„O Hedda!“ rief er, „warum konnten wir uns nicht schon vor fünf Jahren finden? Du hättest mich retten können, und alles wäre anders geworden!“
Ja – vor fünf Jahren! Er konnte recht haben. Wenn sie über ihn gewacht hätte, vielleicht wären dann alle die guten Keime, die in ihm schlummerten, zu Blumen erblüht und das Unkraut verdorrt. Vielleicht! –
Sie hob ihn auf.
„Es hat nicht sollen sein,“ sagte sie. „Was hilft uns die Reue? Wir hätten stark sein müssen – heut ist es zu spät. Und doch, ich segne auch diese Stunde. Daß wir uns immer noch lieb haben, weist uns die Wege. Nicht sterben wollen wir, sondern am Leben bleiben und uns einander wert halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich mir, daß du die Pistole liegen lassen willst. Versprich mir, daß du ein neues Dasein beginnen willst! Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein Herrenbewußtsein unterdrückst, wenn du dich ‚erniedrigst‘.Tu es; greife zur Arbeit, wo du sie findest; es schändet dich nicht, wenn deine Hände blutrünstig werden in harter Fron. Wandre aus und schaff dir anderwärts Stellung! Ich will unablässig an dich denken und beten für dich. Werde ein Mann!“
Gerade dies: „Werde ein Mann!“ klang tief in das Herz des Schwächlings – nicht wie eine harte Mahnung, sondern wie ein willkommener, erlösender Ostergruß. Er nickte zuversichtlich und mit fast frohem Lächeln.
„Ich danke dir, Hedda,“ erwiderte er. „Du verjüngst mich. Ja – ich fühle es: es sprießt Neues und Gutes in mir! Mein Wort darauf: der törichte Selbstmordgedanke ist vergessen. Ich wandre aus, um Arbeit zu lernen. Ich hab’ es eilig, denn du sollst bald von mir hören. Ich rufe dich oder hole dich selbst!“
„Ich warte auf dich,“ sagte sie mit leuchtenden Augen.
„So lebe wohl!“
Er preßte noch einmal ihre Hände an seine Lippen.
„Lebe wohl und behüte dich Gott!“
Er saß schon zu Pferde und sprengte davon, ohne sich umzuschauen. Sie aber blieb aufrecht stehen, bis sie im Gründunkel des Waldes seine Gestalt verschwinden sah. Und dann sank sie in die Kniee und sprach laut mit ihrem Gott, denn nur er konnte sie hier hören und seine Schöpfung – der schluchzende See und die Bäume am Ufer.
Es war in der dritten Nachmittagstunde, als ein kleines Gefährt, ein offener Korbwagen, in den Schloßhof von Döbbernitz rasselte. Bertold Möller hatte selbst das Pferd gelenkt, sprang jetzt zur Erde und rief der erstaunt aus der Häckselkammer tretenden Jule zu: „Ist der Herr Baron zu sprechen?“
„Ja, er ist oben,“ entgegnete Jule und wies hinauf nach den Fenstern.
Bertold kannte hier Weg und Steg. Er gehörte seit Jahren zu den Geldvermittlern Zernins, aber er wie sein Schwiegervater, der Getreidehändler Ring, hatte sein Schäfchen längst ins Trockene gebracht.
Er fand Klaus vor einem großen Koffer knieend.
„Teufel – wo kommen Sie denn her, Möller?“ rief Zernin und stand auf.
„Von der Subhastation,“ erzählte Bertold, „direkt vom Termin. Wissen Sie, wer Döbbernitz gekauft hat, Herr Baron? Und wissen Sie für wieviel? Und wissen Sie, daß so etwas noch gar nicht dagewesen ist! Und wissen Sie –“
„Donnerwetter, so reden Sie doch vernünftig!“ fiel Klaus grob ein.
Bertold erstattete Bericht. Herr Legationssekretär von Hellstjern war Besitzer von Döbbernitz geworden, Neffe des Alten vom Baronshof, ein schwer reicher Herr, ein Millionär. Bertold wußte das ganz genau. Und 460000 Mark kostete ihn das Vergnügen. 422000 Mark betrug der Hypothekenstand von Döbbernitz; verblieb für Herrn von Zernin noch ein Reingewinn von 38000 Mark. Auch darüber wußte der brave Bertold genau Bescheid.
„Ich wollte der erste sein, der Ihnen dies meldete, Herr Baron,“ fuhr er fort. „Aus reiner Freundschaft. Ich wollte Sie vorbereiten. Ich weiß ja, es sind noch immer eine Masse Gläubiger da, die bloß darauf lauern, daß Sie wieder einmal zu Gelde kommen –“
Er schwieg, denn ihn erschreckte der Ausdruck im Gesicht des vor ihm Stehenden.
Klaus war blaß geworden und sein Auge starr. Es schwirrte durch sein Hirn, es bohrte sich nadelspitz in seine Schläfen ein, es klopfte und hämmertein seinen Ohren. Er antwortete nicht, sondern trat an das Fenster und starrte hinaus. 38000 Mark! Die Summe flimmerte, mit großen Ziffern geschrieben, vor ihm in der sonnenhellen Luft.... Wenn er sie erhob und mit ihr nach Monte Carlo reiste, dort sein Glück zu versuchen ...
Mit rascher Bewegung fuhr er herum.
„Haben Sie Geld im Hause, Möller?“ fragte er.
Bertold begriff ohne weiteres, um was es sich handelte. Er war ja nur hergekommen, um noch letzter Stunde ein paar hundert Taler an Zernin zu verdienen.
„Im Hause nicht – aber in Frankfurt – auf der Bank,“ erwiderte er.
„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Möller,“ fuhr Klaus fort, dessen Augen voll Erwartung und Hoffnung einen fiebrigen Glanz anzunehmen begannen. „Wir fahren zusammen nach Frankfurt. Dort zediere ich Ihnen notariell meine Forderung an Herrn von Hellstjern – der Mann ist Ihnen doch sicher?“
„Bombensicher,“ sagte Bertold.
„Sie zahlen mir 36000 Mark bar aus und behalten den Rest.“
„Einverstanden, Herr Baron, aber –“ Bertold holte sein dickleibiges Notizbuch hervor, feuchtete seine Fingerspitzen an und begann zu blättern. „Ich habe da nämlich noch einen kleinen Wechsel in die Hände bekommen – Silbermann in Kölpin hatte ihn einmal meinem Schwiegervater in Zahlung gegeben – es handelt sich nur um acht- oder neunhundert Mark –“
„So ziehen Sie die auch ab, zum Donnerwetter!“ rief Klaus ungeduldig. Herrgott, was hatte der Mensch ihn schon betrogen!
Bertold steckte ruhig sein unförmiges Taschenbuch wieder ein.
„Da steh’ ich also zur Verfügung, Herr Baron,“ sagte er. „Um fünf Uhr geht der Zug – einBummelzug freilich, aber wir haben ja nichts zu versäumen; Rechtsanwalt Sarnow empfängt uns auch außerhalb seiner Sprechstunden. Dann können Sie noch um elf Uhr nach Berlin weiter – das heißt, wenn Sie überhaupt nach Berlin wollen. Paßt Ihnen mein Wagen? Der Koffer da geht bequem hinauf – wir binden ihn hinten fest – er hat Platz. Das Pferd stell’ ich auf die paar Stunden bei Petersen ein – Sie wissen ja, dem Restaurateur in –“
„Ja, ja!“ rief Klaus. Das Geschwätz Bertolds machte ihn nervös. Er pfropfte noch rasch einen Anzug in den Koffer hinein, wechselte in fliegender Hast seine Toilette und rief aus dem Fenster nach Jule.
„Allons,“ sagte er, „den Koffer auf den Wagen des Herrn Möller! Ich verreise für einige Zeit. Du wirst ja hören, wann ich zurückkomme –“
Die Kleine starrte ihn mit großen Augen erschreckt an. Aber sie entgegnete kein Wort. Sie war an willenloses Gehorchen gewöhnt.
Der Wagen ratterte über das Hofpflaster und fuhr staubaufwirbelnd den Berghang hinab.
Jule war in der Prallsonne stehen geblieben. Aus dem Stalle wurde ein leises Wiehern vernehmbar. Der Rappe wollte sein Futter haben. Er und die Jule, die Zurückbleibenden, waren die letzten lebendigen Wesen im Döbbernitzer Schlosse.
Hinten im Parke, ganz umbuscht vom Grün stark wuchernder Schneeballen, stand ein einfacher Tempelbau, eine Art Mausoleum. Unter den Sandsteinplatten im Innern ruhten die Särge der Eltern Zernins. Auch hier tiefer und schweigender Friede, kein Laut des Lebens.
Nur ein gelber Schmetterling flatterte, hin und her huschend, über das körnige Grau des Sandsteins.
