Chapter 8

Auch unter den Medizinern, die ich damals unterrichtete, war einer, der durch Begabung und Interesse für chemische Arbeiten meine besondere Aufmerksamkeit erregte. Er hat sein Verständnis für chemische Probleme später durch eine beachtenswerte Untersuchung über die Mucine bewiesen und ist jetzt der berühmte Professor der inneren Medizin an der Universität München,Friedrich Müller. Für die eigenen Untersuchungen stand mir ein sehr schönes Privatlaboratorium mit Nebenräumen zur Verfügung, in der Größe genau entsprechend den Räumen, dieBaeyerbenutzte. Hier habe ich alle freie Zeit, die mir der Unterricht ließ, zugebracht, nicht selten auch die Sonntage, wo man im Winter wegen Stillstand der Zentralheizung tüchtig frieren mußte. Dagegen waren die Abende meistens der Erholung gewidmet; denn wer den ganzen Tag über experimentell tätig gewesen ist, pflegt abends zu müde zu sein, um literarische Studien zu treiben.

Die Stadt und die mit ihr eng verknüpfte Behaglichkeit des Lebens lud auch gebieterisch zu Geselligkeit und lustiger Unterhaltung ein. Eine Zeitlang hatten wir sogar im kleinen Kreise die englische Tischzeit angenommen und speisten als Quartett, d. h. Dr.Königs, Dr.Tappeiner, mein Vetter und ich, in dem als vornehm verschrieenen RestaurantSchleich. Die Gesellschaft außer uns bestand aus zwei serbischen Prinzen und dem Präsidenten der bayerischen Reichsratskammer. Wir wurden wegen dieser Gewohnheit als Protzen angesehen. In Wirklichkeit aber war es eine Maßnahme der Zeitersparung; denn wir blieben den ganzen Tag meistens von morgens 8 Uhr bis 5½ Uhr im Institut, und ich half mir über den Hunger mit einem Butterbrot oder durch vermehrten Tabakgenuß hinweg. Auf die Dauer war aber diese Zeiteinteilung doch zu anstrengend, und wir sind zu der in Deutschland üblichen Mittagsstunde zurückgekehrt. Ja, ich habe diese Gewohnheit sogar in Berlin beibehalten; denn wer mit anstrengenderExperimentalarbeit, die meist im Stehen verrichtet wird, Morgens zwischen 8 und 9 Uhr beginnt, hat um 1 oder 2 Uhr das Bedürfnis, eine Ruhepause zu machen, die am besten mit der Hauptmahlzeit verbunden wird. Dann kann man von neuem 4 bis 5 Stunden arbeiten, und das ist nach meiner Erfahrung für den Chemiker die beste Ausnutzung des Tages, da man in der Mittagszeit eine Reihe von Operationen gehen lassen kann, die lange dauern und keine besonders sorgfältige Beaufsichtigung verlangen.

Der Wechsel der Tischzeit brachte für mich auch einen Wechsel der Tischgesellschaft mit sich. In dem Verein der Privatdozenten, der sich von Zeit zu Zeit in behaglichen Zusammenkünften betätigte, hatte ich zahlreiche Vertreter anderer Wissenschaften kennen gelernt und so bin ich zu einer neuen Gesellschaft im Künstlerhause gekommen. Zu ihr gehörten der PhilosophJodl, der später Professor in Wien war und sich einen guten Ruf in seiner Wissenschaft verschafft hat, dann die beiden HistorikerStieveundvon Druffel, beide Westfalen. Auch diese waren wohl unterrichtete und wissenschaftlich verdiente Männer, deren Anschauungen und Ziele mich in mancher Beziehung interessiert haben. Zudem besaßStieveein wunderbares Talent, humoristische Reden (sogen. Bierreden) in beliebiger Länge zu halten. Sein sarkastischer Witz und seine Neigung, den alten Professoren etwas am Zeuge zu flicken, trugen viel zur Belustigung unseres jungen Kreises bei. Wir waren alle unverheiratet, bisStievesich eines Tages mit einer Bonnerin verlobte und uns dann zuweilen einlud. Durch die beiden Historiker bin ich auch mit der MalerfamilieKaulbachin Berührung gekommen, wo es höchst lustig zuging. Als ich mich später in Würzburg verheiratet hatte, war der erste, der auf dem Plan erschien, FreundStieve, um einmal nach dem Rechten zu sehen, wie er sich ausdrückte. Sie sind jetzt alle drei tot.

Zeitweise habe ich auch, um ganz einfache zuträgliche Nahrung zu bekommen, wieder in einem Bierhaus gegessen, dem sogen. Abentum, wo es gut und billig war, und wo Hunderte von jungen Leuten, besonders viele Künstler, verkehrten. An unserem Tisch war eine kunterbunte Gesellschaft versammelt, Künstler, Gelehrte, Techniker, junge Kaufleute, ja es befand sich sogar ein echter deutscher Prinz darunter. Hier bin ich in nähere Berührung mit zwei Kunstgelehrten gekommen. Der eine war der Privatdozent der Archäologie Dr.Julius. Sein Eifer, die Chemiker in kunstverständige Männer zu verwandeln, steigerte sich soweit, daß er für einen kleinen Kreis von uns in der Glyptothek eine Privatvorlesung hielt. Das hatte sogar praktische Folgen. Ein Künstler, der dazu gehörte, entschloß sich, eine berühmte, aber stark beschädigte Nike zu restaurieren, und ich selbst bin indirekt dadurchmit dem Gipsformator der Museen in Berührung gekommen. Er bat mich um ein Mittel, schwarze Flecke, die spontan beim Aufbewahren seiner Gipsfiguren entstanden, zu beseitigen. Ein Mittel dafür fand ich in der Wirkung des Chlorgases, welches die Flecken, die von Pilzen herrührten, zerstörte, ohne die Figuren sonst zu beschädigen. Der Formator hat das Verfahren im großen Maßstabe angewandt, wozu er sich eine kleine Bude für die Operationen mit dem Chlorgas errichten mußte. Wie lange das Verfahren im Gebrauch geblieben ist oder ob es später von einem besseren ersetzt wurde, vermag ich nicht zu sagen.

Der zweite Kunstgelehrte an dem Biertisch war Dr.Dehio, ein Balte aus Reval. Er ist später durch seine großen und prächtig ausgestatteten Werke über die Geschichte der Architektur ein berühmter Mann geworden, war zuletzt Professor in Straßburg, lebt aber seit einigen Jahren im Ruhestand. Es hat mich sehr gefreut, ihn im letzten Herbst 1917 in Baden-Baden nach langer Pause wiederzusehen und zu erfahren, daß seine Gemahlin eine Schwester vonPaul Friedländersei. Die kriegerischen Ereignisse im Osten hatten ihn so stark bewegt, daß er sich gerade damit beschäftigte, eine öffentliche Propaganda für die Loslösung des Baltenlandes von Rußland und seinen Anschluß an Deutschland ins Werk zu setzen.

Durch den vielfachen Verkehr mit Künstlern und Kunstgelehrten habe ich mehr und mehr Verständnis für die bildende Kunst gewonnen, und mehrfache Reisen nach Italien waren wohl geeignet, diese Einflüsse zu verstärken. Äußerlich gab sich das kund sowohl bei mir, wie auch bei anderen Mitgliedern unseres chemischen Kreises durch fleißigen Besuch der Kunstausstellungen, die im Glaspalast, der direkt neben unserem Institut lag, veranstaltet wurden, und in den letzten Jahren des Münchener Aufenthaltes bin ich auch ziemlich regelmäßig Sonntags nachmittags in den Ausstellungsraum des Künstlervereins unter den Arkaden des Hofgartens gegangen. Man wurde dort recht gewahr, welch' günstige Atmosphäre in München für die Künstler herrschte. Der größte Teil der gebildeten Einwohnerschaft interessierte sich für ihre Werke, nahm teil an ihrer Entwicklung und ihren persönlichen Schicksalen, vermied es aber, sie durch übertriebene Lobhudelei oder durch protzenhafte Heranziehung zu Diners und dergl. zu verderben. Auch das Leben, das die Künstler untereinander führten, bot mannigfache Vorteile. Im allgemeinen hörte man die Lehrer loben, wenn auch die Ansichten der Jungen in bezug auf die Ziele und Mittel der Kunst nicht selten ganz andere waren. Die realistische und in der Freilichtmalerei häufig bis zur Karikatur übertriebene Malweise, die, wenn ich nicht irre, von Frankreich herkam, begann gerade in München Fuß zu fassen, und ich erinnere mich noch des Aufsehens, das ein Bilddes jugendlichenMax Liebermann, »Christus im Tempel«, auf einer Ausstellung in München erregte. Bei denjenigen Leuten, die am alten System festhielten, galt es für eine Verirrung, und von kirchlich gesinnten Organen wurde es als eine Blasphemie bezeichnet. Aber eine große Zahl der jungen Künstler und von ihnen wohl nicht unbeeinflußt auch wir jungen Chemiker sahen darin das ernste Bestreben, die Malerei mehr der Wirklichkeit anzupassen und die geistige Durchdringung des Gegenstandes nicht in einer übertriebenen Idealisierung der Figuren zu suchen.

