Van Broon stieß einen Schrei des Entsetzens aus, Tomson aber, der schon aus dem Benehmen Dumfry's ersehen hatte, daß ihnen in der That mehr Gefahr drohe, als dieser eigentlich gestehen wollte, griff nach seinen Pistolen, untersuchte, ob die Zündhütchen noch festsäßen, rückte den Griff seines Cutlaß ein klein wenig mehr nach vorn, und schien dann ruhig den Erfolg abwarten zu wollen. Dumfry selbst war wohl ebenfalls nur durch die erste Ueberraschung außer Fassung gebracht, denn auf ein Zusammentreffen mit Indianern hatte er sich ja schon durch seine angenommene Tracht vorbereitet; fester nur zog er die Matte über sein Gesicht nieder, flüsterte seinen beiden Begleitern leise Muth zu, und schritt dann, die Richtung ein klein wenig verändernd, der äußersten Waldspitze zu, um, wenn die Indianer ihre Jölle etwa noch nicht gefunden hätten, wenigstens nicht selbst zu voreilig deren Lage zu verrathen. Hatte er aber zugleich gehofft, von den Eingeborenen unbeachtet zu bleiben, so sah er sich darin jedenfalls getäuscht, denn diese wandten sich, sobald sie seinen veränderten Curs bemerkten,ebenfalls langsam der Waldspitze zu, und Dumfry, der nun wohl fand, daß er nicht im Stande sein würde, ihnen auszuweichen, suchte jetzt nur so unerschrocken als möglich aufzutreten. Hielten ihn die Neuseeländer, was auch von vornherein seine Absicht gewesen, für einen, unter dem Tabu stehenden Führer der Weißen, so hatten sie nichts zu fürchten, denn noch waren diese uncivilisirten Stämme zu wenig mit Weißen in Berührung gekommen, die Pflicht der Gastfreundschaft gegen Fremde ganz vergessen zu haben.
Rasch näherten sie sich den Insulanern, die nun ihrerseits die drei Fremden ruhig erwarteten; Dumfry aber, so keck und zuversichtlich er früher gewesen schien, schrack doch, als er nahe genug kam, die Züge des Häuptlings zu erkennen, augenscheinlich zurück und sprach, anstatt die erste Begrüßung diesen Herrn des Bodens zu geben, kein einziges Wort. Die Wilden ihrerseits, die, hier noch dazu in der Mehrzahl, eine solche Artigkeit wohl erwarten zu können glaubten, schwiegen ebenfalls und Tomson, durch Dumfry's Betragen zuerst überrascht, trat endlich vor, streckte dem, den er für den Häuptling hielt, die Hand entgegen und sagte mit seinem offenen und ehrlichen Ton:
»Gott zum Gruß, Gentlemen, ich weiß freilich nicht, ob Sie englisch verstehen, thut aber auch nichts – werden schon wissen –«
»Sei der Gruß so treu gemeint, wie er klingt!« erwiederte, zu des Seemanns unbegrenztem Erstaunen, der Wilde nicht allein in ziemlich reinem Englisch, sondern auch noch sogar mit einem leichten Anflug irischen Dialekts, und ergriff dabei die dargebotene Rechte.
Es war eine hohe, stattliche Figur dieser Häuptling der neuseeländischen Krieger – sein braunes, von funkelnden, sprechenden Augen belebtes Antlitz durchzogen die regelmäßig, ja fast zierlichen Linien, die des Tättowirers Hand darauf zurückgelassen; sein Haupt schmückten rechts und links die mächtigen Flügel eines schwarzen Falken, und die rauhe Kriegsmatte hing ihm weit nach vorn über die linke Schulter und den Rücken hinab, daß nur der rechte, nackte Arm frei und unbehindert blieb. Einzelne weiße Albatroßfedern trug er in den Ohren, um den Nacken aber das Amulet seines Stammes, den grünen Teiki[16]mit seinen rothen, glänzenden Augen. Das Haar hing ihm, wie das auch theilweise auf den Inseln Sitte ist, lang und glatt über den Nacken herab, und seine Füße waren – ein nicht seltener Tauschartikel nordamerikanischer Wallfischfänger – mit buntgestickten Moccasins bedeckt, die vielleicht eine junge Squaw,[17]weit in den fernen Prairieen Amerikas gearbeitet, ohne daran zu denken, daß sie die Füße eines tausende von Meilen entfernten Kriegers schmücken sollten.
[16]: Die Neuseeländer lieben, wie fast alle wilde Nationen, den Putz, und schmücken besonders gern Kopf und Ohren, wie ihre Waffen, Häuser und Begräbnißplätze mit bunten, wehenden Federn; der kostbarste geachtetste Zierrath aber ist eine kleine, eigenthümliche Figur, Teiki genannt, die einen wunderlich gestalteten Mann mit großen rothen Augen vorstellt. Dieser Schmuck wird aus einem besondern grünen Stein geschnitten, und für einen Amulet, daher auch für ungemein werthvoll gehalten, und selten trennt sich ein Eingeborner von solchem Heiligthum, das als Erbstück gewöhnlich in den Familien bleibt.
[17]: Nordamerikanische Indianerin.
Seine Begleiter waren sämmtlich mit Feuergewehren bewaffnet, er selbst aber trug nur an seinem Handgelenk den Mirei, und zwar aus einem einzigen Stück eben des kostbaren, grünen Steines geschnitten, aus dem auch das, an seinem Nacken hängende Amulet bestand, während er in der Rechten den Häuptlingsstab[18]hielt, der mit seinem wunderlich geschnitztenKopf, den rothen Papageifedern und Büscheln von Hundehaaren von weitem einer jener alten Hellebarden glich, aber keineswegs als Waffe bestimmt schien, sondern nur die Autorität des Führers bezeichnen sollte.
[18]: Dieser Stab, von den Neuseeländern I Henei genannt, ist ein eigenthümliches, fast scepterartiges Emblem der Häuptlinge. Er besteht aus hartem Holz, und trägt als Knopf ein grotesk geschnitztes Gesicht mit ausgestreckter Zunge – was den Trotz gegen die Feinde bedeuten soll – die Augen sind aus kleinen Stücken Perlmutter hergestellt, und rothe Papageienfedern und Büschel von Hundehaaren umwehen ihn. Dieser Stab wird sowohl im Krieg als am Berathungsfeuer geführt, und zwar jedesmal dem Häuptling übergeben, der gerade das Wort führt. Er behält ihn dann hoch in der Hand und läuft damit vor den ihm aufmerksam Zuhörenden, im Eifer seiner lebendig ausgestoßenen Worte, auf und ab.
