Chapter 9

Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. Gasthöfe.

So belebt sich uns die Landstraße mehr und mehr mit den mannigfaltigsten Gestalten. Denn wir erinnern uns nunmehr auch der ambulanten oder wandernden Berufsarten. Die Sendboten des Christentums tauchen vor uns auf, und ihr Fuß trägt sie dahin von Land zu Land, zu allen Völkern. Aber nicht nur sie. Weil es in unzähligen Landstädten Theater oder Amphitheater gab, ziehen nun auch die Schauspielerbanden, ziehen die Mimen, die Jongleure von Ort zu Ort; ebenso auch dieGladiatoren, die zu je hundert oder mehr vermietet werden und auf Bestellung hier und dort ihre Fechterspiele geben. Da sind aber auch die Ärzte, die, um ihre Kundschaft auszudehnen, gern und oft ihren Standort wechselten und dabei Heildiener und Apotheke mitbrachten; da sind auch noch die Kunstredner des Altertums, halb Prediger, halb Professoren: Kanzel und Katheder in eins. Unsere Sonntagsgottesdienste mit Predigt gab es noch nicht; sie ersetzten diese Wanderredner mit ihren schwungvollen Moralvorträgen, die kunstvoll ausgebaut waren. Aber sie glichen zugleich auch unseren gefeierten Berufshistorikern, die heut herumreisen, um ihren Bismarck-Vortrag überall zum besten zu geben; und der Zulauf, der Lernhunger, der Trieb zur Andacht war grenzenlos. Gewisse volkstümliche Philosophen, Volksbeglücker und Wahrheitsverkünder kamen überhaupt gar nicht weg von der Straße: dafür ist das berühmteste Beispiel der Wundermann Apollonius von Tyana um die Zeit der Zerstörung Jerusalems; sein langes Leben, das früh zum Roman ausgedichtet wurde, stellt sich als eine unausgesetzte Pilgerschaft dar, die ihn von Syrien nach Persien, nach Ägypten, Athen und Italien führte. Und dadurch wird uns weiter das rastlose Reiseleben Kaiser Hadrians verständlich[97]; aber auch der Apostel Paulus.

Die Apostelgeschichte, die von Paulus erzählt, ist wie ein Reisebuch. Wie Apollonius von Tyana, so reist auch Paulus, wenn er nicht zu Schiff fährt, stets nur als Fußgänger[98]. Viele Städte hatte er schon so besucht, in Saloniki, Philippi, Korinth Gemeinden gegründet, als ihm der Prozeß gemacht wird, und er tritt, um sich in Rom dem kaiserlichen Urteilsspruch zu stellen, zu Schiff als Staatsgefangener seine letzte und längste Reise von Caesarea nach Rom an. Vorschrift war, daß, wer zum gerichtlichen Termin nach Rom bestellt wird, auf der Reise täglich 20 römische Meilen oder 30kmmachen soll[99]. Aber das ließ sich für Paulus nicht innehalten; denn es war schon Spätherbst; das stampfende Schiff lief bei hoher See, der Sturm verschlug ihn bis nach Malta, und da hielt derWinter ihn drei ganze Monate fest. Dann brachte ihn und seine Fahrgenossen ein alexandrinisches Schiff im ersten Frühling glücklich nach Puzzuoli, jenem großen Weltemporium, auf dessen Molen auch Senecas Augen geruht haben, und von da wandelte der Verkünder Christi auf der nämlichen Appischen Straße, auf der wir auch Seneca fahren sahen, nach Rom. Ob die Augen beider Männer und Verkünder der Menschenliebe je ineinander geruht haben? Wir wissen es nicht.

Das Schiff, auf dem Paulus landete, war nun aber mit dem Gallionbild der heidnischen Götter Castor und Pollux geschmückt. Es ist auffallend, daß die Apostelgeschichte dies ausdrücklich erwähnt[100]. Unter dem Schutz dieser Götter der guten Schiffahrt kam der Apostel Christi sicher ans Ziel. Viele Schiffe zeigten so irgendein Gottesbild, wie das der Isis. Denn der antike Reisende war gefährdet und brauchte die Fürsorge seiner Götter; vor allem auf See. Gebete und Gelübde vor der Abreise geschahen ständig. Daher die schönen Geleitsgedichte (Propemptica) für die Abreisenden, die wir noch besitzen. Und mit der Landreise stand es nicht anders; am Weg standen darum vielfach die Altäre der Straßen-Laren (Lares vialesundsemitales[101]), denen man Opfer gab. Bei Landtransporten, die glücklich verliefen, gab man auch dem Herkules den Zehnten des Gewinns[102]. Es war dies die einzige Form des Versicherungswesens, die dem Altertum zur Verfügung stand.

