Die alte Zanetta sass auf ihrem uralten Lehnstuhl und liess sich's wohl geschehen. An einem spiessartigen Stück Holz, das sie durch das Band der breiten grossblumigen Schürze gesteckt hatte, war der Flachs befestigt, den sie mit den knöchernen Fingern ihrer linken Hand langsam herabzupfte, und in der rechten Hand liess sie das länglichrunde Holz »il fuso« kreisen, um das sich das gesponnene Garn wickelte. Auf ihrem Kopfe lagen zwei grosse Krautblätter und über denselben ein viereckig gefaltetes schneeweisses Tuch. Signora Zanetta behauptet seit dreissig Jahren täglich, dass sieheuteKopfschmerzen habe, und dass sie nur frische Krautblätter durch vierundzwanzig Stunden auf den Kopf zu legen brauche, um den Kopfschmerz für immer zu vertreiben. Und darum trägt sie seit dreissig Jahren Krautblätter auf dem Kopf und darüber das viereckig gefaltete weisse Tuch, was zusammen den Eindruck eines bösartigen Turbans exotischer Herkunft hervorbringt. Ein von tausend Runzeln durchfurchtes Gesicht, dessen Mund noch eine untadelhafte Reihe blendend weisser Zähne zeigte, ein verblichenes, aber höchst sauber gehaltenes Kleid, an den zusammengeschrumpften Füssen reine weisse Strümpfe und ein paar türkische Schuhe von dickem rothen Leder, sass die Signora Zanetta auf ihrem Lehnstuhlund um sie schwirrten die Schwärme von Fliegen, wie sie die dreissig Grad Hitze eines Julitages in Spalato zu erzeugen vermögen.
Ein grosses Gemach mit niedriger Decke – an den Wänden rohe Alfresco-Malereien, sämmtlich Theile der Seeküste darstellend, an welcher Herren und Damen in altväterischer Tracht lustwandeln, während in der Ferne der ruhig glänzende Spiegel des Meeres sich endlos erstreckt, – in der Mitte des Zimmers ein ungeheurer Tisch aus dunklem Holze, – an den beiden Längsseiten des Zimmers zwei kleine, schwerfällige, mit Flügelthüren versehene Kasten, auf denen mindestens ein Dutzend blankpolirter messingener Oellampen stand, – über dem einen Kasten ein schauerlich gemaltes, den Kaiser Franz als Jüngling vorstellendes Bild, dem gegenüber ein stark zerfressener Kupferstich mit der Darstellung des bethlehemitischen Kindermordes hing, – eine alte Wanduhr in einem bis an die Decke reichenden Kasten, – so sah das Gemach aus, in welchem Signora Zanetta sass, spann und es sich wohl geschehen liess.
In Spalato ist Alles alt. Die Häuser, das Pflaster, die Familien, die Kirchen, die Sprache, – Alles ist uralt. Die Domkirche wurde zu Ende des dritten Jahrhunderts von dem alten Christenverfolger Diocletian dem Jupiter erbaut, – die Sphinx vor derselben ist eine Kleinigkeit älter und entstammt der achtzehnten Dynastie der Pharaonen, – und das am Meeresstrande befindliche Franziskaner-Kloster macht einen förmlich modernen Eindruck, weil es erst im Jahre 1212 vom heiligen Franz von Assisi gegründet wurde, – ja, auf dem beliebtesten Spazierwege Spalatos konnte man noch zu Ende der Sechziger-Jahre halb städtisch, halb »national« gekleidete Bürger mit einem rückwärts herabbaumelnden Zopfe sich ergehen sehen. Das Italienisch, das in allen Bürgerfamilien gesprochen wird, ist genau dasselbe, das man in Venedig vor hundert Jahren hörte und in Goldoni's Lustspielen noch heute lesen kann. Eine Familie, die ihren sogenannten Adel erst von hundert oder zweihundert Jahren herwärts datirt, wird so ziemlich als neugeadelt angesehen, und ich kenne selbst in Spalato eine Familie, deren Mitglieder allen Ernstes behaupten, dass ihre inSalonaansässigen Vorfahren bereits römische Patrizier gewesen seien. Salona wurde aber im Jahre 639 nach Christi Geburt zerstört, und das mag der Grund sein, warum das betreffende Adelsdiplom nicht aufgefunden werden konnte.
