Siebentes Kapitel

Die Kirchglocken läuteten noch immer. Der Schneefall hatte nachgelassen, und in der reinen, sonnendurchströmten Winterluft tönte der Klang der Glocken fast durch das ganze Tal.

Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal wieder das Gotteshaus zu besuchen. Er war, obwohl ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und Grübeln freie Frömmigkeit eigen, niemals ein eifriger Kirchgänger gewesen, und in letzter Zeit hatte er sich seiner Ischias wegen so wie so kaum vom Platze rühren können.

Heute aber fühlte er sich wohler. Der alte Klempt hatte ihm vor einigen Tagen eine Einreibung gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept ihrer Großmutter zurechtgebraut, das sie zufällig zwischen allerhand alten Sachen beim Aufräumenihrer Truhe gefunden hatte. Es waren Ingredienzien dabei, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt, wie zum Beispiel „Bleygötte, ein halb Pfund fein gepulvert“, und „ein Viertelpfund geschälte Alantwurzel“, aber Tante Pauline wußte schon Bescheid, und sie entsann sich auch, daß ihr Großvater, der schon völlig gelähmt gewesen war, kraft dieses Mittels wieder hatte gehen lernen. Und da hatte sie gemeint, es könne nicht schaden, wenn der Herr Baron es auch einmal probiere, und hatte sich an die Arbeit gemacht. Schwer war nur eins zu beschaffen gewesen, nämlich das Weiße eines Eis von einer schwarzen Henne. Die Langheinrichen besaß allerdings ein schwarzes Huhn, aber das legte derzeitig nicht. Glücklicherweise hieß es in dem Rezept: „oder wenn du dies nicht hast, nimm statt dessen Bofist und menge ihn mit ein klein wenig halb verbrannter Brotrinde in einem viertel Quart starkem Branntwein; doch muß der Branntwein vierundzwanzig Stunden vorher an einem warmen Ort gestanden haben, in einer Flasche, die du mit einer Blase zubinden mußt, in welche du eine Stecknadel steckst.“ Das hatte Tante Pauline denn auch getan.

Der Freiherr hatte Klempt sehr schön gedankt, und als August des Abends mit der Einreibung kam, hatte er den braven Diener hinauswerfen wollen. Er verbäte sich, ihm mit dem „Geschmurgel“ an den Leib zu kommen. Indessen ein paar Tage später, als die Schmerzen gerade sehr heftig waren, hatte Hellstern von selbst von der Klemptschen Einreibung angefangen. „Hol mal den Jux her,“ sagte er zu August; „hilft’s nichts, ist’s noch so!“ Und freudestrahlend lief August davon, um die kostbare Mixtur zu holen. Er rieb den Alten so kräftig ein, daß Hellstern gewaltig schimpfte, fluchte und wetterte, was für August aber eine wahre Wohltat zu sein schien, denn sein Gesicht wurde währenddessen immer freundlicher. Und dann packte er denBaron in das Bett, wickelte ihn gehörig ein und legte zwei Wärmflaschen in die Kissen, denn Klempt hatte betont, daß der gnädige Herr nach der Einreibung gehörig schwitzen müsse.

Und merkwürdig genug – als Hellstern am andern Morgen aufstand, fühlte er sich erheblich wohler. Vielleicht hatte nur die kräftige Massage Augusts gewirkt, vielleicht auch die Schwitzkur – Tatsache war, daß der Baron sich freier und ohne starke Schmerzen bewegen konnte. Das machte ihn ganz glücklich. Dörthe mußte zu ihm kommen; die Einreibung von Vatern sei zwar nicht viel wert, aber für den guten Willen wolle er der Dörthe einen Taler schenken, und zwar einen mit der Inschrift: „Segen des Mansfelder Bergbaus“. Dörthe war so gerührt, daß sie erst dem Alten die Hand küßte und dann zu Hedda lief, ihr die Geschichte zu erzählen und ihr gleichfalls die Hand zu küssen. Schließlich erfuhr auch August von der Sache, und sie betrübte ihn; wenn der Alte einen Taler verschenke, meinte er, so werde er sicher nicht mehr lange leben. –

Hellstern schritt am Arme Heddas zur Kirche. Es hatte bereits zum dritten Mal geläutet, und von allen Seiten strömten die Leute herbei, grüßten den Baron mit einer gewissen freundlichen Unterwürfigkeit, blieben wohl auch, Front machend, vor ihm stehen und verbeugten sich ungeschickt. Vor der Kirchhofstür hielt der Schlitten des Kommerzienrats. Die Herrschaften waren bereits ausgestiegen und sprachen mit einem hochgewachsenen Herrn in schwarzbraunem Ulster und Zylinderhut.

Hellsterns Fuß stockte plötzlich. „Was Teufel,“ sagte er halblaut, „ist das nicht Klaus?!“

Er schaute zu Hedda auf, schien aber nicht zu bemerken, daß sie erblaßt war.

„Ja,“ erwiderte sie nickend, „es ist Klaus.“

Der Alte unterdrückte einen Fluch.

„Skandalös, daß der sich überhaupt noch sehenläßt!“ murrte er. „Wir grüßen, Hedda, doch ohne ihn anzusprechen!“

Und sie gingen vorüber. Aber der Vorsatz des Alten war unausführbar. Kaum hatte Schellheim ihn gesehen, so schoß er auf ihn zu.

„Mein Kompliment, lieber Baron! Freu’ mich von Herzen, Sie so rüstig zu sehen.... Denken Sie, ich wußte ja gar nicht, daß Sie mit Herrn von Zernin verwandt sind –“

„Doch – ja, mein verehrter Herr Rat –“

„Über einen Scheffel Erbsen, pflegt man bei uns zu sagen, wenn man eine weitläufige Verwandtschaft bezeichnen will,“ warf der Herr im Zylinderhut lachend ein. Dann bot er Hellstern die Hand. „Tag, Onkel! Was macht die Chronika derer von Hellstern?“ Und schon stand er vor Hedda. „Tag, gnädigste Cousine – seit Ewigkeiten nicht gesehen! Freilich, ich sitze wie ein Maulwurf in meinem Bau und schleiche mich höchstens einmal nachtsüber auf den Anstand, wenn du längst in seligem Schlummer liegst. Wie geht’s?“

„Ich danke dir, gut,“ antwortete sie und wandte sich an Gunther, der mit abgezogenem Hute an sie herangetreten war.

Aus der Kirche ertönte bereits Orgelklang. Man schritt über den Friedhof, und bis zur Kirchentür sprach der Kommerzienrat in seiner lebhaften Art in Hellstern hinein. Hedda war ängstlich geworden. Sie hörte nur vereinzelte Brocken, vernahm aber wiederholt das Wort „Quelle“, und sie sah, daß das Gesicht ihres schweigsam zuhörenden Vaters immer röter wurde. ‚Diese Quelle wird uns allen noch Unglück bringen,‘ dachte sie.

Die Hellsterns besaßen in der Kirche ein Chor, hatten es aber der Familie des Kommerzienrats überlassen und dafür die Sitze unten neben der Sakristei genommen, die für die Besitzer des Auguts reserviert waren. Der Baron vermied es seines Leidens wegen gern, Treppen zu steigen.

Die Kirche war groß, doch kahl und dürftig im Innern. In dieser mehr als einfachen Ausstattung fiel der neue rote Behang über Altar, Kanzel und Taufbecken, den Schellheim gestiftet hatte, um so mehr auf. Er leuchtete weithin, wie das Wort der Verheißung, das von dieser heiligen Stelle ausging.

Von den Sitzen der Hellsterns aus konnte man das Augutchor übersehen. Die Rätin saß zwischen ihrem Gatten und Gunther, dann blieben drei Stühle frei, und in der Ecke hatte sich Herr von Zernin niedergelassen.

Sein Erscheinen in der Kirche erregte Aufsehen. Aller Blicke richteten sich auf ihn. Besonders die jungen Mädel schienen sehr interessiert zu sein; Liese Braumüller schielte über ihr Gesangbuch fort alle Augenblick nach dem Chor hinauf.

Hedda sang mit ihrem schönen Alt das Einleitungslied mit. Ihr Blick wagte sich nicht von dem Buche fort. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen; sie fühlte, daß Zernin sie beobachtete. Innerlich grimmte sie das; seine unverfrorene Keckheit schien die alte geblieben zu sein – trotz allem. Dieses „trotz allem“ fand Widerhall in ihrer Seele. Während ihre Lippen das Lied sangen, war es ihr, als wiederhole sie immer und immer wieder das „trotz allem“. Sie war nervös, und um sich abzulenken, schaute sie auf den Altar, vor den soeben der Pastor trat.