Und nun endlich die Gasthöfe. Wer in Eile war und die Nacht durchfuhr, konnte sie freilich entbehren; aber das kam wohl selten vor[103]. Sonst aber mußte man bei Dauerreisen nachts irgendwo einkehren. Glücklich der, dem ein Gastfreund alsdann sein Privathaus öffnete. Der Apostel Paulus ist auf seiner Fußwanderung nach Rom in der StationTres Tabernaeeingekehrt, die wir auch aus Ciceros Briefen kennen. So hatten sich bei dem gewaltigen Anwachsen des Verkehrs an allen Straßen feste Stationen gebildet und überall das Gasthauswesen entwickelt: „mansiones“ hießen solche Herbergen, vom „Verweilen“ (manere), und daher kommt das französische„maison“. Aber es waren meistens nur Tabernen, budenartige Gebäude und der Aufenthalt gewiß nicht sehr verlockend. Wer möchte wohl heute in den Gasthöfen für Geschäftsreisende, imHotel TerminusoderRebecchinooder wie sie heißen, dauernd leben? Ganz dieselbe Frage stellt auch schon Horaz[104].EineNacht genügt. Und ein Hotel Terminus ist gewiß noch golden gegen jene Tabernen des Altertums, die zudem oft von Schlafgästen überfüllt waren[105]. Einmal ist uns das Gespräch eines Reisenden mit der Wirtin aus einer dörflichen Herberge noch erhalten. „Wirtin, laß uns abrechnen.“ „Geliefert ein Schoppen Wein, dazu Brot: macht 1 As; warme Speise: macht 2 As.“ „Das stimmt.“ „Dazu ein Mädchen: macht 8 As.“ „Auch das stimmt.“ „Heu fürs Maultier: 2 As[106].“ Das ist die ganze Rechnung[107]. Die Ernährung des Tieres kam also fast ebenso teuer (oder billig), wie die des Menschen. Es wird wohl nicht überall so gewesen sein.

Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb.

Nun aber der Staat! die Reichsverwaltung! Sollte sich nicht auch der Staat selbst die wunderbare Entwicklung des Straßenwesens zu Nutzen machen? Von der einen Tiberstadt aus sollte er die Türkei, Ägypten, Tunis, Frankreich, Spanien, Südengland, die Schweiz, Tirol verwalten: für die zahllosen jährlichen Einläufe, Meldungen, Rechenschaftsablagen, Erlasse, Edikte setzt dies ein rasch und regelmäßig funktionierendes und dabei unendlich verzweigtes Nachrichtenwesen, einen grenzenlosen Depeschenbetrieb voraus. Der Senat beschickte von sich aus die ihm unterstellten senatorischen Provinzländer; im übrigen war das Reich kaiserlich und der Kaiserpalast auf dem Palatinhügel der zentrale Wirbelpunkt der Dinge, wo sich die Büros der Hausministerien, die kaiserlichen Sekretariate (ein griechisches, ein lateinisches) mit unendlichem Personal für Abfassung und Versand der allerhöchsten Verfügungen (ab epistulis), für Bittschriften und ihre Erledigung (a libellis) befanden. Wer den täglichen, hastenden Betrieb auf sämtlichen preußischen Ministerien, Finanz, Handel, Unterrichtswesen, Justiz usf. zusammennimmt, mag sich davon annähernd einBild machen. In die Hauptstädte der Provinzen, Lyon, Lambese, Antiochia, Salonae, Tarragona, Corduba, Tanger, wo die kaiserlichen Legaten und Prokuratoren saßen, mußten, ungehindert durch Zeit und Raum, die Arme der kaiserlichen Verwaltung hinüberreichen, um Kontrolle zu üben, tausend Entscheidungen zu übermitteln. Die Akten, die Papiere flogen hin und her. Daher hat auch schon Augustus, der erste große Weltordner vor Kaiser Hadrian, die Reichspost eingeführt, die man den „Staatskurs“ (cursus publicus) nannte und die durch alle Länder lief. Auf dem Meere dienten hierfür die leichten Kurierschiffe des Staates[108], Schnellsegler, zumeist Liburnen, für deren Schiffstypus man das Muster von den Dalmatiern, den besten Seeleuten an der illyrischen Küste der Adria, nahm, wo auch heute noch die kühnsten Seeleute zu finden sind (eben darum möchte sich Italien heute gern dies Dalmatien einverleiben, wenn es könnte)[109]. Die Wagenpost über Land aber hatte Relaissystem; d. h. an allen Stationen wurde immer wieder umgespannt[110], und die Pferde und Mäuler standen dafür also in den Stallungen immer bereit (mutationes). Der Postgaul heißt „veredus“, das Extrapferd „paraveredus“, ein halbwegs gallisches Wort, wovon letzten Endes unser deutsches Wort „Pferd“ sich herleitet. Jedoch fuhr die Post nicht an bestimmten Tagen und Stunden, und feste Fahrpläne, Reichskursbücher, gab es nicht. Die Post hielt sich immer nur an den Ausgangsstationen bereit, und wo Passagiere sich meldeten, wurde gefahren.

