Geschossen wurde überhaupt in Corsica viel zu viel; denn die Jagd war frei und jeder erwachsene Mann hielt sich für verpflichtet, davon Nutzen zu ziehen. Bei weiteren Spaziergängen mußte man in der Tat einige Vorsicht gebrauchen, um nicht von leichtsinnigen Jägern angeschossen zu werden. Für die friedliche Arbeit scheinen die Corsen wenig geschaffen zu sein; denn die Landeskultur war durchweg vernachlässigt, und wo fleißige Arbeiter am Werk waren, konnte man sicher sein, daß es geworbene Italiener vom Festlande waren.
Da mein Katarrh geheilt war und mir die Nachricht zuging, daß durch den Tod vonKolbedemnächst eine Verschiebung der Professuren der Chemie stattfinden werde, so gab ich die Reise nach Südamerika auf und kehrte über die Schweiz nach Erlangen zurück. Auf der Durchreise habe ich in GenfCarl Graebebesucht, der mir das neue, mit großem Geldaufwand gebaute Universitätslaboratorium zeigte. Wir sind später noch öfter während der Ferien in der Schweiz oder im Schwarzwald zusammengetroffen, und ich werde noch mehr über diesen vortrefflichen Mann zu sagen haben.
Da mein Urlaub bis zum Herbst lief, so habe ich mich nur einige Wochen in Erlangen aufgehalten, um meinen VetterOttound die anderen Freunde zu begrüßen, und bin dann zum längeren Aufenthalt nach Badenweiler in den Schwarzwald gegangen. Auf der Hinreise machte ich kurze Rast in Frankfurt und besuchte die Höchster Farbwerke, den dort tätigen FreundVongerichtenund vor allem auch Herrn Dr.Lucius, Mitinhaber der Firma, der mir vorher einen Besuch in Erlangen abgestattet hatte. Ich wurde nicht allein in der Fabrik, sondern auch in der FamilieLuciusauf das Freundlichste aufgenommen und bin mit dem Hausherrn bis in die Berliner Zeit hinein in Verkehr geblieben.
In Badenweiler mit seiner prächtigen Umgebung habe ich das Schlaraffenleben von Corsica etwa noch 5 Wochen fortgesetzt, biseines Tages eine Depesche von dem Würzburger ProfessorSempereintraf, der mich zu einer Unterredung nach Heidelberg einlud. Es war mir bereits bekannt, daßJ. Wislicenusals Nachfolger vonKolbenach Leipzig berufen war, und daß die Würzburger Professur für Chemie neu besetzt werden mußte. Daß man an mich denken würde, hielt ich für unwahrscheinlich, da ich wegen Krankheit mich in Urlaub befand und solche Dinge gerüchtweise immer stark übertrieben werden. In der Tat hatte auch die Fakultät in Würzburg auf mich verzichtet undO. Wallachdem Ministerium zu München vorgeschlagen. Ehe aber dort die Entscheidung fiel, hatte FräuleinBertha Streckeraus München, die Schwester von FrauLeube, in Erlangen erfahren, daß ich wieder gesund sei und diese Nachricht nach Würzburg überbracht. Das veranlaßte ProfessorSemper, Mitglied der philosophischen Fakultät, die Möglichkeit meiner Berufung wieder in Erwägung zu ziehen, und zu dem Zweck die Zusammenkunft mit mir zu veranstalten. Sie fand statt im Hotel Schlieder zu Heidelberg, und, wie ich bald merkte, lief sie hinaus auf eine Prüfung meines Gesundheitszustandes, wozu sich offenbarSemperals Zoologe besonders geeignet hielt. Als später die Sache in Würzburg ruchbar wurde, erzählten sich die Leute dort, man habe mich von einem Tierarzt untersuchen lassen. Genug,Sempermachte mir den Vorschlag, einen Spaziergang zum Schloß zu unternehmen. Obschon er viel älter war als ich, schlug er absichtlich einen raschen Schritt an, so daß er ganz atemlos oben ankam, während ich, an das Bergsteigen damals gewöhnt, mich bei dem Tempo sehr behaglich fühlte. Dann kam die zweite Probe,Semperschlug vor, eine Flasche Sekt zu trinken. Auch das war mir nicht unsympathisch, da der Genuß von Wein zu meinen Gewohnheiten gehörte. Der Erfolg dieses Frühstücks war dann auch, wie man erwarten konnte, eine leichte Betrunkenheit des älteren Herrn ohne Mitleidenschaft des jüngeren Kollegen. Das Examen war bestanden.Semperreiste nach Würzburg zurück, erklärte seinen Fakultätsgenossen, »derFischerist ein ganz starker, leistungsfähiger Mann, der uns alle überleben wird«, worin er auch recht behalten hat. Infolgedessen ging ein neuer Vorschlag der Fakultät nach München und etwa einem Monat später erhielt ich wirklich vom Ministerium den Ruf nach Würzburg. UmWallachhat es mir leid getan, denn er war über den ersten Vorschlag der Fakultät unterrichtet. Aber ich konnte deshalb nicht zurücktreten, und da mir der Wechsel nach Würzburg außerordentlich sympathisch war, so nahm ich das Angebot des Ministeriums gerne an.
Zuvor hatte ich einen mehrwöchigen Aufenthalt in Homburg v. d. Höhe genommen, von dem mir zwei Ereignisse in Erinnerung geblieben sind.
Zunächst wieder ein Wagenunglück. Ich besuchte die mir von Lebzeiten ihres Gemahls her wohlbekannte Frau Dr.von Brüning, geb.Spindleraus Berlin auf ihrem prächtigen Landsitz bei Homburg und sie lud mich zu einer Wagenfahrt ein. Ich suchte das abzulehnen mit der Motivierung, daß das Wagenfahren für mich zu viele Gefahren bringe. Sie ließ diese Bedenken aber nicht gelten, weil Pferde und Kutscher bei ihr durch langjährige Dienste bewährt seien. Wie fuhren also in Begleitung ihres Sohnes nach der nahegelegenen Saalburg im Taunus. Als wir uns glücklich wieder auf dem Rückweg und auf der ebenen Landstraße befanden, stieß plötzlich der Kutscher einen Schrei aus und fiel bewußtlos vom Bock. Die Zügel schleiften natürlich an der Erde. Glücklicherweise trabten die alten Pferde ruhig weiter, bis der jungeBrüningvom Wagen auf den Bock klettern und dort die Zügel fassen konnte. So ging die Sache ohne Schaden für uns vorüber. Der kranke Kutscher wurde nun in den Wagen gesetzt und nach Hause gefahren. Wir folgten zu Fuß und Frauvon Brüningwar doch etwas erschüttert durch das prompte Eintreffen meiner Unglücksprophezeiung. Sie hat daraus die Konsequenz gezogen, in Zukunft neben den Kutscher stets noch einen Diener auf dem Bock sitzen zu lassen.
Zufälligerweise hatte auch die FamilieMeisterin Homburg eine Sommerwohnung bezogen und auf meinen Besuch hin wurde ich zu einer Abendgesellschaft zugezogen, an der die Fürstin Bismarck und ihr Sohn Herbert teilnahmen. Es war mir natürlich sehr interessant, die nächsten Angehörigen des großen Reichskanzlers kennen zu lernen. Sie gaben sich als einfache natürliche Menschen. Besonders galt das von der Fürstin, die in fast burschikoser Weise von ihrer eigenen Person redete.
FrauMeisterwar die Schwester von FrauLuciusund beide waren wieder die Töchter eines Kunstmalers aus Frankfurt a. M., in dessen Haus Bismarck verkehrt hatte, als er preußischer Gesandter beim Bundesrat in Frankfurt war. Daher stammte die Freundschaft zwischen den beiden Damen und der Familie Bismarck, und das hatte mir die unerwartete Ehre eingetragen, mit der Fürstin und ihrem Sohn zusammenzutreffen.
Inzwischen war der Würzburger Ruf eingetroffen. Ich ging deshalb nach Erlangen, um den Umzug vorzubereiten und machte bald nachher einen Besuch beiJ. Wislicenusin Würzburg, um mich bei ihm über die dortigen Verhältnisse, insbesondere auch über die Einrichtungen des Instituts zu unterrichten. Wir kannten uns schon von den Naturforscherversammlungen und von festlichen Veranstaltungen der Universitäten Würzburg und Erlangen.
Er war eine sympathische Persönlichkeit, von sehr würdiger äußerer Erscheinung und liebenswürdigem Wesen. In seiner kinderreichenFamilie herrschte er wie ein Patriarch. Von seinen Schülern wurde er allgemein verehrt als wohlwollender Lehrer und vornehmer Charakter. Die Universität Würzburg hatte ihn zweimal zum Rektor gewählt, und als solcher hat er das 300jährige Jubiläumsfest der Hochschule in mustergültiger Weise geleitet. Sein Lebenswerk ist in einer vonBeckmannverfaßten Biographie geschildert und niemand wird die Verdienste leugnen wollen, dieWislicenusdurch seine Arbeiten über Milchsäure, die Acetessigester-Synthese und namentlich später durch die vielen Anregungen auf stereo-chemischem Gebiete erworben hat. Aber als Chemiker und Naturforscher repräsentierte er doch einen ganz anderen Typ wieBaeyer,HofmannoderLiebigundWöhler. Ihm kam es mehr darauf an, vorgefaßte theoretische Ansichten durch ein Experiment zu prüfen, als empirisch den Erscheinungen zu folgen und auf unerwartete Vorgänge zu fahnden. Untersuchungen, wo große experimentelle Schwierigkeiten zu überwinden waren, hätte er wahrscheinlich nicht anstellen können. Dem entsprach auch die ziemlich dürftige Einrichtung des Würzburger Instituts, das vonScherer20 Jahre früher erbaut worden war, ohne an die Bedürfnisse unserer rasch fortschreitenden Wissenschaft zu denken. Das erste, was ich in Würzburg tat, war der Vorschlag, die ganz ungenügende Ventilation durch Anlage neuer Abzüge zu verbessern.Wislicenushat mich dabei in liebenswürdigster Weise unterstützt und bei dem Verwaltungsdirektor der Universität, ProfessorRisch, der aus den Einkünften der Hochschule ziemlich große Mittel zur Verfügung hatte, meine Forderung warm befürwortet. Die Verhandlungen endigten denn auch mit einer Bewilligung von etwa 6000 Mk. Dafür verlangteRischvon mir das feierliche Versprechen, daß ich niemals mehr die Mittel der Universität in Anspruch nehmen würde. Ich gab dasselbe lachend mit der Bemerkung, daß ich es bei der nächsten Gelegenheit brechen würde. Das ist schon nach einigen Jahren geschehen, und ich muß zu Ehren des KollegenRischzufügen, daß er für meine Wünsche immer eine offene Hand gehabt hat. Die kleinen Neueinrichtungen im Institut wurden während der Ferien ausgeführt, so daß Ende Oktober alles für die Arbeit bereit war. Für die Anlage der Abzüge hatte ich ein sehr einfaches System ausgedacht. Tonröhren, wie man sie für Aborte verwendet, wurden an die Wände gelegt, mit eisernen Schellen befestigt, über Dach geführt und dort durch einen zweckmäßigen Aufsatz gegen die schädliche Wirkung des Windes geschützt. Unten, im Arbeitsraum war ein Kniestück eingesetzt, um das Herabfallen des Schmutzes aus den Röhren zu verhindern. Um diese untere Öffnung des Rohres wurde dann der eigentliche Abzug in Holz und Glas gebaut. Eine Lockflamme in dem Rohr besorgt den nötigen Luftzug. Diese einfacheForm des Abzuges läßt sich in jedem Gebäude anbringen und ist deshalb höchst empfehlenswert, wo es sich darum handelt, provisorische Laboratorien in fertigen Häusern einzurichten.