Eycken neigte das graue Patriarchenhaupt und betete, das Gesicht dem Kruzifix zugeneigt, dessen weißer Marmor sich lichthell von dem roten Untergrunde abhob, mit dem Rücken gegen die Gemeinde. Dann wandte er sich um und blieb aufrecht stehen, wartend, bis das Eingangslied zu Ende sein werde. Und jetzt schweifte seiner Gewohnheit gemäß sein Auge mit raschem Prüfen durch das Kirchenschiff. Die Gemeinde schien vollzählig versammelt zu sein – Eycken nickte befriedigt. Plötzlich glitt über sein Gesicht ein Ausdruck von Erstaunen; Hedda senktewieder den Blick auf das Gesangbuch, denn nun wußte sie, daß das Auge des greisen Pfarrers im nächsten Moment sie selbst treffen würde. Und so war es in der Tat, doch Eycken schaute nur flüchtig, einen leichten Wolkenschatten auf der Stirn, zu Hedda hinüber und öffnete dann sein Buch zum Beginn der Liturgie ...

Es war kalt in der Kirche. Die Sonne wärmte nicht, sie leuchtete nur. Sie füllte den kahlen Raum mit einem weißgelben Schimmer, der in den Winkeln der Sakristei zu verwischtem Graugrün wurde. Auf einer der hell getünchten Wände lagen die Schatten der Bleiumfassung in den Fenstern, ein leise zitterndes Gitterwerk von unbestimmten Konturen.

Während der Liturgie versuchte Hedda, sich andächtig zu sammeln. Aber es war vergebene Mühe. Das unerwartete Wiedersehen mit dem, der kaum eine Wegstunde vom Baronshof entfernt wohnte und für sie dennoch so gut wie verschollen war, hatte sie stark erregt. Gegen ihren Willen rechnete sie nach: wann hatte sie Klaus Zernin zum letztenmal gesehen? Es war lange her – über ein Jahr. Und als reiße plötzlich ein Vorhang vor ihren Augen, so deutlich trat die Abschiedsstunde in ihr Gedächtnis zurück. Mit allen Einzelheiten, auch den rein äußerlichen der Szenerie: der Eichenschonung am Forsthause, die im ersten Grün des jungen Lenzes prangte, dem Blättermoder am Boden, in dem der Fuß bis an die Knöchel versank, und dem Nebelmeer, das über die Wiesen brodelte. Und sie glaubte auch seine Stimme zu hören.... Sie hatten „vernünftig“ miteinander gesprochen und ruhig und leidenschaftslos. So schien es. Sie waren sich klar darüber geworden, daß sie sich nicht angehören konnten – aus hundert stichhaltigen Gründen. Und deshalb wollten sie sich nicht mehr sehen. Das war um so weniger schwer durchzuführen, als Hellstern dem leichtsinnigen Neffen längst seine Schwelle verboten hatte; er wollte mit dem, der „seinen Namen schändete“, keine Gemeinschafthaben und ahnte dabei nicht einmal, wie tief sich das Bild des wilden Junkers in das Herz seiner Tochter gegraben hatte.... Mit einem Händedruck waren sie voneinander geschieden, und Klaus wie Hedda hatten vermeint, das würde der letzte gewesen sein. Denn damals schon trug sich Zernin mit dem Gedanken, auszuwandern. Er konnte sich auf dem verwüsteten Erbe nicht länger halten; um ihn und über ihm brach alles, alles zusammen ...

Hedda hatte seit jener Abschiedsstunde in der Tat nichts mehr von ihm gehört. Selbst der Klatsch fand in die Einsamkeit des Baronshofs keinen Eingang. Aber daß Klaus sich so unerwartet wieder unter den Menschen zeigte, schien zu beweisen, daß es ihm besser gehen mußte. Auch sein Äußeres sprach dafür: das Selbstbewußtsein, mit dem er auftrat, der alte Ausdruck übermütiger Keckheit auf seinem Gesicht. Wie alt war er jetzt? Und wieder rechnete Hedda nach, während die dünnen Stimmen der Kinder auf dem Orgelchor das Kyrie eleison sangen. Sechsunddreißig; sein Geburtstag fiel in den gleichen Monat wie der ihre, in den Mai. Aber er sah jünger aus mit seiner eleganten, geschmeidigen und elastischen Figur und dem bildhübschen Gesicht, auf dem weder das tolle Leben noch die Sorgen um die Existenz Spuren des Verfalls zurückgelassen hatten. Es war glatt, rosig und heiter wie immer, dieses vornehme Junkergesicht mit der intelligenten Stirn und der wunderschön gezeichneten Nase, dem sorgsam gepflegten blonden Schnurrbart und dem etwas zurücktretenden Kinn. Und auch die hellen blauen Augen sprühten noch immer in unverminderter Lebenslust – trotz allem. Das war sein Lieblingsausdruck, dieses „trotz allem“ ...

Hedda schreckte aus ihren Erinnerungen empor. Sie hörte die Stimme des Pastors, der die Kanzel bestiegen hatte und mit seinem schönen, sonoren Organ die Epistel verlas. Der alte Mann dort oben hatte ihr in jenen Zeiten schwerer Herzensbedrängnismit lindem Wort und warmem Gemüt die verzweifelnde Seele gerettet. Ihm allein hatte sie sich anvertraut, da sie des Vaters rauhe Art fürchtete, die schon damals Klaus von Zernin vom Baronshof verjagt hatte. Und Eycken konnte um so besser die Vermittlungs- und Verständigungsrolle übernehmen, da er der intimste Freund des alten Baron Zernin, des verstorbenen Vaters von Klaus, gewesen war, durch dessen Beihilfe der Pastor auch seinerzeit die Stelle in Oberlemmingen erhalten hatte. Mit milder Freundlichkeit, aber entschiedener Energie hatte Eycken seinen ganzen Einfluß auf Hedda aufgeboten, um sie von ihrer unseligen Liebe für den verbummelten Junker zu bekehren. Denn besser als sie glaubteerKlaus von Zernin zu kennen. Oft genug war er zu nächtlicher Stunde und zu Fuß, um nicht gesehen zu werden, durch den Wald nach Döbbernitz geeilt, um mit Klaus Rücksprache zu nehmen, wenn wieder einmal einer seiner unsinnigen Streiche zu seinen Ohren gekommen war – irgend eine tolle Weibergeschichte, die die ganze Umgegend in Aufruhr brachte, ein wildes Gelage in Zielenberg oder in Kölpin, wo die Königindragoner standen, oder eine gesetzwidrige Vergewaltigung der Gläubiger.... Und bei solchen Rücksprachen schwand die christliche Milde bei Eycken, da wurde er zum zornigen Eiferer, und die Stimme schwoll an, und seine Augen blitzten. Aber was half das alles?! Es kam eine Zeit, da auch er sich sagen mußte, Klaus sei nicht mehr zu helfen, eine Zeit, da der ehrliche Zorn des alten Mannes zu flammendem Ingrimm wurde. Hedda erfuhr niemals Einzelheiten aus dem Leben von Klaus; sie wußte nur, daß er ein leichtsinniger Wirtschafter war – alle Welt wußte das. Aber an jenem Tage, da Eycken sich mit ihr einschloß, um sie beim Andenken an ihre Mutter zu beschwören, dem wilden Burschen für immer zu entsagen, da kam doch etwas wie ein Ahnen über sie, daß Klaus nicht nur leichtsinnig, sondern auch schlecht sein mußte ...

Die Predigt hatte begonnen. Nur das wohllautende Organ Eyckens war hörbar und hin und wieder ein leise raschelndes Geräusch, wenn der Wind die schneebepackten Zweige des alten Maulbeerbaumes, der draußen vor einem der Fenster stand, gegen die Scheiben warf. Hedda schaute mit andachtsvollem Blick zur Kanzel empor, und der Alte neben ihr schnaufte leise. Es saß sich unbequem in dem engen Kirchenstuhl. Oben auf dem Chor hatte der Kommerzienrat die Hände über dem Bauche gefaltet und kämpfte sichtlich mit einer ihn überkommenden Müdigkeit; die Rätin saß, vor Frost zeitweilig erschauernd, mit groß offenen Augen neben ihm. Herr von Zernin ließ den Blick im Kirchenschiff umherschweifen; er hatte Liese Braumüller entdeckt, und ein rasches Lächeln flog um seinen Mund.

Nun Hedda die gesuchte Andacht gefunden hatte, blieb sie auch in Sammlung bis zum Schlusse des Gottesdienstes. Beim Endchoral bliesen die beiden Posaunen mit. Die Rätin hatte das noch nie gehört und schaute verwundert nach dem Orgelchor hinüber, von dem die gewaltigen Töne drangen. Es war eine vollendete Disharmonie, doch sie störte keinen – höchstens den kleinen Raupach, der um diese Zeit aus seinem Kirchenschlummer erweckt zu werden pflegte.

Dann läuteten wieder die Glocken, und die Gemeinde strömte hinaus, durch die beiden Türen, vor denen hölzerne Schemel mit Tellern für die Missionskollekte standen. Aber die wenigsten gaben; ein paar Pfennige lagen auf den Tellern, dazwischen ein Fünfzigpfennigstück von Hedda und ein blanker Taler als Spende des Kommerzienrats.