Während er dem Europäer die rechte Hand reichte, ließ er diesen Stab gegen seine Schulter fallen, und nahm ihn erst wieder auf, als er einen Schritt zurücktrat, und seine Augen jetzt fest auf den angeblichen Indianer geheftet hielt, der jedoch, seinen Kopf ebenfalls erhoben, die Büchse, wie nachlässig, in der Biegung des linken Armes, doch zum augenblicklichen Dienst bereit, trug, und nur einmal leise das Haupt wandte, um zu sehen, ob sich die übrigen Indianer ebenfalls zu ihnen gesellt hätten. Diese waren kaum noch hundert Schritte zurück, und einige von ihnenzogen sich langsam nach dem Meeresufer hinab. Die Weißen wurden auf diese Art von den dunklen, drohenden Gestalten rings umzingelt, und durften an Flucht nicht mehr denken; es galt jetzt nur noch, das Spiel, was sie begonnen, fest und ernst zu Ende zu führen.
Da brach der neuseeländische Häuptling zuerst das Schweigen, er stützte sich auf den Henei, den er in der Hand hielt, und sagte, während er die Blicke fest auf den falschen Indianer heftete, in der Sprache der Maories:
»Deine Hand ist bewaffnet, aber Dein Antlitz verhüllt, – braucht das Haupt, das der Tabu beschützt, die feindliche Wehr? fürchtet mein Bruder, daß ein Maori die Keule gegen ihn zücken werde? oder kennt er die Gesetze des Landes nicht? – EinMaoriist sicher!«
»Wohl kenn' ich die heiligen Gesetze« erwiederte der Verkleidete, und die Stimme drang unter der vorhängenden Matte dumpf hervor – »ich habe Nichts zu fürchten, und nur als Begleiter dieser Weißen trage ich die Waffe – kein Freundesblut klebt an meiner Hand, und daheim in meinem Pah stehen die Schädel meiner Feinde – ein Maori ist sicher!«
»Das lügst Du,falscherMaori!« schrie daplötzlich, sich zu seiner vollen Höhe erhebend, der wilde Krieger, und schwang den Stab, den er in der Rechten hielt – »Bleicher Verräther! wirf die heilige Hülle ab, die Dir nicht gebührt – zu Boden mit Dir, Mac Donald – Mörder Deines Weibes, zu Boden, denn die Stunde der Rache hat Dich ereilt!«
Wie von einem jähen Strahl getroffen, schrack der entlarvte Verbrecher, als die ersten zürnenden Laute sein Ohr erreichten, zusammen. –Verloren– das Blut schoß ihm in eisiger Kälte zum Herzen, – aber es war nur ein Augenblick, was hatte er auch jetzt noch zu wagen, woAllesauf dem Spiele stand.
»Zu mir, Tomson!« schrie er, und mit Blitzesschnelle fuhr die Büchse empor – ein Moment, und der scharfe, blendende Strahl zuckte aus dem Lauf – harmlos aber zischte die Kugel über dem Kopf des Häuptlings hin in die Luft, denn dieser, die Absicht des Feindes schon vorherahnend, traf mit seinem langen, gewichtigen Stab das Rohr von unten, und schlug es gerade im entscheidenden Augenblick empor. Tomson riß jetzt zwar auch mit der Rechten seinen Cutlaß, mit der Linken die eine Pistole hervor, von allen Seiten warfen sich aber die Eingeborenen über ihn, und während die Nächsten gegen Mac Donald anstürmten, und ihn zu Boden schleuderten, faßten und umschlangen die Uebrigen den Seemann und seinen,schon vor Angst halbtodten Gefährten, banden ihnen die Hände auf den Rücken, und nahmen ihnen Alles ab, was niet- und nagellos an ihnen war.
Mac Donald kämpfte aber wie ein Rasender – den Tomahawk hatte er, als er seine Kugel vergeudet sah, aus der Scheide gerissen, und der Streich, den er damit gegen den, auf ihn eindringenden Häuptling führte, wäre jedenfalls für diesen verderblich geworden, hätte nicht in demselben Augenblick der Schlag eines Patu[19]seine Stirne getroffen, und ihn besinnungslos zu Boden geworfen.
[19]: DerPatuist ebenfalls eine beliebte und fürchterliche Waffe der Insulaner. Er besteht aus leichtem Holz, ist etwa vier Fuß lang und hat oben eine beilartig geschärfte Kante. Der Kopf ist, wie bei dem Henei, mit Federn und Haarbüscheln geschmückt.
Noch im Stürzen griff er nach dem Fell, das er bis dahin, von dem Tapamantel verdeckt, bei sich getragen, des Häuptlings Faust lag aber an seiner Kehle, und als dieser die Matte von seinem Antlitz riß, und die wilde, ihn umdrängende Schaardenerkannte, den sie als ihren Todfeind geächtet und verfolgt, da stieg jauchzendes Triumphgeschrei in die Lüfte, und der Führer mußte seinen Stab über das Opfer legen, daß die gerechte Rache nicht dem entzogen würde, dem sie gebührte.
Tomson, der in Kampf und Ueberfall, ja sogar in der eigenen Noth und Lebensgefahr, in der er selbst sich befand, doch nicht das immer drohender werdende Firmament vergessen hatte, und ängstlich dabei seines armen Fahrzeugs gedachte, rang noch wüthend mit denen, die ihn hielten und bewachten. Der Häuptling aber, als er den eigenen Feind in sicherem Gewahrsam sah, schritt auf ihn zu, legte die Hand leicht auf seine Schulter und sagte, während ihm der Seemann mit finster drohendem Blick ins Auge schaute.
»Fürchtet nichts, Sir. – Nicht Ihr habt die Gesetze unseres Landes gebrochen und mit Füßen getreten, wie es Jener that. Erlog, als er Euch sagte, daß er nur Einen der ihm feindlich gesinnten Häuptlinge im offenen Kampfe erschlagen. Er log, als er sich unter Heki's Schutz erklärte, denn ich bin Heki selbst, und keinen grimmigeren Feind hat er auf dieser Welt, als mich. Aus dem, durch das Gesetz des Tabu geheiligten Platz stahl er das Eigenthum seines, durch ihn schändlich gemordeten Weibes, und wie ein feiger Verräther entfloh er damals der gerechten Strafe. Erlogauch, als er sich für den Eigenthümer, auch nur eines Fuß breit neuseeländischen Bodens erklärte – demGattenmeiner Schwester gehörte es, nicht ihremMörder. Nur zu gutkannte er aber unsere Sitten, und vielleicht wäre es ihm gelungen, unter dem Schutz desselben Glaubens, den er zu gleicher Zeit brach und schändete, seinen Raub in Sicherheit zu bringen, hätte ihn nicht sein Etuë[20]selbst in die Hand der Rache gegeben. Nur ihm gilt jetzt unser Zorn. Ihr dagegen mögt in kurzer Zeit ungehindert zu Euerem Fahrzeug zurückkehren; doch hütet Euch, neuseeländischen Boden wieder zu betreten.«
[20]: Die bösen Geister der Neuseeländer.
