Zehntes Kapitel

„Freue mich sehr,“ sagte der Kommerzienrat. „Sie lernen die Entstehungsgeschichte eines neuen Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr Baron sprechen doch Deutsch?“

„Gewiß,“ erwiderte Axel; „nur mit dem Akzent geht es zeetweelig noch nicht so recht. Das interessiertmich alles sehr, Herr Kommerzienrat. Das ist sozusagen ein Stückchen Kulturgeschichte. Wird das da drüben ein Pavillon, wenn ich fragen darf?“

„Nein,“ entgegnete Schellheim, „das wird der Quellenbau. Wenn die Herrschaften gestatten, führe ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem Herrn Papa, gnädigstes Fräulein?“

Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der Rätin, auch unbefangen nach Gunther. Das schien Schellheim zu freuen; er wurde ausführlich. Gunther war noch immer in Montreux; seine große Arbeit ging dem Abschluß entgegen.

„Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gnädiges Fräulein –“

„Ja – ich weiß, Herr Kommerzienrat –“

„So – Sie kennen das Thema? Der Pastor ist ganz begeistert; Gunther hat ihm die ersten Bogen geschickt. Es muß etwas Eigenes sein, dies Grübeln und Forschen und Suchen – ein Glücksgefühl, das unsereiner gar nicht kennt, nicht einmal begreift ... Also dies wird der Quellentempel –“

Und Schellheim begann zu erklären. Den Anfängen nach zu urteilen, mußte man mit großen Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus Marmor und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner Architekt hatte den Entwurf geliefert. Auch die Wandelhalle war eine elegante und luftige Eisenkonstruktion. Hier und da wurden zwischen den Bosketts Statuen und an den Endpunkten der Laubengänge Ruhesitze errichtet. Künstliche Felspartien wurden geschaffen und ein ganzes Parterre hochstämmiger Rosen. Vom Brunnen aus zog sich eine Art Boulevard quer durch den Park. Hier waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine prächtige Allee bildend. Die ehemalige Klemptsche Wiese sollte die Spielplätze hergeben, für Lawn Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn dachte man. Die Chaussee war belebt. Wagen auf Wagen rollte heran, mit Bauholz, Eisen undSteinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von gelbem Kies. Für die Arbeiter waren in den sogenannten „Sandkuhlen“ der Grauen Lehne Baracken errichtet worden; Fritz und die alten Möllers hatten die Verpflegung der Leute übernommen. Neben dem Kommerzienrat sah man überall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der erste auf dem Platze und verließ ihn als letzter. Seine Tätigkeit war erstaunlich; es zeigte sich, daß er ein ganzer Geschäftsmann war und trotz seiner Halbbildung ein Organisationstalent erster Ordnung. Gegen Schellheim war er von kriechender Unterwürfigkeit, und wenn er mit den Seinen allein war, schimpfte er auf ihn. Anfänglich hatte er viel schlaflose Nächte gehabt; der Gedanke, daß der Kommerzienrat ihn übervorteilen könne, beunruhigte ihn maßlos. Und dann hatte er wieder darüber gegrübelt, wie man sich Schellheims am bequemsten entledigen könne, wenn alles „fertig sei“. Schließlich aber hatte er sich gefügt. Es ging nicht anders. Schellheim war nicht mehr los zu werden, war auch nicht zu entbehren. Die Gesellschaft war gegründet; an ein gegenseitiges Betrügen war nicht zu denken. Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen Mißtrauen.

Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben in und um Oberlemmingen wie ein Traumbild. Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters. Es sah wirklich so aus, als werde das Dorf vom Erdboden verschwinden. Die Einrichtungen, die man traf, berücksichtigten Tausende von Badegästen. Wo sollten diese Menschen wohnen? – Die Wohnungsfrage war in der Tat erst in der Lösung. Man wollte sich damit nicht übereilen. Auf dem Möllerschen Terrain ließ sich eine ganze Reihe von Logierhäusern errichten. Spekulanten aus Frankfurt hatten bereits Bauplätze gekauft, auch der Getreidehändler Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater Bertolds, begann zu bauen. Und dannunterhandelte man noch mit Raupach und Thielemann, deren Gehöfte in der Nähe der großen Landstraße lagen. Am wichtigsten war freilich Braumüller, doch der hatte bisher jedweder Lockung widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die Preise mußten noch ganz anders in die Höhe gehen. An seinem Zaun stand ein alter Akazienbaum, der den Kommerzienrat ärgerte, weil er die Aussicht auf den Boulevard störte. Schellheim beauftragte Albert, den Baum zu kaufen und fällen zu lassen. Braumüller forderte fünfzig Taler. Albert erklärte das für eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fünf Taler wert. Dann solle der Baum stehen bleiben, gab Braumüller zurück. Die beiden handelten auf Tod und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden Abend erstattete Albert dem Kommerzienrat Bericht. Braumüller blieb lachend bei seiner Forderung, und schließlich sagte Schellheim wütend zu Albert: „Zahlen Sie dem Kerl die fünfzig Taler – der Teufel soll ihn holen, den Gauner!“ Braumüller strich die fünfzig Taler ein, ohne daß ihn der Teufel holte, und betrank sich am Abend, so daß ihn zwei Knechte nach Hause tragen mußten.

Das zukünftige Hotel Möller war nicht mehr für die Bauern da. Fritz hatte den Stall, in dem die Schankstube provisorisch untergebracht worden war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die Bilder von Friedrich Wilhelm IV. und der Königin Elisabeth waren mit herübergekommen. Es war wie eine Revolution. Die alte Möllern weinte zuweilen; sie sah nichts Gutes darin, daß alles so fein und so vornehm wurde. –

Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg hinabgegangen. Auf Schritt und Tritt machte sich der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben auf dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten die Leute. Man sah die ragende Gestalt des Pastors unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart. Mitten in der Tannenschonung wurde ein großerPlatz freigelegt; dorthin sollte das Kinderasyl Eyckens kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden Fahne, die ein achtspitziges Kreuz trug, hinweisend auf die Protektion des Ordens von Sankt Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen Hut die neue Kinderheilstätte stehen würde.

Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang nicht anstrenge. Sie hatte ihn wieder zu öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle sich sehr wohl und auch sehr glücklich.

„Ja – sehr glücklich, Cousine,“ wiederholte er. „Ist es der Reez des Neuen oder die frische Landluft oder die Freude, einmal mit lieben Verwandten zusammen sein zu können – ich kann dir nur sagen: ich fühle förmlich, wie mir das Herz auftaut – ich spüre selbst so etwas wie Frühling in meiner Brust! Das ist mir lange nicht passiert – und ich danke dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr mir gestattet habt, euch besuchen zu dürfen.“

„Aber ich bitte dich, Vetter,“ wehrte Hedda den Dank unter hellem Erröten ab, „wir haben uns ja so gefreut, dich kennen zu lernen, und hoffen, es wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem Baronshofe bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, daß es dir bei uns gefällt – denke dir, ich habe eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für dich finden! Mein Gott, es geht doch schrecklich einfach bei uns zu!“

„O Hedda, du mißverkennst mich völlig,“ entgegnete Axel. „Ich bin verwöhnt – allerdings – das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es möglich ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das will noch nicht sagen, daß ich mich lediglich in der Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe einmal eine Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, wo wir uns im Schneegestöber verirrten und dree Tage lang auf trockenen Schiffszwieback angewiesenwaren – es hat mir nicht wehe getan. Ich liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich entbehre ihn um so weniger, wenn ich mich sonst wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur wiederholen: es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden durch die Seele – ich weiß nicht, woher es kommt – so etwas wie Heematluft.... Ich bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig genug: im tollsten Trubel hab’ ich mich immer am eensamsten gefühlt. Nun hat man mir auch Jarlsberg verboten – wegen der rauhen Luft und des verdamm – o Pardon, meines Hustens wegen. Man hat mir die Heemat genommen. Das tut mir weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen – und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden ...“

Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters, des armen „Heimatlosen“, der, mit Glücksgütern überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern eine feine und zarte Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus – einer, der immer einer linden, weichen und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, daß er sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange, abseits zu gehen, und der Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, den er hart empfinden mußte.

