Pyramiden mit Inschriften.

Pyramiden mit Inschriften.

Es ist heute eine ausgemachte Thatsache, daß die weltberühmten Pyramiden Ägyptens, welche sich in einer Ausdehnung von etwa fünf geographischen Meilen auf dem Ostrande der libyschen Wüste entlang ziehen, westlich von der untergegangenen Hauptstadt Memphis, den ältesten Königen der Welt einst als Grabstätten dienten. Über ihre Bauart und ihre Steinmassen ist kaum noch ein Wort zu verlieren. Bemerken wir nur nebenher, daß die größte derselben sich eines kubischen Inhalts von ungefähr sieben Millionen Schiffstonnen rühmen darf und das ist keine Kleinigkeit, mit einem Worte wir wissen, daß ihr massiger Bau darauf berechnet war, für die Leichen der Könige unzugängliche und unzerstörbare Grabkammern zu schaffen, deren Dauer in Ewigkeit hin bestehen sollte. Die Gänge und zwar von der Nordseite her, welche in das Innere der merkwürdigen Bauten bis zur Grabkammer führten, wurden an verschiedenen Stellen durch gewaltige Blöcke von Granit wie durch Fallgatter abgeschlossen, so daß es, besonders bei den größeren, gewaltiger Arbeiten bedarf, um den freien Eintritt wieder zu öffnen.

Die ersten Araber, die nach der Besitznahme Ägyptens den Pyramiden ihre Aufmerksamkeit schenkten und ihren Besuch abstatteten, standen in dem Glauben, daß die ehemaligen Könige des Landes in den sonderbaren Bauten nur ihre Schätze verborgen haben konnten und sie scheuten deshalb weder Mühe noch Kosten, um jene Schätze zu heben. Freilich wurden sie in ihren Erwartungen gründlich getäuscht, denn sie entdeckten in dem innersten hohlen Kern der Pyramiden nur die einbalsamierten Leichen der königlichen Erbauer und statt des gehofften kostbaren Nachlasses fanden sie wenige Schmucksachen, Bildsäulen und Gegenstände des Totenkultus vor, denen allerdings heutigentags ein archäologischhoher Wert zugeschrieben werden dürfte. Aber was wußte man im neunten und den unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten von der wissenschaftlichen Bedeutung derartiger Schätze des grauesten Altertums?

Unsere junge und jüngste Zeit denkt anders darüber und die eingehendsten Untersuchungen über den Bau und die königlichen Erbauer so gewaltiger Grabdenkmäler haben bis zur Stunde die gelehrte Welt mit der Lösung noch mancher rätselhaft gebliebener Dunkelheiten darüber beschäftigt.

Es muß jedoch ein Übelstand an dieser Stelle hervorgehoben werden, welcher anfangs den Forschungen auf diesem Gebiete besondere Schwierigkeiten in den Weg legte, ich meine den Mangel jeder inschriftlichen Überlieferung an der Außenseite oder im Innern der pyramidalen Bauwerke, welche Auskunft über die Namen und die Geschichte der königlichen Urheber oder über die Ansichten der ältesten Ägypter über das Leben nach dem Tode in Verbindung mit der Person des verstorbenen Pharao hätten geben können. Mit Ausnahme einiger weniger Einzelheiten, die indes auf die richtige Spur mehrerer königlicher Erbauer geleitet haben, ist so gut wie nichts an und in den Pyramiden entdeckt worden, bis endlich im Jahre 1880 eine ganze Gruppe dieser Grabdenkmäler ihr lang bewahrtes Stillschweigen brach und die beschriebenen Steinwände ihren Mund öffneten.

Ehe ich darauf näher eingehe, will ich es nicht mit Stillschweigen übergehen, daß wir einem alten griechischen Schriftsteller, dem Vater der Geschichte, Herodot, die merkwürdige Angabe verdanken, daß sich an der Außenseite der größten aller Pyramiden, der des Königs Cheops, noch zu seiner Zeit, d. h. in der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christi Geburt, eine Inschrift befunden habe, welche angeblich vermeldete, wie viel an Rettichen, Zwiebeln und Knoblauch für die Arbeiter beim Bau der Pyramiden darauf gegangen sei, nämlich nach griechischem Geldwerte 1600 Talente Silbers oder 7544000 Mark. Da nach seinem Berichte zwanzigJahre bis zur Vollendung der Pyramiden verstrichen waren, so hatten sich die täglichen Zehrungskosten auf nicht weniger als 1048 Mark belaufen, eine Summe, welche bei den billigen Preisen für die erwähnten Lebensmittel vor mehr als 5000 Jahren im Lande Ägypten eine außerordentlich große Zahl von Bauleuten voraussetzt. Aber die ganze Geschichte ist nicht einmal wahr, da auf keinem ägyptischen Denkmale eine ähnliche offizielle Überlieferung der Altzeit nachweisbar ist. Der Dolmetscher, welcher Herodot begleitete, hatte ihm eine Lüge aufgebunden und die Erklärung irgend einer Inschrift, deren Inhalt er selber nicht zu entziffern vermochte, in unverschämter Weise ausgesonnen.

