Achtes Kapitel

Als die Herren in die Salons zurückkehrten, rüsteten die Pontecks, Biese mit seiner Frau und die oberförsterliche Familie bereits zum Aufbruch. Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern getrennt hatte und den allgemeinen Aufbruch verhindern wollte.

„Wo steckst du denn, Papa?“ fragte Gunther.

Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange.

„Ich habe fürdichgewirkt, mein Junge,“ entgegnete er schmunzelnd. „Der Alte ist entgegenkommender als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm doch im Kopfe. Es hängt alles von Hedda ab. Sagt sie ja, so könnt ihr schon morgen verlobt sein. Und ich fühl’ es: siewirdja sagen ... Später mehr davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es ist ja kaum zehn. Haben die Diener Bier präsentiert? Die Mama bekümmert sich nie um dergleichen – wennichnicht überall hinterher bin –“

„Es ist alles besorgt, Papa. Aber ich glaube, es ist im Rauchzimmer zu einer kleinen Streitigkeit gekommen –“

„Streitigkeit? Zwischen wem?“

„Zwischen Hauptmann Biese und Herrn von Zernin. Ich weiß nicht, um was es sich handelt. Ich hörte nur, daß der alte Usen zum Kammerherrn von Ponteck sagte: ‚Diesmal hat Zernin recht gehabt‘ – und der Kammerherr antwortete: ‚Es schadet gar nichts, wenn er dem dicken Schwadroneur einen kleinen Denkzettel gibt.‘“

Schellheim war außer sich.

„Also gar ein Duell! Donnerwetter, und das in meinem Hause – Donnerwetter – –“

Er stürmte fort. Sein Protektor, Exzellenz Usen, sollte ihm Rede stehen. Er erwischte ihn, als der alte Herr sich gerade einen Kognak von einem Diener reichen ließ.

„Was soll denn los sein, Bester!“ antwortete er, den Kopf in den gedrungenen Nacken werfend den Kognak hinuntergießend, „gar nichts ist los! Biese und Zernin haben sich ein bißchen gekabbelt, und Zernin hat sich dabei ganz anständig benommen. Vielleicht schießen sie morgen ein paar Kugeln in die Luft – vielleicht auch nicht. Das hat nichts auf sich. Tun Sie nur so, als hätten Sie gar keine Ahnung von dem Zwischenfall!“

Das war maßgebend für Schellheim. Exzellenz Usen war wie das Evangelium für ihn.

Er mischte sich wieder unter die Gäste. Der Aufbruch der einen Partie versetzte die ganze Gesellschaft in Unruhe. Man rief nach den Dienern. „Der Schönwaider soll anspannen!“ – „Der Klein-Güstener auch!“ – „Der Wagen von Wernochow!“ Schellheim versuchte vergeblich, diesen und jenen noch ein halbes Stündchen zurückzuhalten. Alles empfahl sich mit größter Herzlichkeit. Es sei reizend gewesen, ganz reizend – auf baldiges Wiedersehen! – Auch Hauptmann Biese merkte man nichts von dem Streit im Rauchzimmer an, hinter dessen Geheimnis Schellheim noch immer nicht gekommen war. Er drückte dem Kommerzienrat warm die Hand und nannte ihn „lieber Nachbar“. Im allgemeinen Aufbruch empfahl sich auch Klaus, höflich, liebenswürdig, etwas zurückhaltend. Vor Hedda verbeugte er sich nur. Dicht hinter ihm sauste der phantastische Schwanenschlitten der Woydczinska den Abhang hinab.

Vor dem Portale hielt die lange Reihe der Wagen und Schlitten. Ihre Lichter glänzten durch die Schneenacht. In der kleinen Entree drängten sich die Gäste, bereits in Plaids gehüllt, in Pelze, Decken und Mäntel. Die Hakennase des Majors von Nehringen lugte wie ein Fanal aus dem hochgeschlagenen Kragen. Das kleine C des Oberförsters mußte sich noch den dicken Shawl des Papas um Hals und Mund wickeln lassen. „Aber, Mama,“ ächzte der Backfisch, „ich kriege ja gar keine Luft!“ – „Kriege keine,“ erwiderte die energische Mutter; „wenn du morgen hustest, mußt du im Bett bleiben und schwitzen“.... Exzellenz Usen sah in seinem verschossenen Militärmantel und der flauschigen Jagdmütze wie ein Riesenpilz aus vorsündflutlichen Zeiten aus. Doktor Stramin hatte rasch noch den Landrat in eine Ecke gezogen und erzählte ihm von zwei Sozialdemokraten, die sich in Zielenberg eingenistet hätten. „Ein Schuster und ein Klempner, Herrvon Wessels, und das wühlt von unten auf, das frißt sich in die Höhe, das vergiftet alles, wenn man nicht rechtzeitig einen Riegel vorschiebt ...“ Er schwatzte immer noch weiter, während draußen sein Wagen wartete.

In der Halle verabschiedete sich Eycken von den Gastgebern.

„Nein, ich habe keinen Wagen,“ sagte der Pastor auf eine Frage Schellheims und reckte seine hohe Patriarchengestalt, „ich geh’ die paar Schritte gern zu Fuß. Ich liebe die Winterlüftung. Wegen der Kinderheilanstalt sprechen wir noch, Herr Kommerzienrat. Wir sprechen noch über manches. Es ist vielerlei hin und her zu überlegen. Auch das mit dem Zernin.“

„Seien wir doch froh, wenn er noch einmal ein tüchtiger Mensch wird, lieber Herr Pastor!“ entgegnete Schellheim.

„Froh?! Du lieber Gott,wiewürde ich dem Himmel danken! Aber – –nous verrons, lieber Herr Rat, ich tu’ vielleicht unrecht, daran zu zweifeln. Meine Empfehlungen, gnädige Frau!“

Er küßte ihr die Hand. Dann schritt er grüßend durch die Reihen der Gäste und trat ins Freie. Der Schnee knirschte nicht; es war lauer geworden. Zarte Flocken stäubten durch die Luft. Am Himmel glänzte die Sternenwelt; nur im Osten baute sich eine weiße Wolkenmauer auf, aus der phantastische Arabesken emporragten, wie geflügelte Untiere und greifende Riesenhände. Der Pastor schritt, in seinen leichten Havelock gewickelt, den Parkweg hinab. Auf seinem großen Rundhut bildeten die Schneeatome einen feinen, glänzenden Kranz. Wie der Greis so aufrecht einherging, kräftig ausschreitend und den schönen Kopf stolz erhoben, konnte man ihn für einen Mann in den besten Jahren halten, für einen Vierziger. Nur der lange Bart von der Farbe des Schnees, den der Wind auseinanderwehte, vereitelte die Täuschung.

An Eycken vorüber rollten die Wagen und klingelten die Schlitten. Er war schon außerhalbdes Parks, als er hastig zur Seite springen mußte. Der Schwan der Woydczinska fuhr dicht neben einem zweiten Schlitten, und beide Gespanne füllten die Breite des Fahrwegs aus.

Der Pastor hörte ganz deutlich die Stimme der Woydczinska:

„Also bestimmt übermorgen, nicht wahr? Nicht zu spät – so zwischen sechs und sieben ...“

Und eine Männerstimme aus dem zweiten Schlitten antwortete:

„Wenn ich es einrichten kann – aber ich hoffe ...“

Das war das klingende Organ Zernins. Der Pastor strich glättend über seinen zerflatternden Bart. Ein neues Mißtrauen regte sich in seiner Brust, doch ärgerte er sich darüber. Wahrlich, es war nicht christlich und nicht menschlich, immer das Schlechteste zu denken! –

Oben vor dem Schloßportal schrie Exzellenz Usen nach seinem Kutscher. Der Mann hatte zu viel getrunken; eine Wolke von Schnapsdunst umwogte ihn. Usen schimpfte fürchterlich.

„Köpfen müßte man dich lassen, Hundesohn, vierteilen, rädern!“ ... Und dann schob er dem schweigenden Kutscher seine eigne brennende Zigarre in den Mund, kletterte neben ihn und nahm selbst die Zügel in die Hand.

„Halt dich fest, Saufsack!“ schrie er. „Wenn du in den Graben fällst, laß ich dich liegen!“

Seine Peitsche knallte; die Gäule bäumten sich auf und rasten davon.

