Das Paternosterhaus.

Ein altes Zauberland ist dieses Dalmatien. Die Engel, welche die berühmte Kirche von Loretto seinerzeit nach Italien transportirten, hatten es nicht verschmäht auf ihrer luftigen Reise in Dalmatien Halt zu machen und dort die Kirche, bei Tersate, auf einige Jahre zu deponiren. Wer es je versucht hat, ein schweres Möbel oder eine tüchtige Kiste auf den Schultern fortzutragen, wird den Engeln die Rast von Herzen gönnen; auch glaube ich nicht, dass es auf der weiten Welt einen Dienstmann oder Packträger gibt, der ihnen nicht sachverständig beistimmte. Früher schon hatte der heilige Domnius – recte Domnionus und nicht zu verwechseln mit dem officiellen Schutzpatron der Stadt Spalato, Dominius – bis zu seinem seligen Ende und noch über dasselbe hinaus die Zauberei in Dalmatien geübt. Bolandus erzählt die Geschichte und Archidiaconus Thomas ist sein Gewährsmann. Besagter Domnionus war Hofbeamter Maximinian's, des Mitregenten Diocletian's und ein heimlicher Christ. Als solcher ermahnte er die christlichen Märtyrer, die sich damals in Dalmatien befanden,bei ihrem Glauben auszuharren; er selbst aber floh gegen Rom, als es bekannt wurde, dass auch er den neuen Glauben bekenne. Auf der Claudischen Strasse, unweit der Stadt Julia Chrysopolis und an dem Ufer des Flusses Sytirion, holten ihn die Häscher Maximinian's ein, banden ihn mit Stricken und enthaupteten ihn. Da hob er sein abgeschlagenes Haupt auf, ging mit demselben festen Schrittes über den Fluss und legte es am anderen Ufer nieder, wo er auch sammt seinem Haupte begraben worden ist. Den Grund dieses sonderbaren Benehmens weiss weder Archidiaconus Thomas noch Bolandus anzugeben, aber aus dem Ganzen geht hervor, dass nur Maximinian's Häscher selbst das Geschehene weiter erzählt haben können, welcher Umstand immerhin als höchst achtenswerthes Zeugniss für die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gelten mag.

Was während des Mittelalters in puncto Zauberei in Dalmatien geleistet wurde, darüber ist nicht viel bekannt, da aus naheliegenden Gründen sehr wenige geschriebene Chroniken aus jener Zeit existiren. Wer sich aber die Mühe nehmen wollte, heute eine Hexen- oder Zauberchronik über Dalmatien und speciell über die Morlakei zu schreiben, der würde des krankmachenden Unsinns genug finden, um einen recht anständigen Band damit zu füllen. Die Hebamme ist die erste Zauberin, die mit ihren Künsten an das frisch in die Welt gesetzte Kind herantritt. Sie vergisst nie, wenn sie zu einer Wöchnerin gerufen wird, eine »Rose von Jericho« mitzubringen, ein Distelgewächs, welches sie in ein Glas Wasser steckt bis dasselbe, das Wasser aufsaugend, die früher zusammengeballten Wurzeln öffnet. Dann bekommt das Kind einen »Zapis« um den Hals gehängt, den gedruckten oder geschriebenen in Leinwandfetzen und Schafleder eingenähten Zaubersegen, den der Pfarrer oder das nächste Franciscanerkloster liefern muss. Wächst das Kind heran, so ist es die Mutter oder die Grossmutter, deren Hauptaugenmerk darauf gerichtet ist, den Einfluss der Hexen und bösen Geister von demselben abzuhalten. In den Klüften des wild zerrissenen Gebirges, auf den Höhen der felsigen Berge, in Wald und Sumpf, in jeder Ecke einer verfallenen Hütte und in jedem Wasser, das in eiligem Laufe dem Meere zustürzt, stecken die leidigen Hexen. Die »Viscizza« wandelt als altes Weib im Dorfe herum, macht die Kinder krank, behext die Kühe und treibt ihren Unfug, bis sie nicht eine Tracht Schläge erhält oder durch ein Geschenk begütigt wird. Die »Morina« quält die Menschen im Schlafe und benimmt ihnen den Athem. Der »Macich«versteckt sich in den Häusern, poliert in der Stille der Nacht, zerrt an den Kirchenglocken, singt, lacht, weint und verschwindet dann, wenn er seinen Muthwillen gekühlt hat, indem er sich in einen Ochsen, einen Esel, ein Maulthier oder in ein anderes Vieh verwandelt. Die »Vukodlaci« schleichen bei finsterer Nacht in den Dörfern herum, verführen die Weiber, bringen Krankheiten über Menschen und Vieh und nehmen, wenn verfolgt, die Gestalt von Verstorbenen an. Die »Vile« entführen Knaben und Mädchen, um sie an ihren nächtlichen Reigen theilnehmen zu lassen. Sie verlieben sich auch in Pferde, welche dann weder Sattel noch Reiter dulden, ausser – man hängt ihnen einen Zapis um den Hals. Oel im Hause verschütten, bedeutet den baldigen Tod eines Familien-Mitgliedes; ein umgestossenes Salzfass bringt Krankheit in die Familie; ein Hund, der vor dem Hause heult, bedeutet Unglück.