Hellstern wollte am Arme seiner Tochter rasch an der kleinen Gruppe vorüberhumpeln, die sich vor dem Schlitten Schellheims gebildet hatte, doch der Kommerzienrat rief ihm nach:

„Auf Wiedersehen heute abend, lieber Baron!“

„Auf Wiedersehen!“ gab Hellstern etwas brummigzurück und tappste weiter. Aber vor der Parktür entlud sich sein Zorn.

„Schellheim scheint den Klaus an sich ziehen zu wollen,“ grollte er. „Ein Baron mehr – das angelt nach uns! Er muß doch gehört haben, wes Geistes Kind unser sauberer Herr Vetter ist! Er muß doch wissen, daß wir das Tischtuch zwischen ihm und uns zerschnitten haben! Himmeldonnerwetter, Hedda, wenn der Kommerzienrat vielleicht auf die wahnsinnige Idee verfallen ist, den Klaus gleichfalls zu heute abend zu laden – ich mache auf der Stelle kehrt! Ich mache kehrt, sage ich dir!“

„Das würde nur unhöflich sein, Papa,“ erwiderte Hedda ruhig. „Vorderhand glaube ich noch nicht, daß Klaus im Auschlosse sein wird. Und wenn dennoch – dann muß esauchertragen werden. Wir leben nun einmal in der Welt.“

Der Alte stampfte wütend mit seinen Krückstöcken auf den gefrorenen Schnee.

„Das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich den Burschen nur sehe!“ rief er. „Mit welcher Frechheit er uns begrüßte! Lächelnd und gleichmütig, als ob gar nichts geschehen sei.... Vielleicht will ihm Schellheim wieder auf die Beine helfen – haha! Da ist Hopfen und Malz verloren – nicht einmal die Winterung hat er mehr bestellen können – die Tagelöhner sind ihm davongelaufen – im November war wieder einmal Subhastationstermin angekündigt! Ich verstehe nicht, daß Klaus nicht längst zum Teufel ist! Hätte er Ehrgefühl im Leibe, so hätte er sich schon vor drei Jahren nach Amerika scheren müssen! Pah – Ehrgefühl –der?! ...“

Hedda schwieg. Ihre Wangen brannten, aber der Vater konnte nicht ahnen, wie tief ins Herz sie jedes seiner Worte traf. Dennoch machte es ihn stutzig, daß sie keine Antwort gab. Sie opponierte sonst gern. Er blieb stehen und schaute sie an. „Was sagst du?!“ fragte er.

„Nichts, Papa.“

„Warum nicht?! Ich glaube, du nimmst immer noch die Partei dieses ehrlosen Patrons?!“

Eine Flamme schlug über das Gesicht Heddas.

„Ich bitte dich, Papa – bitte dich herzlich: wäg deine Worte ab! Noch immer zählt Klaus zu unsrer Verwandtschaft –“

„Längst nicht mehr!“

„Und wenn du ihn hundertmal von deiner Schwelle jagst – erbleibtunser Vetter! Vergiß das nicht! Und vergiß auch nicht, daß Leichtsinn noch keine Ehrlosigkeit ist –“

„Halt mal, Hedda –“ und Hellstern erhob seine Krücken. „Ich war auch jung und ein Brausewind wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild rein. Er hat das seine besudelt. Du weißt nicht,waser alles gemacht hat, um – aber nein, dein Ohr, mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge zu hören. Nur eins laß dir sagen: ich hätte ihm nicht wie einem Banditen mein Haus verschlossen, wenn ernurleichtsinnig gewesen wäre. Und auch nicht der Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet war wie ich. Wir hatten unsre guten Gründe, ihn abzuschütteln.... Nun gib mir einen Kuß!“

Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berührten seine borstige Wange. Doch es war kein Kuß wie sonst. Ein heimliches Angstgefühl begann Hedda zu quälen. Fragen und Zweifel stiegen in ihr auf und noch ein andres quälendes Etwas – das Gefühl, den doch nicht vergessen zu haben, den sie hatte vergessenwollen.

Es war die erste größere Gesellschaft, die man auf dem Auschlosse gab. Der Kommerzienrat hatte Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den meisten Gütern im Kreise Besuch zu machen, und man hatteden reichen Mann fast überall mit offenen Armen empfangen. Der Grundbesitz in unmittelbarer Umgebung von Oberlemmingen befand sich fast gänzlich in bürgerlichen Händen. Nur Döbbernitz und Kleeberg, letzteres das Gut des Landrats von Wessels, waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer Entfernung war eine Anzahl von Gästen eingetroffen: die Familie von Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr von Ponteck auf Klein-Güster, die Nehringens auf Schönwaide und schließlich auch – der Stolz Schellheims – Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt.

Es war zum Diner – zu sechs Uhr – eingeladen worden, eine für ländliche Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche Zeit. In langer Reihe fuhren Wagen und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf war auf den Beinen, um die Auffahrt anschauen zu können. Man stand dicht gedrängt längs des Weges und machte zu jedem Gefährt seine Bemerkungen. Die aus der Umgegend kannte man an den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberförsters, dessen Kasten, die Arche Noah genannt, eine zahlreiche Familie beherbergte: Vater Tornow, die Mutter und drei Töchter, niedliche Dinger, die Auguste, Berta und Constance hießen, von dem die Kürze liebenden Oberförster aber nur A, B und C genannt wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns Biese von Grochau, eines riesigen Menschen mit Bulldogggesicht, der eine ganz kleine, unendlich verschüchterte Frau besaß, – der Schlitten der Frau Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unförmlich dick und stets wie ein Puthahn gebläht, – und der Klapperkasten des Doktor Stramin, des Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie anders als auf der Landstraße sah: wenn die Praxis ihn nicht unterwegs hielt, reiste er als fanatischer Politiker im Auftrage des konservativen Wahlkomitees umher und hielt seine donnernden Reden, wo es nur angängig war.

Plötzlich ging eine Bewegung durch die Reihen der Zuschauer. Ein merkwürdiges Gefährt raste den Weg hinauf – ein Schlitten in Schwanenform, in dem eine einzelne Dame saß. Sie mußte noch jung sein; ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den weißen Schleier, der über die pelzbesetzte Konföderatka gebunden war. Ein kostbarer Pelz hüllte auch die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde zeugte von Reichtum – was aber am meisten auffiel, war die scharlachrote Livree des Kutschers. Einer aus der Menge, Anton Tengler, wußte Bescheid: die Dame war Frau Rittmeister Woydczinska aus Seelen. Nun rasselte ein großer Landauer heran: die Klitzingks aus Wernochow – das breite, rote Gesicht des alten Freiherrn mit dem weißen, auseinandergewirbelten Katerschnurrbart glänzte durch die Fensterscheiben. Hinter ihm zügelte Herr von Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhändig sein feuriges Rappengespann; dann kam der Schönwaider Schlitten – den Major von Nehringen konnte man schon von weitem an seiner großen Hakennase erkennen, die in glänzender Röte aus dem hochgeschlagenen Pelzkragen hervorlugte. Und abermals rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm, – Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes, ganz gewiß nicht, denn der Schlitten bestand nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher trug nicht einmal Livree, sondern einen alten Schafpelz. Und der Kutscher saß auch nicht auf der Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben seinem Herrn, der dicht in einen ehemaligen Militärmantel gewickelt war und die verschossene Jagdmütze so tief in die Stirn gerückt hatte, daß man von dem ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrünen Schnauzbart sehen konnte. Sicher nichts Vornehmes – nein, diesmal war’s Täuschung: etwas außerordentlich Vornehmes sogar, nämlich Exzellenz von Usen-Karst, ehemals bevollmächtigter Ministerund außerordentlicher Gesandter des Reichs bei der Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und, wie man wissen wollte, ein vielfacher Millionär....

Vom Auberge aus grüßte das Schlößchen mit achtzig leuchtenden Augen zu Tal. Es war wie eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter Auffahrt noch lange am Wege stehen und schauten hinauf. Trotz der Winterkälte waren die hohen Flügeltüren, die durch eine kleine Entree in die Halle führten, weit geöffnet, und von hier aus strömte eine ganze Flut gelben Lichts ins Freie und mischte sich in die rote Glut, die die beiden mit brennendem Pech gefüllten, auf schlankem eisernen Unterbau ruhenden Pfannen zu seiten des Portals ausströmten.

Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine Gäste würdig zu empfangen. Auch die Zahl der Dienerschaft war vermehrt worden. Drei Galonnierte halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen, und in der Entree warteten zwei Kammerzofen, um die Damen in die Garderobe zu geleiten. Es ließ sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der Kommerzienrat war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der leichten Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten Parvenü zuweilen noch anhaftete, nachzugeben.

Flankiert von Gattin und Sohn – Hagen hielten die Geschäfte in Berlin zurück –, empfing er die Gäste in der Halle, die eine angenehme Wärme durchströmte, und in deren großem Kamin ein helles Feuer flackerte. Man schüttelte sich die Hände, und immer wieder kehrten dieselben Begrüßungsphrasen zurück.