Von Erlangen waren mit übergesiedeltJ. Tafelund die FamilieKnorr, die jetzt außer dem jungen Ehepaar noch einen Sohn zählte. Da sich für letztere keine passende Wohnung fand, so machte es mir ein Vergnügen, sie in die große Dienstwohnung des Instituts aufzunehmen, bis sie im Frühjahr ein Quartier außerhalb fand.
Die alten Assistenten des Instituts warenJ. Wislicenusnach Leipzig gefolgt. Dagegen hatte er mir seinen SohnWilhelmzurückgelassen, dem ich gerne eine Assistentenstelle anvertraute, und der mir auch ein sehr lieber Freund geworden ist. Er konnte ebenfalls noch im Institut Quartier nehmen.
Knorr, der schon in Erlangen sich habilitiert hatte, wurde auf meinen Antrag ohne weiteres von der Würzburger Fakultät als Privatdozent übernommen und von mir mit der Leitung der analytischen Abteilung im Institut betraut. Für diese war der einzige große Arbeitssaal des Hauses reserviert, während die organische Abteilung sich mit einem kleinen Anbau und dem darunter befindlichen Keller begnügen mußte. Alles das war recht dürftig und auch recht unpraktisch angelegt. Der Hörsaal war ziemlich geräumig, weil man ihn von vornherein auf die große Zahl von Medizinern berechnet hatte, aber auch seine Einrichtung ließ viel zu wünschen übrig.
Mein Privatlaboratorium bestand aus einem einzigen einfachen Wohnzimmer, und als Raum für Wägungen und optische Untersuchungen mußten wir das danebenliegende Sprechzimmer benutzen. Trotzdem sind hier die experimentell recht schwierigen Zuckerarbeiten ausgeführt worden. Zunächst begann ich aber mit der Ausbildung der schon in Erlangen begonnenen Synthese von Indolderivaten aus Phenylhydrazonen. Daran nahmen auch die meisten Doktoranden teil, wodurch das Institut gleich in einen recht schlechten »Geruch« kam; denn der Hauptstänker, das Skatol, das wir in recht stattlichen Mengen darstellen konnten, wurde von den Praktikanten in die Gast- und Wohnhäuser der Stadt hineingetragen und gab zu mancherlei Klagen Anlaß. Von der Haftbarkeit seines Geruches habe ich selbst ein drastisches Beispiel erlebt. In den Osterferien 1886 unternahm ich nämlich eine zweite Reise nach Corsica und führte dabei die Lodenjoppe mit, die ich während des Winters im Laboratorium getragen hatte und die mir bei kleinen Bergtouren auf der Insel dienen sollte. Als mein Koffer an der französischen Grenze vor der Zollbehörde geöffnet wurde, verweigerte der Beamte mit einer Gebärde der Entrüstung die weitere Durchsicht und verlangte schleunige Schließung des Koffers; dennaus diesem war ein starker Skatolgeruch aufgestiegen und hatte offenbar bei dem Beamten den Eindruck hervorgerufen, daß in dem Koffer sehr stark mit Kot beschmutzte Wäsche enthalten sein müßte. Noch schlimmer ging es mir in dem Schweizer Hof in Ajaccio. Ich hatte dort ahnungslos meine Kleider im Zimmer aufgehängt. Aber nach einigen Tagen erschien die Wirtin und richtete an mich die ängstliche Frage: »Um Gotteswillen, was fangen Sie auf Ihrem Zimmer an, die Nachbarschaft beschwert sich über den schlechten Geruch, der von dort kommt?« Jetzt wußte ich sofort, wo die Schuld lag, und die fatale Joppe wurde nun 14 Tage ins Freie in die corsische Sonne gehängt. Als ich sie aber wieder einpackte und nach Deutschland zurückkehrte, war der Geruch zwar stark vermindert, aber noch keineswegs verschwunden.
In Würzburg hatte ich von vornherein das Glück, daß mir eine Reihe tüchtiger junger Doktoranden zuzogen. Ich erwähne zunächstA. Schlieper, Sohn des KattundruckersAdolf Schlieperin Elberfeld, der 30 Jahre vorher durch seine Beobachtungen in der HarnsäuregruppeAdolf BaeyerVeranlassung gab, sich mit diesen Stoffen zu beschäftigen. Der Sohn ist sein Nachfolger geworden und steht, wenn ich nicht irre, noch an der Spitze des GeschäftesBaum & Co.Eine ebenso rühmliche Laufbahn hatC. Stechegemacht, der zur selben Zeit nach Würzburg kam. Er ist jetzt der Leiter der großen RiechstofffirmaHeine & Co.in Leipzig. DannAhrheidt, später Beamter der Badischen Anilin- & Sodafabrik.Friedrich Achaus Würzburg, ein ebenso begabter wie fleißiger Chemiker, der nebenher auch ein eifriger Corpsstudent war und mit dazu beitrug, daß seine Corpsbrüder die Vorlesungen nicht vernachlässigten. Er ist nach Beendigung der Studien in die Alkaloidfabrik vonC. F. Böhringer & Söhnein Waldhof bei Mannheim eingetreten und hat dort als Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums großen Anteil an der technischen Ausarbeitung der Kaffeinsynthese genommen. Darüber werde ich aus der Berliner Zeit noch berichten. Leider ist er frühzeitig an Psoriasis und Nephritis zugrunde gegangen.
FernerJacob Meyer, der später selbständig das Tannigen entdeckte, jetzt seit einer Reihe von Jahren im Berliner Institut technische Probleme verschiedenster Art bearbeitet und mir bei der Verwaltung des Instituts eine wesentliche Hilfe leistet.
Im Sommer 86 wandte ich mich wieder den schon in Erlangen entdeckten Osazonen der Zucker zu und es gelang mir, mit Unterstützung vonW. Wislicenus, der damals mein Privatassistent war, das Isoglucosamin zu gewinnen. Bald darauf, nachdem die Indolarbeiten abgeschlossen waren, begannen die Synthesen in der Zuckergruppe,die mich bis zum Ende der Würzburger Periode vorzugsweise beschäftigt haben. Die Zahl meiner Mitarbeiter ist hier so groß gewesen, daß ich sie nicht alle anführen kann, aber ich halte mich doch für verpflichtet, drei besonders zu nennen. ZuerstJ. Tafel, der an der Oxydation der mehrwertigen Alkohole und der Verwandlung von Glycerose oder Acroleindibromid in den ersten synthetischen Zucker mit 6 Kohlenstoffatomen, die Acrose, teilgenommen hat. Das waren sehr mühsame und zum Teil auch recht gesundheitsschädliche Arbeiten.
Um genügende Mengen von Acrose in Form von Osazon zu gewinnen, haben wir einige Wochen zusammen in den Farbwerken Meister Lucius & Brüning zu Höchst a. M. mit den großen Hilfsmitteln der Fabrik Acrolein und sein Dibromid dargestellt. Das große Gefäß, aus dem das Acrolein destilliert wurde, befand sich im Freien, und die öfter wiederholte Operation wurde an windigen Tagen ausgeführt, um dem furchtbaren Geruch des Acroleins zu entgehen.Tafelist einmal durch Versehen in eine Acroleinwolke hineingeraten und bekam ein so heftiges Nasenbluten, daß mir um seine Gesundheit bangte. Als etwas später die Schwierigkeiten bei der Zuckerarbeit sich immer mehr auftürmten und eine glückliche Lösung des Problems erst in weiter Ferne möglich schien, hatTafel, der für die beabsichtigte wissenschaftliche Laufbahn auch selbständige Resultate nötig hatte, sich anderen Aufgaben zugewendet. An seine Stelle sind dann eine Reihe von anderen Herren getreten, unter denen ich besondersJosef Hirschberger, jetzt in Brooklyn, undHeller, jetzt in Leipzig, nennen muß. Bei der speziellen Synthese von kohlenstoffreichen Zuckern durch das Blausäure-Verfahren haben besonders der EngländerPassmore, der jetzt angesehener Handelschemiker in London ist, undLorenz Achaus Würzburg, von dem später noch die Rede sein wird, teilgenommen.
Unabhängig von mir waren die älteren Assistenten mit eigenen Problemen beschäftigt.Knorrhatte in Erlangen schon den großen praktischen Erfolg mit dem Antipyrin gehabt und wissenschaftlich nicht allein die Pyrazole, sondern auch die eleganten Synthesen von Pyrrolderivaten aus 1,4-Diketonen entdeckt. Diese Funde sind in Würzburg in weitestem Maße ausgenutzt worden. Dazu gesellte sich die Synthese des Morpholins, von dem der Entdecker annahm, daß es den Stickstoffring des Morphins enthalte.