„Gott sei dem Kutscher gnädig,“ meinte Hellstern, vor die Tür tretend. „Wenn der Pascha selber fährt, geht’s wie der Deibel. Adjö, lieber Herr Schellheim!“

Auch Hedda reichte Gunther, der vor dem Portal die letzten Honneurs machte, die Hand. „Wenn Sie noch einige Tage bleiben,“ sagte sie freundlich, „so holen Sie mich doch wieder einmal zum Schlittschuhlaufen ab. Apropos, was macht der Schnupfen?“

„Danke, gnädiges Fräulein,“ erwiderte Guntherheiter und drückte beseligt die ihm dargereichte Hand, „ich niese mich vorläufig noch weiter durch die Welt.“

Und er blieb draußen stehen, bis die schwerfällige alte Kalesche davongerasselt war.

Im Schlosse erloschen die Lichter. Die Diener huschten aufräumend hin und her. Aus dem Speisesaal tönten das Klappern der Teller, die wieder in das Büffet gepackt wurden, und das helle Klirren des Silbers.

„Es war sehr gelungen,“ sagte der Kommerzienrat, der nach jeder Festlichkeit in seinem Hause Kritik zu üben pflegte. „Im allgemeinen wenigstens. Die Sauce zu den Artischocken hätte etwas sämiger sein können. Wenn man schon Sauce zu den Artischocken gibt, muß sie auch tadellos sein. Aber die meisten merkten es gar nicht; man ist hier doch noch etwas zurück. Und dann kam das Bier zu spät. Was zwischen Herrn von Zernin und dem dicken Biese vorgefallen ist, weiß ich nicht. Ich will es auch nicht wissen, und ihr“ – er meinte damit seine Frau und Gunther – „wißt es ebenfalls nicht, wenn ihr’s auch wirklich wüßtet. Denn über so etwas sieht man hinweg. Gunther, ich hoffe, der morgige Tag wird ein Freudentag für uns werden. Hellstern ist ein Ehrenmann; unter den Schlacken der Vorurteile sitzt doch ein wahrhaft adliges Herz. Und Hedda erst! Gunther, ich gestehe dir offen, ich bin besiegt.“

Er umarmte seinen Sohn und küßte auch die Rätin, der über so viel ungewohnte Liebe die Augen zu tränen begannen, auf die Stirn. Die Diener schlichen auf den Zehenspitzen an der Gruppe vorüber und wunderten sich.

Derweilen entschied sich das Schicksal des armen Gunther.

Hellstern hatte die Absicht gehabt, erst am nächsten Morgen beim Frühstück mit Hedda Rücksprache zu nehmen. Das war nämlich jene Stunde des Tages, in der alle beide am zugänglichsten waren. Siesaßen sich dann gegenüber am Teetisch, der vor den einzigen Kamin des Hauses – im sogenannten Saal – geschoben war, und es war auch die einzige Zeit am Tage, da in diesem Kamin ein lustiges Feuer loderte. Er brauchte viel Holz und man mußte sparen. Am selben Platze hatte man auch schon zur Zeit, da die Baronin noch am Leben war, das Frühstück eingenommen, und es war immer, als sei der Geist der Verstorbenen um diese Stunde den beiden besonders nahe.

Aber der Entschluß Hellsterns änderte sich, als er neben Hedda im Wagen saß und den Auberg hinabfuhr. ‚Es ist besser, du machst die Geschichte kurzerhand ab,‘ sagte er sich. In Wahrheit brannte es ihm auf der Seele, zu erfahren, wie Hedda über die Werbung dachte. Er bildete sich ein, sein Töchterchen auf das genaueste zu kennen; wenn man verliebt ist, benimmt man sich nicht so wie alle Tage. Er räusperte sich in seiner lauten und derben Weise.

„Ja, Vater!“ fragte Hedda und zuckte in ihrem Winkel wie erschreckt zusammen. „Sagtest du etwas?“

„Herrjeses, Hedda, ich glaube wirklich, du fängst mir an, nervös zu werden! Wenn ich mal ‚hm‘ mache, erschrickst du, als ob es eingeschlagen hätte. Nein, ich sagte nichts, aber ichwollteetwas sagen. Nämlich – denke dir, da hat der Kommerzienrat mit mir gesprochen –“

„Wegen der Quelle?“

„Nein – deinethalben.“

Jetzt richtete Hedda sich verwundert auf. Sie schob die weiße gestrickte Kapuze, die sie bei winterlichen Fahrten über Land zu tragen pflegte, etwas weiter aus der Stirn und schaute den Alten mit ernsten Augen an.

„Meinetwegen?“ fragte sie. „Was heißt das, Papa?“

Hellstern haschte nach der rechten Hand Heddas.

„Kuschle dich mal ein bißchen enger an mich heran, Kind,“ entgegnete er. „So – und nun lege den Dickkopf an meine Schulter – so – und gibmir auch noch das andre Pfötchen.... Sage mal, warum klopft denn dein Herz so stark?“

„O, es klopft nicht stärker wie sonst!“

„Doch – ich spüre es. August soll dir meine Baldriantropfen bringen.“

„Schön. Also, was wollte der Kommerzienrat?“

Hellstern drückte die Hände Heddas fest.

„Er wollte dich für seinen Jungen, den Gunther, haben.“

Es fuhr wie ein elektrischer Strom durch die Glieder Heddas.

„Das ist eine Unverschämtheit!“ rief sie empört. Aber sofort tat ihr dieser Ausruf leid. „Das ist naiv,“ fuhr sie, sich selbst beschönigend, fort. „Wie kommt der Rat auf eine so absonderliche Idee?“

„Gunther hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Er meint, er liebe dich. Und es muß doch wohl die Hoffnung in ihm leben, du würdest seine Liebe nicht so ohne weiteres fortweisen.“

„Berechtigung zu dieser Hoffnung habe ich ihm nicht gegeben, Vater.“

„Wenn du es sagst, glaube ich dir’s aufs Wort. Aber man täuscht sich oft in so subtilen Empfindungen. Gunther mag in seiner Schwärmerei eine Liebenswürdigkeit deinerseits für Entgegenkommen gehalten haben. Ganz sicher war er seiner Sache zweifellos nicht; immerhin war es taktvoll von ihm, daß er durch seinen Vater sozusagen erst die Fühler ausstrecken ließ.“

Hedda schüttelte den Kopf.

„Mir ist es unklar, Papa ...“

„War es mir auch, Herzenskind. Ich kenne dich doch. Ich hätte schon gemerkt, wenn dein Herz lebendiger geworden wäre. Und ich gesteh’ dir offen, ich wurde ein klein bißchen eifersüchtig, als der Kommerzienrat mit mir sprach. Es kam auch ein Gefühl von Kränkung und Zurücksetzung dazu. Ich fragte mich: ‚Bist du denn nicht der Erste, dem sich dein Kind anzuvertrauen hat, wenn es sich um so wichtige Dinge, um Herzens- und Lebensfragen handelt?‘“

Hedda antwortete nicht. Sie dachte an jene Zeit, da die Liebe zum erstenmal wie Frühlingsbrausen und Wettersturm durch ihr Herz gezogen war. Gleich einer Träumenden war sie damals umhergewandelt, war blasser geworden und abgemagert – und der Vater hatte nichts gemerkt. Und nach einer endlos langen und bangen Nacht war sie in ihrer Seelenqual schließlich zu dem alten Pastor hinübergelaufen, statt sich an der Brust des Vaters auszuweinen.

Hellstern räusperte sich wieder.

„Ich muß noch einiges sagen, Hedda,“ begann er von neuem. „Auch der Kommerzienrat hat die heikle Sache mit taktvollen Händen angefaßt – wie ein Mann von Welt, ich kann es nicht leugnen. Aber er setzte doch gleich mit Zukunftsmusik ein; es herrscht eine ausgesprochene Wagnersche Atmosphäre in dem Hause. Er will Döbbernitz kaufen und ein Fideikommiß für Gunther daraus machen; da solltet ihr denn im Sommer leben –“

„Auch das noch!“ murmelte Hedda.

