Lektion 8.Einzeln lebende Bienen.

Lektion 8.Einzeln lebende Bienen.

Wir alle kennen den Bienenkorb sehr gut, aber vielleicht habt ihr noch nicht bemerkt, daß noch andere Arten von Bienen im Garten umherfliegen. Einige von ihnen sind ungefähr von derselben Größe wie die Honigbiene; einige sind viel kleiner, und sie sind verschieden gezeichnet.

Die meisten dieser anderen Arten sind einzeln lebende Bienen. Es gibt unter ihnen keine geschlechtslosen Arbeiter, sondern nur Männchen und Weibchen, die paarweise leben.Andere leben in großen Mengen in den Löchern sandiger Abhänge, aber sie arbeiten nicht zusammen.

Wenn Efeu an den Wänden eures Hauses wächst, so habt ihr vielleicht schon Bienen bemerkt, die in die Blüten hinein- und herausschlüpfen. Unter diesen wird wahrscheinlich eine sein, ungefähr 2cmlang, mit einem schwarzen Körper, der mit gelbbraunem Flaum bedeckt ist. Sie hat zwei kleine Hörner am Kopfe und heißt die „zweihörnige Mauerbiene“ (vergl. bunteTafel VI.1).

Hat man Gelegenheit, eine solche Biene zu beobachten und ihr zu folgen, so kann man sie in einen vermoderten Pfosten oder Baumstumpf fliegen sehen. Wenn man dann in der Nähe des Flugloches einschneidet, so wird man ein sonderbares Nest finden. Denn diese Biene bohrt einen langen Gang und baut eine Zelle aus Wachs an dessen unterem Ende. Hier legt sie ein Ei hinein und häuft rings herum Bienenbrot auf, das aus Blütenstaub und Blumenhonig besteht. Sie hat kein Körbchen an den Hinterbeinen wie die Honigbiene, daher trägt sie den klebrigen Blütenstaub an den dicken Haaren unter ihrem Körper herbei und kratzt ihn von diesen mit einem Kamme ab, der an ihrem Beine sitzt.

Nachdem die Biene das Ei gelegt und Nahrung in die Zelle gebracht hat, siegelt sie dieselbe mit Wachs zu und beginnt eine neue zu bauen. So fährt sie fort, bis sie den Gang ausgefüllt hat.

Tafel VIEinzellebende Bienen.1. Mauerbiene. 2. Schlafbiene. 3. Tapezierbiene. 4. Wollbiene.

Tafel VI

Einzellebende Bienen.1. Mauerbiene. 2. Schlafbiene. 3. Tapezierbiene. 4. Wollbiene.

Aber wie kommt nun die am unteren Ende sitzende Biene heraus? Ihr Ei wurde zuerst gelegt, und sie hat acht oder zehn andere über sich. Und da besteht nun die sonderbare Tatsache, daß die Bienen aufeinander wartenSie werden ungefähr zur gleichen Zeit alle vollkommene Bienen, und wenn nun eine, die unten sitzt, eher in ihrer Entwicklung fertig ist als die anderen, so frißt sie sich durch den Deckel ihrer Zelle und versucht sich an ihrer Nachbarin vorbeizudrängen. Aber wenn die über ihr Sitzende so groß ist, daß sie nicht an ihr vorbei kann, ohne sie zu beschädigen, so wartet sie geduldig, bis alle fertig sind.

Eine andere kleine Biene, die ihr oft finden könnt, ist die Schlafbiene (vergl. bunteTafel VI.2). Sie führt diesen Namen, weil sie oft im Grunde von Blüten schläft, wo ihr sie finden könnt. Sie ist dünn und schwarz mit einem viereckigen Kopfe und starken Kinnbacken und hat einen feinen gelben Flaum auf dem Hinterleibe. Auch sie baut in Pfosten, aber sehr oft legt sie auch ihr Nest im Innern eines dicken Strohhalmes an. In alten Zeiten, als man die Dorfhäuser noch mit Stroh deckte, pflegten Hunderte von diesen Bienen in den größeren Strohhalmen zu bauen, und man konnte sie um das Dach herumsummen hören.

Dann gibt es noch eine andere Biene, die überall zu finden ist. Es ist die Tapezierbiene (vergl. bunteTafel VI.3), auch Blattschneider genannt. Ihr habt wohl schon einmal Rosenblätter gefunden, aus deren Kante halbmondförmige Stücke herausgeschnitten waren. Wenn ihr aufpaßt, könnt ihr eine solche Biene bei der Arbeit sehen.

