Die streitbaren Bocchesen.

Der heilige Tryphon ist ein grosser Heiliger, war aber auch ein wehrhafter und tüchtiger Mann: er hat seinerzeit dem Teufel den Schwanz ausgerissen.

Jedenfalls steht es fest, dass man die sonderbarsten Heiligen der Welt in Dalmatien findet. Nicht in dem Sinne, in welchem man gewöhnlich den Ausdruck »sonderbarer Heiliger« gebraucht, sondern weil es in Dalmatien Heilige gibt, deren Namen kein Mensch kennt, der nicht die neununddreissig Quartbände der Bolandisten durchgelesen, oder Dalmatien seine Heimat nennt. Ein in ganz Dalmatien hochverehrter Heiliger ist der heilige Dojmo: ausser Dalmatien unbekannt – der Specialschutzheilige der Stadt und des Gebietes Cattaro ist der heilige Tryphon – nicht einmal in ganz Dalmatien, geschweige denn über dasselbe hinaus bekannt.

Wenn man die lange eintönige Kette hoher, grösstentheils schroff aufsteigender und unbewaldeter Berge vorüberfährt, welche das unter dem Namen Bocca di Cattaro bekannte Gewirr von Buchten, Meerengen und Canälen zu beiden Seiten begleiten, so findet das Auge gleichwohl schöne, grünschimmernde Ruhepunkte. An beiden Ufern schwingen sich in den kleinen Raum, der zwischen dem Fusse der mächtigen Berge und dem Meeresufer frei geblieben, anmuthige Ortschaften mit netten weissglänzenden Gebäuden; dazwischen sind Gärtchen zerstreut, rings herum ein Anflug von Grün auf dem Bergesabhang oder gar eine schöne üppige Vegetation, wie bei Castelnuovo. Die Häuser stehen meistens hart am Meere, deren Eigenthümer sind Schiffscapitäne, die gar oft mit dem eigenen Schiffe bis vor ihr Hausthor fahren und, von weiter Fahrt heimkehrend, nur einen Sprung vom Verdecke auf das Land zu machen brauchen, um Weib und Kinder zu umarmen.

In dem gegen Süden laufenden eigentlichen Canal von Cattaro ist das am östlichen Ufer liegende Dobrota der letzte Ort, der den erwähnten anmuthigen Eindruck macht. Dann erweitert sich der Canal zu einer Bucht, die keine weitere Ausfahrt bietet. Die Berge werden höher und schroffer, sie fallen so jäh ab, dass man jeden Augenblick fürchten möchte, einer der mächtigen Felsblöcke werde herabkollern und im Niedersturze ein Häuschen begraben, das am Meeresufer steht, oder ein im Canal hinauffahrendes Schiff zerschmettern. Die Farbe des Gesteins wird schwarzgrau, tiefe Schatten breiten sich über die Bucht, in welcher des Winters erst zwei Stunden vor Mittag die Sonne aufgeht; riesige Felskuppen spiegeln sich in der dunklen Fluth – es sind die Spitzen der berühmten schwarzen Berge – montenegrinisches Gebiet. Am Ende dieser unheimlich düstern Bucht liegt eine kleine Masse von dunklen alterthümlichen Häusern, von alten Festungsmauern umgeben, von einem auf vorspringender Kuppe des Felsens erbauten Fort überragt – es ist Cattaro.

Düster wie das Meer und die dasselbe umrahmenden Berge ist die Stadt – düster die alten aus Quadern erbauten Häuser – düster die alterthümlichen, vielfach von Erdbeben beschädigten Kirchen – düster die Menschen, die hier wohnen. Und so mag es denn auch nicht Wunder nehmen, wenn sich die Cattareser einen so düstern Heiligen zum Schutzpatron erkoren haben, wie es der heilige Tryphon ist, den in der ganzen übrigen Welt Niemand kennt, und der dem Teufel den Schwanz ausgerissen hat.