Mit Recht berühmt waren in München die öffentlichen, von der gesamten Künstlerschaft veranstalteten Festlichkeiten. Ich habe zwei davon besucht, ein Feldlager aus der Zeit des 30-jährigen Krieges, das in dem Walde von Großhesselohe sich abspielte und ein köstliches Bild der bewaffneten Macht vor 400 Jahren gab. Das zweite war ein Maskenfest in München, das leider infolge eines Brandunglücks einen tragischen Abschluß erfuhr. Einer der größten Säle Münchens war durch außerordentlich geschickte Ausbauten in eine Art Jahrmarkt verwandelt, wo man alles genießen konnte, was an Sehenswürdigkeiten bei solcher Gelegenheit geboten zu werden pflegt. Da der Zutritt nur Herren gestattet wurde, die natürlich zum großen Teil durch Masken in Frauen jeden Kalibers verwandelt waren, so hatte die künstlerische Phantasie sich ohne jede Einschränkung bis in die wunderlichsten Auswüchse austoben können. Ich habe nicht einmal in Cöln solche tolle karnevalistische Ausgelassenheit gesehen wie bei diesem Feste, an dem die Künstler bis ins höchste Alter hinein ziemlich vollständig versammelt waren. Eine köstliche Maskenidee in vortrefflicher Ausführung ist mir in Erinnerung geblieben. Der bekannte MalerPiglheimmachte einen Prinzen natürlich mit Gefolge und ließ sich von dem Komitee rundführen, selbstverständlich ganz in der Form, wie sie bei solchen prinzlichen Besuchen üblich ist. Kurze Zeit darauf erschien ein wirklicher bayerischer Prinz, der genau ebenso empfangen wurde. Zum großen Spaß der ganzen Versammlung stießen nun die beiden Züge zusammen. Der wirkliche Prinz hatte aber Humor genug, den Pseudokollegen freundlich zu begrüßen und sie setzten zusammen die Besichtigung fort. Leider wurde das Fest in ziemlich später Stunde durch ein furchtbares Unglück gestört. Etwa ein Dutzend Schüler der Akademie der Künste machten eine Eskimogruppe. Sie hatten sich für den Zweck eine besondere Hütte gebaut und Eskimoanzüge angelegt, die ganz aus Werg hergestellt waren. Leichtsinnigerweise hatte man versäumt, diesen Stoff chemisch zu imprägnieren und dadurch unbrennbar zu machen. Auch die Hütte selbst war mit brennbaren Stoffen jeder Art erfüllt. Mit ähnlichem Leichtsinn war übrigens die Mehrzahl derBauten errichtet und da überall geraucht wurde, so hatten wir Chemiker sofort das Gefühl der höchsten Feuersgefahr, und ich erinnere mich, daß wir uns ziemlich frühzeitig in einen geschützten Bierkeller zurückzogen und nur von Zeit zu Zeit wieder das Treiben im Hauptsaale uns anschauten. Plötzlich hieß es, die Eskimos sind am Brennen, und in der Tat sahen wir diese armen Menschen brennend herumlaufen. Sie wurden zwar außerhalb ihrer Hütte ziemlich rasch gelöscht, und einige davon glaubten sich nach der überstandenen Gefahr durch einen reichlichen Trunk Bier entschädigen zu sollen, aber die Verwundungen waren doch so schwer, daß sie meines Wissens in den nächsten Tagen alle gestorben sind. Glücklicherweise konnte das Feuer in der Eskimohütte gelöscht werden. Hätte es um sich gegriffen und die benachbarten sehr brennbaren Gegenstände erfaßt, so wären viele Hunderte von Menschen umgekommen; denn die Zugänge zum Saal waren sämtlich durch die Ausbauten so beengt, daß die große Menschenzahl unmöglich sich hätte retten können.

Bei allen solchen Festlichkeiten sollten die Aufsichtsbehörden in rigoroser Weise stets verlangen, daß alle zur Bekämpfung einer etwaigen Feuersgefahr nötigen Maßregeln getroffen sind. Das Publikum ist geneigt, in derartigen Anordnungen der Behörde Willkür und kleinliche Belästigung zu erblicken; aber wer einmal ein Brandunglück wie damals auf dem Maskenfest in München erlebt hat, und wer wie wir Chemiker die rasche Entwicklung eines Brandes kennt, der wird meiner Ansicht gerne beipflichten.

Neben der bildenden Kunst spielten in München auch Musik und Theater eine große Rolle, und ich muß gestehen, daß ich viel Genuß von beiden gehabt habe.

Das Klavierspiel hatte ich leider schon in Straßburg vernachlässigt, und in München wagte ich nicht, wieder anzufangen, weil in unserem Hause ein Professor der Musik wohnte, der als Virtuose galt. Dazu kam das Bewußtsein, daß man in großen Mietshäusern durch mittelmäßiges Spiel vielen Leuten zur rechten Plage werden kann. Ich zog es deshalb vor, gute Musik von Zeit zu Zeit anzuhören durch den Besuch der ausgezeichneten Odeonkonzerte oder der königlichen Oper. Diese verfügte damals über vorzügliche Kräfte. Besonders gepflegt wurde die Wagnersche Musik, und obschon die alten klassischen Werke von Mozart, Beethoven, Maria von Weber, Lortzing usw. meinem Verständnis näher lagen, so haben mir doch die großen Opern Wagners z. B. der Ring der Nibelungen in der vortrefflichen Münchener Darstellung gewaltigen Eindruck gemacht. Dieser steigerte sich noch bei einem Besuch in Bayreuth, den ich mit mehreren Freunden später von Erlangen aus unternahm, und wo wir einer Aufführung des Parsival beiwohnten.

In München glänzte damals in den Wagner-Opern das EhepaarVogelam meisten, aber auch den altenKindermannmit seinem unverwüstlichen kräftigen Bariton, der mit dem Münchener Publikum wie mit alten Bekannten verkehrte, wird kein Zuhörer vergessen haben.

Noch mehr Genuß als von der Oper habe ich gehabt vom guten Schauspiel, wie es ebenfalls in München gepflegt wurde. Es bestand an der Münchener Bühne die gute Gewohnheit, von Zeit zu Zeit eine Reihe von Dichtungen desselben Meisters zu ermäßigten Preisen aufzuführen. Eine solche Serie, welche die Königsdramen Shakespeares umfaßte, war in ihrer Wirkung so gewaltig für uns junge Leute, daß darüber die Experimentalarbeit im Laboratorium für mehrere Wochen eine ernstere Störung erhielt. Ich wurde von manchen Szenen so ergriffen, daß mir die hellen Tränen über das Gesicht flossen, und daß ich die Umgebung gänzlich vergaß. Diese starke Empfindung für dramatische Reize ist mir bis ins reifere Alter geblieben, und meine spätere Frau hat mir mehr als einmal gesagt, mein Mangel an Selbstbeherrschung im Theater sei für sie direkt unbequem.

Bei den Besuchen von Theater, Konzerten und ähnlichen Lokalen, wo die Menschen dicht zusammen sitzen, kann es dem Chemiker leicht passieren, daß er Anstoß erregt durch die schlechten Gerüche, die sich in seinen Kleidern oder auch in Haar und Haut festgesetzt haben. Auf den billigen Plätzen, die wir als junge Leute besuchten, ist mir das nie verübelt worden, aber einen Parkettplatz in der Münchener Oper habe ich einmal aufgeben müssen, weil die Nachbarschaft zu stark durch die von mir ausströmenden Dünste belästigt wurde. Auch in Privatgesellschaft sollte der Chemiker auf diese Möglichkeit achten und falls er gerade mit starkriechenden Stoffen zu tun hat, auf die Reinigung des Körpers und des Anzugs besondere Sorgfalt verwenden.

Leider kam der Sport bei der Münchener Lebensweise zu kurz. Wir hatten dazu keine Zeit und waren auch abends zu müde. Einen gewissen Ausgleich boten allerdings die Herbstferien, die ich teilweise stets in Euskirchen zubrachte und zusammen mit meinem Vater fleißig für die Feldjagd ausnutzte.

Im geselligen Verkehr, soweit er sich in der Familie abspielte, habe ich niemals viel geleistet, teils aus Bequemlichkeit, teils wegen einer gewissen Ungeschicklichkeit im Verkehr mit Damen. Gelegenheit dazu war übrigens in München genug gegeben; denn FrauBaeyerführte ein großes Haus, veranstaltete von Zeit zu Zeit hübsche Feste und gab sich die größte Mühe, uns junge Chemiker dazu heranzuziehen. Sie spielte bis zu gewissem Grade überhaupt die Mutter des Laboratoriums und war stets zur Hilfe bereit, wenn jemand von uns durch Krankheit oder andere Ursachen in Not geriet. Im Hause bei ihr habe ich aucheine große Anzahl interessanter Menschen kennen gelernt. Vor allen Dingen lud sie uns immer zu Tisch, wenn auswärtige Chemiker zu Besuch kamen. Nach Art hilfreicher und tatkräftiger Damen hätte FrauBaeyeruns auch gar zu gerne verheiratet, worauf sie um so mehr glaubte rechnen zu dürfen, als sie einen Kreis von hübschen und liebenswürdigen jungen Damen um sich zu versammeln wußte. Soweit ich unterrichtet bin, ist es ihr aber nicht gelungen, außer der eigenen Tochter eine dieser Fräuleins an einen chemischen Mann zu bringen. Die junge um FrauBaeyerversammelte Chemie war damals durchgängig unbeweibt, und es sind auch auffallend viele von ihnen in diesem Zustand geblieben, nicht zum Nutzen ihrer eigenen Person oder der Wissenschaft.

Meine Arbeiten über die Hydrazine und das Rosanilin hatten auswärts Anerkennung gefunden. Das zeigte sich zuerst in einem Ruf, den ich im Frühjahr 1880 an das Polytechnikum zu Aachen erhielt.Landoltwar von dort an die Landwirtschaftliche Hochschule in Berlin berufen worden und an seiner Stelle sollten zwei Ordinarien für anorganische und organische Chemie ernannt werden.

