Die Laus im Altertum.
Das Altertum nannte einen Grabbau von gewisser Großartigkeit ein Mausoleum. Der Name rührt von dem berühmten Grabmal des kleinasiatischen Königs Mausolos her. Im letzten Krieg ist daraus der Scherzname Lausoleum entstanden; der Name war Scherz, die Sache selbst aber bitterer, ja erbitterter Ernst. Es waren damit die trefflich organisierten Entlausungsstätten für unsere wackeren, schwer geplagten Krieger, aber auch für die feindlichen Gefangenen gemeint, die aus dem Feindesland, vor allem aus dem östlichen, der Heimat aller Unsauberkeit, nach Deutschland kamen und vor dem Überschreiten der Grenze einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden. Sie erlitten es gern, denn das Schrecklichste fiel von ihnen ab. Auch das Lausoleum war somit eine Grabstätte, wenn wir den Scherz, der in dem Namen liegt, ausschöpfen wollen. Es war die Grabstätte des ärgsten deutschen Landesfeindes geworden; aber nicht die Laus, sondern der Körper, der sie trug, feierte aus diesem Grab die Auferstehung, den Übergang in ein besseres Dasein, und er fühlte sich selig, wie im Himmel.
Russische Mönche, Byzantiner. Die Laus bei Bauern und Fischern.
Da das Wort Lausoleum eine gelehrte und klassische Reminiszenz ist und an das Griechische und Antike anklingt, so möchte man fragen, ob denn das so oft und gern gepriesene klassische Altertum die Läuseplage etwa auch schon kannte, und wie es sich ihrer erwehrt hat. Hat jener König Mausolos, den ich nannte, mit Verlaub, sich nicht auch gelegentlich gegen einen peinlichen Hautreiz wehren müssen? In den Museen stehen all die griechischen Götter und Heroen, Apoll und Hermes und Meleager, die griechischen jungen Speerträger und Ringer (um von den Göttinnen ganz zu schweigen) in Gips und Marmor so appetitlich und sauber da. Hat wirklich das trivialste und zudringlichste aller Insekten ihre Haut nie berührt? Im Jahrgang 1915 der Hygienischen Rundschau Nr. 24 befindet sich ein anregender Aufsatz über „Die Laus in der Kulturgeschichte“[137].Da werden ungefähr alle Zeiten und Völker in bezug auf diesen Schmarotzer des menschlichen Körpers in Betracht gezogen, und wir hören insbesondere von den östlichen Völkern manches Erstaunliche; so auch von der Toleranz und Schonung, die die orthodoxen Christen des byzantinischen und des russischen Reichs, vor allem die dortigen Mönche in ihrem Klosterleben, die aber auch die frommen Buddhisten in Indien gegen diese widerwärtigen Blutsauger, die auf ihnen zur Weide gingen, ausgeübt haben. Man tötete sie nicht! Der Satz „Liebet eure Feinde“ wird da in unerhörter Weise verwirklicht: eine erschreckende Verirrung der Tierliebe und der Gottesfurcht. Ja, auch unser alter deutscher Dichter Fischart, auch Rabelais dient in jenem Aufsatz als Zeuge für diese und ähnliche Dinge, und so bringt er endlich auch einige aufklärende Angaben, die die alten Griechen und Römer betreffen. Doch lohnt es sich, bei diesen beiden Völkern uns etwas ausführlicher umzusehen, da wir damit in eine Kulturperiode der Menschheit Einblick erhalten, die unserer modernen in so manchen Punkten ebenbürtig, in manchen sogar auch überlegen war[138].
Es sei vorangestellt, daß das Tier, das uns jetzt beschäftigen soll, auf griechischphtheir[139], auf lateinischpediculusheißt.
Wer an den großen, wundervollen Homeros denkt, wird die Reinlichkeitsfrage gar nicht erst erheben. Wer möchte in solchem Zusammenhang den Namen Achills oder der Helena aussprechen? Odysseus kehrt zu seiner Penelope heim. Der Haushund lebt noch, der einst jung war, als Odysseus Ithaka verließ; jetzt liegt das Tier im Verscheiden und ist räudig geworden. Aber Homer schildert uns das Ungeziefer nicht, das auf ihm nistet.
Aber dem Homer, dessen Person unter der modernen Kritik zum Schatten geworden ist — denn wer kann ihn sich noch deutlich als Menschen denken? —, ihm ist im Altertum eine ausführliche Biographie angedichtet worden, und da lesen wir:der Dichter der Iliade, der weithin Griechenland durchwandert, findet irgendwo am Meeresstrand Fischersleute und läßt sich in ihrer Gesellschaft nieder; da kommen die Söhne der Fischer vom Meer, steigen aus den Booten, aber ohne Beute, und geben nun das berühmte Rätsel auf:
Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen.
Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen.
Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen.
Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen.
Selbst ein Geist wie Homer löst dies Rätsel nicht; denn er ist zu erhaben für solche Dinge. Die Läuse sind’s, um die es sich handelt; erst wenn sie gefangen sind, hören sie auf, bei uns zu sein; dienichtgefangen sind, die eben haben wir!
Diese Stelle steht fast einsam da in der griechischen Literatur. Die Zoologie der Griechen, Aristoteles und seine Nachfolger, haben die Laus natürlich beachtet und in ihr System aufgenommen. Aber ihr eigenartiges Leben und Weben, ihr Kribbeln und Krabbeln, ihre Tücke und blutgierige Menschenliebe uns lebendig zu schildern, dazu lassen sich solche Autoren nicht herbei. Schon das Homer-Erlebnis aber verrät uns: nur bei Fischern und anderen Leuten rein dörflichen Lebens, oder doch nur da, wo vollkommene Armut herrscht, sind diese leidigen Parasiten zu finden; nur da sind sie von uns vorauszusetzen; die schönheitssüchtige Literatur der Griechen blickt selten in diese dörfliche Volksschicht hinab und nimmt auch dann, wenn sie es tut, solcher Armseligkeiten nicht wahr. Bei dem derben Lustspielschreiber Aristophanes tritt einmal die „Armut“ als Person auf die Bühne, und von ihr heißt es da in der Tat: sie bewirkt, daß um das Haupt des Armen Läuse, Wanzen und Flöhe sich tummeln, so daß er aus dem Bett springt: „auf, an die Arbeit!“[140]Für den, der solche Plage mit sich herumtrug, gab es auch ein besonderes Wort, der „Läuseheger“ und „Läuseträger“. Wir reimen darauf noch: der Läusejäger. Aber das Wort steht nur in den Lexika[141]; wir finden nicht, daß es bei den Schriftstellern selbst in Gebrauch war.
Es gab außer den Dorfleuten in der älteren Zeit noch eineandere Sorte von Menschen, auf die der Ausdruck paßte. Das waren gewisse Anhänger des alten Pythagoras, die Pythagoristen, die so fromm sind, daß Hades, der Gott der Unterwelt sie, wenn sie sterben, zum Lohn mit an seinen Tisch zieht, obschon sie im Schmutz starren. Sie tun das aus philosophischer Überzeugung. Wir hören, wie man in Athen diese Sonderlinge, die nur Kräuter essen, nur Wasser trinken, sich aber nie waschen und den Rock voll Läuse haben, verhöhnt hat[142]. Aber sie standen außerhalb der Gesellschaft; das war kein wirkliches griechisches Leben.
Die Laus fehlt bei Aristophanes u. sonst. Reinlichkeit der Städter.
Höchst auffällig, daß sonst die ganze Literatur von solcherlei Menschen nichts zu wissen scheint, und zwar nicht nur die griechische, sondern nahezu ebenso auch die der Römer! Die antike Literatur ist immun und von früh an insektenfrei. Aristophanes, derselbe Dichter, den ich schon nannte, er war keineswegs nur der anmutige Possenreißer, im Gegenteil: ein Unflat war er, der sonst wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt, um in derbsten Tönen alle sexuellen Realitäten wie auch die Dinge der Leibesnotdurft vorzuführen. Aber die Insektenplage?
Den geflügelten Mistkäfer führt er zwar vor, in Riesengröße; der Held des Stückes fliegt auf dem Mistkäfer gen Himmel unter Gestank. Den Philosophen Sokrates läßt er ferner mit Flöhen umgehen; der Floh ist der Aristokrat unter diesen Tieren, und Sokrates nützt ihn gleich zu wissenschaftlich-experimentellen Zwecken aus; er will wissen, wie weit Flöhe springen können. Ein Floh hopste vom Kopfe des Chairephon auf den Kopf des Sokrates; nun werden die Flohfüße in Wachs abgegossen und dann irgendwie die Sprungweite gemessen[143]. So heißt es noch anderswo bei demselben Dichter, daß die jungen Mädchen tanzen wie die Flöhe in den wollenen Bettdecken[144]. Ja, auch Schaben und Wanzen fehlen da nicht und sitzen im Haus am Mauerwerk fest[145]. Insonderheit der Reisende fürchtet sich vor den Wanzen in den Nachtherbergen[146]. Aber Läuse? Nein! Die Weiber ziehen sich in naturwüchsigstemGebaren bei Aristophanes aus und an und reden dabei die natürlichsten Dinge. Läuse fehlen. Auch eine Rasierszene ist da, wo alles voll Ulk und sehr umständlich hergeht; Anlaß genug, solche Gäste in den Barthaaren zu finden; sie finden sich nicht[147]. Der bäuerische Volksmann Dikäopel sitzt frühmorgens einsam in der leeren Volksversammlung, wartet, daß die anderen Bürger kommen, und gähnt und rekelt sich derweilen, zupft sich die Haare und tut sonst noch, was wenig anständig ist; aber er laust sich nicht.