Der Sommer ging zur Rüste. Die Nächte wurden kalt, es herbstelte stark.
Oberlemmingen konnte mit seiner ersten Saison zufrieden sein. Die Reklame hatte gewirkt. Allerdings waren in ärztlichen Kreisen auch einige Stimmen laut geworden, die dem Gutachten des Professors Statius und seiner Leute widersprachen, die die Analyse für inkorrekt und die unter Posaunenschall der Welt verkündete Heilkraft der Bismarckquelle für ziemlich unbedeutend erklärten. Man habe in unglaublichster Weise übertrieben, so äußerten sich jene Stimmen; man habe aus einer Mücke einen Elefanten gemacht. Das Wässerchen habe seine Vorzüge – gewiß, aber es sei mit den Kissinger Quellen gar nicht zu vergleichen; und in einer medizinischen Monatsschrift fiel sogar der unparlamentarische Ausdruck „Mumpitz“.
Darauf schien Kommerzienrat Schellheim nur gewartet zu haben. Sofort wurde der Schlachtplan für den Reklamefeldzug während des Winters entworfen. Wieder flatterten viele Tausende von Broschüren über die Lande. Flugblätter verkündeten auch der Laienwelt die Entgegnung des Professors Statius. Die großen Zeitungen wurden mit Inseraten überschüttet und lobten dafür im redaktionellen Teil das märkische Bad; Postkarten mit Ansichten von Oberlemmingen kamen in den Handel; Schellheim ließ eine „Bismarckquellen-Polka“ komponieren und auf den Musikmarkt bringen, und eine Novelle: „Die Großbäuerin von Oberlemmingen“, wurde sämtlichen Kreisblättern zum freien Abdruck zur Verfügung gestellt. Das war eine rührsame Dorfgeschichte, die den Verfasser der ersten Broschüre zum Autor hatte, und in der natürlich auch die Quelle eine Rolle spielte. Sosollte den ganzen Winter hindurch das Tamtam gerührt werden.
Der Kommerzienrat entfaltete eine angestrengte Tätigkeit. Anfänglich hatte er die Sache mit dem neuen Bade gewissermaßen nur als Unterhaltung, als Abwechslung in die Hand genommen. Aber sein Interesse wuchs, je mehr Kapitalien er dem Unternehmen opferte. Albert Möller und er betrachteten sich immer noch mit heimlichem Mißtrauen. Jeder von ihnen hatte das Empfinden, als warte der andre nur auf den geeigneten Augenblick, ihn übers Ohr zu hauen. Sie gingen Hand in Hand und waren doch Todfeinde. Und dabei wußten beide, daß sie ohne einander gar nicht auskommen konnten. Sie waren wie Sklaven zusammengekettet oder wie die zänkischen Weiber, die man im Mittelalter mit Hals und Händen in die „Geige“ spannte.
Übrigens sehnte sich Schellheim gerade in dieser Zeit mehr als je nach zerstreuender Arbeit. Hagen machte ihm schwere Sorgen. Dieser tolle Junge hatte rund heraus erklärt, er sei bereit, von der Leitung der Firma zurückzutreten und sich auf sein Pflichtteil setzen zu lassen, aber von seiner Liebe zu der kleinen, blonden Stepperin könne man ihn nicht abbringen. Er werde sie unbedingt heiraten. Der Rat fuhr nach Berlin, Hagen selbst ins Gebet zu nehmen. Doch der blieb fest; alle Gründe, die sein Vater gegen diese unsinnige Heirat ins Gefecht führte, fruchteten nichts. Zähneknirschend entschloß sich Schellheim zu brutaleren Mitteln. Er suchte die Eltern der Anna Zell auf. Der Alte war Straßenbahnschaffner, seine Frau übernahm Aufwartungen, Anna war das fünfte von sieben Kindern. Der Rat seufzte auf, als er die zahlreiche Familie sah, die er mit in den Kauf nehmen sollte. War es denn denkbar!? Dieser Hagen, sein ganzer Stolz, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann, sondern auch durchaus Gentleman mit seiner Vorliebe fürTheaterpremieren, elegante Krawatten und kleine Soupers – gerade der wollte ihm die Schande bereiten, tief unter seinem Stande zu heiraten! Schellheim fand übrigens, daß die alten Zells ganz vernünftige Leute seien. Sie wußten auf der Stelle, wohinaus er wollte, aber sie hatten ihrer Anna nichts mehr zu befehlen, denn diese war mündig und selbständig. Hagen hatte sie bereits aus dem Elternhause wie aus der Fabrik genommen und in einer Pension in der Potsdamerstraße untergebracht. Auch an sie wandte sich der Rat. Das schüchterne kleine Persönchen war gut instruiert worden. Sie stürzte Schellheim sofort zu Füßen, küßte seine Hände, weinte, bat und flehte und fiel schließlich in Ohnmacht. Voller Erregung reiste Schellheim wieder ab.
Gunther war als Gast auf dem Auberge. Er hatte soeben seine Manöverübung beendet und kehrte sonnengebräunt, frisch und gesund aussehend, zu den Eltern zurück. Seine große Arbeit war bereits im Druck; im Oktober sollte sie erscheinen.
Da er seit drei Vierteljahren nicht in Oberlemmingen gewesen war, so interessierten ihn die Veränderungen im Ort naturgemäß sehr. Sehr entrüstet war der Kommerzienrat über die anscheinende Gleichgültigkeit, mit der Gunther die Heiratspläne seines Bruders aufnahm.
„Ich muß dir gestehen, Vater,“ sagte er zu Schellheim, als die Rede auf Hagen und seine blonde Liebe kam, „daß ich das Hagen eigentlich gar nicht zugetraut hätte. Im Grunde genommen freut es mich, daß er sein Herz sprechen läßt – ah, rege dich nicht auf, Papa, ich sage ja nur im Grunde genommen. Du kennst mich. Ich würde auch nur aus Neigung heiraten; allerdings muß ich hinzufügen, daß sichmeineHeiratsneigungen sicher nach andern gesellschaftlichen Richtungen hin bewegen als diejenigen Hagens. Doch das ist lediglich eine Folge angeborenen Geschmacks, um mich gelehrtauszudrücken, das Produkt einer gewissen soziologischen Ästhetik. Ich würde wohl nie dazu kommen, mich in eine Anna Zell zu verlieben, und daher auch nie auf den Gedanken verfallen, besagte Anna heiraten zu wollen, die ich hier natürlich nicht als Person, sondern nur als Typus aufstelle.“
„Schön,“ meinte der Rat, „das bistdu– aber was mache ich nun mit dem Hagen? Muß er denn zum Donnerwetter vom Fleck weg heiraten? Kann es nicht bei der Liebelei bleiben, bis sie so sachte versandet und verblutet ist? Man braucht nicht gleich an chinesischen Kastengeist und an die Mandarinenknöpfe zu denken und kann doch der Ansicht sein, daß man im Leben über bestimmte gesellschaftliche Unterschiede nicht recht fortkommt!“
Gunther nickte. „Richtig, Papa,“ antwortete er, „so hat leider auch der Baron von Hellstern gedacht –“
Aber der Rat fiel ihm ärgerlich ins Wort:
„Ach was – das waren ganz andere Verhältnisse! Ich bitte dich, wie kannst du das nur vergleichen?“
„Die Ähnlichkeit liegt auf der Hand. Aber streiten wir nicht darüber. Wenn Hagen fest bleibt, wirst du dich fügen müssen. Denn ich nehme nicht an, daß du wegen der Mesalliance – man hört dies Wort übrigens gar nicht mehr, was ich als Beweis dafür auffassen möchte, daß wir doch langsam einer freieren und edleren Beurteilung des Wesens der Liebe entgegenschreiten –, also, ich nehme nicht an, daß du Hagen wegen seiner Herzensaffäre verstoßen und enterben wirst. Abgesehen davon, daß er dies wahrhaftig nicht verdienen würde – wer soll das Geschäft weiterführen?“
„Das ist es ja eben, Gunther! Hagen ist mir unentbehrlich. Er ist eine kaufmännische Kraft ersten Ranges, eine wahre Rechenmaschine – und dann seine glückliche Hand! Aber trotzdem – Straßenbahnschaffner – es ist gräßlich!“
Ein leichtes, etwas bitteres Lächeln flog um Gunthers Lippen: „Denke mal: wenn Hellstern sich damals ähnlich ausgedrückt hätte! – ‚Hemdenfritze – es ist gräßlich!‘ Pardon, Papa, – wer viel über Büchern sitzt, der kommt zuweilen auf merkwürdige Gedanken. Aber bleiben wir beim Thema! Geschäftlich könnte Hagens Heirat euch doch nicht schädigen?“
„Gott bewahre – das Geschäft hat gar nichts damit zu tun.“
„Nun, dann würde ich dir raten: laß dir die Geschichte nicht allzu sorgenvoll durch den Kopf gehen! Warte ab; vielleicht besinnt sich Hagen doch noch eines andern. Jedenfalls opponiere nicht allzu heftig; du stärkst nur den Widerstand.“
Schellheim stand auf. „Ich verstehe nur nicht, daß dich die ganze Sache so gleichgültig läßt,“ sagte er. „Es handelt sich doch um deinen Bruder!“
Auch Gunther erhob sich. „Gleichgültig ist zu viel gesagt, Papa. Meinem innersten Empfinden nach hätte ich miraucheine andre Partie für Hagen gewünscht. Aber ich würde niemals versuchen, seinem Glück in den Weg zu treten – selbst wenn ich fürchten müßte, es handle sich nur um ein eingebildetes Glück.... Jetzt will ich den Pastor besuchen ...“
Er traf Eycken nicht zu Hause, doch sagte man ihm, daß der Pastor „auf dem Bauplatze“ sei. Das war die Lichtung in der Tannenschonung, wo das Kinderasyl im Entstehen war.