„Herr Oberförster – freue mich sehr, sehr.... Gnädigste Frau! ... Meine verehrten jungen Damen! ... Ah – Herr von Nehringen – freue mich sehr, sehr – meine gnädige Frau! ... Exzellenz – freue mich sehr, sehr ...“

Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders tief. Der alte Usen, der mit seinem weißenSchnauzbart in dem weinroten Gesicht und den schweren Tränensäcken unter den kleinen, listig funkelnden Augen und mit dem burgunderfarbenen Fes, den er auf dem haarlosen Scheitel trug, wie ein Pascha aussah, grunzte etwas Unverständliches vor sich hin und schielte dabei lüstern zu der schönen Frau Woydczinska hinüber, die Herr von Wessels, ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons führte. Diese drei Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu einrichten lassen, und da gerade der Empirestil in der Mode war, so prangten in allen drei Gemächern die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen Zeit; auch eine Bronzebüste Bonapartes und ein Ölbild des Königs von Rom fehlten nicht. In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die Tapeten zeigten ein modernisiertes Grecquemuster. Es war alles stilgerecht.

Die Gäste fluteten in den Empirezimmern hin und her. Noch immer begrüßte man sich oder ließ sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging durch die Gemächer. Baron Hellstern hatte ein paar gute alte Bekannte wiedergefunden und plauderte mit ihnen in einer Fensternische, fest auf seine Krückstöcke gestützt, denn er fühlte sich unsicher auf dem blanken Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem der zierlichen Stühle mit ihren vergoldeten Füßen niederzulassen. Hedda stand mitten unter den jungen Mädchen, die einen Kreis um sie bildeten; fröhliches Lachen klang aus dieser Gruppe, besonders das A, B, C des Oberförsters kicherte beständig und gewöhnlich unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen hielt die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und schmunzelte dabei über das ganze Paschagesicht. Sie war die Witwe eines Polen und selbst Polin, eine schöne, kokette Frau, der man allerhand nachredete, die sich aber um keinen Klatsch der Welt kümmerte und ihre emanzipierten Allüren frei zur Schau trug. Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den meisten fremd – Gunther besorgte die Vorstellung.

Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit heiterem Gesicht und einem etwas spöttischen Zug um den Mund. Er war boshaft genug, sich über die Überraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen würde; er verkehrte seit Jahren nicht mehr in den Familien der Umgegend. Die Mütter schilderten ihn als verworfenen Wüstling, und sämtliche Backfische zitterten in süßem Schaudern vor ihm. Als er eintrat, stockte plötzlich die Unterhaltung; es wurde ängstlich still. Die Oberförsterin glitt in instinktiver Aufwallung ihres mütterlichen Herzens wie schützend an ihr rosenwangiges A, B, C heran. Hellstern, der neben dem Landrat stand, wollte aufbrausen, begegnete aber dem warnenden Blicke Heddas und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht in sich hinein. Im übrigen wich die allgemeine Bestürzung rasch wieder einer um so lebhafteren Unterhaltung, mit der man glättend über das auffallende Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von Zernin war allen bekannt; mit der Eleganz eines vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen Seiten, immer mit gleich liebenswürdigem Lächeln, ohne die eisigen Gesichter der Herren, die frostigen Mienen der Damen und die Purpurglut auf den Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem Entsetzen streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska unbefangen die Hand entgegen.

„Grüß Gott, lieber Baron,“ sagte sie freundlich; „wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht gesehen!“

Und dann geschah noch etwas Überraschendes. Auch Exzellenz Usen reichte Zernin die Hand, vielleicht nur aus Gefälligkeit für seine schöne Nachbarin, vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig zu verdecken, – aber jedenfalls stand die Tatsache fest: er begrüßte den Verfemten in sehr herzlicher und entgegenkommender Weise. Und das wirkte wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkürlich wurden die Mienen freundlicher, und der Landrat flüsterte Hellstern erstaunt und fragend insOhr: „Der Zernin rappelt sich wohl allmählich wieder in die Höhe?“

Hellstern antwortete nicht, sondern begnügte sich mit einem Achselzucken. Die Diener hatten die Türen zum Eßzimmer geöffnet; der Alte war neugierig, wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben haben würde. Er vermutete, die Woydczinska, denn die beiden paßten in mancherlei Beziehungen zu einander – aber sein Gesicht färbte sich dunkel, als er sah, daß während des allgemeinen Aufbruchs Zernin auf Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte.

Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf zur Tafelordnung wohl überlegt. Er hatte gehört, daß Herr von Zernin seines Leichtsinns und seiner brouillierten Verhältnisse wegen in schlechtem Rufe stand, – da er indessen seine Pläne mit ihm hatte, so lag ihm daran, ihn langsam wieder in die Gesellschaft einzuführen. Es war schwer, für ihn eine passende Tischdame auszuwählen, aber da fiel Schellheim zum guten Glück ein, daß die Baronesse Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war. ‚Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,‘ sagte er sich und schrieb die Namen nebeneinander.

Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen konnte nicht umhin, seiner Nachbarin zur Rechten, der langen und mageren Frau von Ponteck, zuzuraunen, daß alles einen recht vornehmen Eindruck mache. Und so war es in der Tat. Der Kommerzienrat hatte Geschmack. Das Menü war nicht übertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten die Diener hinter den Stühlen der Gäste entlang; es ging alles wie am Schnürchen. Dabei war der Anblick der Tafel ein glänzender. In den kostbaren Aufsätzen aus Silber und Vieux Saxe blühte ein ganzer Frühlingsflor. Die Mitte des Tisches nahm eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der zahllose schräg gestellte Kristallbecher trug, aus denen eine Fülle köstlicher Rosen in allen Farbennuancen hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen flutete inden Geruch der Speisen hinein, der großen Fleischstücke, die von den Dienern auf Riesenschüsseln präsentiert wurden, geschmackvoll angerichtet, die Fasane in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und die breiten Rehrücken so ausgezeichnet tranchiert, daß man kaum die Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz Usen-Karst besonders; er tat sich auf seine Tranchierkunst etwas zu gute und hatte schon lange die Absicht, ein Handbuch darüber zu schreiben, obwohl er genau wußte, daß er es nie tun würde.

Solch ein Diner war auf den märkischen Landsitzen nicht üblich; da gab man’s einfacher, wenn man Gäste bei sich sah. Aber es schmeckte allen ganz ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus Grochau ließ keinen Gang vorüber und nahm jedesmal zweimal; er hatte sich die Serviette um den Hals gebunden, sprach wenig, aß den Fisch mit dem Messer und tupfte die Soße mit kleinen Brotstückchen auf. Die jungen Mädchen wurden bei den Gemüsen interessierter; Artischocken und Trüffeln in der Serviette hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch Fräulein Gerlinde noch nicht, die Tochter des Kammerherrn von Ponteck, die demnächst bei Hofe vorgestellt werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da sie gegen diese Genüsse vollendet gleichgültig erscheinen wollte, zerstach sie sich den Finger an einer Artischockenspitze. Exzellenz Usen hielt sich hauptsächlich an die Präsentierweine; sein martialisches Gesicht glühte förmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete schneeweiß.

Gunther hatte das kleine C des Oberförsters zu Tische geführt, eine niedliche Brünette, die aus dem Entzücken nicht herauskam und sich jedesmal auf dem Stuhle geraderückte, wenn ein Blick der Mutter sie traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben worden. Gunther gab sich alle Mühe, seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten, doch er fühlte selbst, daß es ihm nicht so recht gelingen wollte. Er war zerstreut. Sein Auge flog zuweilenmit ängstlichem Aufblick zwischen das flimmernde Gläsermeer auf dem Tische hindurch und suchte Hedda. Auch sie war zerstreut – vielleicht langweilte sie sich auch. Sie sprach wenig, und Gunther schien es, als sei sie heute blasser als sonst.

Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur Tafel geführt zu werden, hatte jeden Blutstropfen aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es, sich zu beherrschen. „Man lebt doch einmal in der Welt,“ hatte sie ihrem Vater gesagt. Und dieser Philosophie schien sich selbst der Alte gefügt zu haben. Er sah noch immer sehr brummig aus, aber er machte wenigstens keine Dummheiten.

Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die Situation. Das war zu erwarten gewesen. Er tat, als sei niemals etwas zwischen ihm und der Cousine geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine abgrundtiefe Kluft – heiter und freundschaftlich begann er mit ihr zu plaudern.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädigste Cousine –“

„Lange nicht – wie ist es dir inzwischen ergangen?“

„Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse sitzt und jeden Augenblick auf die Explosion wartet. Aber das ist eine Situation, die auch ihre Reize hat – bis einem schließlich das Nervenprickeln zu viel wird und man allmählich abstumpft. Du hast deine Tage auf dem Baronshofe vermutlich friedlicher verbracht.“

„So friedlich, daß ich mich nicht beklagen kann.“

Er dämpfte seine Stimme ein wenig; im lauten Geräusch der auf und nieder wogenden Unterhaltung vermochten sich übrigens nur die nebeneinander Sitzenden zu verstehen.

