Witzliteratur und Gesellschaft in Rom.

Witzliteratur und Gesellschaft in Rom.

Die erhabene Muse, die Begeisterung und Andacht wirkt, greift nur in den Himmel zu den Göttern oder in die Vergangenheit, wo die sagenhaften Helden wachsen, auf die kein Staub des platt Alltäglichen und der trivialen Wirklichkeit fällt. Wer die Ideale eines Volkes kennen lernen will, lausche ihrer erhabenen Dichtkunst; wer ihre natürlichen Triebe und Instinkte, der suche seine Scherz- und Spottpoesie auf. Auch sie hat ihre Muse, hat Kunst und Grazie; aber diese Muse schaut nach unten. IndemeinVolksgenosse mit Witzen oder Sticheleien über den anderen herfällt, lernen wir seine Opfer, lernen wir auch ihn selbst, der da redet, nahezu persönlich kennen, und das Menschentum selbst steht lebendig vor uns.

Die alte römische Literatur ist an Invektiven reich; der Römer war in allem stark und wuchtig, so auch im Schimpfen; er verstand sich aber auch auf die Kurzrede, auf den scharfen Schliff des Worts.

Dabei ist es wichtig, zu beachten, welche Angriffsobjekte gewählt werden und welche man vermeidet. Denken wir an unsere heutigen Witzblätter. Der „Simplizissimus“, dessen künstlerische Leistungen so hoch stehen, kannte keine Rücksicht und Vorsicht und übergoß, weit ausgreifend, auch den Offiziersstand, auch hohe Chargen und Würdenträger, auch Geistliche mit seinem ätzenden Hohn. Gutherzig zurückhaltend sind dagegen die „Fliegenden Blätter“, auch „Meggendorf“. Unser Wilhelm Busch hat sich wohl gelegentlich am Hlg. Antonius vergriffen, den Militärstand hat er geschont. Bauern in ihrer tollpatschigen Naivität führen uns die „Fliegenden Blätter“ vor, Gauner vor Gericht, Geldprotzen, die gern adelig wären oder sonst dick tun, verstiegene Dichterlinge, Hausfrauen, die nicht kochen können, oder solche Schönen, die, um zu glänzen, ins Bad reisen wollen und ihrem ächzenden Gatten das Geld ausder Tasche locken, um der Mode zu frönen; dazu auch junge Leutnants mit dem Monokel und palmenhaft schlanker Taille. Man lacht über all die Albernheit, aber man lernt trotzdem das Volk, insonderheit den süddeutschen Menschenschlag, dabei lieben; man muß ihm gut sein.

So führen uns nun auch die römischen Spottdichter in das Stadtvolk, allerdings leider nur in das römische Stadtvolk ein. Auch Rom hatte seine fliegenden Blätter; aber sie fliegen nicht mehr, sondern vieles ist davon verloren und verflogen; der Rest ist festgeheftet im Buch der strengen Literaturgeschichte, und wir müssen sie erst wieder herauslösen und sie wieder in Flug bringen, damit sie leben und lachen.

Wenn wir hier auch von der großen Komödie des Plautus und Terenz ganz absehen, so bleiben noch Dichter genug, an die wir uns halten können: die Reste der Togatendichtung, des Lucilius und der Atellane, sodann Catull, Horaz, die sonstigen Satiriker, vor allem Martial. Gröbster Schimpf, harmlose Scherze klingen da durcheinander. Sehen wir einmal nach, was sie uns bringen und sagen können.

Die Zote. Tendenzlos Lustiges. Die Invektive.

Ein beträchtlicher Teil fällt da freilich gleich für uns weg: das Gebiet der Unanständigkeiten. Die Zote gehörte damals als etwas Selbstverständliches zum Witz, bei Griechen und Römern, ein Merkmal primitiver Urwüchsigkeit, und war nahezu die ergiebigste Quelle für die Satire. Um jemanden gesellschaftlich tot zu schlagen, war dies die bequemste Waffe: man warf ihm sexuelle Gemeinheiten vor. Ob wahr oder unwahr, es blieb immer etwas haften. Auch Julius Caesar ist dem nicht entgangen.

Aber das war nicht nur im Altertum so. Das Christentum hat darin keinen Wandel geschaffen. Das Obszöne gehörte zum Witz durch das ganze Mittelalter (man denke nur an die Fastnachtspiele); es machte sich auch im 16. Jahrhundert erschrecklich breit, ja es reicht noch weiter bis in unsere nächste Nähe. Erst das 19. Jahrhundert hat sich gründlicher davon gesäubert. Diese Dinge bilden ein Stoffgebiet für sich, das wir nicht übersehendürfen. Wir stellen sein Vorhandensein fest, aber wir wollen nach Möglichkeit vermeiden, es zu betreten.

Drei Arten derjenigen Dichtkunst, die sich nicht in rein ernsthaftem Ton hält, lassen sich, wenn schon die Grenzlinien oft nicht scharf verlaufen, unterscheiden. Oft hat sie nur den Zweck der tendenzlosen Belustigung, was die Griechen u. a. Hilarodia (ἱλαρῳδία) nannten. Man soll nur sorglos lachen. Dahin gehören solche Sachen im Stil der Jobsiade wie der Margites der Griechen oder die Geschichte, wie Odysseus den Zyklopen übertölpelt; dann aber auch das ganze Gebiet der Travestie, die dabei leicht in das Schlüpfrige geht; man denke an Offenbachs Schöne Helena; und diese Spaßmacherei und Ulk wird schließlich kraß realistisch in der Gartendichtkunst der Priapeen.

Anders liegt die Sache beim persönlichen Angriff, wo sich die Bosheit regt. Das Lachen, das da entsteht, ist Schadenfreude, moralische Vernichtung der Zweck. Hier regt sich der Schimpf und greift zu allen Mitteln der Übertreibung und des Grotesken. So fiel schon Nävius über den großen Scipio her, Catull und Calvus über Caesar, Cicero über Antonius, Claudian über Eutrop, den allmächtigen Eunuchen am christlichen Kaiserhof. Tapfer ist es, wenn die Dichter sich dabei offen mit Namen nennen, und Nävius erntete für seine Angriffe Kerkerhaft, Antonius ließ Cicero köpfen. Am häufigsten waren dagegen anonyme Pasquille, die man an die Türen heftete und die das Volk durch die Gassen schrie, so die Verse über den Kaiser Tiberius:

Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen:Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt[402].

Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen:Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt[402].

Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen:Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt[402].

Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen:

Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt[402].