Die anorganische Lehrstelle mit der großen Experimentalvorlesung hatte man nach dem Beschlusse des Aachener Lehrerkollegiums dem langjährigen Assistenten des Instituts ProfessorClassenzugedacht und die Professur für organische wurde mir vom Kultusministerium in Berlin angeboten. Um mich genau über die Stelle zu unterrichten, reiste ich nach Aachen hin und verhandelte mit den Fachgenossen ProfessorStahlschmidtund ProfessorClassen, sowie mit dem Direktor des Polytechnikums Herrnvon Kaven. Selbstverständlich besuchte ich auchLandolt, der mich im Bett empfing, weil er an starkem Podagra litt. Für das chemische Institut war gerade ein prächtiger Neubau errichtet worden, weil die Aachen-Münchener Feuerversicherungsgesellschaft große Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Aber die Betriebsmittel waren verhältnismäßig gering. Man wollte mir in dieser Beziehung in Aachen keine Sicherheit gewähren, und die ganze Atmosphäre an dem Polytechnikum erschien mir so wenig anziehend, daß ich trotz des lebhaften Wunsches meiner Mutter, mich wieder in der Nähe zu haben, den Ruf kurzweg ablehnte. Nun erlebte ich das Höchstsonderbare, daß nach etwa sechs Wochen der Ruf von Berlin aus erneuert wurde und daß der betreffende Referent im Kultusministerium Dr.Wehrenpfennigmir schrieb, ich habe gewiß die Absicht des Ministeriums nicht richtig verstanden. Wie ich später erfuhr, hatte er inzwischen mit seinem Freunde Dr.von Brüningaus Frankfurt a. M. über meine Berufung gesprochen und sich beklagt, daß ich den schönen Ruf in so kühler Weise abgelehnt habe. Als dieser ihm aber erwiderte, daß ich größere Ansprüche machen könne, als man mir geboten habe,entschloß man sich zu einem zweiten Versuch, mich zu gewinnen. Ich wurde dann auch in Berlin sowohl vonWehrenpfennigwie vonLandolt, der inzwischen übergesiedelt war, in der liebenswürdigsten Weise empfangen und man versprach, allen meinen Wünschen entgegenzukommen. Aber die Abneigung gegen Aachen war bei mir einmal vorhanden, und da auchBaeyermir nicht im geringsten zur Übersiedlung an das Polytechnikum riet, so habe ich zum zweiten Male abgelehnt und diesen Entschluß auch keinen Tag bereut. Statt meiner ist dann ProfessorMichaelisdorthin gekommen.

Zwei Jahre später wurde die chemische Professur an der Universität Erlangen wieder frei, weilVolhardals Nachfolger vonHeinznach Halle ging. Ich erhielt den Ruf und nahm ihn an. Der Ort hatte zwar wenig Anziehendes, aber es handelte sich doch um ein Ordinariat an einer Universität und das Institut war durch einen Neubau verhältnismäßig gut ausgestattet.

Ich bin bei einem Erkundigungsbesuch in Erlangen auch von den Kollegen sehr freundlich empfangen worden, undVolhardgab sich alle Mühe, mir die Vorteile der neuen Stellung klar zu machen.

Bevor man mich in München entließ, mußte ich natürlich einige Festlichkeiten über mich ergehen lassen. So veranstaltete die Chemische Gesellschaft, deren Präsident ich war, einen schlichten Abschiedsabend, für denKönigsdas früher erwähnte Guanolied dichtete. Aber auch die Studierenden wollten sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, einen Kommers abzuhalten. Nach den Erfahrungen gelegentlich des Rufes nach Aachen, wo ich von betrunkenen Chemikern beinahe Prügel erhalten hatte, war ich nicht sehr geneigt, mich dieser Möglichkeit nochmals auszusetzen und erst die Drohung, daß ich durch Ablehnung die chemische Jugend, mit der ich auf sehr gutem Fuße stand, vor den Kopf stoßen würde, machte mich williger. So fand denn wirklich ein Kommers auf einem Bierkeller statt, der für mich ohne unbequemen Zwischenfall verlief, weil ich mich frühzeitig empfahl. Aber am nächsten Morgen mußte ich doch erfahren, daß man einige junge Leute, die mit mir nach Erlangen gehen wollten, feierlich aus dem Lokal hinausgeworfen hatte.

Ich zog nun anfangs April an die fränkische Hochschule und der Zufall wollte, daß in Nürnberg in dasselbe Abteil des Schnellzuges, wo ich saß, FräuleinAgnes Gerlach, meine spätere Frau, mit ihrem Vater einstieg, und wir also zusammen in Erlangen ankamen.

Die Einquartierung in Erlangen war nicht ganz leicht. Zunächst fehlte es an einer passenden Wohnung, und auch die Gasthäuser der armen Stadt boten kein bequemes Unterkommen. Ich habe mich deshalb zuerst in dem geräumigen Sprechzimmer des chemischen Institutsniedergelassen, wo ein sehr brauchbarer Laboratoriumsdiener namensGriesingerfür meine Sachen sorgte. Mit der Beköstigung war ich allerdings auf das Gasthaus angewiesen, wo ein größerer Kreis von Professoren und Privatdozenten sich zu einer Tischrunde vereinigt hatte. Da ich inzwischen aber zehn Jahre Gasthausleben hinter mir hatte, so fühlte ich das Bedürfnis, einen eigenen Haushalt zu beginnen. Zu dem Zweck hatte ich mir schon in München die Möbel bestellt. Um mich dabei vor Übervorteilung zu schützen, war meine SchwesterEmmamit ihrer TochterHedwigeigens von Rheydt nach München gekommen und von FrauBaeyer, bei der sie Besuch machten, sofort als Logiergäste aufgenommen worden. Das Wohnungsprovisorium in Erlangen dauerte nicht allzu lange. Nach etwa zwei Monaten trafen alle Möbel ein und mit ihnen auch meine erste Haushälterin, eine Witwe aus Westfalen, die von meiner SchwesterBerthaund meiner Mutter ausgesucht worden war. So zog ich denn in die erste mit einem selbständigen Haushalt eingerichtete Wohnung in eines der wenigen vornehmen Häuser Erlangens, die früher den Beamten des markgräflichen Hofes gedient hatten. Die Wohnung enthielt einen großen Saal mit Marmorfußboden und Stuckwerk im Rococostil. Er wird später noch bei der Besprechung meiner Arbeiten zu Ehren kommen; denn ich habe darin die Riechversuche mit Mercaptan ausgeführt.

Inzwischen hatten die Arbeiten im Laboratorium und die Vorlesungen begonnen. Zum Glück waren mir von München zwei prächtige junge Männer,KnorrundReisenegger, gefolgt, die zwar noch nicht promoviert hatten, denen ich aber ohne Bedenken Assistentenstellen übertragen konnte. Wir sind rasch Freunde geworden, und da es mir zu langweilig war, allein zuhause zu essen, so habe ich diese beiden jungen Herren eingeladen, wenigstens mittags meine Tischgenossen zu sein. Sie haben das gerne getan, weil meine Haushälterin als Köchin Vortreffliches leistete und auch an gutem Wein kein Mangel herrschte.

Beide hatten ihre analytische Ausbildung unter meiner Leitung in München erhalten, undKnorrwar auch schon mit der Anfertigung einer Dissertation über das Piperylhydrazin beschäftigt, als wir in Erlangen einzogen.Reiseneggerhat bald nachher von mir als Thema für die Dissertation »Die Reaktion zwischen Phenylhydrazin und den Ketonen« erhalten. Beide wurden in Erlangen mit gutem Erfolg promoviert.Reiseneggerist noch einige Zeit als Assistent geblieben, ging aber dann in die Industrie und zwar zu Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M. Er stammt aus Oberbayern, wenn ich mich recht erinnere, aus Murnau, wollte ursprünglich Offizier werden und hatte das Kadettenhaus in München absolviert. Infolge eines körperlichen Schadens war er aber zur Chemie übergegangen. Er ist in Höchstdurch alle Stufen des technischen Chemikers bis zum Mitglied des Direktoriums hindurchgegangen und jetzt im reiferen Alter vor einigen Jahren als Professor der Technologie an der technischen Hochschule zu Charlottenburg der Nachfolger vonWittgeworden.

Länger istLudwig Knorrbei mir geblieben, da er von vornherein sich für die akademische Laufbahn entschied. Er entstammt einer Münchener wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus dem bekannten Geschäft vonAngelo Sabadiniin der Kaufingerstraße und war schon in der Jugend nicht allein durch Klugheit, experimentelle Geschicklichkeit und Redegewandtheit, sondern auch durch besondere persönliche Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Nebenher huldigte er allem möglichen Sport, tanzte vorzüglich und spielte schon während der Münchener Zeit in der dortigen Gesellschaft z. B. auch im HauseBaeyerseine bedeutende Rolle. Unter anderem gelang es ihm trotz seiner Jugend und seiner noch unfertigen Laufbahn, das hübsche, viel umworbene FräuleinElisabeth Piloty, Tochter des großen Historienmalers in München zu gewinnen. Diese wurde schon im Frühjahr 1884 seine Gattin. Das Ehepaar ist dann später mit mir nach Würzburg übergesiedelt, und da ich von ihnen bis heute viel herzliche Freundschaft erfahren habe, so werde ich später auf sie zurückkommen.

In Erlangen trafen wir im Laboratorium den Privatdozenten der Chemie Dr.Vongerichten, einen geborenen Pfälzer, der vorher eine Zeitlang imBaeyer'schen Laboratorium gearbeitet hatte und mir deshalb gut bekannt war. Es hat mich gefreut, ihm einen Platz in dem hübsch eingerichteten Privatlaboratorium überlassen zu können, wo er seine wichtigen Versuche über die Verwandlung des Morphins in Phenanthren ausführte und damit für die Chemie des Alkaloids eine neue Periode eröffnete. Auch zu ihm bin ich in ein recht freundschaftliches Verhältnis getreten. Aber nach etwa drei Semestern verließ er die Universität und trat gleichfalls in die chemische Fabrik von Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M. ein, wo er zunächst im wissenschaftlichen Laboratorium Verwendung fand. Seine Anstellung hat sich für die Fabrik sehr gelohnt, denn sie ist dadurch indirekt in den Besitz des Antipyrinpatentes gelangt.

Studierende aus der früheren Zeit waren sehr wenig im Institut vorhanden, daVolhard, dem man allzu große Strenge in den Examinas nachsagte, nicht anziehend gewirkt hatte.

Die Abhaltung der großen Experimentalvorlesungen hat mir zuerst ziemlich viel Mühe gemacht; denn die zahlreichen Versuche, die dabei unentbehrlich sind, erfordern sehr genaue Vorübung, sowohl für den Professor wie für den Assistenten, und obschon das gute Buch vonK. Heumannüber Vorlesungsexperimente schon existierte, so habeich es doch für nötig gehalten, noch ein besonderes derartiges Buch für meine Vorlesungen mit allen Einzelheiten anzulegen. Das ist dann mitgezogen nach Würzburg und Berlin und selbstverständlich im Laufe der Zeit immer reichhaltiger geworden. Auch im Laboratorium lag der ganze Unterricht auf meinen Schultern, da mir nur junge und wenig geübte Assistenten zur Verfügung standen. Dazu kamen noch die Prüfungen und die Fakultätsgeschäfte und außerdem selbstverständlich die eigenen Untersuchungen.