„Du mußt mir verzeihen,“ sagte er, „daß ich mein Versprechen nicht halten konnte. Anderthalb Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie zwischen Oberlemmingen und Döbbernitz respektiert. Ob es mirleicht wurde, tut nichts zur Sache – jedenfalls hab’ ich mein Wort eingelöst. Aber nun ging es nicht anders; ich stehe wieder einmal an der Wende. Döbbernitz wird im Frühjahr endgültig subhastiert werden.“

Das war neu für Hedda und schmerzlich. „Also mußte es doch dahin kommen,“ sagte sie leise.

Er nickte. „Ich habe seit drei Jahren darauf gewartet. Ein Dutzend Termine wurden angesetzt, und immer schaffte ich noch im letzten Augenblick Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt – bis auf eine, die erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen Lehne –“

„Was hat die mitdirzu tun?“

„Viel. Schellheim spekuliert auf Döbbernitz. Ein unternehmender Geist, sozusagen der Typus der neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht, und vor der wir Landjunker die Segel streichen müssen. Das ist nun mal nicht anders.Enfin– unser liebenswerter Gastgeber hat mir vorgeschlagen, Kurdirektor von Oberlemmingen zu werden. Was sagst du zu dieser Idee?“

Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus erzählte, kam so überraschend für sie, daß sie sich Mühe geben mußte, ihr Erstaunen zu verbergen. Sie schüttelte den Kopf. War das nicht einfach verrückt? Wollte der Kommerzienrat denn die ganze Umgegend gegen sich erbittern? Nein, dazu war er zu klug; er mußte seine besonderen Absichten mit Klaus haben. Aber es war doch verrückt. Klaus paßte im Leben nicht in eine solche Stellung, die großes administratives Geschick erforderte. Und schließlich mußte es für ihn selbst demütigend sein, sich einen neuen Wirkungskreis in unmittelbarster Nähe des durch eigne Schuld verlorenen zu schaffen. Und endlich – dieser letzte Gedanke trieb Hedda das Blut in die Wangen –, war es denn nicht qualvoll, sich nach alledem, was geschehen war, täglich sehen, begrüßen und sprechen zu müssen?

Zernin neigte sich etwas tiefer über den Teller.

„Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, daß daschangement de la positionsonderlich beglückend für mich ist,“ fuhr er fort. „Nein, Hedda, das ist es wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen? Mein letzter Ausweg war die Fremde – Amerika, der Sammelplatz der verkrachten Existenzen. Hans Zesingen ist auch schon drüben – ich glaube, er ist Barkeeper in New York und mischt für andre Porter und Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib’ ich schon lieber daheim. Man muß sich in die Verhältnisse zu schicken suchen. Der Junkerschädel hält nicht mehr stand. Die Handelsverträge und das römische Recht sind unser Unglück –“

Er sprach weiter und weiter, immer halbleise, vom Ruin der Landwirtschaft und Niedergang des alten Adels. Aber Hedda hörte nur den Schall der Worte – sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam, wie sehr sich Klaus verändert hatte. Er war doch nicht der alte geblieben, er hatte sich „in die Verhältnisse geschickt“. Es war wohl das beste für ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darüber: der wilde, trotzige Bursche von ehemals, der auf die Welt „pfiff“ und mit grimmigem Lachen aller Zucht und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als der sich glatt fügende Diplomat von heute.

Das Diner näherte sich seinem Ende. Da rasch serviert worden war, so hatte es kaum über eine Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und Früchte herum, und die Backfische des Oberförsters machten glückliche Gesichter: sie knabberten gar zu gern Süßigkeiten. Der dicke Hauptmann Biese hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden aus; so ausgezeichnet hatte es ihm lange nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner war sehr gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer Aufwallung ehelicher Liebenswürdigkeit seiner Gattin über den Tisch herüber freundlich lächelnd zu.

Plötzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an seinGlas. Man hatte schon längst darauf gewartet. Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das Aufkichern des oberförsterlichen B unterbrochen wurde. Die dicke Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor, stemmte die Hände mit den Knöcheln fest auf den Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom durch die Nase stoßend, und begann dann zu sprechen. Der alte Diplomat, dem die böse Welt nacherzählte, daß er seine Millionen in Konstantinopel mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz raffinierte Spekulationen verdient hätte, und daß er auch auf seiner Herrschaft Karstedt ein tolles Serailleben führe, war ein geistreicher Mann und ein vorzüglicher Sprecher. Man wußte, daß er die Extravaganzen liebte, und erwartete auch bei dieser Gelegenheit etwas Ähnliches, zumal die Rede mit einer humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing. Sie beginne langsam auch hier, in diesem verlorenen märkischen Winkel, an Boden zu gewinnen, wo bisher der Menschengeist sich höchstens bis in die Regionen von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen habe. Und dann ging es weiter, in buntem und lustigem Durcheinander – ein ganzes Feuerwerk guter Einfälle sprühte auf.

Usen sprach von allem möglichen: von der Notwendigkeit einer Aussöhnung zwischen Industrie und Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen und von schönen Frauen, von Lukullus und von seiner Freude darüber, daß ein so tüchtiger Vertreter des kaufmännischen Standes, wie der Kommerzienrat Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und dann berührte er auch die neue Quelle, von der bereits die ganze Gegend spreche, und deren Ausbeutung in die Hände des scharmanten Gastgebers gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem Heil der Menschheit solle sein Wasser dienen, ein Getränk, das er im allgemeinen verabscheue, dem er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung nicht versagen könne. Daran schloß sich ein Passus,der auf aller Mienen die mannigfachsten Variationen von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nämlich:

„... Daß Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen Ära entgegengeht – ja, ja, mein alter, verehrter Freund Hellstern –, daran zweifle ich nicht. Ich höre, daßmitunserm liebenswürdigen Wirt noch ein andrer Eingesessener des Kreises an die Spitze des Unternehmens treten will, – und ich hoffe, daß das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde auch fürihneinHeilquell werden wird. Nach Heilung dürsten wir schließlich alle, und wenn es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung ist ein Besserwerden, und wen gibt’s, der selbstlos genug wäre, es sich nicht besser zu wünschen, als er es hat! Ach nein, gestehen wir es uns: wir sind Egoisten, und auch ein Stück Pharisäertum schlummert in unsrer Brust. Neben der Hoffnung auf das Besserwerden wohnt Tür an Tür das Besserdünken. Und so kommt es leicht, daß der Pharisäer in uns sich gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch gefehlt und geirrt hat. Ich hatte einen Freund unten im Orient, der war weise und gut, aber er trank Wein und nicht wenig, und das durfte er nicht, denn er war Mohammedaner. Und wenn man ihm sagte, daß er sündige, so antwortete er: ‚Geh hin nach Chanimbaïri und sieh, obdunicht sündig bist.‘ Dort liegt nämlich ein Brunnen, von dem die Sage erzählt, daß im Wasserspiegel sich Flecken zeigen, wenn ein sündhafter Mensch hineinschaut. Und so mein’ ich auch – ehe wir verdammen und verurteilen, gehen wir nach Chanimbaïri ...“

Der Schluß war kurz; er galt den Gastgebern. Man nahm fröhlich das Hoch auf, dann aber zog, während auch die dicke Exzellenz wieder Platz genommen hatte, ein ganz leiser Hauch von Verstimmung oder wenigstens von Befremdung durch die Gesellschaft. Man hatte verstanden. Herr von Usens Blick hatte bei seinen Worten deutlich denDöbbernitzer Zernin gestreift. Der war gemeint. Der sollte im Verein mit dem Kommerzienrat die Quellengeschichte „entrieren“ – gerade der, der dem Bettelstab nahe war –, gerade der. Und unzweifelhaft war die Rede Usens ein Rehabilitationsversuch für Klaus von Zernin gewesen. Wie kam Usen dazu? Er hatte schon vorher dem verlotterten Döbbernitzer so merkwürdig herzlich die Hand geschüttelt – was sollte das alles heißen?! Herr von Wessels, der Landrat, lächelte sein feinstes diplomatisches Lächeln, und der Kammerherr von Ponteck flüsterte seiner Nachbarin zu: „Prost, meine Gnädigste – also gehen wir nach Kaminbirrira, oder wie das Ding heißt ...“

Zernins Gesicht hatte sich gar nicht verändert. Er spielte zuerst mit der Nelke, die neben seinem Teller lag, und hierauf mit einem kleinen goldenen Crayon, den er aus der Westentasche genommen hatte. Und auf einmal zog er seine Tischkarte näher und kritzelte ein paar Worte auf deren Rückseite. Dann schob er die Karte unbemerkt seiner rechten Nachbarin zu.

Hedda, die durch die Rede Usens eigentümlich berührt wurde, und auf deren Wangen Röte und Blässe wechselten, warf einen raschen Blick auf die Schrift und preßte die Zähne zusammen. Sie las: „Kann ich dich morgen nachmittag fünf Uhr auf wenige Minuten allein sprechen? – Am alten Platz.“

Wie in mechanischer Spielerei nahm sie die Karte und zerriß sie.

„Nein!“ sagte sie kurz.

Nur einer am Tische schien die kleine Episode bemerkt zu haben: der Pastor. Er sah sehr ernst aus; etwas wie eine folternde Sorge lag auf seinem schönen, alten Gesicht.

