Der Mensch mit dem Buch.
Oft haben im Leben der Völker handwerksmäßig mechanische Erfindungen von der größten Unscheinbarkeit die größte Tragweite für den Aufstieg der Kultur gehabt. Prometheus, der das Feuer vom Himmel holte, ich meine: der Mann, der den ersten Funken aus dem Stein schlug, er stellte die Menschheit auf einen anderen Boden; dasselbe tat der Mann, der das erste Schiffssteuer erfand und die erste Meerfahrt wagte — oder der andere, der zuerst aus dem Bergwerk das Eisen holte und es schmieden lehrte: sie änderten das Wesen der Menschheit. Nicht minder denkwürdig ist aber auch der namenlose Erfinder des ersten Buches, des Buches, das — wie das Schiff — Transportmittel, und zwar das wertvollste Transportmittel ist, da es das kostbarste aller Güter, das Geistes- und Gedankenleben der Völker, das menschliche Erinnern von Land zu Land und von Jahrhundert zu Jahrhundert trägt. Auch das Buch gehört im Hochtrieb der Welt zu den wichtigsten Hilfen und ist als solche noch lange nicht genug gefeiert worden.
Ich meine das Buch, das sichvervielfältigenläßt. Das gilt nicht von den Backsteinbibliotheken der alten Babylonier; es gilt vom Buch der Ägypter und der Griechen.
Die erste Offenbarung des Griechentums warHomer; aber Homer war für die Griechen nicht der Erfinder des Buches. Er hatte es noch nicht. Es ist wichtig, dies klarzustellen, und damit muß ich beginnen[177].
Der Naive denkt sich den alten Homer, wie er dasitzt und die 48 Bücher der Ilias und Odyssee dichtend niederschreibt. Auch neuerdings machen sich solche naive Vorstellungen wieder geltend, aber sie widersprechen auf alle Fälle den offen liegenden Tatsachen. Homer kannte die Schrift, allerdings. Einen Brief auf der Schreibtafel erwähnt er selbst einmal bei Gelegenheit des Abenteuers des Bellerophon. Es ist der Geheimbrief, der den Tod des Überbringers fordert. Aber die Tafel ist kein Buch, von dem ich rede. Wer dem Homer das Buchin die Hand gibt, kann ihm auch die Brille aufsetzen; das eine war seinerzeit noch ebenso fremd wie das andere. Andernfalls hätte er ja auch in Prosa schreiben können und die Sache viel leichter gehabt; denn sobald das „Buch“ bei den Griechen wirklich auftaucht, wird Sage und Geschichte sogleich planvoll in Prosa niedergeschrieben.
Alle Poesie der Urzeiten geht im Vers einher, und der Zweck des Verses ist da überall Gedächtnishilfe, die deshalb nötig ist, weil das Buch fehlt. Eben dazu, zur Hilfe des Gedächtnisses dient aber obendarein auch das auffallend Typische in der epischen Sprache, nicht nur in dem „tondapameibomenos“ und tausend anderen ständigen Einführungsformeln, die später zur Parodie einluden, nicht nur in den ewig gleichen und festklebenden Schmuckwörtern wie dem „im Donnergewölk Zeus“, sondern auch in der Repetition ganzer Abschnitte, die so weit geht, daß man meint, Homer plündert sich selbst aus.
Der blinde Homer ohne Buch.
Der gute Dichter kommt uns sogar selbst zur Hilfe; denn er läßt in seiner Odyssee selbst den Sänger Demodokos auftreten, der da ganz in homerischer Weise von Heldendingen erzählt; aber Demodokos ist blind und ist ohne Buch, er kann also nicht lesen und muß lediglich seinem eigenen Geist und Gedächtnis vertrauen[178]. In Demodokos zeichnet sich uns Homer, und nun bedeutet gar der Name „Homeros“ selbst den „Blinden“, nichts anderes. Das sollte Zufall sein? Ilias und Odyssee, die langen Epen sind Blindenpoesie.
Wir besitzen eine alte Biographie des Homer; darin steht: der Dichter hieß ursprünglich Melesigenes; er wurde blind und deshalb, als er in Kyme war, Homer genannt; denn in Kyme nennt man die Blinden „Homere“[179].
So ist der Dichter denn auch in der griechischen Plastik, die sein Porträt formte, von Anfang an deutlich als Blinder dargestellt worden. Das entsprach schon seinem Namen; es war nicht anders möglich.
In primitiven Zuständen sind die blinden Leute auch sonsthäufig die Träger der Poesie und des Volks- und Heldengesangs; sie sind die Vortragenden auf den Märkten und Gottesfesten. Schon das deutsche Mittelalter ist Zeuge; denn da heißt es: „so singent uns die blinden“. Ebenso erscheinen sie auch bei den Serben; die lebendigste Anschauung aber gibt, was ich über die Balladendichtung in Palermo lese. Da bestand noch in neuester Zeit und besteht vielleicht noch jetzt eine Kongregation der Blinden, 30 Mitglieder stark, von denen die einen nur vortragen, die anderen aber Neues erfinden; heiliger Ernst ist es ihnen dabei. Von Kindern lassen sie sich führen, wenn sie auftreten. Schon im Jahre 1661 ist diese Blindengilde dort gegründet worden. Was sie aber singen, sind Banditengeschichten von Testalonga, Fradiavolo, Tabbuso und Zuppa. Das sind die Achill und Odysseus, die Helden dieser sizilianischen „Homere“[180].
Daß es nun auch bei den Griechen jener alten Zeiten mehr als einen „Homer“, d. h. mehr als einen blinden Sänger gab, ist zweifellos. Es war offenbar auch bei ihnen ebenso wie bei den Deutschen, den Serben und den Leuten in Palermo der allgemeine Beruf des Blinden, der sonst keine Beschäftigung hat, zu singen und Geschichten zu ersinnen. Man braucht nur den blinden Demodokos neben den Dichter des homerischen Apollohymnus, der sich sogar selbst den „blinden Mann“ nennt, zu halten, um das einzusehen.