„Weißt du, Vetter,“ begann sie wieder, „daß ich deinen Entschluß, den Dienst zu quittieren, für sehr vernünftig halte?“

„Wirklich?“ fragte er.

„Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein Beamtenmensch. Alles Gegliederte, Schematische und Bureaukratische ist dir zuwider.“

„Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise eine peinlich ordentliche Natur, Hedda.“

Sie lachte.

„Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen –“

„Ach nein – in keine desgenus homo!“

„Es ist noch ein Glück, daß du nicht aufs Carrieremachen angewiesen bist,“ fuhr Hedda, wieder ernster werdend, fort. „Und bei deinem lebhaften Geiste fürchte ich auch nicht, daß du untätig bleiben und dich langweilen wirst.“

„O du lieber Gott, Hedda – ich kenne das Wort Langeweile überhaupt nicht! Ich habe so hunderterlei Interessen – und wenn ich mich dazu entschloß, zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur – gewissermaßen aus traditionellen Rücksichten; irgend einen Beruf mußte ich doch ergreifen, und der diplomatische gilt bei uns als der vornehmste. Alle Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube, es war nie ein besonders hervorragender darunter. Doch einer, Christiern Hellstjern – der trank um 1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch den großen Adelsaufstand beigelegt haben – doch ist es immerhin fraglich, ob man diese Leistung als diplomatische Heldentat betrachten darf ...“

Sie waren nun bereits mitten im Walde und schlugen den Weg nach dem See ein. Er lag in voller Bläue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen Ufern, die auf allen Seiten zu Bergrücken aufstiegen. Unten erstreckte sich Laubwald und weiter oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentümliche Gestaltung einzelner hoher Kiefern an die Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte wieder, in leichten Dunst gehüllt, der eckige Turm des Döbbernitzer Schlosses in verschwimmenden Umrissen herüber.

Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses. Aber Hedda beschränkte sich auf kurze Mitteilungen. Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch auf der Festung; dieser Tage solle das Gut subhastiert werden – man erzähle sich, Schellheim werde es kaufen.

Der Vetter wurde aufmerksam.

„Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten?“ fragte er.

„Ja, Vetter, der einzige.“

„Und ist das Gut im Stande?“

„Nein, arg vernachlässigt. Aber der Boden soll nicht schlecht sein, und Schloß und Park sind herrlich.“

Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem Foulard über die Stirn. Dann suchte er sich einen Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch darüber und ließ sich nieder.

„Bist du nicht auch müde, Hedda?“

„Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fußgängerin.“

Er schaute sie ernst und lange an.

„Ach,“ sagte er, „wie beneide ich dich um deine quellige Frische! Du bist ein echtes Germanenweib, Hedda –“ und plötzlich brach er ab und winkte ihr. „Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht müde bist – es plaudert sich besser.“

Er rückte ein wenig zur Seite. Der Stein bot Platz für zwei. Hedda setzte sich zu ihm. Sie hätte gern die Röte zurückgedrängt, die sie plötzlich auf ihren Wangen fühlte. Eine leichte Unruhe überschlich sie. Ihr war genau so zu Mute, als müsse im nächsten Augenblick ein Antrag kommen.

Doch sie irrte sich. Axel starrte über den See, die schilfumbuschten Ränder und das Sonnenflirren im Wasser und sagte dann plötzlich:

„Vielleicht ist das etwas fürmich– dies Döbbernitz da drüben.“

„Wie meinst du das?“

„Nun – irgendwo muß ich mir doch wieder so eine Art Heimat schaffen, Hedda – und hier in eurer Nähe gefällt mir’s schon am besten. Immer unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich. Ich werd’ mich nach den Verhältnissen in Döbbernitz erkundigen ...“

Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht. Die Idee des Vetters, sich um das Nachbargut zu bewerben, kam ihr so plötzlich, daß sie nicht recht wußte, ob sie sich darüber freuen sollte. Axel schien ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von der Seite an und sagte:

„Das heißt, Cousine, wenn es dir recht ist –“

Jetzt lachte Hedda.

„Aber, Vetter,“ antwortete sie heiter, „warum soll es mir nicht recht sein? Es ist doch naturgemäß, daß ich Döbbernitz lieber in den Händen eines Verwandten als in denen eines Fremden weiß, zumal es früher einmal Hellsternscher Besitz gewesen ist –“

„Wirklich?“ fiel Axel ein.

„Jawohl, der Große Kurfürst schenkte es dem Hellstern – ich glaube, er hieß auch Axel –, der mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in brandenburgische übertrat; dann kauften es die Rothenburgs und später die Zernins.“

„Es ist gut, daß ich dies weiß,“ erwiderte Axel ernsthaft; „Familienerinnerungen muß man wert halten ...“

Und nun wurde er schweigsam, während man langsam den Heimweg antrat. Offenbar ging ihm seine Idee durch den Kopf. Er sprach übrigens tagsüber nicht mehr davon. Hedda wunderte sich, daß er nicht wenigstens ihren Vater zu Rate zog, aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das Thema von neuem anzuregen.

Am nächsten Morgen trompetete abermals eine Extrapost auf dem Baronshof, die sich Axel in Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber. Sein Wagen tät’ es auch noch, meinte er, und seine dicken Füchse liefen ganz gut. Aber Axel wollte keinerlei Umstände verursachen. Er versprach, in Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. Sein Dank klang so warm, daß man fühlen konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte denAlten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände fest. „Ein merkwürdiger Mensch,“ dachte sie, als sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren.

August war voll hohen Lobes über den Herrn Vetter aus Schweden.

„Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld gegeben, gnädiges Fräulein,“ erzählte er Hedda. „Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten je zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr Baron kaum drei Tage bei uns war, so ist das eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann das doch nicht zurückweisen – wie würde das denn aussehen!“

Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel zurück.

„Ich werde nicht klug aus ihm,“ sagte Hellstern. „Er ist mir zu weich, zu lasch, nicht männlich genug. Aber vielleicht liegt das an seiner Krankheit, vielleicht auch tatsächlich an dem Empfinden von Heimatlosigkeit, das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich dir erzählen wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt worden – man hat ihm den Rest seiner Festungshaft geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals Mittel und Wege finden, der drohenden Subhastation zu entgehen.“

„Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu kaufen, ins Wasser fallen,“ entgegnete Hedda.

„Es wäre im Grunde genommen ganz gut,“ erwiderte der Alte; „so mal für ein paar Tage ist er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr – ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu lasch ... Meinst du nicht auch?“

Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte in diesem Augenblick an Klaus und nicht an den schwedischen Vetter.

Nun war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem die neue Quelle ihre feierliche Weihe empfangen sollte. Es war später geworden, als man anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits mit heißem Prangen in das Land gezogen, und auf den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse an der Ernte wie sonst: die Quelle zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch offiziell erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt an der Oder und auch einige Berliner, die sich für den ganzen Sommer in Oberlemmingen festsetzen wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, aus weiterer Ferne, selbst aus Süddeutschland. Die Broschüre, die Professor Statius über die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, war zu Hunderttausenden in alle Welt gegangen. Ein federgewandter Schriftsteller, den Schellheim ausfindig gemacht, hatte eine Beschreibung des neuen Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder, der das freundliche Dorf umgab, die Reize des Kurparks, der Wiesen und Felder, und eine ganze Anzahl eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was die Hauptsache war: der Ton lag auf der Billigkeit von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie in Karlsbad und Kissingen und den sonstigen großen Bädern; die Kurtaxe war gering, die Lebensmittel bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung waren die denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt worden. Bei der Lektüre der Broschüre konnte man den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnissebei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen märkischen Paradies. Als der alte Möller sich eines Tages nach mancherlei Mühe durch die Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht sehr zufrieden. Die ewige Betonung der billigen Preise behagte ihm nicht. „Wie sollen wir denn dabei auf die Kosten kommen?“ fragte er Albert. Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in die Hosentaschen und klimperte mit dem lockeren Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug. „Das ist einfach der Köder, Vater,“ antwortete er; „erst müssen die Leutekommen– nachher wird sich’s schon finden, wie wir sie drankriegen.“

Braumüller hatte wirklich verkauft. Das war ein harter Kampf gewesen. Wochenlang schacherte er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an das viele Geld und an die Wahrscheinlichkeit, nach der Stadt überzusiedeln, verlockte. Namentlich Lise drängte es nach der Stadt. Seit sie wußte, daß Albert sie doch nicht nehmen würde, träumte sie von einer Partie mit einem fest angestellten Beamten. Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte für die Bauernwirtschaft, für das Frühaufstehen, das Melken im schmutzigen Stall und das Abrackern auf dem Felde in glühender Sonnenhitze. Aber der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte verkauft und ein gutes Geschäft gemacht. Doch er wollte in Oberlemmingen bleiben, vorläufig wenigstens. Er war auch neugierig, was denn nun eigentlich aus Oberlemmingen werden würde. Und so hatte er sich beim Verkauf freies Wohnrecht in drei Zimmern seines alten Hauses für die nächsten beiden Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr hatte, so lag er von früh bis spät in der Wirtsstube und kam Abend für Abend betrunken nach Hause.

Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverständlich die Arbeit in ganz Oberlemmingen. Das kam selten genug vor, denn seit Monaten hatte im Dörfcheneine geradezu fieberhafte Tätigkeit geherrscht. Aber so vornehme Gäste wie heute hatte Oberlemmingen auch noch nicht gesehen. Aus allen Ortschaften der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die Equipagen heran. Man kannte sie alle: die große Glaskutsche des Döbbernitzer Oberförsters, in der auch das ABC in rosa Mullkleidchen dicht aneinandergedrängt Platz gefunden hatte, den Landauer des Landrats von Wessels, den Klapperkasten des Kreisphysikus Doktor Stramin, das elegante Gefährt der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks, Nehringens und Schmiedows und der reichen Frau Necker und schließlich auch den gelben Korb Exzellenz Usens, dessen Kutscher inmitten der übrigen Galonnierten wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte Viktoriachaise aus Grochau fehlte; Hauptmann Biese weilte noch in der Schweiz; die Kugel Zernins hatte ihn für lange auf das Krankenlager geworfen, und die Genesung war noch nicht vollständig.

Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim seine eigne Equipage geschickt, um die Vertreter der Regierung abzuholen, die aus Frankfurt gekommen waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation, zu der außer einigen Häuptern des Kreises auch Albert Möller, Pfarrer von Eycken und der Lehnschulze gehörten. Baron Hellstern war vergeblich gebeten worden, sich anzuschließen. Er hatte mit Bestimmtheit abgelehnt und knurrte und brummte auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu verstehen gegeben, er wünsche nicht, daß sich irgend einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da unten beteilige.

Es war heiß um diese Mittagstunde, und die ganze Empfangsdeputation schwitzte. Der Kommerzienrat trug etwas winziges Rotes im Knopfloch seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von der Büste Bolivias, den man auch um den Hals tragen konnte, aber das Bändchen sah hübscher ausals die groteske „Büste“. Der Landrat war in der Reserveuniform des Kürassierregiments erschienen, bei dem er gedient; man wußte nicht recht, warum er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken trug Talar; obschon man auch den Superintendenten erwartete, sollteerdie Weiherede halten.

Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee empor. Gott sei Dank – das war „die Regierung“! Sie kam zu Hauf! Voran der Präsident im Frack mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze Masse seiner Beamten, die meisten in Uniform, weil sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo sie ihr schimmerndes Kostüm anlegen konnten. Nach kurzer Vorstellung und Begrüßung ging es sofort in den Kurpark, den Gendarmen abgesperrt hielten, da auch aus den Dörfern ringsum sich die Neugierigen zu vielen Hunderten eingefunden hatten. Es war ein ganz großstädtisches Leben und Treiben wie bei Gelegenheit einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein buntes Gewühl und Gewimmel festlich gekleideter Menschen, die die Einweihung der Quelle als interessantes Schauspiel und willkommene Abwechslung betrachteten.

Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche Akt genau nach den vorher getroffenen Bestimmungen. Es war hier im Gegensatz zu der brennenden Mittagsglut auf der Chaussee wundervoll kühl und schattig. Ein grünlicher Dämmer spann seine Schleier zwischen den Stämmen der Buchen aus, und Sonnenflecken kreisten und zitterten überall auf dem gelben Kies der Wege. Der Superintendent eröffnete die Feier mit einem Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede. Er stand vor dem Altar, den man vor dem Quellentempel errichtet hatte, und sein weißer Bart fiel lang und glänzend auf den schwarzen Talar herab. Für ihn war diese Quelle kein Objekt säckelfüllender Spekulation; sie sprang aus Sand und Felsgestein hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit zu dienen, um die Tränen des Elends hinwegzuwaschen,um die Gebrechen der Welt zu heilen. Die heiße Liebe, die Eycken für die Kleinen und Armen erfüllte, schwoll in seinen Worten allumfassend an. Die Quelle sollte den Erdkreis überströmen, um mit ihrem wundertätigen Wasser alles Leid hinwegzuspülen. Sie war eine Gabe des Höchsten und deshalb auch sollte ihr Wohltun der ganzen Welt zugute kommen.

Nun fiel die Hülle von dem Tempelbau; Arbeiter zerbrachen die Verzimmerung, die den Quell bisher festgehalten hatte, und in vollem Strahl, springbrunnenähnlich, sprudelte das Wasser silberklar in die Höhe. Eycken tauchte seine Hände in das perlenwerfende Naß und schlug dann mit der Rechten, an der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz über die Quellenöffnung.

„So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum Besten der Menschen, zum Heile der Kranken und Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den, der unser deutsches Vaterland aus Not und Elend zu Kraft, Stärke und Gesundung zurückgeführt hat, taufe ich dich Bismarckquelle!“

So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat hatte die Anregung zu diesem Namen gegeben; man bedauerte nur, daß die Weihe nicht am ersten April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte – das wäre noch hübscher gewesen. Doch trotzdem – der Moment war sehr feierlich. Es ging ein Rauschen und Flüstern durch die Wipfel der Buchen, wie ein Akkord der Zustimmung, den die Natur diesem Segenswerke zollen wollte. Aber die meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen. Albert Möller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde hielt, sah andre Zeichen. Über die Gestalt des Pfarrers, sein weißes Haar und seinen schwarzen Talar und auch über das springende Wasser und die Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von Sonnenfunken. Es sah wirklich so aus, als ströme das blanke Gold in Fülle vom Himmel herab –und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er hörte nicht mehr auf den Segen, den Eycken sprach, und auch nicht auf die kurze Rede des Regierungspräsidenten, der mit einem Hoch auf den Kaiser schloß; der Goldregen lenkte seine Gedanken ab, zerstreute, verwirrte und blendete ihn. Erst als der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu feiern, der der Quelle den Namen gegeben hatte, schreckte er aus seinen Träumereien empor, und ein haßerfüllter Blick streifte den Sprechenden. O, wie grimmte es ihn, daß er mit dem da teilen mußte!

Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark dem Publikum freigegeben, und nun flutete die Menge durch die Gänge und Anlagen, während Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung bewirtete. Auch die Mitglieder des Aufsichtsrats und Kurvorstands waren dazu geladen worden. In der großen Halle hatte man ein riesiges Büfett errichtet, aber auch auf der ersten Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete Kurkapelle konzertierte bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, denn es war selbstverständlich, daß die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon, das Fritz Möller so trefflich zu meistern verstand, nunmehr für immer in der Versenkung verschwinden mußte. Albert ärgerte sich, daß man nicht auch seinen Vater geladen hatte. Er war blaßgrün im Gesicht. Wäre es nicht passender gewesen, diese ganz offizielle Abfütterung unten im Hotel Möller zu veranstalten? – Als der Regierungspräsident, das Champagnerglas in der Hand, mit seiner zarten, wispernden Stimme der großen Verdienste des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch auf den intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen Wunderstab auch „das Unmögliche möglich mache“, da glaubte Albert, an dem Bissen Gänseleberpastete, den er gerade genießen wollte, ersticken zu müssen.Das klang ja wirklich, als hätte Schellheim die Quelle entdeckt, als hätte ihm das Terrain gehört, als wäre er derjenige gewesen, der den ersten Anstoß zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers gegeben hätte! Wahrhaftig, es war zum Lachen; den Kommerzienrat feierte man, und ihn, den Albert Möller, den eigentlichen Urheber, den Gründer, beachtete man gar nicht!

Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm abgesandt, und der höfliche Alte von Friedrichsruh beeilte sich, umgehend telegraphisch zu danken und Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen. Das brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz Usen, der in einer Ecke der Halle eingeschlafen war, wachte wieder auf, und Schellheims Gesicht glänzte vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage vorher eine ihn stark erregende und tief erbitternde Mitteilung erhalten. Sein Sohn Hagen, der Älteste der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu verheiraten gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen, einer gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber sehr braven und lieben Geschöpf, wie er versicherte. Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen einzuwenden haben. Schellheim war außer sich. Er entsann sich dieser niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei den Stepperinnen, und der Kommerzienrat hatte einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte er nichts, aber heiraten – nein, das war eine Unmöglichkeit! Hagen war der Leiter des Weltgeschäfts, der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand. Und auf der Stelle setzte sich Schellheim hin, um Hagen zu antworten. Er sagte ihm gründlich seine Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat sich energisch, den Namen dieser Anna Zell in seiner Gegenwart auch nur zu nennen. Auch die Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus. Sie ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, gingauf ihr Zimmer und schloß sich ein, um ungestört weinen zu können.

Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel zurück. Er hatte seinen Bruder Bertold, der bereits nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den Umbau des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt. Es war wieder einmal eine Familienkonferenz nötig. Fritz, der – eine große weiße Schürze um den Leib – soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren, fragte verwundert, was es denn gebe.

„Wirst es schon hören,“ antwortete der Bruder, „diesmal geht’s dich an!“

In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: Mutter Möller mürrisch wie immer, das Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte, Fritz, Albert und Bertold.

Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit los. „Ich möchte mit euch einmal wegen der Dörthe reden,“ sagte er. „Der Sache muß ein Ende gemacht werden.“

„Wieso?“ fragte der dicke Fritz aufgeregt, während die Mutter zustimmend nickte.

„Wieso?“ wiederholte Albert mit strenger Stimme. „Kannst dir’s wohl denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, geht nicht.“

„Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten Hochzeit sein soll,“ entgegnete Fritz; „da wird’s ja anders werden!“

„Und ich bin doch auch noch da,“ fügte die Mutter hinzu.

Albert schüttelte den Kopf.

„Du bist nicht mehr die Jüngste, Mutter,“ sagte er. „So einem großen Hotelwesen muß eine rüstige Kraft vorstehen.“

„Gottlob, das ist die Dörthe,“ warf Fritz ein.

„Und wenn sie’s auch zehnmal wäre,“ fuhr Albert heftig auf; „wenn du dir hier in Oberlemmingen eine Stellung schaffen willst, kannst und darfst du kein Bauernmädel heiraten!“ ... Er lenkteein, als er das bestürzte und unglückliche Gesicht seines Bruders sah. „Du mußt Vernunft annehmen, Fritz,“ fuhr er fort. „Ich konnte auch nicht vorher wissen, wie sich alles gestalten würde. Es scheint, als habe der Kommerzienrat Lust, die ganze Macht an sich zu reißen und uns auf dem Trockenen sitzen zu lassen. Dem müssen wir vorbeugen. Das können wir aber nur, wenn wir Brüder uns solidarisch erklären, das heißt also, wenn wir einer für alle stehen und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch ich werde heiraten, aber ich muß noch warten; die Rechte ist noch nicht da, und ich brauche viel Geld. Geld ist die Hauptsache.“

„Die Hauptsache,“ bestätigte auch der Alte, und Bertold nickte dazu: „Man muß rechnen.“

„Also schlag dir die Dörthe aus dem Kopf, Fritz,“ begann Albert von neuem. „Das gibt ein paar Tränen, und in einem Vierteljahr ist die Sache vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen. Er fragte, ob wir den Wittke wieder zum Schulzen wählen würden. Der scheint ihm nicht recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist einer von den Alten, bäurisch durch und durch, immer in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im Maule. So einen können wir nicht brauchen. Oberlemmingen wird wachsen und einen städtischen Anstrich bekommen. Der Schulze wird nicht mehr Schulze, sondern Bürgermeister sein. Er muß auch was vorstellen können – wir wollen ja doch die vornehme Welt heranziehen! Und das sah auch der Landrat ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen eignen würdest!“

Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Man wollte ihm die Dörthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig war das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen, daß er gar nicht mehr zu widerstreben wagte. Im stillen hatte er längst gefürchtet, daß die Verlobung wieder auseinandergehen würde.

Vater Möller hatte sich neben Albert gesetzt und die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Sein schlaues Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus Stein gehauen.

„Hast du nun gehört, Fritz?“ sagte er. „Der Landrat hat gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen eignen würdest?“

„Na, gewiß,“ entgegnete Fritz etwas zaghaft, „warum denn nicht? Dazu gehört doch nicht so viel!“

„Mein’ ich auch,“ fügte Albert ein, „und daß du gewählt wirst, dafür laß mich nur sorgen. Das ist eine große Stütze für uns alle, wenn du der Ortsvorstand bist. Ich für meinen Teil werde mich darum bemühen, Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann Biese will niederlegen – es geht auch nicht, daß der Vertreter eines so wichtigen Postens in Grochau wohnt. Und nun zum Schluß: ich habe eine andre Partie für dich, Fritz.“

Fritz fuhr erschreckt in die Höhe.

„Aber, Albert – ich bin ja noch nicht einmal auseinander mit der Dörthe,“ wagte er einzuwerfen.

Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie begann sofort zu keifen und zu schimpfen. Wenn es nach ihr gegangen, wäre die Dörthe überhaupt nicht ins Haus gekommen. Es hätte ihr von vornherein nicht gepaßt. Und schließlich erging sie sich in allerhand Anspielungen, das Mädchen zu verdächtigen. Sie treibe sich herum; neulich habe man sie noch nach Mitternacht an der Seite von Anton Tengler durch das Dorf schleichen sehen ...

Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung das Wort ab. „Was für ’ne Partie?“ fragte er Albert; „rede!“

Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater Bertolds, wolle die Sache machen. Es handle sich um die einzige Tochter Franz Grödeckes, Schlächtermeisters in Frankfurt. Der alte Möller nickte. Er kannte den Grödecke in der Richtstraße; ein schlauerHalunke, aber er hatte Geld gemacht. Also dessen Tochter?! – Und Albert erzählte weiter. Das Mädchen sei nicht mehr ganz jung, etwa dreißigjährig, aber groß und ganz hübsch und nehme sich recht stattlich aus. Grödecke habe sich bereits einverstanden erklärt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben, stelle aber die Bedingung, daß ihm kontraktlich die gesamten Fleischlieferungen für Oberlemmingen verbürgt würden. Statt dessen wolle man ihm vorschlagen, in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlächterei hier an Ort und Stelle zu errichten. In ausführlicher Weise legte Albert die Vorteile dieser Verbindung klar. Fritz wäre ein Narr, wenn er nicht mit beiden Händen zugriffe.

„Da gibt’s nichts weiter zu reden,“ sagte der Alte ruhig; „Fritz heiratet das Mädel.“

Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen. Er stand auf, reckte seine riesige Gestalt, zog die Schultern, gleichsam entschuldigend, hoch in die Höhe und stotterte: „Vater – Vater, sei mir nicht böse; ich kann’s nicht!“

Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm. Purpurrot färbte der jähe Zorn sein hartes Greisengesicht. Die Augen unter der vorspringenden, viereckigen Stirn loderten, die Fäuste hoben sich.

„So,“ stieß er hervor, „du gehorchst nicht – gehorchst nicht?!“

Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das Lineal fürchtet. Aber er erwiderte kein Wort. Er zitterte am ganzen Leibe.

Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden Alten in den Arm. Die Mutter stand am Fenster und schaute wortlos zu.

So war es am besten; es mußte einmal zur Entscheidung kommen.