Der Kommerzienrat winkte seiner Gattin; man erhob sich. Die ganze Gesellschaft flutete in die Salons zurück, und wieder schwirrte, während mansich „Gesegnete Mahlzeit!“ wünschte, die Unterhaltung lebhaft auf. Jetzt drückte nicht mehr von allen Gästen Usen allein Herrn von Zernin die Hand; drei, vier, fünf andre folgten. Auch die Oberförsterin lächelte, als Klaus sich stumm vor ihr verneigte. Die Woydczinska strich dicht an ihm vorüber.

„Kommen Sie übermorgen abend,“ flüsterte sie ihm zu; „eine Cousine aus dem Polnischen ist bei mir zu Besuch. Wir wollen eine neue Sektmarke proben ...“

Als Herr von Usen dem Kommerzienrat die Hand drückte, fragte er halblaut:

„So war es gut, dächt’ ich –“

„Ganz ausgezeichnet, Exzellenz – tausend Dank, tausend Dank –“

„Aber nun eine Zigarre als Belohnung –“

Schellheim nahm Usen unter den Arm und führte ihn in das Rauchzimmer. Die meisten Herren hatten sich bereits hierher zurückgezogen; Hauptmann Biese rauchte schon eine kolossale Upmann, die das Werk des Abends krönen sollte. Die Diener brachten Kaffee und Liköre; man fühlte sich sehr behaglich.

Es war selbstverständlich, daß das Thema von der Quelle nicht abriß. Aber der Kommerzienrat wich geschickt aus; es machte den Eindruck, als wolle er nicht vor der Zeit von der Sache sprechen. An seiner Stelle gab der Landrat einige Einzelheiten. Gewiß, die Graue Lehne war Bauernterrain – die Quelle gehörte den Möllers, aber der Kommerzienrat war der Geldmann. Er war sozusagen der treibende Faktor. Die Formalitäten waren bereits abgeschlossen: Kommanditgesellschaft – eine Bank beteiligte sich nicht. Und im Mai sollte die Einweihung sein, das stand fest.

Hauptmann Biese, der mit seiner Upmann im Munde in einem Fauteuil neben dem Kamin lag, sah sich im Kreise um. Nur der Landrat, der Kammerherr von Ponteck, der Wernochower Klitzingk,Oberförster Tornow und der Schönwaider waren im Augenblick im Zimmer – da konnte man schon ein bißchen klatschen.

„Aber hören Sie mal, meine Herren,“ sagte Biese mit seiner fetten Stimme, „das mit dem Döbbernitzer – unter uns – ist doch ein Wagnis. Das ist doch eine verfluchte Geschichte – nicht?“

Der Landrat zuckte die Achseln.

„Warum denn, lieber Herr Nachbar? Es wär’ ja recht gut, wenn der arme Kerl wieder ein bissel in die Höhe käme!“

Aber der alte Baron Klitzingk strich seinen weißen Katerbart und schüttelte den Kopf.

„Nein, Herr von Wessels,“ erwiderte er, „ich kann Ihnen in diesem Falle nicht recht geben. Exzellenz Usen meint zwar, wir sollten nach – Dingsda gehen und sehen, ob wir nicht auch sündig wären – na, ich habe aus meinem Herzen nie eine Mörderhöhle gemacht, aber ich bin doch der Ansicht, daß Zernin besser getan hätte, sich nach Amerika zu drücken. Er hat’szutoll getrieben –“

„Ach was – der alte Bismarck hat’s auch toll getrieben, als er noch auf Kniephof saß, und ist doch ein ganzer Mann geworden!“

„Wird sich der Zernin denn auf Döbbernitz halten können?“ warf der Oberförster ein.

Die Meinungen waren geteilt. Herr von Nehringen wollte wissen, daß Schellheim Döbbernitz im Interesse Zernins administrieren lassen werde. Herr von Ponteck vermutete, er wolle es kaufen – daher seine Bemühungen, Zernin eine neue Position zu schaffen.

Biese meinte, der Kommerzienrat sei eine „ganz schlaue Unke“. Er sprach von seinem Gastgeber nicht im freundlichsten Tone. Das ärgerte schließlich den Landrat.

„Erlauben Sie, Herr Nachbar,“ sagte er, „wir befinden uns noch immer unter dem Dache des Kommerzienrats ...“

In der Halle hatte man Whisttische aufgestellt. Die Damen saßen im ersten Empiresalon und sprachen von häuslichen Dingen. Im Augenblick wurde die Frage erwogen, ob sich Eingemachtes besser in verlöteten Blechbüchsen oder in hermetisch verschlossenen Gläsern halte. Frau Necker aus Klotschow führte das Wort. Nebenan kicherten die Backfische. Sie unterhielten sich über Toilettefragen; im Februar sollte in Zielenberg der Landschaftsball stattfinden, und das war immer ein Ereignis.

Zernin hatte rasch ein paar Züge Zigarette geraucht und war dann in die Salons zurückgekehrt. Sein Herz klopfte ungestüm. Er fand selbst, daß er nicht mehr der alte war. Er war in grimmigster Laune und durfte sie nicht austoben lassen. Er wußte ganz genau, daß die Rede Usens eine abgekartete Sache war – so eine Art „Restitutionsedikt“ für ihn. Aber nichtsdestoweniger war sie brutal und taktlos gewesen. Er kam sich unglaublich lächerlich vor in der Rolle des reuigen Sünders. Im Grunde seines Herzens war ihm die ganze Gesellschaft der Umgegend heute genau so gleichgültig wie früher; heimlich „pfiff“ er noch immer auf die Welt. Aber es half alles nichts; er mußte katzbuckeln und ein frommes Gesicht machen, wenn die Wellen nicht über ihm zusammenschlagen sollten.

Er suchte Hedda. Er mußte noch ein Wort mit ihr sprechen. Sie hatte sich mit der Woydczinska unterhalten und fragte nun nach ihrem Vater.

„Der sitzt schon beim Whist,“ antwortete Klaus.

„Gut so. Da ist er untergebracht. Mit wem spielt er?“

„Mit dem Pastor und dem Kreisphysikus, – ungefährliche Leute, die sich widerspruchslos anschnauzen lassen ...“

Die beiden standen am Ofen, halb verdeckt von einem großen, kunstvoll gestickten Schirm mit goldenen Bienen, der aus St. Cloud stammen sollte. Kein Mensch war in ihrer Nähe. Von nebenanhörte man die scharfe Stimme der Frau Necker-Klotschow, die von ungezuckerten Pfirsichen sprach.

Zernins Blick bohrte sich in die Augen Heddas. Er fand, daß sie noch schöner geworden war, reifer; sie stand im Sommer ihrer Jungfrauenschaft.

„Also nicht, Hedda?“ fragte er.

Sie verstand sofort. „Nein,“ antwortete sie, „ich will nicht.“

„Ich begreife dich nicht. Hast du Angst vor mir?“

„Die hatte ich nie; höchstens sorgte ich mich um dich.“

„Aber heute nicht mehr?“

„Was sollen diese Fragen, Klaus? Ich habe zu meiner großen Freude gehört, daß es mit dir wieder bergauf geht. Daß mich der Gedanke anfänglich erschreckt hat, dich künftighin häufig sehen zu müssen, war nur natürlich. Aber ich bin schon beruhigt. Mein Schreck war Torheit. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir sind uns ja auch klar darüber geworden, daß wir uns nichts mehr zu sagen haben, was nicht die ganze Welt hören könnte. Seit anderthalb Jahren sind wir uns darüber klar. Und es ist heute nicht anders als damals.“

Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Ruhe, mit der sie sprach, brachte sein Blut in Wallung.

„Ich danke dir. Du findest immer den rechten Ton. Ist es dir dennsoleicht geworden, dich von mir zu trennen? Soll ich dir erzählen, wasichgelitten habe? Soll esganzaus sein zwischen uns? Hedda, hast du gar nichts mehr für mich übrig?!“

Sie fühlte, daß sie eine krankhafte Empfindung von Schwäche beschlich.

„Laß mich, Klaus,“ bat sie; „quäle mich nicht ...“

Er richtete sich straff auf.

„Also gut,“ sagte er. „Legen wir wieder dieMaske vor. Es geht weiter bergauf. Es geht im Galopp bergauf, Hedda. Du hast gesehen, wie man mir mit gütigen Händen die Bahn ebnet. Der dicke Usen und Schellheim sind mir als rettende Englein zur Seite gestellt worden – das Weltkind in der Mitte. Ich werde noch ein reicher Mann werden und ein sehr solider Philister. Der Kommerzienrat hat auch schon eine Frau für michin petto– irgend ein Judenmädel mit märchenhafter Mitgift. Es geht in der Karriere bergauf, Hedda ...“

Sie starrte ihn an, als begreife sie nicht, was er sprach. Ein Ausdruck zynischen Hohns lag auf seinem Gesicht. Es war wie eine Erlösung für sie, daß in diesem Augenblick Gerlinde Ponteck in das Zimmer trat, um sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate zu ziehen: Auguste, Berta und Constance Tornow wollten auf den Landschaftsball in Weiß, Blau und Rosa gehen, doch war Gerlinde der Meinung, daß die drei Schwestern gleichmäßig Weiß tragen sollten – ob Hedda das nicht auch hübscher finde?