Es waren dies aber ausschließlich nur offizielle Personen der Reichsverwaltung und ihre Beauftragten; für den Privatverkehr diente die Reichspost nicht. Schon ohne ihn war die Inanspruchnahme enorm. Wollte sie ausnahmsweise ein Privatmann benutzen, so mußte er von der Regierung und an höchster Stelle sich dazu eine Bescheinigung, Permeß (Diplom) erwirken. In dringenden Fällen gab es Eilpost in Extrawagen (cursus velox)[111]. Der Postbetrieb selbst aber erforderte nun wieder ein starkes Beamtenpersonal an Postdirektoren, Stallmeistern,Wegaufsehern usf., ein Personal, das, wie heute unsere Briefträger und Eisenbahnschaffner, militärischen Charakter trug und sich an allen größeren Plätzen zu Innungen oder Collegia zusammentat[112]. Die Kosten des Ganzen aber mußten die Provinzländer, die von der Sache den Vorteil hatten, tragen, indem sie die Transportmittel lieferten: eine Belastung, die erst Kaiser Hadrian, der große Neuordner des Reichs, wesentlich erleichtert hat. Hadrian war der berühmte Reisekaiser, der persönlich unausgesetzt durch alle Länder eilte, und er zentralisierte darum auch die Weltpost, ungefähr so, wie wenn man heute das Eisenbahnsystem ganz Europas mit allem Betriebsmaterial unter die einheitliche Leitung Berlins oder Wiens stellen wollte.

Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit. Hadrian.

Es versteht sich, daß zur kaiserlichen Post auch noch das amtliche Meldewesen gehörte, ein Botenverkehr über Land mit Ablösung in der Weise, daß z. B. zwischen Lyon und Rom 40 Boten sich ablösen und die Schriftsachen weitergeben, so daß in 8 Tagen die Botschaft am Ziel ist[113]. Es waren Schnelläufer, die, wo es anging, Richtwege benutzten.

Ein vom Kaiser für Privatleute ausgestellter Reiseschein war aber nur so lange gültig, als der Kaiser lebte. Bei Regierungswechsel mußte man sich daher vorsehen. Einem gewissen Coenus ging es damit übel. Es war dies ein Grieche, einer der gerissenen und schwerreichen Leute des Freigelassenenstandes, zur Zeit der Thronwirren des Jahres 69 n. Chr. Kaiser Otho war eben in der Schlacht besiegt und hatte sich selbst getötet; sein Gegner und Nachfolger Vitellius funktionierte aber noch nicht als Kaiser. Coenus will gern die Eilpost nach Rom benutzen; dazu hat er von Kaiser Otho einen Permeß in Händen, der nun eben seine Gültigkeit verloren hat. Nun lügt er den Senatoren, die noch schwanken, wen sie jetzt als Kaiser Roms anzuerkennen haben, vor, Otho lebe noch, habe soeben noch einmal einen Sieg gewonnen, sein Reiseschein sei also noch gültig; und so kam Coenus damit auch wirklich nach Rom. Aber er büßte den Kniff mit dem Tode. Vitelliusließ sich hernach das Vergnügen nicht entgehen, ihn hinzurichten[114].