Oktavian, der Triumvir, war ein schlechter Feldherr. Die Militärs in Rom hatten ihren Spaß daran, wie kläglich es ihm im Seekrieg mit Sextus Pompejus bei Sizilien erging. Da ging der Vers um:

Beide Seeschlachten verloren!Beide Flotten! Wie von SinnenWürfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ichDoch beim Knobeln das Gewinnen!“

Beide Seeschlachten verloren!Beide Flotten! Wie von SinnenWürfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ichDoch beim Knobeln das Gewinnen!“

Beide Seeschlachten verloren!Beide Flotten! Wie von SinnenWürfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ichDoch beim Knobeln das Gewinnen!“

Beide Seeschlachten verloren!

Beide Flotten! Wie von Sinnen

Würfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ich

Doch beim Knobeln das Gewinnen!“

Auch aus dem Kleinleben des verschütteten Pompeji sind uns solche Anwürfe bekannt. Man kreidete sie an die Wände, um den Mitbürger zu ärgern, und da stehen sie z. T. noch heute. Zum Beispiel „Samius wünscht seinem Kollegen, er möge sich erhängen!“ oder „Der Restitutus hat oft viele Mädchen betrogen,“ oder in der Schenke an der Wand:

Kneipwirt, möchten solche LügenAuch einmal dich selbst betrügen.Selber trinkst du reinen Wein,Andern schenkst du Wasser ein[403].

Kneipwirt, möchten solche LügenAuch einmal dich selbst betrügen.Selber trinkst du reinen Wein,Andern schenkst du Wasser ein[403].

Kneipwirt, möchten solche LügenAuch einmal dich selbst betrügen.Selber trinkst du reinen Wein,Andern schenkst du Wasser ein[403].

Kneipwirt, möchten solche Lügen

Auch einmal dich selbst betrügen.

Selber trinkst du reinen Wein,

Andern schenkst du Wasser ein[403].

Satire. Togatkomödie.

Während diese Sachen meist kurz sind, je kürzer, je wirksamer, wie gespitzte schlanke Pfeile, liebt die dritte Dichtungsform, von der ich zu reden habe, vielmehr den breiten Aufbau; sie schreitet im breiten Faltenwurf daher. Es ist die römischeSatire. Der römischen Satire genügt das Spotten nicht; sie will erziehen. Griechische Humoristen, die zwar bitter ernst in das Leben sahen, aber das Laster nur für eine Torheit der Seele, die Tugend nur für Klugheit hielten, haben die satirische Predigt erfunden. Sie lag dem Römer vortrefflich, er ergoß sein ganzes eigenartiges Wesen hinein und hat sich in ihr ausgelebt von dem großen Lucilius an bis Juvenal und weiter. Die Spottgedichte Martials sind nur kleine lachende Kobolde; die Satire schreitet hochgewachsen, matronenhaft als weise Frau und Gouvernante von Beruf mit strengem Blick und greller Stimme durch die Jahrhunderte Roms, unermüdlich und mit spitzer Zunge scheltend, polternd und ermahnend; denn sie will Rechtschaffenheit, anständige Gesinnung, Wahrheitssinn, bisweilen auch Güte des Herzens lehren und den kleinsinnigen, abgefeimten Praktikern des Lebens die edleren Werte vorhalten, sie an das Sittliche gewöhnen. Da greift sie sich dann den und jenen aus dem Publikum, legt ihn übers Knie und schwingt die Rute, daß er es fühlt und die Zuschauer lachen, aber durch das statuierte Beispiel klug werden. Dann ruht sie aus, schlägt die Hände zusammen und schüttelt sich vor Lachen. Römische Satire und Kapuzinerpredigt: da ist kaum ein Unterschied.Wir wissen, wie der Kapuziner zu den Wallensteinern spricht. Abraham a Santa Clara ist der nächste Verwandte Juvenals.

Die Satire hat in der Tat einen hohen Beruf erfüllt und will ernst genommen werden. Die winzigen Spottepigramme dagegen, im Distichon, Jambus oder Phaläceus, sind Späße des Augenblicks, und der Leser huscht rasch von einem zum anderen. Wozu sie behalten? Es lohnt nicht.

Für den Spätgeborenen aber lohnt das Verweilen doch; ich meine für den, der den Augenblicksmenschen der Gegenwart in der Vergangenheit wiederzufinden sucht. Im Epigramm ist das Leben lebendig: natürliches Leben; Augenblicksleben; römisches Volksleben! Das ist es, was uns jetzt kurz beschäftigen soll.

Einen Vorklang dessen, wonach wir suchen, bringt schon das alte Volkslustspiel der sogenannten Togatkomödie. Nävius, Titinius, Atta und Afranius waren ihre Vertreter. Nur kurze Späßchen sind uns leider daraus erhalten; aber sie wirken mitunter wie Epigramme und werfen ein kurzes Schlaglicht auf die Personen, die da auftraten und die für uns sonst ganz im Dunkeln stehen. „Armselig die Eheherren, die bei ihren Frauen die Magd spielen! Nur die große Mitgift macht’s[404].“ Und diese Weiber sind dem Wein nicht abhold: „Gebt ihr zu trinken,“ heißt es; „denn sie ist eben in Wut[405].“ Ein Modefatzke tritt auf, und man fährt ihn an: „Du trägst ja gedrehte Stirnlöckchen wie ein Hermaphrodit[406].“ „Deine Frau ist zu protzig,“ rät ein Freund dem anderen; „schaff’ Wagen und Maultiere ab und laß sie zu Fuß trollen[407].“ Das Straßenleben tut sich auf, und wir hören den Vorwurf: „Du schreist so auf offener Straße? Schämst du dich nicht vor dem Publikum[408]?“ Endlich der weise Satz: „Es lohnt sich für das Kind nicht, daß seine Eltern leben, wenn sie lieber Furcht als Ehrfurcht erregen wollen[409].“

Pasquille. Catull gegen Caesar.

Die Stücke, aus denen dies genommen ist, waren noch altrömisch; sie fallen noch früher als Ciceros Zeit. In der Zeit Ciceros, da blühte in Rom nun auch schon dasPasquill,und da hören wir auch Namen. Das kühne Wort herrscht. Ein Versteckenspielen gibt es nicht. Ein gewisser Caninius war Konsul in Rom geworden; aber schon folgenden Tages mußte er wieder aus dem Amt; er hat also in seiner hohen Würde nur allzu wenig Schlaf gefunden. Cicero selbst war es, der ihn darum dem Gelächter preisgab:

Caninius ist wach; das ist er in der Tat.Er schlief nureineNacht in seinem Konsulat!

Caninius ist wach; das ist er in der Tat.Er schlief nureineNacht in seinem Konsulat!