Nur Andeutungen gestattet sich der Dichter; sein Stück „die Wolken“ fängt bei Nacht an; ein alter Athener liegt da zur Nachtruhe und kann nicht schlafen; „will es noch nicht Tag werden? mich beißen die Sorgen,“ seufzt er, und nochmals: „mich beißt die Sorge vor dem Exekutor aus dem Bett heraus!“ Da haben wir die beißende Sorge als Ersatz.
Aber wie bei Aristophanes, so steht es auch sonst. Die Hirtenpoesie des Theokrit, die sich unter Ziegen und Kuhherden bewegt, wahrt auch sonst gern allerlei realistische Züge; erst recht tut dies die Tierfabel des Aesop (Phädrus, Babrius). Aber nur Mücken und Ameisen erscheinen da; vom Biß der Ameise wird da gehandelt. Weiter greift auch die Fabeldichtung nicht hinab.
Wohl aber verrät uns Aristophanes an einer Stelle, daß es in der groben Bühnendichtung früherer Zeiten doch anders hergegangen war. Da, wo er stolz vor sein athenisches Publikum tritt und darlegt, wodurch er all seine Vorgänger übertreffe und wie er es sei, der das Lustspiel zu etwas Neuem, Großem und Herrlichem gemacht, da lesen wir, daß die früheren rohen Volksdichter Athens sich begnügten, Leute aus dem Volk, die in Lumpen gehen, vorzuführen, und solche, die da „mit Läusen fechten“[148].
Da taucht also die Laus auf, nach der wir mit der Lupe suchten, und sogar ein Gefecht, eine Phtheiromachie; aber nur, um wieder fast völlig für uns zu verschwinden. Aristophanes hat an der angegebenen bedeutsamen Stelle das Programmder ganzen klassischen Literatur aufgestellt: das Programm der Läuselosigkeit.
Bad; Gymnastik; Rasieren. Die griechischen Frauen.
Woran liegt das? Die Antwort kann nur sein: an der außerordentlichen Reinlichkeit der Städter, die selbst für die kleineren Stadtgemeinden („Poleis“) Altgriechenlands bezeugt oder doch vorauszusetzen ist. Das leidet keinen Zweifel. Denn nicht nur in den Gymnasien allerorts war Wasch- und Badegelegenheit; es gab auch noch besondere Badeanstalten mit Wannen[149], und auch selbst in den Häusern der kleinen Bürger gab es regelmäßig Badetröge, Badewannen, Badestuben. Man lese dafür solche Stellen wie in des Aristophanes Wespen (v. 141) und Thesmophoriazusen (v. 559). Ein unzurechnungsfähiger, unruhiger Alter will aus seinem Haus; er wird aber nicht herausgelassen; die Tür ist abgeschlossen. Da fürchtet man, er könne von seiner Badestube aus durch den Wasserablauf schlüpfen und so den Ausgang finden. Ein andermal hat sogar angeblich ein Mord in der Familie stattgefunden, und unter der Badewanne im Haus hat man den Ermordeten eingescharrt. Das gibt uns Einblick in die bescheidenen bürgerlichen Wohnhäuser Alt-Athens im 5. Jahrhundert v. Chr., in denen sonst die Hühner und Schweine mit herumliefen. Ein vielgescholtener Demagog Athens war damals Kleon; von ihm wird uns berichtet, wie er den „Demos“ auf das schlaueste gängelt und verzieht; er läßt ihn morgens Gericht halten, schickt ihn dann ins Bad, dann zum Essen und zahlt ihm dazu Tagegelder aus der Staatskasse. Der „Demos“ aber ist das Gesamtvolk der Stadt; ganz Athen badete, wenn der geschäftige Vormittag vorüber[150]!
Was die Männerwelt betraf, so kommt nun die Nackt-Turnerei in den geschlossenen Räumen der Gymnasien dazu; und dazu diente das Öl. Ein Turner ohne Einölung der gesamten Körperhaut war für die Griechen nicht denkbar; ständig wurde deshalb auch nach dem Abschluß der Sportübungen mit dem Striegel Öl und Schweiß vom ganzen Körper abgeschabt. Wo war da noch Raum, ein geruhsamer Wirkungskreisfür Insekten? Man denke an den marmornen „Schaber“ des Lysipp im Vatikan. Wie können an solchem Jüngling Parasiten haften?