Der Herbsttag war nicht allzu freundlich. Ein kräftiger Wind wehte von den Bergen herab, so daß die Bäume sich neigten und ihr buntes Laub abschüttelten. Der Wind griff es auf und drehte es zu Wirbeln zusammen, quirlte es in langen Schraubenwindungen hoch in die Luft und ließ es hier zerflattern, so daß es abermals wie ein farbiger Regen herabfiel, um dann wiederum zum Spiel des Sturmes zu werden. Aber dieser lustigeWind hatte auch sein Gutes; er hatte die Regenpfützen vom Tag vorher aufgesogen und die Nässe des Bodens getrocknet. Es marschierte sich gut trotz des rauhen Atmens der Natur.
Gunther schritt rasch durch das Dorf, mit lebhaften Augen umherspähend. Die letzten Sommergäste waren noch nicht abgezogen. Ein paar Damen begegneten ihm, ein älterer Herr im Rollstuhl, den ein Diener vor sich her schob, ein junges Mädchen, zwei Kinder an der Hand, und auch der „Badekommissar“. Er war von Schellheim provisorisch angestellt worden, ein Major a. D. mit schönem, graublondem Schnurrbart und verbindlichem Wesen. Der Kommissar grüßte Gunther, obwohl er ihn nicht kannte, er hielt sich für verpflichtet, jeden Fremden zu grüßen, den er traf. Im Hause Braumüllers hatte Bertold Möller schon Einzug gehalten; aber vor den glänzenden Spiegelscheiben der Schaufenster lagen noch die Rouleaux. Vom Kurpark herüber trieb der Wind das Laub in ungeheuren Massen und häufte es in den Chausseegräben auf. Ein paar Arbeiter waren dabei, den Lawn-Tennis-Platz zu säubern, andre errichteten auf der Südseite des Platzes hinter den Ahornbäumen ein langgestrecktes, niederes Gebäude, das zu Verkaufsbuden verpachtet werden sollte.
Die flatternde Fahne mit dem Johanniterkreuz wies Gunther den Weg. Das Kinderhospital war bis zum zweiten Stockwerk gediehen; man hoffte, mit Dachung und Ausbau noch vor Beginn der Frosttage fertig zu werden. Eycken besuchte täglich den Bauplatz. Er ging auf in diesem Liebeswerk, und Herz und Seele schienen in ihm wieder jung werden zu wollen. Selbstverständlich überschritten die Kosten schon jetzt den Anschlag, aber Eycken machte das wenig Kummer. Er wollte nicht sparen – für wen auch? So stieg dieser Palast der armen Kleinen schön und stattlich in die Höhe, mit breiten Fensterfluchten und luftigen Sälen undZimmern, gewissermaßen ein Stein gewordener Protest gegen die spekulativen Zukunftsideen, die weiter unten im Tale den neuen Kurort Oberlemmingen ins Leben gerufen hatten.
Gunther sah neben Eycken Hedda stehen. Einen Augenblick stockte sein Fuß; er war im Begriff, umzukehren. Aber schon im nächsten Moment schalt er sich einen Toren. Weshalb flüchten? Mußte er nicht im Gegenteil dem Zufall dankbar sein, der ihn hier mit ihr zusammenführte?
Der Pastor hatte ihn schon gesehen.
„I, ist das nicht –“ und dann zog er seinen breitkrempigen Demokratenhut und winkte mit beiden Händen grüßend zu Gunther hinüber.
Auch Hedda nickte ihm zu, ohne Verlegenheit und Verschüchterung, mit freundlichem Lächeln, und bot ihm die Hand, als er näher trat; er selbst aber errötete und kam sich sehr linkisch vor. Selbst die Verbeugung, die er machte, erschien ihm lächerlich.
Die Unterhaltung wechselte rasch. Von den neu entdeckten Faustgeschichten Gunthers ging man zu dem Kinderasyl über, für das Hedda ein ebenso warmes Interesse bekundete wie der Pastor. Sie war wieder täglicher Gast im Pfarrhause und begleitete ihn auf den Bauplatz, sobald sie sich einmal von ihrem Vater frei machen konnte, der immer grämlicher und mürrischer wurde. Er schimpfte nun auch auf Eycken; der Pastor wollte für seine Gründung elektrisches Licht haben, und die Badedirektion schloß sich an. Die Sache war nicht so gefährlich, da man in unmittelbarer Nähe bei den Grunower Mühlen starke Wasserkräfte zur Verfügung hatte. Aber Hellstern brachte gerade diesem hellen und grellen Lichte einen förmlichen Haß entgegen. Er klagte darüber, daß er sein liebes Dorf nie wieder im sanften Lullen der sinkenden Dämmerung sehen würde; selbst bis in seinen Park hinein würden die weißen Lichtstrahlen fallen. Man„vergraulte“ und „verekelte“ ihm geflissentlich den Baronshof. Er schwor Hedda zu, daß er sein Zimmer überhaupt nicht mehr verlassen würde, murrte und räsonierte stundenlang, um das arme Mädchen dann plötzlich wieder an seine Brust zu reißen und durch einen stürmischen Kuß zu versöhnen.
Eycken führte Gunther durch seinen neuen Bau. Es war wirklich nicht gespart worden. Die ganze Anlage zeugte von Zweckmäßigkeit und Gediegenheit; Luft und Licht war die Parole gewesen. Dem Hauptbau sollten sich die notwendigen Nebengebäude anschließen, dann die Ausgestaltung des Gartens mitten in der würzigen und kräftigenden Luft des Tannenwaldes in Angriff genommen werden. Der Pfarrer erläuterte Gunther alles das mit seiner lebhaften, von der Begeisterung für das Gute getragenen Beredsamkeit. Die klaren Augen in dem schönen Greisenantlitz leuchteten dabei wie in heiligem apostolischem Feuer, und Eycken war auch ein Apostel – der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit.
Als man gemeinsam nach dem Dorfe zurückkehrte, lenkte Gunther das Gespräch auf Döbbernitz. Mit Absicht; die erstaunliche Tatsache, daß der schwedische Hellstjern den Zerninschen Besitz gekauft, hatte ihn mit neuer Unruhe erfüllt. Denn noch hatte er nicht alle seine Hoffnungen begraben. Seine Liebe zu Hedda und die bewundernde Anbetung, die er ihr entgegenbrachte, war die alte geblieben; er fand sie schöner als je und sah auf ihrem stolzen Mädchengesicht einen Ausdruck von Vergeistigung und träumerischem Sinnen, der ihm früher nicht aufgefallen war und sie zu verklären schien.
Hedda erzählte in ruhigem Ton das Neueste über Döbbernitz. Klaus von Zernin war verschwunden; irgend jemand wollte ihn in Monte Carlo gesehen haben. Auf Döbbernitz aber regtensich seit Wochen viele hundert fleißige Hände. Baron Hellstjern hatte sich selbst merkwürdigerweise noch gar nicht gezeigt; an seiner Statt schaltete mit unbeschränkter Vollmacht ein Administrator, den Heddas Vater Axel empfohlen hatte. Es war der ehemalige Oberinspektor des alten Zernin, ein Mann, der die Verhältnisse auf Döbbernitz auf das genaueste kannte, voll Zuverlässigkeit und rüstigem Fleiß, eine erstklassige Kraft. Und eine solche brauchte man. Es war keine Kleinigkeit, dies verwüstete Land wieder ertragsfähig zu gestalten. Man mußte sozusagen von vorn anfangen, denn auch vom Inventar war nichts zurückgeblieben; lebendes und totes, bis auf die letzte Kuh und den letzten, schon verrosteten Pflug war verkauft oder gepfändet und verauktioniert worden.