Leider waren die technischen Einrichtungen des Instituts, vor allen Dingen die Ventilation ungenügend und sowohl ich, wie meine Assistenten haben besonders bei den häufigen Arbeiten mit Chlorphosphor darunter sehr gelitten. Ich werde auf diese Ventilationsfrage bei der Besprechung des Würzburger und Berliner Neubaues ausführlich zurückkommen.

Im Laufe von einigen Semestern wurde der Besuch des Laboratoriums wieder befriedigend. In der analytischen Abteilung hatten sich ziemlich viele Apotheker, einige Mediziner und auch Chemiker eingefunden und die kleine organische Abteilung war schon nach zwei Semestern so überfüllt, daß ich einen außer Betrieb gesetzten Teil des alten Gebäudes wieder in Benutzung nehmen mußte.

Von den neu hinzugekommenen Chemikern verdienen drei besondere Erwähnung, Dr.Ernst Täuber, ein Schlesier, der mir als Privatassistent bei der Bearbeitung der Acetonbasen geholfen hat; dannKužel, der zuletzt Unterrichtsassistent in der analytischen Abteilung war, und mit dem ich über die Hydrazine der Zimtsäure, das Indazol und Benzoylaceton gearbeitet habe; endlichJulius Tafel, der erst die Isomerie von Indazol und Isindazol untersuchte und in Würzburg an meinen Zuckerarbeiten teilnahm.

Täuberkam später an das technologische Institut zu Berlin und ist auch Mitglied des Patentamtes geworden.Kužel, ein sowohl körperlich wie geistig bevorzugter Mann, hat in der Fabrik von Meister Lucius & Brüning eine recht erfolgreiche Tätigkeit ausgeübt, ist aber später nach seiner Heimatstadt Wien zurückgekehrt und hat sich in der Elektrotechnik durch die Darstellung von Metallfäden aus kolloidalem Metall einen Namen gemacht.

Julius Tafelist der akademischen Laufbahn treu geblieben. Er wurde in Würzburg Privatdozent und später als Nachfolger vonHantzschordentlicher Professor und Direktor des Instituts. Leider zwang ein Lungenleiden ihn frühzeitig, seine erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeiten, besonders die elektrolytische Reduktion organischer Verbindungen, aufzugeben und ausschließlich seiner Gesundheit zu leben.

Von sonstigen Mitarbeitern erwähne ich nochO. Bülow, den VorlesungsassistentenKoch, der das Trimethylendiamin und die Synthesevon Harnstoffen aus solchen Diaminen bearbeitete, fernerElbers, der die ersten Hydrazinosäuren darstellte undHess, der an der Synthese von Indolderivaten aus Hydrazin teilnahm, dannHegel, einen Enkel des Philosophen, jetzt Mitglied des Patentamtes,Roeseund endlichAntrick, z. Zt. Direktor der chemischen Fabrik auf Aktien vormals Schering Berlin. Ein gewisse Ausnahmestellung nahmen einC. PaalundO. Hinsberg, weil sie über Thematas arbeiteten, die nicht von mir gestellt waren, aber dabei gerne theoretischen und experimentellen Rat und Hilfe von mir annahmen. Der erste hat damals seine interessanten Versuche über das Acetonyl-Aceton und seine Verwandlung in Furanderivate ausgeführt, ist später in Erlangen und dann auch in Leipzig als Nachfolger vonE. BeckmannProfessor für pharmazeutische und angewandte Chemie geworden.Hinsbergkam von Göttingen und hat in Erlangen die Chinoxaline entdeckt. Seine Publikation, die aus dem Erlanger Institut datiert war, hat mir einen Angriff vonG. Körnerin den Abhandlungen der römischen Akademie eingetragen.Körnerbehauptete dort, er habe das Chinoxalin vorHinsbergdargestellt und mir bei einem Besuche in Mailand davon mündliche Mitteilung gemacht. Ich habe auf den VorwurfKörners, der viel zu spät zu meiner Kenntnis kam, öffentlich nicht geantwortet, wohl aber habe ich an ihn privatim geschrieben und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß seine Klage durchaus unberechtigt sei. Ich selbst konnte mich in keiner Weise an eine solche MitteilungKörnerserinnern; aber selbst wenn diese wirklich geschehen ist, so hätteKörnermehrere Jahre Zeit gehabt, seine Beobachtungen zu publizieren. Nach einer so langen Frist aber auf eine angeblich private Äußerung hin, die sich in keiner Weise prüfen läßt, einen Prioritätsanspruch zu gründen und auch noch eine Anklage wegen Indiskretion gegen einen Fachgenossen zu erheben, ist eine sehr bedenkliche Art der Polemik, die gewiß kein vernünftiger Naturforscher anerkennen wird. Ich kann hier nur bezeugen, daß die Arbeit vonHinsbergauch nicht im geringsten durch die angeblicheKörner'sche Beobachtung beeinflußt war.

Wenn ich noch zufüge, daß ich in Erlangen die Osazone der Zucker auffand und damit die Grundlage für meine weiteren Zuckerarbeiten schuf, daß ich ferner durch Behandlung der Methylharnsäuren mit Chlorphosphor die ersten Oxypurine erhielt, daß fernerL. Knorrdas Antipyrin entdeckte, wobei er die schon von mir flüchtig beschriebene Reaktion zwischen Phenylhydrazin und Acetessigäther in sehr sinnreicher Weise benutzte, so wird man den Eindruck bekommen, daß wir fleißig bei der Arbeit waren. Nur die Abende blieben der Geselligkeit vorbehalten.

Die Stadt bot wenig, hier und da ein Konzert, das von musikliebenden Männern veranstaltet wurde. Wir hatten einmal bei solcher Gelegenheitdas Vergnügen,Bülowmit seinem vortrefflichen Orchester in Erlangen zu hören. Dann gab es zuweilen auch eine Vorstellung in dem alten markgräflichen Theater, das jetzt der Stadt gehörte und wo eine Nürnberger Truppe zu gastieren pflegte. Wollte man mehr von diesen Genüssen haben, so mußte man nach dem nahe gelegenen Nürnberg fahren.

Die Enge der kleinen Stadt führte die Angehörigen der Universität zu innigem Zusammenschluß. Der Familienverkehr wurde eifrig gepflegt. Ich selber habe bei meinem FreundeWilhelm Leubeund seiner GemahlinNatalie, einer Tochter des ausgezeichneten ChemikersAdolf Strecker, viel davon profitiert. Selbstverständlich verlangte FrauLeubevon ihren Freunden auch, wenn es nötig war, tätige Hilfe bei geselligen Veranstaltungen, und so mußte ich bei einem Ball, denLeubeals Prorektor der Universität gab, die Herstellung einer Riesenbowle übernehmen. Ich habe die Gelegenheit benutzt, um einen karnevalistischen Aufzug zu veranstalten, der auf eine Verherrlichung des Weines hinauslief. Die Hauptfigur war dabei der starke, blühende Diener des InstitutsGriesinger, der als Küfermeister auftrat und die Bowle in einem stattlichen Faß auf geschmücktem Handwagen in den Ballsaal hineinfuhr. Auf dem Faß saß als Bacchus verkleidet ein hübscher zehnjähriger Knabe, der Sohn des ChirurgenHeinecke, und um das Faß verteilt saßen die drei TöchterLeubesals Nymphen. Beim Umzug der Gruppe stimmte die ganze Gesellschaft das bekannte Rheinweinlied an: »Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher .....« Die Bowle, die ich aus 150 Flaschen Wein komponiert hatte, fand Beifall und war in wenigen Stunden ausgetrunken.

Am häufigsten trafen wir Unverheirateten uns natürlich im Gasthaus, wo ein sehr behaglicher Ton herrschte.

Von den jungen Medizinern sind mir am nächsten getreten die beiden AssistentenLeubes PenzoldtundFleischer. Mit dem ersten habe ich auch einige Versuche ausgeführt, besonders diejenigen über die Empfindlichkeit des Geruchsinns. Er ist jetzt ordentlicher Professor der inneren Medizin in Erlangen. Weniger glücklich hat sich das Schicksal vonFleischergestaltet.

Unter den älteren Medizinern warLeubewohl die hervorragendste Persönlichkeit. Sein Ruf als Arzt bei Krankheiten des Verdauungstraktus führte zahlreiche Patienten, darunter manche interessante Menschen, in die Erlanger Klinik.

Gerne erinnere ich mich auch an die anderen Mediziner, den pathologischen AnatomenZenker, den PhysiologenRosenthal, den ChirurgenHeinecke, den FrauenarztZweifelund vor allem an den Senior der Fakultät, den AnatomJ. v. Gerlach, meinen späteren lieben Schwiegervater. Er spielte in der medizinischen Fakultät einegroße Rolle nicht allein wegen seines wissenschaftlichen Ansehens und seiner Verdienste als Lehrer, sondern auch wegen seiner liebenswürdigen Persönlichkeit und seiner Bemühungen um das Wohl und Ansehen der Fakultät.

Uns Chemikern recht nahe stand der außerordentliche Professor der PharmakologieFilehne, der die fieberstillende Wirkung des Antipyrins zuerst feststellte und seine Einführung in die praktische Medizin besorgte.

Von den Juristen ist ProfessorMarquardsenals Politiker in der Öffentlichkeit am bekanntesten geworden. Er gehörte viele Jahre sowohl zum Reichstag, wie zum bayerischen Landtag. Ich habe später wiederholt in Berlin die Ehre und das Vergnügen gehabt, den alten erfahrenen, klugen und lebenslustigen Herrn in meinem Hause zu sehen. Solange meine Frau lebte, brachte er auch zuweilen seine Familie mit, die in Erlangen mit Gerlachs sehr befreundet war. Der zweite Jurist, mit dem ich öfter in Berührung kam, war der SchwabeHoelder, der später nach Leipzig gekommen ist.