Aus derselben Zeit haben wir die Nachricht von der schnellsten Reise, die unseres Wissens das römische Postwesen möglich gemacht hat. In unseren Augen ist sie freilich nicht allzu erstaunlich. Die Sache spielt ein Jahr früher als die vorige, im Jahre 68, und wieder ist einer der Griechen dabei die Hauptperson; er heißt Ikelus. Der alte, über 70jährige Kriegsmann Galba steht in Spanien und ist dort von den Regimentern zum Kaiser ausgerufen worden. Nero hört das in Rom und tötet sich vor Entsetzen selbst. Der Senat ist bereit, Galba als Kaiser anzuerkennen. Ikelus freut sich des; er ist des Galba Kreatur; Galba hat diesen Griechen, der einst Sklave war, zum römischen Ritter gemacht. In Wirklichkeit aber war Kaiser Galba vielmehr die Kreatur des Ikelus; um seinerseits zu herrschen, sucht dieser Mensch das Kaisertum Galbas auf alle Weise durchzusetzen. So wirft er sich in Ostia auf einen Schnellsegler, schifft kühn und in gerader Linie nach Tarragona durch das offene Meer, wirft sich dort in die Eilpost und ist schon in sieben Tagen in dem Nest Clunia, um Galba die Anerkennung des Senats zu überbringen. Eile tat Not. Unglaublich fand Plutarch diese Leistung[115]. Um so träger und schwerfälliger vollzog dann freilich der alte Herr seinen Einzug in Rom. Aber er war doch Kaiser geworden, setzte sich in Neros Palast fest, und Ikelus konnte nun in Galbas Namen sich bereichern, konfiszieren und rauben.

Denkwürdiger ist noch Kaiser Hadrian, und wir wüßten gern über ihn Genaueres. Auch Hadrians Eilfahrten wurden angestaunt, und daß er über Land den Postwagen benutzt hat, scheint selbstverständlich, zumal er die Kaiserin Sabina zumeist mit sich führte. Auch der ganze Regierungsapparat, die Minister, die Bureaus zogen mit ihm, vom Tajo bis zum Euphrat. Es mag Zufall sein, daß der Wagen uns in den Berichten kaum je ausdrücklich erwähnt wird. Jedenfalls aber hat der großartige Mann — er selbst ein Schnelläufer — auchweite Strecken zu Fuß hinter sich gebracht[116]. Er reiste stets ohne Hut, auch bei dem schlimmsten Unwetter, bei Regen und Kälte, und aus diesem Umstand wird ausdrücklich seine schwere Erkrankung, die ihm den Tod brachte, hergeleitet[117]. Wer aber im Wagen sitzt und darin den Hut abnimmt, wie wir es heute in der Eisenbahn tun, dem kann das Unwetter nichts anhaben.

Soweit das Postwesen des Altertums; gewiß eine großartige Organisation, die die Regierung schuf. Hiernach gilt es noch eine geringfügige Sache zu erwähnen, die man gleichfalls ihr verdankte. Ich meine dieZeitung, und die Frage regt sich, ob das alte Rom nicht auch schon den Zeitungsschreiber, den Journalisten, kannte. Indem wir uns aber diesem Gegenstand zuwenden, ist zugleich auch vomBriefzu handeln. Denn aus dem Brief ist die Zeitung des Altertums hervorgegangen.

Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf.

Zunächst also der Privatbrief. Wir denken an die Briefe des Apostels Paulus, des Cicero — eine tägliche Riesenkorrespondenz aus Millionen Häusern von Menschen, von Bürgern, die sich lieben, sich hassen, die Geld fordern, Grüße senden, schelten, trösten und beraten, ein tägliches Durcheinanderreden aus allen Weltwinkeln: Geschäftsbriefe, Liebesbriefe, Plauderbriefe, Kondolenzbriefe, Einladungsbilletts, Lehrbriefe. Wie mannigfaltig der Inhalt! Der reisende Brief war noch zahlreicher als der reisende Mensch. Schnell war er hingeschrieben; er wollte auch schnell ans Ziel; denn er mußte den Römern Telegraph und Telephon ersetzen. Aber die Staatspost beförderte ihn nicht. Der Brief mußte selbst sehen, wie er ans Ziel kam.

