Drittes Kapitel

„Ich steh’ auf einem hohen Söller,Ich steh’ in einem tiefen Keller,Heisa dusematee!Fängst du mich,Lieb’ ich dich,Aber nee, du kriegst mich nich –Heisa dusematee!“

„Ich steh’ auf einem hohen Söller,Ich steh’ in einem tiefen Keller,Heisa dusematee!Fängst du mich,Lieb’ ich dich,Aber nee, du kriegst mich nich –Heisa dusematee!“

Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig Feierabend, denn es hatte sich herumgesprochen, daß der Kantor am Abend im Kruge sein wolle, um nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.

Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, hörte sie ihren Namen rufen. Albert Möller trat mit dem Schulzen aus dem Hause.

„Willst du auch in den Krug, Kleine?“ fragte er.

„Versteht sich,“ entgegnete sie, „so gut wie du. Bist du mal wieder in Oberlemmingen?“

„Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. Da muß ich doch dabei sein ...“ Er gab Dörthe die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon.

Den Albert konnte sie nicht leiden. Es ärgerte sie schon, daß er sie immer „Kleine“ nannte. Er bildete sich viel darauf ein, daß er ganz städtisch geworden war, und schaute die Bauern über die Achseln an. Seit drei Jahren lebte er gänzlich in Frankfurt und kam nur dann und wann zu Besuch nach der Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber Bauunternehmer, und man erzählte von ihm, daß er schon einmal unter der Anklage der Begünstigung betrügerischen Bankerotts in Untersuchungshaft genommenund nur aus Mangel an Beweis freigesprochen worden sei. Er war übrigens ein sehr hübscher Mann: groß, schlank und blondbärtig, und wenn er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute, hätte man darauf schwören können, daß er der beste und treuherzigste Bursche unter der Sonne sei.

Dörthe ging nicht durch den Haupteingang in den Krug, sondern hinten herum, durch die Küche. Hier brannte schon Licht, und die alte Möllern hantierte geschäftig am Herd, denn der Förster Damke aus dem nahen Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gemäß Grog bestellt. Die Möllern war eine große und starke Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer Siebzig noch ungemein rüstig. Das Herdfeuer überstrahlte mit roter Glut ihre harten, ausgearbeiteten Züge.

„’n Abend, Mutter Möllern,“ sagte die Dörthe beim Eintritt in die Küche. „Ist der Fritz nicht hier?“

Die Alte zog eine Schulter hoch.

„Im Keller,“ antwortete sie, „er zappt ab; ’s is ja heute wie eine Volksversammlung da drinne’!“

Sie war immer mürrisch und unfreundlich, insonderheit Dörthe gegenüber, der sie es nicht vergeben konnte, daß sich ihr Fritz in sie verliebt hatte. Denn die alten Möllers waren stolz, und obwohl Fritz die Krugwirtschaft bereits übernommen hatte, meinten sie, es sei nicht nötig, daß er sich nach einer Frau umschaue, solange sie selbst noch mit Hand anlegen könnten. Die Dörthe paßte ihnen vollends nicht; ein Mädel ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack. Fritz konnte Besseres haben.

Dörthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen sollte, als sie den dicken, blonden Wirrkopf Fritzens aus der Kellerluke auftauchen sah. Eine Falltür führte von der Küche aus direkt in den Keller, und wenn sie offen stand, wie jetzt, roch es immer nach Hefe und schalem Bier.

Fritz trug unter jedem Arm einen mächtigenHenkelkorb mit Bierflaschen. Er war ein riesiger Kerl und hatte auch riesige Kräfte. Die Bauern fürchteten seine Fäuste. Den kleinen Lemmert hatte er einfach einmal aus dem Fenster geworfen; wer in der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen wollte, mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem dicken und gesunden Gesicht lag der den Möllers eigne Zug von Treuherzigkeit und gutmütiger Gesinnung.

„Ach, Dörthe, du bist’s,“ sagte er, stellte einen Korb hin, wischte mit der Handfläche seiner Rechten rasch über seine blaue Schürze und begrüßte sodann seine Braut. „Möchtst wohl auch wissen, wie’s wird?“

„I nu ja,“ erwiderte das Mädchen lächelnd. „Es wird ja so viel davon gesprochen. Der Albert ist auch schon hier.“

„Weil er der einzige is, der was davon versteht,“ bemerkte die Alte. „Er hat auch schon ’ne Bank hinter sich, sagt er ...“

Dörthe dachte darüber nach, warum der Albert „’ne Bank hinter sich“ habe, aber Fritz ließ ihr zum Grübeln nicht lange Zeit.

„Trag immer ’rein,“ sagte er und schob ihr einen der Körbe unter den Arm; „heut könnte man zwanzig Hände haben!“

Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe.

So voll war das Krugzimmer allerdings selten. Aus der Mitte der weißgekalkten Decke hing eine alte Petroleumlampe herab, die den großen Raum nur notdürftig erleuchtete, so daß in allen Ecken und Winkeln schwarze und dämmergraue Schatten lagen. Nur auf dem Schenktische stand noch eine zweite Lampe. Hier machte sich der alte Möller zu schaffen, ein Siebziger, der aussah, als könne er das Hundertste noch erleben. Rastlos liefen die scharfblickenden Augen unter den buschigen weißen Brauen umher, und immer war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er fühlte gewissermaßen, wo ein Glas leer war, und er hatte genau im Kopfe, wieviel ein jeder getrunkenhatte. Er brauchte nichts anzuschreiben, seine Rechnung stimmte doch.