„Und im Winter ein paar Monate in Berlin oder auf Reisen – ganz, wie es euch passen würde. Er sagte das alles eigentlich ohne Protzigkeit; er hat mir heute abend viel besser gefallen als sonst.... Sieh einmal, Hedda, wir sind arm, und ein andres, viel glänzenderes Leben würde ja zweifellos für dich beginnen, wenn du den Gunther heiratetest. Es ist auch kein unübler Mensch. Ich würde schließlich selbst nichts gegen das Bürgerliche sagen; um der Kinder willen ließe sich der Adel schon beschaffen, obwohl derlei frische Backware auch nicht nach meinem Geschmack ist. Aber die Hemdenindustrie gefällt mir nicht. Ich bin kleinlich in solchen Dingen – ich weiß es –“

Hedda entzog ihre Hände dem Vater und setzte sich wieder aufrecht in ihre Ecke.

„Das ist in der Tat kleinlich, Papa,“ erwiderte sie. „Wir haben schon einmal über den Punkt gesprochen. Ob Hemden oder Geschütze, was ist da derUnterschied? Die Welt braucht beides, und Hemden vielleicht noch nötiger als Kanonen. Wenn irgend ein junger Krupp um mich anhielte, würdest du keine Bedenken haben. Aber wir wollen nicht von neuem streiten. Es handelt sich weder um Kanonen noch um Hemden, sondern um mein Herz.“

„Richtig, Hedda! Das ist der Punkt, um den sich alles dreht.“

„Was hast du Herrn Schellheim geantwortet?“

„Daß ich mit dir sprechen und ihm morgen Antwort geben würde.“

„So schreibe ihm, aber, bitte, in höflichster Form, daß sein Sohn sich in eine Täuschung hineingelebt habe, und daß ich es noch nicht – für an der Zeit hielte, über mein Herz zu entscheiden.“

Hellstern nickte.

„Gut; das werd’ ich ihm schreiben. In höflichster Form – ich will den Leuten ja nicht wehe tun.“

Er blieb noch einen Augenblick still sitzen. In einer raschen, heiß aufsteigenden Aufwallung nahm er dann Heddas Kopf zwischen die Hände. Er küßte sie stürmisch.

„Mein Liebling,“ stammelte er; es klang wie verhaltenes Schluchzen. Er tastete über ihre Wangen und streichelte sie. Er war so selig, daß er sein Kind noch behalten durfte.

Der Wagen hielt. August, mit einer Stalllaterne in der Hand, öffnete den Schlag. Auch Dörthe war noch auf. Sie fragte, ob die gnädigen Herrschaften vielleicht noch Teewasser wünschten.

„Nein, Dörthe,“ erwiderte Hedda; „wir gehen gleich zu Bett. Wir sind müde. Gute Nacht, Papa – schlaf wohl!“

Er küßte sie nochmals, und da er fühlte, daß ihre Hände kalt wie Eis waren, wandte er sich an Dörthe.

„Hast du dem gnädigen Fräulein eine Wärmflasche in das Bett gelegt?“

„Jawohl, Herr Baron.“

Er war zufrieden. Hedda stieg die Treppe hinauf in ihr Zimmer, stellte das Licht auf den Nachttisch und begann sich langsam zu entkleiden. Es war merkwürdig – sie fühlte sich wirklich grenzenlos müde und dabei so zerschlagen in allen Gliedern, als ob sie einen weiten Marsch hinter sich habe. In Korsett und Unterrock setzte sie sich auf den Bettrand und faltete die Hände. Ein holdes Lächeln flog über ihr Gesicht. Der Gedanke, geliebt zu sein, ist immer süß für das Herz des Weibes. Aber das Lächeln erstarb rasch. Sie dachte an den zurück, den sie nicht vergessen konnte, und seufzte.

An der Tür klopfte es leise.

„Was gibt’s noch?“ rief Hedda.

Die Tür öffnete sich ein wenig; eine Hand, die ein Fläschchen hielt, und ein Arm wurden sichtbar. „Der Baldrian, gnädiges Fräulein,“ sprach Augusts Stimme, „und drei Stückchen Zucker. Zwanzig Tropfen, lassen der Herr Baron sagen, und wenn gnäd’ges Fräulein in der Nacht aufwachen sollten, dann nochmal zwanzig.“

Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging zu Bett. Sie löschte das Licht, betete und zog das Federkissen hoch. Aber was nützte der Baldrian! Unerträglich war die Hitze, die die Wärmflasche ausströmte, und Hedda schob die Bettdecke wieder weit zurück. Dörthe hatte auch das Zimmer geheizt – gegen ihren ausdrücklichen Befehl. Es war nicht auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte des Mädchens Kopf. Sie wollte sich beruhigen und zündete abermals das Licht an. Dabei fiel ihr Blick auf das Pastellbild über ihrem Bette; es stellte die verstorbene Mutter dar.

Ihre Augen wurden naß. ‚O du liebes Mütterchen, wenn du doch noch lebtest!‘ dachte sie. ‚Dir wollte ich sagen, wie mir’s ums Herz ist! Und du würdest auch Rat und Trost finden und würdest mir helfen und mich aufrichten in all meinem Gram. Ich weiß ja, wie unrecht ich tue, daß ich mich demPapa gegenüber verschließe. Er liebt mich doch auch, aber er ist zu rauh, und er haßt – ihn. Und jedes Schmähwort gegen ihn ist mir wie ein Messerstich. Ich kann doch nicht anders ...‘

Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach so geraume Zeit in sich hinein. Dann fühlte sie einen leisen Frostschauer über ihre Schultern rinnen und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der Nacht wachte sie auf. An den Fensterläden rüttelte und schüttelte es. Ein Sturm schien die schlafende Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der Wind pfiff; hin und wieder hörte Hedda auch das Geräusch eines losgerissenen und über das schräge Dach polternden Ziegelstückes. Aber sie hörte in ihrer erregten Phantasie noch mehr. Sie hörte sich rufen – klagend, schmerzend und schreiend. Und bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr rief, bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Händen entzündete sie zum drittenmal das Licht. Der Baldrian stand noch immer auf dem Nachttisch. Aber was nützte der.

Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdächer der Kossätenhäuser unten im Dorfe sahen verstrobelt aus, als hätten Riesenfäuste sie zerzaust. Eine Anzahl Bäume war geknickt und entwurzelt worden. Den Schnee aber hatte die Windsbraut zu großen Haufen zusammengeweht, pyramidenförmig, hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt und an den Stämmen und Wänden in die Höhe gebürstet, wo er dann in der Kälte der Morgenfrühe angefroren war und wunderliche Gebilde und Muster zeigte: schwere Spitzensäume und Lilien mit großen offenen Kelchen und tausendfach verschiedene Arabesken.

Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die man vergessen hatte über Nacht zu kappen, gebrochen und auf die erste Terrasse geschleudert worden. Und dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen,zum höchsten Ärger des Kommerzienrats, der in der hemdenlosen Göttin ein Symbol für die Notwendigkeit seines Geschäftsbetriebs sah.

Es war dies überhaupt ein Tag des Ärgers und der Niedergeschlagenheit. Um zwölf Uhr kam August vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die Familie saß gerade beim zweiten Frühstück. August erhielt eine Mark, und der aufwartende Diener wurde hinausgeschickt. Dann erst erbrach der Kommerzienrat mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben; voll ängstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau und Sohn an seinen Zügen. Sie sahen, wie über die Stirn Schellheims während der raschen Lektüre eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln und reichte Gunther den Brief.

„Kopf hoch behalten, mein Junge,“ sagte er dabei. „Noch ist nicht aller Tage Abend. Ich habe eine andre Antwort erhofft – nein, erwartet – trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden ...“

Gunther las:

„Baronshof, 3. Januar.„Mein verehrter Herr Kommerzienrat!Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut mir leid und wird mir schwer, Ihnen sagen zu müssen, daß sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn sei von einer Täuschung befangen. Sie hält es noch nicht für an der Zeit, über ihr Herz zu entscheiden ...“ Das war genau so, wie Hedda es vorgeschrieben hatte. Nun kam eine philosophische Wendung: „Mädchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr Kommerzienrat ...“ Dann ein Trostwort: „Die Zeit wird schon alles ausheilen ...“ Und schließlich die formelle Höflichkeit: „Ich hoffe, der kleine Zwischenfall wird Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen. Mit besten Empfehlungen allerseitsIhr ganz ergebenerFreiherr von Hellstern.“

„Baronshof, 3. Januar.