„Natürlich,“ sagte Zernin, „alle drei weiß, wie die Tauben, oder nein, wie ein Schwanentrio. Denn Weiß ist die Farbe der Unschuld und schon aus diesem Grunde jungen Mädchen bestens zu empfehlen. Aber Halsbänder aus schwarzem Samt dazu, wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf. Das gibt eine angenehme Abwechslung und erzielt einen pikanten Kontrast, dieweil die weiße Unschuld doch manchmal langweilig wirkt ...“

Fräulein von Ponteck lächelte krampfhaft, weil sie nicht wußte, wie sie sich diesem schrecklichen Menschen gegenüber benehmen sollte, und war froh, daß Hedda sie in das Nebenzimmer zog, um dort das A, B, C über die strittige Frage zu belehren.

Gunther hatte im Verlaufe des Abends wenig Gelegenheit gefunden, sich Hedda zu nähern. Er litt an beständigem Herzklopfen. Er hatte seinen Vater gebeten, den alten Freiherrn mit größter Delikatesse auszuhorchen, aber es schien, als sei esunmöglich, Hellsterns auf ein paar Minuten allein habhaft zu werden. In seiner fieberhaften Nervosität irrte Gunther von Zimmer zu Zimmer, langweilte sich bei den älteren Damen, scherzte mit den Backfischen, plauderte mit Zernin und setzte sich dann ein Viertelstündchen neben Frau Rittmeister Woydczinska, deren dunkle Schönheit auch auf ihn eine gewisse Anziehungskraft ausübte.

Mitten in der Unterhaltung aber versagte ihm das Wort. Er sah seinen Vater an der Seite Hellsterns durch die Zimmer schreiten. Der Kommerzienrat schien dem Alten die Räume zeigen zu wollen; er gestikulierte lebhaft, wies hierhin und dorthin, blieb zuweilen vor einem Bilde oder einer Statuette stehen und verschwand schließlich mit Hellstern im Speisesaal.

Jetzt wußte Gunther Bescheid. Jenseits des Speisezimmers lag das Arbeitskabinett seines Vaters. Dort waren die beiden ungestört – und stärker hämmerte das verliebte Herz.

Es war so. Der Baron hatte keine Lust mehr, weiterzuspielen. Der Kreisphysikus hatte gewöhnlich die Cinq Honneurs und er lauter Ladons in der Hand; der Pastor aber spielte wie im Traume – so etwas Schlafmütziges war noch gar nicht dagewesen. Da dankte man lieber.

Und diesen Moment hatte der Kommerzienrat abgepaßt. Hellstern sagte ihm ein liebenswürdiges Wort über die geschmackvolle Einrichtung des Schlosses, worauf Schellheim sich erbot, den Baron ein wenig herumzuführen. Im Arbeitszimmer hatte er ihn sicher.

Es war dies ein Turmgemach, ein runder Raum mit einem einzigen hohen Glasfenster in einer auf einen kleinen Balkon führenden Tür. Ein Hauch von Behaglichkeit wehte durch das Zimmer. Hellsterns Blick fiel zunächst auf einen großen eisernen Geldschrank und dann auf zwei Stahlstiche an der Wand: der Überfall reisender Kaufleute durch dieQuitzows und die Verbrennung der Schuldscheine Kaiser Karls V. durch Fugger.

Schellheim sah, daß der Freiherr die beiden Bilder mit einem gewissen Interesse betrachtete, und er lächelte.

„Es sind zwei Mahnungen, Herr Baron,“ sagte er. „Ein Appell an die Vorsicht und einer an die Generosität –„cave“und„noblesse oblige“. Knöpfe die Taschen zu, sagt mir das eine Bild, und knöpfe sie auf, das andre. Jedes zu seiner Zeit. Ich liebe derartige kleine Denkzettel.“

„Allerdings,“ entgegnete der Freiherr, „sind sie zweckmäßiger als ein Knoten im Taschentuch. Aber bedürfen Sie denn eines solchen Mementos? Ein Charakter wie Sie?“

„O, lieber Baron, Sie schmeicheln mir! Wäre ich in der Tat ein ganzer Charakter, dann wäre ich auch ein besserer Kaufmann. Man hält mich allerdings für einen hervorragenden Industriellen, aber in Wahrheit bin ich es nicht. Wenigstens nicht ganz. Auf der einen Seite steckt noch zu viel vom Krämer in mir, auf der andern zu viel kaufmännischer Aristokratismus. Und das verträgt sich schlecht. Irgend ein bekannter Volkswirtschafter – war es nicht Friedrich List? – hat einmal gesagt, die Kraft, Reichtümer zu erwerben, sei mehr wert, als der Reichtum selbst. Das ist ein großes Wort, denn wirklich: klingendes Kapital kann zerrinnen, aber die Gabe des Erwerbens stiehlt uns niemand. Ich will nicht sagen, daß ich sie nicht auch besitze, denn sonst hätte ich es – immerhin – nicht so weit gebracht. Doch hundertmal stelle ich mein Licht unter den Scheffel – ach ja, es ist so. Wozu erwerbe ich Landgüter und lege meinen Besitz fest und zersplittere damit mein bürgerliches Erbe: die Kraft des Schaffens, die Möglichkeit des Gewinnens? Aus aristokratischer Neigung, die sich mit dem Geiste des kaufmännischen Bürgertums im Grunde genommen herzlich wenig verträgt. Und diese Neigung treibt mich noch weiter. Döbbernitzsoll verkauft werden; ich hätte nicht übel Lust, es an mich zu bringen und meinem Zweiten fideikommissarisch zu sichern ...“

Er schob den schweren Arbeitssessel, der vor dem Schreibtische stand, neben Hellstern.

„Nehmen Sie einen Augenblick Platz, bester Baron,“ sagte er, „Sie werden ermüdet sein.“

Hellstern ließ sich nieder und lehnte seine Krücken gegen den Stuhl.

„Ja,“ entgegnete er kopfnickend, „ich bin ein bißchen müde. Die verdammte Ischias dörrt einem das Mark aus den Knochen. Also Sie spekulieren auf Döbbernitz? Ich dacht’ mir’s beinahe, als ich Zernin bei Ihnen sah. Es mußte einen Zweck haben –“

„Ah ja“ – und Schellheim lachte kurz auf –, „so viel Kaufmann bin ich denn doch! Aber andrerseits reizt es mich auch, Herrn von Zernin wieder auf die Beine zu helfen. Es steckt ja doch eine ganze Portion Tüchtigkeit in ihm. Und es berührt immer tragisch, einen großen und berühmten Namen verschmutzen und versumpfen zu sehen –“

„Seine eigne Schuld,“ bemerkte Hellstern knurrig.

„Seine eigne Schuld – freilich, freilich! Aber darum nicht minder tragisch. Sein Vater hat am Ruhme Preußens und Deutschlands erheblich mitarbeiten helfen, und der Sohn steht vor dem Untergange. Durch eigne Schuld, ganz gewiß – Sie haben schon recht, Herr Baron. Aber ich erinnere Sie an die Worte Exzellenz Usens: seien wir nicht allzu pharisäisch! Aus Herrn von Zernin kann noch einmal etwas ganz Brauchbares werden, wenn er mit den alten Schulden aufgeräumt hat und man ihm ein klein wenig Beistand leistet.“

„Wird er Ihnen nicht zu viel für Döbbernitz fordern – fordernmüssen, um seine Gläubiger befriedigen zu können?“

„Ah nein – ich kaufe nicht direkt, ich warte die Subhastation ab. Sie steht vor der Tür. Mit denausfallenden Gläubigern werde ich Herrn von Zernin zu arrangieren versuchen. Es wird sich schon machen lassen.“

„Wenn der gute Wille da ist und eine geschickte Hand – warum nicht. Übrigens, leicht wird es Ihnen nicht werden, auf Döbbernitz Ordnung zu schaffen. Der Junge hat alles verlottert. Seit Jahresfrist ist nichts mehr bestellt worden, wie mir Tornow erzählt. Auf den Wiesen wächst Schilf, und die Felder sehen wie eine Prärie aus.“

„Aber der Boden ist gut, und das Ausruhen wird ihm nicht viel geschadet haben.“

„Ist richtig. Und schließlich – mit Geld ist alles zu machen.“

Jetzt zog der Kommerzienrat die Brauen sehr hoch.

„In gewissem Sinne, ja,“ antwortete er. „Aber das Kapital, das ich in Döbbernitz hineinstecken muß, arbeitet nicht – wenigstens vorläufig nicht –, und wenn es zu arbeiten beginnt, wird es auch nur eine geringe Verzinsung abwerfen. Ich sagte Ihnen ja: ein vollendeter Kaufmann bin ich noch lange nicht. Trotz alledem – ich möchte dem Gunther ein behagliches Nest schaffen –“

„Sehr verständlich,“ warf der Freiherr ein; „er wird ja auch einmal an das Heiraten denken.“

Schellheim fing diese Bemerkung auf. Gott sei Dank, nun war die Anknüpfung gefunden! Er hatte schon Sorge gehabt, den rechten Faden nicht erwischen zu können. Ein wenig in Unruhe war er doch. Er zog sich gleichfalls einen Stuhl heran und setzte sich Hellstern gegenüber. Seine Hände zitterten leicht.