Tomson, obgleich aufs Aeußerste erstaunt, wie der Neuseeländer Alles das wissen konnte, was sie doch an Bord seines eigenen kleinen Kasuar verhandelt, war dennoch gerade jetzt viel zu sehr mit diesem selbst beschäftigt, um irgend einem anderen Gegenstand einen mehr als flüchtigen Gedanken zu zollen.
»Ungehindert?« rief er trotzig, und schaute mit wildem und doch besorgtem Blick nach dem südlichen Horizont hinüber – »seht dort das aufsteigende Wetter an, und sagt dann noch einmal, daß es ungehindert geschehen wird. Seeschlangen und Eisbären! wenn der Sturm dort unser kleines Fahrzeug an jenen verdammten Riffen überrascht, möchte ich keinen Schilling für Alles, was an Bord lebt, geben.«
»Will Euch Euer Gott strafen, daß Ihr den Frieden dieses Landes gebrochen,« sagte der Wilde ruhig, »was kümmert das mich. Ich war es nicht, der Euch hierhergerufen.« Und ohne die Gefangenen weiter eines Blickes zu würdigen, wechselte er einige Worte mit seinen Leuten, und schritt diesen langsam voran in das Dickicht, wohin ihm die Schaar, die Gefangenen in der Mitte, folgte.
Die Sonne sank – im Westen deckten nur leise, purpurne Dunstschleier den Horizont, düster aber und schwarz von dem Wiederglanz der scheidenden Strahlen, thürmten sich im Süden immer dichtere, undurchdringlichere Wolkenmassen empor. Was der Tag und die sengende Gluth seines Gestirns bis dahin niedergehalten, quoll jetzt in nicht mehr dämmbarer Gewalt höher und höher. Aber nicht rasch stürmte es herbei, wie die jähen Gewitter des Golfstroms, mit ihren daherjagenden Böen und Wirbelstößen, langsam kämpfte es seine Bahn herauf, gegen den heißen Nord, langsam aber sicher gewann es sich jeden Fuß breit Bahn, und die Wasser der Bai, als ob sie den nahen und fürchterlichen Kampf der Elemente ahneten, schmiegten sich leicht zitternd an das Ufer an, und hoben nur manchmal, inkleinen, ängstlichen Spritzwellen die Häupter, um zu sehen, ob der gefürchtete Gegner noch nicht nahe, und sie aufrüttele aus ihrer stillen, friedlichen Ruhe.
Delphin und Schwertfisch zogen sich in ihre dunkle Tiefe hinab, und das Albatroß selbst suchte, die schweren, mächtigen Fittiche hebend, den Schutz des festen Landes, während nur noch »Mutter Careys Küchelchen,« die flüchtige Sturmschwalbe der Meere, in leichten Kreisen über die Wogen strich, und mit den nach ihr aufspritzenden Wassern zu spielen schien.
Rasch, wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück, graue Dämmerung, durch all' die schwarzen, empordrängenden Nebelschichten nur noch unheimlicher und düsterer gemacht, hüllte bald den stillen Wald in ihren grauen Schleier, und Meer und Luft verschmolzen zu einer ununterscheidbaren Masse.
Nur der leuchtende Schaum einzelner Wellen stach weiß und geisterhaft gegen seinen dunklen Hintergrund ab, und durch das leise, kochende Gähren und Brausen, aus all' der Nacht und Finsterniß hervor, strahlte das helle, einzelne Licht des fernen Schooners, während drei, rasch nach einander abgefeuerte Schüsse die fernen Freunde vor der nahen drohenden Gefahr warnten.
Da glitt aus der sicheren, schmalen Mündung des Ta-po-kaï, zwischen den weit überhängenden, schaukelndenZweigen vor, eines der langen, scharfgebauten, neuseeländischen Canoes, deren Führung die Eingeborenen mit so meisterhafter Hand zu leiten wissen. Acht Männer saßen an den Rudern, doch mit den Gesichtern nach vorn, und die Ruder frei in den Händen, während Heki, seinen Stab noch immer in der Rechten, mit der Linken dagegen das hohe, mit Albatroßfedern gezierte Steuer regierend, aufrecht im Stern des Canoes stand und den Lauf des flüchtigen Bootes lenkte. Im Boden desselben, und dicht vor dem Häuptling, lagen drei dunkle gebundene Gestalten, aber kein Wort kam über ihre Lippen, schweigend starrten sie zu dem, drohend über ihn ausgespannten Firmament empor, und ebenso lautlos tauchten die Eingeborenen ihre Ruder in die nur leise zischenden Wogen, über die sie mit Pfeilesschnelle dahinschossen.
Es war Ebbe und die Strömung trug sie ihrem Ziel gerade entgegen, doch hielt der Steuernde nicht gerade auf das Licht zu, sondern ließ dasselbe eher zur rechten liegen, als ob er durch den engen Kanal in die offene See hinausfahren wollte. Tomson mußte auch wohl einen solchen Verdacht gefaßt haben, denn er hob mehre Male ängstlich den Kopf und starrte nach seinem Fahrzeug hinüber; endlich konnte er es aber nicht länger aushalten, und versuchte sich miteinem leise gemurmelten Fluch emporzurichten. Da wandte sich der, dicht vor ihm kauernde Insulaner rasch nach ihm um, und das drohend gehobene, schwere Ruder verrieth nur zu deutlich, was ihm bevorstehe, wenn er sich jetzt einer Macht nicht geduldig füge, der er doch keinen Widerstand zu leisten vermochte. Van Broon lag, halbtodt vor Angst und Entsetzen, neben ihm – wer aber konnte die dritte, regungslose Gestalt im Boote sein? Hatten die Wilden ihrer Rache wirklich entsagt, oder – großer Gott, war es gardie LeicheDumfry's, die sie – nein, der Körper lebte und bewegte sich, doch weiter vermochte der Seemann Nichts zu erkennen. Seine Aufmerksamkeit wurde auch jetzt zu sehr auf den Schooner selbst gelenkt, denn der Bug ihres Canoes neigte sich plötzlich diesem zu, und hielt gerade darauf hin.