In der uralten Domkirche, die um das Jahr 900 erbaut wurde, und deren ganze mächtige Wölbung auf vier Granit- und Marmorsäulen ruht, zeigt ein ober dem Hochaltar angebrachtes Marmorfries die Thaten des Kirchen- und Schutzpatrons. Der heilige Tryphon war nach der Legende ein Mensch, der, zu Kampsade bei Apamea in Phrygien geboren, schon seit seiner frühesten Jugend sich mit Teufelaustreiben beschäftigte und diese Beschäftigung auch nicht aufgab, bis er unter dem Kaiser Philippus von dem Präfecten Aquilinus gemartert und schliesslich geköpft wurde. In der Schatzkammer der Domkirche sind sehr schöne Marmorsculpturen, welche des Heiligen Martern darstellen; der erwähnte Fries ober dem Hochaltar aber zeigt die Wunder des Heiligen, die er an verschiedenen Besessenen durch Austreibung böser Geister geübt hat – schliesslich flieht ein entsetzlich aussehender Teufel mit Fledermausflügeln und Krallen, während Tryphon ihm eben den Schweif ausreisst.

Ein so tapferer Mann konnte und musste den kriegerischen Bocchesen als der richtige Heilige erscheinen. Als daher die Venezianer im Jahre 809 seinen Körper nach Cattaro brachten, war das Volk hocherfreut darüber, erbaute ihm zu Ehren die Kirche und begab sich unter sein Protectorat. Was aber die pfiffigen Venezianer als Gegenleistung dafür verlangten, dass sie den heiligen Körper von Nicäa auf einem eigenen Schiffe hieher geführt, das weiss man heute nicht mehr – wenigstens konnte ich es ebensowenig in Erfahrung bringen als den Grund, aus welchem hier Jedermann mit einem kleinen Arsenal von Waffen im Gürtel herumgeht.

Nicht weniger wehrhaft als die Männer scheinen die Boccheser Frauen zu sein.

An dem Canale von Cattaro, kaum eine halbe Stunde von dieser Stadt entfernt, liegt Dobrota, ein grosser, hübscher Ort, grösser und viel schöner als Cattaro selbst. Jedes Gebäude dieses Orts bildet für sich eine kleine Festung, ist von den Nachbarhäusern durch einen Garten und tüchtige mit Schiessscharten versehenen Mauern abgesondert. Die Eingänge zu diesen Häusern sind gewölbt, die Thüren von massivem Holz und mit Eisen beschlagen. Neben jeder Hausthüre sind wieder zwei Schiessscharten und unter jedem Fenster sind durch die Mauer zwei Löcher von beiläufig zwei Zoll im Durchmesser gebohrt. Ich konnte lange nicht mit mir in's Reine kommen, welchen Zweck diese ungefähr einen Fuss ober dem Fussboden des Zimmers angebrachten und schräg nach abwärts durch die Mauer laufenden dünnen Canäle haben sollten. Da brachte mir ein günstiges Geschick angenehme Gesellschaft und die gewünschte Erklärung. Beides zugleich.

Wo die Natur so arm und die Umgebung so wild ist, da kann auch der Charakter der Bewohner nicht anders als düster sein. Das ist auch in der BoccadiCattaro der Fall. Die heitere Beweglichkeit, die hellen Farben in der Kleidung, das laute, lärmende, öffentliche Leben, Dinge, die allerwärts den Süden so schön und seine Bewohner so anmuthig erscheinen lassen, sie fehlen in der Bocca gänzlich. Der richtige Bocchese ist entweder zur See oder er hat sich auf seinen Seereisen ein Stück Geld erworben und heimgebracht; dann geht er in dunkler, halb städtischer, halb slavisch nationaler Kleidung, mit dem langen Tschibuk in der Hand, gemessenen Schrittes durch die Strassen, sitzt mit seinen Genossen plaudernd in irgend einem der kleinen Kaffeehäuser oder späht auf der Marinaunter den ankernden Küstenfahrern herum, ob sich nicht in irgend einer Weise ein vortheilhaftes Geschäft, irgend ein Handel machen lasse. Sein Weib und seine Tochter aber, die bleiben unter allen Umständen zu Hause, – es wäre eine Schande, wenn sie sich auf der Strasse sehen und von fremden Männern ansehen liessen, eine Schande für den Herrn des Hauses, für die Weiber, für die Familie. Man ist hier an der Grenze des Orients.

Zwischen dem Bewohner der Stadt und dem sogenannten Bauer gibt es in dieser Beziehung wenig oder keinen Unterschied. Beide tragen dieselbe finstere Würde zur Schau, wenn sie sich auf der Gasse zeigen, – beide halten die Arbeit für unvereinbar mit der Würde eines freigebornen Mannes. »Die Arbeit ist für die Sclaven«, das ist ihr Losungswort. Leider gibt es in der Bocca di Cattaro keine Sclaven mehr und so bleibt die Arbeit eben liegen. Es geht auch ohne dem.