„Laß, Vater,“ sagte Albert in beruhigendem Tone, „Fritz wird gehorchen. Er ist der Jüngste. Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht alles kopfunter, kopfüber zu gehen. Er kann dieDörthe langsam fallen lassen. Unterdes kommt die Frida Grödecke mal her sich vorzustellen – es wird sich schon alles finden. Ich fahr’ morgen sowieso nach Frankfurt, da sprech’ ich mit Grödecke.“

Fritz ging hinaus. Aber in der Tür wendete er sich nochmals um. Er sah kreideweiß aus.

„Und der alte Klempt?“ fragte er; „soll der auch betrogen werden?“

Albert schüttelte den Kopf. „Betrogen?“ gab er zurück. „Und weshalb?“

„Na – mit seiner Wiese.“

„Ah – was hat das mit deiner Heirat zu tun? Wir haben ihm die Wiese bezahlt.“

„Aber er hätte sie nicht verkauft, wenn Dörthe nicht so zugeredet hätte, und wenn –“

„Still jetzt!“ brüllte der Alte und wies auf die Tür. Krachend warf Fritz sie ins Schloß.

Er ging wieder an seine Arbeit. Aber während er die Etiketten mit der wechselnden Aufschrift „Trabener“, „Graacher“ und „Moselblümchen“ auf die schon gefüllten – übrigens aus ein und demselben Fasse gefüllten – Flaschen klebte, wanderten seine Gedanken ruhelos umher. Er sah immerwährend die Dörthe neben sich stehen und zermarterte sich das Hirn, wie er ihr wohl am besten beibringen könne, daß alles aus sei. Denn daß es nun kein Zurück mehr gab, war klar. Der Vater würde ihn zu Boden schlagen, wenn er noch einmal nein sagen wollte. Und vor dem Vater zitterte er. Der Riesenmensch, der es gelegentlich fertig bekommen hatte, mit jeder Hand einen Bauern hinten am Hosengurt zu packen und hoch emporzuheben, schlug vor dem Drohblick des Alten die Augen wie ein gestrafter Schuljunge zu Boden.

Er atmete, immer weiterarbeitend, mit schwer sich hebender und senkender Brust. Und plötzlich hielt er inne. Er mußte irgend etwas zerstören, zerbrechen, vernichten. Er holte aus, um die Flasche, die er in der Hand hielt, gegen die Wand zu schleudern.Aber er besann sich. Nein, das war Unsinn! Der „Trabener“ stand mit einer Mark fünfzig Pfennig auf der neuen Weinkarte.

Für den folgenden Tag war in Zielenberg Termin zur Subhastation von Döbbernitz festgesetzt worden. Der Kommerzienrat hatte sich genau informiert. Zernin hatte seine Sache aufgegeben; er wollte dem Termin gar nicht beiwohnen. Auch sonst erwartete man wenig Reflektanten. Man glaubte überall, Herr von Zernin werde, wie schon dreimal, auch diesmal wieder im letzten Augenblick eine Hilfsquelle gefunden haben. Übrigens gab es in der Umgegend auch keine ernsthaften Käufer. Jeder hatte mit dem eignen Besitz zu tun. Es war keine günstige Zeit für die Landwirtschaft.

Trotzdem war das verräucherte Terminzimmer mit seinen kahlen, weiß getünchten Wänden und den grün schillernden Fensterscheiben ziemlich voll. Eine ganze Anzahl Neugieriger hatte sich eingefunden, unter ihnen auch der alte Usen, in dem der Kommerzienrat einen Nebenbuhler witterte. Man wußte nie so recht, was der Sonderling vorhatte; er platzte häufig einmal mit etwas ganz Unerwartetem heraus. Ferner sah man die meisten Fouragehändler aus der Gegend, einige Berliner Agenten und Hypothekengläubiger und ein paar Fremde, die von den Kreiseingesessenen mit einem gewissen Mißtrauen gemustert wurden.

Die einleitenden Formalitäten waren rasch erledigt. Man kannte das alles: den Grundsteuerreinertrag, die Hypothekenlast, die Rentenbeiträge und Servitute – das war eine langweilige Sache.... Der Kommerzienrat stand am Fenster und sah einer Spinne zu, die sich von der Decke aus an einem langen Faden niedergelassen hatte und gerade über dem kahlen Kopfe des amtierenden Richters schwebte.

Schellheim begann damit, dreihunderttausend Mark zu bieten. Es erfolgte sofort ein Aufschlagvon vierzigtausend Mark von seiten eines Berliner Agenten, der damit die Hypothek seines Auftraggebers retten wollte. Der Kommerzienrat setzte zehntausend Mark zu; er hatte die Absicht, bis auf vierhunderttausend Mark zu gehen. Schlug man ihm dann den Besitz zu, so hatte er ein gutes Geschäft gemacht, denn das war allein der Waldbestand trotz allen Raubbaues noch wert. Der anwesende Vertreter der Ritterschaftsbank saß im Hintergrunde und feilte an seinen Nägeln. Er war gedeckt; die Geschichte interessierte ihn nicht mehr.

Ein Fremder, ein alter Herr, der sich als Graf Isingen vorgestellt hatte und ein Verwandter Zernins war, ging bis auf dreihundertachtzigtausend Mark. Auch in diesem Falle galt es, eine Hypothek zu sichern. Schellheim bot jetzt von fünf- zu fünftausend Mark mehr. Plötzlich rief eine Stimme aus der Mitte der Anwesenden:

„Vierhunderttausend Mark!“

Alles schaute sich um. Schellheim reckte den Hals und wurde unruhig. Exzellenz Usen erhob sich und trat an die Wand.

„Den Namen bitte,“ sagte der amtierende Richter.

„Rechtsanwalt Stroschein in Vollmacht des Herrn Baron von Hellstjern.“

Der Richter wiederholte dem Protokollführer den Namen. Ein Gemurmel wurde hörbar. „Schockschwerenot – Hellstjern?!“ rief Usen halblaut. Auch der Kommerzienrat war bestürzt. Er dachte gleichfalls an den knurrigen Alten auf dem Baronshof. Aber das war doch nicht denkbar. Und auf einmal tauchte das Bild Axels vor ihm auf. Ja – der mußte es sein! Er wurde wütend. Die beiden Hellstjerns, der reiche und der arme, steckten zweifellos unter einer Decke. Man wollte ihm Döbbernitz nicht gönnen. Er hatte sich alles schon auf das genaueste zurechtgelegt. Zweihunderttausend Mark waren nötig, die Landwirtschaft auf Döbbernitz wieder in Gang zu bringen. Aber das genügteauch; und dann ... Die laute Stimme des Richters unterbrach seinen Gedankengang. „Vierhundertzehntausend!“ rief der Kommerzienrat.

„Zwanzig,“ ertönte die Stimme des Rechtsanwalts Stroschein.

„Fünfundzwanzig!“

„Dreißig!“

Jetzt drängte sich Schellheim zu dem Konkurrenten hindurch.

„Kommerzienrat Schellheim,“ sagte er, sich vorstellend; „Sie bieten für den Baron Axel Hellstjern, den Schweden, wenn ich fragen darf?“

„Ganz richtig, Herr Kommerzienrat.“

„Und wollen Sie noch höher gehen?“

„So hoch es nötig sein wird.“

„Vierhundertdreißigtausend Mark – zum ersten!“ rief der Vorsitzende.

„Vierhundertvierzigtausend!“ erscholl die Stimme des alten Usen.

Da verlor Schellheim völlig die Fassung. Er sah Usen hilflos an, der mit grinsendem Gesicht, die Augen mit den schweren, immer geröteten Tränensäcken ein wenig zusammengekniffen, an der Wand lehnte. Die Sonne beleuchtete ihn hell. Die Aufschläge seines schäbigen grauen Jagdrocks strotzten vor Fettflecken; an der Weste fehlte ein Knopf.

Es war ganz verrückt. Das war wieder einmal einer jener tollen Streiche des alten Paschas, mit denen er urplötzlich zutage zu treten pflegte, und immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete. Was wollte er denn mit Döbbernitz?!

„Fünfundvierzig!“ schrie Schellheim und biß die Zähne zusammen.