Einen ebenso glücklichen Griff machteWilhelm Wislicenusmit der Ausdehnung der Acetessigestersynthese auf andere Ester, z. B. den Oxalester. Wäre ihmL. Claisennicht mit gleichzeitigen Beobachtungen in die Quere gekommen, so hätte er damals sicherlich das ganze große Gebiet der Kondensation von Estern untereinander oder mit Ketonen und Aldehyden erobert. Eine andere sehr niedliche Beobachtung vonihm war die Bildung von Natriumazid aus Stickoxydul und Natriumamid. Um dieselbe Zeit fandTafeldie Reduktion der Hydrazone zu Aminen mit Natriumamalgam und er hätte diese Reaktion sicherlich auch auf die Oxime ausgedehnt, wenn nichtGoldschmidtalsbald nachTafelsPublikation solche Versuche rasch angestellt und veröffentlicht hätte.
Von den Würzburgern Schülern verdient noch besonders ErwähnungOscar Piloty. Nachdem er im Münchener Verbandsexamen keinen Erfolg gehabt hatte, kam er in etwas gedrückter Stimmung nach Würzburg, fand aber rasch das Selbstvertrauen wieder, als er bei seiner Doktorarbeit über die kohlenstoffreichen Zucker aus Rhamnose sein experimentelles Geschick beweisen konnte. Er hat dann auch mit Erfolg promoviert und nachher an der recht schwierigen Verwandlung der Zuckersäure in Glucuronsäure teilgenommen. Er durfte jetzt auchBaeyerseinzige TochterEugenie, mit der er schon längst einig war, heiraten. Das junge Paar kam nach Würzburg und dem Ehemann passierte dabei das Unglück, daß er auf der Hochzeitsreise die militärische Kontrollversammlung vergaß und dafür mit einer kleinen militärischen Freiheitsstrafe belegt wurde. Zu meiner großen Freude entschloß er sich, mit mir nach Berlin überzusiedeln, um dort fast 7 Jahre als Assistent und später als selbständiger Leiter der analytischen Abteilung zu wirken. Als sich aber eine Gelegenheit bot, eine Professur an dem Münchener Laboratorium zu erhalten, zog die alte Sehnsucht nach der bayerischen Heimat sowohl ihn wie die Gemahlin unwiderstehlich dorthin, obschon er ein Vierteljahr später an dem neuen Berliner Institut die gleiche Stellung, vielleicht unter noch besseren Bedingungen, hätte haben können.
Die schönen wissenschaftlichen LeistungenPilotys, die von einem anderen Fachgenossen in einem ausführlichen Nekrolog geschildert werden sollen, haben mein ursprüngliches Urteil über seine experimentelle Begabung durchaus bestätigt, und ich habe mich darüber um so mehr gefreut, als sein Schwiegervater diese Meinung anfangs nicht teilen wollte.
Zu Anfang des unseligen Krieges hattePilotydas wehrpflichtige Alter schon überschritten. Trotzdem meldete er sich aus patriotischer Begeisterung als Freiwilliger, und ich konnte noch durch eine Empfehlung an die bayerische Militärbehörde seine Beförderung zum Leutnant d. R. erleichtern. An der Spitze einer Maschinengewehrabteilung ist er in der Sommeschlacht gefallen, tief bedauert nicht allein von der Familie, sondern auch von Freunden und Fachgenossen, die von ihm noch manche schöne wissenschaftliche Leistung erwarteten.
Im letzten Jahr der Würzburger Periode kam auch ein junger Däne Dr.Foghdorthin, um eine thermochemische Arbeit, hauptsächlichüber die Verbindungen der Zuckergruppe, auszuführen. Er hatte sich zuvor beiM. Berthelotin Paris mit den thermochemischen Methoden bekannt gemacht und auch eine Reihe von Instrumenten von dort mitgebracht. Nur die Verbrennungsbombe fehlte ihm, aber in den Ferien konnte er nach Paris reisen und dort die kalorischen Verbrennungsversuche ausführen. Die Arbeit ist in den »Comptes rendus« erschienen. Dr.Foghist ebenfalls mit mir nach Berlin gegangen und dort eine Zeitlang Assistent in der anorganischen Abteilung gewesen. Aber aus Gesundheitsrücksichten mußte er bald Urlaub nehmen und ist schließlich nach Kopenhagen zurückgekehrt, von wo er mir nur noch eine Verlobungsanzeige geschickt hat. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
In der großen Experimentalvorlesung über Chemie bildeten die Mediziner den größten Teil der Zuhörerschaft, dann kamen die Apotheker und erst in dritter Linie die Chemiker. Ich habe mich bemüht, dem gerecht zu werden und die eigentliche Vorlesung so einfach und populär zu halten, wie es ohne Gefährdung des wissenschaftlichen Charakters möglich ist. Aber hinterher gab ich häufig eine Ergänzung für die Fachchemiker, wobei nicht allein schwierigere theoretische Fragen, sondern auch manche speziellen experimentellen Methoden zur Sprache kamen. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, war diese Form des Vortrages den Studierenden recht willkommen. Leider ist sie für den Dozenten sehr anstrengend.
Der kollegiale Verkehr unterschied sich in Würzburg nicht unwesentlich von den Erlanger Sitten durch die freie, meist ganz ungeschminkte Äußerung der Meinungen und durch die Schlichtheit der Formen. Von dem Schaugepräge akademischer Würde, wie sie in Erlangen sowohl vom Senat als auch von der Fakultät geübt wurde, war in Würzburg wenig zu spüren, was mich als Rheinländer besonders sympathisch berührte.
Die philosophische Fakultät bestand wie in München aus zwei Sektionen. Unsere mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung zählte nur 6 Ordinarien, aber darunter waren mehrere durch hohes wissenschaftliches Ansehen ausgezeichnete Personen. Das galt besonders für den PhysikerFriedrich Kohlrauschund den BotanikerJulius Sachs. ZuKohlrauschbin ich bald in ein freundschaftliches Verhältnis getreten; denn er war ein ebenso verständiger wie wohlwollender Kollege und jederzeit bereit, vernünftige Wünsche zu unterstützen. Seine ausgezeichneten Untersuchungen über das elektrische Leitvermögen von Lösungen und seine physikalischen Konstantenbestimmungen, sowie das von ihm verfaßte vortreffliche Lehrbuch der »Praktischen Physik« brauche ich hier nicht näher zu besprechen, da sie den Naturforscherngenügend bekannt sind. Ich habe mit ihm an schönen Sommertagen manchen Spaziergang unternommen und auch in seiner Familie, besonders von seiten der liebenswürdigen Gattin, freundliche Aufnahme gefunden.
Ganz anders geartet warSachs, der berühmte Pflanzenphysiologe, der in Würzburg eine große Schule von Botanikern geschaffen und auch als wissenschaftlicher Schriftsteller durch ein großes Lehrbuch und die ausführliche Geschichte der Botanik Hervorragendes geleistet hat. Charakteristisch für seine kühne Kritik ist das vernichtende Urteil über das vonLinnéaufgestellte rein schematische System der Pflanzen. Er pflegte zu sagen, dieses System sei wie ein Pesthauch über die Botanik gegangen und habe die schon vorhandenen gesunden Keime eines natürlichen Systems auf lange Zeit zerstört. Zu meiner Zeit warSachsschon ein kranker Mann mit überreiztem Nervensystem, der seine Launen in heftiger Weise auslassen konnte. Trotzdem ist es mir gelungen, mit ihm einen freundschaftlichen Verkehr zu pflegen, und ich habe bei öfteren Besuchen in seinem Institut manches gelernt, was mir für eigene Arbeiten auf physiologisch-chemischem Gebiet Nutzen brachte.
Fremder blieb mir der MineralogeFridolin Sandberger, ein ebenfalls verdienter Gelehrter und ein wohlwollender Mensch, aber ein Sonderling, der noch ungern das Deutsche Reich anerkannte und auch von der modernen Chemie nichts wissen wollte. Er brachte das drastisch zum Ausdruck mit der Redensart: »Chemie ist, was knallt und stinkt.« Mindestens ebenso originell war der ZoologeKarl Semper, der eine so große Rolle bei meiner Berufung gespielt hat. Seine wissenschaftliche Blütezeit lag auch schon eine Weile zurück. Als junger Mann hatte er zu wissenschaftlichen Zwecken weite Reisen gemacht und über die Philippinen und die Palaoinseln, wo er sich jahrelang aufhielt und auch seine spätere Gemahlin kennen lernte, wertvolle Bücher geschrieben. Zu meiner Zeit beschäftigte ihn am meisten der Plan eines Neubaues für das zoologische Institut. Da die Bewilligung der Gelder in München auf Schwierigkeiten stieß, so versuchte er die sonderbarsten Mittel, um die Notwendigkeit des Baues allen Leuten klar zu machen. So hatte er im alten Institut, das im vierten Stock des Universitätsgebäudes untergebracht war, große Aquarien angelegt, die eines Tages schadhaft wurden und alle darunter gelegenen Räume unter Wasser setzten. Es blieb also nichts anderes übrig, als einen Neubau am Pleicher Ring zu errichten, und die Einweihungsfeier wurde vonSemperso eindrucksvoll inszeniert, daß sie sicherlich jedem Teilnehmer in der Erinnerung geblieben ist; denn zum Schluß führte er die ganze Gesellschaft, unter der sich die Spitzen der Universitäts- und Verwaltungsbehörden sowie eine Reihe von Damen befanden, in das Warmhaus, wo Pflanzen und Tiere in bunter Abwechselung versammelt waren, und das mit einerausgiebigen Berieselungsanlage versehen war. Als die Gesellschaft sich bei Bier und Würstchen in einer behaglichen Feststimmung befand, trat plötzlich bei geschlossenen Türen die Berieselung in Tätigkeit, bis die ganze Versammlung von einem tropischen Regen total durchnäßt war.