Dazu hatte jeder Bürger seine Dienerschaft. Irgendeiner der Diener war als Briefträger immer ganz wohl abkömmlich; andernfalls taten auch Freigelassene, die überhaupt oft als Geschäftsreisende fungierten, den Dienst sehr gern. Denn sie bekamen dabei die weite Welt zu sehen, bekamen gutes Zehrgeld mit und wurden überall wie die Engel aufgenommen;denn auch das Wort „Engel“ heißt ja der Bote auf deutsch. Übrigens halfen sich auch die Bekanntenkreise aus. Expediert heut Freund Markus Briefe nach Patras, nach Brindisi, dann kann der und jener seinem Boten die eigene Post gegen angemessene Vergütung mitgeben. Derartige Gelegenheiten gab es immer unendlich viele. Für uns ist der Postbote heute eine Maschine, die regelmäßig geht wie der Zeiger an der Uhr, und wir sind ihm zwar im Prinzip wohlgesinnt, geben aber auf seine Person oft kaum noch acht. Im Altertum war schon, wenn er sich von weitem zeigte, freudige Erregung; er wurde im Haus festgehalten, gespeist, beschenkt, in gute Stimmung versetzt, denn man wollte ihm neue Post mitgeben, und dabei wurde zugleich sein Charakter, seine Zuverlässigkeit erprobt. In den dicken Bündeln, die er trug, steckten oftmals Briefevonvielen Händen, die man paketweise zusammengetan hatte, ja, auch Briefeanviele, die es jetzt zu verteilen galt. So stand z. B. Cicero in Massenkorrespondenz mit dem Heerlager Caesars in Gallien und Britannien und seinen Offizieren. Der Betrieb war geradezu organisiert[118]. Wenn Cicero auf seiner pompejanischen Villa saß, erhielt er dorthin binnen drei Tagen die Briefe des Atticus aus Rom[119]. Alle Briefe wurden immer genau datiert. Das war nicht nur Pedanterie; am Datum konnte man feststellen, wie schnell der Bote gelaufen, ob er nicht säumig gewesen war. Jener Atticus, Ciceros Gewissensrat, einer der reichsten Herren mit zahlloser Dienerschaft, außerdem der Hauptbuchverleger Roms und daher auch mit Schreiberpersonal reich versehen, hatte für postalische Zwecke stets einen Läufer bereit, und Cicero ist darum auch in der Lage, oft täglich mit ihm Briefe zu wechseln. Oft schreibt er nur rasch einen Gruß hin, um doch etwas geschrieben zu haben, so wie wir heut völlig inhaltlose Ansichtspostkarten schicken. Ein Gruß genügt. Es ist doch immer ein Lebenszeichen[120]!

Sorglich wurde jeder Brief versiegelt; mit Siegel sicherte man außerdem auch noch das geschnürte Briefbündel. Denndie Zuverlässigkeit der Läufer war doch nicht immer gesichert. Schon die bloße Neugier verlockte zum Lesen, es geschah aber auch oft im Auftrag. Denn in politisch erregten Zeiten war das Spionieren gang und gäbe; die Leute wurden bestochen, das Briefgeheimnis war gefährdet. In der Zeit der römischen Bürgerkriege wurden die Postsäcke so geplündert, wie England es im verwichenen Kriege machte, indem es sogar die Schiffe der neutralen Mächte bestahl[121]. In wichtigen Fällen sicherte man sich deshalb durch Geheimschrift, brauchte sogar auch sympathetische Tinte, die sich unsichtbar machen läßt[122]. Am schlimmsten stand es damit in den Schreckensjahren unter Nero; im Jahre 67 n. Chr. hatte in Rom alle Privatkorrespondenz völlig aufgehört. Die Angst vor der Zensur von oben war zu groß. Die Briefträger (Grammatophoren) brachten damals nur noch die Meldungen von den letzten Hinrichtungen in die Häuser. Es war die Zeit des Grauens, und das Publikum wehrlos, denn die Garde sicherte den Tyrannen[123]. Zum Glück lebte damals Seneca nicht mehr, und niemand konnte seinen Briefen noch etwas anhaben.

Dieselben Schreckensmeldungen von den Justizmorden in Rom hat man damals gewiß auch in der Zeitung lesen können. Denn auch eine Zeitung, ein stadtrömisches Tageblatt, gab es damals, das man über alle Provinzen verschickte. Es fehlte den alten Römern nur an Kaffee und Zigarren, sonst hätten sie mit ihrer Zeitung just so dagesessen wie wir.

Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle.