„Mein verehrter Herr Kommerzienrat!

Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut mir leid und wird mir schwer, Ihnen sagen zu müssen, daß sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn sei von einer Täuschung befangen. Sie hält es noch nicht für an der Zeit, über ihr Herz zu entscheiden ...“ Das war genau so, wie Hedda es vorgeschrieben hatte. Nun kam eine philosophische Wendung: „Mädchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr Kommerzienrat ...“ Dann ein Trostwort: „Die Zeit wird schon alles ausheilen ...“ Und schließlich die formelle Höflichkeit: „Ich hoffe, der kleine Zwischenfall wird Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen. Mit besten Empfehlungen allerseits

Ihr ganz ergebener

Freiherr von Hellstern.“

Gunther gab den Brief an die Mutter weiter. Er war weiß wie Kalk geworden. Rasch trank er sein Glas Sherry aus, doch seine Hand zitterte heftig dabei. Die Mutter griff, die Augen feucht, nach der Rechten ihres Jungen und tätschelte sie wortlos.

Eine bange Stille war eingetreten.

Plötzlich sprang der Kommerzienrat wütend auf und stieß seinen Stuhl gegen den Boden.

„Mach nicht solche Leidensmiene, Gunther!“ rief er zornig. „Du hast dir einen Korb geholt – Schwerenot, was ist weiter dabei! Du kriegst noch andre als das hochnäsige Mädel von drüben!“

Nun erhob sich auch Gunther.

„Bitte, Papa,“ entgegnete er abwehrend und mit fester Stimme, „kein Wort weiter darüber! Vor allem keine Schmähung! Wer verdient eine solche? Die Sache ist tot und begraben. Wenn ihr mir eine Liebe erweisen wollt, erwähnt sie nicht mehr. Irrungen soll man abtun ...“

Seine Stimme brach. Er sah sich wie hilflos um, als suche er irgend etwas.

„Ich – ich will fort,“ fuhr er fort. „Es wäre auch nicht in der Ordnung, wenn ich unter den obwaltenden Verhältnissen hier bleiben wollte – gerade jetzt. Später – wird sich ja alles legen.... Wenn ihr nichts dagegen habt, reise ich auf ein paar Wochen nach Oberitalien oder dem Genfersee. Da kann ich in Ruhe meine Arbeit vollenden. Und dann kommt der Sommer und dann meine Offiziersübung in Lissa – das gibt Abwechslung genug. Das wird mir auch gut tun. Aber – ich möchte dann schon mit dem Abendzug fahren ...“

Die Eltern redeten in ruhigen und verständigen Worten von unnötiger Überhastung ab. Das Herz tat beiden weh. Sie fühlten, daß Gunther sehr litt. Aber sie konnten ihm wahrlich nicht helfen. Er blieb auch fest. Er wollte durchaus fort. Einen Augenblick schwankte er, ob er dem Pastor lebewohl sagen sollte. Doch er konnte sich nicht dazu entschließen,noch einmal in das Dorf zu gehen. Er fürchtete sich davor, Hedda zu begegnen.

Der Kommerzienrat, sonst ziemlich bequem, ließ es sich nicht nehmen, Gunther nach der Station zu begleiten. Er war auch vernünftig genug, während der Schlittenfahrt durch den Wald mit keinem Wort auf die Herzensgeschichte zurückzukommen. Gunther dankte ihm im stillen dafür. Er sprach fast gar nicht. Wieder störte ihn der Kutscher hinten auf der Pritsche – wie damals. Ach, damals! Da glitzerte der Sonnenschein durch das Eisgezweige, und seine Brust war voller Hoffen. Und jetzt nächtete es.

Die Herren trafen in letzter Minute auf dem Bahnhof ein. Es war gerade noch Zeit ein Billett zu lösen.

„Grüße die Mama!“ rief Gunther aus dem offenen Coupéfenster.

„Danke, mein Junge! Und sei recht vernünftig! Und laß dir nichts abgehen! Wenn du noch Geld brauchst, so telegraphiere – hörst du, telegraphiere!“

Der Zug brauste davon. Als Schellheim an seinen Schlitten zurückkehrte, klingelte von der Chaussee aus ein zweiter Schlitten heran und hielt vor dem Stationsgebäude. Der Kommerzienrat sah Herrn von Wessels aussteigen und begrüßte ihn.

„Im Dienst, Herr Landrat?“ fragte er, auf die schwarze Ledermappe deutend, die der Angeredete unter dem Arm trug.

„Ja – sozusagen, – das ist eine verteufelte Geschichte, mein bester Herr Kommerzienrat. Der tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut früh duelliert, und Biese ist über den Haufen geschossen worden. Er kann froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt. Zernin ist unglücklich, er hat es nicht so gewollt – aber sechs Monate kostet ihm die Kugel doch. Und vor allen Dingen: ich fürchte, Sie werden ihn an Ihrem Quellenunternehmen nun auch nicht mehr beteiligen können. Merkwürdiges Pech! Es ist eigentlich schade um den Menschen ...“

Schellheim starrte den Landrat an.

„I Gott bewahre – ein Duell – also wirklich ein Duell!“ stammelte er. „Ja, aber um Himmels willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich getan?“

Herr von Wessels lächelte verlegen.

„Das läßt sich schwer sagen,“ erwiderte er. „Sie sind gestern abend bei Ihnen zusammengeraten, aber Zernin hat sich in diesem Falle richtig und taktvoll benommen – jawohl. Biese – na, also kurzum, erfahren werden Sie es ja doch einmal: Biese hat die Dreistigkeit gehabt, sich über Sie als Gastgeber eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist Zernin scharf geworden. Das war der Anfang ... Aber ich muß weiter!Addio, mein verehrter Herr Kommerzienrat!“

Sie schüttelten sich die Hände, und ehe der Landrat in das Bahnhofsgebäude trat, wandte er sich noch einmal um und rief kopfnickend: „Es war gestern abend übrigens ganz reizend bei Ihnen!“

Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurück. An seinen Sohn, an den Baronshof und an den Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm im Kopfe herum, daß man seinetwegen einen Zweikampf ausgefochten hatte. Der dicke Biese, ein Bürgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann – und das sprach mit –, hatte eine beleidigende Äußerung über ihn fallen lassen. Irgend eine mokante Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer sie liebte – und da hatte Herr von Zernin Partei für ihn, den Kommerzienrat, genommen, und schließlich war es auf Tod und Leben gegangen – um seinetwillen. Merkwürdige Welt! Eigentlich ging die Sache doch nurihnan als den Beleidigten; was schossen sich denn die beiden umseineEhre?! – Und in halbem Selbstgespräch fügte er hinzu: „Es ist im Grunde genommen lächerlich und unverzeihlich.Michkann ein Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!“

Als der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in großer Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen herübergekommen und hatte die „Säuberung“ des Buchenwäldchens auf der Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine gründliche Säuberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gängen, Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. Ganze Baumpartieen wurden vollständig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres treten; vorläufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform aufgeschüttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten Buchengrün große Schokoladentorten.

Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling trug auf seinen regenfeuchten Schwingen noch viel stärker das Wehen der neuen Zeit in Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhäuser wurden gebaut. Albert Möller hatte den beiden Kossäten Maracke und Klauert ihre Anwesen abgekauft. Diese lagen dem „Kurpark“ ungefähr gegenüber, und die beiden kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden Schweineställen und den ewigen Mistpfützen vor der Tür waren geeignet, den guten Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. Übrigens paßte Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich ärgerten sie sich natürlich, daß sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte jämmerlich, als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, und ihre fünf Kinder heulten mit. Die ganzeFamilie zog nach Klein-Güster, Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.

Das geschah an einem der ersten Märztage. Es wehte warm und lenzlich. Der Schnee war überall geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige Masse. Auf der Dorfau und auf Weg und Steg schillerten Wassertümpel; es tropfte von den Dächern, und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch die Luft. Die Erde schien zu dampfen; über die noch bräunlich getönten Wiesen sickerten Wasserlinien, und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit. Die Spiräen setzten bereits Knospen an, aber noch fehlte der grüne Frühlingsschimmer, der vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten Schleier umhüllen sollte.