Ich hatte in Cattaro die Bekanntschaft eines jungen Schiffscapitäns gemacht. Der Mann war, so jung er schien, weit herumgekommen in der Welt und hatte vieles von der trockenen und rauhen Aussenseite abgeschliffen, die seinen Landsleuten sonst in so hohem Grade eigen ist. Ja, – selbst über gewisse Vorurtheile vermochte er sich hinauszusetzen, denn er sprach mir von seiner Schwester, einem jungen Mädchen, das nach dem Tode der Aeltern im Hause die Wirthschaft führte. Er sprach von ihr ohne früher um Entschuldigung zu bitten, als ob er von einem unreinen oder ekelhaften Gegenstande gesprochen hätte, und lud mich sogar ein ihn in seinem Hauswesen zu besuchen. Er wohne in Dobrota, eine halbe Stunde von hier entfernt, und wenn ich wolle, sei er bereit mich hinauszuführen. Ich willigte ein.

Die Sonne warf eben ihre letzten Strahlen wie flüssiges Gold über die Kuppen der hohen Berge und der breite Canal kleidete sich in schwarzblaue Tinten. Kleine Fischerboote fuhren bei kaum merkbarem Winde hin über die dunkle Fläche und eine tiefe Frühlingsabendstille senkte sich über die schwarzen Berge und die tiefdunkle See.

Diese feierliche Stille wurde kaum unterbrochen, als wir nach kurzem Gange nach Dobrota kamen. Dobrota ist nur von Schiffscapitänen bevölkert. Folge davon ist, dass man in ganz Dobrota kaum eines erwachsenen Mannes ansichtig wird. Früher erlernten die Dobrotaner die Führung eines Schiffes nur practisch und konnten selten schreiben und lesen. Seitdem der Staataber die Ausstellung eines Capitän-Patents von dem Erfolge einer theoretischen und practischen Prüfung abhängig macht, besuchen sämmtliche Jungen die nautische Schule, lernen etwas Tüchtiges und gehen dann auf die See. Natürlich sind sie immer auf kleinen Reisen begriffen, schicken Briefe aus New-York, Marseille, London, St. Francisco, Hongkong und Gott weiss woher sonst noch, aber nach Dobrota kommen sie alle zwei oder drei Jahre einmal auf wenige Tage.

Früher traf es sich hin und wieder, dass aus den schwarzen Bergen herab eine kleine nächtliche Expedition unternommen wurde, um von den Familien der abwesenden Schiffscapitäne ein wenig von all' den schönen Sachen, den glänzenden Goldstücken und dem hübschen Geschmeide zu holen, das die in der Welt herumfahrenden Hausväter heimgesendet oder gelegentlich mitgebracht hatten. In den Häusern waren nur Weiber und Kinder, höchstens noch ein Knecht. Wenn nun verdächtiges Gesindel den Eingang des Nachts erzwingen wollte, so wurden lange Gewehre mit erweiterter Mündung durch die unter den Fenstern angebrachten Canäle gesteckt, von welchen ich früher erzählte, und ohne zu zielen einfach abgefeuert. Denn die Canäle sind so gebohrt, dass immer einer die Eingangspforte des von Mauerwerk aufgeführten, von der Gasse gegen das Haus führenden Ganges bestreicht, der andere die Hausthüre selbst.

Wir kamen an das Haus meines Freundes. Ein Knecht öffnete uns nachdem wir an der Pforte geläutet, und wir schritten einen langen zwischen zwei hohen Mauern im Zikzak laufenden Gang entlang gegen das eigentliche Wohngebäude. Der Gang erinnerte einigermassen an den gedeckten Weg einer Festung und mochte auch ungefähr dieselbe Bestimmung haben. An der Thüre des Hauses abermaliges Läuten, darauf eilende Schritte von Innen, – die Thüre öffnete sich und vor uns stand die Schwester meines Freundes.

Ein schönes, schlankes Mädchen mit prachtvollen dunkeln Augen und reichem schwarzen Haare, stand sie in einfachem schwarzen Kleide unter der Thüre und wurde nicht im mindesten verlegen, als ihr Bruder uns einander vorstellte. Ja, sie bot mir die Hand mit der einfachen und unbewussten Eleganz einer Weltdame und übernahm es augenblicklich mir Garten und Haus zu zeigen, während der Bruder einige alte Prachtwaffen herbeiholte, von denen er mir früher schon gesprochen hatte.