Alle Tische waren besetzt. Die paar Großbauern, die reichsten im Dorfe, hielten zusammen. Da war zuerst der dicke Braumüller, dessen Gehöft der Krugwirtschaft gegenüber an der Chaussee lag, dann der einäugige Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen, der weder schreiben noch lesen konnte; ferner der kleine Raupach, ein ungemein bewegliches, leicht aufbrausendes Männchen, und der Bauer Tengler, der seiner käsigen Gesichtsfarbe wegen gewöhnlich „Schlippermilch“ genannt wurde. Noch einer saß am Tische der Großbauern: der dritte Sohn des alten Möller, der Bertold. Der war Kaufmann geworden und betrieb ein Kurzwarengeschäft in der benachbarten Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der Möllerschen Art, kein Riese wie die übrigen, sondern ein wenig verwachsen und trug auch eine Brille, hinter der ein Paar dunkle Augen listig und lebhaft funkelten.

An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute Platz genommen: der Krämer Thielemann, die Kossäten Bachert, Maracke und Klauert und eine Anzahl Taglöhner, Häusler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen saß der Förster Damke allein in seiner Sofaecke, trank Grog und las dazu die Inserate im „Zielenberger Kreisblatt“.

Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht allzu lebhaft zu. Die meisten unterhielten sich mit nur halblauter Stimme. Erst als die Tür aufging und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Möller ins Zimmer trat, wurde es lauter. Bertold rief seinen Bruder sofort an den Tisch heran, wo Albert jedem der Bauern die Hand reichte.

„Warst du beim Kantor?“ fragte Bertold, an seiner Brille rückend, eine ihm eigentümliche Bewegung.

„Ja,“ entgegnete der andre nickend. „Der Professor hat geantwortet. Es hat seine Richtigkeit. Die Quelle ist großartig, sage ich dir, Bertold ...“

Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern mitten im Satze ab. Es schien, als wolle er seine Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten preisgeben.

„Wie ist’s denn eigentlich ans Licht gekommen mit der Quelle?“ fragte Langheinrich.

„Ganz einfach,“ und Albert erzählte zum zwanzigstenmal die Geschichte der Entdeckung. Der Lehrer aus Frankfurt, der sich vorjährig mit Frau und Kindern während der großen Ferien im Kruge eingemietet hatte, um hier eine billige Sommerfrische zu genießen, war häufig in dem Buchenwäldchen auf der Grauen Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er denn eines Tages mitten im Geröll und ganz verborgen unter Brombeerranken und Wacholdergestrüpp ein Wässerchen entdeckt, das mit auffallend starkem Geräusch zutage trat und zugleich Tausende von kleinen zierlichen Perlen und Bläschen bildete, – „so wie beim Selterswasser, Langheinrich, verstehst du?“ erläuterte Albert das Phänomen. Jedenfalls erschien dem Lehrer die kleine Quelle interessant genug, um den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam zu machen. Der Professor analysierte das Wasser denn auch und sandte seinen Bericht dem Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner, den Kantor von Oberlemmingen, schickte.

„Da is er schunst!“ rief Tengler, der gewöhnlich platt sprach, und deutete nach der Tür. Feilner trat ein, ein langer Mensch mit einem um die Wangen gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht ohne Zahnschmerzen.

Die vier Möllers gingen ihm entgegen und begrüßten ihn höflicher, als es sonst ihre Art war; der Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und fragte, ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wünsche. Aber Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und wolle sich nur rasch seines Auftrags entledigen.

Dann nahm er am Mitteltische unter der Hängelampe Platz und zog den Brief des Professors hervor.Im Zimmer hatte sich alles erhoben und bildete einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame Spannung lag auf den Gesichtern. Der alte Maracke hatte die Augen weit aufgerissen und hielt das linke Ohr umgeklappt, um besser hören zu können. Auch Dörthe hatte sich herangeschlichen und reckte sich auf den Zehen empor.

„Also paßt auf,“ sagte Herr Feilner. „Nämlich zuerst kommt, was die Quelle alles enthält. Hauptbestandteile: kieselsaurer Kalk, schwefelsaurer Kalk, Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat, schwefelsaure Magnesia.“

Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten mordsdummen Gesichtern. Der alte Maracke schüttelte vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und Braumüller fragte:

„Wat denn? Das ist alles drin?“

„Es kommt noch mehr,“ sagte Feilner, und Albert Möller rief „Ruhe“, obschon niemand sprach, und drängte den dicken Braumüller unsanft vom Tische zurück.

Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand und las weiter:

„Temperatur 8,07 GradR. R.heißt nämlich Réaumur, womit das Wasser gemessen worden ist, und weil’s auch noch andre Thermometer gibt, zum Beispiel Celsius, der mißt höher, und Fahrenheit, den braucht man aber nur manchmal. Nun geht’s weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell, dem Rakoczy ähnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer. Habt ihr verstanden?“

Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht an. Maracke schüttelte noch immer den Kopf und kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumüller wollte etwas fragen, aber der wißbegierige kleine Raupach kam ihm zuvor und schrie aufgeregt:

„Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles gar nicht gewußt? Dem Ra—, dem Ra—, wie war’s denn gleich? Wem soll das Wasser ähnlich sein?“

„Dem Rakoczy,“ erwiderte Bertold Möller, „das ist ’ne Quelle in Kissingen – auch eine Heilquelle ...“

„Und was ist denn nun so gesund da dran?“ fiel Langheinrich ein.

„Wartet mal,“ sagte der Kantor, „davon hat Professor Statius auch etwas geschrieben.“ Und er suchte in seinem Briefe. „Aha – da – hier steht’s: ‚Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler Stoffe, gesteigerte Oxydation.‘“

Er schwieg wieder und steckte den Brief in die Tasche zurück.

„Was hat er gesagt?“ fragte Maracke, der noch immer sein Ohr umgeklappt hielt. Sein Nachbar zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach schrie lebhaft:

„Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz einfach!“ – und Maracke nickte dankend und war so klug wie zuvor.

Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob sich; er wollte wieder gehen. Aber zuvor faßte er den alten Möller noch einmal an einem Rockknopf.

„Hören Sie mal, Herr Möller,“ sagte er, „was da der Herr Professor noch geschrieben hat: er läßt Ihnen raten, Sie möchten doch die Quelle fassen lassen.“

„Schön, schön, Herr Kantor,“ erwiderte Albert anstatt des Alten rasch, „wird alles gemacht werden,“ – und leise flüsterte er seinem Vater zu: „Ich weiß schon Bescheid – nachher! ...“

Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf die verlassenen Plätze zurück. Man bestellte sich neues Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell an der Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung. Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht. Man war sich noch nicht recht klar über das neue Wunder. Raupach geriet mit Braumüller in Streit, weil ersterer behauptete, die heilende Wirkung des Wassers liege im Trinken, und letzterer, nein, im Baden. Schließlich schlichtete „Schlippermilch“ denZank durch die salomonische Erklärung, es sei beides richtig; erst baden, dann trinken, worauf Maracke meinte, das sei eine Schweinerei.

Der alte Möller hatte seine Frau gerufen, damit sie die Gäste bediene. Dörthe sollte ihr dabei helfen, denn die vier Möllers zogen sich zu einer „Familienrücksprache“, wie Albert sagte, in das Extrazimmer zurück. Der Förster Damke war nach Hause gegangen, aber das ganze Stübchen roch noch nach dem schlechten Grog, den er getrunken hatte. Albert öffnete einen Fensterflügel. Draußen rauschte mit leisem, einförmigem Murmeln die Barbe vorüber. Der Himmel war ausgesternt: es gab gutes Erntewetter.

Die drei Brüder hatten sich an den mit Wachstuch überzogenen Tisch gesetzt, der mit klebrigen Flecken übersät war, und auf dem ein flacher Teller mit gezuckertem Spiritus und Fliegengiftpapier stand.

„Wollt ihr Bier, Jungens?“ fragte der Alte.

„Danke,“ erwiderte Bertold, und Albert schüttelte naserümpfend den Kopf. Er war verwöhnt. Das Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es würde ja alles anders kommen.

„Nun hört einmal zu,“ sagte er. „Setz dich, Vater, ich kann das zwecklose Herumstehen nicht leiden. Die Tatsache, daß wir in dem Wasser an der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen. Ich will euch gestehen, daß ich extra deswegen zu einem berühmten Arzte in Berlin gefahren bin. Ich wollte mir Gewißheit schaffen. Der hat das Wasser ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit Professor Statius überein. Er sagte mir, das sei etwas sehr Wichtiges, daß wir in der Mark so ’ne Art Kissinger hätten; das fehlte uns, und Oberlemmingen würde eine große Zukunft haben.“

„Also wahr und wahrhaftig?“ fragte der Alte, seine Pfeife aus dem Munde nehmend. Er brachte der Sache noch immer ein gewisses Mißtrauen entgegen. Bertold stieß ihn leicht von der Seite an;Albert sollte erst aussprechen. Nachher konnte man fragen.

Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zündete sich zunächst eine Zigarre an, während die andern ihn aufmerksam betrachteten. Er war der Klügste in der Familie und hatte als Großstädter seine Verbindungen. Endlich hub er etwas zögernd und mit schwerer Stimme wieder an:

„Erst wollen wir uns mal über das Eigentumsrecht einigen, Kinder,“ sagte er, und sofort fiel Bertold ein:

„So ist’s! Man muß doch wissen, woran man ist. Eher rühr’ ich auch nicht ’nen Finger in der Sache!“

Fritz wühlte mit beiden Händen in seinem Flachshaar. Er hatte genau gewußt, daß das so kommen würde. Aber er mußte sich fügen; ohne Albert war nichts anzufangen.

„Vater hat ja doch schon geteilt,“ entgegnete er. „Und alles gerichtlich und schwarz auf weiß. Ihr habt bar Geld gekriegt und ich die Krugwirtschaft. Das ist doch längst in Ordnung.“

„Es handelt sich um die Quelle,“ bemerkte Albert ernst, „das ist ein neues Objekt ...“

„Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und Boden, dagegen ist nichts zu sagen,“ antwortete Fritz. Er wollte wenigstens versuchen, die Position zu verteidigen.

„Schön,“ erwiderte Albert und erhob sich. „Bist du der Meinung, so geh’ ich. Dann kümmre ich mich nicht weiter darum. Nehmt euch ’ne andre Beihilfe.“

Der Alte hielt ihn am Rockschoß fest.

„Hier bleiben!“ befahl er. Er sprach in grollendem Tone. Wenn er gereizt war, schob er die Oberlippe ein wenig empor und zeigte die breiten, gelben Zähne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln umrahmtes Gesicht böse, und das Auge begann zu funkeln.

Er nahm, während Albert achselzuckend am Tische stehen blieb, noch ein paar Züge aus seiner Pfeife und fuhr sodann in kurzen, knurrend hervorgestoßenen Sätzen fort:

„Es ist klar, daß die Quelle uns allen gehört. Nicht bloß einem. Freilich, die Graue Lehne gehört zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat sich jetzt erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders ausmachen lassen, daß bei neuen Funden im Boden der Wirtschaft, sei’s Mergel, seien’s Kohlen oder sei’s Alaun, gedrittelt werden soll. So ist’s auch gerecht!“

Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den Mund. Richtig war’s; man hatte diese Bestimmung getroffen, vor allem in Rücksicht auf den Alaun, den man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt, allerdings ziemlich unrein, so daß sich eine Förderung bisher nicht gelohnt hatte.

„Ich will nicht streiten,“ entgegnete Fritz schließlich; er wie die andern hatten einen gewaltigen Respekt vor dem Vater, der die erwachsenen Männer zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. „Setzt’s auf und dann wollen wir’s vor dem Notar schriftlich machen: alles, was die Quelle bringt, geht in drei Teile.“

„In vier,“ sagte der Alte bestimmt.