„Ja natürlich,“ entgegnete er, „an das Heiraten – nötig wär’s ja noch nicht – er könnte immer noch ein paar Jahre warten. Aber – na, er hat mich neulich ins Vertrauen gezogen, und da wir gerade unter uns sind, lieber Baron, möcht’ ich mir auch ein paar vertrauliche Worte gestatten. Der – der Junge ist nämlich in – ist nämlich bis über beideOhren verliebt, lieber Baron – und in wen? Wissen Sie, in wen?“

„Ahnungslos,“ sagte Hellstern, und dann schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Sapperlot – etwa in die Woydczinska? Das ist ein deubelsmäßiges Frauenzimmer mit ihren Kohlenaugen!“

„I Gott bewahre! Das sollte mir fehlen! Nein – in – in – in – na, es muß einmal heraus – in Baronesse Hedda!“

Hellstern war wie erstarrt.

„In Hedda?“ fragte er, maßlos erstaunt. „InmeineHedda?“

Der Kommerzienrat nickte.

„Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, daß ich eine ernsthafte Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine sehr ernsthafte. Ich habe ihm die Sache ausreden wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht über die Klippen und Untiefen gewisser gesellschaftlicher Vorurteile hinweggekommen. Der uralte Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum scheidet auch uns zwei. Sie haben den Ruhm des historischen Namens, ich nichts als das stolze Bewußtsein, ein Emporkömmling zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich stolz, denn was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst. Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man respektieren. Und das war’s, was mir Sorge machte, war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther die Sache aus dem Kopfe zu reden: ich fürchtete, in meinem Stolze verletzt zu werden ...“

Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er war sehr ernst geworden. Er hatte in diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so zu beherrschen, daß er den Kommerzienrat nicht kränkte, nicht beleidigte. Denn in der Tat – das wollte er nicht; es war doch etwas Respekteinflößendes in dem Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen Anschauungswelt auch der seinen lag.

Er ließ die Hand sinken.

„Zunächst die Hauptsache,“ fragte er; „haben die beiden sich schon verständigt?“

Schellheim schöpfte tief Atem. Es flog sonnig über sein Gesicht. Eine strikte Absage hatte er nicht erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun war Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah.

„Nein,“ antwortete der Kommerzienrat, „sie haben sich noch nicht ausgesprochen. Aber – Sie wissen, wie die Liebe forscht. Aus hundert kleinen Zügen hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten zu dürfen geglaubt.“

Hellstern schüttelte den Kopf.

„Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht, nicht die kleinste. Sie hat Gunther – hat Ihren Herrn Sohn –“

„Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron –“

„Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei- oder dreimal gesehen! Freilich, das will nichts bedeuten. Ich lernte meine gute Selige des Abends kennen, und am nächsten Abend waren wir Brautleute. Aber es frappiert mich doch, daß Hedda – nun, undSie, Kommerzienrat? Abgesehen von Ihren prinzipiellen Bedenken: würde Ihnen die Heirat passen?“

Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu sein. Aber als kluger Mann triumphierte er nicht.

„Gott, Herr Baron,“ erwiderte er, „ich bin kein Komödienvater. Ich habe das Für und Wider reiflich erwogen und mit meinem persönlichen Empfinden nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich würde die Sache noch erheblich ernster aufgefaßt haben, wäre Baronesse Hedda eine andre. Aberso! Ich muß Ihnen sagen, lieber Baron, daß ich vor Baronesse Hedda die allergrößte Hochachtung habe –“

„Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht hättest,“ dachte Hellstern.

„– und daß ich sie wahrhaft schätzen gelernt habe. Gerade die Anspruchslosigkeit ihres Wesens – das ist’s, was mir so gut an ihr gefällt. Und ichmeine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie sind auch so.“

„Wir sind alle so,“ erwiderte Hellstern. „Der märkische Adel hat sich immer nach der Decke strecken müssen. Er hat immer um Leben und Existenz gekämpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah’s in Ehren, wie draußen auf dem Schlachtfelde. Mit Ausnahmen natürlich – die gibt’s überall. Und wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzählen, daß unser Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie einfach –“

Er hielt einen Augenblick inne. Sein Großvater fiel ihm ein, ein wilder Mann, von dessen unsinniger Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug erzählt hatte. Ein Schatten flog über seine Stirn, und er winkte mit der Hand.

„Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat?“ fragte er. „Wie denktsieüber die Heirat?“

Schellheim lächelte. „Sie war von vornherein der Meinung, daß man dem Glücke unsres Sohnes keine Schwierigkeiten bereiten dürfe.“ Er seufzte. „Das ist es ja – im Grunde genommen ist ihr Standpunkt der einzig richtige. Ich möchte Gunther auch glücklich sehen. Er ist eine stille, bescheidene Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut – ich habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch einmal selbst gewählt hat und seine irdische Seligkeit von allerhand alten Scharteken abzuhängen scheint. Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen. Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter kann er sich seinen Studien noch besser widmen. Ich möchte wissen, wem es so bequem gemacht wird. Dann mag er ein paar Wintermonate in Berlin oder sonstwo verleben, meinetwegen auch auf Reisen, und im Sommer hat er Döbbernitz. Das ist auch für Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben Ihre Tochter immer in der Nähe, können täglich ein Stündchen mit ihr zusammen sein, wenn Sie Lust haben –“

„Und wenn aus der Heirat etwas wird,“ fiel Hellstern ein. Er erhob sich schwerfällig. „Nun hören Sie auch einmalmeineAnsicht, lieber Kommerzienrat. Ich will ehrlich sein: ich binnichtfür die Heirat. Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken – genau so wie Sie. Kein Mensch kann aus seiner Haut. Hätt’ ich einen Jungen und Sie hätten ein Mädel – ich würde mit Freuden ja und Amen sagen, wenn die beiden sich liebten und haben wollten, denn dann würde Ihre Tochter und die Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen tragen. Nichts für ungut, Herr Schellheim. AuchIhrName ist gut, nicht schön, aber ehrlich und fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich noch etwas in Vorurteilen; ich würde es lieber sehen, wenn Hedda einen Edelmann heiratet. Keinen vom Schlage Zernins natürlich – Sie verstehen mich schon! Nennen Sie mich töricht, verbohrt, bettelstolz – ich lass’ mir’s gefallen. Ich kann nicht anders – ich muß Ihnen die Wahrheit sagen ...“

Schellheim war etwas blaß geworden, und Hellstern sah das. Er legte seine Hand auf die Schulter des Kommerzienrats.

„Denken Sie mal nach, lieber Freund,“ fuhr er fort; „wir haben uns nie verstanden – ich meine nicht wir zwei, sondern Adel und Bürgertum im allgemeinen. Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit des Städtewesens so wenig wie heute. Sie lesen doch auch die Zeitungen. Die ganze liberale Presse paukt auf dem Junker herum –“

„Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie unterscheidet zwischen dem Junkertum, das nur Prärogative und keine Pflichten kennt, und dem wahren Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch die der Gesinnung verbindet.“

„Ich will mit Ihnen nicht über die Verlogenheit unsrer Presse streiten, Herr Kommerzienrat. Die Adelshetze wird systematisch betrieben – das ist Tatsache. Offizierkorps, Diplomatie, Landräte, die adeligenBeamten – alles Schufte, Schufte in den Augen des Liberalismus! Nur die paar, die zur gleichen politischen Fahne schwören, der Stauffenberg und Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und wie sie sonst noch heißen mögen, – das sind leuchtende Ehrenmänner! Nee, lieber Freund, an dem Faktum, daß die Kluft zwischen Bürger und Edelmann immer mehr vertieft wird, ist nicht zu rütteln. Und auch ein paar Heiraten herüber und hinüber überbrücken sie nicht. Na – und nun wieder zur Sache! Meinen Standpunkt kennen Sie. Aber auch in andrer Beziehung geht’s mir wie Ihnen. Ich will gleichfalls das Glück meiner Tochter. Ich werde mit ihr sprechen, werde sie einfach fragen, ohne zu- oder abzureden, werde ihr sagen: ‚Hör mal, der Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du auch etwas für ihn übrig, und wie denkst du über eine Ehe mit ihm?‘ Und nach ihrem Ja oder Nein werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernünftigste. Einverstanden, Schellheim?“

Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat schlug ein. „Wie sollte ich nicht!“ antwortete er. Und sie schüttelten sich die Hände.

„Nun aber zurück zur Gesellschaft,“ sagte Hellstern. „Man glaubt sonst, ich wollte Aktionär Ihrer Quelle werden ...“ Er schob seinen Arm unter den des Rats. „Also ich denke, ich werde Ihnen schon morgen Antwort erteilen können.“


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