Wollen wir nun gleichwohl ansetzen[181], daß die blinden Berufsdichter, auf die Ilias und Odyssee zurückgehen, doch auch schon Schreibergehilfen hatten, die die neuen Gesänge entweder sogleich oder bald hernach schriftlich sicherstellten, so waren, wenn wir genau zusehen, gegen 500 Schreibtafeln nötig, um die etwa 28000 Zeilen der beiden Epen aufzunehmen[182]. An eine Wahrung der Texteinheit war dann also schlechterdings nicht zu denken; sie war vollständig zertrümmert und eine chaotische Verwirrung der vielen hundert Holztäfelchen die fast unausbleibliche Folge.
Homer ist sonach in jedem Fall der Mensch ohne Buch. ImVerfolg soll dagegen vom Menschen mit dem Buch, wie ihn das Leben zeigte und die Kunst der Alten ihn dargestellt hat, die Rede sein.
Woher das Buch nehmen? Der Boden Griechenlands selbst war an vegetabilischen Erzeugnissen zu arm oder das praktische Genie der Griechen war nicht entwickelt genug, um das „Papier“ zu erzeugen, durch das allein ein Buch ermöglicht wird, das sich für literarische Zwecke eignet.
Die Schrift war allerdings längst da. Man zeichnete sich ein Bild an die Wand und verstand sich. Nichts war natürlicher. Dann kürzte man das Bild zu andeutenden Linien ab, und der Buchstabe war fertig. Einen großen Fortschritt bedeutete es, als der Grieche die Silbenschrift des Orients, die den Vokal nicht ausdrückt, zur Buchstabenschrift, die jedem Einzellaut im Wort gerecht wird, verfeinerte. Das war die erste große grammatische Leistung des Griechentums im Dienste der Phonetik. Aber worauf schreiben?
Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“.
An Schreibflächen fehlte es nicht[183]. Man ritzte die Grüße oder Anweisungen, die man auf dem Herzen hatte, in die Haustüren oder in den Baum am Weg oder in die nächste Felsenwand. An den Grenzen der Feldfluren standen oft Ölbäume: in ihre Rinde grub der Eigentümer regelmäßig den Grenzvermerk (arbores notatae). So bekamen auch Sklaven und Vieh Zeichen eingebrannt, damit man wußte, wem sie gehören; man tätowierte gelegentlich den ganzen Menschen, schon damals. Staatsgesetze aber grub man schon früh in die glatten Außenwände der Tempel oder unmittelbar in die hohe Einfassungsmauer, die den Richtplatz umgab. Gräber wurden mit beschriebenen Steinplatten versehen. Sollte aber der Text transportabel sein, so griff man zum Fell, zur Kuhhaut, lieber noch zur rollbaren Bleiplatte und zur Holztafel. Die handliche kleine Holztafel hat sich der Grieche endlich früh mit Wachs überzogen, und er begann im Wachs zu schreiben, ein Merkmal der Vergänglichkeit: denn aus dem Wachs ließ sich die Schrift gleich immer wieder hinwegglätten.
Was nützte das aber den Dichtern, die unmittelbar auf Homer folgten und in ihren Versen nun auch — anders als er — mit ihrem eigenen Ich kräftig hervorzutreten begannen? Die erste Elegie entstand, das erste Streitgedicht desArchilochos, das erste Chorlied, dasAlkmankunstvoll gestaltete. Wie sollten diese Männer ihren Text sichern? Was sie dichteten, hatte immer nur geringen Umfang; sie legten davon eine einmalige Niederschrift im Tempel nieder; das war die einzige Sicherung: das Werk sollte nicht untergehen. Die Tempel sind im 7. Jahrhundert v. Chr. die alleinigen Archive für solche Poesien gewesen[184]. Vervielfältigung durch Abschrift aber gab es noch kaum, und die Veröffentlichung geschah lediglich durch mündlichen Vortrag. Auch diese Männer harrten immer noch auf das „Buch“.
Das gilt auch vomHesiod. Von Hesiod besitzen wir die „Theogonie“ und die „Werke und Tage“. Wer aber diese beiden Werke liest, der staunt über den Mangel an Ordnung und Plan, die häufige Zusammenhangslosigkeit des Inhalts. Dabei ist jedes derselben doch nur etwa 1000 Zeilen stark. Der Schaden kann sich nur daraus erklären, daß der Text, wie das vorhin Gesagte ergibt, ursprünglich auf etliche kleinere Schreibflächen verteilt war. Erst nachträglich können die Teile in einem „Buch“ zusammengestellt worden sein. Daher die Uneinheitlichkeit. Wir hören von einem uralten Exemplar des Hesiod auf Blei, das sich auf dem Berg Helikon anscheinend gegen Witterung ungeschützt bei der berühmten Quelle, der Hippokrene, befand. In diesem Blei haben wir eine wertvolle Probe des Urzustandes des griechischen Schreibwesens. Daß aber der Text der „Werke und Tage“ auf dem Blei vollständig stand, ist kaum zu glauben. Denn unzählige antike Bleirollen sind gefunden worden, und sie enthalten immer nur ganz geringe Textumfänge und wohl kaum mehr als 50 Zeilen[185].
Wie sollte nun gar in der Folgezeit des großen Thukydides Prosawerk vom Peloponnesischen Krieg, wie sollte Platos Staat möglich sein? Das „Papier“ war schreiendes Bedürfnis, und es fand sich nicht.
Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur.
Da kam das Große. Ägypten eröffnete endlich seinen Außenhandel. Ägypten hatte längst das ersehnte Papier, es hatte längst das Buch der Zukunft. Im 7. Jahrhundert geschah es; damals hat der griechische Handel mit Ägypten eingesetzt. Der Name König Psammetichs I., der um 670 bis 616 regierte und sein Land erschloß, ist darum unvergeßlich. Um 630 v. Chr., da mag die erste Papierrolle wirklich vom Nil nach Athen oder Milet oder Sizilien gekommen sein. Und die eigentliche griechische Buchliteratur konnte beginnen. Sie entwickelte sich plötzlich und rasch.