Die Theologie war in Erlangen nur durch eine evangelische Fakultät vertreten, und diese betonte mit größter Entschiedenheit ihren rein lutherischen Charakter, so daß sie einem Vertreter der pfälzischen reformierten Gemeinden die Mitgliedschaft versagte. Die Fakultät genoß in der kirchlichen Welt einen guten Ruf. Zeugnis davon gab die große Anzahl junger Theologen aus Norddeutschland, die hier wenigstens einen Teil ihrer Studien absolvierten und gleichzeitig von der sehr billigen, aber auch sehr einfachen Lebensweise in der süddeutschen kleinen Stadt Nutzen zogen. Die Gewohnheit junger Theologen, sich frühzeitig zu verloben, wirkte anziehend auf heiratslustige Mädchen, und so war Erlangen das Refugium von mehr als 100 Pfarrerswitwen geworden, die hofften hier ihre Töchter an den Mann zu bringen. Um sich darüber lustig zu machen, hatte eine lose Verbindung von alten, etwas verbummelten Korpsstudenten, die glaubten in Erlangen leichter das Examen bestehen zu können, sich den Namen »Pfarrerstöchter« zugelegt.

Die philosophische Fakultät war im Gegensatz zu Würzburg und München nicht geteilt und ließ sich ohne sichtbares Widerstreben von ihrem Senior, dem HistorikerHegel, Sohn des Philosophen, in wichtigen Dingen gerne leiten. Von den Naturforschern erwähne ich den PhysikerLommel, einen verständigen und behaglich veranlagten Pfälzer, ferner den BotanikerRees, der unterde Baryeine vortreffliche Arbeit über die Hefen ausgeführt hatte, aber in Erlangen sich auf die Lehrtätigkeit und auf gesellige Bemühungen beschränkte, dann den talentvollen und witzigen ZoologenSelenka, der später mit seinerFrau große Reisen auf Java ausführte, den sehr verdienten MathematikerNoether, seinen äußerst komischen SpezialkollegenJordanund endlich den Professor der Pharmazie und angewandten ChemieAlbert Hilger. Dieser stand mir natürlich am nächsten, und wir haben auch zusammen ein chemisches Kolloquium eingerichtet.Hilgerbesaß damals den Ehrgeiz, sich mit rein chemischen Problemen zu befassen und hatte für den Zweck auch eine neue Auflage des bekannten Werkes vonHusemannüber Pflanzenstoffe herausgegeben. Da ich aber bald zu der Überzeugung kam, daß für diese Dinge seine Begabung und Ausbildung nicht ausreichten, so riet ich ihm, sich mehr auf praktische Dinge, namentlich auf die Nahrungsmittelanalysen zu werfen. Er hat das auch getan und besten Erfolg gehabt; denn seinen Bemühungen ist es wohl mit zuzuschreiben, daß in Bayern die Nahrungsmitteluntersuchung den Instituten für angewandte Chemie an den drei Landesuniversitäten übertragen wurde und daß dadurch die Kontrolle der Nahrungsmittel in Bayern viel früher und besser geordnet war, als in Norddeutschland, besonders in Preußen.Hilgerwar musikalisch und sorgte mit seiner klugen Frau, einer Holländerin, für die Pflege des musikalischen Lebens in Erlangen. Er ist später an die Universität München gekommen, wo er in der Nähe desBaeyer'schen Laboratoriums einen Neubau für pharmazeutische und angewandte Chemie errichtete.

Die Studenten spielten in Erlangen natürlich die Hauptrolle, weil ein erheblicher Teil der Einwohner von ihnen lebte. Auch das Verbindungswesen blühte in ungewöhnlicher Weise, und damit im Zusammenhang stand das Duellwesen, das trotz des gesetzlichen Verbots von jedermann als etwas Selbstverständliches und Nötiges angesehen wurde. Ja, ich selbst habe mich mitPenzoldt,Knorrund einigen anderen jungen Leuten noch an einem Kursus von Säbelfechten beteiligt, natürlich nur aus Freude an körperlicher Übung, während wir später zu unserer Überraschung hörten, daß es fürKnorreine Vorübung zu einer Säbelmensur war, die er mit Dr.Friedländerin München auszufechten hatte. Da ich außerdem wegen der Freude am Schwimmen die Universitätsbadeanstalt öfters besuchte, so widerfuhr mir die unerwartete Ehre, daß ich vom Senat zum Mitglied der Fecht- und Badekommission ernannt wurde und als solches tätigen Anteil an der Auswahl eines neuen Fechtmeisters nehmen konnte.

Im Jahre 1883 fand in der Direktion der Badischen Anilin- und Sodafabrik eine Personalveränderung statt. Vor allen Dingen wollte Dr.Heinrich Caro, der damalige Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums, in den Ruhestand bzw. Aufsichtsrat der Fabrik eintreten. Seinem Einfluß war es wohl zuzuschreiben, daß der Hauptaktionärder Fabrik und Vorsitzender des Aufsichtsrates HerrSiglaus Stuttgart mir den Vorschlag machte, Nachfolger vonCarozu werden. Obschon diese Stellung materiell sehr viel mehr einbrachte, wie jede Professur in Deutschland, so war mir doch die akademische Tätigkeit mit der vollen Freiheit wissenschaftlicher Arbeit sympathischer. Ich lehnte deshalb ab, nahm aber eine Einladung zu mehrwöchentlichem Besuch der Fabrik gerne an, teils aus Interesse für die Industrie der Teerfarben, teils in der Hoffnung, mir Rohmaterialien für meine Untersuchungen in großer Menge bereiten zu können. So bin ich denn im August 1883 nach Ludwigshafen-Mannheim gezogen. Der 14-tägige Aufenthalt war eine glückliche Kombination von eifriger Arbeit und fröhlicher Unterhaltung. Zunächst wurde ich durch die ganze Fabrik geführt und in jeder Abteilung von dem betreffenden Leiter in vertraulicher, aber sehr weitgehender Weise über die Einzelheiten der Betriebe unterrichtet. Das war eine Begünstigung, die nur selten wissenschaftlichen Chemikern zuteil wird, und ich verdankte sie wohl dem Wunsche der Direktion, dauernd mit mir in Verbindung zu bleiben. Gleichzeitig begannen im technischen Laboratorium größere Versuche zur Methylierung von Harnsäure nach der Vorschrift, die ich dafür in Erlangen ausgearbeitet hatte.

Als Rohmaterial hatte ich mir mehrere Kilo Schlangenexcremente aus Amsterdam durch Vermittlung von ProfessorForsterverschafft. Auf meine Erkundigung, weshalb das Material so teuer sei, erhielt ich die überraschende Antwort, daß es in Holland für die Herstellung von medizinischen Geheimmitteln verwendet werde und deshalb einen richtigen Marktpreis besitze. Die Überwachung der Methylierungsversuche, die wohl 10 Tage in Anspruch nahmen, hatte mein früherer Privatassistent Dr.Boeslerübernommen, so daß ich mich darum kaum zu kümmern brauchte. Anders war es mit einem zweiten Präparat, der Orthoaminozimtsäure, die ich aus einem in der Fabrik vorrätigen Material, der Orthonitrozimtsäure, durch Reduktion mit Eisenvitriol und Ammoniak nachTiemanndarstellte. Die Operation mußte in stark verdünnter Lösung vorgenommen werden und erforderte die Filtration eines dicken Schlammes von Eisenhydroxyd. Zu dem Zweck wurde mir eine richtige Betriebsapparatur der Azofarbenfabrik zur Verfügung gestellt. Bei dieser Arbeit, die ich selbst übernehmen mußte, war mir das strenge Rauchverbot innerhalb des Fabrikgebäudes recht schmerzlich, aber wenn der alteEngelhorn, Mitglied der Direktion, zum Plaudern mich besuchte, dann zündeten wir uns beide heimlich eine Zigarre an. Einmal erwischte uns dabei der Betriebsführer Dr.Burkhardt, ein alter Münchener Bekannter von mir. Es gab nun ein großes Donnerwetter und wir wurden mit unseren Zigarren rücksichtslos vor die Türe gesetzt.

Den Nachmittag benutzte ich entweder zu kleinen Ausflügen oder zur Ausübung der Hühnerjagd in der frucht- und wildreichen Umgebung von Ludwigshafen, wohin mich das Direktionsmitglied Dr.Karl Klemmin freundschaftlicher Weise mitnahm. Die Abende verbrachte ich regelmäßig im großen chemischen Kreise im Pfälzerhof zu Mannheim, der sich durch den Ausschank vortrefflichen Pfälzer Weines auszeichnete. Die Herren aus der Technik waren dankbar dafür, daß ich ihnen neben mancherlei Schnurren auch über die Fortschritte der Wissenschaft in breiterer Form als sie sonst es erfahren konnten, Auskunft gab, und es wurde scherzhaft der Vorschlag gemacht, mich dauernd als »Vortragenden Rat« der Fabrik anzugliedern. In der Tat machte mir zum Schluß meines Aufenthaltes das Direktorium den Vorschlag, gegen ein mittleres Jahresgehalt in ein Vertragsverhältnis zur Fabrik zu treten, wobei ich nur die Verpflichtung übernehmen sollte, bei Erfindungen auf dem Gebiete der Teerfarben und Heilmittel der Fabrik das Verkaufsrecht einzuräumen. Dasselbe Angebot richtete man anVictor MeyerundAdolf von Baeyer. Es ist aber nicht verwirklicht worden, weil bald nachher ein großer Personenwechsel in der Direktion der Fabrik stattfand.