Und während das Land von neuem beackert wurde und aus den tiefen Furchen, die den Boden zerrissen, ein frischer Odem von Lebensfähigkeit aufstieg, wie ein Ahnen kommenden Keimens, trafen im Schloßhofe große Möbelwagen ein, um zunächst dem Mittelbau wieder eine behagliche Wohnlichkeit zu geben. Auch diese Einrichtung überließ Hellstjern fremden Händen; er hatte an den Ohm auf dem Baronshof geschrieben, er habe zurzeit zu viel zu tun, um sich um all diese Dinge kümmern zu können. Die Wahrheit war, daß er sich zu einer ernstlichen Kur entschlossen hatte; der abscheuliche Husten, der seine ganze Konstitution zu erschüttern drohte, mußte einmal fortgeschafft werden.
Gunther hörte mit reger Aufmerksamkeit der Erzählenden zu. Er meinte, er sei recht froh, daß Baron Hellstjern seinem Vater zuvorgekommen sei. Seit der Vater die Leitung der Fabriken abgegeben habe, sei er von fieberhafter Unruhe gepackt, überall wolle er sich beteiligen. Und dann sprach Gunther ganz harmlos von den Heiratsplänen Hagens, die dem Vater so viel Ärger bereiteten. Er tat dies mit Absicht, trotz der anscheinenden Harmlosigkeit;er wollte Hedda auf diesen neuen plebejischen Einbruch in seine Familie vorbereiten, war auch begierig, was sie dazu sagen würde.
Aber sie enthielt sich des Urteils und bemerkte nur, daß sie die Aufregung und die Abwehr des Kommerzienrats begreifen könne, denn zweifellos sei die beabsichtigte Heirat Hagens ein „Tiefersteigen“. Eycken war nicht dieser Ansicht, suchte wenigstens den gesellschaftlichen Abfall des grimmen Hagen zu beschönigen und zu entschuldigen; in der Liebe zum andern Geschlecht gäbe es keine Dummheiten, oder aber diese ganze Liebe sei Dummheit. Im übrigen steige Hagen seiner Meinung nach keineswegs „hinab“, sondern zöge höchstens sein Mädchen „herauf“.
Vor dem Parktore des Baronshofes trennte man sich. Hedda bat um den Besuch Gunthers und dieser sagte mit tiefer Verneigung zu.
Der Baron saß wie gewöhnlich bei seiner Familiengeschichte. Er steckte mitten im achtzehnten Jahrhundert; das Lateinische und Schwedische war dem Französischen gewichen. Aber auch bei diesem verschnörkelten alten Französisch fehlten ihm häufig Vokabeln und sinnverwandte Ausdrücke, und dann mußte er die Lexika durchstöbern. War Hedda zugegen, so ging das alles viel schneller.
Hellstern war im letzten Jahre noch dicker geworden. Die Ischias hatte etwas nachgelassen, aber ein Asthma kündigte sich an. Der Baron verzichtete jetzt auf jede Bewegung; nur mit Mühe schleppten Hedda und August ihn dann und wann auf ein Viertelstündchen in den Park. Er hatte sich vollständig in seinen Ärger über die modernen Veränderungen in Oberlemmingen verbissen. Eine Art fixer Idee spielte dabei mit. Er war überzeugt davon, daß man ihn von Haus und Hof vertreiben wolle. Die Möllers bauten rechts seitwärts vom Parkausgange eine Brauerei und hatten eine Parzelle des Dorfangers vom Fiskus erstanden. Daswurmte Hellstern furchtbar. Nun hatte er wirklich Qualm, Dampf und Rauch, Geräusch und Gestank direkt vor der Nase.
„Gunther Schellheim ist wieder hier, Papa,“ sagte Hedda beim Eintreten; „er läßt dich grüßen.“
„Ist mir ’ne hohe Ehre,“ erwiderte der Alte giftig. „Hat er vielleicht seinen Antrag wiederholt?“
„Nein,“ sagte Hedda und band ihren Hut ab; „warum bist du so schlechter Laune?“
„Das würdest du auch sein, wenn du dich so ärgern müßtest wie ich. In diesen Akten kommen Ausdrücke vor, für die es in keinem Lexikon der Welt Erklärungen gibt.“
„Ich werde dir helfen,“ entgegnete Hedda geduldig und nahm auf dem aus den vierzehn Folianten der Merianschen Topographie gebildeten Sitze Platz.
Aber der Alte wollte noch plaudern. „Wie sieht der Herr Gunther aus?“ fragte er.
„Gut – männlicher als sonst. Er kommt eben aus dem Manöver. Es ist merkwürdig, was wir für einseitige Menschen sind! Ich bin überzeugt, in seiner hübschen Husarenuniform würde er mir sehr gefallen. Schwarz und silberne Verschnürung, mit dem großen Totenkopf auf der Bärenmütze.“
„Ich weiß,“ erwiderte Hellstern nickend; „ein gutes Regiment. Nun, dieser Gunther ist ja doch auch immerhin ein anständiger Mann ... Da ist ein Brief von Axel gekommen, der dich interessieren wird.“
Er reichte Hedda das Schriftstück, und sie begann zu lesen:
„Liebster Onkel – liebste Cousine!„Zunächst Verzeihung, daß ich französisch schreibe – es geht mir immer noch rascher von der Hand wie Eure Muttersprache, und ich habe Euch eine ganze Menge zu erzählen. Wie Ihr aus dem Poststempel erseht, bin ich nicht in Berlin, sondern inGehringen. Das liegt in der Schweiz, ein Stündchen von Basel, und ist eine Heilanstalt, die mir ein befreundeter Arzt empfohlen hat. Ich wollte nämlich einmal meinem Husten zu Leibe gehen. Nun kuriert man hier unten freilich nicht auf gewöhnliche Weise, mittels allerhand Mixturen aus Flaschen und Schachteln und Töpfen, sondern durch Sonnenbäder, Elektrizität, Massage, kaltes und heißes Wasser, Fichtennadeln und Gott weiß was noch – aber die Tatsache steht fest: es geht mir bedeutend besser, so daß ich mich mit der Hoffnung trage, Euch in üppiger Gesundheit wieder begrüßen zu können.„Und das soll bald geschehen. Mein Abschied ist mir in Gnaden bewilligt – sogar mit einem Orden, der sehr schön aussieht und an einem Bande mit drei Farben hängt. Da will ich mich denn nun im Spätherbst in Eurer Nähe, nämlich in Döbbernitz, festsetzen. Rieske, der Verwalter, den Du, lieber Ohm, mir empfohlen hast, scheint sich ausgezeichnet zu machen. Er schickt mir wöchentlich zwei ausführliche Berichte, die mich über alles informieren und trotzdem knapp gehalten sind. Das gefällt mir. Ich finde auch, daß er sparsam wirtschaftet. Die Anschaffung des Inventars und die Instandsetzung der ganzen Geschichte verlangen natürlich Opfer, aber ich bringe sie gern. Schon weil ich nun wieder ein Heimatplätzchen bekomme. Ich kann Euch nur sagen, daß ich mir immer wieder von neuem Glück zu meiner Idee wünsche. Es war der vernünftigste Streich meines Lebens, der Ankauf von Döbbernitz.„Sehr, sehr gern würde ich es sehen, wenn Hedda sich einmal die Schloßeinrichtung ansehen wollte. Eine Masse hübscher Möbel habe ich unterwegs kaufen können, auch hier in der Umgegend, auf alten Bauerngehöften und in den Kleinstädten noch mancherlei Nettes und Interessantes gefunden. Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Unddann weiß ich nicht, wie die Berliner Dekorateure die Sache arrangiert haben. Ich werde wohl alles wieder ‚umkrempeln‘ – sagt Ihr nicht immer ‚umkrempeln‘? –, wenn ich erst in Döbbernitz bin. Hedda, dabei mußt Du mir aber zur Hand gehen! Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar Zimmer werden so wie so für Euch beide eingerichtet, denn ich hoffe, Ihr werdet öfters, nein recht oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die moosgrün bezogenen Möbel sind speziell für Dein Zimmer bestimmt, Hedda. Ich fand die Formen so hübsch, edel und schön in den Proportionen, nicht so spielerisch und gesucht originell, wie der moderne englische Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank und das große Himmelbett stammen aus dem Palazzo Formosa in Bologna.„Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt schon darauf, mit Dir zusammen im Schlosse von Döbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen zu können. Wir gehn zimmerweise vor, und für jedes Zimmer lasse ich dich extra vom Baronshofe holen, damit das Vergnügen länger dauert. Und dann freue ich mich auch auf unsre Spaziergänge im Walde, unten am See, wo die Eichen stehen und der große Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja: bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch noch einmal jung werden, denn es weht Heimatluft bei Euch, und die war’s, die mir fehlte. Ich bin ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch nie passiert.„Ende Oktober denke ich zurück zu sein. Fröhlichen und herzlichen Gruß Dir, Onkel, und Dir, liebe Base, vonEuerm getreuenNeffen und Vetter Axel.“
„Liebster Onkel – liebste Cousine!