Es ist überhaupt ein merkwürdiges Volk, das der Dalmatiner und besonders der Spalatiner Adelsgeschlechter. In den engen Gassen der Stadt, in den verstecktesten und übelriechendsten Winkeln derselben sitzen sie in ihren Häusern, denkend der vergangenen Herrlichkeit, als noch der »Conte« nicht viel weniger als ein Souverain und der arme Morlake nicht viel mehr als ein Sklave war, und es für jede Ungerechtigkeit, die der »Conte« beging, höchstens eine Geldstrafe gab, für das Vergehen des armen Bauern aber nur das Ermessen und die Willkür seines Herrn massgebend war. Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen, diese Conti, und so gut österreichisch sie auch im Allgemeinen sein mögen, so denken sie doch noch immer an das verrottete Pascha-Regiment der in ihrem Fett erstickten Republik von Venedig. Ja, – sowie man heute noch allenthalben auf den Mauern und öffentlichen Gebäuden der dalmatinischen Städte den Löwen des San Marco über seine vergangene Herrlichkeit in steinerner Faulheit trauern sieht, so würden sämmtliche »Conti« nicht im mindesten sich wundern, wenn eines schönen Tages wieder einmal so ein Provveditore der Republik auf einem altartigen Segelschiffe angefahren käme, um die verrottete Zopfwirthschaft von neuem zu beginnen.
So wie es unter depossedirten Fürsten üblich sein mag – ich stelle es mir wenigstens so vor, – sich gegenseitig mit »Majestät« anzusprechen, so hört man die Spalatiner alten Familien einander den Titel »Conte« geben, ohne dass weder der eine noch der andere Theil das mindeste Anrecht auf diese Bezeichnung hätte. Das »gemeine« Volk thut dann das Gleiche in seinem Umgange mit den »Conti«, und so wird in Spalato, da man dort nach altvenetianischer Weise die Leute bei ihrem Taufnamen ruft, nur von einem Conte Mome1, Conte Zane2, Conte Toni, von einer Contessa Mare3, Contessa Lele4und Contessa Bare5gesprochen.
In dem Hause eines solchen Conte war es, wo ich der alten Zanetta gegenüber sass, die spinnend und kopfnickend mir ihre Erinnerungen erzählte. Da war sie als dreizehnjähriges Kind in die Familie gekommen, in der sie jetzt als dreiundachtzigjährige Greisin das Gnadenbrod ass. Ihren Herrn, den Conte Anastasio, der vor einem Jahre als siebzigjähriger Greis gestorben,hatte sie damals auf den Armen getragen, – dessen Mutter, die Contessa Nene6, war damals eben erst seit zwei Jahren verheiratet gewesen und trotz ihrer Jugend eine gar strenge Frau. »Ja, ja, damals hatten die Diener noch Respect vor dem Herrn und der Frau, und wenn sie pfeifen hörten (denn in jener Zeit gebrauchte man noch keine Glocken in den Zimmern), da stürzten sie Alle holterpolter in's Zimmer, – nicht wie jetzt, wo die Magd hereinschleicht, als ob sie der Frau damit eine Gnade erwiese.«
»Damals,« so erzählte Zanetta, während sich ihre bleichen runzlichten Wangen in Erinnerung an die vergangene Herrlichkeit rötheten, »damals konnte der Herr noch den Diener strafen, ohne dass irgend ein Prätor oder sonst ein Beamter sich unberufenerweise hineinmischte. Wenn das heute geschehen wäre, dass man der seligen Lustrissima7ihr ganzes Silbergeschirr stahl, wie es bald vor siebzig Jahren geschehen, wer weiss, ob nicht der Joso8, der Lump, noch frei ausgegangen wäre, aber so hat er es bitter genug büssen müssen, – unser Herrgott habe seine Seele gnädig.« – Und Signora Zanetta faltete die Hände und schien ein Gebet für den »Joso« zu murmeln, so dass ich sie, so lange sie in ihrer Andacht versunken war, nicht unterbrechen wollte.