Die Familien Maracke und Klauert zogen zur gleichen Zeit. Jede hatte sich einen Einspänner geliehen, auf welchen ihre Habseligkeiten hinaufgepackt worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten, zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum Himmel ragten, und andres Gerümpel mehr, alles mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken verschnürt. Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor der Tür stand, jammernd und weinend nochmals durch Haus und Stall, ob auch nichts vergessen worden sei. Richtig – in einem Winkel der Kammer neben der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf dem die weiße Henne ihr letztes Ei gelegt hatte, bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest zusammen, trug ihn hinaus und stopfte ihn auf den Wagen. Dann ging sie in den Stall, und als Maracke ihr ein ungeduldiges „Mutter, nu’ mach aber!“ zurief, schleppte sie einen kleinen Schweinekoben ins Freie; der sollte auch noch mit. Sie hätte am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie alles stand und lag, auf den Einspänner gepackt.

In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Erwar ganz vergnügt, hatte sein Geld in der Tasche und freute sich auf das Ausgedinge, das sein Sohn in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen war schwer bepackt, und ganz oben, auf dem Berge von rot und weiß überzogenen Betten, war ein weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich ein paar Hennen gackerten. Das erregte den Neid und die Eifersucht der Maracken in hohem Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden und Vorwürfen; warum hatte man die dicke Weiße geschlachtet, die so fleißig Eier legte, und den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft? Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach Klein-Güster nehmen können? – Die beiden jüngsten Kinder weinten und jammerten mit, während er, Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht stören ließ und, die Pfeife im Munde, schweigend zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief die Frau noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen. Sie hatte da noch einen eisernen Reifen entdeckt, der schon ganz verrostet war, und da er nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so hing sie ihn sich über die Schultern. Dann ging es los, der Einspänner voran, den Maracke, daneben herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls zu Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern. Ein paar Bauernweiber standen am Wege und nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von dem Komposthaufen eine kleine Dunstwolke aufstieg, aber hatte sich Albert Möller breitbeinig aufgepflanzt, eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd. Mit dem Abbruch der alten Baracken sollte sofort begonnen werden; dann kam der Neubau an die Reihe. Das ging rasch.

An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt unternommen. Der Übergang vom Winter zum Lenz war immer die schlimmste Zeit für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus demZimmer rühren können; selbst die Einreibung der Tante Pauline versagte ihre Wirkung. Nun aber ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen und sah durch das Fenster den Abzug der beiden Kossäten. Sie machte den Vater darauf aufmerksam, der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal nach Herzenslust auf die Quelle zu räsonieren.

„Siehst du, Hedda,“ sagte er, „das sind die ersten – die ersten Opfer der neuen Kultur. Und andre werden folgen. Du bist jung – vielleicht erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen Insassen wir seit zweihundert Jahren gehören, völlig vom Erdboden verschwunden sein wird. Dann wird es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen Sorgen und Mühen um das tägliche Brot doch frei auf ihrer kleinen Hufe leben und wirtschaften konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und Spekulanten, immer auf der Lauer liegend, wie den Besuchern dieses neuen Badeorts das Geld am besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen sei....“ Er zeigte, während er weitersprach, aus dem Fenster hinaus über das Dorf. „Sicher – es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es damals bei Schellheims prophezeit. Der Erzengel der Industrie hält seinen Einzug in unser Tal – oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit ihren Strohkappen werden niedergerissen, neue, schöne Häuser entstehen, mit Balkon und Stuckklecksereien und allem Komfort der Neuzeit und dem dazu gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird errichtet, in dem man nach physikalisch-diätetischen Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und auf allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und Magenleidende und Neurastheniker, Zucker-, Darm- und Hautkranke, daß man seine Freude daran hat. Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt dicht auf die Nase, damit wir das Gequarre der Göhren den ganzen Tag über hören können; wahrscheinlich wird auch noch elektrisches Licht eingeführt,denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering anzuschlagen – überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen nötig sein als Wahrzeichen des Fortschritts, und ihr Rauch und Qualm wird uns die Luft verstänkern. Es wird ganz großartig werden ...“

Hedda lächelte und antwortete nicht, und der Freiherr fuhr fort:

„Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden Kossäten dünkt mich symptomatisch und ist, möchte ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte muß dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch bitter. Die kleinen Unbequemlichkeiten, die der Triumphzug der Kultur den Einzelnen auferlegt, müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier das Dorf ruinieren und die Gemeinde auflösen wird, das kann einem doch nahe gehen. Ich weiß, daß du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit – aber sind nicht auch diese Opfer bedauernswert? Es ist ein ganz guter Menschenschlag in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen wird! Die Möllers, die nur noch halbe Bauern sind, haben den Anstoß gegeben;siewerden auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es auf der einen Seite an Kapital und an Intelligenz mangelt, während sie auf der andern von der gleichen Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das Spekulationsfieber in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch die Bauern kennen! Und dann: jeder an seinem Platz! Der Bauer ist nun einmal kein Kaufmann, und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers dazu machen wollen, so nehmen sie ihm das Beste seines Charakters, die Solidität. Jawohl, liebe Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer Spekulation böhmische Dörfer für ihn sind, so wird er sich, neidisch zusehend, wie die andern ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel ergeben und schließlich untergehen.Ceterumcenseo– ich sehe durchaus kein Heil für unser Dorf in der ganzen Quellengeschichte.“

Der alte Freiherr stand mit seinem„Ceterum censeo“allein. Auch Hedda teilte seine Ansichten nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre Pläne sie sich lebhaft zu interessieren begann. Eycken schwelgte in seiner Idee. In seiner warmherzigen Kinderliebe sah er eine neue Ära für die arme und leidende kleine Welt anbrechen, der er Hilfe bringen wollte – mit weit offenen Armen, wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht....“ Die Bücher blieben liegen; Luther, Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus hatten Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; nicht der tote Buchstabe lockte ihn diesmal, sondern die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar verschiedene Konferenzen statt, Ärzte und Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen allein ins Leben rufen; er hatte zwar auch mit dem Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte gesprochen, aber Schellheim hatte seinem Empfinden nach den Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund gerückt. Und verdienen wollte Eycken nichts – Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, denn daß sie anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen würde, war klar. Doch das ängstigte Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht wußte, was er mit seinem Gelde beginnen sollte. Er brauchte wenig; seit einem Menschenalter hatte sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens war ihm auch der Fiskus entgegengekommen und hatte ihm für den Bau der Anstalt die zum Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auchnoch an den Johanniterorden gewandt, der die Protektion übernahm, sich verpflichtete, ein paar Pflegerinnen zu stellen, und Herrn von Wessels, den Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.

Anfangs April standen bereits die Fundamente der beiden Logierhäuser Albert Möllers. Das Parterregeschoß des einen Hauses war für einen großen Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. Vorläufig nur, denn sein heimliches Sehnen stand nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht an der großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des Kurparks lag. Braumüllers Wohnhaus war sehr solide gebaut, stark unterkellert und hatte gewölbte Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man es wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten sich die gewölbten Stuben, deren Wände man einfach ausbrach, zu einem eleganten Basar! Natürlich sollte man da alles haben können – ein riesiges Warenhaus schwebte Bertold vor, der jede Nacht davon träumte, wie er die Schaufenster schmücken würde, ein jedes anders, aber immer gleich „schenial“, wie sein Lieblingsausdruck lautete.

Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu entschließen konnte, seine, die Buchenhalde begrenzende Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös des Heus brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen mußte – außerdem hing er auch an diesem Stückchen grüner Wiese, auf der er sich schon als Kind getummelt hatte, und an deren Rain entlang er noch heute seine Sonntagsspaziergänge zu machen pflegte. Vergeblich hielten ihm die Möllers vor, daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für die paar Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden als der Heuertrag; schließlich legte sich auch noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die Wiese war ihrer Lage wegen wichtig – aber was auch er nicht vermochte, das setzte Dörthe durch. Fritz hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja lächerlich. Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch derDörthe, und was der Dörthe war, war auch sein, da sie sich heiraten wollten. Und nun drang Dörthe auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache in Gang gebracht worden sei; denn jetzt habe man den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu können, das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, aber sie wollte wenigstens einen bestimmten Termin wissen. Um Weihnachten, meinte Fritz, da würde man wohl so weit sein. Und dann gab es noch Liebesworte in Hülle und Fülle, und am nächsten Tag erklärte sich der alte Klempt einverstanden, die Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse gebracht und für Dörthe festgelegt.

Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben, zur Ausführung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer denselben Worten darauf geantwortet: „Es tut mir schrecklich leid, liebste Hedda, daß –“ und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings gewünscht, Hedda solle auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch einmal eine „Ausspannung“ gönnen; im Grunde genommen aber war er herzensfroh, daß sie dennoch blieb – sie war ihm unentbehrlich geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn sie neben ihm saß.

Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner Finanzgeschäfts ankündigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau imVordergarten abfing, wo er mit Dörthe die Wege harkte.

„Eine Depesche für den Herrn Baron,“ sagte die Botenfrau.

„Allmächt’ger Gott,“ rief August, „eine Depesche! – Dörthe, eine Depesche!“

Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rückseite.

„Eine Depesche!“ stammelte sie und faltete unwillkürlich die Hände.

„Dörthe, das bedeutet ein Unglück,“ fuhr August mit Überzeugung fort. „Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag’ ich dich bloß!“ Und er schaute Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen wolle, wie die Depesche hierher käme. Dann ging er unter beständigem Kopfschütteln in das Herrenhaus.

„Eine Depesche, gnädiges Fräulein,“ sagte er zu Hedda, die in der Speisekammer zu tun hatte.

Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: „Eine Depesche?!“ rief sie. „Nanu?!“

August nickte. „Das habe ich auch gesagt, gnädiges Fräulein. Wenn das man bloß kein Unglück gibt!“

Nun berieten sie, ob man das Telegramm öffnen solle, um dem Freiherrn die Aufregung zu ersparen. August war dafür. „Man kann nicht wissen, was drin steht, gnädiges Fräulein,“ meinte er. „Einer Depesche ist nicht zu trauen. Das kann alles mögliche sein.“ Aber Hedda schüttelte schließlich energisch den Kopf. Das Telegramm war an den Vater gerichtet, und da ging es nicht an, daß man es erbrach.

„Vater,“ sagte sie, von August gefolgt in das Arbeitszimmer des Alten tretend, „erschrick nicht: es ist eine Depesche angekommen.“

„Nanu?!“ erwiderte der Baron, genau so wie vorhin Hedda, und August nickte dazu: dieses „Nanu“ entsprach ganz seiner Auffassung.

Hellstern erbrach das Papier und las erst die Unterschrift.

„Von Axel, Hedda. Und fünf Zeilen lang. Das soll was heißen ...“ Er las vor: „Bitte um die Erlaubnis, Euch auf ein Retourbillet besuchen zu dürfen. Wenn keine Antwort erfolgt, bin ich Sonnabend mittag in Zielenberg. Wagen unnötig, nehme dort Extrapost. Freue mich herzlich darauf, Euch kennen zu lernen, und grüße Dich und die Cousine.

Euer Vetter

Axel Hellstjern.“

Er ließ das Papier sinken. „Was sagst du dazu? – Sonnabend – das ist morgen.“

Hedda hatte einen roten Kopf bekommen.

„Aber, Papa, das ist ja ganz unmöglich,“ antwortete sie. „Morgen schon – und es ist nichts in Ordnung! Telegraphiere zurück, er möchte erst in acht Tagen kommen.“

„Ja, aber wohin denn?! Axel hat vergessen, seine Adresse anzugeben.“

„An die schwedische Gesandtschaft in Berlin.“

„Ach nein, Hedda, das geht nicht. Ich meine, das wäre unliebenswürdig. Ich bin Axel in gewisser Weise Dank schuldig. Lassen wir es nur bei morgen. Er muß sich sagen, daß er bei uns keinen weltstädtischen Komfort findet. Das Dach ist ja repariert – es regnet im Fremdenzimmer nicht mehr durch. Bringe die Stube in Ordnung und sorge für etwas opulentere Mahlzeiten in den nächsten Tagen. Wein ist noch genug da. Komm her, mein Kind, und gib mir einen Kuß! So – und nun sei verständig!“

Das war leicht gesagt: verständig sein. Herrgott, was war nicht noch alles zu tun bis morgen mittag! Aber Hedda behielt den Kopf oben; sie entwarf einen Feldzugsplan. Zunächst mußte Dörthe die Tante Pauline zum Helfen holen. Dann wurde im Fremdenzimmer „groß rein gemacht“ – dasheißt in dem einzigen der sogenannten Fremdenzimmer, das leidlich möbliert war. Es lag im ersten Stock, nach Süden hinaus, und war ein großer, freundlicher Raum. Ströme von Wasser flossen über die Dielen; Dörthe und Tante Pauline schrubberten und scheuerten, daß ihnen der Schweiß von der Stirn floß. Währenddessen beschäftigte sich Hedda damit, frische Gardinen anzustecken. Sie opferte auch ihr eignes Waschservice, das sehr hübsch war: weiß mit rosa Streublümchen und rotem Rande. Gottlob, daß das Bett gut war – ein altes, ungeheuer großes Bett, noch aus dem Anfang des Jahrhunderts stammend, mit geschweiften Beinen und naiver Schnitzerei. Zuletzt ging es an das Wohnlichmachen des Zimmers. Die Tische erhielten saubere Decken, das Sofa wurde mit einer Schlummerrolle geschmückt. Nur mit der Bilderzier war es eine schlimme Sache. Die eine Wand war noch ganz leer. Da entsann sich Hedda, daß in der früheren Räucherkammer, in der man allerhand altes Gerümpel aufzubewahren pflegte, noch ein Ölbild stand. Es schien dorthin zu gehören, denn es sah wirklich ganz verräuchert aus und stellte, soweit es erkennbar war, einen Herrn in ritterlicher Tracht dar. Der Papa glaubte, es sei irgend ein Vorfahre; das hatte gewiß Interesse für Axel. Das Bild wurde hervorgesucht, abgestaubt, gewaschen und geseift und an die leere Wand gehängt. Trotz aller Reinigungskünste sah es so dunkel wie vordem aus, aber es machte sich dennoch ganz hübsch. Nur Tante Pauline meinte, es sei ein „greuliches Gesicht“; sie würde in diesem Zimmer nicht schlafen können. Hedda war jedenfalls zufrieden; morgen früh kamen noch Veilchen, ein paar blühende Pirus- und Pfirsichzweige und etwas Grün in die Vasen und Gläser – dann war das Zimmer behaglich und traulich.

Nachdem dies getan war, kam die Rücksprache mit der Köchin an die Reihe. Das war schon verwickelter. August mußte am Nachmittag noch nachZielenberg zum Schlächter fahren; außerdem mußten zwei Hennen und eine Ente ihr Leben lassen – die letztere wurde in Aspik gelegt. Die Konserven und das Eingemachte wurden revidiert und auch der Weinkeller einer Prüfung unterzogen. Er war noch am besten assortiert. In einer Ecke lagen aus früheren Tagen her sogar noch ein paar Dutzend Flaschen vortrefflichen Johannisbergers, auch eine Flasche Champagner war noch da, aber der fehlte das Etikett. Der Baron konnte Hedda keinen Aufschluß darüber geben, welche Marke sie enthalte, doch neigte er der Ansicht zu, es werde wohl Grüneberger Landkarte sein, und es sei auch fraglich, ob der Wein noch moussiere, denn seiner Erinnerung nach rühre die vergessene Flasche noch von Heddas Taufe her.

So war denn alles in Ordnung, und man konnte der Ankunft des Vetters aus Schweden mit einer gewissen Ruhe entgegensehen. Axel brachte schönes Wetter mit. Es war ein wonniger Frühlingstag, sonnig und linde, mit einem zarten, weißen Wolkenschleier am Himmel, der die Sonne wie ein Spitzenschal umgab. Im Parke war schon alles grün; der Rasen glänzte smaragden, und die Junirosen hatten ihre großen Blätter bereits voll entfaltet.

Hedda sah unaufhörlich nach der Uhr. Sie war etwas in Unruhe und zweifelhaft geworden, ob es dem fremden Vetter auch auf dem Baronshofe gefallen werde. Seit einer halben Stunde ging sie vor der Veranda auf und ab, den Wagen erwartend, denn da der Zug wenige Minuten nach zwölf in Zielenberg eintraf, so konnte die Post jeden Augenblick durch den geöffneten Torweg einfahren.

