Chapter 12

Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.

Aber das Buch behält dabei seinen praktischen Wert. Das gilt zumal von der Delphischen Sibylle. Diese ergreifendste und ergriffenste Figur des Meisters, dieDelphica, ist, wie ich überzeugt bin, bisher nicht richtig verstanden worden. Das sage ich nicht nur im Hinblick auf Justis „Michelangelo“, sondern auch auf Steinmanns Werk „Die Sixtinische Kapelle“. Nicht „der Mensch mit dem Buch“, der Übermensch mit dem Buch erscheint in der Delphischen Sibylle, und zwar in ganz neuer Konzeption. Die Seherin spähtmit den Augen in die Zukunft wie in die Ferne, die Lippen leise geöffnet. Ihr Mantel bläht sich im Winde, und auch ihr Haar ist vom Wind bewegt. Mit der linken Hand aber hält sie eine unbeschriebene offenhängende Rolle gewaltsam weit nach rechts hinüber, so daß der Windhauch, der sichtlich durch das Bild fährt, auch diese Rolle selbst ergreift und aufbläht. Danach ist der Sinn klar und nicht zu verkennen: der Geist Gottes ist hier der Handelnde; denn der Geist Gottes ist Hauch, ist Wind! Er schwellt Mantel und Buch zugleich. So wird die bisher leere und unbeschriebene Rolle voll des heiligen Geistes, und der Geist tut das Mirakel, das ihm zukommt, und füllt sie mystisch unsichtbar mit Worten der Verkündigung des Heils. Es ist derselbe Geist, der auch die Evangelien geschrieben.

Das ist die höchste Vergeistigung des Buches in der Kunst. Eines blieb freilich noch übrig. In Heinrich Heines Nordseebildern lesen wir: „Und mit starker Hand aus Norwegs Wäldern reiß’ ich die höchste Tanne und tauche sie ein in des Ätna glühenden Schlund, und mit solcher feuergetränkten Riesenfeder schreib’ ich an die dunkle Himmelsdecke: Agnes, ich liebe dich!“ Hier wird das Buch in anderer Weise sublimiert; hier beginnt es die Welt zu umfassen. Der Himmel selbst ist Buch; der Dichter schreibt darauf wie auf einem Bogen.

Tafel 7Männer mit Buchrollen.Relief eines römisch-christlichen Sarges.(Leyden, Rijks-Museum.)

Tafel 7

Männer mit Buchrollen.Relief eines römisch-christlichen Sarges.(Leyden, Rijks-Museum.)

Heine ist ein superlativischer Dichter. Aber er hat seine hochgegriffene Erfindung in diesem Falle der Antike entlehnt und hat sich selbst dabei beiläufig mit den Göttern des Altertums verwechselt. Die Göttin Ceres ist es, die bei dem römischen Dichter Claudian im „Raub der Proserpina“ die höchste, Wälder überragende Zypresse aus dem Boden reißt und in den Schlund des Ätna taucht, um sie als flammende Fackel zu brauchen; denn sie sucht nach ihrer verlorenen Tochter. Daß der Himmel aber ein entrolltes Buch ist, das steht schon im Jesaias und in der Johannes-Offenbarung zu lesen, und Euripides (fr.506N.) setzt den Fall, daß gar Gott Zeus selbst weithin in die Fläche des Himmels die Sünden der Sterblichen schriebe[199]. Gott Zeus, der sich reckt und in das Gewölbe der unendlichen Sphären wie in eine aufgerollte Rolle die Sünden schreibt! Erhaben ist der Gedanke, und er ist alt. Welcher Künstler aber vermöchte das darzustellen? Michelangelo hat es versäumt. Kein Apelles und kein Genie des Altertums, ein Michelangelo wäre dazu imstande gewesen.


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