Gegen Alles das, gegen Tod und Weiberverführung, gegen Viehseuche und den bösen Blick der Hexen, gegen Krankheit und Ungemach aller Art, das durch Zauberkünste heraufbeschworen wurde, gibt es zwei untrügliche Mittel: den Zapis und – den Zaubersegen des Priesters. Ja, der eigentliche und rechte Anti-Zauberer ist der Pfarrer. Dieser muss den Zapis schreiben, wenn er ihn gedruckt nicht vorräthig hält, muss die Würmer und Raupen verfluchen, muss die Heuschrecken vertreiben, Krankheiten bei Menschen und Vieh heilen und nöthigenfalls auch das Wetter machen. Wie er das Alles anstellt, das ist seine Sache. In neuester Zeit haben die Bischöfe angefangen den zaubernden Pfarrern ein wenig auf die Finger zu sehen und wohl auch auf die Finger zu klopfen, aber gerade nur so viel, als zur Erhaltung des bischöflichen Decorums nothwendig ist. Mein Gott! Der Morlake ist nun einmal auf den verdammten Zauber versessen und der Pfarrer will leben – sieht der Bischof aber nicht ein wenig durch die Finger, so holt der Teufel den Zauber und des Pfarrers Lebensunterhalt dazu.

Willst Du, lieber Leser, einen solchen Zauberer in seiner Höhle besuchen? Komm' mit mir!

Der altehrwürdige Palast des Römerkaisers Diocletian spiegelt sich heute noch stumm und altersgrau in den blaugekräuselten Wellen des schönen Hafens von Spalato. Die Quadermauern des Palastes stehen heute, nach anderthalb Jahrtausenden, noch fest und stämmig, die Granit- und Marmorsäulen ragen heute noch ungebrochen, und die kühnen Wölbungender gedeckten Gänge, die zu dem Atrium des alten jetzt als Domkirche dienenden Jupitertempels führen, tragen auf ihren wuchtigen Schultern heute noch die Häuser, welche, zwischen Marmorsäulen und Quadermauern hineingebaut, die Stadt Spalato bilden. Rings um die Stadt dehnen sich im weiten Halbkreise die Vorstädte, selbst wieder von felsigen Meeresbuchten und üppigen Pflanzungen umzogen, in denen die Traube zwischen Feigenbäumen reift und Oelbäume ihre fahlen ernsten Schatten werfen. Weiter hinaus schliessen nackte, hochaufstrebende, felszerklüftete Berge den Horizont und über dem Ganzen ruht der tiefblaue Himmel, fluthet die feuchtwarme Meeresluft, zittern die heissen, gelbleuchtenden Strahlen der dalmatinischen Sonne.

Durch die Porta Aurea, das goldene Thor des alten Palastes, hinaus führt uns der Weg, vorbei vor den Ruinen der Festungsmauern, über denen noch immer der venezianische Löwe mit halberhobenen Flügeln in lächerlicher Faulheit thront. Die staubige Strasse dreht sich gegen Nordost, immer von den Ruinen der Festungsmauern links und von den in morlakischer Weise gebauten Häusern rechts begleitet. Jetzt treten wir auf einen freieren Platz. Eine kleine Kirche und ein grosses Kloster zeigen ihre nackten, ungeschlachten Mauern. Es ist das Franciscanerkloster, aus dem so viele »Zapis« hinausflattern unter die Vorstadtbewohner und in die Morlakei. Ein Brunnen steht da, von wasserholenden Mägden umlagert, der einzige Brunnen in Spalato, dessen süsses Wasser beinahe durch das ganze Jahr nicht versiegt. Darum heisst der Brunnen Pozzobuon, das Kloster und die Kirche heissen Pozzobuon und die ganze Vorstadt, durch welche wir schreiten, heisst Pozzobuon – zu Deutsch: Guter Brunnen. Auch die Franciscaner im Kloster heissen »Frati di Pozzobuon« und die Zapis, die sie verkaufen, kennt man unter dem Namen der Zapis von Pozzobuon. Alles Pozzobuon. Schräge hinüber vom Kloster ist ein grosses in die Erde gegrabenes Bassin. Es ist mit Quadern ausgemauert, die vor dreissig Jahren aus Salona hieher geführt worden sind. Um das Bassin herum stehen altrömische Sarkophage, halb in die Erde versenkt. Auch diese sind aus Salona.