Jetzt schienen aber auch die Geister des Sturmes zum ersten Mal die Fesseln zu brechen, die sie bis dahin in Schranken gehalten; ein greller Blitz erleuchtete mit fast mehr als Tageshelle das südliche Firmament, die hochaufkochenden Wasser, und während noch der Donner in weiter Ferne nachrollte, kam der brausende Orkan jubelnd und jauchzend über das Meer daher, griff wie im Spiel die zurückschreckenden Wogen auf, und trug ihren glänzenden, funkelnden Schaum hoch mit sich in die wirbelnde Luft hinein.
Das Canoe arbeitete sich indessen mit rasender Schnelle durch und über den gährenden Schaum hin, der die ganze See bedeckte. Schon konnten sie die dunklen Umrisse des Kasuar selbst erkennen, und in dem nämlichen Augenblick, als ein zweiter blendender Strahl sein weißes Licht über das Meer goß, glitt es dicht an die Bulwarks des, noch vor seinem Anker reitenden Schooners hinan. Im Nu war es am Bug desselben befestigt, und die wachthabenden Matrosen fuhren entsetzt empor, als plötzlich, wie der stürmischen Tiefe entstiegen, dunkle, geisterhafte Gestalten an ihren Bord sprangen. Wohl griffen sie, kaum etwas anderes, als einen nächtlichen Ueberfall der Wilden ahnend, und zum Tod erschreckt, zu Allem, was ihnen nur als Wehr und Waffe unter die Hände kam. Ehe sie aber selbst im Stande waren, das recht zu begreifen, was um sie her vorging, erschütterte plötzlich ein heftiger Stoß den zitternden Schooner bis in seinen Kiel hinab. Zu gleicher Zeit, ja fast in demselben Moment, gellte ein wildes, dämonisches Jubelgeschrei in ihre Ohren, und der dunkle Schatten des schlanken Canoes schnellte plötzlich wieder von ihrem Fahrzeug zurück, in die weiße, zischende Fluth. Trotzig bäumten sich die in zürnendem Unmuth anwachsenden Wogen darum her, und griffen mit den zerrinnenden Armen danach, doch unberührt von demAllen, und still und regungslos, wie sie gekommen, stand die hohe, dunkle Gestalt am Steuer, die Ruderer arbeiteten, und das Canoe schoß, wie von Geisterhand getragen, durch den aufgerüttelten Grimm des tobenden Elements.
»Hülfe!« ächzte in diesem Augenblick Van Broon, der durch das Steigen des Schooners von dem Platz wo er lag, gegen die Bulwarks angeworfen wurde und jetzt nichts anderes glaubte, als er läge schon über Bord – »Hülfe – Hülfe!«
Die Matrosen trauten kaum ihren Sinnen, als sie die bekannte Stimme hörten, der Ruf ihres Capitäns riß sie aber bald aus ihrem ersten stummen Staunen.
»Alle an Deck!« schrie er. »Alle an Deck, und hier – Bill, Ned – Bob – Donnerwetter ist keiner der Hallunken da – bindet uns los hier – verdamm Euere Augen, hört Ihr nicht?«
Rasch sprangen die ihm nächsten hinzu, und wenn sie auch nicht begreifen konnten, was hier vorgegangen, ja kaum, wie ihr Capitän eigentlich an Bord gekommen sei, so ließ ihnen die Gefahr des Augenblicks doch keine Zeit zu Fragen und Erstaunen – hier galt es nur zu handeln, und schnell banden sie die Stricke los, mit denen die drei Gefangenen umwunden waren. Da erhellte wiederum ein zuckenderStrahl das Meer – Tomson's, wie fast aller Uebrigen Blicke fielen neugierig auf die dritte Gestalt, die noch immer laut- und regungslos zwischen ihnen stand, und das Erstaunen läßt sich denken, mit dem sie fast zu gleicher Zeit ausriefen – »Ned – der Sträfling!«
Obgleich nun Tomson allerdings nicht begriff, wie der Sträfling sowohl ans Ufer, als auch in ihr Boot gekommen sein könne, so wurde ihm doch jetzt auch plötzlich klar, daß es eben dieser Bube sein müsse, der sie verrathen und ihren Feinden überliefert hätte. Die Sorge um sein Fahrzeug ließ ihm aber für den Augenblick keine Zeit zu solchen Betrachtungen.
»Segel los« – schrie er – »Pest und Teufel, wir treiben – die heillosen Schufte haben unser Ankertau durchgehauen – steht bei dem Gaffelsegel, ihr Leute – die Brefock auf – steht bei, sag' ich – Schufte die Ihr seid« – und rasch, unter wild gegebenen Befehlen und Flüchen sprang der würdige Seemann selbst ans Steuerruder, während die Matrosen, in der eigenen Gefahr Alles übrige um sich her vergessend, nur den Schooner vor dem ihm drohenden Verderben zu bewahren suchten.
So rasch die Fluth nämlich, als sie an diesem Morgen in die Bucht eingelaufen, das enge Felsenthor landeinwärts durchströmte, so reißend schoß auchjetzt, noch von dem wirbelnden Wind getrieben, die Ebbe hinaus, und das kleine, schaukelnde Fahrzeug, das in der letzten Minute den Felsen näher und näher getrieben war, fühlte kaum den Druck des Segels, unter den es das schnell gerichtete Steuer brachte, als es sich auch im wilden Ansprung auf die nächste Woge schwang, und jetzt, von Strömung und Wind begünstigt, rasend schnell durch die Fluth dem gähnenden Thor entgegen brauste. Kaum noch hundert Schritt war es von diesem entfernt – deutlich konnten sie das wilde Anstürmen der Wogen erkennen, die sich wie feurige Strahlenkämme an seinen starren Häuptern brachen – jetzt schien es, als ob der zitternde Schooner, mit vollem, gewaltigen Anlauf, toll und wild gerade hinanstürmen wolle auf den Felsenkamm, der ihn zerschmettert der Tiefe zusenden mußte. Die Mannschaft stand unthätig am Bug – die nächste Secunde sollte ihr Schicksal entscheiden, und nur noch wenige Klaftern Seeraum trennte sie von ihrem Tod. Dicht vor ihnen ragte der Fels empor, und das Schiff – ha, es neigte sich ab – großer Gott, jener scharrende Laut, der das Herzblut der Männer stocken machte – es war die Seitenwand des Kasuar im vorbeischnellenden Druck an der Steinsäule des linken Thores. – Und der Schooner? – frei und frank schoß er von der nachdrängenden Fluthgehoben, in die offene See hinaus, dicht hinein in das enggereefte Segel legte sich der nachdrängende Sturm, und wie dem Element angehörig, tanzte das wackere, kleine Seeboot gerettet auf dem wogenden, zürnenden Meer.