Einige Zeit später kam der Kultusminister Dr.Müller, der eben sein Amt angetreten hatte, zur Besichtigung der Universität nach Würzburg. Sein Besuch war auch den einzelnen naturwissenschaftlichen Instituten angekündigt, verzögerte sich aber aus irgendwelchem Grunde weit über die angesetzte Zeit.Semper, dem das Warten zu lang wurde, hatte sich ein Frühstück von Wurst und Bier kommen lassen und war eben mit dessen Vertilgung beschäftigt, als der Minister eintrat. Dieser begrüßte den schmausenden Professor mit den jovialen Worten: »Ihnen scheint es heute gut zu schmecken«, worauf die prompte Antwort erfolgte: »Wenn Sie so lange wie ich vergeblich auf den Minister gewartet hätten, würden Sie auch Hunger bekommen haben.« Diese freimütige, keineswegs durch Ehrerbietung ausgezeichnete Antwort gab dem Minister Anlass, sich bald wieder zu empfehlen. Das sind nur ein paar Proben von den zahlreichen Schnurren, dieSempergeliefert hat. Andererseits war er ein prächtiger Mann von würdigem Äußern, voll lustiger Einfälle, aller geselligen Unterhaltung zugetan und frei von jeder gelehrten Pedanterie. Man spürte bei ihm die Abkunft aus der durch hervorragende Künstler z. B. den berühmten ArchitektenGottfried Semperausgezeichneten Familie.
Ein weiteres Original war der MathematikerPrym, der aus einer reichen Fabrikantenfamilie zu Düren stammte. Er hatte zwar Mathematik studiert, war aber dann in ein Bankgeschäft zu Wien eingetreten, und von dort durchKapplerals Ordinarius der Mathematik an das Polytechnikum zu Zürich berufen worden. Obschon mit Glücksgütern sehr gesegnet, führte er in Würzburg mit seiner Familie ein ziemlich einfaches Leben. Mit dem Lehramt nahm er es sehr genau. Die Vorlesungen waren auf das gewissenhafteste vorbereitet, und es kam nicht selten vor, daß er säumige Studenten durch seinen Wagen aus der Wohnung abholen und in die Universität fahren ließ. Als Teilhaber an manchen industriellen Unternehmungen interessierte er sich für Chemie und hat mich später auch in Berlin mehrmals besucht.
Ein zweiter Ordinarius für Chemie war in Würzburg nicht vorhanden. Das Institut für angewandte Chemie wurde von dem außerordentlichen ProfessorL. Medicusgeleitet, der nicht allein beiWislicenus, sondern schon bei dessen VorgängerA. StreckerAssistent gewesen und deshalb der Hauptträger der chemischen Tradition in Würzburg war. Große wissenschaftliche Interessen haben ihn niemals geplagt,aber er war bei den Studenten wegen seiner Jovialität recht beliebt und in unserem chemischen Kreise wegen seines köstlichen Humors und seiner freundlichen Lebensauffassung ein gern gesehenes Mitglied. Auch ich bin mit ihm aufs beste ausgekommen. Nach meinem Weggang ist er zum Ordinarius befördert worden und vor einigen Jahren auch schon zu den Vätern gegangen. Am Feldzug 1870 hatte er als bayerischer Offizier teilgenommen und war bei Orléans verwundet in Gefangenschaft geraten. Seine Schilderungen über die schlechte Behandlung und gehässige Verhöhnung von seiten der französischen Bevölkerung stimmte genau mit dem überein, was man heute über die Behandlung deutscher Kriegsgefangener in Frankreich hört, obschon der damalige Krieg so rasch zu Ende ging und die Volksleidenschaft keineswegs so aufpeitschte, wie der jetzige. Die philologisch-historische Klasse der philosophischen Fakultät zählte außer dem klassischen Philologen und ArchäologenUrlichwenig hervorragende Männer. Ganz anders war es in der medizinischen Fakultät, zu deren Mitgliedern ich vielerlei Beziehungen hatte. Von Erlangen mit uns übergesiedelt, warWilhelm Leubeder Nachfolger des nach Berlin berufenen ProfessorsGerhardtin der inneren Klinik des Julius-Hospitals geworden; er verstand es, die große Tradition dieser Stelle in jeder Beziehung zu wahren. Neben ihm stand der ChirurgMaass, ein geschickter Operateur, anregender Lehrer und trefflicher Gesellschafter. Leider ist er in ziemlich frühem Alter gestorben. Als Senior stand an der Spitze der Fakultät der AnatomAlbert Kölliker, ein geborener Schweizer. Er genoß in seiner Wissenschaft durch die Fülle wertvoller Untersuchungen großes Ansehen. Seinem Einfluß war es zuzuschreiben, daß die Anatomie äußerlich das schönste Institut hatte und in dem Unterricht der Mediziner eine überragende Rolle spielte. Nebenher war er ein ungewöhnlich schöner Mann, mit feinem Gesicht, weißem Lockenhaar, klugen dunklen Augen und einer zarten, fast frauenhaften Hautfarbe. Auf die Chemie muß er früher einen kleinen Pik gehabt haben; denn es wurde von ihm der Ausspruch kolportiert, den dümmsten seiner Söhne lasse er Chemiker werden, wozu die boshaften Würzburger den Zusatz machten, er habe tatsächlich auch den richtigen ausgesucht.
Mir ist er immer nur mit Freundlichkeit begegnet. Sein Prosektor war der außerordentliche ProfessorStöhr, ein geborener Würzburger, ein sehr behaglicher und liebenswürdiger Mann, der auch Nachfolger vonKöllikergeworden ist. Durch Originalität zeichnete sich aus der PoliklinikerGeigel, ein Meister in der Abfassung von feinen und leicht ironischen Gutachten, deren sich die Fakultät stets bediente, wenn sie unbequeme Zumutungen des Ministeriums in München bekämpfen wollte. Er war das Haupt einer Musikbande, die aus Würzburger Professorenoder Bürgern z. B. den beiden BrüdernStöhrund dem PharmakologenKunkelbestand. Während der Herbstferien hauste diese Gesellschaft zu Ammerland am Starnberger See und gab täglich kleine Konzerte, wobei das Hornblasen die Hauptrolle spielte.
Als Geburtshelfer fungierte damals noch der einst so berühmteScanzoni, er starb aber bald und wurde durchHofmeierersetzt. Ganz besonders muß ich aber erwähnen den AugenarztJulius Michel, einen lustigen Pfälzer, der vor meiner Zeit auch in Erlangen gewesen war und mit dem ich mich recht befreundet habe. Obschon er es mit seiner ärztlichen Kunst und auch der Wissenschaft sehr ernst nahm, und sowohl als Arzt wie als Gelehrter einen guten Ruf genoß, so war ihm das Reißen von losen Witzen ein richtiges Lebensbedürfnis geworden. In der Gesellschaft bildete er deshalb ein belebendes Element, und wir haben in dem gastfreien HauseLeubenicht selten stundenlang seinen Späßen mit Vergnügen zugehört. Auch in ernsten Augenblicken konnte er Witze nicht unterdrücken, und seine Vorlesung war in dieser Beziehung etwas Besonderes. Ich will nur ein Beispiel anführen: Eines Tages hatte er einen Kandidaten der Medizin namensJerusalemzu prüfen. Das Resultat war ungenügend, und nun verkündete er der Schar der Freunde des Kandidaten das Resultat mit den Worten: »Israel weine, Jerusalem ist gefallen.« Boshafte Leute haben allerdings hinterher behauptet, er hätte den Kandidaten nur durchfallen lassen, um diesen Witz machen zu können. Er war unverheiratet, führte aber einen trefflich geleiteten Haushalt und gab kleine Feste, bei denen ausgelassene Fröhlichkeit herrschte.
Ich hatte einmal mit einem Assistenten zusammen das kleine Unglück, daß uns ein stark gefärbtes chemisches Präparat beim Platzen eines Preßsackes ins Gesicht flog und die Augen nicht allein ganz verschmierte, sondern auch reizte. Wir hatten nichts Eiligeres zu tun, als die Universitätsklinik aufzusuchen. FreundMichelhat uns sofort sorgfältig gesäubert. Als aber die Harmlosigkeit der Sache festgestellt war, machte es ihm ein besonderes Vergnügen, in dem Buch der Poliklinik ein ausführliches Protokoll über diesen seltenen Fall niederzuschreiben, wobei er durch eine ganze Reihe von langen chemischen Namen seine wissenschaftliche Bedeutung zu illustrieren wußte. Ich habe später in Berlin, wohin er etwa 10 Jahre nach mir berufen wurde, seine Hilfe nochmals in Anspruch nehmen müssen, ebenfalls mit bestem Erfolg. Ich wurde damals von leichtem, aber anhaltendem Kopfschmerz geplagt, der sich bis zur Übelkeit steigern konnte, und die Ärzte, die ich frug, stellten ganz besorgte Diagnosen auf Zirkulationsstörungen und dergl. Da ich aber die Beobachtung machte, daß der Zustand am schlimmsten war, wenn ich tags zuvor stundenlang gelesen hatte, so kam ich schließlichauf die Vermutung, daß das von mir benutzte Augenglas, das ich mir einstmals selbst beim Optiker ausgesucht und dann länger als 20 Jahre unverändert getragen hatte, Schuld daran haben könne. Ich ging deshalb zum FreundMichel, und nachdem er die Augen sowie das Glas untersucht hatte, faßte er sein Urteil in folgende Worte zusammen: »Die Kopfschmerzen hätten Sie längst verdient, man sagt doch, Sie seien sonst nicht so dumm.« Er verschrieb mir dann die richtige Brille, und die Kopfschmerzen, die mich viele Wochen geplagt hatten, waren wie weggeblasen. Niemals ist bei mir eine Kur von so glänzendem und raschem Erfolge begleitet gewesen.