Die drei Söhne schauten erstaunt auf. Was hieß denn das nun wieder? Wollte der Alte, der seit fünf Jahren bequem und ruhig in seinem Ausgedinge lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren?

„Warum denn in vier?“ fragte Albert endlich zaghaft.

„Weil ich auch meinen Teil haben will,“ erwiderte der Alte fest. „Ich bin sechsundsiebzig, aber will’s Gott, so leb’ ich noch zwanzig Jahr’. Und bringt uns die Quelle Glück, so bau’ ich mir ein Extrahäuschen und zieh’ mit Muttern hinein. Denn wenn der Fritze wirklich heiraten tut ...“

„Es ist noch nicht so weit,“ fiel Albert ein, und Bertold setzte, an seiner Brille rückend, hinzu: „Das mit der Dörthe wird er sich auch noch überlegen.“

Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die Pfeife zwischen den Zähnen behaltend, in trotzigem Tone: „Ganz gleich. Es bleibt dabei. In vier Teile.“

Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder kannten den Alten. Machten sie Schwierigkeiten, so konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens stand in Gefahr.

Albert setzte sich wieder.

„Also abgemacht: in vier Teile,“ wiederholte er. „Ich werde morgen mit Rechtsanwalt Felitz sprechen. Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame gemacht werden. Professor Statius will in der ‚Medizinischen Wochenschrift‘ über seine Analyse berichten. Den Artikel lass’ ich an alle großen Zeitungen schicken. Klappern gehört zum Handwerk. Dann das nötige Geld, um alles instand zu setzen ...“

„Ja, das Geld,“ warf Bertold nickend ein.

„Wir brauchen etwa 300000 Mark ...“

„Ihr seid wohl verrückt!“ fuhr der Alte auf.

„Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,“ entgegnete Albert lächelnd. „Laß man, Vater, darin hab’ ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank hinter mir, will auch mal zu Schellheim gehen. Es muß ein Konsortium gebildet werden – mit guten Namen –, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und ein Adliger an der Spitze. Ich will morgen auf den Baronshof. Hellstern wird leicht zu kriegen sein. Und dann muß ein Sanatorium begründet werden ...“

„Ein –?“ fragte der Alte.

Albert winkte mit der Hand. „Du wirst schon verstehen lernen, Vater. Warte man ab. Ich entwickle nur so meine Ideen. Der ‚Krug‘ muß ausgebaut werden – zu einem Hotel. Dann brauchen wir Logierhäuser, neue Wege, Pflasterung, eine Brauerei,vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß der Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus bauen wir späterhin. Rings um die Quelle wird eine Art Tempelbau errichtet, mit Säulen, das muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen Basar errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen, Bäcker, Konditor und andre Professionisten. Das wird sich alles entwickeln ...“

Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und schaute einen Augenblick sinnend den im Halbdunkel des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach. Er war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie und seine wagmutige Frechheit ergänzten, was ihm an Bildung fehlte. Er war ein schlechter Arbeiter gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte auch Glück. Seine Häuser vermieteten sich schnell. Er baute unsolid, stattete jedoch die Wohnungen mit oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken, Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es war ihm sogar gelungen, sich am Bau der neuen Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei verdient. Aber all das waren nur vorbereitende Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher hinaus. Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken – im Traume selbst – Riesenpaläste und halbe Städte. Oberlemmingen stand in der Zukunft schon fix und fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern ein moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und Lehmbaracken mit ihren gelbgrauen Strohperücken waren verschwunden – eine ganze Reihe von Villen erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im Schweizerstil, dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser, ein norwegisches Blockhaus, eines nach russischem Muster, mit gemalten Balken. Albert sah das alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel inmitten blühender Anlagen, im Grün des Kurparks, und das Möllersche Hotel an der Chaussee, die ineiner halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig. In fünf Jahren, taxierte Albert, mußten die Möllers sich Oberlemmingen erobert haben.

Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie Albert, längst der Bauernsphäre entwachsen, und auch er war ein heller Kopf. Geldverdienen war seine Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die ihn zweimal hintereinander mit Zwillingen beschenkt hatte, war sein Erwerbsfieber noch gewachsen. Man mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine Wuchergeschäfte mit den Inspektoren der Umgegend. Er begriff schon, was Albert wollte, und glaubte an dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn dennoch: die, daß Albert ihn betrügen könne.

Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch man sah es ihnen an, daß der Zukunftsgalopp Alberts nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei aller natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen, um sich mit den Spekulationsideen Alberts befreunden zu können. Vor Schuldenmachen hatten sie eine grimmige Angst; man gab das Geld fort und hatte auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten, daß die ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen wollte, sie alle ersticken und erdrücken würden.

Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende Stimme der alten Möllern und das laute Weinen Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich, um nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine Flasche mit Himbeerlikör vom Schenktisch gestoßen; die Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß träge über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und da hatte die Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen Heftigkeit eine derbe Ohrfeige gegeben und schimpfte in unflätiger Weise auf sie los.

Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel ihres Kleides vor das Gesicht. Sie schluchzte so, daßihre ganze Gestalt zitterte – nicht aus Schmerz, sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden zu sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller, Raupach und Tengler, die „Schafskopf“ spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke schritt gutmütig auf sie zu und sagte:

„Nanu, flenn man nich, Dörthe – es is doch nich so schlimm! Bis du heiratst, is die Backe wedder gutt! ...“

Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes wie die Dörthe sei noch nicht dagewesen. Als ob der Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle einmal eine tüchtige Hausfrau werden! Nee – da werde er es sich doch noch lieber bedenken ...

Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie weinte noch immer, während sie langsam die paar Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür führten, und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte ganz leise vor sich hin. Daß die Möllern grob und roh war, wußte sie ja – das war ihr nichts Neues. Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen. Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz sprang und zuckte. Sie liebte den großen Burschen mit seinem wirren Blondkopf und den blauen Augen doch so sehr.

Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten hell am Himmel; die Milchstraße leuchtete wie Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der frische Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs der Barbe hinzogen.

Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen Fenster helles Licht schimmerte, blieb Dörthe stehen. Ihr fiel auf einmal ein, was Tante Pauline von ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter war heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. Das bedeutete Unfrieden und Ärger. Und so war’s auch gekommen.

Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein zweiter antwortete, der große Köter Marackes mitseinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom Dorfende her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle Hunde im Dorfe begannen zu bellen.

Auf dem Auberg hatte früher ein Pächterhaus gestanden, ein merkwürdiger Bau. Das untere Stockwerk stark massiv, mit mächtigen Mauern, eine Halle mit hohen und schönen Wölbungen, von Strebepfeilern gestützt. Das war der Kuhstall gewesen. Und auf ihm hatte sich ein schwächliches Fachwerk erhoben, ziemlich dünnwandig und einfach weiß abgeworfen: die Wohnung des Pächters. Er war ein närrischer Kauz gewesen; man erzählte sich im Dorfe noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm. Seine Leidenschaft war die Rindviehzucht, und deshalb hatte er dem geliebten Viehzeug die schönsten Räume im Hause angewiesen, und deshalb wollte er seine Tiere auch immer in unmittelbarer Nähe haben. Er war lange in England gewesen und hatte dort alle möglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch eine neue Art der Fütterung, von der er viel hielt. Aber er hatte kein Glück; sein Kreuzungssystem schlug nicht an, und bei seiner neuen Fütterungsmethode verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er sich im Kuhstall auf.

Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft gekauft hatte, brachte er einen Baumeister aus Berlin mit, der ihm auf dem Auberge ein Schloß bauen sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage des Kuhstalls und schlug Schellheim vor, die kolossalen Fundamente beizubehalten und aus dem Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen. Die Mauern wären so riesig, daß sich leicht noch zwei Stockwerke auf ihnen aufführen ließen. Schellheimwar einverstanden, und der Baumeister baute los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der Kommerzienrat wollte ein Schloß haben, und zu einem Schlosse gehörte unbedingt ein Turm. So wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt, mit einem grünen Kupferhute als Dach. Das gefiel Schellheim immer noch nicht recht: die Erker fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen konnte, und auf der Südseite eine weite Glasveranda, die zur kalten Zeit als Wintergarten benutzt werden konnte. Auch das wurde geschaffen und noch mehr, und schließlich machte das neue Schloß einen schauderhaft stillosen Eindruck. „Es sieht wie zerkaut aus,“ meinte der alte Hellstern. Der hübscheste Raum blieb nach wie vor der ehemalige Kuhstall, die jetzige Halle.

Von seiner früheren Bestimmung merkte man dem weiten Saal natürlich nichts mehr an. An den Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck, Hellebarden, Schilde, Morgensterne, nägelgespickte Streitkolben und dergleichen mehr, und an den Wänden eine Reihe tiefdunkel gewordener alter Ölporträts von stark dekolletierten Damen in Reifröcken und gepanzerten Herren mit strichähnlichen dunkeln Schnurrbärten auf der Oberlippe. Schellheim hatte die ganze Galerie einmal im Ramsch bei einem Trödler in Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine „italienischen Ahnen“. Er spottete nicht ungern über sich selbst; er war vernünftig genug, stolz auf sein Emporkömmlingstum zu sein.

Sein Vater hatte das Geschäft begründet, aber erst unter ihm war es zur Blüte gekommen. Jetzt gab er zwölfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin, Breslau und Manchester hätten, zusammengestellt, allein einen kleinen Stadtteil bilden können. In allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als Hemden – Hemden in vieltausendfacher Auswahl, Abstufung und Variation, für die elegante Welt,für die einfachen Leute und für das Proletariat, und zwar nur Männerhemden. Diese Hemden gingen über die ganze Welt. Man fertigte sie in den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewünschten Marke und jedem beliebigen Firmenstempel an und versandte sie dann an die Kunden in allen Teilen der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von Sagan in Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant Frères entnommen, gerade so gut wie Ohm Krüger in Johannesburg, der Nabob in Bombay und der Dockarbeiter in Wilhelmshaven – selbst bis Siam und China und bis in die Eisfelder Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd.

Und diese Hemden ließen Gold zurück. Schellheim war Millionär. Freilich hatten drei Generationen an den Millionen gearbeitet. Der Großvater war noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch das Land gezogen, und der Vater hatte manche schwere Krisis zu überwinden gehabt. Aber nun stand der Bau felsenfest; keine Krisis konnte ihn mehr erschüttern. Es war Schellheim nicht leicht geworden, sich vom Geschäft zurückzuziehen; die Arbeit war das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber er mußte an seine Kinder denken. Der unpraktische Jüngste war für die Fabrik nicht zu gebrauchen; ihm waren die Bücher alles. Doch Hagen, der Älteste, trat mit sicheren Schritten in die Fußstapfen des Vaters. Er hatte zwei Jahre in Manchester gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet, und nun konnte er getrost an die Spitze des Ganzen treten.

Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblühen des Geschäfts. Es lag bei Hagen in guten Händen. Allerdings hatte der Junge auch seine Nebenpassionen: für Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das lag nun einmal in der „Mode der Zeit“ – so meinte der Rat –, und deshalb blieb er doch ein tüchtiger Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die Frage einer anderweitigen Beschäftigung heran. Untätigkonnte und wollte er nicht sein. Und da kam ihm der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar die Landwirtschaft lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit einer dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals zufrieden. Dann dachte er auch an seinen Jüngsten. Der sollte das Gut einmal übernehmen, wenn er des Studierens müde geworden. Denn es schien dem Kommerzienrat undenkbar, daß ein Mensch, der es nicht nötig hatte, zeit seines Lebens tagein, tagaus und von früh bis spät immer nur zwischen Büchern sitzen, grübeln, vergleichen, schreiben könne. Zudem mußte der Wert des Landbesitzes wieder steigen; der tote Punkt mußte erreicht sein. Es handelte sich ja nicht um eine verfehlte Spekulation.

Man nahm das zweite Frühstück gewöhnlich in der großen Halle. Die Glastüren standen weit offen. Auf der Terrasse wärmten sich die Palmen in der Sonnenglut. Durch das Grün der Orangenbäume, deren blank lackierte große Kübel die Sonnenstrahlen reflektierten, schimmerte das helle Weiß zweier Statuen, die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse flankierten. Es waren zwei Göttinnen, Pomona und Flora; Hagen, der die Spottsucht seines Vaters geerbt hatte, bevorzugte sie wegen ihrer Hemdenlosigkeit. Die ganze Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum Tal ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere mit Wein und selteneren Obstsorten begrenzt wurden. Im Süden erstreckte sich der Park zirka zwölf Morgen weit in das sich hier mählich senkende Land hinein. Er war ursprünglich Buchenforst gewesen und stieß bis dicht an die Graue Lehne, die der Kommerzienrat gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die Möllers sagten nein. Das ärgerte Schellheim nunmehr, nach Entdeckung des Heilquells, doppelt.

Man war beim Dessert. Ein junger Diener in ziemlich einfacher Livree wartete auf. Die Rätin hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem Gatten.

„Ich will dir was sagen, Gunther,“ fuhr Schellheim in der Unterhaltung fort, eine der goldgelbenScheiben auf seinen Teller legend, „du hast ja recht: die Hellsterns sind liebenswürdige Leute. Aber die Art bleibt dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar. Er bricht aus jeder Äußerung, aus jedem Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen. Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das mit der Quelle. Hellstern ist gegen ihre Ausnützung, weil der Fortschritt in der Kultur ihm unbequem ist. Das stört ihn in seinem Behagen. Nun frag’ ich den Menschen: ist das nicht verrückt?“

„Natürlich,“ entgegnete Hagen; „du wirst mit den Hellsterns nicht warm werden.“

Gunther widersprach. Man müsse die Leute nehmen, wie sie seien. Ansicht gegen Ansicht.

„Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des Barons noch andre Befürchtungen zugrunde liegen. Er ist zu klug und zu weltreif, um der Kultur Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine persönlichen Empfindungen mögen ja auch mitsprechen. Er liebt es nun einmal nicht, von einem Schwarm fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer sehr am Herzen, und er fürchtet, daß die Bauern sich den Segnungen der Kultur, in diesem Falle der Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.“

Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den Mund, den Kopf, und der grimme Hagen lachte fröhlich auf.

„Nimm mir’s nicht übel, Gunther,“ rief er, „das ist eine absonderliche Idee! Was heißt denn das: noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den Eintritt erlaubt? Als die Eisenbahnen aufkamen, wetterte und wütete der damalige Verkehrsminister gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn schließlich, wenn wirklich ein paar Bauern zugrunde gehen, wo auf der andern Seite der ganzen Menschheit gedient wird?“

„Gewiß,“ fügte der Rat hinzu und faltete seine Serviette zusammen. „Jeder Fortschritt ist im Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um neu aufzubauen.“

Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich in der Verteidigung der Insassen des Baronshofs vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht stichhaltig waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.

„Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,“ erwiderte er. „Nur der stetige Fortschritt bringt Segen. Selbst Guttaten wie die Emanzipation der Bauern und die Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet kamen.“

„Das ist das, was ich sagte,“ bemerkte Schellheim. „Die Kultur reißt Löcher, schließt sie aber auch wieder.“

„Deshalb kann man immerhin die Opfer der Kultur bedauern,“ entgegnete Gunther etwas kleinlaut. „Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen kann ich aus persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern nur zustimmen; ich würde es auch lieber sehen, wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen nicht auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler stieße.“

„Mahlzeit,“ sagte der Rat und erhob sich. Der Diener zog den Stuhl seines Herrn zurück. Man trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten Frühstück auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der Tisch unter einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt. Ein Licht und zwei Zigarrenkisten standen zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte, aber man sah die Flamme kaum in der blendenden Helle des Tages.

Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete, nahm er das Thema von vorhin wieder auf. Er wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.

„Ich will dir was sagen, mein Junge,“ begann er – das war eine stehende Redewendung von ihm –, „wenn sich die Quellengeschichte wirklich günstig entwickelt und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz herausstellt – ich fürchte es beinah’, ich trau’ der Sache nicht so recht –, na, das wäre auch für uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk mal, wie Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die Leute zusammenströmen und Obdach und Nahrung haben wollen! Auch die Produktenpreise werden in die Höhe gehen – ich meine, liebe Jenny“ – er wandte sich an seine Frau –, „wir könnten ganz gut noch die sechs Morgen Wiesenland an der Barbe zum Gemüsegarten schlagen.“

Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten, die nur den Kopf neigte und dann weiter die Tassen füllte, fuhr er lebhaft fort:

„Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit der Möllers. Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld für die paar Buchenkuscheln. Ich glaube, die Möllers witterten damals schon die Heilkraft der Quelle – kann mir’s sonst nicht erklären, warum sie so stätisch blieben! Na, ich bin neugierig, was sie machen werden! Ich habe mir’s überlegt: ich misch’ mich nicht ’rein. Sie könnenmirkommen, wenn sie wollen ... Wie ist’s, Kinder, wollt ihr wirklich mit dem Abendzuge zurück?“

Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun. Hagen erzählte von großen Aufträgen aus Amerika, deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So kam „das Geschäft“ auf die Tagesordnung; der Rat wollte Einzelheiten wissen, und Hagen zog sein Notizbuch aus der Tasche.

Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die Sandsteinbalustrade heran. Der Ausblick von der Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach der Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, war die ganze Landschaft in ein weißliches Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer lag über denÄhrenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite, zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte man auch auf dem Augute mit der Ernte begonnen. Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe Licht zu einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der waldbesetzten Bergreihe am Horizont mischte sich noch ein leichter blauer Ton hinein.

Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der Baronshof lag. Man sah aus dem Dunkel der alten Bäume nur einen kleinen Dachteil des Herrenhauses hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers öffnete sich der Vorhang aus grünem Laub, und es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor sich liegen und oben auf der Veranda eine große Mädchengestalt in hellem Gewande, die ihm mit freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, sich ein weibliches Idealbild zu konstruieren, aber er meinte, so wie Hedda, so ungefähr müsse sein Ideal wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher Gebärde den Rest seiner Zigarette über die Balustrade. Wirklich, er ärgerte sich über seine dummen Gedanken!

Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der Diener hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.

Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen vernahm. Einer von den Möllers – aha, man „kam“ ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein Gesicht.

„Führen Sie den Herrn hierher,“ befahl er.

„Entschuldigen der Herr Kommerzienrat,“ erwiderte der Diener, „es sind drei Leute –“

„Drei?“ Und Schellheim lachte fröhlich auf. Also gleich drei – man wollte ihm durch eine Phalanx imponieren. „So lassen Sie alle drei herkommen, Friedrich,“ entschied er.

Die Rätin fragte bescheiden, ob es nicht bessersei, wenn sie sich mit den Kindern entferne. Aber ihr Mann verneinte; man wisse ja noch nicht einmal, was die Herren überhaupt wollten.

Das Trio trat an. Voran Albert, dann Bertold und zuletzt Fritz Möller, hintereinander und mit dem Ausdruck des Respekts im Gesicht, von dem ihr Herz in dieser Atmosphäre des Reichtums erfüllt war. Der dicke Fritz hatte sich gleich den andern beiden sonntäglich angekleidet, doch der schwarze Rock paßte nicht recht und schlug an ungehörigen Stellen Falten, und über dem topfförmigen Zylinderhut lag ein rosiger Bronzeton. Der Zylinder gehörte ihm auch nicht, sondern dem Alten, der ihn nur zu Hochzeiten und Kindtaufen trug. Dann bügelte Mutter Möller ihn auf, das heißt sie plättete ihn mit einem heißen Bolzen. Davon hatte er seine anmutige Färbung erhalten.

Albert und Bertold blieben stehen und verbeugten sich. Aber Fritz hatte nicht aufgepaßt und ging weiter, rannte erst gegen Bertold an und machte dann auch sein Kompliment. Bertold war wütend, rückte an seiner Brille und flüsterte, während Albert bereits zu sprechen begann, dem jüngeren Bruder zu:

„Nimm doch den Hut ab, Tolpatsch!“

Nun entblößte auch Fritz den Flachskopf. Er war rot geworden vor Verlegenheit.

„Nehmen Sie es nicht übel, Herr Kommerzienrat,“ sagte Albert inzwischen, „daß wir Sie inkommodieren. Wir möchten Sie um eine Rücksprache bitten. Es handelt sich nämlich um die Quelle ...“

Schellheim hatte sich erhoben und reichte jedem der drei die Hand. Es war sein Bestreben, sich kordial zu zeigen. Die Leute da unten sollten ihn lieben lernen.

„Ich dacht’ es mir beinah’, meine Herren,“ erwiderte er. „Dürfen die Meinen dabei sein, oder ist es Ihnen angenehmer, unter vier Augen –“

Albert wehrte ab. Ihre Sache sei durchaus kein Geheimnis.

Der Rat bot ihnen Stühle und Zigarren an. Fritz betrachtete die seine mit Ehrfurcht. Sie hatte ein Bändchen um den schlanken Leib und sah nach viel Geld aus.

Dann entwickelte Albert seine Ideen und Absichten. Er sprach recht gewandt, erzählte zunächst von der Analyse des Professors Statius und von der Auskunft, die er persönlich über die Heilkraft des Wassers erhalten hatte, und ging hierauf auf die Finanzierungsfrage über. Man wollte ein Konsortium bilden, das die vorbereitenden Arbeiten ausführen solle, und dann das ganze Unternehmen in eine Aktiengesellschaft verwandeln.

Schellheim erkannte sofort, daß dieser lange Maurerpolier eine nicht gewöhnliche kommerzielle Begabung besaß. In der Darlegung der Einzelheiten verriet sich sogar eine so schlaue, zuweilen überraschend raffinierte Berechnung, wie der Kommerzienrat sie dem einfachen Manne kaum zugetraut hätte.

Die Rätin hatte sich mit ihren Söhnen absichtlich zurückgezogen. Die drei promenierten im Laubengang der zweiten Terrasse auf und ab, während oben Albert Möller mit lauter Stimme weitersprach. Die beiden andern Brüder saßen stumm neben ihm und nickten nur zuweilen mit dem Kopfe, um ihre Zustimmung zu allem zu bekunden, was der Wortführer sagte.

Plötzlich hörten die Promenierenden, daß Schellheim den Sprecher unterbrach. Der Rat wußte nun, wohinaus die Möllers wollten, aber es war unnötig, noch weiter über die Sache zu reden, ehe er sie selbst nicht klar überschauen konnte.