„Zunächst Verzeihung, daß ich französisch schreibe – es geht mir immer noch rascher von der Hand wie Eure Muttersprache, und ich habe Euch eine ganze Menge zu erzählen. Wie Ihr aus dem Poststempel erseht, bin ich nicht in Berlin, sondern inGehringen. Das liegt in der Schweiz, ein Stündchen von Basel, und ist eine Heilanstalt, die mir ein befreundeter Arzt empfohlen hat. Ich wollte nämlich einmal meinem Husten zu Leibe gehen. Nun kuriert man hier unten freilich nicht auf gewöhnliche Weise, mittels allerhand Mixturen aus Flaschen und Schachteln und Töpfen, sondern durch Sonnenbäder, Elektrizität, Massage, kaltes und heißes Wasser, Fichtennadeln und Gott weiß was noch – aber die Tatsache steht fest: es geht mir bedeutend besser, so daß ich mich mit der Hoffnung trage, Euch in üppiger Gesundheit wieder begrüßen zu können.
„Und das soll bald geschehen. Mein Abschied ist mir in Gnaden bewilligt – sogar mit einem Orden, der sehr schön aussieht und an einem Bande mit drei Farben hängt. Da will ich mich denn nun im Spätherbst in Eurer Nähe, nämlich in Döbbernitz, festsetzen. Rieske, der Verwalter, den Du, lieber Ohm, mir empfohlen hast, scheint sich ausgezeichnet zu machen. Er schickt mir wöchentlich zwei ausführliche Berichte, die mich über alles informieren und trotzdem knapp gehalten sind. Das gefällt mir. Ich finde auch, daß er sparsam wirtschaftet. Die Anschaffung des Inventars und die Instandsetzung der ganzen Geschichte verlangen natürlich Opfer, aber ich bringe sie gern. Schon weil ich nun wieder ein Heimatplätzchen bekomme. Ich kann Euch nur sagen, daß ich mir immer wieder von neuem Glück zu meiner Idee wünsche. Es war der vernünftigste Streich meines Lebens, der Ankauf von Döbbernitz.
„Sehr, sehr gern würde ich es sehen, wenn Hedda sich einmal die Schloßeinrichtung ansehen wollte. Eine Masse hübscher Möbel habe ich unterwegs kaufen können, auch hier in der Umgegend, auf alten Bauerngehöften und in den Kleinstädten noch mancherlei Nettes und Interessantes gefunden. Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Unddann weiß ich nicht, wie die Berliner Dekorateure die Sache arrangiert haben. Ich werde wohl alles wieder ‚umkrempeln‘ – sagt Ihr nicht immer ‚umkrempeln‘? –, wenn ich erst in Döbbernitz bin. Hedda, dabei mußt Du mir aber zur Hand gehen! Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar Zimmer werden so wie so für Euch beide eingerichtet, denn ich hoffe, Ihr werdet öfters, nein recht oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die moosgrün bezogenen Möbel sind speziell für Dein Zimmer bestimmt, Hedda. Ich fand die Formen so hübsch, edel und schön in den Proportionen, nicht so spielerisch und gesucht originell, wie der moderne englische Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank und das große Himmelbett stammen aus dem Palazzo Formosa in Bologna.
„Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt schon darauf, mit Dir zusammen im Schlosse von Döbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen zu können. Wir gehn zimmerweise vor, und für jedes Zimmer lasse ich dich extra vom Baronshofe holen, damit das Vergnügen länger dauert. Und dann freue ich mich auch auf unsre Spaziergänge im Walde, unten am See, wo die Eichen stehen und der große Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja: bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch noch einmal jung werden, denn es weht Heimatluft bei Euch, und die war’s, die mir fehlte. Ich bin ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch nie passiert.
„Ende Oktober denke ich zurück zu sein. Fröhlichen und herzlichen Gruß Dir, Onkel, und Dir, liebe Base, von
Euerm getreuen
Neffen und Vetter Axel.“
Bedächtig steckte Hedda den Brief wieder in das Couvert.
„Er klingt wirklich sehnsüchtig, der Brief,“ sagteHellstern mit Betonung. „Weißt du, Hedda, ich mache mir so meine Gedanken.“
Sie hatte sich tief über das Lexikon gebeugt, das auf ihren Knieen lag, und in dem sie mechanisch blätterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte, daß sie auffällig blaß war.
An diesem Tage gedachte Fritz Möller, sich mit der Dörthe endgültig auszusprechen. Es mußte einmal geschehen. Die Eltern drängten, Albert und Bertold nicht minder. Grödecke aus Frankfurt hatte eines Tages seinen Freund Albert Möller in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine Tochter Frida mit, ein großes, starkes, sehr brünettes Mädchen mit energischen Zügen. Fritz sollte sich mit ihr „anvettern“, und das geschah denn auch. Er fand sie nicht so übel, obwohl ihr stechender Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre Erscheinung ihm einen ausgewachsenen Pantoffel prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten gesprochen, doch Frida wußte bereits Bescheid. Sie ließ sich das ganze Haus zeigen, vom Dach bis hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in Besitz. Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlächterei, die den Badeort, das Kinderhospiz und die Güter in der Umgegend versorgen sollte, war zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern sein Gehöft verkauft – Thielemann, dessen Besitz den Möllers am bequemsten lag. Dorthin sollte das Schlachthaus kommen.
Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz hatte Dörthe gebeten, sich mit ihm an der Quelle zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen. Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen können und war pünktlich zur Stelle, in ihrem Arbeitskleide, aber ein neues dreieckiges Tuch um die Schultern geschlagen, mit bloßem Kopfe.
Fritz war noch nicht da. Dörthe wanderte in den schweigenden Anlagen auf und ab. Das falbeLaub rauschte unter ihren Füßen. Ein letztes Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb, ein erlöschendes Licht.
Das Mädchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil – ein Zug heiterer Zufriedenheit lag auf dem hübschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte es sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht sollte sie schon vor Weihnachten sein. Wie schlug der Dörthe das Herz!
Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an der Quelle gesetzt. Das Wasser sprudelte nicht, aber man hörte sein Rauschen unterhalb der Einfassung, ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen. Die Rosen in den Bosketts waren abgeblüht, der wilde Wein, der sich um die Eisenträger der Wandelhalle schlang, schimmerte feuerrot. Überallhin hatte der Herbst seine Farbenflecke gestreut.
Als Dörthe ihren Bräutigam kommen sah, sprang sie auf, lief ihm entgegen und fiel ihm in die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu küssen, und schritt mit ihr den Weg hinab. „Komm unter die Buchen,“ sagte er, „die Liese spürt mir wieder mal nach.“
Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden Leids. „Gott, Fritz, was gibt’s denn?“ fragte sie.
Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im Buchenhain waren, den die Badedirektion mit dem Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, während er rasch, als wolle er es von der Seele haben, und mit kurzen Unterbrechungen sprach.
„Also, Dörthe, es geht nicht mit unsrer Heirat. Die ganze Familie ist dagegen – ich habe mich mit allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen wollte; aber überwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht und auch nicht mit den Brüdern. Es steht zu viel auf dem Spiel – gerade jetzt ... Du mußt mir nicht böse sein, Dörthe – ich habe es immer gut gemeint und dich lieb gehabt – und wir hätten jaauch so gut zusammengepaßt – aber – du hättest bloß einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte: nein, ich wollte fest bleiben, denn ich hätte dir die Hochzeit versprochen. Mit beiden Fäusten ist er da auf mich losgefahren und mit Augen wie Teller so groß – Dörthe, an mir liegt es ja nicht – es liegt nicht an mir ...“
Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch zu Herzen, dieses Abschiednehmen. Aber er war noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben, sich gänzlich zu entlasten, und fing immer wieder von vorn an, von der Gegnerschaft der Eltern und den wütenden Augen des Vaters und dem ewigen Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er sei abhängig von dem Alten sowohl wie auch von Albert, der jetzt das große Wort in der Familie führe, und alles Bitten und Jammern habe ihm nichts genützt. Und dann kamen wieder die wütenden Augen des Vaters an die Reihe – „wie Teller so groß“.
Dörthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war wie vom Schlage getroffen. Aus ihrem Gesicht war alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie an seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung von den gegen sie und ihr Glück gerichteten heimlichen Treibereien, und in der Engigkeit ihres dummen, kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal gemerkt, wie man sie mit kluger Politik in letzter Zeit vom Gasthause fernzuhalten suchte. Anfänglich fand sie nicht einmal Tränen unter der Wucht des auf sie herabsausenden Unglücks. Sie war so starr, daß ihre Augen trocken blieben und ihre Lippen schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und die Verlegenheit des Augenblicks zu überwinden, weiter und weiter sprach, immer mit den gleichen Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da schäumte ganz plötzlich die Wut über den ihr zugefügten Betrug und über die Treulosigkeit und Schwäche des Geliebten in ihr auf; sie riß sich von ihm los und schrie:
„Nu sei doch man still! Ich hör’ ja schon! Ich weiß ja schon alles! Pfui, bist du gemein! Du hast’s gar nicht ernst gemeint! Du hast bloß drauf gewartet, daß –“
Und dann brachen die Tränen hervor, in Strömen und unaufhaltsam. Sie warf sich auf die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte und wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr hinabbeugte, um sie mit einigen schlecht angebrachten Trostworten aufzuheben, schlug sie nach ihm und schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrühren, er sei ein elender Lump, er möge heiraten, wen er wolle, oder wen seine Eltern für ihn aussuchten – er ließe sich ja doch nur am Gängelbande führen wie ein kleines Kind.... Sie gebärdete sich wie unsinnig und blieb auf der feuchten Erde liegen, während ihr Körper konvulsivisch zuckte.
Fritz wußte nicht, was er machen sollte. Am liebsten wäre er davongelaufen – nach Hause, zu Vater und Mutter und Albert; die hätten vielleicht Rat schaffen können. Er hatte seine Mütze auf das rechte Ohr geschoben, kraute sich den blonden Wirrkopf und blickte hilflos umher. Es war allgemach dunkel geworden. Am Himmel flammten schon die Sterne auf. Ein Käuzchen schrie in der Nähe.
„Dörthe,“ sagte Fritz endlich in beklommenem Tone, „Dörthchen – hör doch man zu – ich bin ja nicht so ... ich würde ja gern, wenn’s bloß auf mich ankäme –“
Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verändert. Der Schmerz verzerrte es und grub seine Linien in das niedliche Oval; die Augen blitzten.
„Ist’s wahr, Fritz – bist du mir immer noch gut?“
„O Gott!“ erwiderte er und versuchte, sie zu umfassen.
Aber sie entglitt ihm.
„So wirst du noch einmal mit den Alten und mit Albert sprechen,“ fuhr sie energisch fort, und doch klapperten dabei ihre Zähne in fröstelnder Angst. „Verstehst du? Sagst ihnen, daß du nicht mehr zurückkönntest, daß du kein Lump sein wolltest, daß du darauf beständest, dein Wort zu halten, und wenn’s auch zu wer weiß was käme! Wirst du das tun? Fritz, bist du denn nicht ein Mann?!“
Die Verzweiflung beflügelte ihre Worte. Sie stieß mit ihren beiden Händen nach seinen Schultern, als wollte sie auf seine Kraft und Stärke pochen, drängte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie eine Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein.
„Bist du nicht ein Mann?!“ schrie sie abermals. „Und fürchtest dich vor Vatern und vor seinen großen Augen! Und vor Albert, den du mit einer Hand aufheben kannst! – Was ist denn, wenn du ihnen nicht gehorchst? Bist du nicht ausgewachsen und mündig? Aber du zitterst ja schon, wenn Vater nur spricht – du Feigling, du Bangebüchse!“
Sie begann wieder zu schimpfen und dann von neuem zu weinen. Ihre Energie war verraucht. Aber die Verächtlichkeit, mit der sie ihn behandelte, entzündete doch seinen Stolz. O – eine „Bangebüchse“ war er nicht! Um des lieben Friedens willen hatte er nachgegeben, aber noch war nicht aller Tage Abend. Schön also – er würde nochmals mit dem Alten sprechen, „ganz verflucht“ würde er mit dem Alten sprechen. Was konnten sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und mündig?
Und als er sah und spürte, wie Dörthe an allen Gliedern zitterte, nahm er sie mit raschem Entschlusse auf seine Arme und trug sie so durch den Wald zurück, damit sie sich an seiner Brust erwärme, wie ein kleines Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist, und das ein barmherziger Junge unter die Weste geknöpft hat, um es mit nach Hause zunehmen. Und wirklich – ihr wurde auch warm. Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und sie hörte sein Herz hämmern. Ein Wonneschauer durchrieselte sie, und frisches Hoffen ließ sie selig lächeln. Das war die letzte Stunde Glücks der Dörthe, da er sie heimtrug durch den Wald, über den die Finsternis immer tiefer hinabsank.
Am nächsten Vormittag gab es eine entsetzliche Szene bei den Möllers. Vater und Sohn waren handgemein geworden. Und da hatte die alte Möllern die Flinte aus der Ecke gerissen und sie, den Kolben gegen den Leib gedrückt, auf Fritz angelegt. Albert war dazwischengesprungen.
Das Ende war, daß Fritz sich kraftlos ergab. Er saß mit blassem Gesicht, das Haar in die Stirn hängend, am Tisch und schrieb den Brief, den Albert ihm diktierte:
„Liebe Dörthe!Es geht nicht mit uns. Das erkläre ich Dir hiermit zum letztenmal, und damit Du auch weißt, warum nicht, will ich es Dir sagen: nämlich wegen der Quelle. Die Quelle stellt höhere Anforderungen an mich, liebe Dörthe, denen ich nachkommen muß. Willst Du noch mehr darüber wissen, so wende Dich an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles auseinandersetzen wird, liebe Dörthe. Jetzt wollen wir uns beide geduldig unserm Schicksal fügen und uns möglichst wenig zu sehen kriegen. Das ist das beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht mehr böse sein, liebe Dörthe, denn Du wirst sicher einen andern guten und lieben Mann bekommen, den Dir von Herzen wünschtDein Fritz.“
„Liebe Dörthe!
Es geht nicht mit uns. Das erkläre ich Dir hiermit zum letztenmal, und damit Du auch weißt, warum nicht, will ich es Dir sagen: nämlich wegen der Quelle. Die Quelle stellt höhere Anforderungen an mich, liebe Dörthe, denen ich nachkommen muß. Willst Du noch mehr darüber wissen, so wende Dich an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles auseinandersetzen wird, liebe Dörthe. Jetzt wollen wir uns beide geduldig unserm Schicksal fügen und uns möglichst wenig zu sehen kriegen. Das ist das beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht mehr böse sein, liebe Dörthe, denn Du wirst sicher einen andern guten und lieben Mann bekommen, den Dir von Herzen wünscht
Dein Fritz.“
Die verschiedenfachen „liebe Dörthe“ hatte der Schreiber aus eigner Machtvollkommenheit eingefügt. Gern hätte er am Schlusse gesagt: „Dein Dich immer noch lieb habender Fritz“ –; aber Albert schaute ihm auf die Finger, auf denen dieungewohnte Federarbeit schwarze Tintenstreifen hinterließ.
Ein Junge brachte den Brief zu Klempt. Man wußte, daß Dörthe allabendlich ihren Vater besuchte, und wollte auf dem Baronshof keinen Skandal erregen.
Das Mädchen war noch nicht da, als der Brief abgegeben wurde. Tante Pauline nahm ihn in Empfang und betrachtete ihn mißtrauisch. Dann holte sie ihr Punktierbuch aus der Truhe und setzte sich damit an das Fenster, durch das der letzte Schein des Abendrots fiel. Sie war doch neugierig, was das zu bedeuten hatte: ein Brief gerade am Neumond.
Klempt legte soeben in der Werkstatt sein Arbeitszeug beiseite, reinigte den Hobel, mit dem er hantiert hatte, und fegte dann die Späne zusammen. Er war im Begriff, seine Schürze abzubinden, als es an die Fensterscheiben klopfte und die fröhliche Stimme Dörthes ihm zurief:
„Feierabend machen, Vater!“
Im nächsten Augenblick hörte er den Widerhall ihrer Pantoffeln auf den Steinen des Hausflurs und dann eine Tür schlagen. Dörthe ging in die Wohnstube.
Doch was war das? Der Alte lauschte. Schrie da nicht jemand?
Er stürzte hinüber. Nur der schmale Flurgang trennte die Werkstatt von der Wohnstube, in der Tante Pauline bereits die Lampe angezündet hatte.
Dörthe saß am Tisch und hielt den Kopf mit den Armen umschlungen. Schweigend deutete Tante Pauline auf den erbrochenen Brief; ein bitteres Lächeln zuckte um ihre scharfen Lippen.
„Lies mal,“ sagte sie; „vor fünfundvierzig Jahren – da hat mich der alte Möller grad’ so sitzen lassen.“
Das ganze Herz voll schluchzenden Grams, gebrochen und zerschmettert, trat Klempt unter die Haustür. Er konnte den Schmerz der Tochter nicht sehen, tausend Wunden bluteten in ihm.
Lind und fast sommerlich verrann dieser Herbsttag. Golddurchflimmerte Dämmergewebe umspannen das Dorf, und noch leuchtete der Himmel im Westen in duftigem Rosa. Von den Wiesen stiegen ganz feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag schon völlig im Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer.