In Ciceros Zeit war sie entstanden. Es war natürlich, daß in jenen Zeiten des erregtesten politischen Lebens, wo es in der Hauptstadt täglich Weltentscheidungen gab, die Römer, die im Ausland standen, mit gewisser Regelmäßigkeit erfahren wollten und mußten, was los war, was da vor sich ging. So schrieben berufene Männer zunächst nur private Berichte in Briefform über das Neueste an ihre Freunde. Muster solcher Berichte besitzen wir von Ciceros Hand[124]. Indem sie sich wiederholten und häuften, entstanden Serien in Zeitfolge, und auch der Privatcharakter blieb nicht gewahrt. Der Empfängerlas die Briefe seinen Freunden im Club vor; ja man verbreitete sie in Abschriften: Abschrift aber ist immer Veröffentlichung. So wurden ja auch des Apostels Paulus Lehrbriefe publiziert; Paulus schickte seine Sendschreiben an die Korinther-, die Römergemeinde, die Gemeinde aber sorgte durch Kopie für geziemende Verbreitung, und so erhielt sich der Text und wuchs an Bedeutung mit dem Wachsen des Christentums.

Den erzählenden Brief, in dem feuilletonistisch Wichtiges und Unwichtiges planlos durcheinanderstand, hat man den Zeitungsbrief genannt; aus diesen Zeitungsbriefen ist durch Veröffentlichung damals die Tageszeitung hervorgegangen. Man gedenke zum Vergleich an die Feldpostbriefe aus dem vergangenen großen Krieg; auch aus ihnen, die damals in der Tat so vielfach abgedruckt wurden, hätte man leicht eine vollständige Kriegszeitung zusammenstellen können, und Versuche der Art wurden ja auch gemacht. Julius Caesar war es, der in Rom im Jahre 59 v. Chr. die amtliche Herausgabe täglicher Berichte, deracta diurna, wie man sie nannte[125], die unter den späteren Kaisern die Hofkanzlei beaufsichtigte, veranlaßte, also eine Staatszeitung, deren Ruhm allerdings nur darin besteht, daß sie 400 Jahre ununterbrochen bestanden hat. Welches moderne Blatt kann auf solches Alter zurückblicken? Journalistische Talente aber, die es einem Cicero gleich täten, übten sich nicht daran. Die Zeitung war jedenfalls völlig anonym. Keine Verfasser werden uns genannt; kein erheblicher Schriftsteller scheint sich beteiligt zu haben. Wer schreiben konnte, schrieb lieber im großen Zusammenhang Geschichtsbücher oder Memoiren, und der Inhalt der „acta“ mag also ledern genug gewesen sein. Übrigens aber kamen daneben als wichtige Ergänzung zeitweilig auch die Parlamentsberichte heraus. Sie betrafen den Senat. Stenographisch wurden die Reden der Senatoren während der Sitzung nachgeschrieben und gingen in Buchform unter der Bezeichnung „Senatsakten“ (acta senatus) ins Publikum aus. Ohne diese ist der Historiker Tacitus nicht denkbar[126]. Die geistvollsten und besten Männer, die derrömische Staat besaß, kamen darin zu Worte; die wichtigsten Entscheidungen konnte man da in ihrer Entstehung verfolgen. Wer bei Tacitus die wundervollen Schilderungen der Senatsverhandlungen unter Kaiser Tiberius und Claudius liest, erinnere sich dabei an jene offizielle Quelle, aus der sie stammen. Ganz anders das Tageblatt deracta diurna; es ist damals von den Historikern als Geschichtsquelle nie gebührend ausgebeutet worden; ja auch das großartige Bibliothekswesen Roms scheint die Zeitung, in die wir so gern einmal einen Blick würfen, einer sorglichen Aufbewahrung kaum wert gefunden zu haben[127]. Auf alle Fälle aber war durch sie für das wißbegierige Volk und den Nachrichtenhunger des Publikums ausreichend gesorgt; wer die neuesten Nachrichten haben wollte, konnte sie haben.

Vergleich der neueren Zeiten. Mangel des Kompaß. Winterstille.

Blicken wir zurück, so scheint der Eindruck unabweislich, daß in den wichtigsten der Dinge, die ich besprochen, im Straßenbau und Reichspostwesen das Europa der Zeit Kaiser Hadrians das Europa der Zeit Friedrichs des Großen und Napoleons ganz erheblich übertroffen hat. Denken wir nur, wie lange ein Reisender im 18. Jahrhundert brauchte, um von Madrid nach Wien, wie lange ein Warentransport, um von Cöln nach Konstantinopel zu kommen! und wie hätte man es damals wohl fertig gebracht, ein Heer von Paris bis an den Euphrat zu werfen? Diese Fragen sind voll berechtigt. Und doch — den Hauptnachteil des antiken Verkehrslebens habe ich noch gar nicht berührt, und damit ändert sich das Bild sofort. Das ist das Aussetzen der antiken Schiffahrt bei Sturm; ich meine das Altertum im Winter. Das Mittelmeer war die große Hauptverkehrsstraße der Antike. Sie war im Winter völlig unbenützbar. Das ganze Leben war durch den Winter blockiert.