Nach Erledigung meiner Arbeiten reiste ich von Mannheim nach Euskirchen, um meinem Vater bei der Hühnerjagd zu helfen. Hier hatte ich das Vergnügen, den Besuch vonVictor Meyerzu empfangen. Er hatte etwa ½ Jahr vorher imBaeyer'schen Hause den Wunsch geäußert, auch die Jagd kennen zu lernen, da dieser Sport ihm bisher fremd geblieben sei. Daraufhin lud ich ihn ein, während der Herbstferien zu uns an den Niederrhein zu kommen. Seine Zusage löste er nun ein. Leider hatte er kurz vorher anstrengende Hochgebirgstouren im Gebiete des Bernina gemacht und kam nun direkt aus dieser frischen Höhe ziemlich abgehetzt nach der warmen Ebene. Infolgedessen reichten seine körperlichen Kräfte nicht mehr aus, mit Genuß an der immerhin etwas anstrengenden Hühnerjagd teilzunehmen. Während mein Vater und ich ohne Ermüdung 6 bis 8 Stunden durch die Kartoffeläcker stiefeln konnten, lag er gewöhnlich nach 2 Stunden ermüdet hinter einem Busche. Leichter und interessanter war ihm deshalb eine kleine Jagd, die ich für ihn im Flamersheimer Walde veranstaltete. Er hatte dabei das auffallende Glück, im Laufe von etwa 2 Stunden von einem Rehbock und 5 Wildsauen angelaufen zu werden. Allerdings fehlte ihm die Übung, um eins der Tiere zu erlegen. Bei der Rüstung des Mittagsmahles, das unser Förster besorgte, mußten sich alle Mitglieder des kleinen Kreises am Kartoffelschälen beteiligen mit der Maßgabe, daß jeder so viel zu schälen habe, als er beabsichtige zu essen. Über diese eigenartige Sitte hatMeyerbesonders gelacht und dazu dasGeständnis abgelegt, daß er bisher nie in seinem Leben eine Kartoffel geschält habe.

Der Tag war wenig anstrengend, und diese Art der Jagd hat ihm besser gefallen, als das Ablaufen des freien Feldes. Da er aber offenbar jetzt seine Erfahrungen auf der Jagd für ausreichend hielt, so schlug ich ihm einen Ausflug nach der vulkanischen Eifel vor. Er war damit gerne einverstanden, und wir sind nun teils zu Wagen, teils zu Fuß über Rheinbach nach dem Ahrthal, von dort abwärts an den Rhein und dann durch das landschaftlich hübsche und geologisch sehr interessante Brohlthal nach dem lieblichen Laacher See, einem der schönsten Maare der vulkanischen Eifel gereist. Das hatMeyernatürlich in hohem Grade interessiert, und um ihm noch eine der charakteristischen Kohlensäurequellen dieser Gegend zu zeigen, führte ich ihn am nächsten Tage nach Burgbrohl zu dem aus der Münchener Zeit mir wohl bekannten Vetter Dr.Hans Andreae, der hier nach einer stürmischen Studienzeit als Fabrikant und Familienvater gelandet war. Er erzeugte hauptsächlich reine Alkalibicarbonate und benutzte dafür die natürliche Kohlensäure, die als sogen. Mofette in mächtigem Gasstrom aus der Erde kam und für die Zwecke der Fabrik durch ein Metallrohr gefaßt war. Die Quelle dient jetzt zur Herstellung von flüssiger Kohlensäure, die seitdem ein bedeutender Handelsartikel geworden ist.

Selbstverständlich statteten wir auch dem am See gelegenen schönen Jesuitenkloster Marialaach unseren Besuch ab und kehrten dann, immer bei herrlichstem Wetter, wieder nach Euskirchen zurück, woMeyervon meinem Vater, mit dem er sich rasch angefreundet hatte, Abschied nehmen wollte.

Inzwischen war vonWilhelm Königseine Einladung an uns eingelaufen, ihn in Cöln zu besuchen, wo erMeyerdie vielen Schönheiten der alten Handelsstadt zeigen wollte. Sie wurde angenommen. Auf der Fahrt empfing unsKönigsschon in Kierberg bei Brühl mit der Einladung, Station in dem Landhaus seines Bruders, des Cölner Bankiers zu machen. Den Auftrag dazu hatte er von seiner Schwägerin, einer geistig sehr angeregten Frau, erhalten, weil sie die beiden Professoren kennen lernen wollte. Mit der Lebendigkeit der Rheinländerin wußte sie uns bei einem lustigen Frühstück ziemlich ausführlich über unsere wissenschaftlichen Ziele auszufragen. Sie belohnte uns dafür durch reichliche Bewirtung und durch das Vorzeigen ihrer eigenen Kunstwerke, einer Reihe von leidlich gemalten Ölbildern. Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal meinen späteren SchülerErnst Königs, der jetzt Privatdozent in Breslau ist, als Knaben gesehen.

Meyerund ich haben uns dann getrennt, und er ist über Cöln nach Berlin zum Besuch seiner Eltern gefahren.

Zuvor hatten wir in Euskirchen auf seinen Vorschlag Duzbrüderschaft geschlossen, und ich muß gestehen, daß er mir dauernd ein lieber Freund geblieben ist. BeiMeyerwar körperliche Anmut mit ungewöhnlicher geistiger Begabung in glücklicher Weise vereinigt. Dazu kam eine natürliche Liebenswürdigkeit des Wesens und eine große Geschicklichkeit, sich der Umgebung anzupassen, so daß ihm die Sympathien der Menschen rasch zuteil wurden.

Sein BruderRichardhat ihm eine ausführliche Lebensbeschreibung gewidmet und ein weiteres Denkmal durch die Herausgabe seines Briefwechsels gesetzt. Aber trotzdem erscheint es mir nicht allein gerechtfertigt, sondern wie eine Art von Freundespflicht, auch hier eine kurze Charakteristik von ihm zu geben. Er war ein rascher Denker und verfügte infolge seiner Belesenheit und seines ausgezeichneten Gedächtnisses über ebenso gründliche wie ausgedehnte Kenntnisse. Drum schossen bei ihm die Ideen wie ein frischer und unversiegbarer Sprudel hervor, ohne daß er dabei die gesunde Kritik verloren hätte. So erklären sich auch seine außerordentlichen Erfolge in der Experimentalchemie, wo schöpferische Phantasie mit nüchterner Auswahl der lösbaren Probleme und der einfachsten Versuchsbedingungen verbunden sein muß. Sehr interessant war es, ihn über Fachgenossen reden zu hören, deren Vorzüge er gerne anerkannte und deren Schwächen er mit Freimut, aber ohne jede Bosheit, mehr im humoristischen Sinne beleuchtete.

Nebenher steckte in ihm ein gutes Stück Künstler mit aufrichtiger Freude an Musik, Deklamation, Schauspiel und Dichtkunst im weitesten Sinne. Das alles brach bei ihm spontan und mit natürlicher Anmut von Zeit zu Zeit hervor, so daß es, chemisch gesprochen, wie eine Transmutation vom Naturforscher zum Künstler aussah. Leider war damals sein Nervensystem schon durch übermäßige Arbeit, vielleicht auch durch zu reichlichen Genuß der Lebensfreuden, erschüttert, so daß er 1 Jahr später in Zürich zusammenbrach und Urlaub nehmen mußte. Es war um dieselbe Zeit, als ich aus anderen Gründen die Laboratoriumstätigkeit aufgeben mußte. Glücklicherweise haben wir beide eine Art von Renaissance erlebt, die allerdings beiMeyernur etwa 12 Jahre dauerte.

Im Oktober 83 trafen wir für kurze Zeit in München beiBaeyerzusammen und erfuhren hier die freudige Überraschung, daß unsBaeyerin einer behaglichen Plauderstunde gleichfalls die Duzbrüderschaft anbot. Wir beide verehrten in ihm den ausgezeichneten und lieben Lehrer und hatten nun das Recht erhalten, ihn in besonders trauter Weise »Freund« nennen zu dürfen. Soviel ich weiß, sind wir die einzigen Chemiker geblieben, die sich dieses Vorrechts rühmen durften.

In unserem Junggesellenkreise zu Erlangen gab es kein interessanteres Ereignis als die Verlobung einzelner Mitglieder. Im Winter 1883/84 erlebten wir das dreimal, beiLudwig Knorr,Leo Gerlachund dem schon 40jährigen MedizinerKieselbach. Sie wurden natürlich feierlich aus unserem Kreise entlassen und dafür haben wir an den Hochzeiten teilgenommen. Die erste vonLeo Gerlachfand in den Osterferien 84 in Nürnberg statt, weil die Braut der dort altangesessenen FamilieSeitzangehörte. Sie wurde mit dem großen, etwas steifen Pomp der alten Kunststadt abgehalten. Die zweite Hochzeit war in den äußeren Verhältnissen, besonders in der Zahl der Teilnehmer, bescheidener, aber mit feinem künstlerischen Geschmack hergerichtet. Sie fand statt in dem Hause des Direktors der Akademie der KünstePilotyzu München. Bei dem Festmahl war die Braut so gesetzt, daß das prächtige blonde Haar, welches dem Vater als Modell bei der Idealfigur der Thusnelda in dem bekannten Bild »Der Triumphzug des Germanikus« gedient hatte, allein von der Sonne beleuchtet und deshalb von einer Art Glorienschein umgeben war. Meine Nachbarinnen bei dieser Hochzeit waren die durch Schönheit ausgezeichnete Schwester der BrautJohanna, die spätere Frau vonHefner-Alteneck, und die gewandte redefertige BaroneßL. von Hornstein, die spätere zweite Frau vonLenbach.

Wegen meiner freundschaftlichen Beziehungen zuKnorrmußte ich eine Rede auf das Brautpaar halten und die Glückwünsche der jungen Erlanger Gesellschaft mit einem stattlichen Album von Photographien überbringen. Ich hatte mir die Rede natürlich vorher überlegt und eine Einleitung ausgedacht, die an die NamenKnorrundPilotyanknüpfte. Es war ein Schiffsvergleich, und nun wollte es der Zufall, daß gerade vor mir auf der Tafel ein prächtiges, in Silber gehaltenes Segelschiff stand, von dem ich jetzt natürlich ausging. Dadurch bekam die Rede einen ganz improvisierten Zug und am Schluß erklärte mir der Hochzeitsvater, dem seine Rede recht sauer geworden war, daß wir Professoren den Künstlern im Schwätzen doch über seien.