»Und wie war denn die Geschichte, Signora Zanetta, mit dem Joso und dem Silbergeschirr und der Lustrissima?«
»So, wissen Siedasnicht? Hier weiss es Jedermann. Das heisst, Jene, die es gewusst haben, sind eigentlich meistentheils todt, ich aber erinnere mich noch gar gut daran. Damals war ich ein junges Ding und eben erst von der Insel Brazza herübergekommen, weil mich die selige Lustrissima als Magd wollte. Ich bin auch seit jener Zeit nicht mehr aus dem Dienste der Familie ……* getreten, und so hat auch mein Herr, der Conte Nico9, als er vor dreissig Jahren starb, es ausdrücklich im Testamente hinterlassen: La Signora Zanetta resta calzata e vestita in casa ……*, monda e netta10. Auch arbeite ich, was ich will, und seit zehn Jahren putze ich nur mehr alle Morgen die Oellampen, denn das jetzige Volk von Mägden ist zu faul und zu schmutzig zu einem solchen Geschäft. Also richtig, dass ich auf den Joso komme, der war damalsKnecht beim Conte Nico und wohnte draussen in dem Hause von Lovrett, eine Viertelstunde vor der Stadt auf dem Wege gegen Paludi. Dort hatte er die Felder zu bearbeiten, die auf weit und breit um das Haus herum dem Conte Nico gehörten. Sie gehören auch jetzt noch der Familie ……*«
»Also, die Lustrissima lag in ihrem ersten Kindbett mit dem kleinen Conte Anastasio, den Sie ja selbst noch gekannt haben und der erst im vorigen Jahre gestorben, und weil es schon gegen zwölf Uhr Mittags war, um welche Zeit gewöhnlich die anderen Frauen zur Lustrissima zu Besuche kamen, so hatte ich den kleinen Conte Anastasio, der eingeschlafen war, in seine schöne Wiege gelegt und putzte ein wenig den Staub von den Möbeln des ersten vor dem Schlafzimmer der Lustrissima befindlichen Zimmers. Da ruft die Lustrissima und sagt: »Zanetta, mir kommt vor, als ob ich einen Geruch von Zwiebel verspürte, – war gewiss der Joso draussen im anderen Zimmer?« Der Joso, müssen Sie wissen, ass sehr gerne frische Zwiebel und roch auch gewöhnlich danach. Sag' ich, nein, Lustrissima, der Joso ist noch nicht zum Essen gekommen und in der Küche draussen wird ihm die Minestra kalt. Sagt die Lustrissima: »Ich weiss nicht, aber die ganze verflossene Nacht träumte mir von Melonen, die mir der Joso brachte, das bedeutet einen Diebstahl. Nimm hier die Schlüssel und sieh in der schwarzen Truhe nach, die draussen steht, ob alles Silberzeug da ist.« Sage ich: Ja, Lustrissima! nehme den Schlüssel und will die Truhe aufsperren, da fehlt aber etwas im Schloss und ich kann nicht damit zu Stande kommen. Unterdessen kommt der Conte Nico nach Hause, der lässt den Schlosser holen, und wie der Deckel endlich aufspringt, ist die Kiste leer. Ja, – von Melonen träumen bedeutet immer Diebe im Hause.«
»Der Conte Nico – Gott hab' ihn selig! – läuft selbst gleich zum Municipium und es werden alle Rondari11avisirt und die Truhen von uns Dienstleuten wurden alle durchsucht, aber es fand sich nichts und die Rondari konnten auch keinem Diebe auf die Spur kommen. Da liess der Conte Nico alle Dienstleute in's Zimmer kommen und wir mussten niederknien und er machte alle Fenster auf. Einer nach dem Andern mussten wir bei offenem Fenster schwören, dass wir es nicht gethan hätten, – und schliesslich sprach Niemand mehr davon.«
»Die Lustrissima aber hatte sich das schöne Silberzeug zu Herzen genommen, wurde schwer krank und lag durch drei Monate im Bette, obwohl man ihr nach und nach mindestens hundertundfünfzig Blutegel setzte und der alte Doctor R., der Grossvater des jetzigen Doctor R., ihr viele Male zu Ader liess. Wie es ihr schon besser geht, – aber noch sehr schwach war sie, – kommen eines Morgens unsere beiden Knechte, die im Hause wohnen, vom Feld herein und mit ihnen drei Rondari. Die tragen etwas in einer Torba12und wollen mit der Lustrissima sprechen. Der Conte Nico war schon zeitlich Früh nach