Eine gleichsam absolute Reinlichkeit, die sich noch steigerte, als nun gar auch das Rasieren Pflicht wurde. Durch 500 Jahre geht das ganze Altertum, und zwar auch die alten Herren, mit so ausrasiertem Gesicht wie Napoleon, Goethe und Schiller. Man denke an den Alexanderkopf, an Julius Caesar, Augustus, Menander. Im Bartwuchs aber findet sonst das lausige Getier gern Unterschlupf, wie das Wild im Walde[151]. Der Unterschlupf war damit niedergelegt. Nur gewisse Fanatiker des Naturwüchsigen, Philosophen und dergleichen, fügten sich der neuen Mode nicht.
Etwas anders steht es mit den Frauen. Sie badeten zwar fleißig, aber sie turnten nicht und ölten sich nicht ein[152], und insbesondere ihre Frisur konnte leicht zur Heimstätte des Gefürchteten werden. Es bestand die Redensart, wenn eine Frau in Trauer war und darum ihr Haupthaar sich glatt wegscheren ließ, sie werde bis auf die Laus geschoren[153]. Das läßt freilich tief blicken.
So begegnet uns denn in der Tat ein einziges Mal eine Dame der feinen Welt, die auch wirklich an diesem Übel litt. Die bessere griechische Gesellschaft und ihr Geistesleben war nicht denkbar ohne die schöne Halbwelt; die Hetären waren, wie allbekannt, Vertreterinnen der besten Bildung, des guten Tons und des Geschmacks, und Künstler, Dichter, Politiker und Philosophen wurden von ihrer Lebenskunst gefesselt. Daher besitzen wir ganze Kataloge von Namen dieser anziehenden Schönheiten. Eine einzige unter ihnen, die Phanostrate, führte den Spitznamen „die am Läusetor“ (Phtheiropyle, gebildet wie Thermopyle), warum? Weil sie die Gewohnheit hatte, vor ihre Haustür zu treten und sich dort die Läuse abzusuchen. Es war gewiß gut, daß sie dies Geschäft nicht in ihrem Hause besorgte. Demosthenes hat in seinen Reden diese Person erwähnt; aber er gibt uns den garstigen Spitznamen nicht; einDemosthenes nimmt den nicht in den Mund. Nur das Volk Athens hat die Dame so gerufen[154]!
Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der röm. Literatur.
Nichts ist auffallender als Sokrates, den uns Plato in unzähligen Schriften schildert und hinstellt, als ob er vor uns lebte. Plato weiß ganz wohl, daß es Läuse gibt, und da, wo er über verschiedene Künste handelt, stellt er einmal auch mit der Kunst der Strategie und der Jagd die Kunst des Läusefangs zusammen; neben der Strategie und Thereutik steht also diePhtheiristik[155]. Man sollte sich diesen Ausdruck merken, da wir für alle guten Künste so gern griechische Fremdwörter brauchen! Von Sokrates nun aber versichert uns Plato, daß er sich, mit wenigen glorreichen Ausnahmen, nie wusch und badete und daß er immer barfuß ging. Trotzdem kann der Verdacht, eine Laus an Sokrates zu finden, nicht aufkommen. Plato selbst läßt solchen Verdacht nicht zu. Ist es nur Pietät? sollte von ihm nur deshalb, weil er der erhabene Träger aller edelsten Gedanken ist, das gemein Triviale ferngehalten werden? Vielmehr ist Sokrates in Wirklichkeit sauberer als sein Ruf gewesen. Er war durchaus hoffähig, so schlicht er auftrat. Die eklen Standesunterschiede, die heute leider dem Adligen und Landbaron mit dem Fabrikarbeiter, dem Professor mit seinem Flickschuster einen täglichen Verkehr nicht gestatten, gab es in jenem glücklichen Athen noch nicht. Ob reich ob arm, der Männerverkehr stand ausschließlich auf Du und Du: selbst den Kaiser Roms hat jeder armseligste Eckensteher geduzt; und Sokrates, der dürftige, zieht also auch, ohne Anstoß zu geben, die ersten Größen der Stadt, wo er will und so oft er will, in seine Gespräche und tritt, wie er ist, als gern gesehener Gast in die vornehmsten Häuser Athens ein. Er hat durch das, wonach wir suchen, sicherlich keinen Anstoß gegeben; er war immun.