Im Januar des Jahres 1880 hatte der damals noch lebende Generaldirektor des ägyptischen Museums in Kairo, mein im folgenden Jahre verstorbener Freund Mariette Pascha die Öffnung einer jener verfallenen kleineren Pyramiden angeordnet, welche die Gruppe von Sakkarah bilden. Das also genannte Dorf liegt östlich davon, dicht am Rande der Wüste.MariettesGesundheit war damals bereits in so hohem Grade erschüttert, daß er nicht mehr in der Lage war, den etwa vierstündigen Weg nach dem Standorte der Pyramide zurückzulegen. Er überließ es daher den findigen Arabern in seinem Dienste die Arbeit ohne europäische Leitung auszuführen. Die wackeren Leute entledigten sich dieser Aufgabe in trefflichster Weise, denn trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihnen in dem Haupteingange entgegenstellten, drangen sie bis zur eigentlichen Grabkammer vor. Sie überzeugten sich zwar, daß dieselbe etwa tausend Jahre früher von ihren eigenen Landsleuten in Sakkarah bereits durchbohrt und vollständig ausgeraubt war, aber sie hatten wenigstens die Überraschung eine Pyramide eröffnet zu haben, deren innere Gänge und Grabkammer zum erstenmale die Anwesenheit einer unglaublichen Anzahl schön eingemeißelter hieroglyphischer Inschriften bezeugten. Nach den an Mariette mitgeteilten Abdrücken der Texte ergab es sich, daß die in Rede stehendePyramide einem Könige angehöre, dessen wohlbekannter Name Pepi auf die Zeiten der 6. Dynastie (ca. 3000 v. Chr) hinwies. Mein verstorbener Freund wollte nicht an den Pharao dieses Namens glauben, da ihm eine beschriebene Königspyramide als eine Unmöglichkeit erschien. Er zog es vor den pyramidalen Bau als das Grab eines Privatmannes zu betrachten, dessen Name, nach sehr beliebten Mustern bei den alten Ägyptern, mit dem des Königs seiner Zeit gleichlautete.

Gegen Ende des Jahres 1880, nach seiner Rückkehr aus Paris — und zwar in hoffnungslosestem Zustande, denn ein Blutsturz hatte ihn gleich nach seiner Landung in Alexandrien überfallen — fühlte er noch so viel Kraft in sich, unmittelbar nach seiner Ankunft in Kairo ein längeres Gespräch mit mir über jene Pyramide zu führen. Er drückte mir die Bitte aus, mich schleunigst nach Sakkarah zu begeben, wo nach den letzten Meldungen seiner Ausgräber eine zweite, wiederum beschriebene, Pyramide durchbrochen und geöffnet worden war. Es war kurze Zeit vor seinem Tode, am 4. Januar 1881, daß ich die kleine Reise in Begleitung meines Bruders antrat, um die neue Aufdeckung zu prüfen.

Mit Hilfe der Araber und nicht ohne eigene Lebensgefahr zwängten wir uns beide durch die durchbohrte Öffnung — die Steinblöcke über unsern Leibern zeigten eine höchst bedrohliche Lage, denn sie konnten bei der leisesten Berührung jeden Augenblick auf uns niederstürzen — und erreichten durch einen langen Gang glücklich das Grabgemach. Die plötzliche Überraschung sollte dafür um so größer sein. Die Seitenwände des Ganges und der Grabeskammer zeigten ihrer ganzen Länge und Breite nach einen Reichtum hieroglyphischer, in den geglätteten Kalkstein eingemeißelter Inschriften, wie ihn ähnlich nur etwa die thebanischen Königsgräber von Biban el-moluk erkennen lassen. Überdies stand ein wohlerhaltener dunkelfarbiger Granitsarg in der einfachen Gestalt einer Lade an der westlichen Wand der Grabkammer und daneben lag die ihrer Umhüllung beraubte Mumie des Pharao,der sich nach altägyptischer Gewohnheit schon bei seinen Lebzeiten den Grabbau hatte ausführen lassen. Der Sarkophag, dessen Deckel zurückgeschoben war, zeigte in schöner Ausführung der Hieroglyphenschrift die Titel und Namen des Königs, die auch in den Wandinschriften in unzähliger Wiederholung an einzelnen Stellen mir entgegentraten. Sie bezeichnen den König nach seinen beiden Hauptnamen Merenre und Mehtisauf. Aus dem letzteren schuf das griechisch abgefaßte Königsbuch Manethos den König Methesuphis der 6. Dynastie. Die Hauptsache ward damit bewiesen: die beschriebene Pyramide gehörte einem Könige an.