In dem Bassin schwappt ein dicktrübes Brakwasser von einer Schicht grüner Sumpfpflanzen überdeckt, das auf weit und breit die Luft mit ekelhaftem Gestanke verpestet. Milliarden von Mücken schweben über demselben. Aus dem Bassin wird das Sumpfwasser mit hölzernen Kübeln in die halb vergrabenen Sarkophage geschöpft, um die Eseln, Pferdeund Schweine zu tränken, die zu diesem Behufe Abends herbeigetrieben werden. In der Nacht zieht sich dann wieder die grüne Decke über den Stellen zusammen, an denen die Kübel eingetaucht wurden, und des Morgens gleicht die Wasserfläche wieder einem schmutziggrünen Anger.

Vorbei. Der Weg dreht sich abermals nach rechts, die in morlakischer Weise gebauten Häuschen werden seltener, die Düngerhaufen und Kohlgärten um dieselben häufiger und grösser. Links ein grosser Anger, von der Garnison Spalatos »die Flegelwiese« benannt, weil er als Exercirplatz dient – die italienisch sprechenden Spalatiner nennen ihn höflicher »il Campo Marzo«, das Marsfeld. Rechts beginnen die Weingärten. Dunkelblaue, mächtiggrosse Trauben verhüllen in ihrer strotzenden Fülle die wenigen halbvertrockneten Blätter der Reben. Alte Feigenbäume senken ihre schwerbeladenen Aeste zu Boden. Hochaufgeschossener Mais zeitigt seine dicken Kolben und spielt mit seinen schöngeschnittenen Blättern in dem leisen Hauche des Abendwindes. Granatapfelbäume säumen den staubigen Weg – aus ihrem saftigen Grün heraus leuchten die feurigrothen Früchte. Wo ein Stückchen Erde sich zeigt, schiessen wilde Schlingpflanzen heraus und ringeln sich Schlangen gleich um Wein und Feigen, Oelbäume und Granatäpfel. Die Luft ist heiss und feucht. Da gedeiht Alles – auch Zauberer.

Durch das dunkle Grün der üppigen Cultur schimmern die schneeweissen Mauern eines ebenerdigen Hauses. Die mit weissen Vorhängen versehenen Fenster blinken rein und behäbig auf die Strasse. In die Mauern sind Bruchstücke antiker Reliefs eingefügt, und altrömische Inschriften, im Laufe vieler Jahrhunderte halb verwischt, sagen uns, dass »hier« die vielgeliebte Gattin des Titus Sempronius oder sonst eines Patriciers des alten Salona ruhe. Nebenan besagt eine Votivtafel, dass ein glücklicher Bräutigam dieselbe der Venus victrix – der siegreichen Venus gewidmet. Warum? Unbekannt. An der Gartenthüre, durch die man in das Haus gelangt, prangen schlanke Marmorsäulen, von denen die eine nicht zur anderen passt, und vor uns öffnet sich die Thüre – – zu des Zauberers Höhle.

Da steht er selbst. Ein dickes spanisches Rohr mit einem mächtigen Messingknopf stemmt sich auf den Boden, als ob es da Wurzel fassen sollte. Eine fleischige Faust mit wulstigen kurzen Fingern umklammert das Rohr. Der lange und enge Aermel, in dem die Faust halb versteckt, gehört zu einem dunklen, aus grobem Tuche gefertigten Rock, der weit herabfallend ein Paar unmässig grosser Kanonenstiefel theilweise verhüllt.Für die fette und breite Brust, die auch aus Salona zu stammen und einem römischen Gladiator zu gehören scheint, ist der Rock offenbar zu enge. Dafür stützt der hohe Kragen zwei kolossale, wie aus Marmor gehauene Ohren sowie das doppelte Kinn und ein unmässig breites Gesicht, dessen kleine Augen unter den buschigen Augenbrauen mit listiger Schärfe hervorblitzen. Der halbgeöffnete Mund erinnert an die Oeffnung eines Klingenbeutels. Auf dem Kopfe aber sitzt ehrfurchtsgebietend das Abzeichen des dalmatinischen Pfarrers, der schwarze, dreifach gestülpte Schäferhut. Das ist Don Malachia, der Zauberer von Spalato, und das Haus –seinHaus – vor dessen Eingang er steht, ist das Paternosterhaus.