Es handelt sich nicht um Lumpen- oder Hadernpapier, erst recht nicht um unser modernes Holzpapier. Vielmehr aus dem Mark des Nilschilfs wurde das Material, das manChartanannte, in langen Fahnen kunstvoll hergestellt, und zwar geschah das dort schon seit Jahrtausenden. Die ganze schreibselige Kultur der Ägypter beruht eben hierauf, auf der Charta. In dichten Schichten liegen in Ägypten noch jetzt die beschriebenen Papyrusmassen unter dem sandigen Erdboden und werden heute ausgegraben, fast so, wie man bei uns die Steinkohlen gräbt; oder die stummen Mumien sind darin eingewickelt, und ganze Kisten voll gehen davon alljährlich nach Europa (vorausgesetzt, daß kein Weltkrieg ist), um in den Bibliotheken und Museen von Oxford, London, Berlin, Wien, Paris, Florenz, Genf, Straßburg aufgerollt, entziffert, studiert zu werden.
Neidisch hatte das enge Pharaonenland dies herrliche Papier der Welt so lange vorenthalten. Das Schreiben darauf war des Ägypters besondere Wollust. Millionenmal haben jene Leute sich, vielfach auch gerade die vornehmsten Würdenträger des Nillandes, in schreibender Stellung hockend, statuarisch oder im Relief abbilden lassen, oft ganze Gruppen, die nachDiktatschreiben, also im Begriff sind, einen Text zuvervielfältigen[186].
Tafel 5Lesender Mann.Von einem Marmorrelief.(Paris, Münzkabinette.)
Tafel 5
Lesender Mann.Von einem Marmorrelief.(Paris, Münzkabinette.)
Jetzt endlich hatten die Griechen also ein Buch gewonnen, das sich in der Tat leicht hundertfach vervielfältigen ließ.Der Großbetrieb konnte einsetzen: Abschriften der besseren Werke in beliebiger Anzahl, Buchverkauf, Buchhandel.
Und so beginnt eben jetzt, im 6. Jahrhundert, wirklich die griechische Prosaschriftstellerei, die schlechthin das Buch voraussetzt, da Prosa sich nicht nach Art eines epischen Gedichtes auswendig lernen läßt. Aber auch die griechische Dichtkunst veränderte nun sogleich ihr Wesen und bereicherte sich wunderbar; denn auf einmal entsteht jetzt die große Lyrik, und es entsteht die Tragödie, Oratorium und Oper; d. h. auch die Musik kann sich jetzt plötzlich auf das reichste entwickeln. Das Wesen der griechischen Musik erkennen wir an den Versmaßen. Kunstvolle Versmaße werden jetzt möglich, eine Rhythmik mit mannigfachem Wechsel der Taktarten, die ohne sorgliche Niederschrift des Textes und auch der Musiknoten nicht denkbar war. Ich nenne nur den großenStesichoros, der jetzt — um das Jahr 600 beginnend[187]— auf Sizilien seine gewaltigen, ausgedehnten, halbdramatischen, oratorienartigen Chordichtungen schreibt, undÄschylus, der in Athen bald danach die Tragödie schafft. Auch diese Offenbarung des griechischen Kunstgenies, die Tragödie, war erst jetzt möglich. Weiter aber: auch derHomertextwurde nunmehr in der Form, wie wir ihn haben, endlich zum erstenmal in Buchform redigiert und gesichert, und auch dies ist, wie jetzt unbedingt feststeht, in Athen geschehen[188]. Es ist dies das erste unvergängliche Verdienst, das sich Athen um die Weltliteratur erworben hat.
Und nun taucht auchHerodot, der Vater der Geschichte, vor uns auf. Herodot und andere seinesgleichen schreiben jetzt in Prosa die Sagengeschichte und Staatengeschichte ihres Landes,Anaxagorasund andere Philosophen vor ihm ihre kühnen und ewig denkwürdigen Entwürfe über Sein und Werden und die Natur und Entstehung des Alls. Der wundervoll treibende Griechengeist hatte jetzt einen Boden gewonnen, auf dem er blühen und wuchern konnte, so wie, wo sich frische Erdkrume bildet, sogleich eine Vegetation entsteht. Plato, Demokrit, Aristoteles erhoben ihre breiten Wipfel. Das Buch erzeugte die Literatur.
Und wie geschmeidig war dies Buch! Federleicht lag es in der Hand. Fliegende Blätter hatte man, und wer deren viele zusammenklebte, erhielt eine Fläche von beliebiger Länge, die er beschrieb und leicht zusammenrollte. Denn das Buch war nur Rolle. Heftung kannte man nicht.
Buchhandel der Griechen. Herstellung des Papyrus.
Und wie fest und klar stand die tief dunkle Schrift auf dem hellen Grunde! Das Papier war weiß, aber nicht blank und warf keine Reflexe: eine Wohltat für das Auge. Das Schreiben war jetzt auch kein Gravieren und Ritzen mehr; es war Farbenauftrag. Mit der weichen Feder malte man die Buchstaben. Und das ging rasch. Massenkopien gab es gleich. Buchunternehmer hielten sich ein Sklavenpersonal, das die Kopien nach Diktat schnell genug lieferte; denn leicht konnten so nach Diktat 50 Exemplare auf einmal, 1000 in einer Woche hergestellt werden. Und man kaufte sich jetzt also die Platodialoge oder die Euripidesstücke, nahm sie auf die Seereise mit und las sie auf dem Schiffsdeck. Der Buchhandel und Versand ging von Athen überall hin, nach Sparta, Kleinasien, zu den Städten des Schwarzen Meeres. Dabei verwahrte man die Rollen in hübschen Kapseln aus Holz. Auch in der Schule hatte jetzt schon jeder Knabe sein Lernbuch, und der Gebildete konnte sich darin nicht genug tun; er kaufte sich schon lesehungrig alle möglichen Autoren, Homer, Epicharm, Tragödien, Schriften über Baukunst, Kochbücher u. a. zusammen, und vereinzelt entstehen schon wohlgeordnete kleine Büchereien. Sie sind vorläufig nur Privatbesitz. Mit der ersten Bibliothek aber war auch der erste Überblick über den Bestand der griechischen Literatur gegeben; das Griechentum wurde sich seines geistigen Besitzes bewußt; eine Literaturgeschichte konnte entstehen[189].