August teilte die Unruhe seiner Herrin. Hedda hatte auf seinen blauen Livreerock einen neuen roten Kragen gesetzt und ihm anbefohlen, beim Servieren weiße Handschuhe anzuziehen. Und davor ängstigte sich August. An das Servieren mit Handschuhen war er nicht gewöhnt. Er hatte es ein paarmalprobiert, aber auf der glatten Wolle rutschten die Teller immer aus. Das Herz zitterte ihm, wenn er an das Diner dachte.

In der Ferne ließ sich – ein seltener Klang – das fröhliche Schmettern eines Posthorns vernehmen. Das war er! Hedda stürmte in das Haus zurück, den Alten zu rufen.

„Schnell, schnell, Vater – er kommt!“

Der Baron, in seinem langschößigen Rock und in der schwarzen Halsbinde wie ein Veteran von 1806 aussehend, hinkte an seinen Krückstöcken auf die Veranda – in dem Augenblick, da der Postwagen vorfuhr.

Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes Coupé, und hinter dem hochgezogenen Fenster des Wagens sah Hedda ein schmales, blasses, freundliches Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem Wildleder.

August riß den Schlag auf, und Baron Axel stieg vorsichtig aus, mit dem Fuße nach dem Trittbrett angelnd.

„Tag, Cousine!“ rief er ihr dabei entgegen, mit leicht fremdartiger Betonung des Deutschen, „Tag, Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hübsch bei euch! Kinder, wie freu’ ich mich!“

Seine Begrüßung war sehr warmherzig. Hedda hatte sie steifer und formeller erwartet, sich überhaupt, trotzdem sie eine Photographie des Vetters kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen. Er war sehr groß, größer als der Vater, aber schmalschulterig und ging leicht vornüber geneigt. Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Züge, sah jedoch ein wenig abgespannt und müde aus. Auf der rechten Wange zeichnete sich eine feine Hiebnarbe blutrot ab. Ein langer, weißblonder Schnurrbart sproßte auf der Oberlippe; auch das Haar war weißblond und dünn, aber geschickt gescheitelt und über den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen Augen blickte viel Gutmütigkeit. Axel trug ein Monocleohne Band, ein großes, rundes Glas, ständig in die linke Augenhöhle geklemmt. Seine Kleidung war ausgewählt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz der Stiefel auf den sehr kleinen Füßen auf.

August führte den Gast zunächst auf sein Zimmer, und dann ging man sofort zu Tische. Axel fand alles „reezend“ (er sprach das ei gern als e aus), besonders das verräucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr.

„Aber irgend eine Ähnlichkeit mit den Porträts in Jarlsberg kann ich beim besten Willen nicht herausfinden,“ sagte er. „Freelich, da sind eenige fünfzig – in eener unendlich langen Galerie, in der man getrost eene Steeplechase veranstalten könnte – ach, Cousine, es ist schade, daß du Jarlsberg nicht kennen lernst – das würde dir gefallen ...“ Und er beschrieb das alte Schloß, das hoch oben in Schweden auf einem Felsenvorsprung, der Lofotengruppe gegenüber, lag, umschäumt und umrauscht von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern noch aus dem vierzehnten Jahrhundert stammten, und an der acht Generationen gebaut hatten. „Ich mit,“ fügte Axel hinzu, „und es hat mich Mühe genug gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten eine gewisse Wohnlichkeet zu bringen, denn Vater und Großvater lebten lieber in Stockholm und mehr noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse. Aber seht ihr, für mich hat es einen besonderen Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen, und es tut mir von Herzen leed, daß mir der Arzt das rauhe Klima verboten hat. Ich muß nämlich een bißchen – een bißchen vorsichtig seen,“ schloß er, und gleichsam als Bekräftigung dieser Äußerung befiel ihn zum Schrecken Heddas ein langer und trockener Husten, den er vergeblich niederzukämpfen sich mühte.

Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch vor den Mund. Der Husten erschütterte seinen ganzen Körper, so daß er nach Luft ringen mußte, als der Anfall glücklich vorüber war.

„Schauderhaft,“ sagte er endlich. „Ich habe mich vor zwee Jahren auf der Bärenjagd erkältet und kann mich seetdem nicht wieder so recht erholen. Ich will deshalb auch den Abschied nehmen und een paar Jahre im Süden verleben. Vielleecht wird’s da unten besser ... Und nun, Onkel Frederic – wie steht’s mit der Chronik? Hast du dich durch die alten Urkunden durchfinden können?“ –

Hedda war sich noch nicht ganz klar über den Vetter; sie schwankte noch in ihrem Urteil. Jedenfalls war er ein vollendeter Gentleman und jedenfalls ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid haben mußte. Er hatte ein liebes, sympathisches Gesicht, und die ganze Art seines Sichgebens war frei, herzlich und natürlich. Es zeigte sich auch, daß Axel über eine feine und umfassende Bildung verfügte; er war viel in der Welt herumgekommen, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war erstaunlich belesen, so daß Hedda im Gespräche mit ihm zu öfterem ein gewisses Schamgefühl über ihren eignen Mangel an Wissen überschlich.

Den ganzen Nachmittag über blieb Axel mit dem Freiherrn in dessen Arbeitszimmer, um den vollendeten Teil der Chronik durchzugehen. Erst beim Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen. Sie ärgerte sich im stillen über die Appetitlosigkeit ihres Gastes; was hatte man für Umstände gemacht, und nun aß er fast gar nichts! Mit dem Trinken war es ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne jeden Beisatz von Zucker – brrrr, dachte sich Hedda, und das will ein verwöhnter Weltmann sein! Aber seine scharmante Liebenswürdigkeit blieb immer die gleiche. Er sprach viel und ungemein anregend, oft sprunghaft das Thema wechselnd, doch stets interessant; dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere Färbung an, und um so stärker fiel die Abspannung seiner Züge auf, wenn er einmal eine Pause in der Unterhaltung eintreten ließ. Gelegentlich fragte ihn Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seinerrechten Wange; er vermutete, sie rühre von einem Schmiß aus der Studentenzeit Axels her. Doch Axel erzählte freimütig, er habe die Wunde in einem Duell empfangen – vor sieben oder acht Jahren, in Brüssel, wo er für die Gattin eines Grafen Soundso mehr Interesse gezeigt habe, als dem Ehemann lieb gewesen sei. Jetzt sei er über derlei Dummheiten hinaus.

Axel zog sich übrigens frühzeitig zurück. August mußte mit auf sein Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden zu helfen, und er schilderte späterhin in der Küche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die Garderobe des Herrn Vetters barg. Da waren eine Unmasse Flaschen und Kapseln mit silbernen Köpfen, alle gefüllt – „weiß der Deubel, mit was“ –, die mußten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und die Hosen wurden in einen Bügel gezwängt, der sie auseinanderspannte, damit sie auch die richtige Form behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen Grunde hölzerne Blöcke mit silbernen Ringen hinein, und die Nachthemden waren aus purer Seide. „So was hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen,“ schloß August, und als Dörthe fragte, ob die Nachthemden auch wirklich aus Seide gewesen wären, sagte er: „Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab’ sie befühlt.“

Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewünscht hatte, noch ein halbes Stündchen bei ihrem Vater sitzen. Es drängte sie, ihre Eindrücke über den Gast mit ihm auszutauschen.

„Wie findest du den Axel?“ fragte sie. „Er ist schwer leidend, nicht wahr?“

Der alte Herr nickte.

„Ich glaube auch; er verbirgt’s zwar gern, aber ich halte den armen Kerl für schwindsüchtig. Und da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich vorher noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt denn das ganze Geld und die Güter in Schweden und die alte Burg den Lofoten gegenüber, wenn der Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gönneihm, weiß Gott, noch ein langes Leben, aber schließlich, des Herrn Wille ist unerforschlich – und Axel sieht nicht so aus, als ob er das Hellsternsche Alter erreichen würde. Na, da habe ich denn am Nachmittage vorsichtig einen Fühler ausgestreckt, ob er noch irgend welche Verwandte hat, von denen der Freiherrnkalender nichts weiß. Und es ist wirklich so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fällt sein ganzer Besitz einem Vetter zu, der in der englischen Marine dient, und den er wie die Pest haßt. Er hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt; nach seinen Schilderungen muß es ein gräßlicher Kerl sein. Nun frage ich dich, ist das nicht schandbar?“

„Weshalb?“ entgegnete Hedda harmlos.