Von den Juristen sind mir außer dem schon erwähnten VerwaltungsdirektorRischder PandektistBurkhardtund der NationalökonomSchanzim Gedächtnis geblieben. Auch an einige Theologen erinnere ich mich gerne. Es waren katholische Herren, aber keineswegs vom Kaliber der sogen. Hetzkapläne, sondern zum Teil sehr gebildete, feinfühlige und joviale Herren. Mit dem Senior der Fakultät, den sie den Bischofsmacher nannten, bin ich öfters auf dem alten Glacis der Stadt, das so hübsche Spaziergänge bot, zusammengetroffen, und wir haben uns stundenlang in freiester Weise über Kirche, Staat und Gesellschaft unterhalten. Er war im Collegium Germanicum in Rom erzogen, hatte ein lesenswertes Buch über Kirche und Staat geschrieben, und ich habe von ihm vieles über die Institutionen der katholischen Kirche, besonders über die praktische Seelsorge gehört, was mich in höchstem Grade interessieren mußte. Ob dieser Verkehr mir in den katholischen Kreisen trotz meiner protestantischen Abstammung Vertrauen verschaffte, kann ich nicht sagen, aber ich erlebte doch eines Tages die Überraschung, daß etwa 25 katholische Theologen als eingeschriebene Hörer meine Vorlesung über anorganische Chemie besuchten. Auf meine Frage, wie die Herren dazu kämen, wurde mir die Antwort, der Bischof von Speyer habe es befohlen. Wahrscheinlich hatte dieser kirchliche Würdenträger den Wunsch, daß der in seiner Diözese tätige Klerus gewisse chemische Kenntnisse besitze, um besser mit den Arbeitern der zahlreichen chemischen Fabriken in der dortigen Gegend sich verständigen zu können. Auch der Religionslehrer des katholischen Gymnasiums war mein Zuhörer, und er erklärte mir eines Tages, er könne die Lehren der modernen Chemie in dem Religionsunterricht vortrefflich verwerten. Ich habe daraus den Schluß gezogen, daß Naturwissenschaft und Religion keine grundsätzlichen Gegner zu sein brauchen.
In Würzburg bestehen zwei wissenschaftliche Gesellschaften, an deren Arbeiten ich mich gerne beteiligt habe. Die ältere und allgemeinere führte den Namen physikalisch-medizinische Gesellschaft; ihre Mitglieder waren meistens Professoren und Dozenten. Die jüngere chemischeGesellschaft war erst vonJ. Wislicenusgegründet worden. Zu ihr gehörten selbstverständlich die Professoren und Assistenten der beiden chemischen Institute, aber die Mehrzahl der Mitglieder waren doch ältere Studenten. Auch hier wurden Originalvorträge, jedoch häufiger große Referate über fremde Arbeiten gegeben und daneben spielte die Geselligkeit eine Hauptrolle. Den Höhepunkt erreichte diese bei den alljährlichen Stiftungsfesten, zu denen viel frühere Mitglieder von auswärts und auch zahlreiche Professoren der philosophischen und medizinischen Fakultät erschienen. Gewöhnlich gab es dabei außer witzigen Tischreden und Vorträgen auch ein Festspiel. Mir sind zwei in Erinnerung geblieben. In dem einen wurde das Doktorexamen eines Chemikers auf die Bühne gebracht mit sehr komischen und drastischen Ausfällen gegen die bekannte Prüfungsweise einzelner Professoren, so daß der Dekan der Fakultät, ein Philologe, unwillig den Saal verließ, während das übrige Publikum sich köstlich unterhielt. Die zweite Aufführung war eine Operette »Der Chemikado« mit den Melodien des Mikado und einem sehr witzigen Text von Dr.Reitzenstein. Die Kostüme und die Haartrachten hatte das Stadttheater geliehen. Der Mikado war mein früher erwähnter, lieber NeffeAlfred Mauritz, der damals in Würzburg Chemie studierte, und von dem ich in späteren Jahren noch viel Freundschaft erfahren habe. Er trug meinen Laboratoriumsanzug und Hut, sprach den niederrheinischen Dialekt und trat als einziger Europäer in der japanischen Gesellschaft um so mehr hervor. Ich besitze eine Photographie der Schauspieler, deren Anblick mich noch jetzt zum Lachen bringt.
Die chemische Gesellschaft hat auch nach meiner Zeit ihre Tradition zu wahren gewußt und von Dr.Reitzensteinist noch manches hübsche Festspiel verfaßt worden. Wegen Zeitmangel habe ich leider an den Stiftungsfesten von Berlin aus nicht teilnehmen können, aber beim 25-jährigen Jubiläum hielt ich mich für verpflichtet, meine Absage in gereimte Form zu kleiden, und da es eins der wenigen Gedichte ist, die ich verfaßt habe, so will ich das Telegramm hier anführen.
Chemische Gesellschaft Würzburg.
»Zum fröhlichen FesteGlückwünsch ich das Beste.Blüh' immer so weiterUnd bleib auch stets heiter,Grüß' alle BekannteUnd chemisch VerwandteVom alten GiftmischerAemilius Fischer.«
»Zum fröhlichen FesteGlückwünsch ich das Beste.Blüh' immer so weiterUnd bleib auch stets heiter,Grüß' alle BekannteUnd chemisch VerwandteVom alten GiftmischerAemilius Fischer.«
»Zum fröhlichen FesteGlückwünsch ich das Beste.Blüh' immer so weiterUnd bleib auch stets heiter,Grüß' alle BekannteUnd chemisch VerwandteVom alten GiftmischerAemilius Fischer.«
»Zum fröhlichen Feste
Glückwünsch ich das Beste.
Blüh' immer so weiter
Und bleib auch stets heiter,
Grüß' alle Bekannte
Und chemisch Verwandte
Vom alten Giftmischer
Aemilius Fischer.«
Als Antwort der Gesellschaft traf prompt ein liebenswürdiger Vers von Dr.Reitzensteinein.
Daß in Würzburg Fröhlichkeit und Humor blühten, war kein Wunder. Die freundliche Stadt mit dem prächtigen Schlosse, dem lieblichen Flusse, den schönen Glacis-Anlagen und den rebenbekränzten Bergen, die behagliche unterfränkische Bevölkerung und die alte Tradition des Krummstabes waren wohl geeignet, die an und für sich schon heitere Stimmung der akademischen Gesellschaft zu verstärken. Der Verkehr der Professoren untereinander und auch mit den Studenten war leicht und gemütlich und nahm nur zeitweise, z. B. bei den Prüfungen eine ernstere Form an. Trotzdem herrschte unter der Studentenschaft ein guter Geist; denn es wurde im allgemeinen in Würzburg ziemlich viel gearbeitet und in dem chemischen Laboratorium konnte man sich über Mangel an Fleiß nicht beklagen. Der größere Teil der Studentenschaft bestand aus Norddeutschen. Dasselbe galt von den Professoren, und von dem Partikularismus, der der bayerischen Regierung öfters bei Berufung der Professoren vorgeworfen wurde, war in Würzburg nichts zu merken. Hatte man doch an die Universität der alten Bischofsstadt, die nur eine katholisch-theologische Fakultät besaß, als Lehrer des Kirchenrechts einen Protestanten berufen! Eine Einmischung in Berufsgeschäfte ist allerdings von der ultramontanen Kammermehrheit öfters versucht, aber vom damaligen Kultusminister Dr.Lutzmeist erfolgreich zurückgewiesen worden. Auch der Familienverkehr wurde in Würzburg in anmutiger Form zwischen den verschiedenen Fakultäten gepflegt und im ersten Winter war die Erlanger Kompagnie, d.h. die EhepaareLeubeundKnorrsowie meine Wenigkeit, bei den üblichen Abendessen das Objekt einer feierlichen Begrüßung. Die Antwort darauf haben wir abwechselnd gegeben, und diese erste Tischrede ist nicht selten für die akademische Gesellschaft der kritische Maßstab, den sie an neue Mitglieder anlegt. Ich mußte bei Kohlrauschs reden und hatte mir einen launigen Toast überlegt. In ihm spielte zum Schluß die Elektrizität eine Rolle, indem ich die einzelnen Damen den damals frisch erfundenen Glühlampen verglich und für die Hausfrau die Bogenlampe reservierte. Nun glaubte alle Welt, daß ich mich in diesem Bilde wie in einem Spinnetz verwickeln und höchstens durch einen brutalen Riß wieder befreien könnte. Aber glücklicherweise fiel mir ein, daß von der Bogenlampe zur Sonne rhetorisch nur ein kurzer Sprung nötig sei, und damit hatte ich das poetische Bild gewonnen, um die Hausfrau würdig zu preisen und die Zustimmung der Tischgesellschaft zu einem Hoch zu gewinnen.
Dauernden Familienverkehr habe ich aber nur beiKnorrsund ganz besonders bei dem lieben EhepaarLeubegehabt. Die Woche mindestens einmal sind wir dort zusammengekommen. Gewöhnlich warenMichelund noch einige andere Freunde mit dabei, und wirhaben bei einfachem Abendmahl überaus lustige Stunden verlebt.Leubewar ein prächtiger Gesellschafter, klug, wissenschaftlich gut unterrichtet und mit den reichen Erfahrungen des erfolgreichen Arztes versehen. Er kannte eine große Anzahl von Menschen, die seinen ärztlichen Rat in Anspruch nahmen, hielt schöne Reden und machte allerliebste Gelegenheitsgedichte.
Seine liebe FrauNataliefühlte sich mir chemisch verwandt; denn sie war, wie ich schon früher erwähnte, die Tochter vonAdolf Strecker, der als Professor der Chemie in Würzburg starb. Sie selbst hatte sich in dem chemischen Institut als 18-jähriges Fräulein mit ihremWilhelmverlobt. Dazu kam, daß ich zufälligerweise bei mehreren chemischen Arbeiten, z. B. bei den Hydrazinen und dem Coffein der wissenschaftliche Erbe vonStreckergeworden war. Kurz nach meiner Verheiratung hat das EhepaarLeubemir die Duzfreundschaft angeboten, und wir stehen noch jetzt, woLeubesin Stuttgart ein behagliches Alter verleben, in freundschaftlichem Briefwechsel. Die älteste TochterLillyhat den GynäkologenBumm, der jetzt ebenfalls an der Berliner Universität tätig ist, geheiratet. Die drei anderen Töchter sind die Frauen von Offizieren geworden.Leubehat mir auch in Krankheitsfällen wertvolle Dienste geleistet und meinen ältesten SohnHermannin frühester Jugend bei einem schweren Darmkatarrh geradezu vor dem Tode bewahrt.