So ging die Entwicklung zunächst durch drei Jahrhunderte, vom 6. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr.
Im Nildelta, und zwar in den breiten und schlammigen Seitenarmen des Nil, da wuchs und gedieh das Papyrusschilf in ganzen Wäldern. Inselartig standen diese Wälder in denseichten Wasserflächen. Sie wuchsen jedoch nicht etwa wild; vielmehr wurde das Schilf sorglich gepflanzt, gehegt und jeder Ausfall ersetzt; ein Riesenvermögen steckte für die Besitzer in diesen Wasserpflanzungen. Es waren hohe Schäfte mit graziös gefiederten Wipfeln und Blätterbüscheln, die im Seewind rauschen und leicht sich wiegen; der Schaft mehr als armstark. Fußpfade, die so schmal waren, daß nur ein Mann hindurch konnte, und auf denen der Heger sich bewegen und die Ernte eingebracht werden konnte, führten durch die Dickichte hindurch[190].
Jahrtausendelang hat dort im Altertum diese wichtige Kultur bestanden. Wie anders jetzt! Seitdem die Pflege fehlt, ist der Papyrus dort im Nil völlig verschwunden.
Für die Fabrikation war die Stadt Saïs, die Residenz des Königs Psammetich, der Hauptsitz, und eine ganze Reihe von Sorten der Charta wurden hergestellt, die sich nach der Qualität, nach Größe, Färbung, Feinheit und Dauerhaftigkeit unterschieden. Denn für wichtige Aktenstücke der Staatsverwaltung und für schöne Gedichtbücher brauchte man bessere Qualitäten, als der Kaufmann sie in seinem Laden zum Rechnungschreiben nötig hatte.
Anschauung von dieser „Charta“ kann heute jeder haben, der einmal unsere größeren Museen und Universitätsbibliotheken besucht, wo Proben davon in Glas und Rahmen ausgestellt werden. Die Fabrikation aber war schwierig und erforderte viel Zeit und ein beträchtliches Personal. Denn das feste Mark des Schilfs wurde auf das mühsamste in möglichst lange und möglichst dünne Streifen zerlegt und diese Streifen dann glatt zusammengeklebt, indem man sie netzförmig übereinanderlegte. Leicht lösten sich aber die Fasern wieder, und wiederholte Pressung und erneutes Kleben, endlich ein sorgliches Trocknen der Ware war immer nötig. Damit war aber zunächst nur ein Einzelblatt von etwa 34 × 20cmGröße gewonnen, und aufs neue mußten die Kleber mit ihrem feinen Leim daher, um aus je 20 Blättern die Buchfahnen,die in den Handel kamen, zusammenzufügen. Auf die Fahne setzte man die Schrift in Spalten nach Art der Spalten unserer Zeitungen. Reichten für das beabsichtigte Buch 20 Blätter nicht aus, so klebte man wieder etliche Fahnen aneinander, je nach Bedürfnis.
Papierpreise. Umfang und Ausstattung der Rollen. Buchteilung.
Schon aus dieser Art der Herstellung erklärt sich, daß das Papier im Altertum sehr teuer gewesen ist[191]; und je mehr die Nachfrage zunahm, je teurer mußte es werden. Denn bald sollte für die ganze damalige gebildete Welt, für Griechenland, Syrien, Mazedonien, Italien, Spanien, Südfrankreich das kleine Nildelta allein das Papier liefern. Ja, die Fabrikanten im Delta bildeten einen Trust und trieben obendarein die Preise gemeinsam künstlich höher, wie Strabo uns meldet. Ungeheure Werte steckten also in den großen Büchereien des Altertums, wie sie die römische Kaiserzeit besaß. Die Literatur war auch im Hinblick auf das Papier, auf dem sie stand, eine Kostbarkeit.
In Großstädten wie Rom lagerte das Papier, die unbeschriebenen Rollen, auf Vorrat in großen Speichern, die der Staat beaufsichtigte. War die Papyrusernte am Nil schlecht ausgefallen, so trat in der Welt Papiernot ein, die fast so schlimm war wie die Hungersnot, die drohte, wenn das Korn nicht aus Ägypten kam, und die Behörde mußte alsdann eingreifen und den Verkauf regulieren. Auf dem Lande war oft gar kein Papier zu haben. Auch wir wissen seit dem jüngst erlebten Kriege davon zu erzählen, wie die Regierung alle Vorräte der Waren an sich nimmt, um der größten Not zu steuern.
In Rollen zu lesen, denken wir uns heute sehr unbequem, und anfangs herrschten auch wirklich noch große Mißstände im Bücherwesen der Griechen. Erträglich war die Sache, wenn es sich um Rollen von etwa 20 Seiten handelt. Herodot aber wird heute auf 600 Seiten abgedruckt, und für solch umfangreiche Werke ergaben sich damals Rollen von 50, 70 oder 100 Meter Länge. Als solche endlose Konvolute haben wir uns die ersten Ausgaben des Herodot, des Thukydides zu denken; so hatte noch Alexander der Große Ilias und Odyssee in Händen. Eine einschneidendeReform war darum nötig. Kallimachos war es, der den berühmten Ausspruch tat: „ein großes Buch ein großes Übel.“ Seitdem, d. i. seit dem 3. Jahrhundert v. Chr., wurde es Sitte, die größeren Bücher zu zerschneiden (davon kommt der AusdruckTomus, „der Schnitt“), d. h. die Buchteilung in der Schriftstellerei wurde Sitte; sie wurde erzwungen[192]. In 12 Rollen ließ darum Vergil seine Äneide, in 3 Rollen ließ Cicero sein Werk „vom Redner“ erscheinen; und die Kunst des Disponierens steigerte sich dabei wunderbar. Man lernte fortan seinen Stoff jedesmal so einzuteilen, daß womöglich in jeder kleineren Rolle ein in sich abgeschlossener „Abschnitt“ des Werkes stand, der für sich allein gelesen, genossen werden konnte.
Aus diesem sehr äußerlichen Grunde erklärt sich die sonst so befremdliche Durchführung der Buchteilungen in den alten Autoren.
Bibliothek. Bildliche Darstellung: Schreibende.