Caninius ist wach; das ist er in der Tat.Er schlief nureineNacht in seinem Konsulat!

Caninius ist wach; das ist er in der Tat.

Er schlief nureineNacht in seinem Konsulat!

Allerliebst ist das, aber immerhin noch harmlos. Das Gegenteil des Harmlosen aber warCatull, Ciceros jüngerer Zeitgenosse. Lieb und treuherzig, warm und herzgewinnend in seinen anderen Gedichten, die von Liebe und Freundschaft singen, ist Catull Gift und Galle, wo er angreift, und das unsauberste Wort ist dem Schonungslosen da gerade recht. Abwischpapier nennt er das neue Epos des Volusius. So warf er sich auch auf Julius Caesar. Caesar wurde eben damals groß. Er wurde es durch die Unterstützung des großen Pompejus. Gleichzeitig gab Caesar dem Pompejus seine junge Tochter Julia in die Ehe; Pompejus war also Caesars Schwiegersohn. Den gallischen Krieg hatte er durchgefochten; Mamurra hieß da der Hallunke und Durchgänger, der im gallischen Krieg Caesars rechte Hand war, nicht nur als Genieoffizier, der beim Brückenbau und allem Kriegstechnischen half, sondern auch als Räuber und Ausplünderer des neu unterjochten Landes. Nicht nur mit der rechten, mit beiden Händen griff damals Caesar und seine Kreaturen nach Galliens Reichtümern. Wie ein Wutschrei der Entrüstung sind die Verse, mit denen Catull sofort über Caesar und Mamurra herfällt. Für den Augenblick hastig hingeworfen, sind sie doch ewige Geschichtsdenkmäler, diese Verse. Das Hauptstück sei, damit jenes erregte Leben vor uns aufgehe, hierhergesetzt, indem ich jedoch nicht versäume, einige unerhört krasse Ausdrücke zu mildern[410]:

Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur,Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist,Daß nun Mamurra sein nennt, was an ÜppigkeitGroßgallien und das ferne Britenland besaß?Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?Und übermütig, übertriefend soll er jetztDurchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach,Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie?Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist!Das war’s, warum du einzig großer GeneralAuf der gen Westen allerfernsten Insel warst,Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste,Zwei Millionen oder drei verspeisen kann?Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit?Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug?Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst;Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanischeAls dritte, die der goldesreiche Tajo kennt.Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar.Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn,Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind?Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn,Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt?

Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur,Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist,Daß nun Mamurra sein nennt, was an ÜppigkeitGroßgallien und das ferne Britenland besaß?Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?Und übermütig, übertriefend soll er jetztDurchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach,Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie?Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist!Das war’s, warum du einzig großer GeneralAuf der gen Westen allerfernsten Insel warst,Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste,Zwei Millionen oder drei verspeisen kann?Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit?Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug?Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst;Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanischeAls dritte, die der goldesreiche Tajo kennt.Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar.Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn,Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind?Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn,Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt?

Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur,Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist,Daß nun Mamurra sein nennt, was an ÜppigkeitGroßgallien und das ferne Britenland besaß?Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?Und übermütig, übertriefend soll er jetztDurchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach,Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie?Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist!Das war’s, warum du einzig großer GeneralAuf der gen Westen allerfernsten Insel warst,Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste,Zwei Millionen oder drei verspeisen kann?Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit?Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug?Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst;Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanischeAls dritte, die der goldesreiche Tajo kennt.Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar.Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn,Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind?Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn,Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt?

Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur,

Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist,

Daß nun Mamurra sein nennt, was an Üppigkeit

Großgallien und das ferne Britenland besaß?

Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?

Und übermütig, übertriefend soll er jetzt

Durchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach,

Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie?

Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?

Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist!

Das war’s, warum du einzig großer General

Auf der gen Westen allerfernsten Insel warst,

Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste,

Zwei Millionen oder drei verspeisen kann?

Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit?

Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug?

Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst;

Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanische

Als dritte, die der goldesreiche Tajo kennt.

Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar.

Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn,

Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind?

Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn,

Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt?

Lärm und Orkan der großen, der größten Weltgeschichte: davon spüren wir etwas in diesem Probestück. Caesar suchte seinen Frieden mit diesem jungen, sprühenden Genie zu machen; aber Catull beruhigte sich nicht, und wir hören, wie er noch weiter droht: „Abermals sollst du dich über meine Jamben erbosen, du einziger Feldherr[411].“ Dann starb der heißblütige Dichter. Er starb früh; Caesar überlebte ihn.

Vergil gegen Noctuin und gegen Sabinus.

Der Lärm verstummte. In weit engere Verhältnisse führt uns zu jener Zeit der große Dichter Vergil. Er war der Dichter des edlen Brusttons und des sentimentalen Pathos; sentimental sind nicht nur seine Helden: auch seine Hirten. Aber so war Vergil nicht immer; seine großen Werke schrieb er erst als reiferer Mann und abgekühlten Blutes. Auch er war einst jung und fuhr übermütig derb um sich, wie die anderen, wenn ihn die Torheit der Glücksritter reizte, zu der Zeit, als er noch in seiner norditalienischen Heimat, in Mantua und Cremona lebte, wo er geboren war.

In Cremona lebte der Inhaber einer Töpferei, mit Namen Atilius. Der „stolze Noctuinus“ kommt und heiratet dessen Tochter. Aber Noctuin ist, so scheint es, Trinker, und heiratet auch noch gleich den Weinkrug, den der Schwiegervater fabriziert. Nach volkstümlicher Redeweise wird der Krug als Tochter des Töpfermeisters gedacht, der ihn geschaffen hat. Nun kommt Vergil dem Noctuin mit einem kleinen boshaften Hochzeitspoem, das für den heutigen Gelehrten unendlich wertvoll ist; denn es ist für uns die einzige erhaltene Probe der sog. „Fescenninen“, des Hochzeitsulks der alten Römer. Der Dichter steht auf der Gasse und ruft das Volk zusammen:

Da kommt er, der Ekel, im Zug heran,Der Noctuin, der stolze Mann.Das Weibchen, das dir erwünscht erschien,Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin.Doch sieh: der Besitzer der TöpfereiAtilius hat der Töchter zweiUnd gibt dir — stolzer, freu’ dich doch —Auch die selbstgebackene zweite noch.Die zweite Tochter ist der Krug.Du leerst die Tochter in einem Zug.Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug.Herbei, ihr Leute, und stimmet an:Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann!

Da kommt er, der Ekel, im Zug heran,Der Noctuin, der stolze Mann.Das Weibchen, das dir erwünscht erschien,Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin.Doch sieh: der Besitzer der TöpfereiAtilius hat der Töchter zweiUnd gibt dir — stolzer, freu’ dich doch —Auch die selbstgebackene zweite noch.Die zweite Tochter ist der Krug.Du leerst die Tochter in einem Zug.Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug.Herbei, ihr Leute, und stimmet an:Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann!