Noch hatten sich die Matrosen nicht von der fürchterlichen Angst des Augenblicks erholt – noch standen die Leute still und regungslos an ihren Plätzen, und wagten es kaum zu glauben, daß die Gefahr jetzt wirklich vorüber sei, denn die offene See fürchtete keiner, da rief sie aufs Neue Tomson's Stimme zu den eben vorübergegangenen, aber in der Gefahr des Augenblicks schon fast vergessenen Scenen zurück.
»Bindet den Schuft – den Ned, und werft ihn in den Raum hinunter – Du Bob, nimm hier das Steuer, bis ich einen Anderen der Leute herschicke. Hallo – wo ist Van Broon – wo ist der Holländer, hat ihn die Angst getödtet?«
Das war jedoch keineswegs der Fall; der würdige Mann hatte in der That von dem Umfang der Gefahr, die sie eben noch bedroht, keine Ahnung gehabt, sondern nur ruhig seinen Platz hinter einem der Wasserfässer behauptet, wo er wenigstens nicht durch das Schaukeln des Fahrzeugs umhergeworfen werden konnte. Seine ganze Aufmerksamkeit schien aber bis dahin ein ziemliches, ansehnliches Packet ausschließlichbeschäftigt zu haben, das ihm die Insulaner, als sie ihre Gefangenen an Bord des Kasuar gebracht, in den Arm gedrückt, und dessen Inhalt er der vielen darum gewundenen Bänder wegen, noch nicht erforschen gekonnt, obgleich es ihm bei dem Leuchten der Blitze allerdings so vorkam, als ob das darumgeschlagene Fell dasselbe sei, was Dumfry auf der Insel geraubt und wegen dem sie, wie er jetzt wohl glauben mußte, die ganze unglückselige Fahrt unternommen. Sobald er übrigens Tomson's Ruf hörte, arbeitete er sich nach besten Kräften zu ihm hin, und dieser, nachdem er ihm mit kurzen Worten die Existenz des Packets, wie die Schwierigkeit es zu öffnen, angezeigt, zog rasch sein Messer und durchschnitt die Schnüre.
»Capitän,« sagte da Einer der Matrosen, der in gleicher Zeit zu ihnen trat, »Ned trägt, in ein Stück indianische Matte eingeschlagen, eine ganze Parthie Geldstücke um den Hals gebunden, will aber nicht gestehen, woher er sie hat – wollt Ihr so gut sein und sie in Verwahr nehmen?«
»Geld!« frug Tomson erstaunt, »wo mag der Schuft das aufgetrieben haben? – und dieß Packet?«
Er hatte die Bänder gelöst, schlug das Fell auseinander, und wollte eben mit der Hand nach dem Inhalte fühlen, da zuckte wieder ein heller Blitz von den grollenden Wolken nieder, und einen Schrei desEntsetzens stießen die Männer aus, denn von der dunklen Hülle umgeben, dem schwefelgelben Strahl schauerlich und graß beleuchtet, starrten ihnen die bleichen, verzerrten Todtenzüge Dumfry's entgegen.
Wild tobte der Sturm – die Wogen schäumten und brausten, und das kleine Fahrzeug kämpfte die ganze Nacht gegen den heulenden Grimm der Elemente an. Endlich dämmerte der Morgen, das milde Tageslicht beschwichtigte den Orkan, und die weißen Segel des Kasuar blähten sich der Heimat entgegen; am Starbordgangweg aber standen die Matrosen, und mit dem leise gemurmelten Gebet der ernsten Schaar sank, während eben am östlichen Horizont die aufsteigende Sonne ihr heiteres Leben über die See blitzte, das blutige Todtenhaupt des Gerichteten in die dunkle Tiefe hinab.
Im Jahre 1848, am 12. November Abends war Berlin in Belagerungszustand erklärt und am 13. Mittags glitt ich im zitternden Coupé, von der keuchenden Locomotive blitzschnell über das flache, reizlose Land gerissen, der bedrohten Residenz entgegen.
»Werden wir noch hinein kommen? – wird man uns Fremden den Aufenthalt dort gestatten?« solche Fragen kreuzten sich besonders auf den letzten Stationen, wo militärische Helme zu immer unausweichbareren Gegenständen wurden, häufig herüber und hinüber, und endlich ergab sich die peinliche Gewißheit des Nichthineinlassens, als in Jüterbock ein Lieutenant mit sechzig Mann zu uns stieß und uns, freilich auf die freundlichste und artigste Weise, die Nachrichtgab, er habe bestimmte Ordre, den ganzen Zug nicht weiter als Trebbin zu lassen.
Guter Gott! Trebbin! – vier Meilen von Berlin, auf wohlriechender Haide, Abends acht Uhr, in stockfinsterer kalter Nacht! Und dazu die Erklärung Mehrerer, die dort bekannt waren, daß im ganzen Neste wahrscheinlich nicht einmal Leiterwagen genug aufzutreiben sein würden, um uns weiter zu transportiren! Reizende Lage, in der es noch als ein Glück erschien, die ganze Nacht auf einem Leiterwagen und schlechten Wegen durch das Land gerädert zu werden!
»Schafft man die königlichen Beamten auch nicht weiter?« fragte ein beleibter, bleichwangiger Gesell in einem feinen grauen Tuchmantel und einer Art Dienstmütze, in einem Ton, der gar nicht verkennen ließ, wie er bei beruhigender Antwort mit der Maßregel vollkommen einverstanden gewesen wäre. – »Thut mir leid; meine Ordre besagt, denganzen Zugohne Ausnahme anzuhalten,« lautete die Antwort des Offiziers. – Das war doch ein Trost; die preußischen Beamten blieben wenigstens nicht im Coupé sitzen, und »Arm in Arm mit ihnen« konnten wir das Geschick in die Schranken fordern.