Und was von ihm galt, gilt nun auch von den eigentlichen Straßenphilosophen, die sich deshalb die Hundsphilosophen, die Kyniker nannten, weil sie bedürfnislos wie die Tiere leben wollten. In der Tat sind die Kyniker für die Bettelmönche desMittelalters, insbesondere für das Mönchtum der griechisch-orthodoxen Kirche, die eigentlichen Vorgänger gewesen. Aber wenn diese christlichen Mönche die Läuse, mit denen Gott der Herr sie plagt, als eine Zuwendung des Höchsten sorglich hüten, die wahren Läuseheger und Läuseträger, so läßt sich das von einem Diogenes und seinesgleichen keineswegs behaupten. Es ist jener Diogenes, der in Athen in einem tönernen Faß auf dem Tempelgrundstück des Metroons seine Wohnung aufschlug. Sehen wir näher zu, so erfahren wir, daß der Mann badete wie jeder andere, ja daß er sich auch einölte, wie ein rechter Grieche. Er war eben Städter und kein Dorfbewohner. Überdies stellte er sich gelegentlich nackt in den Winterregen, so daß alle über seine Abhärtung staunten. Als er in eine Badeanstalt kommt, die nicht sauber genug gehalten ist, fragt er: „Wo reinigen sich die, die hier baden[156]?“ Ein beredteres Zeugnis für die Bedeutung des Bades bei den Griechen, als dieses, kann es nicht geben.
Mit dem Römervolk steht es nun aber nicht anders als mit den Griechen. Wer kann es wagen, einen Cicero, Vergil, Seneca und Tacitus in Zusammenhang mit diesen Dingen zu bringen? Der Stich der Wassermücke war unangenehm; der wird in einem kleinen Epos von Vergil oder einem Vergilnachtreter einmal wirklich gefühlvoll besungen[157]: ein schlafender Hirte wird durch den Stich der Wassermücke geweckt, als gerade eine Schlange im Gras auf ihn lauert, und das Tierchen hat so dem Menschen das Leben gerettet; aber eine Laus naht sich dem Hirten nicht. O nein! Begreiflich genug. Denn die römische Kultur war eben im Geistigen und Technischen, in allem Nützlichen und Schönen griechisch. Ja, gerade für das Badewesen hat der Römer nicht nur in der Tiberhauptstadt, sondern auch in den kleinsten Nestern Italiens und allen Provinzialstädten wie Trier, auch in den Soldatenlagern wie im Kastell der Saalburg noch viel mehr getan als der Grieche. Es war ein Schlemmen in wohliger Nässe in den öffentlichen römischen Thermen, die gerade nur für das niedere Volk bestimmtgewesen sind und, um große Volksmassen aufzunehmen, die Größe unserer größten Kirchenbauten durch ihren Umfang weit übertrafen. Kleine Badeanstalten von Privatunternehmen gingen noch nebenher; der Reiche hatte seine eigenen Marmorbäder in seinen Villen und Palästen und protzte damit, so daß die Ärzte warnen: es wird zuviel gebadet, das Volk wird verweichlicht! Die weit über Land geführten römischen Wasserleitungen waren womöglich noch großartiger als ihre berühmten Militärstraßen. In all dem Wasser mußte das Fußvolk der Läuse zu Grunde gehen.
Fehlen bei d. Spottdichtern, anders in d. älteren Zeit Roms.
Spottdichter, die auch das Widerwärtigste heranziehen, hat Rom genug gehabt; alte Vetteln, die bei lebendigem Leibe verfaulen[158], mit grünen Zähnen und krankem Zahnfleisch; Grind und Aussatz am Kopfe und übler Mundgeruch; Bocksgeruch der Männer; Triefäugige; einer, der sich mit Urin die Zähne putzt; vergoldete Nachtstühle und ihre Benutzung[159], und noch Ärgeres sind ihre Themen. Nicht nur Catull und Horaz, vor allem hat uns Martial zwölf ganze Bücher voll schlimmster Anzüglichkeiten hinterlassen. Daß aber vor Unsauberkeit sich jemand einmal jucken muß, wird von ihnen niemals irgend jemandem aufgemutzt. Die Laus fehlt[160]. Jemand sitzt einsam; es wird gefragt: „Ist jemand bei ihm?“ Antwort: „Nicht einmal eine Fliege!“ Über die Fliege geht die Phantasie nicht hinaus[161].
Einmal taucht allerdings auch die Wanze auf. Im Haus des Furius, sagt Catull, herrscht ein solches Hungersystem, daß sogar die Wanze auswandert, weil sie da ihr Dasein nicht fristen kann[162]. Diese Plage fand sich also allerdings in vielen Häusern; aber sie gehört nicht zu unserem Gegenstand.