Da kommt er, der Ekel, im Zug heran,Der Noctuin, der stolze Mann.Das Weibchen, das dir erwünscht erschien,Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin.Doch sieh: der Besitzer der TöpfereiAtilius hat der Töchter zweiUnd gibt dir — stolzer, freu’ dich doch —Auch die selbstgebackene zweite noch.Die zweite Tochter ist der Krug.Du leerst die Tochter in einem Zug.Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug.Herbei, ihr Leute, und stimmet an:Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann!

Da kommt er, der Ekel, im Zug heran,

Der Noctuin, der stolze Mann.

Das Weibchen, das dir erwünscht erschien,

Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin.

Doch sieh: der Besitzer der Töpferei

Atilius hat der Töchter zwei

Und gibt dir — stolzer, freu’ dich doch —

Auch die selbstgebackene zweite noch.

Die zweite Tochter ist der Krug.

Du leerst die Tochter in einem Zug.

Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug.

Herbei, ihr Leute, und stimmet an:

Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann!

Ob sich Noctuinus nicht an dem Dichter gerächt hat? Denn im Schreibtisch blieb das Gedicht sicher nicht liegen. Anschaulicher noch das andere Stück auf den Sabinus, den Parvenü, der früher bloß Quintio hieß, der in Cremona einst Pferdeknecht gewesen, dann sich zum Spediteur heraufgearbeitet hat. Es war die Zeit von Caesars Gallierkriegen, von denen schon vorhin die Rede war. Große Militärtransporte gingen damals für das Heer über Norditalien nach Frankreich. Allein aus dem nachfolgenden Vergilgedicht lernen wir drei dort ansässige Transportfirmen kennen; berühmter noch war der Großbetrieb des Spediteurs Ventidius Bassus, den Caesar um seiner Verdienste willen hernach zu den höchsten Staatsämtern beförderte. Der Sabinus aber gab, als er glücklich reich geworden, inCremona sein Geschäft auf, wurde Duumvir oder der höchste Magistrat am Ort und ließ nun in der Vorhalle des Tempels des Castor und Pollux — oder der „Castoren“ — sein Sitzbild aufstellen, das jeder mit Hohn und Ingrimm sah, der ihn einst als Knecht gekannt hatte. Auch den jungen Vergil packt der Grimm, und wir hören:

Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin.Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur.Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholtVon andern Unternehmern, ob nach MantuaDie schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia.Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nichtNoch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb,Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloßDer Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einstAls Knecht die Mähnen kappte, weil das harte JochAus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb.Cremona weiß das und das ganze Pogebiet,Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft,So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier;Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen DreckUnd lud im Nassen täglich alle Lasten ab,Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweitDie Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trugDie Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faulSich sträubten (beide oder eins, rechts oder links)Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp.Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem ReisendenSonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum SchlußHängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf.Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbstAls großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem StuhlUnd weiht sich den Castoren so als Statue!

Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin.Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur.Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholtVon andern Unternehmern, ob nach MantuaDie schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia.Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nichtNoch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb,Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloßDer Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einstAls Knecht die Mähnen kappte, weil das harte JochAus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb.Cremona weiß das und das ganze Pogebiet,Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft,So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier;Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen DreckUnd lud im Nassen täglich alle Lasten ab,Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweitDie Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trugDie Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faulSich sträubten (beide oder eins, rechts oder links)Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp.Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem ReisendenSonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum SchlußHängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf.Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbstAls großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem StuhlUnd weiht sich den Castoren so als Statue!

Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin.Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur.Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholtVon andern Unternehmern, ob nach MantuaDie schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia.Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nichtNoch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb,Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloßDer Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einstAls Knecht die Mähnen kappte, weil das harte JochAus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb.Cremona weiß das und das ganze Pogebiet,Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft,So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier;Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen DreckUnd lud im Nassen täglich alle Lasten ab,Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweitDie Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trugDie Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faulSich sträubten (beide oder eins, rechts oder links)Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp.Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem ReisendenSonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum SchlußHängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf.Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbstAls großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem StuhlUnd weiht sich den Castoren so als Statue!

Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin.

Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur.

Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholt

Von andern Unternehmern, ob nach Mantua

Die schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia.

Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nicht

Noch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb,

Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloß

Der Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einst

Als Knecht die Mähnen kappte, weil das harte Joch

Aus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb.

Cremona weiß das und das ganze Pogebiet,

Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft,

So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier;

Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen Dreck

Und lud im Nassen täglich alle Lasten ab,

Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweit

Die Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trug

Die Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faul

Sich sträubten (beide oder eins, rechts oder links)

Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp.

Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem Reisenden

Sonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum Schluß

Hängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf.

Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbst

Als großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem Stuhl

Und weiht sich den Castoren so als Statue!

Dies Gedicht ist in seiner lateinischen Fassung ein Meisterwerk ersten Grades; die Übersetzung kann davon kaum eine Vorstellung geben[412]. Und was das Erfreulichste: sonst bewegt sich alle römische Poesie nur in Rom selbst; hier haben wir einmal echten Lokalton, muntere, kecke italienische Kleinstadtpoesie, wie wir sie sonst nirgends finden.

Übrigens hätte Vergil sein Gedicht so oder ähnlich auch noch heute schreiben können. Ich denke an den Maultiertreiber Mr. Kerkens in Kansas in Nordamerika. Im Januar 1910 ging durch unsere Zeitungen folgende Notiz: „Der amerikanische Millionär Richard C. Kerkens in St. Louis, der für die Vereinigten Staaten als Botschafter nach Wien geht, hat einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich. Er ist in Irland geboren und in seiner Jugend in Fort Leavenworth (Kansas) als Mauleseltreiber beschäftigt gewesen. Später rückte er zum Hilfswarenaufseher auf. Von Leavenworth siedelte er nach Arkansas über und von dort nach St. Louis, wo er in Eisenbahnspekulationen den Grundstein zu seinem heutigen Vermögen legte.“

Alles wiederholt sich nur im Leben; ewig neu ist nur die Poesie.

Horaz’ Epoden und Lydia-Ode.

Satiriker von Beruf warHoraz; er war überdies auch Spottdichter in seinen Jamben (oder Epoden), und es lockt von Vergil zu ihm hinüberzublicken. Denn gleich jenes Sabinusgedicht hat Horaz nachzuahmen versucht[413]; auch bei ihm handelt es sich um einen Emporkömmling, der jetzt stolz mit dreiellenlang-schleppender Toga über die Heilige Straße fegt. Die Sache ist nach Rom verlegt. Aber Horaz duckt sich; er wagt keinen Namen zu nennen. Der Schlag ist ein Schlag ins Wasser. Die Invektive entwaffnet sich und wird zum bloßen Sittenbild.