In Jüterbock hielt der Zug wegen der Aufnahme des Militärs länger an als gewöhnlich, und der Beamteunterhielt sich indessen aus dem Coupé heraus mit einigen davorstehenden Soldaten, die eben ihrem Lieutenant drei donnernde Hurrahs gebracht hatten. – »Morgen kommen wir auch nach Berlin!« riefen diese und die Wirkung starker Getränke war bei ihnen nicht zu verkennen. »Hussah, morgen kommen wir!« – »Das ist recht, Kinder,« sagte der freundliche Beamte und nickte ihnen lächelnd zu; »haltet nur nicht zu hoch!« – »Bewahre, altes Haus!« sagte einer der jungen Bursche, »eben die rechte Höhe und mitten hinein!« – »Bravo, meine Jungen!« nickte der Beamte und der plötzliche Ruck, den der Wagen that, setzte ihn einem hagern, hohläugigen Mann, der in einfach grober, aber sauberer Tuchkleidung dicht hinter ihm saß, auf den Schooß.
Der Hagere entschuldigte sich auf das ängstlichste, daß er dem Manne, von dem ihm wahrscheinlich sein Instinkt sagte, es sei Einer, der mit der Regierung in Verbindung stehe, im Wege gesessen habe, rückte, so weit es anging, von ihm zurück und benahm sich überhaupt so eigenthümlich, daß ich nicht umhin konnte ihn etwas genauer zu betrachten.
Er mochte etwa in den vierzigen sein, vielleicht war er auch jünger, denn die fahlen Züge sprachen von ertragenem Leid. Scheu und doch auch wiederneugierig blickten die hellgrauen Augen um sich, schienen auf nichts zu haften und begegneten nie einem andern Blick. Ich würde den Mann für einen Verbrecher gehalten haben, hätte mich nicht die unverkennbare Behaglichkeit, mit der er sich manchmal, besonders wenn er einen Augenblick vor sich niedergesehen hatte, die Hände rieb und leise vor sich hinschmunzelte, irre gemacht.
Das Licht wurde plötzlich draußen weggenommen, Dunkelheit umgab uns wieder, und weiter ging's in sausender Schnelle von Jüterbock fort; hinter uns drein tönte das Hurrah der Soldaten, und unter uns, um uns, vor und hinter uns klapperten, keuchten, knarrten und rasselten Räder, Schienen und Achsen. – Nicht lange, so war die nächste Station erreicht; hier sollten wir den Güterzug von Berlin erwarten; kurzer Aufenthalt wurde uns angekündigt und die meisten stiegen aus, um eine Tasse heißen Kaffee zu trinken; das Wetter rechtfertigte wenigstens ein solches Verlangen. In der Restauration sah ich zufällig meinen hagern Nachbar neben mir; er stand nicht weit vom Büffet und schaute nach der großmächtigen Kanne und den Tassen hinüber. – »Haben wir von hier aus noch weit nach Trebbin?« fragte ich ihn, mehr eigentlich, um einGespräch mit ihm anzuknüpfen, als aus wirklichem Interesse für die Antwort. –
»Das weiß ich nicht,« sagte der Hagere schnell, schüttelte dabei das lächelnde Gesicht mit dem halbgeöffneten Mund und sah mich zum erstenmal mit den hellglänzenden Augen fest an. »Ich weiß gar nichts,« fuhr er gleich darauf fort, noch ehe ich mich von ihm abwenden konnte, »nicht das mindeste. – Sie wissen doch wohl, wo ich herkomme?«
Ich blickte erstaunt zu ihm hinüber. »Ich weiß gar nichts! – Sie wissen doch wohl wo ich herkomme?« – was sollte das heißen? –
»Sind Sie hier fremd?« frug ich ihn. –
»Fremd? ja, ich komme von Torgau,« lächelte der Mann und rieb sich immer eifriger und mit immer mehr aufgeheiterten Zügen die Hände. »Ich bin mit unter den Amnestirten; ich weiß gar nichts von der Welt – ich sitze seit 1831 auf der Festung.«
Allmächtiger Gott! mir zog es eiskalt durch Mark und Bein. Der Mann war siebzehn Jahre hinter Festungsmauern begraben gewesen, und jetzt, in diesem Augenblick, in diesen Zuständen, sprang er auf einmal, wie neugeboren, aber mit vollem staunenden Bewußtsein, mitten in's Leben hinein. – »Ja,« lächelte der Unglückliche und rieb sich nochimmer stillvergnügt die Hände, »da können Sie sich wohl denken, daß ich gar nichts weiß. – Ach bitte, nicht wahr, das ist Kaffee dort, was der Mann ausschenkt?« – »Ja,« erwiderte ich und konnte den Blick nicht abwenden von der Leidensgestalt. – »Der wird wohl verkauft?« – In dem Moment wurde draußen hastig die Glocke gezogen; wir mußten schnell in unser Coupé zurück, denn der Güterzug kam eben mit rothglühendem Rachen und leuchtendem Athem auf dem schmalen, dunkeln Damm herangeschnaubt.
Dicht neben uns hielt der Zug und alle Fenster waren rasch besetzt, um Neuigkeiten von Berlin zu erfragen. »Wie steht's dort? kommen wir noch hinein? – ist schon geschossen worden?« – »Ganz gut – Alles ruhig – keine Gefahr!« tönte es hin und wieder. Ein junger Mann, der mit dem Güterzug gekommen war, sah die Soldaten in unserem Train. – »Euch wollen sie nach Berlin haben, daß ihr das Volk sollt unterdrücken helfen!« rief er ihnen zu, »und ihr seid doch unsere Brüder!«
Der Beamte mit dem bleichen Gesicht und der Dienstmütze, der die Worte gehört hatte, bog sich rasch zum andern Fenster nach der Restauration zu hinaus und flüsterte draußen Stehenden etwas zu.»Was? der Kerl will die Soldaten aufreizen?« riefen dort ein paar Männer und schauten zwischen den Wagen unseres zur Abfahrt bereiten Zuges nach den Wagen des Güterzugs hinüber. »Wart, Canaille, wenn hier der Zug fort ist, mit dir wollen wir sprechen!« – »Holt ihn ein Bischen heraus,« sagte der Beamte freundlich; »den müßt ihr euch einmal besehen.« – »Na wart nur!« riefen die Gereizten, »also die Weißmütze? – ich sehe sie schon in der Ecke!«
Ich bog mich rasch aus dem Wagen nach dem Güterzug hin und rief dem jungen, wirklich bedrohten Fremden zu, in ein anderes Coupé überzusteigen; dann aber und während jetzt unsere eigene Locomotive mit gellendem Jubelschrei aufbrach, wandte ich mich an den freundlichen Beamten und sagte ihm frei, was ich von ihm dachte. Er war geschmeidig wie ein Ohrwurm; er hatte es ja gar nicht so bös gemeint, »dieLeute thäten nichts der Art,daswären Menschen wie die Kinder etc.« – Pfui über den Schuft, das sind die wahren Wühler, die heimlich, wie giftiges Geschmeiß, im Lande herumkrochen und in der Stille hetzten und geiferten dem offenen Wort gegenüber, und dabei süß, unschuldig drein schauten und fromm und liberal thaten.