FrauLeubehatte schon in Erlangen die gute Absicht, mir eine Frau zu verschaffen und glaubte das geeignete Mädchen dafür in FräuleinAgnes Gerlachin Erlangen gefunden zu haben. Aber meine Gleichgültigkeit in Sachen der Liebe und die Überhäufung mit wissenschaftlichen Problemen waren ihren Plänen nicht günstig gewesen, und schließlich trat noch als zweites Hindernis meine Erkrankung und die Befürchtung eines Rückfalles dazwischen. Aber Frauen geben so leicht ihre Lieblingsideen nicht auf, und so wußte sie das durch Liebreiz ausgezeichnete Fräulein wiederholt zu Besuchen in Würzburg zu veranlassen. Sie wurde dabei auf das kräftigste unterstützt von Frau Dr.Knorr, die sich ebenfalls mit FräuleinGerlachangefreundet hatte. Bei einem dieser Besuche ist es dann auch wirklich zur Verlobung zwischen dem Fräulein und mir gekommen. Es war am 1. Dezember 1887, wo ich selbst 35 Jahre und meine Braut 26 Jahre alt war. Die Hochzeit fand statt in Erlangen am Sonnabend den 22. Februar 1888, kurz vor Karneval, so daß ich 4 Tage Ferien hatte, um mich in den neuen Zustand hineinzugewöhnen. Wir mußten noch einige Wochen in Würzburg bleiben und haben dann Mitte März bei Beginn der Osterferien eine vierwöchentliche Reise nach Italien gemacht. Über diese Dinge will ich aber nicht Näheres berichten, weil die Schließung des Ehebundeseine zu intime Sache ist. Ich kann nur sagen, daß meine liebe Frau ein durch körperliche Schönheit, Reinheit der Seele und Sanftmut ausgezeichnetes Wesen war. Ihre Eltern hatten sie auf den Händen getragen und dadurch vielleicht zu sehr verwöhnt; denn die Pflichten der Ehe und die Führung eines großen Haushaltes haben ihr namentlich in Berlin den ruhigen Lebensgenuß stark verkürzt und eine gewisse Gleichgültigkeit gegen ihre eigene Wohlfahrt erzeugt, die bei ihrer letzten Krankheit einen unglückseligen Einfluß ausübte und vielleicht mit an ihrem Tode schuld gewesen ist. Sie starb am 12. November 1895 in Berlin an einer Meningitis infolge einer Mittelohrentzündung, wahrscheinlich weil die rettende Operation wegen des Widerstandes der Patientin zu spät ausgeführt wurde. In Würzburg hat sie mir zwei Söhne geschenkt.
Der ältesteHermann Otto Lorenzwurde geboren am 16. Dezember 1888 und war von Anfang an ein kräftiges gesundes Kind. Dem entsprach auch seine spätere Entwicklung. Er hat nur eine gefährliche Krankheit mit zwei Jahren durchgemacht, einen Magen- und Darmkatarrh, da der Hausarzt törichterweise von vornherein ein Stopfmittel gab und dadurch einen hartnäckigen, gefährlichen Darmverschluß herbeiführte. Das Kind wäre sicher gestorben und zwar an Verdurstung, wenn wir ihm nicht auf Rat vonLeubezuguterletzt per anum eine große Menge Wasser hätten zuführen können.
Die Geburt des zweiten Knaben, die am 5. Juli 1891 stattfand, war verfrüht und das Kind infolgedessen schwach. Es hat sich zwar später ziemlich rasch erholt. Aber als wir nach Berlin übersiedelten, hatte der jetzt ganz kräftige Knabe unter der schlechten Milch der Großstadt zu leiden. Er bekam infolgedessen im Juni 93 einen anhaltenden Darmkatarrh und im Herbst desselben Jahres das Scharlachfieber, gefolgt von einem sehr häßlichen Bronchialkatarrh. Diese Umstände haben vielleicht ungünstig auf das Nervensystem des Kindes gewirkt. Trotzdem entwickelte er sich zu einem großen, starken und geistig regsamen Jüngling, der mit Leichtigkeit die Schule absolvierte und mit 18 Jahren die Universität bezog. Ohne sich eine Erholungspause nach dem Gymnasium zu gönnen, stürzte er sich mit Feuereifer auf das Studium der Medizin. Alles sprach bei ihm für eine hoffnungsvolle Zukunft, als der Sommer 1910 eine jähe Schädigung der Gesundheit brachte. Er hatte hartnäckig auf der Absicht bestanden, in dem Sommer als Mediziner das vorgeschriebene halbe Jahr mit der Waffe zu dienen und geriet zu seinem Unglück in ein Infanterieregiment zu Jena. Durch den forcierten Militärdienst des Sommers ist der noch nicht genug entwickelte, ungewöhnlich große junge Mann überanstrengt worden. Er bekam Herzbeschwerden und wurde vom Militär entlassen. DieKrankheit war an und für sich wohl nicht schlimm, aber sie übte auf das Gemüt des jungen Mannes einen verderblichen Einfluß aus, denn er sah, wie es bei jungen Medizinern nicht selten ist, die Krankheit in einem besonders düstern Bilde. Er setzte zwar seine Studien fort und bestand im Frühjahr 1912 in Heidelberg mit Auszeichnung die ärztliche Vorprüfung, studierte dann zwei Semester in Würzburg und kam wegen militärischer Dinge im Sommer 1913 wieder nach Berlin. Aber hier brach er nervös zusammen. Seine Arbeitskraft war erschöpft. Er glaubte immer kränker zu werden, ließ sich im Herbst nach Nauheim, später nach Meran schicken und verfiel in eine tiefe Melancholie. Weder ich noch die behandelnden Ärzte haben seinen Zustand richtig erkannt, sonst hätte man vielleicht der fortschreitenden geistigen Erkrankung vorbeugen können. So aber kam es im November in Meran zum offenkundigen Ausbruch der Geisteskrankheit. Durch einen mehrmonatlichen Aufenthalt beiBinswangerin Jena gelang eine zeitweise Heilung. Er blieb noch den Sommer als Studierender in Jena. Obschon aus dem Militärverhältnis entlassen, hatte er sich auf eine Anfrage der Militärmedizinalbehörde verpflichtet, im Kriegsfalle ärztlichen Hilfsdienst zu leisten. Dementsprechend wurde er im September 1914 als Unterarzt an ein Lazarett zu Erfurt kommandiert. Diese Tätigkeit hat ihm anfangs zugesagt und gutgetan, aber nach 5 Monaten kam er in Streit mit dem Vorgesetzten und im Anschluß daran erfolgte ein neuer Ausbruch seiner Krankheit. Er ist dann wiederholt beiBinswangergewesen, ohne aber seine Arbeitskraft wiederzugewinnen. Manchmal schien es, als sei die Krankheit ganz gehoben, so ruhig und vernünftig wußte er sich zu geben. Als ich im August 1916 mit ihm einen mehrwöchigen Aufenthalt in St. Blasien genommen hatte, war ich voller Hoffnung, daß die Heilung anhalte. Aber plötzlich kam ein Rückfall, schlimmer als die vorhergehenden. Wir kehrten nach Wannsee zurück, und er ging dann bald wieder zu seinem Freund Binswanger. Hier verschlimmerte sich der Zustand, er mußte in eine geschlossene Anstalt aufgenommen werden und das Bewußtsein, nun aller Wahrscheinlichkeit nach ein verlorener Mensch zu sein, hat ihn im Zustand tiefer Depression zu dem Entschluß geführt, freiwillig in den Tod zu gehen. Er ist am 4. November 1916 im Alter von 25 Jahren gestorben und ruht auf dem kleinen Friedhof zu Wannsee. Ein lieber, guter Sohn, ein talentvoller und strebsamer junger Mann ist mit ihm dahingegangen.
Mein dritter SohnAlfred Leonhard Josephwurde geboren am 3. Oktober 1894 zu Ambach am Starnberger See. Ich war damals bereits in Berlin und meine Frau wollte nur für einige Wochen ihre Eltern in Ambach besuchen. Da sie in hoffnungsvollem Zustand war und schon früher einmal Unglück gehabt hatte, so hielt ich die Reisefür zu gewagt. Aber mit Rücksicht auf das hohe Alter ihres Vaters ließ sie sich nicht abhalten. Die Folge war, daß sie sich in Ambach gleich zu Bett legen und 5 Monate bis zur Geburt des Knaben liegen mußte. Auch dieser kam sehr zart auf die Welt. Er wurde später ebenfalls ein kräftiger Mann, hatte aber eine sehr empfindliche Haut und litt von Zeit zu Zeit an nervösen Kopfschmerzen. In frühester Jugend hatte er im Sommer in Wannsee zweimal hintereinander einen malariaartigen Zustand durchgemacht, bis wir unseren Wohnsitz dort auf die Höhe verlegten. Auch er war begabt, fleißig und ein guter Schüler, verließ mit 18 Jahren das Gymnasium und wollte wie der älteste Bruder Chemiker werden. Ich riet ihm aber davon ab wegen der großen Empfindlichkeit seiner Haut und seiner Kopfnerven. Er studierte deshalb zunächst Physik, verließ diese aber schon nach zwei Semestern und wurde Mediziner. Während er in Heidelberg studierte, brach der Krieg aus. Er meldete sich zunächst freiwillig, wurde aber zurückgestellt. Im Januar 15 trat er bei einem Artillerieregiment in Berlin ein. Nach erfolgter Ausbildung ging er im September desselben Jahres ins Feld und fand bei der Munitionskolonne, bei der sein BruderHermannLeutnant war, als Sanitätsgefreiter Verwendung. Hier wurde er bald zum Unteroffizier befördert. Im Juli 1916 hat er während seines letzten Urlaubs in Heidelberg die ärztliche Vorprüfung mit Auszeichnung bestanden. Im August desselben Jahres wurde er mit der Munitionskolonne nach Rumänien geschickt, und die beiden Brüder haben damals den Vormarsch in der Dobrudscha mitgemacht. Hier wurde er zum Feldunterarzt befördert. Während der ältere Bruder nach einer 6-wöchentlichen Ausbildung in Berlin Gasschutzoffizier wurde und dann als solcher den Vormarsch der deutschen Armee in Rumänien im Hauptquartier von Falkenhayn mitmachte, kamAlfredin verschiedene Spitäler und zuletzt zu seinem Unglück in ein Seuchenlazarett zu Bukarest, wo die sanitären Verhältnisse nach seiner eigenen Schilderung recht schlecht waren. Hier hat er sich an fleckfieberkranken Türken infiziert und ist nach 14-tägiger Krankheit am 29. März 1917 gestorben. Er wurde auf dem Ehrenfriedhof zu Bukarest beerdigt, und sein BruderHermann, der damals in Focsani stand, konnte ihm mit kurzem Urlaub die letzte Ehre erweisen. Er war ebenfalls ein sehr lieber, verständiger und begabter Mensch von vornehmer Gesinnung und sehr geschickt im Verkehr mit dem Volke. Wahrscheinlich wäre er ein ausgezeichneter Arzt, vielleicht auch ein erfolgreicher Forscher geworden.