Auch dieses Grab war bereits von Arabern in den früheren Jahrhunderten geöffnet und seines beweglichen Inhaltes mit Ausnahme der nackten königlichen Leiche beraubt worden. Selbst einzelne Stellen der Wände hatte man durchschlagen, zum großen Schaden der darauf befindlichen Inschriften, in der Meinung, daß die vergeblich gesuchten Schätze dahinter verborgen sein müßten.

Mariette starb und überließ seinem Nachfolger Maspero die Aufgabe, die in der Nähe befindlichen Pyramiden derselben Gruppe von Sakkarah zu durchbohren, um die Zahl der mit Inschriften bedeckten Pyramiden zu vergrößern und die Kenntnis der Namen von den darin meist bestatteten Königen zu vermehren. Das Ergebnis der Arbeiten war die Auffindung von neuen Texten im Innern mehrerer Pyramiden, von denen drei dem Königshause der 5. und 6. Dynastie angehörten. Keine einzige war indes unberührt geblieben, denn man fand in jeder die Spuren arger Verwüstung unter den Händen der früheren Eröffner.

HerrMaspero, welcher später seine ägyptische Stellung aufgab, um nach Paris überzusiedeln, hat es sich seitdem angelegen sein lassen, die Abschrift sämtlicher in den beschriebenen Pyramiden aufgefundenen Texte zu veröffentlichen und mit einer fortlaufenden Übersetzung zu versehen. Wenn es auch noch nicht an der Zeit sein dürfte, eine Übertragungohne Lücken und Fehler zu wagen, so muß ihm dennoch die Wissenschaft zu höchstem Danke verpflichtet sein, die Inschriften ohne Zeitverlust bekannt gemacht und den diesen Studien ferner stehenden Lesern die Gelegenheit geboten zu haben, eine wenigstens annähernd richtige Vorstellung ihres Inhalts zu gewinnen.

Zunächst ist durch das Studium derselben die wichtige Thatsache festgestellt worden, daß die Sprache und Hieroglyphik, deutlicher gesprochen die malerische Seite der letzteren, einer Epoche entlehnt ist, welche den allerältesten Zeiten der ägyptischen Geschichte angehört und wahrscheinlich bis zum ersten König des Landes Menes hinaufreicht. Die Grammatik, der Wortschatz, die Satzverbindungen verraten die ersten litterarischen Anfänge der ägyptischen Sprache, die sich bemüht, des Ausdrucks Herr zu werden und die ärmlichen Mittel, die ihr zu Gebote stehen nach Möglichkeit auszunutzen. Was die geistige Ausbildung an treffender Kürze versagt, wird durch Umschreibungen, Wiederholungen, Vergleiche und Bilder ersetzt. Selbst das Wortspiel einer naiven Sprachanschauung und der äußere Klingklang erscheinen wie Hilfsmittel, um den Eindruck des Dichterischen oder Feierlichen hervorzurufen. Alles ist steif und unbeholfen, aber urwüchsig in seiner altertümlichsten Einfachheit bei den gebotenen Sprachmitteln.

Eine wechselseitige Vergleichung der Inschriften, der erhaltenen oder nur noch in Bruchstücken vorhandenen, führt zu dem Schlusse, daß sie sämtlich einer Sammlung von Texten angehören, welche ganz allgemein die Bezeichnung „das Buch“ tragen. Aber dieses „Buch“ mit seiner ungeordneten Folge von Kapiteln oder Abschnitten, längeren und kürzeren, besaß nach der Meinung der uralten Weisen im Nilthale die geheimnisvollen Eigenschaften einer wirksamen Zauberei. Selbst eine spätere Zeit der ägyptischen Entwickelung, als die Sprache eine ausgebildetere und vollendetere Form gewonnen hatte und die schöne Litteratur im Märchen und Roman zumDurchbruch kam, hielt an dem unverständlichen Zauber „des Buches“ fest, sowie das Grab und das Dasein nach dem irdischen Tode ins Spiel kam. Denn darauf beruhte der Inhalt der Formeln und Beschwörungen, welche die Wände der Pyramidenkammern bedecken, mit bedauernswertem Ausschluß alles dessen, was die Zeitgeschichte der Könige betrifft. Nicht die Vergangenheit der großen Toten, die in ihren steinernen Truhen ruhten, sondern ihre Zukunft in einer anderen Welt bildet den Gegenstand der absonderlichen Texte, die nebenbei als ein Schutzmittel gegen die ankämpfende Vernichtung dienen sollten. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß in den Texten der königliche Titel meist schwindet und nur der bloße Name seine Stelle findet. Man spricht von „diesem Pepi, diesem Mehtisauf“ u. s. w., ohne diesen Namen das Wort „König“ voranzusetzen, ein auffallender Umstand, der Mariette anfangs dazu verleitet hatte, die Pyramiden, von denen die Rede ist, nicht Pharaonen, sondern Privatpersonen zuzuschreiben.