Gleichwohl gibt uns auch Horaz ein Meisterwerk. Ich meine das berühmte: „Beatus ille qui procul negotiis.“ Mit diesen Worten hebt das Gedicht an[414]. Irgendeine Stimme ist es, die da redet und das schlichte Landleben preist: „Glückselig, wer heute keinen Wucher treibt, sondern wie einst unsere Voreltern sein Feld bestellt! Die Rebe rankt er bräutlich um die Pappel, pfropft Obst und sammelt Honig, liegt zur Sommerzeit im Gras und lauscht dem rieselnden Bach und dem Vogelsang, fängt im Winter Vögel im Garn und jagt den Eber. Da vergißt man alle grauen Geschäftssorgen; Frau und Kindersind um dich; das Vieh brüllt dir im Pferch und wird gemolken, und man lebt vegetarisch von Oliven, Malven und Sauerampfer, der auf den Wiesen wächst, und nur zum Festtag schmaust man das Opferlamm.“ Wer spricht da? Ist es der Dichter? O nein. Zum Schluß erhalten wir plötzlich die geschäftlich kurze Mitteilung: ein rechter Pflastertreter der Großstadt, ein Wucherer ist es, der sich in diese Phrasen hüllt:

So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sichNach Erdgeruch, trieb dann sogleichAm 15. des Monats alle Gelder einUnd legt sie neu auf Zinsen an.

So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sichNach Erdgeruch, trieb dann sogleichAm 15. des Monats alle Gelder einUnd legt sie neu auf Zinsen an.

So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sichNach Erdgeruch, trieb dann sogleichAm 15. des Monats alle Gelder einUnd legt sie neu auf Zinsen an.

So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sich

Nach Erdgeruch, trieb dann sogleich

Am 15. des Monats alle Gelder ein

Und legt sie neu auf Zinsen an.

Sonst sind es leider zumeist nur alte Weiber und Megären, die Horaz verhöhnt. Wenn er liebt, liebt er im Grunde nur die Körperlichkeit der Schönen; wenn er höhnt, verhöhnt er nur den Schönheitsverfall und redet von ihren grünen Zähnen und ähnlichem. Man möge das im Horaz selber nachlesen; zum Übersetzen lockt es nicht. Auch noch, als er seine Oden dichtet, laufen dem Horaz solche Motive mit unter; aber er redet jetzt maßvoller. Ein Beispiel ist die Ode I, 25 auf die Lydia; es ist das einzige Liebesgedicht, das ich hier einreihe:

Seltener schon treffen mit dichten WürfenKecke Burschen deine geschloss’nen Fenster,Rauben keinen Schlaf dir, und ihre SchwelleLiebt, ach, die Türe,Die vorher die Angeln gar sehr gefälligDrehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen:„Schläferin, mich läßt du die langen Nächte,Lydia, verschmachten?“Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst duWertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen,Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütetWährend des Neumonds,Heiß entflammte Liebe und die Begierde,Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen,Rasen wird im schwärmenden Eingeweide,Und du zergrämst dich,Weil die heitre Jugend des frischen EpheusFroh ist und berauscht ist in dunkler Myrte,Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht[415], demBruder des Winters.

Seltener schon treffen mit dichten WürfenKecke Burschen deine geschloss’nen Fenster,Rauben keinen Schlaf dir, und ihre SchwelleLiebt, ach, die Türe,Die vorher die Angeln gar sehr gefälligDrehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen:„Schläferin, mich läßt du die langen Nächte,Lydia, verschmachten?“Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst duWertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen,Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütetWährend des Neumonds,Heiß entflammte Liebe und die Begierde,Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen,Rasen wird im schwärmenden Eingeweide,Und du zergrämst dich,Weil die heitre Jugend des frischen EpheusFroh ist und berauscht ist in dunkler Myrte,Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht[415], demBruder des Winters.

Seltener schon treffen mit dichten WürfenKecke Burschen deine geschloss’nen Fenster,Rauben keinen Schlaf dir, und ihre SchwelleLiebt, ach, die Türe,Die vorher die Angeln gar sehr gefälligDrehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen:„Schläferin, mich läßt du die langen Nächte,Lydia, verschmachten?“Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst duWertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen,Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütetWährend des Neumonds,Heiß entflammte Liebe und die Begierde,Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen,Rasen wird im schwärmenden Eingeweide,Und du zergrämst dich,Weil die heitre Jugend des frischen EpheusFroh ist und berauscht ist in dunkler Myrte,Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht[415], demBruder des Winters.

Seltener schon treffen mit dichten Würfen

Kecke Burschen deine geschloss’nen Fenster,

Rauben keinen Schlaf dir, und ihre Schwelle

Liebt, ach, die Türe,

Die vorher die Angeln gar sehr gefällig

Drehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen:

„Schläferin, mich läßt du die langen Nächte,

Lydia, verschmachten?“

Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst du

Wertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen,

Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütet

Während des Neumonds,

Heiß entflammte Liebe und die Begierde,

Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen,

Rasen wird im schwärmenden Eingeweide,

Und du zergrämst dich,

Weil die heitre Jugend des frischen Epheus

Froh ist und berauscht ist in dunkler Myrte,

Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht[415], dem

Bruder des Winters.

Aufregend war das nicht. Wer frug danach, wer diese Lydia war? Sicher ein Geschöpf der niederen Frauenwelt, deren es tausende gab. AndersOvid, der eine vornehme Römerin, Furia, verspottete und sagte: „Da du Furia heißt, warum soll ich dich nicht eine Furie nennen?“

Das scheußlichste der Art hat damals übrigens Kaiser Augustus gedichtet. Es sind Schimpfverse auf die Fulvia, die stolze Gattin des Mark Anton, aus der Zeit, als der große Mann und künftige Weltbeglücker noch um die Herrschaft rang. Wir wollen das Epigramm mit Nacht bedecken. Es ist ein Jammer, daß es sich bis auf uns erhalten hat.

Sehen wir uns nach anderem um. Da ist Bavius mit seinem Bruder: ein neues Motiv von der zärtlichen Bruderliebe. Die beiden sind vielleicht sogar Zwillingsbrüder und einander, wie wir hören, so treu, daß sie zeitlebens alles, Landsitz, Stadthaus und Geldwirtschaft miteinander teilen; es war ein Odem und eine Seele in zwei Körpern. Wie rührend! Aber Bavius heiratet; auch die Frau soll gemeinsamer Besitz werden: da kracht die Freundschaft auseinander; das macht der Zorn, und zwei Königreiche mit zwei Gebietern sind entstanden, die sich fürchterlich mit Krieg bedrohen.

Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt.

Dies kleine Genrebild führt uns nun endlich aufMartialhin. Denn es ist vonDomitius Marsusverfaßt, und Martial war der große Nachahmer und Fortsetzer des Catull und des Domitius Marsus. Martial, der unerschöpflich reiche Epigrammatiker aus der Zeit des Kaisers Domitian: ein Spanier von Herkunft, unverheiratet, fest eingelebt in das System der kaiserlichen Despotie, pflichtenlos und gedankenvoll, ein poetischer Bummler, den seine immer gute Laune ernährt: eine Schmeichelkatze ohne viel Ehrgefühl, eine Klientennatur mit dem Talent, auf das anmutigste zu necken, zu loben und zu betteln, der sich als Tischgenosse und Badegenosse der Vornehmen,als Witzemacher und Verseschmied erster Güte Eingang in alle ersten Häuser der Weltstadt verschaffte. Auch als er in den Ritterstand erhoben ist, lungert und katzbuckelt er weiter. Aber seine göttliche Munterkeit, seine Menschenkenntnis und Darstellungskunst steigert sich noch, und wir müssen sie bewundern.

Wie war ein solcher Dichter damals möglich? und warum entfaltete sich die epigrammatische Dichtung in Rom erst so spät? Denn zur wirklichen Entfaltung, zum vollen Sichausleben kam sie tatsächlich erst durch Martial. Die Antwort gibt Vergil. Es gab zu Vergils Zeit in Rom noch keine große Kunst, die sich sehen lassen konnte; wozu sollte man also die kleine pflegen? Ein schreiender Literaturhunger bestand, und mit den winzigen Brocken Catulls ließ er sich nicht stillen. Wer einen Festsaal schmücken will, kann dazu nicht Miniaturen brauchen; große Tafeln muß er aufhängen, großmächtige Schildereien erst einmal entwerfen lassen. Daher warf Vergil seine kleinen Jugendversuche hinter sich und schuf das große Epos, die Äneide. Horaz gab Muster der Satire und erhabenen Lyrik, Properz seine großen Elegienkränze, Ovid den Decamerone seiner Metamorphosen. Das war die Augusteische Literatur; aber sie war noch keineswegs überreich an guten Werken, und daher hat die zweite Blütezeit unter Nero 50 Jahre später mit gutem Grund noch an denselben Aufgaben festgehalten und demselben großen Stil gehuldigt. Der junge Nero selbst dichtete; auch Seneca, sein großer Ratgeber, tat es; und da gab es also neue Hirtengedichte, neue Oden, das Epos des Lucan und des Nero, die Satiren des Persius; ja, sogar auch Tragödien gab es, die einzigen römischen Tragödien, die uns erhalten sind, in denen Cassandra, Phädra, Medea auf hohem Kothurn schreiten und wunderbar fließend Latein sprechen. Nur die Griechen sind es, die damals in Rom das kleine witzige Sinngedicht, das uns angeht, gepflegt haben.

Die Römer selbst aber? Der Großbetrieb war einmal im Gange, und er ging immer noch rastlos weiter; er kulminierteunter Kaiser Domitian, in den fünfzehn Jahren 81–96. Dieser herrische Kaiser war der eifrige Patron aller redenden und singenden Künste; aber er war ein Tyrann und Feind der Freiheit. Da man unter ihm nicht frei denken, also auch nicht philosophieren, nicht einmal Geschichte schreiben durfte, so flüchtete nun alles zur Dichterei; ein angstvolles Gedränge auf dem Parnaß. Der Mensch braucht Geistesgymnastik; aber nur der Turnboden der Verskunst stand damals für diese Gymnastik noch offen. Ein Genie wie Statius tummelte sich da, aber auch Dilettanten in Fülle. Von Jason und von Phineus, von Achill, Diomed und anderen abgestorbenen Helden hallte Rom täglich wieder: diese alten Geschichten konnten freilich den Tyrannen nicht kränken. Aber der Reiz der Neuheit fehlte; das Auge hatte sich an den großgezerrten Heldenbildern längst müde gesehen. Wir kennen das auch heute: wer stundenlang Rubens bewundert hat, atmet glückselig auf, wenn er vor Metsu und Teniers und Netscher, den kleinen munteren Holländern, steht. Auch da, in den Holländern, zeigt sich unendliche Kunst!

Martial.

Solch ein Holländer ist Martial gewesen. Unter Domitian tat er sein Atelier plötzlich auf, und er brachte Neues. Aus den verstaubten Büchergestellen zog er den fast verschollenen Catull und Domitius Marsus wieder hervor, um sie zu modernisieren; aber er knüpfte zugleich an die feinen Sinngedichte der Griechen an. Und es war gleich wie ein Wunder, eine Offenbarung. Alles riß sich gleich um Martials kleine Bücher. Da war plötzlich ein Meister der Miniaturkunst, ein Dichter, der es wagte, groß im Kleinen zu sein, indem er dreist ins ganz alltägliche Leben griff. Dem Martial ging es im Vergleich zu dem großen Epiker Statius so, wie es Lessing neben Klopstock erging: „Wer wird nicht einen Statius loben? doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben, doch fleißiger gelesen sein.“ Etwa jedes Jahr warf Martial ein Buch heraus, in jedem Buch nur etwa hundert Nummern. Die Sachen gefielen so, daß sie, obschon für den Momentgedichtet, doch alle Zukunft beherrscht haben. Sie haben das Verdienst, daß sie uns auch erhalten sind.

Versenken wir uns denn in diese Bücher, und ob es auf Kosten unserer Geduld geschieht, indem wir die etwa 1200 Gedichte sortieren. Römisches Großstadtleben wollen wir kennen lernen: dieser Poet zeigt es uns wie kein anderer. Eine Unmasse von Eigennamen wirbelt uns entgegen. Es ist, als ob wir mit dem Stock in einen Ameisenhaufen stießen.