Wie er Pfarrer und Zauberer geworden? Das ist bald erzählt. In die Schule ist ernichtgegangen. Er hat seine Lehrzeit bei einem morlakischen Landpfarrer durchgemacht, der ihn in die Geheimnisse des Schreibens und Lesens eingeweiht und, als er das konnte, ihm auch das Messelesen beigebracht. Dann hatte er die Weihen erhalten und war Priester geworden. Und da er jetzt slavisch schreiben und lesen, nebstbei auch die Messe celebriren konnte – da er die Tonsur auf dem Kopfe und über derselben den dreifach gestülpten Hut trug, so war der morlakische Pfarrer fertig und er ward irgendwo im Gebirge installirt, auf Stunden im Umkreise allein mit der ihm anvertrauten Heerde. So ist er Pfarrer geworden. Was aber das Zaubern betrifft, so hat er es eigentlich von Niemanden gelernt. In dieser Beziehung ist er Autodidakt. Das Gebahren mit den »Zapis« hat er allerdings seinen Amtsbrüdern abgelauscht. Diese – die Zapis – kann man in Spalato bogenweise gedruckt kaufen und er brauchte nur eine Papierscheere, um die einzelnen Zapis abzulösen und sie den Morlaken als unfehlbares Mittel gegen alles mögliche und unmögliche Ungemach zu verkaufen. Das gab ihm die Sauce zum Braten. Um aber den Braten selbst sich zu verschaffen, dazu erfand er sich einen eigenen Sport. Sehr einfach. Nur das Vaterunser.

Ja – das fromme schlichte Gebet, das seit anderthalb Jahrtausenden in schwerer Trübsal, in Noth und Bedrängniss von Millionen und Millionen hinaufgesendet wird zum Schöpfer des Himmels und der Erde – das Gebet, das die Mutter dem Kinde lehrt, wenn es kaum zu stammeln beginnt – das Gebet, das in dem ernsten und feierlichen Momente, in welchem der Geist des Vaters, der Mutter, sich losringt von diesem Erdenungemach, schluchzend von der knienden Kinderschaar als letzter Gruss dem Scheidenden mitgegeben wird – das Gebet, das die Herzen rührt underschüttert seit jener fernen Zeit, in welcher der schöne Christenglauben seinen stillen, siegreichen Einzug gehalten in die Welt – das Vaterunser – ist der Sport des Don Malachia.

Er selber glaubt nicht daran. Hätte die Bitte, »sondern erlöse uns von dem Uebel« je Wirkung gehabt, so wäre Don Malachia nicht mehr möglich. So aber erfreut er sich des prächtigsten vierschrötigen Wohlseins und betreibt seinen Sport wie früher. Um zehn Kreuzer betet er ein Vaterunser. Das wirkt oder soll doch wirken. Was immer der Morlake wünschen mag, Gutes für sich, Schlimmes für den Nachbar, Regen, Wind, Trockenheit, Genesung von Krankheiten, Vermehrung seines Viehstandes, Fruchtbarkeit seines Weibes – für Alles das betet Don Malachia ein Vaterunser um zehn Kreuzer.

Früher hatte er, was die Fruchtbarkeit der Weiber anbelangt, ein anderes Zaubermittel in Anwendung gebracht, und zwar mit dem besten Erfolge. Die Morlaken zahlten auch dafür. Aber der Bischof, dem man sehr viel davon zu erzählen wusste, wollte dessen Anwendung nicht mehr leiden, umsoweniger, als durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen Don Malachia statt des erhofften Geldes oder der Victualien von den Morlaken manchmal für seine Zaubermittel Prügel erhalten hatte. Auch erschiessen wollten sie ihn zuweilen. Darunter aber leidet die Standesehre und desswegen wurde er seines Postens als Pfarrer entsetzt und privatisirte fortan in Spalato. Jetzt betreibt er nur mehr den Vaterunser-Sport. Wie viel Vaterunser ein normal organisirter Mensch im Laufe eines Tages herunterzusagen vermag, ist bis heute wohl noch nicht berechnet worden. Es müssen aber viele sein, denn mit den Vaterunsern, oder, besser gesagt, mit der Bezahlung von zehn Kreuzern für jedes Vaterunser unterhält Don Malachia sich selbst in seiner vierschrötigen Wohlbeleibtheit, seine ziemlich zahlreiche Familie und – mit diesem Gelde hat er sich das hübsche Häuschen erbaut, das so weiss und freundlich durch die blühende Wildniss schimmert. Das Volk kennt die erzählten Umstände ganz genau, lässt aber immer wieder seine Vaterunser um zehn Kreuzer per Stück durch Don Malachia beten. Der Bischof weiss es auch, aber Vaterunserbeten ist nichts Unrechtes – und so lässt sich wenig dagegen einwenden. Im Volksmund aber heisst das Haus: »Kuća od Otčenašah« – das Paternosterhaus.

»Sondern erlöse uns von dem Uebel! Amen.«


Back to IndexNext