Der leitende Grundgedanke, welcher in dem „Buche“ in breitester Weise zur Entwickelung kommt, ist die Vorstellung, daß der Tote nach seinem Hinscheiden zu einem neuen Dasein ersteht. Als Vorbedingung dazu erscheint seine Einbalsamierung und Umhüllung nach vorgeschriebenem Brauche, sowie die Beigabe von Talismanen und sonstigen Schutzmitteln zur Erhaltung seines Leichnams. Auch seine nach dem Leben modellierten Bilder in Stein und Holz, welche in einem versteckten Raume des Grabes ihre Aufstellung fanden, gaben seinem Ich eine erneuerte Form in jener anderen Welt. Sie sicherten den Fortbestand seiner Persönlichkeit in einem himmlischen Ägypten. Speise- und Trankopfer, Räucherwerk und Salben galten als weitere notwendige Bestandteile der Grabausrüstung, und die gottesdienstlichen Gebräuche bei der Bestattung, welche von eigenen Totenpriestern ausgeführt wurden, hatten nicht minder die Bedeutung unfehlbar wirksamer Handlungen mit Bezug auf das Fortleben nach dem Todein stiller Grabesnacht. Das „Buch“ berührt alles dies mit einer peinlichen Sorgfalt und Ausführlichkeit und es erscheint darum wie ein Ratgeber und Führer des Verstorbenen im unbekannten Jenseits.

Und dieses Jenseits ist, wie gesagt, ein himmlisches Ägypten mit seinem Nile und seinen Kanälen, auf welchen die Gottheiten und die Verklärten einherwandeln oder in Barken dahinziehen. Die Gaue, Städte und Tempel des irdischen Ägypten tragen im himmlischen dieselben Namen, ja selbst die Seen und Meere sowie die den ältesten Ägyptern bekannten Gegenden des Auslandes kehren unter ihren gewöhnlichen Bezeichnungen in der Geographie des Jenseits wieder, nur mit dem Unterschiede, daß die Bewohner aus der Genossenschaft der Unsterblichen und „der Leuchtenden“ bestehen.

An ihrer Spitze thront der Sonnengott, der Vater der Götter und Menschen, der sich an jedem neuen Morgen aus dem Ocean erhebt, um durch die eisernen Thore im Osten, welche der Erdgott unter donnerndem Geräusche öffnet und deren Lage in der Nähe der (himmlischen) SonnenstadtOngesucht wurde, seine tägliche Fahrt auf dem Nile anzutreten. Die Gegend des Sonnenaufgangs gewann gleichzeitig die Bedeutung einer Örtlichkeit für die Auferstehung der Verstorbenen und alle Mittel einer bilderreichen Sprache wurden aufgebraucht, um diese Vorstellung zur lebendigen Anschauung zu bringen. Bald wird das Aufsteigen in handgreiflichster Weise mit Hilfe einer Leiter vollzogen, auf welcher der Tote das Sonnenschiff erklimmt, bald wird die Auferstehung mit dem Aufgang oder der Geburt des Morgensternes oder des Hundssternes oder eines anderen Gestirnes oder des Mondes verglichen und eine Betrachtung daran geknüpft, welche sich auf die Bewegung der Sternbilder in der oberen Himmelssphäre bezieht. Während des Sonnenlaufes am östlichen Teile des Himmels erscheint „die Binsenwiese“ (genauer Cypergraswiese) daselbst als ein Lieblingsaufenthalt der Götter und Toten — sie vertritt die elysäischen Gefilde der Griechen —und auf den Inseln und Kanälen derselben herrschte die höchste Freude der Seligen. Auch das Wort „Binsenwiese“ ist der irdischen Geographie Ägyptens entlehnt, denn der gleiche Name bezeichnete die schwer zugänglichen, versteckten binsen- und schilfreichen Sümpfe an der nordöstlichen Ecke Unterägyptens, nach welchen man in den Urzeiten der Geschichte den Aufenthalt der Seligen verlegte.