„Wegen der Quelle!“
Und in seinem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, ballte Klempt die Hände und erhob sie drohend und schüttelte sie nach der Richtung des weißen Nebelsees, in dem der Kurpark versank: „Verfluchte Quelle!“
Ende Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis, das viel besprochen wurde und Aufsehen erregte. Braumüller, der sich das Trinken angewöhnt, seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines Nachts wieder einmal in vollem Rausche nach Hause getorkelt, hatte den Weg verfehlt und war in eine Kalkgrube gestürzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde, und die man am Abend vorher unglücklicherweise vergessen hatte mit Brettern zu bedecken, wie es sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der Unglückliche am nächsten Morgen aus der Grube gezogen; vielleicht hatte ihn auch schon beim Sturze ein Schlagfluß getroffen.
Für Hellstern war der arme Braumüller ein „neues Opfer der Kulturmission von Oberlemmingen“. Braumüllers Untergang war seiner Ansicht nach die logische Folge der industriellen Hetzjagd, die von Schellheim und den Möllers in Szene gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglichherauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und arbeitsamer Bauer gewesen; aber dann erfaßte ihn die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit der Trunksucht anheimzufallen.
Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung und Verbissenheit einseitig und ungerecht. Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die bei ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, daß das unerwartet rasche Emporschnellen der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger Rückwirkung auf die Bauern war. Man ernährte sich recht und schlecht auf seinem kleinen Besitz; man legte in guten Jahren ein paar Taler zurück und verbrauchte sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war dabei fröhlichen Muts. Und nun sah man plötzlich, daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als das, was man erlernt, was der Sohn vom Vater und der Vater vom Großvater übernommen hatte. Die Möllers machten es den andern vor. Die hatten den Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute geworden, und sie wurden reich dabei. Warum sollte man ihnen nicht folgen? War es nicht ein kümmerliches Leben, das man bis dahin geführt hatte? – Thielemann, der Krämer, hatte für sein Gehöft ein hübsches Stück Geld eingesackt; nun war er nach Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung. Das warauchein leichterer Verdienst, und vor allem: hatte man nicht dabei ein viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man mit Sonnenaufgang aus den Federn mußte und des Abends todmüde ins Bett sank?
Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen Töchter, die sich der revolutionären Bewegung in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen. Sie steckten sich hinter die Männer und redeten in sie hinein: warum verkaufte man nicht? Die Möllers zahlten gute Preise – mit dem gewonnenenGelde ließ sich schon etwas anfangen! ... In der Tat kauften die Möllers auf, was sich ihnen anbot. Sie hatten es um so eiliger, als einige der reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen zu befassen begannen. Auch sie wollten Logierhäuser bauen: sie legten den Pflug beiseite und wurden „Unternehmer“. Das füllte besser die Kassen. Aber die Möllers ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung wollte Albert nach und nach das ganze Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des Kommerzienrats zu schwächen. Wenn den Möllers das Terrain rings um die Quelle gehörte, wenn sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten, von allen Seiten umschlossen und mit einem Villenkranze umgaben, dann mußten sie trotz der Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger bleiben. Und das war die heimliche Sehnsucht Alberts: den Kommerzienrat zu übertrumpfen und bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine des Unternehmens in die Hände der Familie zu bringen. Das war ein schwieriger Kampf, aber Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein Kredit war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft; selbst die größeren Banken verhielten sich Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend wie früher. Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; er kaufte, was zu kaufen möglich war, und baute unverdrossen darauf los. In seiner geschäftigen Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs eine prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine Bauern mehr gab, sondern nur noch „Gäste“, die das Tal überströmten und Gold in Massen zurückließen. Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, den Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte das Sanatorium kommen, und er spekulierte auch nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der Parkeinfahrt war der Anfang; man wollte Hellsterndas Leben schwer machen, man kannte seine Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der Spektakel der Maschinen sollten ihn forttreiben.
Um all diese Ideen und Machenschaften der Möllers kümmerte sich der Kommerzienrat wenig. Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine Logierhäuser bauen und sie an die Badegäste vermieten. Aber die Brauerei hätte er gern in die Hand genommen; er ärgerte sich, daß Albert ihm zuvorgekommen war. Er hatte viel Verdruß in dieser letzten Zeit. Eines Tages traf Hagen auf dem Auberge ein – unerbeten und unerwartet – und brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter vorstellen.
Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen natürlichen Takt, und das erleichterte ein wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie war auch lernbegierig und anpassungsfähig; man hatte ihr im Pensionat schon beigebracht, sich zu benehmen und die Sitten der sogenannten guten Gesellschaft zu respektieren. Nur merkte man ihr noch allzusehr an, daß sie sich mit einer beständigen inneren Angst abmühte, korrekt zu sein und sich nichts zu vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig zu den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte nach bester Etikette mit Messer und Gabel und ließ die Serviette zusammengefaltet neben sich liegen. Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, und wenn sie angeredet wurde, zuckte sie empor und rückte auf ihrem Stuhle hin und her, als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte nie, wo sie ihre Hände lassen sollte. Aber das waren Kleinigkeiten. Im allgemeinen war der Eindruck, den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen Tagen mehrfache Unterredungen mit ihrem Gatten, der während der Konferenzen stets aufgeregt im Zimmer umhermarschierte.
„Es ist nichts zu machen,“ sagte die Rätin sanft; „Hagen bleibt fest. Und vielleicht ist es wirklich sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?“
„Trotzdem ist es schrecklich,“ antwortete Schellheim grollend. „Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner wäre! Ausgesucht Straßenbahnschaffner!“ ...
Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein eigner Großahn noch mit dem Packen auf dem Rücken die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich einen Straßenbahnschaffner als Schwiegervater haben. Der Mann mußte aus Berlin fortgeschafft werden; es war angebracht, wenn man möglichst wenig mit ihm in Berührung kam. Er sollte mit seiner Familie nach Manchester übersiedeln. Das war ein guter Gedanke. Dort konnte man ihm in der Fabrik eine auskömmliche Stellung geben; er hatte da auch einen bequemeren Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ...
Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er hatte seine Dozentenstelle aufgegeben, um sich in größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu können. Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen glänzenden Sieg errungen. In der wissenschaftlichen Welt war sein Name nunmehr bekannt, sein Ruf gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres Selbstvertrauen. Er war nicht mehr nur der Sohn eines reichen Mannes; der Ruhm zog vor ihm her. Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?
Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof war wieder aufgenommen worden, aber er blieb in höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim verstanden sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. Sie sprachen wie in fremden Zungen miteinander. Aber Gunther hatte es einzurichten gewußt, daß er öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte er ihr auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber und beglückwünschte ihn. Das klang herzlich,aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr auf, und seine Sehnsucht, dies stolze Mädchen zu erringen, war die alte geblieben. Und immer noch ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen dessen alten Namen er nur seinen jungen Ruhm in die Wagschale legen konnte.
An einem der letzten Oktobertage war Axel auf Döbbernitz eingetroffen. Irgend eine Botenfrau hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein. Ein eleganter Parkwagen, prächtig bespannt, hielt eines Vormittags vor der Veranda. Elastisch und sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und rief nach dem Onkel und Hedda. Hedda kam auch, aber den Alten bannte wieder die Ischias an den Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute sich über das Wohlbefinden des Neffen. Noch war ja nicht alles in Ordnung, denn bei der leisesten Erkältung stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder ein – aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, ob er Hedda mit nach Döbbernitz nehmen könne. Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse gewesen, doch in Tagen, an denen noch eine chaotische Unordnung in allen Zimmern geherrscht hatte. Nun aber sollte sie bewundern und staunen; Axel selbst wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und „in bester Emballage abliefern, wie ein kostbares Püppchen ausvieux Saxe“.
Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre lächerlich gewesen, wenn er sich um Hedda hätte sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja – wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz gewesen wäre! Nicht um alle Schätze der Welt würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine Stunde anvertraut haben!
So fuhr man denn wieder einmal durch den Wald. Ach, dieser Wald, wie kannte er HeddasSeele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm hatte sie sich anvertraut in Freude und Leid und Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren Jubel hatte sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel getragen. Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte sie seine Stimme: sein kosendes Flüstern und lindes Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, wenn der Wind durch die Wipfel tanzte. Und wie lieb war er ihr! In der knospenden Frühlingspracht, bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem lichtgrünen Brautschmuck, den jeder Baum, jeder Strauch anlegte, und selbst der Moosgrund mit seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und Krokus; im glühenden Prangen des Sommers, wenn das dichte Laubwerk den Sonnenstrahlen wehrte und unter den Buchen und Eichen ein köstliches Dämmerlicht herrschte – im Winter, beim Flimmern der Eiskristalle und der Weihnachtsstimmung in der weiten, schweigenden Runde, und endlich zur Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten Kleide und bald melancholisch, wenn die Nebel ihn umschlichen und die Regenschauer ihn durchpeitschten. Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...
Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück – da sah man Döbbernitz liegen! Vom Schloßturm herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische und die schwedische – „dir zu Ehren, Hedda,“ sagte Axel und nahm den Hut ab.
Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete kaum darauf. Es beschwerte etwas ihr Herz – sie wußte selbst nicht so recht, was es war. Vielleicht der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß sie an ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen sah. Die Leute sagten, er säße noch immer in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren für sie ...
Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof.Diener sprangen herzu; unter dem Portal erschien ein älterer Mann in einfachem Livreerock: der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier wieder Ordnung und Reichtum herrschten.
Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie dankte. Nun begann der Rundgang durch das Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über dreißig Zimmer und Säle. Und Hedda erstaunte und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen Mitteln ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem ein gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack die Führung übernommen. Er sprach aus jedem Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda unfaßlich, daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen, lediglich auf dem Wege des Briefwechsels hatte nach seiner Wahl schaffen und entstehen lassen können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz leicht war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte seinen Sekretär, einen kundigen und tüchtigen Menschen, bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm hatte er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen und Musterbücher, Photographieen und Proben durchgesehen und nach diesen seine Bestellungen gemacht. Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls nach Döbbernitz geschafft war, außerdem gar vieles, das in den letzten Jahren hie und da zusammengekauft und inzwischen auf Speichern untergebracht worden war.... „Ich habe sonst keinerlei Passionen,“ sagte Axel, „wirklich gar keine, aber meine Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel, Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben. Meine Freunde behaupten immer, ich hätte den ‚kunstgewerblichen Pips‘ – das sei eine ausgesprochene Modekrankheit. Ich glaube eher, daß diese Vorliebe auf mein einsames Leben in den letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir eine ernsthaftere Beschäftigung nahelegte, und da warf ichmich denn so ein bißchen auf die Kunst. Übrigens siehst du, daß noch überall Lücken sind. Und das paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert nämlich dann und wann sogar eine gewisse Überlegung ... Sage mal, Hedda“ – und Axel blieb stehen –, „fällt dir denn gar nichts an mir auf? Ich meine, an meiner Sprache?“
Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte sie lebhaft, unter herzlichem Lachen.
„Ach ja – das ei! Du sprichst das ei jetzt ganz menschlich aus! Wer hat dich das gelehrt?!“
„Auch mein Sekretär – das ist ein kundiger Thebaner. Er hat mir jeden Morgen eine halbe Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer merktest! ... Siehst du, das ist der große Saal! Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der Eindruck ist immerhin schon ein ganz hübscher – nicht wahr?“
Und wieder begann Axel zu erklären. Die hochlehnigen Chorstühle waren florentinische Arbeit; er hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in Venedig abgekauft, weil er sie so schön fand, und zweifellos paßten sie mit ihren massiven und doch auch schlank und edel wirkenden Formen ausgezeichnet in den großen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen bestanden aus geschorenem rotem Burgundersamt mit Bordüren aus gelbem Seidendamast. An einer Wand sah Hedda einen riesigen, zweitürigen Aufsatzschrank, auf dem ein paar köstlich gearbeitete Zunfthumpen aus Zinn standen. Überall auf Stühlen und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration verwandt werden sollten, Brokate und Samtdecken, alte Kaseln, Stücke von Meßgewändern mit geometrisch geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit herrlichen Musterungen übereinandergeschichtet worden, daneben häufte sich ein Wirrwarr alter Seidenfransen,Silberspitzen und schwerer Quasten auf. So sah es in den meisten Zimmern aus; die ganzen Sammlungen Axels waren hierher geschafft worden und sollten Verwendung finden.
Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es machte ihm sichtlich Spaß, Hedda seine Schätze zu zeigen; er wußte auch gut Bescheid, erinnerte sich genau, wo er dies und jenes Stück erworben hatte, erzählte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr aufgeräumt.
Schließlich ermüdete Hedda ein wenig vom Sehen und Umherwandern.
„Du sollst dich ausruhen,“ sagte Axel, „aber in deinen Zimmern. Ich schrieb es dir ja; ich habe für dich und den Onkel ein paar Räume einrichten lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse, und ich bin froh, daß ich meinen alten Plunder unterbringen konnte.“
Er führte sie in den nach dem Parke hinausführenden Flügel. Dort lagen die vier Gemächer seiner „Ehrengäste“, wie er sich ausdrückte: ein Empiresalon mit anstoßendem Schlafkabinett für Hedda, und ein Wohn- und Schlafzimmer für den Onkel.
Hedda war überrascht, als sie den Salon betrat. Die wunderschöne alte Empiregarnitur, die hier aufgestellt worden war – die Sessel aus Palisander mit reichen Intarsien und ihrem grünlichen Damastbezug, der Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen und seinem zwischen Alabastersäulen hineingebauten Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die Vitrinen und schön gestickten Paravents – all dies entzückte sie nicht so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr entgegenschlug, und der Blumenflor, der sich vor ihr auftat. Überall standen in Vasen und Gläsern frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur Herbstzeit diese Blütenfülle herbeigeschafft hatte. Aus einem hohen Kelchglas mit gedrehtem Schaft quollen voll aufgeblühte Gloires de Dijon: in einer großen Kristallschale badeten sich blaßrosa Röschen;aus einer Vase von Meißener Porzellan blühte es flammend rot empor, aus einer andern burgunderfarbig und wie Atlas schimmernd, und wieder aus einer ganz weiß, gleich frisch gefallenem Schnee. Es war zauberhaft.
Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Ihr Auge strahlte.
„O wie schön – wie schön!“ sagte sie flüsternd.
Er lächelte glücklich.
„Es macht mich stolz, daß ich dir eine Freude bereiten konnte,“ antwortete er. „Das Zimmer kam mir noch so kahl vor – so unbewohnt –, und ich weiß, du liebst die Rosen ...“
Rührung überkam sie. Diese zarte und sinnige Aufmerksamkeit stimmte sie weich. Sie streckte ihm beide Hände entgegen.
„Lieber Axel“ – und nochmals wiederholte sie: „Lieber Axel!“
Vielleicht war es der zärtliche Ton ihrer Stimme, vielleicht der weiche Ausdruck ihres Auges, der ihm Mut gab. Er lag plötzlich zu ihren Füßen und bedeckte ihre Hände mit Küssen.
„Hedda,“ stammelte er, „sei meine Herrin! In der Hoffnung auf dich erwarb ich diesen Besitz. Schau dich um – alles sei dein! Es sind nur irdische Güter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben. Es sollte meine Heimat werden, doch ich fühle es, ich habe keine ohne dich. Woran lag es, daß ich so einsam war? Nun weiß ich es: weil mein Herz liebeleer war! Ich habe mein halbes Leben hinter mir und – o Gott, wie war es öde und frostig! Ja, Hedda – jetzt bin ich erst meines Lebens froh geworden und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit verjagt, und erst deine Liebe wird mir die Heimat schaffen!“
Sie war sehr blaß geworden und zitterte. Er sah es, sprang auf, umschlang sie und führte sie an den nächsten Sessel.
„Ich war stürmisch,“ fuhr er fort, „vergib mir! Ich wollte noch warten und langsam um dich werben, mir Schritt für Schritt deine Liebe zu gewinnen suchen, aber – es kam so plötzlich über mich, als du mich ‚lieber Axel‘ nanntest! Und es ist auch ganz gut – ich hatte Furcht vor dieser Stunde –, ja, ich gestehe es – nun hab’ ich es hinter mir.“ ... Er setzte sich zu ihren Füßen.... „Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst prüfen und überlegen –, ich will keine Antwort von heute zu morgen.... Ich kann ja auch nicht verlangen, daß du mich so liebst wie ich dich – aber vielleicht lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden, wenn du mir nur Hoffnung gibst.... Und passen wir denn nicht auch zu einander, Hedda? Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen? Lockt dich nicht auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen Besitz wieder zu Frucht und Blüte zu bringen?“
Er sprach noch weiter. Es mußte alles von seinem Herzen, was er an Hoffnungen und frohen Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah, wie dieser Glücksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm entfachten, seine guten und treuen Augen erstrahlen ließ, wie es gleich Frühlingssonnenschein über sein hübsches und vornehmes, schmales Gesicht flutete. Der Duft der Rosen betäubte sie. Sie atmete schwer.
„Ich danke dir, Axel, daß du mir Bedenkzeit gibst,“ antwortete sie. „Ich bedarf ihrer; es kam mir alles zu unerwartet.... Und – und – die Rosen duften so stark ...“
Sie erhob sich schwankend. Er stützte sie und riß dann ein Fenster auf. Unten dehnte der weite Park sich aus, im Schmucke des Spätherbstes – eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel, noch grüne Rasenflächen, schillernde Teppichbeete, rotes Weinlaub. Darüber hinweg sah man auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellungwar in vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe herüber erscholl der Lärm der Arbeit.
O ja – das alles lockte!