Eine halbe Stunde später kamen wir nach Trebbin,und glücklicher Weise fand unsere Eskorte daselbst Contreordre. Der Lieutenant, den es selbst zu freuen schien, daß er uns den unangenehmen Aufenthalt ersparen konnte, verkündete uns, der Zug dürfe ungesäumt weiter gehen. Um neun Uhr liefen wir in den Berliner Bahnhof ein, und Massen dort aufgestellten Militärs verkündeten uns, wären wir nicht schon unterrichtet gewesen, den Belagerungszustand der Stadt. Es wurden uns weiter keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt, nur Bewaffnete, deren wir jedoch keine bei uns hatten, sollten nicht eingelassen werden.
Ich durchwanderte die Friedrichsstadt noch am selben Abend nach allen Richtungen. Todtenstille in den Straßen; nur hie und da an den Ecken kleine Trupps vor einem von der Laterne beleuchteten Plakat. Dieses handelte von Zusammenrottungen auf den Straßen; am Tage durften nicht mehr als zwanzig, Abends nicht mehr als zehn Menschen beisammen stehen; gingen sie nicht auseinander auf die Aufforderung der Patrouille, so hatte das Militär von seinen Waffen Gebrauch zu machen. – Unter den Linden, besonders an den Ecken der Friedrichsstraße, standen Menschengruppen; Jungen verkauften ein Plakat des Referendars Wache, mit der Anempfehlung: »ohne Erlaubniß Wrangels.« Unter der einen Laterne erzählte Jemandirgend einen Vorfall; Neugierige traten hinzu und es bildete sich bald ein Haufen von wohl fünfzig bis sechszig Personen. Da tönte der schwere gleichmäßige Schritt einer Patrouille die Allee herab. –
»Meine Herrn, treten Sie in kleinere Trupps,« bat der Sprecher; »immer zehn und zehn, wenn ich bitten darf.« – Die Menge zertheilte sich schnell und ohne weitern Zuredens zu bedürfen. – »Hier können wir noch zwei brauchen,« sagte Einer; »so, jetzt haben wir gerade das Deputat!« ein Anderer. Hie und da lachte Einer, als die Soldaten ernst und schweigend vorbei schritten, die verschiedenen kleinen Trupps aber nicht weiter belästigten. »Ruhe! – nicht lachen!« riefen Andere und die Patrouille bog in die Friedrichsstraße ein.
Dieselbe Ruhe herrschte in andern Straßen, dieselbe Ordnung; wer nicht manchmal einer Patrouille begegnete; hätte nicht daran gedacht, daß er sich in einer belagerten Stadt befinde. – Am nämlichen Abend war eine Deputation von Stettin aus unterwegs, welche folgende Demonstration beabsichtigte. Die achthundert Mann trugen alle breite weiße Papierstreifen an den Hüten, auf denen mit großen Buchstaben gedruckt stand:Ehre der Nationalversammlung! Stettin. – So hatten sie am nächsten Morgen in feierlicher Procession die Stadt durchziehenwollen, aber der ganze Bahnzug war (wie man das auch bei uns, wo man wohl eine ähnliche Deputation vermuthet, anfangs beabsichtigt hatte) auf der letzten Station vor Berlin aufgehalten worden, und nur einzelne Mitglieder, ich glaube acht oder zehn, ließen sich auf einem Leiterwagen nach Berlin schaffen. Einige derselben sollen, wie man sagte, gerade wegen jener, als Plakate angesehenen Zettel verhaftet worden sein.
Am nächsten Morgen brachte ein frisches Plakat des Kommandirenden etwas regeres Leben in die Masse; die Patrouillen seien verspottet worden, hieß es, und haben jetzt strengen Befehl erhalten, bei der geringsten Widersetzlichkeit vollen Gebrauch von ihren Schießwaffen zu machen. Die Jungen rissen hie und da solche Zettel herunter und klebten dafür die von Wache an, worin Wrangel und seine Proklamation verhöhnt waren, und die ihrerseits wieder von den Soldaten entfernt wurden. So sah ich am Schloß einen Jungen am eisernen Gitter eines der untern Fenster hoch emporklettern und soweit darüber, als er reichen konnte – gewiß 18-20 Fuß vom Boden – eine Wache'sche Proklamation ankleben. Gleich darauf kam eine Patrouille, und einer der Soldaten mußte jetzt ebenfalls dort hinauf und mit dem Bajonett das mißliebige Papierunter dem Jubel der umstehenden Jugend herunterstoßen.
Wunderlich sahen die königlichen Gebäude aus. Das Schauspielhaus, das Museum, die Münze, des verstorbenen Königs Palais, das Schloß, die Bauakademie, das Zeughaus, alle Gebäude der Art wimmelten von Militär, Helm an Helm sah aus den Fenstern heraus und doppelte Schildwachen, alle marschfertig gerüstet, standen davor Wache.
Und was sagte das nämliche Volk, das sich am 18. März mit so kecker Todesverachtung, fast ganz unbewaffnet, auf den Barrikaden eben dieser Straßen geschlagen hatte – was sagte das Volk zu dem Herrscherton, wie ihn Wrangel annahm? – Eigenthümlich war die Stimmung der Stadt: überall Entrüstung über Wrangel, überall verhaltener Grimm, und doch fast ängstliche Besorgniß vor einem Zusammenstoß mit den Truppen.