Der Himmel selbst wird als die Mutter des Verstorbenen betrachtet und seine Auferstehung aus dem Reiche des Todes als seine Wiedergeburt aus dem Leibe seiner Himmelsmutter verherrlicht. Sie ist ihm die Führerin auf seiner himmlischen Wanderschaft. „Sie berührt deinen Arm und sie zeigt dir die Richtung nach der Lichtsphäre, da wo sich der Sonnengott befindet“, meldet eine Stelle des „Buches“. Der Tote wird dadurch zu einem „Leuchtenden“ oder verklärten Wesen, vor dem sich bei seiner Ankunft die Scharen der Seligen demutsvoll verneigen, denn, wie es wörtlich heißt: „Zu dir kommen die Verklärten unter Verbeugungen und sie küssen den Boden zu deinen Füßen wegen deines Buches.“ Immer und immer wieder ist es das Buch, welches selbst auf die Seligen seine magischen Wirkungen nicht verfehlt.

Auf seinen Wanderungen durch die Himmelsräume ist es selbstverständlich, daß der Verklärte mit den Sternbildern in Berührung kommt, die an der „eisernen“ Decke leuchten. Jedes Sternbild wird als der Aufenthalt „der Seele“ eines Gottes bezeichnet; wie beispielsweise die Seele des Osiris im Orion und die der Isis im Sirius oder Hundsstern thronend gedacht wurde. Die genannten waren wohlthätige Gottheiten, aber auch an bösen fehlte es nicht, die in den Gestirnen ihre Sitze aufgeschlagen hatten. Das Sternbild des großen Bären oder, wie die Ägypter es bezeichneten, „der Vorderschenkel“, besaß nach dieser Richtung hin einen schlimmen Ruf, denn der Widersacher der Götter und Menschen, GottSet-Typhon, hauste darin, um seine schädlichen Ausflüsse im Himmel und auf Erden zur Geltung zu bringen. Dagegen war derLeuchtende, welcher gleichfalls seinen Stern erhielt, durch das magische Buch gefeit, das die Wände seiner Grabkammer in großen Hieroglyphen bedeckte. Standen ihm doch in seinem Kampfe gegen die Unholde die Götter zur Seite, vom Gott der Weisheit,Thot, angefangen.

So wenig wir aus dem „Buche“ Belehrung zur Erkenntnis einer tieferen philosophischen Gedankenwelt bei den alten Ägyptern in Bezug auf die letzte aller Fragen schöpfen können, so anregend wirkt andererseits sein Inhalt durch die zahllosen Angaben, welche sich auf die Mythologie, die Geographie, die Astronomie, die Tier- und Pflanzenkunde u. s. w. und nebenbei auch auf Sitten und Gewohnheiten der ältesten Bewohner des Landes beziehen. Die Bezirkseinteilung und die Hauptstädte Ägyptens mit ihren Göttern, Göttinnen und heiligen Tieren erschienen in nichts von den späteren Zeiten verschieden, die Sternbilder und ihre Namen, wie man sich überzeugt, waren nach ihren Hauptgruppen schon lange vor der Erbauung der Pyramiden bekannt, und wie noch heute, so schlichtete schon damals der angesehene Mann den Streit um das Wasser zur Berieselung der Felder zwischen zwei hitzigen Bauern. Allerdings klingt es nicht erbaulich und wirft einen tiefen Schatten auf die Denkungsart der Altvordern, daß es nach dem „Buche“ zu den Paradiesesfreuden der Gewaltigen der Erde gehörte, nach Art von Negerkönigen die Frauen anderer Männer durch ihre Minne zu beglücken. Viel lehrreicher ist es dagegen, aus denselben Texten zu erfahren, daß in jenen Vorzeiten bereits die Ägypter aus Gerste ihr tägliches Brot buken und den Spelt zur Bereitung von Bier verwendeten, das bis in die Zeiten der Römer hinab das beliebteste Getränk der Bewohner des Nilthales bildete und in zwei Sorten, in Weißbier und in Rotbier, unterschieden ward. Im übrigen war nach den überlieferten Speisezetteln in denselben Pyramidenkammern die Auswahl der Gerichte für den Tisch keine geringe. Rindfleisch und Geflügel aller Art, Früchte und Gemüse werden der Reihe nach aufgezählt, und neben dem Bier wird der Wein und die Milch als labendes Getränk genannt. Auch für Salben und Schminken und für die Bekleidung war schon damals reichlichst gesorgt, und zahlreich sind die Bezeichnungen der ein- und buntfarbigen Zeugstoffe, welche die Weberinnen für den Bedarf der Landesbewohner anfertigten. Aber die Wohlgerüche Arabiens kannte man damals noch nicht.

