Jacuve Ciciola und seine Liebe.

Jacuve heisst Jacob – Ciciola ist ein Spitzname und heisst gar nichts, – welches Wesen aber so glücklich war, die Liebe des Jacuve Ciciola zu erringen, das will ich lieber erst am Ende dieser meiner armen Zeilen erzählen, weil es immer gut ist, sich für alle Fälle zu decken und dafür zu sorgen, dass dergleichen Dinge auch bis zu Ende gelesen werden.

Vielleicht war ich nicht ganz exact, als ich dem Namen meines Helden eine negative Bedeutung zusprach. »Ciciare« ist ein Wort, das zwar meines Wissens in keinem Wörterbuche zu finden ist, dafür aber im Dialekte der untersten Venezianer-Volksclassen »saugen« bedeutet, ganz entsprechend dem wunderbar schönen Wiener Ausdrucke »zuzeln«. Gibt man aber die Richtigkeit dieser etymologischen Abstammung zu, so ist auch damit die logische Berechtigung anerkannt, meinen Helden eben Ciciola und nicht anders zu nennen, denn der Herr, der diesen äusserst romantisch klingenden Namen trägt, hat die ebenso angenehme als nützliche Gewohnheit, zwei oder drei junge Zwiebelpflanzen von der Art, die man in Italien und Dalmatien Scalogna, in deutschen Landen aber Schalotte nennt, in der Hand zu halten und mit sichtbarem Behagen daran zu saugen.

Jacuve Ciciola.

Jacuve Ciciola.

Ausser den eben erwähnten hat Jacuve Ciciola keine besonders luxuriösen Gewohnheiten. Ein Paar alte Schuhe,keineStrümpfe, blaue, zerrissenetürkische Pumphosen, ein Hemd und ein langer brauner Mantel, der an den Lenden durch einen Strick zusammengefasst ist, bilden seine Bekleidung; auf dem kraushaarigen, dicken Kopfe trägt er eine rothe morlakische Mütze, und in einem Loche, das er in die linke Brustseite des Mantels eigens gerissen, steckt ein kurzer Tschibuk. Er schläft, wo er kann, er isst, was man ihm schenkt, und trinkt Wasser, wann und wo er es findet.

Mit dem Wasser hapert's manchesmal im Sommer; denn Spalato, die Vater- und Residenzstadt Jacuve Ciciola's, besass wohl vor dreizehnhundert Jahren eine prachtvolle aus Quadern gebaute Wasserleitung, welche das frische Quellwasser eine Stunde weit aus Salona nach Spalato führte, aber diese liegt heutzutage in Trümmern. Heute hat man in Spalato nur Regenwasser aus Cisternen; versiegt dieses aber im Hochsommer, was beinahe jedes Jahr der Fall ist, dann müssen die Spalatiner wieder zu dem frischen Quellwasser in Salona greifen, nur läuft dasselbe heute nicht mehr von selbst nach Spalato, sondern es wird in Fässern dahin getragen – auf Eseln.

Man kann nicht sagen, dass Spalato von der Natur stiefmütterlich behandelt sei. Im Sommer hat man dort zu essen und im Winter – wenn es regnet – zu trinken. Unangenehm bleibt es aber, dass, je nach der Jahreszeit, die gleichzeitige Befriedigung beider Bedürfnisse mit Schwierigkeiten verbunden ist, wenigstens für die arme Classe, und Jacuve Ciciola gehört nicht zu den Reichen.

Nur drei Stunden von Spalato entfernt liegt der District Poglizza, noch unter der Herrschaft der Venezianer ein reiches blühendes Stück Landes, das feines Obst und Tabak in solcher Menge und solcher Güte erzeugte, dass die Poglizzaner ein berittenes Corps von dreihundert Reitern auf eigene Kosten ausrüsten und erhalten konnten, wenn die erlauchte Republik Krieg führte. Und die erlauchte Republik führte ziemlich oft Krieg. Heute dürfen die Poglizzaner keinen Tabak mehr bauen, darum können sie auch keinen verkaufen und darum sind sie auch mit ihrer Obstcultur, mit Respect zu sagen, auf den Hund gekommen. Weil aber in den Ritzen und Schluchten des glühenden gelben Gesteins, aus welchem der Boden der Poglizza besteht, wohl Tabak und Obst, aber kein Getreide gedeiht, so haben sie in der Poglizza überhaupt nichts oder beinahe nichts zu essen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht aus Maisbrod und wildwachsenden Kräutern, die sie mit etwas Essig geniessbar machen. War das vergangene Jahr ein schlechtes – und das Jahr kommt, Gottsei's geklagt, oft vor – so mischen sie das Mehl mit gestampfter Baumrinde und backen Brod daraus. Gegen Ende des Winters, wenn das Mehl alle geworden und nur mehr die Baumrinde übrig geblieben, dann ziehen sie einzeln und zu Haufen nach Spalato und betteln. Gelbe pergamentartige Gesichter, schlotternde Gestalten, in Fetzen gehüllt, auf dem Kopfe ein rothes Käppchen und an den Füssen Sandalen aus ungegärbtem Leder, den Bettelstab in der Hand, so schwanken sie in der Winterkälte durch Spalatos Strassen und strecken die zitternden Hände aus mit dem stereotypen »bog vam da« – »Gott vergelt's!«