„Fünfzigtausend!“ rief Rechtsanwalt Stroschein.

In seiner Aufregung packte der Kommerzienrat den Rechtsanwalt an der Schulter.

„Geh’n Sie noch weiter?“ stieß er hervor.

„O ja,“ versetzte dieser gemächlich.

„Wie hoch?“

„Sechzig – siebzig – ich werde abwarten.“

„Vierhundertfünfzigtausend Mark – zum ersten!“ erscholl wieder des Vorsitzenden Stimme.

Schellheim trat achselzuckend neben Usen.

„Ich höre auf,“ flüsterte er diesem zu. „Das ist eine Verrücktheit.“

„Schad’t ja nichts,“ gab Usen zurück, „ein bißchen Verrücktheit versüßt das Leben – fünfundfünfzig!“

„Sechzigtausend!“

„Hol’ euch alle der Teufel,“ brummte Schellheim, nahm seinen Hut und verließ das Zimmer. Er war sehr ärgerlich. Sein Wagen wartete vor dem Gerichtsgebäude, aber er stieg noch nicht ein. Er wollte wenigstens wissen, wie die Sache endgültig verlaufen würde.

Sie verlief einfach genug. In dem Augenblick, da der Kommerzienrat nicht mehr mitbot, hörte auch Usen auf. Er lehnte noch immer an der Wand, mit grinsendem Gesicht und zusammengekniffenen Äuglein, und der weiße Kalk des Mauerputzes blieb an seinem verschossenen grünen Jagdrock hängen.

Döbbernitz fiel Axel Hellstjern für vierhundertsechzigtausend Mark zu. Es verblieben somit für Zernin immer noch einige tausend Mark Reingewinn. Das hatte niemand erwartet.

Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze Zeit vorher von Magdeburg eingetroffen, wo er eine langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus ihm werden sollte, wußte er noch nicht. Vor Amerika graute ihm. Pfui Teufel, zum Kellner oder Hausknecht hatte er keine Anlagen!

Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief er schlecht. Er wachte zwanzigmal auf und wälzte sich von einer Seite zur andern. Alte Erinnerungen stürmten mächtig auf ihn ein – an Vergangenes, an seine Kindheit, an die Eltern. Es dämmerte grau durch die Ritzen der Fensterläden, als er wütend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette.

Er zündete ein Licht an und suchte nach einer Flasche Wein. Aber er fand keine. „Lotterwirtschaft,“ brummte er vor sich hin und stieg im Schlafrock und Morgenschuhen in das Souterrain hinab, um den Weinkeller zu durchstöbern.

Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige Gebäude lag in tiefem Schlafe. Die Zimmer standen gähnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen Geldnot verkauft, was loszuschlagen war; den Rest hatten die Gerichtsvollzieher geholt, während er in Magdeburg saß. Durch die öden Fenster glomm der trübe Morgen. Graue Schatten überall und noch nächtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken. In dem großen Saale des Mittelbaues, in dem zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft reckte sich an der einen Querwand der deckenhohe Sandsteinmantel des Kamins mit seinen schwarz gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben waren ausgehoben und durch moderne Fensterflügel ersetzt worden ...

Klaus schloß den Weinkeller auf, einen riesigen, hochgewölbten Keller mit zahllosen Flaschenregalen an den Wänden, denn der alte Ministerpräsident hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier sah es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu Haufen umher, und Spinneweben bedeckten die Regale, in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer Ecke waren dicht am Boden noch einige Reihen Flaschen aufgeschichtet, und aus diesen suchte Klaus sich eine aus. Er traf die richtige, einen vierundachtziger Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange, der sich bereits erschöpft hatte und selten zu werden begann. Und dann stieg er, die Flasche unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf.

Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender Schritt war der einzige Laut, der sich hören ließ. An den Wänden des Treppenhauses zeigten sich große helle Flecken, von den alten Ölbildernherrührend, die hier einst gehangen hatten und von unbarmherzigen Gläubigern abgeholt worden waren. Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd auf Döbbernitz gestürzt. Selbst die letzten Andenken an den verstorbenen Ministerpräsidenten hatte man nicht verschont: Geschenke des alten Königs, des Kaisers Alexander von Rußland und andrer Potentaten. Die Bibliothek war entleert worden; man hatte Auktionen veranstaltet, und kostbare Widmungsexemplare, wie Lamartines Geschichte der Girondisten, die der Verfasser Friedrich von Zernin persönlich geschenkt, als dieser Gesandter in Paris gewesen, waren für wenige Groschen verschleudert worden. Das alte Schloß war wie ausgeraubt.

Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurück, entkorkte die Flasche, warf sich wieder auf das Bett und trank den Champagner aus dem Wasserglase, das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre steckte er sich an, aber sie schmeckte ihm nicht. Er warf sie mitten in die teppichlose Stube.

Morgen kam Döbbernitz unter den Hammer. Übermorgen schon konnte ihn der neue Besitzer von Haus und Hof jagen. Wohin dann?! –

Ein ernster Zug glitt über das Gesicht Zernins. Er war wirklich am Ende; diesmal gab es keine Hilfe mehr – es war aus. Und zum ersten Male legte er sich die Frage vor: hätte es nicht anders kommen können?

Gewiß – aber dann hätte er arbeiten müssen. Sein Vater hatte ihm kein Barvermögen hinterlassen. Seine Dotation hatte der alte Minister in Döbbernitz gesteckt, seine hohen Gehälter verbraucht. Freilich, Döbbernitz konnte immerhin seinen Mann nähren, nur mußte man zu wirtschaften verstehen. Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war noch aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun nahm er schleunigst den Abschied und setzte sich auf Döbbernitz fest. Schon der Minister war kein Landwirtgewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit den Boden zu gewinnen. Klaus ging noch stürmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein, als habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes. Er kaufte eine Lokomobile, die er gar nicht brauchen konnte, und ungeheure Viehherden, für die nicht genügend Futter zu beschaffen war. Ein System verdrängte das andre; immer neue Inspektoren wurden herangezogen, und jeder kam auch mit neuen Ideen. Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den Rest. Er füllte seine Ställe mit edeln Pferden, die große Summen verschlangen; er versuchte es mit Züchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus. Denn auch für seine Person verschwendete er mit vollen Händen, und in der angeborenen Gutherzigkeit, die sich gewöhnlich mit Leichtsinn zu paaren pflegt, ließ er sich auf allen Seiten bestehlen und betrügen. Und dabei konnte man ihm nicht gram sein. Seine persönliche Liebenswürdigkeit entzückte alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall von Döbbernitz für nötig hielt, sich langsam zurückzuziehen.

Denn allmählich artete der Leichtsinn Zernins aus. Häßliche Geschichten kamen in Umlauf; es ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder verlangsamte die Erinnerung an den großen Vater das Tempo des Niedergangs ein wenig. Ein Prinz des Königshauses half einmal aus, als der Subhastationstermin für Döbbernitz schon angesetzt war; reiche Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen, selbst der König wurden angebettelt. Und fast alle gaben, mehr oder weniger, aber es verrann rasch im großen Strome; nichts konnte den rollenden Stein aufhalten.

Und nun stand endlich der Untergang vor der Tür. Noch vor einigen Monaten hatte sich Klaus eine helfende Hand geboten – damals, als Kommerzienrat Schellheim ihn für seine Unternehmungengewinnen wollte. Das törichte Duell mit dem dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt konnte man Schellheim höchstens daraufhin anpumpen, daß man sich für seine Ehre ins Zeug gelegt und auf die Festung hatte schicken lassen. Aber eine Hilfe für die Dauer war’s nicht. Und auch die Heiratspläne – das reiche Judenmädel, das irgendwo für ihn aufgetrieben werden sollte – der Schwiegervater, der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte – all das war vorüber. Klaus wußte, weshalb; eine riesige schwarze Fledermaus strich von nun ab durch sein Leben, mit weiten, weiten Schwingen, die immer gigantischer wuchsen und immer mächtigeren Schatten warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht umhüllten. Das war die Schande.

Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand strich es über seine Stirn. Eisiger Schweiß perlte aus seinen Poren. Er stürzte das letzte Glas Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte zum Fenster und stieß die Läden auf. Nun war es Tag geworden. Der Himmel glühte, und die Lohe des Frührots schlug bis über die Zinnen des Schlosses empor.

Die Fenster des Schlafzimmers führten nach dem Wirtschaftshof hinaus, wo sonst um diese Zeit bereits reges Leben herrschte, das Leben morgenfröhlicher Arbeit. Aber hier war es stumm und öde wie im Schlosse selbst. Ein barfüßiges Mädel mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen und pumpte einen Eimer voll Wasser – seine einzige Bedienung. Alles war geflüchtet und, mit gierigen Händen das Letzte zusammenraffend, was da und dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen. Nur die Jule war geblieben. Ihre jugendliche Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm für seine flüchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte auch den letzten Gaul, der im Stalle stand, den alten Christian, einen Rappen, der mit den Jahren eine völlig graue Mähne bekommen hatte, so grauwie das Haar eines Greises. Es war merkwürdig genug, daß sich die Wut der Gläubiger nicht auch an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles genommen hatten, was stand und lag.

Als Jule das Fenster klirren hörte, fuhr sie erschreckt in die Höhe.

„Herrje, Herr Baron!“ rief sie hinauf. „So früh schon?! – Ich komme gleich ’rauf, den Kaffee machen!“

„Laß nur!“ gab er zur Antwort. „Ich will nichts! Aber lege den Sattel auf – vielleicht reit’ ich aus!“

Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian die Last noch tragen konnte! Seit sechs Monaten stand er unbenutzt im Stall und wurde immer dürrer, obwohl sie überall für ihn Futter stahl.

Klaus kleidete sich in Eile an und stürmte hinaus in den Park. Er fühlte, daß er nervös war – es war ihm immer, als sei jemand hinter ihm. Er wollte auch Luft haben, und er lief mit geöffnetem Munde, wie ein Asthmatischer, in raschen Schritten durch die Gänge des Parks. Jahrelange Verwilderung hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht seine zauberischen Reize rauben können. Nur war es kein Garten mehr mit Alleen und Rundells und Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein Wald, ein Meer von Laub, das sich über wuchernden Grasflächen ausbreitete, über zerfallene Statuen seinen grünen Mantel hing und seine Schleppen bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser des Weihers tauchte. Die Wege waren kaum noch erkennbar, verwachsen und vom Buschwerk eingeengt, und das große Rosenparterre glich einer blühenden Wildnis, durch deren farbenglühendes Dickicht man nicht mehr durchzukommen vermochte. Auf den Grasplätzen unterschied man noch die Blumenrabatten, mächtig treibende Hyacinthen, Violen und Pelargonien, bunte Flecken im Grün, doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das seine Kreise immer weiter zog.

Zernin stürmte an den Treibhäusern vorüber, deren Fenster zertrümmert waren, und in deren Innerem die Vögel nisteten. Was wollte er eigentlich? Ja so – ausreiten! Das war ein guter Gedanke! Noch einmal seine verwüstete Besitzung durchqueren – lebewohl sagen – und dann zurück! Oben lagen seine Pistolen.

Wieder durchschauerte es ihn kalt – und es war so heiß dabei, so heiß. Er riß seine Weste auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn. Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian mit hocherhobenen Händen an der Kinnkette fest.

Klaus schwang sich in den Sattel, und als er in die schwarzen Augen der Jule sah, griff er in die Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief:

„Mach dir mal heute einen vergnügten Tag, Jule – ich bin auch lustig!“

Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht durch das Dorf, denn er scheute den Anblick der Leute, sondern hinten herum, an der Schleuse vorüber, wo er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mütze zog. Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte Bewegung anfänglich sauer an; die müden Knochen wollten nicht mehr recht vorwärts, aber Klaus nahm keine Rücksichten. Im Trabe und im Galopp ging es dem Walde zu, daß der Rappe bald schaumübergossen war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen und Schatten über den Weg fielen, zügelte Zernin den Gaul.

Es war ein Wunder, daß der Wald noch stand. Das Majoratsgesetz hatte ihn geschützt und die Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung genommen, sonst wäre sicher auch er gefallen. Geplündert war er genügend worden; überall sah man durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden, wo zwischen grünen Farnkräutern, Ginster und Blaubeerbüschen die Baumstümpfe hervorlugten.

Dann ging es am Saume der Wiesenniederung entlang. Die hatte Klaus, als sein Viehbestand immermehr zusammenschmolz, an kleine Leute verpachtet, und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschäftigt. Zernin legte wieder die Schenkel an und ließ den Christian in Galopp fallen; die Leute auf den Wiesen blieben stehen und schauten dem vorüberrasenden Reiter nach.

Weiter und weiter! Quer über die Felder, auf denen die Bestellung längst aufgehört hatte, Unkraut schoß überall empor, die Quecken hatten ausgeschlagen und überzogen die braune Erde mit ihrem grünen Gespinst. Eine mächtige Fläche von vielleicht zweihundert Morgen sah wie eine Prärie aus; hier wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in ganzen Schwärmen zum Himmel auf. Der Rest einer Pflugschar hatte sich im Sande eingewühlt, und auf dem verrosteten Eisen saß ein dicker Spatz.

Ein Ekelempfinden überkam Klaus angesichts dieser Wüsteneien. Seit fast zwei Jahren war er nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Löhne bezahlte er nicht mehr; Tagelöhner und Arbeiter liefen ihm davon; an eine geregelte Bestellung war nicht zu denken. Da ließ man schon alles liegen, wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen Elends, dem er sein Stück Erde ausgesetzt hatte, schlich sich doch das Grauen in sein Herz. Er dachte an die Zeiten zurück, da er Döbbernitz übernommen hatte, an den blühenden Stand seiner Felder, die blonde Flut der Saaten, die ersten Ernten – zweifellos, er hätte seinen Besitz schon festhalten und auch gegen die Mißgunst schlechter Jahre verteidigen können, wenn ...

Ja – wenn! Wozu sich noch Vorwürfe machen, wozu grübeln – es war ja doch alles vorbei! Und mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es kaum, daß abermals der Wald über ihm zu rauschen begann.

Er war im königlichen Forst, nahe dem Seeufer und jener Stelle an der Försterei, wo er damals Abschied von Hedda genommen, wo sie beide „vernünftig“miteinander gesprochen hatten. Sicher – an der Seite eines so tapferen Kameraden hätte aus ihm immer noch etwas werden können; sie würde ihn gestützt und gehalten haben, denn sie war ein starkes Weib, und ihre maikühle Verständigkeit hätte wohl seinen Leichtsinn und seinen tollen Übermut zu wahren vermocht. Ach, auch das war vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch sein Leben strich, fing mit ihren stetig wachsenden Flügeln die Sonne auf. Sie leuchtete ihm nicht mehr.

Klaus ließ die Zügel hängen. Der Rappe schritt langsam über den Moosgrund, durch Farne und Erdbeerkraut und schnupperte umher und riß hie und da ein Zweiglein von einem tief herabhängenden Buchenast, mit seinen alten Zähnen die frischen grünen Blätter zermalmend. Da lag der See in siegendem Sonnenglanze, golddurchstrahlt, mit schneeweißer Schaumeinfassung, inmitten bewaldeter Hänge, über die, wie ein Wahrzeichen überwundener Feudalität, der quadratische Turm des Döbbernitzer Schlosses hinausragte. Drüben das rote Ziegeldach des Forsthauses und die Eichenschonung, die Wiesentrift, auf der ein ganzer Flor wilder Blumen blühte, und der große Felsstein, auf dem sie damals gesessen hatte!

Klaus zuckte zusammen. Saß sie nicht wieder da? War sie das nicht, die Dame im lila geblümten hellen Kleide und mit dem großen Strohhut, die ihm den Rücken wandte, mit gesenktem Kopfe, als suche ihr Blick irgend etwas zwischen dem Ufergeröll zu ihren Füßen?

Der Rappe wieherte plötzlich auf. Die Dame schaute sich um und erhob sich. Klaus sah, wie sie mit beiden Händen zum Herzen griff. Er sprang ab, schlang die Zügel um den nächsten Baum und näherte sich ihr mit abgezogenem Hute.