Die Tapezierbiene hat ungefähr dieselbe Größe wie eine Honigbiene, aber einen kräftigeren Körperbau. Ihr schwarzer Körper ist mit weichen braunen Haaren bedeckt. Sie hängt sich an das Blatt und beißt im Weiterkriechenein halbmondförmiges Stück aus demselben heraus. Kurz ehe sie damit fertig ist, öffnet sie die Flügel und hält sich schwebend in der Luft. Wenn dann der letzte Riß getan ist, fliegt sie mit dem Blattstückchen fort, indem sie es zwischen den Füßen und den Kinnbacken trägt.

Nest der Tapezierbiene in einem Baumstamm. 1. Blattstück für die Seiten, 2. für den Boden der fingerhutähnlichen Brutzelle.

Nest der Tapezierbiene in einem Baumstamm. 1. Blattstück für die Seiten, 2. für den Boden der fingerhutähnlichen Brutzelle.

Sie fliegt zu einem Loche in der Erde, das zuerst senkrecht hinunterführt und sich dann wendet und unter der Oberfläche hinläuft. Hier läßt sie den Blattabschnitt zurück und holt dann mehrere von derselben Art. Damit baut sie eine kleine fingerhutförmige Zelle, in die sie ein Ei legt. Sie versorgt die Zelle mit Nahrung und schließt sie mit 3 oder 4 runden Blattstückchen. Dann beginnt sie eine andere Zelle zu bauen, die sie etwas in die erste hineinschiebt. In dieser Weise baut sie ungefähr sieben Zellen und legt in jede ein Ei und versieht sie mit Bienenbrot, so daß die Larven zu fressen haben, bis sie sich in Bienen verwandeln. Obwohl man die Bienen leicht beim Schneiden der Blätter beobachten kann, kann man doch nicht so leicht ihre Löcher finden, denn sie verdecken die Ausmündungmit Erde, so daß man den Eingang nicht sehen kann. Man tut am besten, einer Biene, die man beim Blattschneiden beobachtet hat, zu folgen; aber da sie so schnell ist, muß man auch sehr behend sein. Manchmal macht sie auch ihr Loch in einem Weidenbaum, wenn das Holz weich ist.

Es gibt noch eine ähnliche einzeln lebende Biene, die ihr Nest im Stengel der Brombeere baut. Sie höhlt das Mark aus und bedeckt damit die Zellen. Wenn man einen Brombeerzweig findet, von dem das Ende abgebissen ist, so kann man den Versuch machen, ihn aufzuschneiden, um zu sehen, ob ein Gang mit Bienen- oder Wespenzellen im Inneren vorhanden ist.

Nest einer Mauerbiene in einem Brombeerzweige. Eine Zelle ist aufgeschnitten und läßt eine Puppe erkennen.

Nest einer Mauerbiene in einem Brombeerzweige. Eine Zelle ist aufgeschnitten und läßt eine Puppe erkennen.

Eine andere sehr sonderbare Biene, die Wollbiene (vergl. bunteTafel VI.4), polstert den von ihr gebauten Gang mit flaumigen Haaren und wollartigen Substanzen aus, die sie von verschiedenen Pflanzen holt. Ihr erinnert euch wohl, daß der Stengel der Kuckucksblume und des Himmelschlüssels mit dickem Flaum bedeckt sind. Die Wollbiene streift diesen Flaumvon den Pflanzen ab, rollt ihn zu einem Ball zusammen und fliegt damit zu ihrem im Erdboden befindlichen Neste, wo sie ihn benutzt, um ihre Zellen daraus zu bauen.

Einsame Bienen sammeln keinen Winterhonig wie die Honigbienen. Sie sterben alle im Herbste, einige Weibchen ausgenommen, die in Löcher kriechen und bis zum Frühling schlafen, wo sie ihre Nester bauen und Eier legen.

Es gibt so viele einzeln lebende Bienen, daß ich euch nicht von allen erzählen kann. Ihr müßt selbst darauf achten, und ihr werdet bald lernen, die kleinen Löcher in den Bäumen und im Boden zu beachten. In einigen derselben werdet ihr sicher seltsame Geschöpfe finden.

Beobachte verschiedene Arten der einzeln lebenden Biene und versuche, ihre Löcher im Frühling zu finden.


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