Den Mangel der Kohlenindustrie teilte das 18. mit dem 2. Jahrhundert; aber die Neuzeit hatte den Kompaß, das Altertum hatte den Kompaß nicht. Dieser scheinbar so geringfügige Mißstand war es, der das ganze Altertum, das sonst so tatkräftig, entdeckungsfreudig war, lahm setzte. Wie sollte man auf offener See Weg und Richtung nicht verlieren? Manmußte sich immer ängstlich in Sicht des Landes halten, eine beklagenswerte Gebundenheit, und nur der Tollkühne wich bei allerhöchster Not hiervon ab, so wie jener Ikelus, als er dem Galba die wichtige Kaiserbotschaft brachte. Es ging für ihn auf Leben und Sterben. Eben darum vermied man auch nachts auf offener See zu fahren und ging abends in den ersten besten Hafen. Selten, daß einmal zur Nachtfahrt ein Schiff wirklich Lichter aufsetzt[128]. Die kühnen Entdecker unter den Seefahrern, die durch die Straße von Gibraltar stießen, ein Hanno, ein Pytheas, sie sind allerdings bis England und Jütland gefahren, den Nordstürmen Trotz bietend, haben sogar auf der Straße Vasco de Gamas Afrika bis in die Nähe des Äquators zu umschiffen begonnen, denn das war auch bei kompaßloser Küstenfahrt möglich; den Vorstoß nach Amerika hat man dagegen im Altertum nur vorausgesagt, aber nicht ausführen können.

Nun aber der Winter. Im ganzen Winter war kein Schiff mehr auf dem weiten Mittelmeer zu sehen; alles wie weggeblasen; wie eine leere Tenne; wie der Tanzboden, wenn der Wirt Schluß macht und alle Lichter auslöscht. Der Gott Poseidon blieb vier volle Monate in seiner schäumenden Wasserwüste mit seinen Delphinen und Haifischen allein: alle Schiffe und Boote an Land gezogen und auf den Staden aufgelegt. Kapitän und Bootsmann strecken die Glieder aus und ruhen. So hörten wir ja schon vom Apostel Paulus: monatelang blieb er, als er zu Schiff nach Rom wollte, im Winter auf der Insel Malta liegen. Wenn die Sturmwolken gingen, konnte man in der dicken Luft und in der Lichtlosigkeit die Küsten nicht sehen: dies war nach Vegetius der Grund[129], den wir vollauf begreifen. Ganz so wie Paulus wird auch ein gewisser Kephalion, der dem Atticus Briefe überbringen soll, „viele Monate“ zurückgehalten[130]. Mindestens 40 Tage brauchte im Winter ein Brief von Rom nach Spanien, weil er da eben über Land laufen mußte[131]. Cynthia, des Properz Geliebte, will mit einem hohen Beamten nach Epirus reisen, aber Gottlobist es noch Winter; sie kann noch nicht auf See. „Wenn der Frühling kommt,“ so droht ihr der Dichter, „werde ich am Strand stehen, um dir, wenn du abfährst, nachzuschauen, und dir schlechte Fahrt wünschen.“ Der Frühling kommt, da bleibt Cynthia in Rom, sie reist nicht, und der Liebende ist glücklich.

Im Winter der Nachrichtendienst u. die Zufuhren behindert.