„Grüß Gott, Cousine,“ sagte er ruhig. „Das ist ein unerwartetes Zusammentreffen, aber ich freuemich von Herzen darüber. So kann ich dir wenigstens noch Lebewohl sagen.“

Sie war blaß geworden, faßte sich aber sofort und erwiderte seinen Händedruck. „Ich hörte, daß heut über Döbbernitz entschieden werden soll,“ entgegnete sie. „Hast du noch keine Nachricht?“

Er verneinte. Das sei unmöglich; vor zwei, drei Uhr könne der Termin nicht beendet sein.

„Und warum bist du nicht selber da?“

Sie hatte sich wieder gesetzt, und er warf sich neben sie auf die Erde.

„Was sollte ich da, Hedda?! Eingreifen konnte ich nicht mehr, und – nun, ich schämte mich auch!“

Die Bitterkeit stieg in ihr auf.

„Warum ist dies Gefühl der Scham nicht früher über dich gekommen, Klaus?“ sagte sie in mehr klagendem als anklagendem Tone. „Herrgott, was hättest du dir und uns ersparen können! Ich habe mich oft genug gefragt: wie ist all das möglich gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten vermocht. Nein – denn du übernahmst Döbbernitz doch in geordnetem Zustande, und du gingst mit guten Vorsätzen in den neuen Beruf! Du magst leichtsinnig gewesen sein – aber wie konnte nur so rasch alles über dir zusammenprasseln, im Laufe weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe es nie begriffen!“

Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und zuckte dabei mit den Schultern.

„Ich auch nicht,“ erwiderte er. „Ganz gewiß, Hedda, es geht mir wie dir – ich habe von diesen letzten Jahren nur noch so eine Art Traumempfinden. Es rollte wie eine Lawine über mich herab und begrub mich. Natürlich bin ich selber schuld – ich verteidige mich auch nicht – ich klage nicht einmal. Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn nicht so viel!“

Er schnippte mit den Fingern.

„Nein – nicht so viel! Es war im Grundegenommen ein klägliches Amüsement. Wenn ich mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris verjubelt hätte – es wäre hundertmal vernünftiger gewesen. Aber ich habe nur blödsinnige Geschichten getrieben – die Pferdezucht, die Viehankäufe, die Trinkgelage und Spielabende – die Rennen und die ewigen Reisen nach Berlin – mir steigt ein schales Gefühl auf, wenn ich an all den Unsinn zurückdenke. Aber ich muß die Suppe ausessen, die ich mir eingebrockt habe.“ – Und wieder zuckte er mit den Schultern.

Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das Kinn in die Hände gestützt. So schaute sie zu ihm hinab, zu dem halt- und charakterlosen Menschen, den sie so toll geliebt hatte, daß sie nahe daran gewesen war, um seinetwillen eine große, große Dummheit zu begehen. Die Vernunft hatte gesiegt und siegte noch, denn sie fühlte wohl, daß es für diese erste flammende Liebe, für dieses Frühlingsgewitter, unter dessen Schauern sie zum Weibe gereift war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt sich in Schach. Er sollte nicht spüren, wie rasch ihr Herz in seiner Nähe klopfte.

„Und was wird nun?“ fragte sie.

„Was soll werden?“ lachte Klaus häßlich auf. „Weißt du, was man mit einem Gaule macht, der auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht mehr weiter kann? – Man schießt das arme Biest tot.“

Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord? – Nein – daran glaubte sie nicht. Er hätte längst seine Kugel finden müssen.

„Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt?“ fuhr er fort. „Wozu törichte Illusionen? Ich kann nichts anfangen. Hier gar nichts – und mich drüben in Amerika mühselig durchs Dasein schleppen, Steine tragen und Biergläser füllen – lieber quittier’ ich schon mit dem Leben!“

Nun sprang sie erregt empor.

„Du sprachst von Scham, Klaus,“ rief sie, „aber bei Gott, du kennst sie nicht! Du würdest sonst anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes Gehaben? Du siehst selber ein, daß du dich durch eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu feige, dir ein neues Leben zu schaffen!“

„Zu feige – ganz recht,“ sagte er und erhob sich gleichfalls. „Aber ich glaube, ich habe nie Mut besessen. Ich fürchte mich vor der Arbeit – wenigstens vor der, die mir drüben winkt – vor der schmutzigen Arbeit im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten. Wäre ich weniger Herrenmensch und mehr Bedientennatur – vielleicht würd’ ich mich fügen. So kann ich es nicht – ich kann es nicht!“

Ihr Herz flog förmlich. Alles in ihr war in Aufruhr. Ihre Wangen flammten und auch über ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergoß sich die Röte des Zorns und der Scham. Ja auch der Scham, denn für ihn schämte sie sich. Er rühmte sich seiner Herrennatur, und doch war alles Edelmännische längst in ihm erstorben. Er suchte den Tod, weil das Leben ihm nichts mehr zu bieten hatte als – Arbeit.

Es war wahnsinnig, so mutlos zu flüchten. Zittern und Angst ergriff sie, und die zärtliche Sorge um ihn wich der Scham und Entrüstung. Sie sah schon die Wunde an seiner Schläfe, das runde Kugelloch, aus dem langsam das Blut sickerte, und hörte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil über den Verkommenen fällen: das hatte man gewußt und erwartet – Selbstmord – das Ende jedes Elenden!

Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hände.

„Klaus,“ begann sie mit bebender Stimme, „denkst du nicht an dich selbst, so denke zurück – an deinen großen Vater und deine liebe, gütige Mutter. An alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst,an die Ehre deines Namens, die du durch feigen Selbstmord unauslöschlich befleckst. Man kann irren und fehlen, soll aber wieder gut zu machen versuchen – das ist die Tapferkeit, die das Leben von uns allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen, hast doch aber kein Verbrechen begangen, das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch noch jung, bist kraftvoll und rüstig, voller reicher Gaben – du wirst dich wieder aufraffen können – – ich bitte dich, Klaus – lieber Klaus!“

Ihre Stimme erstickte. Es quoll glühend heiß in ihr empor; ihre Hände zuckten zwischen seinen Fingern.

Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre seines Namens sprach. ‚Wenn du wüßtest!‘ schrie es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem Tränenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die er durch die Schmach seines Wandels beschimpft und niedergetreten hatte, und die nicht ersterben wollte – die erste heiße Liebe ihres jungen Herzens, die ihr ganzes Innenleben durchtobt und aufgewühlt hatte und auch im Entsagen noch haften blieb. Das ließ ihn alles andre vergessen und durchströmte ihn mit einem Rausch wilden Entzückens. Mit starker Hand riß er sie an seine Brust und bedeckte ihr Antlitz mit stürmischen Küssen.

„Du liebst mich noch – du liebst mich noch!“ schluchzte und jubelte er. Und sie ließ ihn gewähren. Eine rein physische Schwäche hatte sich ihrer bemächtigt, das Gefühl einer Ohnmachtsanwandlung. Sie hing hilflos in seinen Armen. Das Rauschen des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr und wie feierlicher, volltöniger Gesang. Seine Küsse aber brannten auf ihren Lippen und Wangen und loderten in ihre Seele hinein.

Mit schwerem Aufatmen riß sie sich los.

„Laß mich!“

Sie strich sich über Stirn und Haare und befestigte den Hut von neuem, der ihr vom Scheitelgeglitten war. Noch schimmerte helle Röte auf ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin über sich selbst geworden, wenn auch große Tränen in ihren Augen standen.

„Ich liebe dich noch,“ sagte sie mit fester Stimme, „nun ja – was will das bedeuten? Angehören können wir uns nie, und wenn du mir sagen wolltest: komm mit mir nach Amerika – ich würde mit Nein antworten. Nicht weil mir’s an Mut gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen, sondern weil ich meine Liebe zu dir bekämpfen will!“

Da sank er, empfindend wie klein er war und wie schwach dieser kernigen Mädchennatur gegenüber, zu ihren Füßen nieder und preßte ihre Kleider an sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick waren es ehrliche Tränen, die er über sein verpfuschtes und verlorenes Leben vergoß.


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