Besonders die Dichter las man in möglichst dünnen Rollen; ein Odenbuch des Horaz stand auf einer Papierfahne von nur 20 Seiten, kaum mehr. Das ist auch heute noch so; man denke an Mirza-Schaffy und Frauen-Liebe und Leben; auch wir wollen für unsere zärtlichen Dichter keine großen Formate. Wollte man überdies noch Effekt machen, so stattete man das Röllchen hübsch prunkvoll aus, schob es in einen farbigen Mantel (so wie wir unsere Tischservietten) und steckte noch ein vergoldetes Stäbchen mitten hinein. Besonders reizvoll und glanzvoll müssen die Bilderbücher gewesen sein; wer die Rolle auseinandernahm, sah eine Folge farbiger Bilder, Porträts, Kampfszenen aus den Römerkriegen u. a. Vor allem hing nun noch aus den Rollen immer ein festes, pergamentenes Zettelchen heraus, das man gern purpurn färbte und auf dem der Titel zu finden war. Dieser Zettel selbst hieß der „Titel“. Im Bibliothekszimmer standen Schränke oder an den Zimmerwänden zogen sich „Nester“ hin; darin lagen die Rollen wie die Vögelchen beisammen, bereit auszufliegen, allemal hübsch mit dem Kopf nach vorn, an dem der Titel hing. Es war gewißallerliebst, in solchem Bücherzimmer sich aufzuhalten; alles, Bücher und Borte und Wände, bunt bemalt und in Farben strahlend; dazu edler Statuenschmuck; auch gemalte Porträts der Lieblingsdichter. Die Nester waren nur in bequemer Höhe angebracht, auch die Schränke nur niedrig, zu 3 Borten. Man brauchte nicht auf Leitern zu steigen, um seinen Plato oder Livius zu finden[193].
Wie nun der lesende Mensch mit dem Buch umging? Dem modernen Menschen fehlt dafür jede Anschauung; aber die reiche antike Kunst kann sie uns geben[194]. Hier ist der Ort, die Plastik und Malerei der Alten heranzuziehen. Selten ist uns Gelegenheit gegeben, die Zweckmäßigkeit und Sinngemäßheit der künstlerischen Motive, insbesondere in bezug auf die Haltung der Hände, so festzustellen wie in diesem Falle.
Auch unsere modernen Künstler kommen bisweilen in die Notlage, einen Menschen mit dem Buch darstellen zu müssen. Aber ihnen fehlt dafür eine Tradition oder die Achtsamkeit, und sie irren sich oft seltsam. Wer z. B. die schöne Goethe-Statue Schwanthalers in Frankfurt a. M. betrachtet, wird mutmaßlich wenig darauf achtgeben, daß der Dichter den Kranz in der Linken, das Buch aber in der Rechten hält. Warum sind die Gegenstände auf die Hände nicht anders, nicht umgekehrt verteilt? Eine müßige Frage! Wer hat Zeit, sich damit aufzuhalten? Der Künstler macht das eben, wie es am besten aussieht. So machte man es aber im Altertum nicht, und die moderne Kunst der Porträtstatue ist doch ein Erbe aus dem griechischen Altertum. Wer das Buch in der Rechten hat, will vorlesen; wer es in der Linken hält, hat vorgelesen. Goethe aber kann seinen Kranz erst erworben haben, nachdem er sein Werk vortrug. Die griechische Kunst hätte Kranz und Buch somit anders verteilt, und so ist es tatsächlich geschehen auf einem Pompejanischen Wandgemälde (Helbig, Campanische Wandgemälde, Nr. 1454).
Viele lieben es heute, sich mit dem Buch photographieren zu lassen, die strebsame höhere Tochter, der Schulmann, Gelehrteund Diplomat „in seinem Heim“, schließlich aber auch die Metzgersfrau und der Sergeant und Ladenjüngling. Warum auch nicht? Wir alle haben heute Schulbildung, und das Buch ist unser! Meistens wirkt dabei freilich die Verlegenheit mit: die Hände müssen irgendwie beschäftigt sein, wenn sie nicht gerade in Handschuhen stecken. So kann die Laune des Photographen den Kellner zum Gelehrten machen und die Putzmacherin zur Dichterin.
In der antiken Porträtkunst war das anders, und zwar schon in der ägyptischen. Da ist alles sinngemäß und zweckmäßig. Im alten Ägypten unterschieden sich die Stände darnach, wer schreiben und wer nicht schreiben kann. Das Buch adelt. Wer nicht lesen kann, ist der Esel, wer lesen kann, der Eseltreiber: so dachte man. Man gestatte, daß ich hier von „Buchhaltern“ rede, ich meine die Personen, die sich mit dem Buch zeigen. Die „Buchhalter“ auf den ägyptischen Bildwerken sind da die höheren Beamten. Mit eigensinniger Konsequenz und massenhaft sieht man daher die Buchrolle oder das Schreibgerät in der festgeballten Hand gerade nur der Vornehmen auf den Reliefs der großen Tempelwände, der Gräber und Pylonen des Pharaonenlandes. Berühmt und wundervoll realistisch auch so manche Schreiberstatue, wie die im Louvre: wohl nie ist ein hoher Bureaubeamter und vortragender Rat so verherrlicht worden wie da; sie zeigt ihn angespannt in seiner Tätigkeit. Freilich ist er sehr dürftig bekleidet. Ein Schurz genügt.
Der freie Grieche dachte anders. Er hatte kein Königtum, ebensowenig eine Bureaukratie, die in Staffeln bis zum Monarchen hinaufging und sich auf das Buch gründete. Bei den Griechen wurden Buchabschriften zumeist nur von der unfreien Dienerschaft angefertigt. Sah sich der Freie gezwungen, selbst einen Text zu kopieren, so schämte er sich dessen und hat sich nicht schreibend abbilden lassen. Die ganze überreiche griechisch-römische Kunst vermeidet es, einen Menschen darzustellen, der ein Buch schreibt. Denn das Schreiben in Rollen war mühsamund erzeugte eine unedle Haltung. Die Hilfe des Tisches wurde beim Lesen und Schreiben stets vermieden. Man schrieb auf der Hand. Dazu kam, daß man mit dem flüssigen Farbstoff die Finger sich beschmutzt hätte. Der Vornehmere schrieb daher auf Wachstafeln (codices,codicilli), in deren eingerahmte Wachsfläche er mit dem dolchartig spitzen Metallstift die Buchstaben nur zu ritzen brauchte. Das war saubere Arbeit; sie „fleckte“, aber sie befleckte nicht. Auf Wachstafeln schrieb der Bankier seine Kontos und Quittungen, schrieb der Liebhaber sein Billett an die Dame, die gleich in dieselbe Tafel auch die Antwort ritzte, schrieb endlich der Dichter seine Entwürfe, die dann sein Amanuensis kopieren durfte.