Castelli geritten und weil die Lustrissima noch so schwach war, so hatte ich gerade ein schönes Stückchen Schöpsenfleisch für sie gebraten, das ich ihr mit einem Glase Vugava13hineintragen wollte. Wie die Rondari und die Knechte aber hören, dass der Conte Nico nicht zu Hause sei, liessen sie sich schon gar nicht mehr halten und sagten, wenn ich sie nicht hineinführe zur Lustrissima, so würden sie ohne mich zu ihr in's Zimmer gehen; sie hätten etwas, das die Lustrissima zum Lachen bringen würde, und das thäte ihr gewiss besser als alle Medicinen und Blutegel des Doctors.«
»Die Lustrissima hatte uns sprechen gehört und rief mir zu, dass ich die Leute nur hineinführen möchte zu ihr. Wie nun die Knechte in's Zimmer treten, bemerke ich, dass der Eine, der Ive,14den Griff seines Handjars und auch seine Hände ganz mit Blut beschmutzt hatte, aber ich erschrak nicht, weil ich glaubte, er hätte vielleicht einen Hammel geschlachtet oder sonst etwas. Da traten die Fünfe hin vor das Bett der Lustrissima, und der Ive, der immer gut sprechen konnte, sagt zu ihr: »Gospoja,15willst Du wissen, wo Dein Silberzeug ist?« Sagt die Lustrissima: »Freilich möchte ich's gerne wissen, aber ich fürchte, das ist schon lange in der Türkei.« Sagt der Ive: »Schau, Gospoja, kennst Du das?« und zog unter der Jacke die grosse silberne Spuckschale hervor, die noch heute drüben beim anderen Silberzeug steht. Dann griffen die Anderen in ihre Jacken und Gürtel, und nach und nach lag das ganze gestohlene Silberzeug auf dem Bette der Lustrissima zu ihren Füssen.«
»Wie das aber Alles ausgebreitet lag, sagt der Ive: »Weisst Du noch, Gospoja, wie wir alle haben bei offenem Fenster schwören müssen? Ich habedamals gar gut gesehen, wer blass geworden ist, als der Conte Nico die Fenster aufmachte. Darum habe ich seit der Zeit dem Joso aufgepasst, und jede Nacht ging ich um Lovrett herum seit dieser Zeit, bis ich einmal ein Licht sah unter den Feigenbäumen vor dem Hause. Da wusste ich, dass ein Schatz in der Erde sein musste, denn das Licht verschwand, sobald ich näher kam. Und als ich heute Nacht wieder um Lovrett herumschlich, da sah ich den Joso mit der Schaufel aus dem Hause treten und gegen die Feigenbäume gehen. Da rief ich schnell meinen Kameraden und auch die drei Rondari, die wir begegneten, und als wir nach Lovrett kamen, da hatte gerade der Joso das ganze Silber ausgegraben und wollte es in's Haus tragen. Wir aber fielen über ihn her und nahmen es ihm weg. Hier hast Du Dein Silber, Gospoja, und da ist noch etwas.« Und wie der Ive das gesagt hatte, griff er in die Torba und zog den Kopf des Joso hervor, den sie ihm abgeschnitten hatten – –«
»Die Lustrissima erschrak zwar, aber sie war eine gar tapfere Frau, – ganz wie ein Mann. Darum beruhigte sie sich bald, liess den Kopf hinaustragen und befahl mir, den Leuten Wein und Brod zu geben, bis der Conte Nico käme. Der war anfangs böse darüber, weil damals schon die Beamten anfingen, sich in Alles hineinzumischen und solche Dinge nicht leiden wollten. Aber er sprach mit den Herren auf dem Municipium, die hatten auch viel zu viel Respect vor der Familie ……*, als dass sie etwas gethan hätten. Und so fragte Niemand mehr danach, der Joso bekam eine schöne Leiche, und das Silberzeug kam auf seinen alten Platz in die schwarze Truhe. Aber für den Joso wird seit dieser Zeit alle Jahre an seinem Sterbetage, als sie ihm den Kopf abschnitten, eine heilige Messe gelesen.«
»Und wann ist die Lustrissima gestorben?« fragte ich.
»Schon vor zwölf Jahren,« sagte Signora Zanetta, indem sie die Spindel zur Erde gleiten liess, andächtig die Hände faltete und für die Lustrissima zu beten schien.
Die Signora Zanetta erzählte mir diese Geschichte genau an dem Tage, als die Schlacht bei Sedan geschlagen wurde, und lebt noch zur Stunde, in der ich dieses schreibe.