Im Sommer 1888 war der hochbetagteRobert Bunsenvom Lehramt zurückgetreten. Die Professur wurde zunächstVictor Meyerangeboten, der aber nach einigem Zögern ablehnte und in Göttingen bleiben wollte. Darauf erhielt ich den Ruf und der betreffende Referent desbadischen Ministeriums kam zur Unterhandlung mit mir nach Würzburg. Die Bedingungen waren im allgemeinen recht günstig und obschon ich gerne in Würzburg war, hatte Heidelberg doch für mich und noch mehr für meine Frau eine gewisse Anziehungskraft. Wir sind deshalb zusammen im Frühjahr 89 nach Heidelberg gefahren, um uns über alle Einzelheiten zu unterrichten. Im Hotel trafen wir bereits ExzellenzBunsen, der seine Dienstwohnung aufgegeben und einstweilen Quartier im Gasthaus genommen hatte. Der verehrungswürdige alte Herr empfing uns mit großer Höflichkeit und suchte uns die Vorzüge der Heidelberger Stelle möglichst klar zu machen.
Als ich nach der ersten Unterredung meine Frau frug, welchen Eindruck sie von dem großen Chemiker empfangen hatte, erwiderte sie lachend: »Erst möchte ich ihn waschen und dann küssen; denn er ist ein gar lieber Mann.«
Am nächsten Morgen zeigte unsBunsendas von ihm erbaute und so lange benutzte Laboratorium am Wredeplatze. Er war ganz verliebt in das alte Haus, das allerdings die Weihe einer großen Tradition und gewaltigen wissenschaftlichen Arbeit trug. Aber die Hilfsmittel waren doch im Vergleich zur Neuzeit recht bescheiden. Die Ventilation wurde noch wie in den alten Alchemistenküchen durch einen großen Rauchfang besorgt und auf meine Frage, ob das genüge, erklärte der alte Herr: »Wir haben hier die reine Gartenluft.« Im Gegensatz dazu meinte dann der Assistent, an den ich mich noch vertraulich wandte, daß der Gestank meist unausstehlich sei.
Als wir zum Schluß auch die Dienstwohnung besichtigen wollten, führte uns zwarBunsenbis zur Eingangstür, zog dann aber einen riesigen Schlüsselbund hervor und prüfte jeden einzelnen Schlüssel, ob er zum Schloß passe. Der Versuch fiel negativ aus und das Resultat wurde bei mehrmaliger Wiederholung nicht besser, so daß ich schließlich den alten Herrn bitten mußte, seine Bemühungen einzustellen. Hinterher habe ich erfahren, daß die Operation mit dem Schlüssel eine Komödie war.Bunsenwollte uns einfach die Wohnung nicht zeigen, weil er fürchtete, sie würde meiner Frau ebenso wie FrauMeyermißfallen und einen Grund zur Ablehnung des Rufes bilden. Darin hatte er sich allerdings geirrt. Nicht die Wohnung, sondern die Maßregeln, die man zur Erweiterung des Instituts getroffen hatte, und die nach meiner Ansicht nur eine Flickerei bedeuteten, waren für mich bestimmend, in Würzburg zu bleiben, nachdem man mir dort einen Neubau des Instituts in Aussicht gestellt hatte. Inzwischen war beiMeyerein gründlicher Stimmungswechsel eingetreten, er bedauerte außerordentlich, nicht nach Heidelberg gegangen zu sein und besuchte mich umgehend in Würzburg, um mich darüber aufzuklären. Wir wurden rasch einig;denn mir war es lieb, absagen zu können, ohne daß der alteBunsenund die Heidelberger Fakultät sich über mangelnde Schätzung der dortigen Professur zu beklagen hätten. Mit dem Ministerium zu Karlsruhe wurde die Angelegenheit telegraphisch erledigt undMeyerist dann, wie bekannt, nach Heidelberg gegangen. Das alteBunsen'sche Laboratorium blieb im Betrieb, wurde aber durch einen Neubau für die organische Abteilung ergänzt. Ich habe mir später das vergrößerte Laboratorium angesehen und die Überzeugung gewonnen, daß meine ursprüngliche Ansicht richtig war. Man hätte mit demselben Gelde einen sehr viel größeren und zweckmäßigeren Neubau 10 Minuten vor der Stadt errichten können.
Die Universitätsverwaltung zu Würzburg und das Kultusministerium zu München gaben ihren Dank für mein Bleiben sofort zu erkennen; denn sie beantragten den Neubau des chemischen Instituts, wofür die Stadt einen prächtigen Bauplatz am Pleichering für die Überlassung des alten Gebäudes in der Maxstraße zur Verfügung stellte. Außerdem wurde für mich eine Gehaltszulage von 1000 Mk. in Aussicht gestellt, ohne daß ich in diesem Punkt eine Forderung gestellt hatte. Aber beide Positionen bedurften der Genehmigung durch den bayerischen Landtag. Sie wurden von der ultramontanen Mehrheit in schroffer Weise abgelehnt und die Gehaltszulage sogar zum zweiten Male, als die Kammer der Reichsräte die kleine Summe in den Etat wieder eingestellt hatte. Der Grund dieser schlechten Behandlung ist mir erst einige Jahre später bekannt geworden. Zum Trost dafür wurde mir zunächst ein bayerischer Orden verliehen und bald nachher auch die Gehaltszulage gewährt, nachdem die Mittel dafür durch einen Sterbefall frei geworden waren. Die Forderung für den Neubau mit 650000 M. mußte allerdings um 2 Jahre, d. h. bis zur nächsten Haushaltsperiode verschoben werden. Die Sache nahm dann einen sehr lustigen und für bayerische Verhältnisse so charakteristischen Verlauf, daß ich sie hier in den Einzelheiten mitteilen will.
Um die von der Regierung betonte Notwendigkeit eines Neubaues für das chemische Institut an Ort und Stelle zu prüfen, erschien eine Kommission des Landtages in Würzburg. Sie bestand aus dem Ministerialbeamten Dr.Bumm, dem Vertreter der ultramontanen Mehrheit Dr.Dallerund dem Vertreter der liberalen Minderheit Dr.Schauß. Letzterer hatte die Freundlichkeit, mich vor der offiziellen Besichtigung im Institut aufzusuchen, da er mich von der Münchener Zeit her persönlich kannte. Er eröffnete die Unterredung mit der Frage: »Wie kommen Sie als gut katholischer Mann dazu, Ihre Kinder protestantisch taufen zu lassen?« Auf meine Erklärung, daß ich stets protestantisch gewesen sei, erwiderte er: »Herrgott, dann ist Ihnen ja vor zwei Jahrenschweres Unrecht geschehen«, wobei er die schlechte Behandlung von seiten des bayerischen Landtages im Auge hatte. Als ich aber dann zufügte, daß meine Frau katholisch sei, erklärte er lachend: »Nun, das ist noch viel schlimmer, dann haben Sie also die Strafe von damals redlich verdient.«
Bald nachher hatten wir die Ehre, die Kommission zu empfangen. Damit das in würdiger Weise geschehe, waren nach Verabredung mit den Assistenten und Studenten Vorbereitungen getroffen, nicht mit Blumen oder weißgekleideten Jungfrauen, sondern auf viel wirksamere Weise mit den stärksten Riechstoffen der Chemie. Brom, Schwefelwasserstoff, Ammoniak, Mercaptan, Skatol, Isonitril, Kakodyl hatten dazu gedient, die verschiedenen Räume des Instituts mit einer infernalischen Atmosphäre zu erfüllen, um den Mitgliedern der Kommission die ungenügende Größe und schlechte Ventilation überzeugend ad nasum zu demonstrieren. Ich sehe noch die erstaunten Gesichter der Herren, die sich tapfer durch die Gerüche durcharbeiteten, und als wir schließlich im Keller angelangt waren, atmete die ganze Gesellschaft auf und erklärte, daß hier die Luft bei weitem am besten sei.
Meine Aufgabe war es selbstverständlich, Herrn Dr.Dallerfür den Neubau zu gewinnen, und ich bot dafür alle mir zu Gebote stehende Beredsamkeit auf. Als kluger Mann hielt er sich für verpflichtet, auch billigere Möglichkeiten, z. B. einen Umbau des alten Instituts, zu erwägen.
Als ich diesen Gedanken zurückwies, weil das Haus in der Grundlage verfehlt sei, stellte er die überraschende, aber gewiß nicht unberechtigte Frage: »Wer garantiert uns denn dafür, daß solche Eselei nicht wieder passiert?« Ich war selbstbewußt genug, für meine Person die Eselei entschieden abzulehnen und hatte den Eindruck, daß sowohl Dr.Daller, wie die beiden anderen Herren von meinen Darlegungen befriedigt seien. In der Tat wurde mehrere Wochen später die Summe für den Neubau von dem Landtag ohne jeden Abstrich bewilligt, und ich war auf diesen scheinbaren Erfolg meiner Bemühungen ziemlich stolz.
Als ich aber ein halb Jahr späterAdolf von Baeyerin München besuchte und ihm den Verlauf der Verhandlungen über den Neubau des Würzburger Instituts erzählte, erfuhr ich mit einem gewissen Gefühl der Enttäuschung, daß der Gesinnungswechsel bei Dr.Dallernicht durch meine Beredsamkeit und sonstige Veranstaltungen herbeigeführt worden wäre, sondern durch den Eingriff eines meiner alten Schüler aus der Münchener Periode, Dr.Brandl, durch den ich die früher erwähnte kleine Arbeit über die Bestimmung des Fluors in Silicaten hatte ausführen lassen. Dieser Herr war mit Dr.Dallerengbefreundet und hatte ihm ernste Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung gemacht,die mir von Seiten des bayerischen Landtages zwei Jahre vorher zuteil geworden war. Das war der Grund, warum Dr.Dallernunmehr für den Neubau des Instituts eintrat und die ungekürzte Bewilligung der Bausumme befürwortete.