Von diesen beiden Hochzeiten kam ich mit einem Katarrh, der durch das 2jährige Arbeiten mit Chlorphosphor in dem schlecht ventilierten Privatlaboratorium vorbereitet und durch eine akute Erkältung verstärkt war, nach Hause zurück, reiste dann aber bald, ohne mich darum zu kümmern, zum Besuch meines Vaters und Schwagers nach Uerdingen. Hier habe ich mir wahrscheinlich auf der Jagd eine kleine Verletzung des Darms zugezogen, zu deren Beseitigung ich mich an den Chirurgen ProfessorBardenheuerim Cölner Bürgerhospital wandte. Ich wurde dort operiert und mußte 14 Tage zu Bett liegen. Leider stellte sich ziemlich hohes Fieber ein und infolge dieser ungünstigenUmstände entwickelte sich mein Bronchialkatarrh zu einem tüchtigen Husten. Aus dem Spital entlassen, bin ich statt nach dem Süden törichterweise nach Euskirchen gegangen, habe dort an der Jagd teilgenommen und mich neuen Erkältungen ausgesetzt. Jetzt nutzte auch ein 14tägiger Aufenthalt in Wiesbaden, wo abends immer ziemlich stark gekneipt wurde, nichts und so hat der Katarrh allmählich eine chronische Form angenommen. Am meisten beschädigt waren Nase, Hals und Trachea, und über den Nasenkatarrh war ich besonders unglücklich, weil mein sonst so feiner Geruchssinn völlig aufgehoben war und ich fast ½ Jahr kein Geruchsempfinden gehabt habe. Daran mögen zum Teil auch die Riechversuche, auf die ich später zurückkommen werde, schuld gewesen sein. Trotz des Katarrhs habe ich im Sommer Vorlesungen und Praktikum in Erlangen abgehalten, weil ich glaubte, daß in den Herbstferien die Krankheit geheilt werden könnte. Aber ich hatte noch immer nicht die richtige Lebensweise angenommen, denn das Rauchen, dem ich leidenschaftlich ergeben war, konnte ich nicht lassen, und im Weintrinken habe ich auch vielleicht damals mehr geleistet als gut war. Zudem ließ ich mich im August vonFleischerundPenzoldtüberreden, mit nach Pontresina im Engadin zu gehen. Die Reise dahin fing schon mit einem Wagenunglück an, das recht böse Folgen hätte haben können.Fleischerund ich hatten nämlich, um die überfüllte Post zu vermeiden, in Chur einen Privatwagen gemietet, ohne über die Eigenschaften der Pferde und des Kutschers uns zu unterrichten. Nach einigen Stunden leidlicher Fahrt begegneten wir einem italienischen Orgeldreher, der seinen Leierkasten mit einer buntgefärbten Decke überzogen hatte. Davor scheute das eine Pferd, der Kutscher verlor die Herrschaft über die Tiere, und wir stürzten, nachdem das schlechte Geländer durchbrochen war, von der Straße etwa 5 m bergab, glücklicherweise auf eine Wiese. Ich hatte das Unglück kommen sehen, war aufgestanden und wollte aus dem Wagen herausspringen. Es war aber zu spät und ich flog in weitem Bogen aus dem Gefährt heraus in die Wiese hinein. Ich bin niemals in meinem Leben vom Boden so rasch wieder aufgesprungen, weil ich fürchtete, daß der Wagen nachkommen würde. Der war aber inzwischen ganz umgeschlagen und stark beschädigt liegen geblieben. AuchFleischerwar herausgeflogen und hatte sich einen Arm ziemlich stark verstaucht. Merkwürdigerweise blieben die Schuldigen, d. h. der Kutscher und die Pferde, ganz unverletzt. Der Absturz war auf etwa 500 m Entfernung von den Gästen eines kleinen Schwefelbades Alvaneu beobachtet worden, und als wir dort einkehrten, um uns durch ein Mittagsmahl von dem Schrecken zu erholen, wollte die Tischgesellschaft es nicht glauben, daß Männer, die soeben einer wirklichen Lebensgefahrentgangen waren, Lust zum Essen haben könnten. Ich hatte nun die Freude am Wagenfahren verloren. Wir gaben deshalb unsere Koffer auf die Post und machten den Rest des Weges nach Pontresina zu Fuß. Hier bin ich nur einige Wochen geblieben, weil der Aufenthalt in der trockenen und abends kalten Luft, das Unternehmen verschiedener kleiner Gletschertouren und das abendliche stundenlange Verweilen in einer rauchigen Bierkneipe meinem Katarrh nur schädlich waren. Ich zog es deshalb vor, nach dem niedriger gelegenen Kurort Flims in Graubünden zu gehen, wo ich mit FreundKönigszusammentraf und einige vergnügte Wochen verbrachte. Hier habe ich auf eigentümliche Art den Präsidenten des Schweizer SchulratsKapplerkennen gelernt. In dem mit dem Hotel verbundenen Bierhause war nämlich allabendlich eine Gesellschaft von älteren Schweizer Herren versammelt, die sich mit dem in der Schweiz üblichen Kartenspiel »Jass« vergnügten. In diesem kleinen Kreise zeichnete sich durch Lebhaftigkeit, originelles Äußere und kräftige Witze ein alter Herr so sehr aus, daß wir uns nach seinem Namen erkundigten. Es war HerrKappler, den alle jungen Dozenten der Naturwissenschaften in Deutschland dem Ruf nach kannten. Unsere Neugierde war dem alten Herrn verraten worden. Er hat sich dann auch erkundigt, und als wir am nächsten Tage bei Tisch saßen, schickte er den Kellner zu mir mit der Frage, ob ich derOttooder derEmilwäre; denn er war über die jungen Naturforscher in Deutschland ausgezeichnet unterrichtet. Wir sind dann in persönliche Berührung gekommen, und er sprach sofort den Wunsch aus, daß ich die Professur der Chemie am Polytechnikum in Zürich übernehmen möchte, daVictor Meyeram Ende des nächsten Wintersemesters nach Göttingen übersiedeln werde. Als ich ihm erwiderte, daß ich augenblicklich leidend sei und erst meinen Katarrh kurieren müsse, wollte er mit Rücksicht auf mein gesundes Aussehen nichts davon wissen und wiederholte mehrere Wochen später das Angebot brieflich, nachdem er seinen Kollegen im Schulrat Bericht erstattet hatte. Der Ruf war sehr verlockend, da ein prächtiges neues Institut für Chemie gebaut werden sollte, wozu die Pläne vonVictor MeyerundLungein Verbindung mit einem ausgezeichneten Baumeister schon fertiggestellt waren. Auch hätte es für mich einen Reiz gehabt, der NachfolgerMeyerszu werden, aber ich war doch zu unsicher, ob ich bei meinem Gesundheitszustand den Anstrengungen der Züricher Professur gewachsen sein würde, dennMeyerwar doch zuletzt auch zusammengebrochen und hatte lebhafte Klage über das aufreibende Leben und Treiben in Zürich geführt. So lehnte ich denn wieder ab.

Auf der Rückreise von Flims drohte mir wieder die Gefahr eines Wagenunglücks, denn alsKönigsund ich von dort in einem Zweispännernach Chur fuhren, stürzten unmittelbar vor dem Hotel auf dem glatten Pflaster beide Pferde zur Erde. Glücklicherweise blieben wir im Wagen unversehrt, aber meine Abneigung gegen Wagenfahrten ist durch den Vorfall noch verstärkt worden.

Den Rest der Ferien verbrachte ich in Südtirol, Brixen und Meran, wo aber infolge der Hitze und des Staubes der Bronchialkatarrh auch nicht völlig ausheilte. Die Folge davon war, daß ich bei einem kurzen Aufenthalt in München mir sofort einen neuen akuten Katarrh zuzog und kränker nach Erlangen zurückkehrte, als ich es im August verlassen hatte. Ich kam deshalb zu der Überzeugung, daß eine längere ernsthafte Kur nötig sei und nahm langen Urlaub, der mir vom Ministerium in München in der freundlichsten Weise gewährt wurde. Damit aber das Institut nicht ganz verwahrlost bleiben sollte, so schlug ich der Fakultät vor, meinen VetterOtto Fischer, der in München Privatdozent der Chemie war, als provisorischen Vertreter für die Zeit der Krankheit anzunehmen. Das ist auch geschehen, und hat dann zur Folge gehabt, daß er ein Jahr später, als ich nach Würzburg übersiedelte, definitiv mein Nachfolger wurde. Der Vetter hat nicht allein meine Vorlesungen und die Leitung des Laboratoriums, sondern sogar die Wohnung einschließlich der Haushälterin für die Zeit meines Urlaubs übernommen. Ich bin noch bis Ende November in Erlangen geblieben, um ihn in alle Geschäfte einzuführen, und während dieser Zeit hatte ich das besondere Vergnügen, Herrn Kappler aus Zürich nochmals zu sehen. Nach meiner Ablehnung hatte er sich trotz seines hohen Alters und seiner schlechten Augen entschlossen, eine Rundfahrt durch Deutschland zu machen, um die jungen Dozenten der Chemie kennen zu lernen. Begleitet von seiner Tochter erschien er auch in Erlangen, um die Bekanntschaft meines Vetters zu machen und seine Vorlesungen zu besuchen. Ich lud ihn zu Tisch, und als wir vergnüglich getafelt hatten und er mich in guter Laune glaubte, machte er einen letzten Versuch, mich zu gewinnen. Er behauptete dabei, daß ich gar nicht so krank sei, er riskiere es ruhig mit mir und dann setzte er mit erstaunlicher Beredsamkeit die Vorzüge von Zürich auseinander, wobei er besonders die Annehmlichkeiten betonte, welche dort einem Junggesellen durch die Freiheit der Sitten geboten seien. Da er aber bald einsehen mußte, daß er mit mir kein Geschäft machen könne, so beschränkte er sich schließlich darauf, mir eine Reihe von interessanten Begebenheiten aus seinem Leben, vermischt mit köstlichen Schnurren, zu erzählen. Er war ein vortrefflich unterrichteter, sehr kluger Mann, mit allen guten Eigenschaften des Schweizers ausgestattet, der keine Mühe scheute, seinem geliebten Polytechnikum die bestmöglichen Lehrkräfte zuzuführen. Die große Blüte dieser Schule ist damals sicherlich zum erheblichenTeil das Werk vonKapplergewesen. Als ich ihm 4 Jahre später von Würzburg meine Verlobung anzeigte, schrieb er mir einen ebenso liebenswürdigen wie interessanten Brief. Das einzige, was ihm leid tue, sei, daß die Verlobung nicht in Zürich erfolgte. Dann kam eine lange Auseinandersetzung über die Bemühungen der Schweiz, auf dem weiten Gebiete des Unterrichts verhältnismäßig mehr zu leisten, als die europäischen Großstaaten, wo so viel geistige Kräfte durch die Politik und das Militär in Anspruch genommen seien.