„Schlaukopf – weshalb? Wärenwirnicht ebenso geeignete Erben wie dieser unausstehliche Vetter in der englischen Marine?“

Hedda lachte.

„Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete sie, „daßwiruns als Erben in der Tat ebensogut und vielleicht besser ausnehmen würden. Aber deinen Ärger versteh’ ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja selbst, daß du nie an die Möglichkeit gedacht hättest, je einmal von Schweden aus berücksichtigt zu werden –“

„Vorher nicht,“ fiel der Alte ein; „aber jetzt liegt die Sache doch anders.“

„Ich wüßte nicht inwiefern, gestrenger Herr Vater.“

Der Freiherr überhörte die letzte Äußerung. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute sinnend und melancholisch, mit leisem Seufzer, zu Hedda hinüber.

„Schade, daß der Axel so ’n armer, kranker Teufel ist,“ sagte er.

„Ich bemitleide ihn auch, und von ganzem Herzen –“

„Denk mal, was das für eine Partie für dich gewesen wäre!“

Hedda fuhr betroffen auf; dann lachte sie wieder: „Willst du mich denn so absolut los sein, Papa?“

„Unsinn! Du weißt recht gut, daß ich dich am liebsten immer bei mir und um mich behalten möchte – weißt’s recht gut! Aber ’mal muß ich mich doch mit dem Gedanken vertraut machen, dich abzugeben – lieber Gott, das ist doch nun einmal das Schicksal der Töchter! Glaube nicht, daß ich gar so selbstsüchtig bin; ich habe mir über deine Zukunft schon manchmal meine Gedanken gemacht. Jahr um Jahr vergeht, und du sitzest hier auf dem Baronshofe und lernst keinen vernünftigen Menschen kennen –“

„Erlaube, Papa –“

„Na ja, ich meine, keinen, der sich für dich eignen würde. Mit dem Gunther von da drüben war es doch nichts! Es ist eine niederträchtige Geschichte. Ich ärgere mich, daß ich dich nicht doch noch zu Tante Jutta nach Berlin geschickt habe. Es sollen sehr nette Leute bei ihr verkehren.“

„Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen gefallen hätte.“

„Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer werden?!“

Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Kuß.

„Ängstige dich nicht meinetwegen, Vater,“ sagte sie heiter. „Das Heiraten gehört freilich sozusagen zum weiblichen Beruf, aber es gehören auch immer zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann muß man sich zu trösten suchen. Und das werde ich tun – wenn es nicht anders ist. Nun schlaf wohl und verträume die ernsten Gedanken!“

Sie strich ihm über die Stirn und klingelte nach August. –

Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden war, fand sie Axel bereits im Parke vor. Er kam ihr mit fröhlichem Lachen entgegen.

„Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,“ sagte er, ihr die Hand reichend. „Das ist aber nichts weeter als eine Folge des Frühschlafengehens, Hedda.Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur dree. Sieh, wie herrlich der Morgen ist!“

Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch durch den Park, der Odem der Verjüngung und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern und Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte schon der erste wilde Blumenflor empor. Die Erlen und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an; die Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. Auch an dem Christusdorn brachen bereits zartgrüne Knöspchen auf, und die Fliederbosketts standen in frischem Blätterschmuck.

Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine gewohnheitsgemäßen drei Stunden gut, antwortete er; nicht einmal der Geist des verräucherten Ahnherrn habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns an, wo seine Schlummerzeit um sei, habe er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die Sperlinge hätten angefangen und dann die jungen Schwalben in ihrem Nest dicht unter dem Fenstersims. Hierauf hätten sich die Krähen in den Birken zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte Gesellschaft, die dem Aufgang der Sonne mit großem Geschrei entgegensehe; auch ein Storch müsse sich in der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das Geflügel auf dem Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst undeutlich, denn das Viehzeug war noch in seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch schon die verschiedenartigen Organe unterscheiden können: das dumpfe Krähen der Hähne, das Glucken der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten. Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton einer Kuh, ein Pferdewiehern und im Verein mit melodischem Kettenklirren das Anschlagen des Hofhundes. Endlich erwachte auch der Mensch. Man hörte die Pumpe arbeiten – sie müsse einmal geölt werden, sagte Axel – und dann das Öffnen verschiedenerTüren, und nun hätten sich die sämtlichen Stimmen zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. Doch immer habe das helle Schmettern der Hähne das Leitmotiv angegeben ...

Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung. Sie fand, daß der Vetter heut ungleich frischer, wohler und jünger aussah als gestern. Sie fand auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht habe, mit hellen, strahlend blauen Augen und einem Spinnennetz winziger Fältchen darunter, das aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend war. Was ihr indessen am meisten auffiel, war die intensive Blutfarbe seiner Lippen. Er war bereits fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo. Er sah sehr elegant aus, trotz seiner langen, etwas schwippen Figur und seiner schlechten Haltung.

Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo der Freiherr bereits am Teetisch saß und ungeduldig auf die beiden wartete. Trotz des Frühlingstages brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in dem großen Saale schon vertragen. Die Scheite knisterten und knackten, und die Flammen zuckten hin und her.

Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber aus. Er sei neugierig und wolle alles wissen, sagte er, was für den Baronshof von Interesse sei. Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich der Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal sein Herz auszuschütten. Er schilderte den jahrelangen verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu halten gewesen. Übrigens sprach Hellstern vernünftig und ruhig. Er schimpfte nicht auf die „Handelsverträge und das römische Recht“ und vermied die landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß man heutzutage bei der Landwirtschaft nur dann etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungender Preise Trotz bieten, müsse auch Courage und die nötigen Mittel haben, um einmal eine Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der alte Usen auf Karstädt – was habe der aus seiner Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der die niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft aussauge, aber für das Land sei ihm nichts zu teuer. Sein Maschinenapparat sei ein wahres Wunder. Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien nicht fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben – und er, Hellstern, hatte sie nicht. Damals, wie die Hellsterns aus Schweden herübergekommen, waren sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon geblieben? Verpulvert, verschleudert, vergeudet – „adjö!“ ... Daß die Landwirtschaft gute Erträgnisse abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt habe, um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz ein. Alle reichen Juden kauften sich Güter ...

Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern zu Ende war, bat er sich von Hedda noch ein Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren gebacken worden war, und den er als delikat bezeichnete, und sagte sodann:

„Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein Besitztum verkauft hast, Onkel Frederic. Ich verstehe dich nicht, daß du dich damals nicht an mich gewandt hast – ich hätte dir doch so gern geholfen.“

Der Freiherr schüttelte den Kopf.

„Du standst mir zu fern, Axel,“ erwiderte er. „Und dann lagen auch schon überreichlich Hypotheken auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich den Baronshof behalten konnte und dabei noch mein leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat Schellheim hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer hätte vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin ich ganz zufrieden.“

Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang vor, und Hedda war einverstanden.

Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte der Vetter Interesse. Hedda mußte ihm von der Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar. Die Dorfstraße wurde gepflastert; Scharen von Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge wurde ein neuer Flügel angebaut. Die alte Inschrift: „Gastwirtschaft von C. Möller“ war längst übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit Goldrand: „Hotel Möller“, sollten sie ersetzen. Die Logierhäuser Alberts stiegen in die Höhe; überall regten sich fleißige Hände.

Axel wollte auch den „Kurpark“ sehen. Man rodete und pflanzte noch. Die Natur kam hier den Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald war wunderschön, und die humusreiche Erde ermöglichte leicht die Anbringung hübscher Bosketts. Der Kommerzienrat hatte es aber noch vornehmer haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei sein, Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so wurde denn nach der Wiese zu ein Treibhaus errichtet, zur Aufbewahrung der Seltenheiten während der kälteren Jahreszeit.

Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke tätig. Plötzlich neigte Hedda grüßend den Kopf; sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der verfehlten Werbung Gunthers war eine Entfremdung zwischen den Insassen des Baronshofs und des Auschlosses eingetreten. Man besuchte sich nicht mehr. Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem Lächeln entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr die Hand. Sie stellte Axel vor.


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