Vielbesser ist eben Jacuve Ciciola auch nicht d'ran, aber er erspart wenigstens den weiten Weg von der Poglizza bis nach Spalato. Und dann bat er auch seine gewissen und regelmässigen Einkünfte, die ihn immerhin vor allzu grossem Elende bewahren. Da stehen zum Beispiel hinter dem Platze, der den volltönenden Titel »Herrenplatz« – Piazza Signori – führt, gewisse alte, halbzerfallene Häuser. In Spalato ist eben Alles alt und die meisten Häuser zeigen eine bedenkliche Neigung, ihr ehrwürdiges Alter durch eine gewisse Hinfälligkeit zu manifestiren. Um eine bestimmte Stunde werden da aus bestimmten Fenstern die Ueberreste der Mahlzeit, die allerdings gewöhnlichen Menschen nicht mehr recht geniessbar erscheinen wollen, einfach auf die Strasse geworfen. Das weiss der Jacuve Ciciola und findet sich regelmässig ein, um das in Empfang zu nehmen, was er als eine ihm mit Recht gebührende Abgabe betrachtet. Hunde, die ihm die Beute streitig machen wollen, verjagt er. Auch kennen ihn dieselben schon und sehen nur aus gehöriger Entfernung mit lüsternen Augen zu, wie der Jacuve Ciciola speist. Offenbar thun sie es in der Erwartung, dass er doch vielleicht etwas übrig lassen könnte, aber diese Erwartung wird oft getäuscht, denn Jacuve Ciciola hat die Kinnbacken eines Esels und das weisse funkelnde Gebiss eines Raubthieres. Den Appetit hat er von beiden. Und so muss ein Bein schonsehrhart sein, wenn Jacuve Ciciola es nicht sollte zermalmen können. Zudem ist Jacuve Ciciola von riesiger Stärke und wäre im Stande, den Hund ohneweiters zu zerreissen, der es wagen würde, mit ihm anzubinden. Das wissen die Hunde.

Das Bedürfniss, Kaffee zu trinken, hat Jacuve Ciciola ebenfalls nicht, und ich bezweifle, dass er überhaupt je diesen Trank verkostet, hingegen ist er ein grosser Freund des Tabaks und weiss sich ihn auch billig zuverschaffen. Wenn er gespeist hat, sind auch so ziemlich alle anderen Leute mit dem Mittagmahle fertig und vor dem auf der Piazza Signori befindlichen Kaffeehause Troccoli sitzen die Officiere der Garnison, die in Spalato ihren Standort hat. Dorthin schleicht Jacuve Ciciola und glotzt so lange die Officiere an, bis sie ihm ein paar Finger voll Tabak oder ein Stückchen Cigarre gereicht. Dann zieht er den kurzen Tschibuk, der wie ein toll gewordener Orden auf seiner linken Brust prangt, aus dem Loche, in dem er gesteckt, und fängt an zu rauchen. Wohin er jetzt geht? Natürlich zum Meere, und zwar gerade an jenen Punkt des Quais, der zum Landungsplatze der anlegenden Dampfer bestimmt ist. Dort sitzt er stundenlang, mit den Füssen über die Quaimauer hinabbaumelnd und mit den Wellen sprechend, die unter ihm an das Gestein klatschen. Ist der Tabak zu Ende, so zieht er aus irgend einer verborgenen Tasche seines braunen Mantels einige Zwiebel hervor und saugt daran, bis der Abend gekommen – darum heisst er eben Ciciola. Ueberkommt ihn dann der Schlaf, so zieht er sich aus der grossartigen Einsamkeit seines Observatoriums zurück und geht zu Bette.

Zu Bette. – Längs des Hafens von Spalato zieht sich eine schöne, breite Strasse, die gegen Westen durch die Gebäude des Zollamtes und der Finanzdirection, im Osten durch einen Complex neu erbauter Häuser begrenzt wird, in deren Rücken der Monte Margliano sich im Meere spiegelt. Diese Häuser, welche der Arkaden wegen, mit denen sie versehen sind, den Namen »procuratie nuove« führen, beherbergen unter Andern ein Gasthaus, dessen Küche sich im Souterrain befindet. Auf dem Boden der Vorhalle ist ein horizontales Eisengitter angebracht, durch welches die heissen Dünste der Küche hinausströmen. Dieses Gitter ist Jacuve Ciciola's Winterbett. Dort schläft er. Trotz seiner sonstigen Gutmüthigkeit gibt er es aber nicht zu, dass einer der armen, vor Kälte zitternden Morlaken, die des Bettelns wegen aus der Poglizza nach Spalato gekommen, sein Lager theile. Es würden deren zu Viele kommen und dann hätte er selbst nicht mehr Platz. Darum verjagt er sie, sobald sie sich blicken lassen.