Da ist der Kaiser selber, der sich „Gott und Herr“, man könnte auch übersetzen „Herrgott“[416], nennen läßt; aber er ist unkenntlich hinter einem dicken Vorhang von Weihrauchdunst und Schmeicheleien. Ob er höchstselbst des Dichters Gedichtbücher lesen wird? Die Hofleute müssen sie ihm, wenn er gnädiger Laune ist, in die Hände spielen. Da ist am Hof der Kämmerer Parthenius, der Mann für Bittschriften Entellus usf. Insbesondere Domitians junger Mundschenk, der „Frühlingsknabe“ Earinus wird als der Ganymed des Allmächtigen von Martial besungen. Dazu kommen die großen Paläste der Reichen, des zukünftigen Kaisers Nerva, des Dichters Silius Italicus, der Witwe des Dichters Lucan, des dichtenden Konsularen Stella, des großen Sachwalters Regulus. Da speist unser Dichter gern, läßt sich obendarein beschenken und lobt alle diese hochmögenden Personen mit Namennennung. Sie sind durch ihn verewigt bis heute. Witz und Spott reicht an sie natürlich nicht heran, es sei denn, daß der Dichter Geld braucht. Da wendet er sich einmal an den Regulus (VII, 16):

Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine GeschenkeMuß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein?

Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine GeschenkeMuß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein?

Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine GeschenkeMuß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein?

Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine Geschenke

Muß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein?

Der große Herr wird sich wohl amüsiert und hoffentlich auch seine Hand aufgetan haben.

Wo Martial dagegen wirklich spottet und hänselt, da nennt er die wahren Namen nicht. Er sichert sich durch das Pseudonym. Er ist kein geharnischter Catull. Ein Catull war damals nicht mehr möglich. Gerade durch das Pseudonym hatsich Martial den Erfolg in allen Häusern glatt gesichert. Um so offener konnte er reden, und so sind die Personen, die er uns vorgaukelt, Typen, aber echte Typen, wie die Personen unserer Fliegenden Blätter Typen sind. Wenn er die Menschen grob oder giftig anfährt oder mit schallendem Hohn, da handelt es sich fast immer um verliebte Sünden; das sind die altüberkommenen Schändlichkeiten gewisser Kreise; und es bleibt oft zweifelhaft, ob dem Dichter mehr Entrüstung oder Behagen dabei die Feder führt. Im übrigen aber welche Gutmütigkeit! welch friedliches Geplätscher! Diese Fülle menschlicher Schwächen, wie scharf werden sie beobachtet, aber wie milde beurteilt! Kein Zorn packt den Leser an; nur ein malitiöses Lachen, ein wohlgefälliges Lächeln braucht er aufzuwenden. Im Halbtraum nach dem warmen Bade, wo man keine Aufregung, sondern nur leichteste Zerstreuung will, da ist es Zeit für den Römer, in seinem Martial zu blättern.

Zunächst der Dichter selbst. Er wird in der Gesellschaft leider nicht immer gut behandelt, und er unterläßt nicht, sich zu beschweren. Vor allem das liebe Essen. Er geht zu Gast; man legt sich hungrig auf die Speiselager; aber der Wirt läßt nichts auftragen und begnügt sich, einige Parfümerien zu verteilen (III, 12). Schlimmer noch, wenn ein genialer Koch sich darauf versteht, aus bloßem Kürbis ein solennes Essen von vier Gängen zu bestreiten; Linsen und Bohnen, auch Pilze, auch Datteln, auch der Kuchen zum Nachtisch wird aus dem einen kleingehackten Kürbis hergestellt. Das soll was extra Feines sein, und es kostet nichts! Welche Enttäuschung! (XI, 31). Bei einem Vornehmen wohnt der Dichter auf dem Land. Der Mann zieht sein seltenes, exotisches Obst hinter großen Glasscheiben in weiten sonnigen Räumen. „Mir, dem alten Hausfreund, gibt er eine lichtlose Klause, die nur eine handgroße Luke statt des Fensters hat; nicht einmal ein Eiszapfen möchte darin wohnen. Wäre ich doch dein Obst,“ ruft der Dichter. „Da ginge mir’s besser!“ (VIII, 14.) Und überhaupt die öden Pflichten, wenn man Klient ist; man sollte sieeinem Dichter doch erleichtern. Martial wendet sich an den Labull.

XI, 24:Labull, nun ward ich dein Gefolgsmann. Das ist schlimm.Du stellst mich, Freund, auf eine harte Probe.Indes ich mich dir widme voller GrimmUnd täglich, was du tust und redest, lobe,Ein unerhörtes Zeitverschwenden,Wie viele Verse konnt’ ich da vollenden!Scheint dir’s nicht ein Verlust, daß so im Keim erstickt,Was Rom und alle Fremden sonst erquickt,Was alle großen Herrn und SenatorenSonst gern genössen mit gespitzten Ohren,Was jeder Kluge lobt und nur die andern Dichter,Die Konkurrenten, tadeln, dies Gelichter!Ich soll im feinen Rock an deiner Seite gehnUnd meine Werke sollen nicht entstehn?Ein voller Monat ist’s: mein Blatt ist leer geblieben,Und all die Zeiten hab’ ich nichts geschrieben.Und das nur deshalb, daß ich dann und wannHübsch fürstlich bei dir speisen kann?

XI, 24:Labull, nun ward ich dein Gefolgsmann. Das ist schlimm.

XI, 24:

Labull, nun ward ich dein Gefolgsmann. Das ist schlimm.

Du stellst mich, Freund, auf eine harte Probe.

Du stellst mich, Freund, auf eine harte Probe.

Indes ich mich dir widme voller Grimm

Indes ich mich dir widme voller Grimm

Und täglich, was du tust und redest, lobe,

Und täglich, was du tust und redest, lobe,

Ein unerhörtes Zeitverschwenden,

Ein unerhörtes Zeitverschwenden,

Wie viele Verse konnt’ ich da vollenden!

Wie viele Verse konnt’ ich da vollenden!

Scheint dir’s nicht ein Verlust, daß so im Keim erstickt,

Scheint dir’s nicht ein Verlust, daß so im Keim erstickt,

Was Rom und alle Fremden sonst erquickt,

Was Rom und alle Fremden sonst erquickt,

Was alle großen Herrn und Senatoren

Was alle großen Herrn und Senatoren

Sonst gern genössen mit gespitzten Ohren,

Sonst gern genössen mit gespitzten Ohren,

Was jeder Kluge lobt und nur die andern Dichter,

Was jeder Kluge lobt und nur die andern Dichter,

Die Konkurrenten, tadeln, dies Gelichter!

Die Konkurrenten, tadeln, dies Gelichter!

Ich soll im feinen Rock an deiner Seite gehn

Ich soll im feinen Rock an deiner Seite gehn

Und meine Werke sollen nicht entstehn?

Und meine Werke sollen nicht entstehn?

Ein voller Monat ist’s: mein Blatt ist leer geblieben,

Ein voller Monat ist’s: mein Blatt ist leer geblieben,

Und all die Zeiten hab’ ich nichts geschrieben.