Hieran reiht sich die Beobachtung, daß ja auch die Tiere Läuse haben. Auch das entzog sich natürlicherweise der Kenntnis der Alten nicht; vielmehr gingen sie so weit, wo es nötig schien, auch an den Tieren die Läuse sorglich zu entfernen. Hoch entwickelt war die Pferdezucht, Fischzucht, Geflügelzucht, und betreffs der Hühner galt nun die Vorschrift, daßman den Kücken in der Zeit, wo die Federn sich bilden, die Läuse „häufig“ absuchen soll; so schreibt es der gelehrte Landwirt Varro in seinen landwirtschaftlichen Gesprächen vor (De re rusticaIII, 9, 14). Das förderte die gesunde Entwicklung der Tiere.
So viel von der Sauberkeit des Römers. Aber so war es nun doch nicht immer in Rom. Ganz anders steht es auffälligerweise in der altrömischen Poesie, als sie noch in ihren Anfängen steckte. Da regte sich wirklich das Tierleben noch auf der Menschenhaut. In den alten Bühnenstücken, da regt es sich. Woher kommt das? Das Bäderwesen fehlte nachweislich zu jenen Zeiten in Rom noch, oder es war noch ganz unentwickelt; ich meine die Zeiten der Scipionen und Gracchen, das 3. und 2. Jahrhundert v. Chr., und damit wird es um so klarer, daß am Bäderwesen alles liegt.
„Du hast ja eine einsame Laus von ungeheurer Größe auf deiner Nase sitzen!“ so wird in jenen Theaterstücken gerufen[163]. Es war natürlich sehr auffallend, daß es nureinewar, denn man traf sonst immer viele gesellig beisammen. „Der Lausbedeckte“ ist eine altlateinische Wendung, die an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig läßt[164], und ein solcher Mensch kam damals in den Volksstücken des Titinius auch wirklich auf die Bühne, wo es hieß: solcher Dreckmensch gehört aufs Land[165]. In den Liebeshändeln, die Plautus uns vorführt, sind die bösen Kuppler, die schöne Mädchen anpreisen und von den Jünglingen Geld erpressen, ständige Figuren. Plautus nennt diese Kuppler, diese Aussauger, die Läuse, Wanzen und Flöhe der Großstadt[166].
Noch älter als er ist der Dichter Livius Andronicus, der ein Soldatenlustspiel „Das Schwertlein“ (Gladiolus) schrieb; wir besitzen es nicht; aber eine Stelle ist uns daraus erhalten, die uns so viel erkennen läßt. Der Kriegsmann prahlt immer in hohen Tönen und wird deshalb immer zum Narren gehalten. Hier prahlte er in einem Schlachtbericht, den er gab, ungefähr so:
An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag!
An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag!
An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag!
An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag!
Prompt folgt darauf die höhnische Frage:
Meinst du Flöhe, meinst du Wanzen, meinst die Läuse? sag’ mir doch!
Meinst du Flöhe, meinst du Wanzen, meinst die Läuse? sag’ mir doch!
Meinst du Flöhe, meinst du Wanzen, meinst die Läuse? sag’ mir doch!
Meinst du Flöhe, meinst du Wanzen, meinst die Läuse? sag’ mir doch!
Komödie. Lucilius. Die Fabel Sullas. Julian.
Da haben wir also sogar den Kampf mit den Läusen, die Phtheiromachie, die sich unseren Augen bisher völlig entzog; es wird die Möglichkeit vorausgesetzt, daß damals ein Kriegsmann in offenbar höherer Charge einen solchen furchtbaren Kampf wirklich zu bestehen hatte. Schlimmer aber noch eine Szene in den Satiren des Lucilius; leider sind uns auch diese Satiren nur in dürftigen Fetzen erhalten. Auf alle Fälle erkennen wir, daß sich da irgend jemand bei dem Dichter einschmeicheln will, und was tut er? Es heißt: „Als der Kerl mich sieht, strahlt er mich an, dann tätschelt er mich mit der Hand, fängt an, mir den Kopf zu krauen und sammelt die Läuse[167].“ Da haben wir Alt-Rom. Da haben wir noch echtes, ungebadetes Leben. Auch in der Plautus-Komödie „Vidularia“ wurde etwas Ähnliches erzählt[168]. Und in solcher Hilfe zeigte sich also die Liebenswürdigkeit der Menschen. Einer hilft dem andern. Nicht anders machen es ja die Affen; nicht anders machen es aber auch die Leute noch heute im sonnigen Neapel, auf offener Straße, in Neapel, das seine antiken Volksbäder leider seit langem verloren hat.