Um so bewunderungswürdiger war die geniale Kühnheit Caesars[132], der im Bürgerkrieg gegen Pompejus alles riskierte und sein Heer zu solcher Jahreszeit über die Adria und hernach nochmals von Sizilien nach Tunis warf[133]. Erst wer die Dinge, die ich hier vortrage, beachtet, kann solche Leistungen voll würdigen. Es waren ganz vereinzelte, heroische Ausnahmen. Und nun werden uns auch auffallende Erscheinungen im politischen Leben des Altertums verständlich. Markus Antonius, der Triumvir, verbringt den Winter des Jahres 41 auf 40 v. Chr. mit Kleopatra untätig in Alexandria; während dessen macht seine ehrgeizige Gattin Fulvia, die selber in Waffen einherging, in Italien Krieg gegen den Machthaber Oktavian; auch des Antonius Bruder Lucius ist dabei und führt das Heer; der Winterkrieg um Perusia entbrennt. Perusia, die Stadt, fällt; Lucius kommt um; Fulvia selbst muß aus Italien fliehen. Von all dem ahnt Mark Anton in Ägypten gar nichts, bis das Frühlingsäquinoktium vorüber ist und das erste Kurierschiff von Puteoli nach Alexandria läuft. Da sieht der Herr des Orients plötzlich die kolossal veränderte politische Lage und muß rasch seine Entschlüsse fassen[134]. Es war, als wäre das Kabel gerissen, und es erinnert uns unwillkürlich an das, was wir während des Weltkriegs Ende April 1916 erlebt haben. In Dublin erhebt sich plötzlich der Aufstand Irlands gegen die Engländer; das Postgebäude, die Bahnhöfe werden dort von den Iren besetzt; in London aber weiß man davon nichts, bleibt ganz ohne offizielle Nachrichten, bis zufällig ein paar Reisende die Sache in London erzählten; „eine vollständige Überraschung“. Die Iren hatten diese Isolierung dadurch bewirkt, daß sie das Kabel nach England und außerdem in ihrem Lande selbst alle Telegraphendrähte durchschnitten[135].Ganz ähnlich begründet war die Überraschung, war die Nachrichtenlosigkeit des Mark Anton.

Nun denke man sich das antike Rom oder Neapel im Winter. Italien konnte sich nicht selbst ernähren. Jedes Jahr mußte es sich bis zum Herbst und zum Schluß der Schiffahrt von außen vollständig verproviantieren; die Handelsflotten mußten ausreichende Wintervorräte an Korn und an anderen Eßwaren, auch an Schreibpapier, von den Provinzen herangeschafft haben. In mächtigen Speichern lagen die Vorräte aufgehäuft. Dann kam die tiefe Winterstille über Stadt und Land, die große Siesta. Die Kaufherren hatten nichts zu tun, der Export und Import regte sich nicht. All die Tausende von Werkleuten waren unbeschäftigt. Eine Industrie gab es kaum im Lande, wenn wir die großen Ziegeleien und Topffabriken nicht rechnen. Auch die ungedeckten Theater und Amphitheater waren beim Winterregen schlecht zu benutzen. Was sollte man weiter tun, als zu Haus Feste feiern, schmausen und schlafen? Man saß also in seinen kalten vier Wänden, vertrieb sich im Kleinleben die Tage, so gut es ging, vertrank den ganzen Monat Dezember[136], rechnete sein Soll und Haben nach; auch für Senatsdebatten war vollste Muße, für Redeturniere und Dichterdeklamationen. Dazu aber kam noch eins: man stand spät auf und ging früh zu Bett, mit der Wintersonne. Man hatte damals noch die natürliche Zeit, die sich nach dem Tageslicht richtet; der Wintertag war kürzer als der Sommertag. Man konnte sich ausschlafen — bis endlich der Frühlingsanfang kam: der beglückende 5. März, die Eröffnung der Schiffahrt! Die Wintervorräte waren aufgebraucht. Zur Feier des Tages wurde aus allen Häfen am 5. März ein menschenleeres Schiff ins Meer hinausgestoßen. Mochte es in den Wellen untergehen; es war ein Opfer, das man den Göttern darbrachte, und zwar der Göttin Isis. Denn nach Ägypten, dem Lande der Isis, ging doch immer fast aller Seehandel, auch der Transit. Das Schiff war als Spende für die Göttin prächtig geschmückt und mit Spezereienangefüllt. So trieb es hinaus, indes froh andächtig das Volk im Festschmuck am Ufer stand und ihm nachspähte. Die Winterblockade war aufgehoben.

Eine Blockade! Soll ich mit dem Wort enden? Uns Deutsche muß das Wort heute nachdenklich stimmen. Muß es uns nicht in der schicksalsschweren Gegenwart, in der wir leben, unwillkürlich an unser Deutschland erinnern? Auch wir sind ja bis heute blockiert, und es ist uns ein Wort der Qual geworden. Wann kommt der Tag, wo wir, endlich wieder ein freies Handelsvolk wie jene Alten, ein Schiff festlich schmücken können, um es hinaus ins Meer zu treiben? Wir glauben an keine Isis mehr. Aber wir glauben an den guten Geist in uns und über uns, der uns zur rechten Stunde endlich doch das Gelingen geben wird.


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