Die Texte der Pyramiden stellen den Glauben außer Zweifel, daß der Dahingeschiedene in seinem Pyramidenhause nach seinem vollendeten irdischen Dasein sich eines neuen Lebens erfreute, das er körperlich auf Erden, seelisch im Himmel weiter führte. Aber die Seele vermochte nach ihrem Belieben sich mit dem Leibe zu vereinigen und den erstarrten Gliedmaßen und dem stillstehenden Herzen Gelenkigkeit und Bewegung zu verleihen. „Du lebst und du stirbst nicht,“ rufen in mehrfacher Wiederholung die Inschriften aus und das Leben war ganz nach irdischen Vorbildern eingerichtet. Der wiedererweckte Tote ißt und trinkt, ohne je zu hungern noch zu dürsten, er empfindet alle Bedürfnisse des menschlichen Leibes, er wandelt auf seinen Füßen einher, er verrichtet auf den elysäischen Gefilden die üblichen Arbeiten des Landmannes, er kämpft mit Speer, Pfeil und Beil gegen die Feinde an, er feiert an den Festtagen des ägyptischen Kalenders frohe Feste, er vergnügt sich an der Jagd, am Vogelfang, am Fischen und an sonstiger Kurzweil, er gleicht mit einem Worte dem frommen König Osiris, der nach seinem gewaltsamen Tode zum erstenmale den Aufgang zum Lichte am östlichen Himmel vollzog und dem Gerechten als Vorbild diente in Gegenwart und Zukunft, auf Erden und im Himmel. Der aus der irdischen Welt abgeschiedene Mensch ging geradezu in dem Wesen des Osiris auf und auch ihm sollte zu teil werden, was dem Gotte beschieden war, dem sein Sohn Horus (die neugeborene Sonne) als Rächer und seine Schwestern Isis und Nephthys (die Flügel der Morgenröte) als Schirmerin und Schützerin alltäglich erstanden. Imjungen Horus verkörperte sich die Wiedergeburt des Vaters, in den beiden Göttinnen zugleich die Natur als nährende Amme, denn sie heißen die Sängerinnen des Gottes.

Diese Andeutungen werden ausreichen, um über dunkle Stellen in den Pyramidentexten, wie beispielsweise die folgende, ein aufklärendes Licht zu verbreiten. An den verstorbenen König Pepi z. B. wird die Anrede gerichtet: „O Pepi! du hast dich auf den Weg gemacht, du leuchtest und du bist machtvoll wie der Gott. Ein Stellvertreter des Osiris ruft deine Seele dir in deinem Innern und deine Macht dient dir zum Schutze. Deine Krone ist dir auf deinem Haupte und dein Kopftuch hängt auf deiner Schulter nieder. Dein Angesicht ist geradeaus gerichtet. Deine Verehrer befinden sich vor dir, deine Diener hinter dir. Die Edlen des Gottes vor dir sie geben das Zeichen: es kommt ein Gott, es kommt ein Gott, es kommt dieser Pepi wegen des Thrones des Osiris. — Isis redet dich an, Nephthys spricht zu dir. — Du steigst empor zu deiner Himmelsmutter und sie zeigt dir die Richtung nach der Lichtschöne, da wo der Sonnengott weilt. Es öffnen sich dir die Thürflügel des Himmels und es thun sich dir auf die Pforten der Wasserquelle. Du findest den Sonnengott, er steht da als dein Hüter. Er berührt dir deinen Arm und er ist dein Führer in den Himmelsräumen. Er setzt dich auf den Thron des Osiris.“