Bildliche Darstellung: Lesende.
Also keine Schreiber, wohl aber Leser zeigt uns die alte klassische bildende Kunst. Man las aber allemal nur in Rollen; denn nicht nur in Ägypten beherrschte die Rolle das Bücherwesen durch Jahrtausende; auch bei den Griechen und Römern ist sie von etwa 600 v. Chr. bis 400 n. Chr. so gut wie der alleinige Träger aller Lesebücher und wohl auch Bilderbücher gewesen. Das ergibt wiederum ein Jahrtausend. Das Prinzip des Heftens der Bücher ist zwar schon im Altertum, aber doch erst merkwürdig spät aufgetaucht, und es fand alsdann im wesentlichen nur für Pergamenthandschriften Anwendung, die den ärmeren Volksschichten dienten[195]. In gehefteten Handschriften liest kein einziger Mensch auf den unzähligen Bildwerken der Alten, die hierfür in Betracht kommen. Die jüdische Synagoge hat die Rolle bekanntlich bis auf den heutigen Tag beibehalten. Dabei dienen Stäbe dazu, die Rolle anzufassen; denn die heiligen Schriften dürfen nicht mit der Hand berührt werden. Die Griechen im Profanleben wußten von solcher Scheu natürlich nichts; die Hände sind es, die mit dem Buch umgehen.
Tafel 6Ägyptischer Schreiber.(Paris, Louvre.)
Tafel 6
Ägyptischer Schreiber.(Paris, Louvre.)
Man muß den Akt des Lesens selber kennen, um die Motive zu verstehen, die die antike Kunst hierfür verwendet. Wer zu lesen beginnen will, hält die geschlossene Rolle zunächst in der rechten Hand. Die Linke öffnet dann das Konvolut, löst dasBand und Siegel, falls ein solches vorhanden (man denke an das Buch mit sieben Siegeln der Apokalypse) und zieht die erste offene Seite zu sich nach links. Eine Textspalte nach der anderen zieht also die linke Hand zu sich herüber, indem sie das Gelesene zugleich wieder zusammenrollt. Am Schluß der Lektüre ruht die Rolle somit allemal, aufs neue geschlossen, in der linken Hand. Daraus ergibt sich die Auffassung, die wir an alle Bildwerke herantragen: die Gestalt, die das Buch in der Rechten hält, will erst lesen, abgesehen von den Fällen, wo sie es einem anderen Menschen überreichen will (denn man überreicht stets mit der rechten Hand); die Gestalt, die es in der Linken hält, ist mit dem Lesen jedenfalls fertig; sie hat nicht die Absicht zu lesen. Und das letztere finden wir nun ganz überwiegend dargestellt. Es handelt sich eben fast immer um Repräsentationsfiguren. Das Buch soll da nur andeuten; es ist für den Moment gleichgültig; nur die Würde der Person drückt sich in dem Schriftstück aus. Nicht sinnend oder in sich gekehrt steht solch ein römischer Konsular mit dem Buch vor uns; er wendet sich mit offener Seele an das Publikum, das ihn betrachtet.
Und das Lesen selber? Es sah graziös genug aus, und es schmückte gleichsam den Menschen. Nichts ist reizender als solch eine lesende griechische Frau, die mit dem weit offen hängenden Rollenband zwischen den Händen einherwandelt (Neapel, National-Museum), oder als die Muse, die als Konzertsängerin auf das Zeichen zum Einsetzen wartet, das der Saitenspieler, der die Begleitung spielt, ihr geben soll, und die dabei das Blatt tief gesenkt zwischen den Händen hält wie unsere Sängerinnen, wenn sie warten, daß das unleidlich lange Vorspiel zu Ende gehe (Vase in Athen). Nichts ist schöner als der vorlesende Homer der Bilderchronik (Antiquarium in Berlin), nichts lebendiger als der die Lektüre unterbrechende, in Nachrechnen versunkene Mathematiker desCodex Arcerianusin Wolfenbüttel; nichts ergreifender als der Christus mit der gleichsam himmelweit aufgerissenen Rolle zwischen den Händen, von Jüngern umgeben, wie ihn die Lipsanothek von Brescia zeigt[196].
Aber dies Lesen war zugleich unbequem und anstrengend; es war eine Fesselung des Lesers im eigentlichsten Sinne, und ein Bedauern erfüllt uns, wenn wir uns klar machen, daß man das durch Jahrtausende hat ertragen müssen. Man denke, daß jede Nebenhandlung unmöglich war. Denn nicht nur die rechte Hand war beschäftigt; die linke durfte zudem die abgerollte Papiermasse nie fahren lassen, und es wurde auf das strengste vermieden, daß die Charta sich auflöste und zum Boden niederfloß; denn ihre Fasern waren zart und splitterten leicht, und die Gefahr, daß ein Blatt und damit das ganze Buch zerriß, war ständig. Wir trinken beim Zeitungslesen oder schlürfen Eis im Café, wenn wir durstig sind. Der Grieche hatte keine Hand frei. Er konnte das nicht. Ein Glück, daß man damals noch nicht rauchte! Cicero hätte während des Lesens auf die Zigarre verzichten müssen; denn er hätte sie nicht halten können. Wer einen Hautreiz empfindet, der kratzt sich, das ist sein Recht; und wem eine Fliege sich auf den Kahlkopf setzt, der will sie verjagen. Las der antike Mensch, so waren beide Hände gleich gefesselt, und alles das war für ihn eine Unmöglichkeit.