Ich bemerke noch, daß jene altrömischen Lustspieldichter, die ich erwähnte, zwar ihren Stoff vielfach von den griechischen Dichtern entlehnt haben; aber solche Einzelzüge trugen sie nach freiem Ermessen hinein. In den griechischen Vorlagen stand sicher davon nichts; daher bietet uns auch der feinste der römischen Komiker, Terenz, nichts derart; er folgte am treuesten den griechischen Originalen.
Mit den Ackerknechten zu Sullas Zeit stand es begreiflicherweise noch nicht besser als in den Verkehrskreisen des Lucilius. Sulla ist es, der den Stadtrömern drohend von dem Bauer erzählt, den bei der Arbeit die Läuse bissen. Zweimal ließ der Mann geduldig den Pflug stehen und suchte seinen Kittelsorgsam nach ihnen ab; als sie ihn dann aber noch weiter bissen, schmiß er den Rock ins Feuer. Sulla will sagen: so ist Rom der Rock, den ich trage, ihr Römer seid die schmarotzenden Kerfe mit dem Saugrüssel, die ihn bevölkern; verbrennen werde ich Rom, wenn ihr nicht aufhört mich zu plagen[169].
In der Umgegend Neapels, da spielt nun aber auch der satirische Roman des Petron, und damit stehen wir in der Zeit der Hochkultur, in der Zeit des Kaisers Nero. Beim Gastmahl des höchst ordinären Geldmannes Trimalchio sind auch ein paar Leute aus dem niedrigsten Volke zu Gast, die unendlich plebejische Reden führen. Da steht auch ein Satz, der uns an den bekannten biblischen Satz vom Splitter und Balken im Auge erinnert; es werden dabei die gemeine Laus und die große Schaflaus unterschieden, und der Kerl sagt also: „Am andern siehst du die Laus; die Schafslaus, die du selber hast, siehst du nicht!“ (in alio peduclum vides, in te ricinum non vides.Petron.c.57). So etwas war also damals in Süditalien möglich, wo auch gerade die Schafzucht besonders blühte. Wohlgemerkt aber steht dort diese Wendung nur als Sprichwort und bildlicher Ausdruck, ganz so wie wir den Splitter und Balken im Auge nicht wörtlich nehmen, und es wird bei Petron nicht etwa vorausgesetzt, daß Trimalchio’s Gäste auch von jenen Tieren behaftet waren.
Es bleibt noch Kaiser Julian, der im 4. Jahrhundert n. Chr. lebte, und damit nähern wir uns der geheiligten Majestät selbst auf dem Thron der Welt. In seiner Satire über das Barttragen tut dieser Kaiser so, als hätte er wirklich höchstselbst Läuse im Bart. Um sich den weichlich verwöhnten Großstädtern in Antiochia, die ihn ohnedies hassen, noch grauenhafter zu machen, sagt er das. Das ist bizarr; der Mann ist greller Ironiker, und wir brauchen seine Versicherung ganz gewiß ebensowenig ernst zu nehmen wie das, was wir im Petron lasen[170].
Ordinäres Volksleben geben uns endlich vielfach auch die spätlateinischen „Glossare“, lexikalische Sammlungen, die heuteim Abdruck reichlich vier Bände füllen. Da sehen wir endlich auch noch gelegentlich denpediculusund denpediculosusmit verzeichnet. Das gehörte zu Vollständigkeit solcher Wörtersammlungen. Aber ein Schimpfwort, das unserem „Lausbub“ oder „Lausekerl“ entspräche, hat der Römer nie gebildet; auch der Grieche nicht. Es muß an Anschauung gefehlt haben; sonst hätte die reiche und unverblümte Sprache des Altertums sich solches Kraftmittel, die Verachtung auszudrücken, gewiß nicht entgehen lassen.
Die Läusekrankheit. Läuse bei den Barbaren.
Habe ich meinen Gegenstand hiermit erschöpft? Man wird mich an den Tod Sullas erinnern. Sulla, der Tyrann Roms, den ich schon einmal erwähnte, starb an der entsetzlichen Krankheit der Phtheiriasis. Es tat den alten Völkern wohl, wenn böse Menschen gerade durch sie, durch diese „Läusekrankheit“ zu Grunde gingen, so wie auch den Herodes, den König der Juden, die Würmer zerfraßen[171]. Am öftesten werden die „Läuse“ von den Griechen und Römern gerade nur in Anlaß dieser Krankheit erwähnt, aber gerade da täuschten sie sich vollständig. An Geschwüren ging Sulla zugrunde; auf den ausbrechenden Geschwüren bildete sich Gewürm; daß man dies Gewürm für Läuse hielt, die gar durch Urzeugung da erst ihre Entstehung fanden, war ein naiver Irrtum; darüber ist sich die heutige medizinische Wissenschaft wohl einig, und es verrät sich uns auch darin, wie wenig genau jene alten Kulturvölker die Laus im Grunde gekannt haben. Charakteristisch ist auch, was wir beim Aelian „Über die Tiere“ IX, 19 lesen: wenn das Tier Galeotes (anscheinend eine Eidechse) in Wein fällt und darin stirbt, so schadet das nichts; ertrinkt es dagegen in Öl, so stinkt das Öl und, wer davon trinkt, dem wachsen die Läuse aus der Haut hervor! Wir können diese Unkenntnis der klugen Leute nur mit Neid betrachten.