In diesem Tone geht es Seiten lang weiter, aber man müßte bei jeder neuen Wendung stehen bleiben, um die Dunkelheit, welche sich an Namen und Vorstellungen knüpfen, mit größerer oder geringerer Sicherheit des Verständnisses zu erleuchten. Herr Maspero hat, wie gesagt, das Mögliche geleistet, als er das kühne Wagstück ausführte, den Inhalt der Pyramidentexte durch eine wortgetreue Übertragung den Lesern zugänglich zu machen. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, die noch unverstandenen Einzelheiten zu berichtigen oder ihren Sinn zu erläutern. Die Ägypter liebten es z. B. in ihrer mythologischen Sprache gewöhnliche Worte durch einerätselhafte, nur von dem Eingeweihten gekannte Bezeichnung zu ersetzen. Nur auf Umwegen ist die heutige Wissenschaft imstande, im Einzelfalle den Schlüssel zur Lösung zu finden. Vorläufig bieten vor allem die zahlreichen mystischen Namen, unter welchen die himmlischen Bewohner aufgeführt werden, das thatsächliche Hindernis zum vollkommenen Verständnis des ganzen Inhaltes der Pyramidentexte dar. Aber auch das wird mit der Zeit beseitigt werden und die ältesten Texte der Welt werden ein ungeahntes Licht auf die menschlichen Zustände in den Urzeiten der Geschichte im Nilthale werfen und damit vor allem der anthropologischen Forschung ein unerwartetes Material zuführen. Wenn am äußersten Horizonte aller geschichtlichen Erinnerungen beispielsweise der Himmel ein eisernes Gewölbe und der Stuhl, auf welchem Osiris thront, ein eiserner genannt wird, wenn von den eisernen Thüren am Firmament die Rede ist, die sich dem Verstorbenen öffnen, so hat die Erwähnung dieses Metalles durchaus keine nebensächliche Bedeutung für die Kulturentwickelung der ältesten Menschheit.

Lange vor dem Dichter Homer, welcher dem Himmelsgewölbe den Beinamen des eisernen schenkte, war den ältesten Ägyptern dieselbe Vorstellung geläufig, denn die Pyramidentexte geben keinem Zweifel darüber Raum. Ja sie gehen noch weiter und lassen dies Metall aus dem stärksten und gewaltigsten Gotte, dem ägyptischen Typhon-Set, hervorgehen, ganz im Einklang mit einer griechischen Überlieferung, wonach man am Nil das Eisen mit dem Namen des Knochens des Set belegt habe. Ein eiserner Himmel setzt die Bekanntschaft mit diesem härtesten aller Metalle voraus, und es tritt die Frage näher, ob nicht, entgegen den bisherigen Ansichten darüber, das Eisen nach der Steinzeit vor oder neben dem Kupfer und vor Bronze bekannt war. Auch die ältesten biblischen Nachrichten über das Vorkommen und die Bearbeitung des Eisens (Thubalkain, wie aus dem 1. Buche Mose 4, 22 hervorgeht, galt als der Erfinder der Eisenschmiedekunst) setzen für das höchste Altertum eine allgemein verbreitete Anwendung des Eisens voraus. In listenförmigen Aufzählungen der Metalle, wie sie gelegentlich die ägyptischen Denkmäler- und Papyrusinschriften bieten, folgen der Reihe nach: Gold, Silber, Eisen, Bronze, Kupfer, Blei. Das Eisen nimmt auch darin seine berechtigte Stelle ein. Bereits in den Pyramidentexten werden hakenförmige Instrumente aus Eisen aufgezählt, die bei religiösen Handlungen (z. B. bei der sogenannten Mundöffnung) ihre Verwendung fanden. In den Zeiten des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. erscheinen eiserne Gefäße erwähnt und Pharao heißt: „Die eiserne Mauer zum Schutze Ägyptens.“ Selbst zu medizinischen Zwecken wurde das Eisen wie noch in unseren Tagen verwertet, wenigstens nach einer Angabe in dem medizinischen Papyrus von Berlin zu schließen, wonach z. B. eine Mischung von Eisenrost mit Nilwasser als äußerliches Mittel zur Heilung bei Fieberhitze empfohlen wird.

Der Name und die Anwendung dieses Metalles war, wie man sieht, von den ältesten Zeiten an den Ägyptern durchaus geläufig, und nichts läßt darauf schließen, daß in Ägypten die Eisenzeit der Bronzezeit notwendig gefolgt sei.

Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß es sich in allen genannten Beispielen nur um Meteoreisen handele und daß dies um so wahrscheinlicher sei, als die Bezeichnung des Eisens in der ältesten ägyptischen Sprache durch ein zusammengesetztes Wort ausgedrückt war (bi-ni-pe), welches wörtlich so viel als „Wunderding“, „Wundergabe des Himmels“ bedeutet. Allein es ist zu bedenken, daß in den Zeiten der Griechen und Römer derselbe Ausdruck für das Eisen ganz allgemein gebraucht war und daß in der Sprache der christlichen Ägypter oder der Kopten dasselbe Wort im Sinne von Eisen fortbestand, ohne Rücksicht auf den meteorischen oder tellurischen Ursprung desselben.