Während wir die höchst reinlich gehaltenen mit tüchtigen Fensterbalken und Schiesscanälen versehenen Zimmer durchschritten, erzählte mirmeine schöne Führerin, wie ihre Grossmutter, die erst im vorigen Jahre beinahe achtzig Jahre alt gestorben, als deren Kinder noch klein waren und sie mit zwei Mägden und einem Knechte die ganze Besatzung des Hauses bildete, einmal dasselbe vor Nachtszeit gegen einen von mehr als dreissig Räubern unternommenen Ueberfall vertheidigte. Das Mädchen wies mir die Schiessscharten, durch welche die Grossmutter gefeuert hatte und schleppte ein unsinnig langes Trombon herbei, um mir zu zeigen, wie dasselbe, mit mehreren Kugeln oder gehacktem Blei geladen und einfach durch den Schusscanal gesteckt, unfehlbar Jeden treffen musste, der durch das Thor eindringen wollte. Als sie mir das Alles erzählte, blitzten ihre wunderschönen Augen und sie redete sich in eine förmliche Begeisterung hinein, während ihre hübschen Finger fieberhaft mit dem alten Steinschlosse des Trombons spielten. Jedenfalls scheint die Enkelin der Grossmutter nachgerathen zu sein – wehe dem Räuber, der es einmal wagen sollte, diese Festung zu stürmen – ich glaube, das alte Trombon thäte heute noch seine Schuldigkeit.

Das Mädchen wurde gar leutselig und gesprächig, als sie und ihr älterer Bruder, der sich von überstandener Krankheit in der Heimat erholte, mich durch den Garten des Hauses führte. Sie war – wie sie mir erzählte – nur viermal in ihrem Leben in Cattaro gewesen, ausserdem hatte sie noch nie Dobrota verlassen. Das elegante schwarze Kleid, das sie trug, hat sie selbst verfertigt. Sie hält sich ein Modejournal. Früher war sie national gekleidet, aber seitdem Vater und Mutter todt sind, kleidet sie sich »europäisch«, wie sie bezeichnend und lächelnd sagte. Sie ist Braut. Ihr Bräutigam ist natürlich Schiffscapitän und weilt gegenwärtig in Genua. Das Schiff, das er commandirt, istihrEigenthum und sie bringt es ihm als Morgengabe mit. Sobald Schiff und Bräutigam zurückkehren, giebt's Hochzeit und dann macht sie mit ihrem Schiff und ihrem Gemal eine Hochzeitsreise nach New-York, wohin das Schiff Ladung bekommen.Er, der Bräutigam, hat aufihremSchiff bereits eine extra schöne Cajüte bauen und einrichten lassen, sämmtliche Möbel sind von dem Holze eines Birnbaumes in Buenos Ayres, das so feine Adern hat »wie ein Christenmensch« und sich anfühlt wie Sammt. Mit demselben Holze ist auch die Cajüte getäfelt und die Schöne freute sich unsinnig auf Cajüte, Bräutigam, Schiff und Reise.

Als wir später wieder in das Haus hinaufgingen und sie der Magd die Tasse mit schwarzem Kaffee abnahm, um dem Bruder und mir denselbenzu credenzen, war sie nicht zu bewegen, selbst auch Kaffee zu nehmen oder sich auch nur an den Tisch zu setzen. Es schicke sich nicht, meinte sie, dass ein Frauenzimmer und gar ein Mädchen in Gesellschaft von Männern esse oder trinke, und der Bruder bestätigte ruhig diese Ansicht. Zum Abschiede gab sie mir aber ohne jede Ziererei wieder die Hand und wünschte mir eine recht glückliche Reise. Die meinige werde wohl kürzer sein, sagte sie lächelnd, als die ihrige. In vier Wochen dürfte sie bereits verheiratet sein und dann geht's zu Schiffe. Zurück kehrt sie erst, wenn sie das erste Kind bekommen. Das sagte sie, ohne im mindesten zu erröthen und dabei blickten ihre prachtvollen, schwarzen Augen mit einem eigenthümlichen Ausdrucke hinaus, als ob sie über das Meer sehen könnten bis nach New-York und in die Zukunft bis zur Ankunft des ersten Kindes.


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