Als er in Erlangen von mir Abschied nahm, sagte er: da ich nicht zu haben sei, so werde er sich jetzt um keinen fremden Rat mehr kümmern und einfach seiner Nase nachlaufen, um einen möglichst guten Nachfolger fürMeyerzu gewinnen. Seine Wahl ist dann aufHantzschgefallen.

Anfangs Dezember verließ ich Erlangen, und da mir der dauernde Aufenthalt in den Kurorten zuwider geworden war, so ging ich zuerst zu meinem SchwagerArthur Diltheyin Rheydt, der ein behaglich eingerichtetes, mit Zentralheizung versehenes Haus besaß und mich ebenso liebenswürdig wie scherzhaft zur Kur in der Winterfrische zu Rheydt eingeladen hatte. Hier habe ich drei vergnügte Monate zugebracht. Der Tag wurde zu größeren Spaziergängen benutzt, und abends spielte ich, angeblich um die Stimme zu schonen, mit dem Schwager undAugust FischerSkat. Dabei passierten aber so komische Dummheiten, daß wir aus dem Lachen nicht herauskamen, und da auch fleißig Wein getrunken wurde, so war es nicht gerade die Kur, die für die Heilung des Katarrhs nötig gewesen wäre. Aber er wurde auch nicht schlimmer und meine Gemütsverfassung hatte sich in dem lustigen rheinischen Kreise außerordentlich gebessert. Selbstverständlich kam ich auch mit meinen anderen Schwägern und den Schwestern häufig zusammen, und die alte Tante »Lisettchen« ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, den Neffen von Zeit zu Zeit einzuladen.

In der Weihnachtswoche kam es bei meinem Schwager zu einem kleinen Brand, der recht üble Folgen hätte haben können. Der in der trockenen Luft der Zentralheizung ganz ausgedörrte Christbaum wurde auf Wunsch der Kinder nochmals angezündet. Dabei fingen die harzreichen Nadeln Feuer und in kurzer Zeit war der ganze Baum am Brennen. Mir selbst war das kein ungewohntes Schauspiel, da man im Laboratorium ja öfters solche raschen Brände erlebt. Aber auf die Familie meines Schwagers, besonders auf die Kinder machte es einen ganz lähmenden Eindruck, und die Erzieherin der Kinder war so außer Fassung, daß sie direkt in das Feuer hineinlaufen wollte, um zu löschen. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie und die Kinder mit einiger Gewalt vor die Tür zu setzen, und dann das Kommando auszugeben: »Ruhigausbrennen lassen.« Das war in einer halben Stunde geschehen, einige Vorhänge waren mitverbrannt, einige Bilder und Teppiche beschädigt. Dem Umgreifen des Feuers hatten wir mit ein paar Eimern Wasser gewehrt und die Sache war erledigt. Ich habe seitdem immer davor gewarnt, Christbäume in Häusern mit Zentralheizung nach mehrtägigem Stehen nochmals anzuzünden.

Bei der Weihnachtsbescherung passierte eine schnurrige Geschichte, die bezeichnend ist für den Kunstsinn der Kinder. Mein Schwager hatte als Geschenk einen Gipsabguß der Büste der Venus von Milo bekommen, die von den Kindern wegen der abgeschnittenen Glieder nicht sehr freundlich kritisiert wurde. Plötzlich erhebt die kleineElsedie Frage: »Was hat die da für Buckel auf der Brust?«, worauf der noch jüngere sechsjährigeAlfredihr antwortete: »Wie dumm, Else, das sind doch Furunkel.«

Im Februar 1885 entschloß ich mich, das Frühjahr am Mittelmeer zu verleben, und mein FreundVictor Meyer, der inzwischen ebenfalls nervös erkrankt war und an heftiger Neuralgie litt, riet mir nach Ajaccio auf Corsica in den Schweizer Hof der Frau Dr.Müllerzu gehen. Niemals ist mir ein besserer Rat bezüglich eines Kurortes erteilt worden. Die Reise ging über Paris und Marseille. Als ich in Paris abends einen kleinen Spaziergang auf dem Boulevard machte, verlor ich meine goldene Uhr und merkte es erst, als ich etwa 20 Schritte weiter gegangen war. Ich kehrte natürlich sofort um und hatte auch das Glück, die Uhr noch auf dem Boden zu finden, obschon eine ganze Reihe von Menschen die Stelle passiert hatten.

In Marseille kam ich mit einem großen Kreditbrief eines Cölner Bankhauses an, der auf eine ziemlich hohe Summe ausgestellt war, weil ich die Absicht hatte, an den Aufenthalt in Corsica eine Seereise nach Brasilien anzuschließen. Als ich mit diesem Brief in dem Geschäftshause, auf das es ausgestellt war, einige 1000 Frcs. abheben wollte, erklärte man mir, die Kasse enthielte so viel nicht. Es gab ein großes Gelächter, und ich mußte warten, bis das Geld von der Bank herbeigeschafft war. Marseille, das ich schon kannte, hat mir wegen seiner prächtigen Lage und der hübschen Hafenbauten immer von neuem sehr gefallen.

Die Seefahrt nach Ajaccio, die etwa 20 Stunden dauerte, ist mir noch in freundlicher Erinnerung. Die Franzosen waren bei der Tafel von ausgezeichneter Höflichkeit. Auf dem Schiff befanden sich auch eine Reihe von Sträflingen, die in Corsica eine längere Gefängnisstrafe abbüßen sollten. Sie unterhielten sich gegenseitig in der lauen, sternenklaren Nacht bei ganz ruhiger See mit Gesang und übermütigen Scherzen. Von dieser Fröhlichkeit wurde die ganze übrige Gesellschaft beeinflußt,und bei mir kam das angenehme Gefühl hinzu, daß die milde feuchte Luft des Mittelmeers für die erkrankten Schleimhäute meiner Atmungswege das richtige Kurmittel sei.

Früh morgens sahen wir schon die Schneeberge Corsicas winken und bei der Einfahrt in Ajaccio bot sich uns ein so prächtiger Anblick, wie ihn nicht viele Orte des Mittelmeeres gewähren.

Im Gasthof wurde man besonders freundlich empfangen, da der Besuch infolge der Choleraepidemie des vergangenen Sommers noch recht schwach war.

Corsica hat in den Monaten März und April so gute klimatische Verhältnisse, wie wenige Orte am Mittelmeer, sehr viel Sonne und mittags die kühle frische Seebrise, abends bei Sonnenuntergang nochmals eine kurze Periode der Abkühlung und dann gleichmäßige Temperatur bis tief in die Nacht hinein. Da man außerhalb der Stadt wohnte, blieb man auch von jedem Staub verschont, der an der Riviera die Menschen so stark belästigt; denn es gab in Corsica wohl Straßen, aber keine Fuhrwerke darauf. Unter diesen günstigen Bedingungen ist mein Bronchialkatarrh in 8 Wochen geheilt. Es blieb aber eine Neigung zu akuten Rückfällen, die mich noch einige Jahre nötigte, Erkältungen und auch die schädlichen Gase des Laboratoriums so weit wie möglich zu vermeiden. Erst nach 33 Jahren bin ich wieder von einem influenzaartigen Bronchialkatarrh überfallen worden, der nicht heilen wollte, und nach sechs Wochen zu einer Lungenentzündung führte. Diese doppelte Erkrankung war dann der Grund, im April und Mai 1918 zur Erholung sechs Wochen in Locarno am Lago Maggiore zuzubringen, und die unfreiwillige Muße habe ich benutzt, um den ersten Teil dieser Erinnerungen niederzuschreiben.

Corsica ist ein wildes Gebirgsland, dessen höchste Spitzen, der Monte d'Oro und Monte Rotondo, ewigen Schnee und sogar kleine Gletscher tragen. Der Hauptgebirgsstock besteht aus Granit, der hier durch den am Mittelmeer überwiegenden Kalk durchbrochen ist. Von der Wildheit der Natur ist etwas auf die Einwohner übergegangen; denn sie sind bekannt als kühne Krieger und rühmen sich gerne als die Landsleute von Napoleone Buonaparte. Seit Jahrhunderten üben sie die Blutrache, und noch zu meiner Zeit gab es ein Dorf in entlegener Gegend, das fast ausschließlich von solchen Mördern bewohnt war, die sich hierher geflüchtet hatten und der französischen Gendarmerie nicht selten bewaffneten Widerstand entgegensetzten. Die barbarischen Sitten des Landes sind in dem bekannten Buche vonGregoroviusgenau geschildert, und wer sie in anmutiger Schilderung kennen lernen will, der lese die vortreffliche Novelle vonProsper Merimée»Colomba«. Die Wahrung der Familienehre erschien den Corsen seit Jahrhundertenals erste Pflicht. Wir haben davon ein treffliches Beispiel miterlebt. In einem benachbarten Hotel hatte ein Rechtsanwalt aus Zürich versucht, ein corsisches Dienstmädchen zu gewinnen. Der Erfolg war negativ. Aber nach kurzer Zeit erschienen zwei Verwandte des Mädchens, Bauern aus der Umgegend, natürlich bis an die Zähne bewaffnet, und ersuchten den Rechtsanwalt um eine Unterredung. Dieser war klug genug, zu erklären, er habe dem Mädchen einen ehrlich gemeinten Heiratsantrag gemacht. Das wirkte beruhigend und die beiden Männer entfernten sich, nachdem sie noch den dringenden Rat erteilt hatten, er möge das Mädchen nicht weiter belästigen. Nach der Aussage von Sachverständigen würden diese Männer den Rechtsanwalt, falls er nicht eine der Familienehre genügende Erklärung abgegeben hätte, im Hotel niedergeschossen haben.


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