Ich habe dem Beispiele des Eisens meine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, um daran den Nachweis zu führen,welche Bedeutung den Pyramidentexten für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit innewohnt. An Hunderten von Stellen drängt sich die Überzeugung auf, daß jene Texte, deren erstaunliches Alter von niemand bezweifelt wird, bereits in den Abschluß einer großen Kulturepoche gehören, in welcher ein zweigeteiltes Ägypten mit einem einzigen Herrn und König an der Spitze bestand. Schon damals war nach Andeutungen in jenen Texten die Ostgrenze Unterägyptens durch Festungswerke geschützt, welche sich an der Spitze der nördlichsten Bucht des Roten Meeres erhoben. Es ist daraus ersichtlich, daß diese Bucht an dem heutigen Krokodilbecken ihren Anfang nahm, das in der Mitte der Landenge von Suez gelegen ist und in der Wasserlinie des Suezkanals aufgegangen ist. Auch für das Vorkommen der ältesten Pflanzenwelt bieten dieselben Pyramidentexte eine reiche Ausbeute der Forschung dar. Der Ackerbau war auf der Kultur von Weizen, Gerste und Spelt begründet. Die Getreidesorten waren längst von dem Euphratgebiete her nach Ägypten eingeführt worden, ebenso der Anbau der Leinpflanze und des Weinstockes, wie es Prof. Schweinfurth durch seine eingehenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Pflanzengeschichte wahrscheinlich gemacht hat. Auch der Papyrus und der Lotos, sowie eine Reihe von Binsengräsern an den Ufern des Niles und in den Seen und Sümpfen werden in den Pyramidentexten als allgemein bekannt angenommen und unter den Bäumen sehen wir die Dattelpalme, die Sykomore, den Feigenbaum, die Persea, den Moringabaum und Stachelakazien in den Vordergrund treten. Unter den Vierfüßern werden der Elefant, das Nilpferd, der Löwe, die Hyäne, der Fuchs, der Luchs, Antilopen, Gazellen, Hasen und als gezähmte mehrere Rinderarten, das Schaf, die Ziege, der Esel, der Hund, die Katze, aber weder das Pferd noch das Kamel in denselben uralten Texten erwähnt. An Schlangen und giftigem Gewürm aller Art besaß die ägyptische Erde von damals einen gewaltigen Überfluß, denn nur dadurch erklärt es sich, daß die Pyramidentexte es nichtverschmäht hatten, mitten in das uralte Totenbuch eine ganze Reihe von Beschwörungen einzutragen, welche gegen die Bisse und Stiche des das Leben und die Gesundheit des Menschen bedrohenden Gewürmes gerichtet waren. Die Formeln schließen meist unverständliche Redensarten und Wörter in sich, wie sie nicht bloß in der ältesten Zeit den Zauberern eigen waren, um ein drohendes Übel fern zu halten und in wirksamster Weise abzuwehren.

Und gerade dieser Zauber ist es, der dem ganzen übrigen Inhalt der Pyramidentexte ihren Grundcharakter verleiht. Es macht den Eindruck, als seien die unbekannten Verfasser der kulturhistorisch so merkwürdigen Überlieferungen aus der ältesten geschichtlichen Vergangenheit Ägyptens wahre Hexenmeister gewesen, die nach der Volksmeinung es verstanden, unter priesterlichem Namen ihren Einfluß auf die beängstigten Gemüter der Menge auszuüben und unter dem hellen klaren Lichte der ägyptischen Sonne die Mächte der Finsternis sich ihrem Willen unterthan zu machen. Das „Buch“ der Pyramidentexte ist von diesem Standpunkte aus ein eigentliches Zauberbuch, mit welchem der ägyptische Gottesglaube seinen ersten Einzug in die kaum gegründete älteste Kulturwelt hält. Der ägyptische Staat ist gestiftet, seine Provinzen, deren Hauptstädte sind festgestellt, der König trägt die weiße Krone der Südwelt und die rote der Nordwelt auf seinem Haupte, sein Hof ist von Edlen und Dienern bevölkert, die Bewohner beider Landesteile beugen sich vor seinem Throne und „berühren die Erde zu seinen Füßen mit ihrer Nasenspitze,“ aber seine eigentliche Macht war in der Vorstellung begründet, daß er als Nachkomme und Vertreter des Lichtgottes auf Erden der Oberste aller Zauberer sein müsse, dem selbst nach seinem Tode ein Dasein höherer Art beschieden sei. Über die Fragen nach dem Wo und Wie? sollte das „Buch“ in den Grabkammern der beschriebenen Pyramiden eine unfehlbare Antwort erteilen.


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