Für die Begründung der Forderung an den Landtag hatten der Universitätsbaumeistervon Horstigund ich einen provisorischen Bauplan entworfen und erhielten nun von der Regierung in München plötzlich den überraschenden Auftrag, diesen mit der vom Landtag bewilligten Summe auszuführen. Ich erklärte darauf kurzweg der Universitätsverwaltung, daß der Plan durchaus unreif sei und erst durch ein neues, nach jeder Richtung hin durchdachtes Projekt ersetzt werden müsse. Aber dazu hatte der Universitätsbaumeister keine rechte Lust, weil ihm inzwischen auch die Aufgabe zugefallen war, ein neues Haus für die gesamte Universität zu bauen. Es mußte also für das Institut ein besonderer Baumeister gesucht werden. Diese Aufgabe fiel wieder mir zu, und durch fleißige Erkundigungen bei Sachverständigen gelang es mir auch, einen im bayerischen Staatsdienst stehenden, jungen tüchtigen Baumeister zu ermitteln. Mit meinem Vorschlag, diesem Herrn unter günstigen Bedingungen den Institutsbau in Würzburg anzuvertrauen, fand ich beim Kultusministerium in München größtes Entgegenkommen. Aber die Bauverwaltung glaubte sich durch mein Vorgehen in ihren Rechten beeinträchtigt und schlug meine Bitte rundweg ab. Infolgedessen wandte ich mich im Einverständnis mit der Universitätsverwaltung in Würzburg an den hervorragenden Architekten ProfessorHasein Hannover, mit dem ich vorher in einem Briefwechsel über seinen Sohn, der in Würzburg Chemie studierte, gestanden hatte. Er empfahl uns einen tüchtigen jungen Baumeister aus dem Kreise seiner Schüler, und es kam mit dem Herrn ein Vertrag zustande. Als dieser aber zur Genehmigung den Behörden in München vorgelegt wurde, entstand dort eine große Aufregung über die Wahl eines preußischen Baumeisters und über das eigenmächtige Vorgehen von ProfessorFischer. Der Vertrag wurde annulliert und die Münchener Baubehörde sandte, da sie selbst keinen geeigneten Mann zur Verfügung hatte, einen jungen schwäbischen Baumeister nach Würzburg, der sich aber hinterher als unfähig erwies. Der ganze Streit mit der Baubehörde zu München hatte aber das Gute, daß auf ihre ernsten Vorstellungen hin sich nun der tüchtige Universitätsbaumeistervon Horstignoch bereit erklärte, auch den Neubau des chemischen Instituts zu übernehmen. Mit ihm zusammen habe ich dann einen neuen Plan ausgearbeitet, der nach meinem Gefühl gründlich durchdacht war und sowohl in den Raumverhältnissen, wie in den technischen Einrichtungen dem Bedürfnis der Universität Würzburg entsprach. Mit kleinen Abänderungenist er auch wirklich ausgeführt worden, allerdings erst nach meinem Weggange von Würzburg, und ich glaube, daß auch heute noch das Würzburger Institut zu den besteingerichteten Laboratorien Deutschlands gehört.
Nach alter Gewohnheit habe ich in Würzburg die Ferien regelmäßig zu kürzeren oder längeren Reisen benutzt. Ostern ging es meistens nach dem Süden. Die Reise nach Corsica 1886, wo der Skatolgeruch mich begleitete, ist früher schon erwähnt. Nach 14-tägigem Aufenthalt in Ajaccio erhielt ich den Besuch vonW. KönigsundR. von Pechmann, die von Nizza kamen und nach einer stürmischen Nacht in ziemlich erschütterter Verfassung auf der Insel landeten. Einige Tage später sind wir zusammen auf einem Privatwagen von Ajaccio quer durch die Insel über Corte nach Bastia gefahren. Es ist eine Strecke von etwa 120 km, und die Fahrt dauerte zwei Tage. Es war für die beiden kleinen corsischen Pferde eine achtungswerte Leistung; denn die schöne Straße führte über eine beträchtliche Paßhöhe von mehr als 1000 m. Eisenbahnverbindungen gab es damals noch nicht auf der Insel.
Wegen der Armut des Landes kamen wir etwas verhungert in Bastia an, von wo es noch in der gleichen Nacht weiter nach Livorno ging. Hier sind wir für die kleinen Entbehrungen der sonst genußreichen Landfahrt entschädigt worden durch ein opulentes Mahl, dasPechmannzusammen mit dem Chef de cuisine des Hotels zusammengestellt hatte; denn er war nicht allein ein guter Chemiker, sondern auch in der Kochkunst wohl unterrichtet. Ich bin später noch einige Male mit diesem verdienten Fachgenossen auf Reisen zusammengetroffen.Königshat ihm einen trefflichen Nekrolog gewidmet. Ich kann hier nur bestätigen, daß er ein sehr angenehmer Reisegesellschafter war, der gerne das Amt des Reisemarschalls übernahm und dessen Anordnungen man ruhig vertrauen konnte, wenn man nicht aufs Sparen angewiesen war.
Im nächsten Jahre verbrachte ich die Osterferien zu Bordighera an der Riviera di Ponente in Gesellschaft vonBaeyerund später bin ich dort wiederholt mitBaeyerund einmal auch mitVictor Meyerzusammengetroffen. Zu unserm Kreise gesellte sich auch der DichterLudwig Fulda, der uns bei Tisch mit allerlei Späßen und Schnurren trefflich unterhielt. Der Tag diente dann regelmäßig für Spaziergänge und Ausflüge in die prächtige Umgebung, und die Abende verbrachten wir ebenso regelmäßig in der Bierstube des Hotels mit Glücksspiel, wobei der höchste Einsatz allerdings auf 2 Soldi normiert war.Baeyergalt als der Sachverständigste, da er in jungen Jahren einmal einen mehrwöchentlichen Aufenthalt in Monaco gehabt und dort mit den Croupiers der Spielbank verkehrt hatte. Er war deshalb der Bankhalter, und es machte ihm großen Spaß als solcher an manchen Abenden einenGewinn von 4 bis 5 Frs. einzustreichen. Ich bin selbst immer ein Feind des Spiels gewesen, weil es von meinem Vater als eines der schlimmsten Laster so oft gerügt worden war. Aber an die Spielabende in Bordighera, bei denen allerdings die Leidenschaft nicht allzu sehr erregt wurde, denke ich doch mit Vergnügen zurück.
Für manche Leute ist freilich ein solches Spiel mit dem Spiele ein gefährliches Ding. So hat unser FreundPechmannschwer darunter gelitten; denn der größere Teil seines Vermögens war der Spielbank zu Monte Carlo zum Opfer gefallen, und auch in späteren Jahren, wenn er in die Gegend der Bank kam, bedurfte es sorgfältiger Überwachung durch seine Freunde, wenn die Reisekasse nicht gefährdet sein sollte. Auch unter meinen späteren Berliner Kollegen habe ich solche Spielfreunde kennen gelernt, die im übrigen sehr kluge und vernünftige Leute waren. Denn die Leidenschaften sind von dem Verstande ziemlich unabhängig.
Selbstverständlich fehlte es auch bei dem Zusammenleben an der Riviera, besonders auf den Spaziergängen, nicht an wissenschaftlichen Gesprächen, und es gab wohl kaum ein wichtiges Problem der Chemie, das wir nicht behandelt hätten.
In besonderer Erinnerung ist mir eine stereochemische Frage geblieben. Im voraufgegangenen Winter 1890/91 hatte ich mich mit der Aufgabe beschäftigt, die Konfiguration der Zucker aufzuklären, ohne ganz zum Ziele zu gelangen. Da kam mir in Bordighera der Gedanke, die Entscheidung über die Konfiguration der Pentosen durch ihre Beziehungen zu den Trioxyglutarsäuren zu treffen. Leider konnte ich wegen Mangel eines Modells nicht feststellen, wieviel solcher Säuren nach der Theorie möglich seien, und ich legte deshalb die FrageBaeyervor. Er griff solche Dinge mit großer Wärme auf und konstruierte gleich aus Zahnstochern und Brotkügelchen Kohlenstoffatommodelle. Aber nach langem Probieren gab auch er die Sache auf, angeblich, weil es ihm zu schwer wurde. Es ist mir erst später in Würzburg durch lange Betrachtung von guten Modellen gelungen, die endgültige Lösung zu finden.
Später bin ich mitBaeyerin den Osterferien wiederholt an den Genfer See, nach Territet bei Montreux gegangen, wo wir einigemale auch mitCarl Graebe, der damals Professor in Genf war, zusammentrafen. Bei Sonnenschein war der Aufenthalt am Genfer See außerordentlich erfrischend und die herrliche Umgebung gab reichlich Gelegenheit zu schönen Spaziergängen und größeren Ausflügen.Graebewar ein belebendes Element in unserem Kreise, und wenn an der langen Tafel des Grand Hotels sein helles, lautes Lachen ertönte, so wurde die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft dadurch geweckt. Durchsein heiteres Wesen, seine gefälligen Umgangsformen, das kluge Urteil in wissenschaftlichen und auch rein menschlichen Dingen hat er mir so gut gefallen, daß ich mich gerne um seine Freundschaft bewarb und mit ihm wiederholt noch in späteren Jahren während der Herbstferien im Schwarzwald zusammengetroffen bin.
Mit 65 Jahren verließ er Genf, wo er mehr als ein Vierteljahrhundert als Professor der Chemie gewirkt hatte, und zog sich nach seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. zurück, wo er jetzt noch hochbetagt, aber in körperlicher und geistiger Frische weilt. Seine großen wissenschaftlichen Arbeiten gehören der Geschichte an. Aber auch jetzt noch ist er schriftstellerisch tätig, und im vergangenen Herbst erfuhr ich zu meiner großen Freude in Baden-Baden von ihm, daß er eine Geschichte der organischen Chemie geschrieben habe, welche sicherlich das gleichartige vortreffliche Buch vonEd. v. Hjeltin glücklicher Weise ergänzen wird und von der ich hoffe, daß der Druck durch die Kriegszeit nicht verhindert wird.