Langsam lesen: in Abschnitten lesen. Enges Lesepublikum.
Und nun der Inhalt des Buches! Das Aufwickeln muß für den Leser, der vor Neugier brannte, eine wahre Folter gewesen sein. Kein moderner Mensch würde das ertragen. Wir naschen heut im Buch, wir blättern hin und her, durchfliegen die Kapitelüberschriften, lesen am liebsten den Schluß zuerst. Brechen wir ab, so legen wir ein Lesezeichen hinein oder machen gar ein Eselsohr. Alles das war damals gänzlich ausgeschlossen. Vor allem der Schluß des Buches blieb immer ein tiefes Geheimnis; er war durch die Rollung selbst fest zugedeckt. Der Inhalt „entwickelte sich“ eben beim Lesen mit den Seiten in unerbittlicher Allmählichkeit. Das Frühere deckte das Spätere undurchdringlich zu. Das Buch glich dem Leben. Dieser Satz gilt schon hier. Wer kann wissen, was folgt? Wer kann wissen, was das Ende ist?
So gelangen wir dazu, den antiken Leser zu bemitleidenoder, was noch besser, zu bewundern. Er schlang nicht, er naschte nicht. Sein Geist nahm die Speise ruhevoll und ergeben in der Folge, die der Dichter wollte, der die Speise bereitet hatte. Um so tiefer ließ er den Inhalt auf sich wirken. Er erlebte ihn. Dazu kam, daß man von einem Werk am Tag kaum mehr als 1000 Zeilen oder 30 Seiten las. Das dankte man den scheinbar so zwecklosen Buchteilungen der antiken Werke. Zum wenigsten von den größeren Unterhaltungsschriften, den Epen und Romanen, waren die Einzelrollen nie umfangreicher. Die zwölf Bücher der Äneis Vergils wollten an zwölf Tagen gelesen sein (das gilt übrigens auch noch von Ariost): der Grieche und Römer stand seiner Literatur anders, er stand ihr hingebender und gebundener gegenüber als wir der unseren.
Dabei gilt es nun aber die Zeiten zu unterscheiden. Wer die Fülle der griechisch-römischen Schildereien auf Vasen, Grabsteinen, Münzbildern oder Gemälden durchgeht, bemerkt, daß auf den älteren von ihnen der Mensch mit dem Buch noch recht spärlich anzutreffen ist; in den späteren Jahrhunderten sind die Beispiele dagegen massenhaft. Das ist symptomatisch. In der Zeit des Sophokles und der großen Tragödie diente das Buch vornehmlich zum Fixieren und Aufbewahren des Textes und noch verhältnismäßig wenig zum Lesen. Die große Masse las damals noch nicht allzu viel in Büchern. Ihr genügten vor allem die öffentlichen Volksvorlesungen der Rhapsoden und das Theater, das heißt das Hören, und nur wenige Bevorzugte hielten sich Bibliotheken, so wie man seine Stuben auch noch nicht mit Wandmalereien schmückte. Daß sich das Laienpublikum mit bildender Kunst und mit Literatur wirklich eingehend beschäftigte, ein Studium daraus machte, seine Erzeugnisse sich käuflich erwarb und gar eigene Kunsturteile entwickelte, geschah erst, als die große Kunst selbst dahin war, seit der Alexandrinerzeit, besonders zur Zeit der Herrschaft Roms. Das kluge Urteil ist das Merkmal des Epigonen, und Giganten in der Literatur sind unmöglich, wo die Bildung der Laien undder Volksmassen, die mit Hilfe des Buches erworben ist, den Geschmack beherrscht.
Damit hing die Ausbreitung des Schulunterrichts zusammen, eine Verbreitung der Bildung, die keineswegs zugleich eine Vertiefung zu sein pflegt, auch heute nicht. Vor allem seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. haben die römischen Kaiser das Volksschulwesen der damaligen Welt organisiert und ausgedehnt, verstaatlicht, seine Wirksamkeit gesteigert. Seitdem las und schriftstellerte, was da Odem hatte, nicht nur in den Hauptstädten, nein, auch in allen Provinzen des Römerreichs, und zwischen Fachmann und Laie verwischte sich die Grenze mehr und mehr. Das war es aber zugleich, was der christlichen Religion zum Sieg verhalf; denn das Christentum war die Religion des Buches. Der Zeusdienst oder Apollodienst wirkte nur durch den Kultus und nicht durch Schriften. Anders der Christusdienst. Durch planvollen Vertrieb der heiligen Texte und Massenschriftstellerei hat sich dieser im zweiten bis fünften Jahrhundert das lesende Publikum, das heißt die Welt, erobert.
Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle.
So ist es nun gekommen, daß auch die Bildwerke des zweiten bis fünften Jahrhunderts n. Chr., die unsere Altertumsmuseen anfüllen, plötzlich übersät sind mit Darstellungen der Buchrolle; vor allem die Sarkophage und unter diesen vor allem die christlichen. Es ist erstaunlich, das zu sehen.
Der Kaiser selbst wandelt jetzt wie pflichtgemäß mit solchem Buch einher (zum Beispiel auf dem Relief der Trajanssäule); das Buch ist in diesem Falle Symbol, ein Attribut, das die rechtsprechende, gesetzgebende Macht des Herrschers andeutet. Danach erhält auch Christus ständig das Buch; denn auch er ist König; nicht aber Maria; das heißt Maria war damals noch nicht Himmelskönigin, worauf der Dogmatiker achten möge. Aber auch der Beamte, der Advokat, auch der Schiffsbauer und der Handelsmann werden jetzt oft und gern mit dem gleichen Attribut versehen. Alles das erklärt sich aus der Berufseigenschaft der Personen zumeist mit Leichtigkeit; denn der Schiffbauer trägt seine Bauzeichnungen in der Hand, der Kaufmannsein Geschäftsbuch. Wenn aber auf den Marmorsarkophagen dieser Spätzeit derVerstorbenedie Rolle trägt, was bedeutet sie da? Wie oft sieht man da den Verstorbenen so, im Muschelmedaillon, als Schmuck seiner eigenen Totenlade! Unzählig sind die Beispiele. Sind das lauter Beamte, Advokaten oder gar lauter Literaten oder Gönner der Literatur, die uns da erscheinen? Das wäre ungeheuerlich oder doch schwer zu glauben. Die gestellte Frage ist gewiß nur teilweise zu bejahen. Denn das Buch hatte noch einetiefere Bedeutung.
Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter.
Auch dasSchicksal schreibt. Auch Götter haben ihre Bibliotheken. So wie wir in der Johannes-Apokalypse sehen, daß im Himmel die guten und schlechten Handlungen aller Lebenden und Toten, die da auferstehen, in Büchern verzeichnet sind, die von Dienern des Allmächtigen vor seinem Thron aufgerollt und verlesen werden — ein unendliches biographisches Archiv im Himmel —, ganz ebenso besitzen auch die römischen Parzen oder Schicksalsfrauen im unterweltlichen Raum ein großes Archiv: darin sind von ihnen die Lebensläufe aller derer, die geboren werden sollen, im voraus in Büchern aufgeschrieben und festgelegt. Dies schildert uns Ovid. Ein Buch ist da also ein Mensch: ein Buchinhalt ist ein Menschenleben! Daher nun also auch jene Verstorbenen auf ihren Marmorsärgen im Lateran und überall: das Buch, das sie halten, ist vielfach nichts anderes als Symbol ihres eigenen Lebens. Das Buch ist zu Ende abgerollt, d. h. das Leben ist zu Ende gelebt, das die Parze schrieb und das vom Schicksal im voraus gebucht ist. In der Tat halten jene Figuren die wieder zusammengefaltete Rolle regelmäßig in der Linken, wobei sie obendrein die Finger der rechten Hand oftmals noch still auf den Kopf der Rolle legen, als sprächen sie: „Nun bin ich fertig; mit meinem Lebensbuch bin ich nun am Schluß, und ich kann ruhen.“ Diese stille Grabessymbolik wirkt ergreifend, und sie scheint spezifisch römisch, nicht griechisch zu sein, so wie auch die schreibende Parze nicht griechisch, sondern römisch-etruskisch war[197].
Im fünften Jahrhundert hatte das Christentum endgültig gesiegt. Zugleich aber war die kostbare Buchrolle aus Charta durch den gehefteten Pergament-Kodex, der billiger, unendlich viel haltbarer und daher in jeder Beziehung praktischer war, allmählich verdrängt worden. Seitdem haftete an der Buchrolle, die man in Bildwerken doch oft noch beibehielt, ein Schimmer des Heiligen und Sakrosankten. Denn die kirchliche Kunst liebt das Archaisieren. Evangelisten, Propheten und Heilige halten sie jetzt gern. So erklettern diese gestreckten biblischen Figuren die hohen Kirchenwände und füllen in Reihen, auf Goldgrund strahlend, die Apsiden und Triumphbögen der Basiliken; jeder, der in Italien gereist ist, hat ganze Völker von ihnen gesehen; ich erinnere nur an S. Paolo (fuori l. m.) in Rom und an Ravenna. Buchhalter! jawohl, dies sind jetzt wahre „Buchhalter“ des Himmels; das heißt, sie halten das Buch, das auf das Heil Bezug hat, wie ein Heiligtum ostentativ vorzeigend, im Dienst der Christenheit, damit die Gemeinde es gewahr werde, und nicht mehr sie selbst sind Benutzer des Buches, sie lesen nicht und wollen nicht lesen, sondern sie tragen es wie ein Plakat, damit die schauende Menge den frommen Spruch im Auge habe, der weithin sichtbar auf den offen hängenden Blattfahnen steht. Das war phantastisch, unwirklich und unantik, und der Gebrauch veräußerlichte sich im Mittelalter dann immer mehr. Aus der offen hängenden Rolle entsteht endlich das in eckigen Falten flatterndeSpruchband, das die Engel in Glorien durch die Lüfte tragen.
Woher stammt unser Wort „Rolle“? Es ist gar kein Deutsch; vonrotuluskommt es und stammt aus dem mittelalterlichen Latein her.
Im Mittelalter, wo es keinen Papyrus mehr gab, sind gleichwohl, nach dem Vorbild der Thorarollen der Juden, noch häufig Rollen aus Pergament hergestellt worden, und diese erreichen aufgerollt bisweilen die ungeheuerliche Länge von 100 bis 200 Fuß: Exultetrollen, Wappenrollen, Nekrologien, die noch vielfach erhalten sind. Sie zu benutzen, istfreilich für den heutigen Historiker eine Pönitenz. Aber auch im wirklichen Leben, im geistlichen Theaterspiel, fanden dierotulidamals noch Anwendung; ich meine das „Prophetenspiel“, in welchem die Propheten und Sibyllen selbst auftraten und ihren frommen Spruch vor der Gemeinde aufsagten, indem sie dabei ein offenes Spruchband in der Hand hielten, auf dem für das Publikum zu lesen stand, was sie, die Personen, bedeuteten oder welche „Rolle“ sie spielten[198]. Daher stammt es, wenn wir auch noch heute sagen, daß der Schauspieler eine „Rolle“ spielt. Die wenigsten unserer heutigen Bühnengrößen wissen wohl, was diese Redensart bedeutet. Aber auch in dieser Anwendung war die Rolle, wie man sieht, zu einem bloßen Merkzeichen und toten Emblem herabgesunken, ganz so wie auf den Wandschildereien, von denen vorhin die Rede war.
Der natürliche Verkehr des Buchträgers mit dem Buch war in der kirchlichen Kunst des Mittelalters aufgehoben. AberMichelangelohat ihn, als sie zu Ende ging, wiederhergestellt, und hier dürfen wir also einen der größten Namen nennen. Es war eine der Großtaten Michelangelos, daß er in der Sistina seine Sibyllen und Propheten endlich wieder in eine natürliche Beziehung zum Buch brachte. Diese Männer und Frauen der Weissagung, sie lesen, sie studieren wirklich — wie ausdrucksvoll ist das gegeben! — sie suchen, um zu weissagen, im geschriebenen Wort forschend das Zukünftige, oder sie schauen auch über das Buch weg.