Lassen wir also jene abenteuerlichen Krankheitsberichte ganz beiseite. Aus alledem aber erklärt es sich nun endlich auch, daß die Griechen die ihnen so fremd gewordene Insektenplagegelegentlich an auswärtigen, barbarischen Völkern als Merkwürdigkeit hervorhoben; es geschieht wiederum offenbar mit Erstaunen und Entsetzen.
Als der edle Grieche Phalanthos aus seiner schönen Heimat auswandern muß, überfällt ihn in der Fremde, im „Elend“, diese Plage; seine Frau aber ist mit ihm, nimmt ihn auf den Schoß und säubert ihm das Haupt. So erzählte die Sage[172]. Dann aber meldet sich der alte Ethnograph Herodot (im 5. Jahrhundert v. Chr.) zum Wort. Die ägyptischen Priester, so erzählt er, sind reinlicher als die sonstigen Ägypter und treiben es darin bis zum äußersten; sie bescheren sich den ganzen Körper, jeden dritten Tag, damit keine Laus noch anderes Ungeziefer sich einfinde; auch die leinenen Kleider, die sie tragen, sind immer frisch gewaschen[173]; und von einem anderen, unkultivierteren afrikanischen Volksstamm erzählt Herodot: ihre Weiber waschen sich die Haare, und wenn eine von ihnen von einer Laus gebissen wird und sie erwischt, so beißt sie sie zunächst aus Rache wieder und beißt sie tot, bevor sie sie wegwirft[174]. Die griechischen Geographen aber, Strabo voran, die die Gegend nördlich der Krim und des Asowschen Meeres (Maeotis) beschreiben, verzeichnen da ein Volk, das von den Griechen kurzweg die „Läusefresser“, die Phtheirophagen, genannt wurde[175]. Wegen ihrer Ruppigkeit und ihres Schmutzes hießen sie so, wie Strabo uns sagt.
Und damit sind wir glücklich inSüdrußlandangelangt. Die „Phtheirophagen“, so könnten auch jetzt noch die Südrussen heißen! Schon um die Zeit vor Christi Geburt war es im Don- und Wolga- und Dnjeprgebiet nicht anders, als es jetzt ist. Ja, wir dürfen voraussetzen, daß diese Spezialität auch damals schon bedeutend weiter nach Norden und bis in die Gegend von Warschau, von Pinsk und Minsk reichte. Auch unsere Feldgrauen in Polen und Littauen redeten ja mit Hohn und Ingrimm von den „Läusefressern“, als hätten sie den Ausdruck aus Strabo genommen. Die Läuse, die dort in denKriegsjahren unter unsäglicher Pein und Beschwerde von unseren braven deutschen Kriegern gefangen wurden, sind ein zähes Geschlecht, von uraltem Adel, dessen Ahnen schon in den alten Geschichtsbüchern der Griechen verzeichnet stehen. Es erben sich Gesetz und Rechte, es erben sich auch der Läuse Geschlechter wie eine ewige Krankheit fort.
Und dazu kommen noch die Serben. Ich sehe eben ein prächtiges Bild in der „Jugend“, 1916, Nr. 5; es ist von A. Schmidhammer gezeichnet. Die flüchtigen Serben sind auf Korfu gelandet; im Garten des kaiserlichen Achilleions steht dort die Statue des herrlichen jungen Achill; ein alter, müde gehetzter Serbe schläft zu Füßen der Statue ein, und die Läuse krabbeln nun von dem ungewaschenen Kerl aus gierig am Bein des hohen Griechenhelden hinan, der sich ganz befremdet an den glatten Schenkel faßt und seine erhabene Gestalt zu der niedrigsten aller Untersuchungen herunterbückt. Modernes Slawentum und klassisches Altgriechentum! Da haben wir den Gegensatz im Bilde!
Wohl uns Deutschen, daß wir uns sagen können: unser deutscher Soldat ist der saubere Erbe jener alt-hellenischen Kultur, die das Leben erst lebenswert machte[176]. Krieg allen Phtheirophagen! Es lebe im Deutschen das Griechentum! Mit keinem besseren Schlachtruf könnte ich diese meine Betrachtung schließen.