Im Sommer, da ist es anders und weit besser für Jacuve Ciciola und die bettelnden Morlaken aus der Poglizza. Vor Allem hungern von den Letzteren nicht mehr so Viele. Denn zu Ende des Winters oder im Frühjahre, wenn sie absolut nichts mehr zu essen haben und in Spalatoauch nichts mehr erbetteln können, da hält gewöhnlich der Hungertyphus seinen glorreichen Einzug in den District Poglizza, und wer den einmal gehabt, der hungert selten mehr. Dann wächst auch in den Schluchten und Klüften allerhand Kraut, das sie als Speise benützen, und schliesslich finden sie doch eine oder die andere Arbeit, so dass die Uebriggebliebenen dem Hunger und der Baumrinde des nächsten Winters mit ruhigerem Gemüthe entgegensehen können.

Jacuve Ciciola ist dann in seinem Element. Mit dem Sommer kommt allerhand Obst und Gemüse auf den Markt und er waltet dann seines selbstgewählten Amtes als eine Art Aasgeier. Angefaulte Rüben, weggeworfene Melonenschalen und dergleichen Dinge bilden dann eine angenehme und nahrhafte Zukost zu dem Futter, das man ihm aus dem Fenster zuschüttet. Er schläft nicht mehr auf dem Gitter der Wirthshausküche, von wo mit der wohlthuenden Wärme ihm auch der sättigende Geruch der Speisen zuströmte – jetzt gehört Spalato ihm, und keinen Winkel des alten Kaiserpalastes gibt es, wo er nicht, wenn es ihm beliebt, sein Nachtquartier aufschlagen könnte. Die Siesta aber, die hält er jetzt täglich versunken in dem Anblick – seiner Liebe. Ja. Da wäre ich glücklich bei dem zarten Gegenstand angekommen, den ich gleich Anfangs erwähnt, und bin bereit, mein Wort zu lösen.

Als der alte Kaiser und Christenverfolger Diocletian sich den prachtvollen marmorstrotzenden Palast erbaute, in dessen Mauern hinein später die Häuser der Stadt Spalato genistet wurden, da liess er es sich wohl kaum träumen, dass gerade die ihm so verhasste Secte der Christen durch ihren Religionscultus den prachtvollen Jupitertempel erhalten werde, der das Atrium seines Palastes schmückte. Während allenthalben die Prachtbauten der alten römischen Kaiser nur in mehr oder weniger gut erhaltenen Bruchstücken noch Zeugniss geben von dem Kunstsinne ihres Erbauers, steht heute noch der Jupitertempel Diocletian's in seiner vollen ehrfurchtgebietenden Schönheit, er heisst heute die Domkirche, und das Atrium ist zur »piazza del duomo« geworden.

Seit fünfzehn Jahrhunderten ragen die mächtigen Säulen aus egyptischem Granit und tragen den weissmarmornen Sims und die schön gewölbte Kuppel, die seinerzeit auf Diocletian herabgesehen, als er dem »Vater der Götter und Menschen« sein Opfer darbrachte. Seit fünfzehn Jahrhunderten prangen noch immer unversehrt die in weissem Marmor ausgeführtenJagdscenen, die, als Fries um die Kuppel laufend, die keusche Göttin zeigen, wie sie mit der Lanze in der Hand und von dem Trosse der leichtgeschürzten Gespielinnen gefolgt, hinter dem erschreckten Wilde einherstürmt. Und am Fusse der breiten Treppe, die von dem Atrium zum Tempel führt, liegt heute noch auf steinernem Sockel wie vor fünfzehn Jahrhunderten die mächtige aus egyptischem Granit gehauene Sphinx, den schönen Leib in prächtigen Formen hingegossen, mit dem schönen Frauenantlitz und den geheimnissvoll starrenden Augen. Was im Laufe der fünfzehn Jahrhunderte an ihr vorübergeglitten, das scheint in diesem stummen Antlitz und in den unergründlichen Augen verborgen zu ruhen, bis sie es vielleicht einmal später kommenden Geschlechtern erzählt. Für jetzt aber spricht sie nicht und ihre Hände – schöne menschliche Hände – ruhen fest gekreuzt unter dem strebenden Busen. Vielleicht erzählt sie dann einmal, nach abermals fünfzehnhundert Jahren, auch von dem Elende, das sie gesehen, und von den schlotternden bettelnden Morlaken, die Brod aus Baumrinde assen!

Ob Jacuve Ciciola sich wohl etwas Aehnliches denken mag, wenn er auf dem gegenüberliegenden Sockel sich in den Schatten legt, den Leib gestreckt wie die Sphinx und die Augen fest auf das schöne zweitausendjährige Bild gerichtet? Das istseinGeheimniss. Das aber ist sicher, dass er stundenlang auf den Quadern liegen kann, um die Sphinx anzustarren, während er an seiner Scalogna saugt, und dass manchmal etwas wie Rührung aus seinen Glotzaugen blitzt, wenn er sie anblickt – denn die Sphinx ist Jacuve Ciciola's Liebe.


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