Und all die Zeiten hab’ ich nichts geschrieben.

Und das nur deshalb, daß ich dann und wann

Und das nur deshalb, daß ich dann und wann

Hübsch fürstlich bei dir speisen kann?

Hübsch fürstlich bei dir speisen kann?

In diesem Gedicht hören wir auch schon gleich von Martials literarischen Gegnern. Gegen die ist er natürlich unverlegen. Schlagend ist seine Abfertigung:

III, 9:Marull schreibt Verse gegen mich? Er halt’ es nach Belieben.Der, dessen Verse man nicht liest, der hat sie nicht geschrieben.

III, 9:Marull schreibt Verse gegen mich? Er halt’ es nach Belieben.

III, 9:

Marull schreibt Verse gegen mich? Er halt’ es nach Belieben.

Der, dessen Verse man nicht liest, der hat sie nicht geschrieben.

Der, dessen Verse man nicht liest, der hat sie nicht geschrieben.

Einem anderen, der sich selbst vorträgt, dient er folgendermaßen:

IV, 41:Du Zarter trägst ein Tuch um den Hals,Um deine Gedichte aufzusagen?Wir Hörer sollten lieber festDas Tuch um unsre Ohren tragen.

IV, 41:Du Zarter trägst ein Tuch um den Hals,

IV, 41:

Du Zarter trägst ein Tuch um den Hals,

Um deine Gedichte aufzusagen?

Um deine Gedichte aufzusagen?

Wir Hörer sollten lieber fest

Wir Hörer sollten lieber fest

Das Tuch um unsre Ohren tragen.

Das Tuch um unsre Ohren tragen.

Schwieriger als die Konkurrenten ist oft das Publikum selbst. Es gibt so viele, die nur das, was alt ist, bewundern und meinen: was neu ist, kann nicht klassisch sein. Aber Martial ist guten Mutes:

VIII, 69:Du lobst, Vacerra, nur die alten Weisen,Und nur die toten Dichter magst du preisen?Verzeih! um deinen Beifall zu erwerben,Beeil’ ich mich noch lange nicht zu sterben.

VIII, 69:Du lobst, Vacerra, nur die alten Weisen,

VIII, 69:

Du lobst, Vacerra, nur die alten Weisen,

Und nur die toten Dichter magst du preisen?

Und nur die toten Dichter magst du preisen?

Verzeih! um deinen Beifall zu erwerben,

Verzeih! um deinen Beifall zu erwerben,

Beeil’ ich mich noch lange nicht zu sterben.

Beeil’ ich mich noch lange nicht zu sterben.

Nun aber die weitere Umwelt. Wie gutherzig menschenfreundlich ist dieser muntere Geist da oft! Man merkt, er ist der Sohn einer reiferen, menschlicheren Kulturperiode. Von einem Trinker heißt es, gnädig genug:

I, 28:„Ihm ist elend! Der Rausch von gestern macht’s.“Gefehlt, ihr guten Leute!Er kneipt ja immer die Nächte durch;Sein Elend stammt von heute.

I, 28:„Ihm ist elend! Der Rausch von gestern macht’s.“

I, 28:

„Ihm ist elend! Der Rausch von gestern macht’s.“

Gefehlt, ihr guten Leute!

Gefehlt, ihr guten Leute!

Er kneipt ja immer die Nächte durch;

Er kneipt ja immer die Nächte durch;

Sein Elend stammt von heute.

Sein Elend stammt von heute.

Von einem unweltlichen Menschen:

XII, 51:Der gute Fabulinus,Nie schützt er sich vor BetrugUnd ward doch so oft betrogen!Wer gut, wird niemals klug[417].

XII, 51:Der gute Fabulinus,

XII, 51:

Der gute Fabulinus,

Nie schützt er sich vor Betrug

Nie schützt er sich vor Betrug

Und ward doch so oft betrogen!

Und ward doch so oft betrogen!

Wer gut, wird niemals klug[417].

Wer gut, wird niemals klug[417].

Und gar, wie rührend der Vers von dem Blinden:

III, 15:Kein Mensch gibt mehr Kredit in Rom,Als unser Cordus gibt.„Er ist doch arm. Wie macht er das?“Ein Blinder ist’s, der liebt.

III, 15:Kein Mensch gibt mehr Kredit in Rom,

III, 15:

Kein Mensch gibt mehr Kredit in Rom,

Als unser Cordus gibt.

Als unser Cordus gibt.

„Er ist doch arm. Wie macht er das?“

„Er ist doch arm. Wie macht er das?“

Ein Blinder ist’s, der liebt.

Ein Blinder ist’s, der liebt.

Alles das könnte auch ebenso noch heute gelten. Aber weiter. Soll ich aus der Fülle noch ein paar Themen auf gut Glück, wie die Zettel aus der Urne, herausgreifen? Über Standesunterschiede im Liebesverkehr (III, 33); von unfähigen Advokaten (VIII, 7); von Emporkömmlingen, die groß tun, bald ist es ein Schuster, bald ein Schneidermeister (IX, 73; III, 18); vom Schulmeister, der mit der Rute fuchtelt (IX, 68) und dem Glück der sommerlichen Schulferien (X, 62); von Bauwut (IX, 46) und sonstiger lächerlicher Verschwendung (VIII, 5; VII, 98); den Toilettenmitteln der Römerinnen (IX, 37). Dazu der sonderbare Mamurra, der in allen Läden stundenlang herumsteht, um mit Kennermiene die Kostbarkeiten zu betrachten, aber gar nichts kauft (IX, 59); Hermogenes, offenbar ein Mensch aus guter Familie, der die Manie hat, überall die Tischservietten zu stehlen (XII, 29). Dazu ein gewisser Klytus, der an Habgier leidet und es verstanden hat, im letzten Jahr achtmal seinen Geburtstag zu feiern, weil es da Geschenke regnet; Martial sagt mit Recht: Auf diese Weise,junger Mensch, wirst du früh zum Greise; denn so wirst du jedes Jahr gleich 8 Jahre älter, ein Neunjähriger kann so schon gleich zweiundsiebzig werden. Auch der Barbier gibt endlich ein nettes Thema. Die Barbiere hatten im Altertum noch keine Seife und mußten sich abmühen, um alle Haare gründlich wegzunehmen. Da kommt der Rasierjunge; er hat ein so glattes Gesicht; aber während der endlos langen Arbeit, die er verrichtet, wächst ihm selbst ein Bart (XI, 84 und VIII, 52).

Doch des Aufzählens genug. Hören wir lieber den Dichter selber. Cinna ist unleidlich, weil er in den Gesellschaften immer so leise spricht:


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