„Sie wünschen, daß ich mich Ihres Unternehmens annehme,“ sagte er, „daß ich mich theoretisch und praktisch daran beteilige – nicht wahr, das wollen Sie doch? Ich soll Ihnen sozusagen helfen, die Geschichte in Gang zu bringen, die Kapitalien zu schaffen, die geeigneten Repräsentations- und Arbeitskräftezusammenzutrommeln.... Nun schön, ich bin dazu bereit –, die Sache interessiert mich, denn eure Quelle fließt mir sozusagen an der Nase vorbei. Aber erst muß ich mich selber orientieren. Eure Analysen genügen noch nicht. Man muß offizielle Persönlichkeiten heranziehen, Berühmtheiten ersten Ranges.... Und dann: eine kurze Frage. Sie wissen, lieber Herr Bau –“ er zögerte einen Moment, weil ihm der Titel Bauunternehmer zu lang erschien, und fuhr dann rascher fort: „Sie wissen, lieber Baumeister, daß ich Ihrem Vater schon vor Jahresfrist anbieten ließ, die Graue Lehne mit der Buchwaldparzelle zu kaufen. Ich bin noch immer dazu geneigt. Nun haben sich durch die Auffindung der Quelle die Preisverhältnisse natürlich wesentlich geändert. Allein vielleicht würden wir doch noch einig werden. Überlegen Sie einmal daheim, ob wir nicht von neuem über das Terrain in Verhandlung treten können ...“ Er schaute aufmerksam auf seine Fingernägel.... „Ich will Ihnen was sagen, meine Herren: die Heilquelle ist ja ganz schön, aber erstens ist es doch noch sehr die Frage, ob aus ihr wirklich etwas zu machen ist. Solche Säuerlinge gibt es zu Tausenden im Lande – die meisten sind nicht viel wert. Und zweitens wird Ihnen die Geschichte unendlich viel Scherereien und Schwierigkeiten machen, – ach du lieber Gott, Sie haben ja gar keine Ahnung, was es heißt, solch ein weitausschauendes Unternehmen ins Leben zu rufen! Ob es sich überhaupt lohnen wird?“ Der Kommerzienrat zog die Schultern hoch. „Ich glaub’s eigentlich nicht. Nein, ich glaub’s nicht! Wir haben kleine Badeorte, die nicht leben und sterben können. Geschäfte werden da kaum zu machen sein – an eine Dividende ist vorläufig gar nicht zu denken.... Na – man muß abwarten! Jedenfalls überlegen Sie sich den Verkaufsgedanken noch einmal. Wenn ich die Graue Lehne im Besitz hätte – ich glaube – ich glaube, ich würde die Quelle ruhigweiter fließen lassen. Das Risiko ist zu groß – zu groß ...“

Die drei Brüder hatten Schellheim mit keinem Wort unterbrochen. Aber von einem zum andern flog ein rascher Blick des Einverständnisses herüber, der zu sagen schien: nicht angst machen lassen, immer ruhig bleiben! Und nun antwortete Albert in respektvollem Tone:

„Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, aber wir verkaufen die Graue Lehne bestimmt nicht. Und wenn Sie uns hunderttausend Mark auf den Tisch legen wollten, wir tun es nicht. Der Vater denkt gerade so. Und wenn Ihnen eine Beteiligung an der Ausbeutung der Quelle zu unsicher dünkt, dann müssen wir eben weiter gehen, so leid uns das tun würde. Die Frankfurter Produktenbank hat sich schon bereit erklärt –“

Schellheim fuhr auf. Solcher Unsinn! Man solle sich nur ja die Bankinstitute fern halten. Es gebe genug kapitalkräftige Leute.

„Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen, meine Herren,“ schloß er. „Senden Sie mir die Analyse und das sonstige Material über die Quelle zu. Wenn Sie noch zu Herrn von Hellstern gehen wollen – es soll mir recht sein. Solche Leute braucht man.... Also auf Wiedersehen!“

Das war das Zeichen zum Aufbruch. Der Kommerzienrat reichte wieder jedem der drei die Hand und führte sie selbst nach dem Parkausgang. Dabei plauderte er ununterbrochen, berührte aber die Quellenfrage mit keinem Wort mehr. Er sprach über die Ernte, das Wetter, die Getreidepreise, über alles mögliche. Und während die drei Brüder die breite Fahrstraße einschlugen, die vom Auberge nach der Chaussee führte, blieb er noch eine geraume Weile am eisernen Parkportal stehen und schaute den Möllers nach. Der rötliche Bronzeton von Fritzens altväterischem Zylinderhut leuchtete fröhlich im Sonnenschein.

„Geriebene Gesellschaft,“ murmelte der Kommerzienrat halblaut vor sich hin. Dann kehrte er auf die Terrasse zurück.

„Nun, Papa?“ rief ihm Hagen entgegen. „Abgemacht?“

„I bewahre,“ entgegnete Schellheim, und der Sohn spürte am Tone, daß etwas wie eine leichte Gereiztheit herausklang. „Hellstern hat recht: mit den Leuten ist schwer verhandeln. Ich mache auch nicht mit – ich werde mich hüten. Es ist nichts mit der Quelle – nichts! ...“ Er griff nach einer neuen Zigarre. „Wann geht euer Zug, Hagen? Um neun, nicht wahr?“

„Ja, um neun, Papa.“

„Schön, da könnt ihr mich noch gegen sechs auf die Felder begleiten. Ich will eine Umfahrt halten. Das ist so Sitte am ersten Erntetage – ich habe mich erkundigt. Und bei dieser Gelegenheit wollen wir einmal an der Grauen Lehne aussteigen. Man kann sich das – das Dings wenigstens mal ansehen.“

Der kluge Hagen lächelte. Er wußte ganz genau, daß sich der Vater die Beteiligung an dem Quellenunternehmen nicht entgehen lassen würde.


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