
Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt von ihm, die Terrine hinaus.
"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls.
"In min Köök hebbt Se nix to söken", drängte die Wittfoth ihn zurück und schloß die Thür.
Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante noch aufgefundenen Rumflasche.
Triumphierend trugen sie die neue Füllung auf den Tisch.
Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas.
"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "für die Damens vielleicht noch 'n bischen zu feurig."
Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das bräutliche Glück und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen Augen.
"Nu Musik", meinte sie.
"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik möten wie hebben."
Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt.
"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hieß es, und Wilhelm mußte seineHandharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rückte Tische undStühle zusammen und rollte den Teppich auf.
Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann den Spreewalzer zu spielen.
Das Brautpaar eröffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau Jürgens, und Tetje zerrte die sich sträubende Tante Tille einmal durchs Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Jürgens. Therese aber stand, an den Thürpfosten gelehnt, und sah, das Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit müde flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fühlte sich sehr elend, klagte aber nicht, um die Fröhlichkeit nicht zu stören. Ihr Kopf schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen Räumen reizten.
Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, mußte sich aber noch vorher, von Abspannung überwältigt, zurückziehen.
Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwätzigkeit quälend.