An irgend einer Ecke, der Leipziger Straße glaub' ich, hatte das Militär mit einbrechender Dämmerung ein Haus besetzt, das von oben bis unten, wie man draußen sagte, nach einer Vitriolspritze durchsucht wurde; man fand jedoch nichts und die Patrouille zog wieder ab. Vor dem Gebäude hatte sich indeß eine ziemliche Schaar Neugieriger versammelt, dochnahmen die Soldaten keine Notiz davon und marschirten die Straße hinab. Gleich darauf kam eine Uhlanenpatrouille und der Offizier forderte die Menge auf, sich zu zerstreuen. Dieß geschah auch, und nur vor dem durchsuchten Haus blieben noch etwa zwanzig oder dreißig Personen zurück. Die Uhlanen ritten langsam daran vorbei, als Einer aus der Menge höhnisch hinter ihnen her lachte und ein Schimpfwort rief. Das wäre ihm aber beinahe übel bekommen; die Uhlanen achteten es allerdings nicht, aber die Umstehenden fielen unter dem Ruf: »verdammter Reaktionär!« über den Lacher her, und er konnte einer tüchtigen Tracht Schläge nur durch die heilige Versicherung entgehen, daß er keinen der Soldaten, sondern »einen Freund von sich« gemeint habe.
An diesem Tage war auch auf's Neue ein Plakat, die Einlieferung der Waffen betreffend, angeschlagen und die Stimmung, die sich darüber aussprach, schien eine allgemeine: man wollte die Waffen unter keiner Bedingung ausliefern. Der angesetzte Termin bis Abends fünf Uhr verlief deßhalb auch, ohne daß dem Befehl, mit einigen Ausnahmen allerdings, Folge geleistet worden wäre; ja man sprach sogar von einer großartigen Demonstration. Ein Theil der Bürgerwehr, wie mir gesagt wurde, 15,000 Mann, wolltevor dem Zeughaus aufmarschiren und dort dem Feldmarschall erklären, sie liefern die Waffen nicht ab, und wenn er Bürgerblut vergießen wolle, so möge er auf sie schießen. Das unterblieb aber, aus welchem Grunde weiß ich nicht, und man beschränkte sich einfach darauf, dem Befehl nicht nachzukommen.
Am nächsten Morgen, am vierzehnten, fing man an in der Behrenstraße und der benachbarten Gegend die Waffeneinzusammeln. Eine Patrouille ging mit einem Rüstwagen herum, die Enden der Gasse wurden mit Militär besetzt, aber nicht abgesperrt, denn es konnte Jeder frei hin und wieder gehen, und ein Trommelwirbel verkündete den Bewohnern des Hauses, vor dem der Wagen hielt, daß sie die in ihrer Wohnung befindlichen Gewehre in die Hausflur herabbringen sollten; wo das nicht geschah, hatten die Soldaten Auftrag in die Zimmer zu gehen und nachzusehen, ob sich Waffen darin befanden.
Wie ein Lauffeuer schoß die Nachricht, daß man die Waffen abhole, in die entferntesten Theile der Stadt, und die Aufregung unter den Arbeitern, vorzüglich den Maschinenbauern, wurde bedenklich. In der Königsstadt, in Moabit und den äußern Stadttheilen schien man fest entschlossen die Waffennichtgutwillig herzugeben, und daß gerade dort, wo manbegonnen, das Einsammeln ziemlich günstigen Erfolg gehabt, konnte Jene nicht anders stimmen. – »Das ist das Geheimerathsviertel,« sagten die Arbeiter; »ob das die Waffen behalten hätte oder nicht, beim Kampf wär' das gleichviel gewesen.«
Straße um Straße durchzog das Militär; Wagen nach Wagen voll Gewehren wurden in das Zeughaus, stets unter starker Bedeckung abgeliefert, und in der ganzen Friedrichsstadt schien sich kein einziger Bürger dem Befehl ernstlich widersetzen zu wollen. Der »passive Widerstand,« den die Nationalversammlung behauptete, dehnte sich auch auf diese Maßregel der Militärgewalt aus. – »Abliefern thun wir die Gewehre nicht,« meinten die Bürger; »wenn sie unsere Flinten haben wollen, mögen sie sie holen.« – Sollten die Arbeiter allein vor die Bresche stehen? sollten sie, die im März die Barrikaden errichtet und vertheidigt, noch einmal zu diesem letzten Mittel greifen? – »Und für wen? – für die Bürger?« – »Hol' sie der Teufel!« sagten am 16. die Maschinenbauer in Moabit; »wenn die nicht selbst den Muth haben für ihre Freiheiten einzutreten, so sehen wir nicht ein, weßhalb wir wieder die Katzen sein sollen, mit deren Pfoten sie die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Bis jetzt sind sie mit ihren blanken Pulverhörnern undbunten Quasten in einem fort durch die Straßen gerannt; nun auf einmal läßt sich keiner mehr sehen; wir wollen uns auch nicht todtschießen lassen.« Und das Resultat war, daß der »passive Widerstand« auch unter den Arbeitern seine Proselyten machte.
Am 15. Abends war die Nationalversammlung, die seit mehreren Tagen an verschiedenen Orten heimlich Sitzung gehalten hatte, unter den Linden im Hotel Milentz beisammen. Doch auch dieser Platz war verrathen worden, und als ich, etwas nach neun Uhr Abends, dort vorüber kam, stand ein starkes Piket Militär vor der Thür und hatte das Haus gesperrt. Mehrere hundert Menschen sammelten sich, aber Alles blieb ruhig; es wurde ihnen keine Aufforderung auseinanderzugehen, und sie selber schienen auch nur durch Neugierde an den Platz gefesselt. Da näherte sich eine Patrouille, und als der Offizier die Menschenmasse erblickte, rief er: »Tambour vor!« um zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber der Führer der vor dem Hotel aufgestellten Truppen ging auf ihn zu, sprach ein paar Worte mit ihm und gleich darauf folgte das »kehrt, marsch!« der eben Gekommenen. Die Patrouille zog wieder ab und die Menschenmassen blieben unbelästigt stehen.
Noch hatte sich aber die Patrouille keine hundertSchritt entfernt, als aus dem Hotel heraus die Abgeordneten kamen; die Soldaten ließen sie ungehindert durch und von allen Seiten drängte man hinzu, das Resultat der Sitzung zu hören. Der Beschluß, die Steuern zu verweigern, war gefaßt worden und blitzschnell lief das Gerücht durch die Menge; auch die Einzelnheiten der Sitzung wurden rasch von den Mitgliedern der Versammlung selbst Fremden auf offener Straße mitgetheilt. Die Männer waren augenscheinlich in der gereiztesten Stimmung.
Die augenblickliche Wirkung dieses wichtigen Beschlusses schien mir keine so gewaltige, als man hätte vermuthen sollen; man schien die Sache vorhergesehen zu haben, und wenn auch hie und da aus einer kleinen Gruppe ein jubelndes Hurrah empor stieg, standen andere wieder schweigend und fast theilnahmlos daneben. Einige Männer, an denen ich vorüberging, fragten mich, was es da gebe; ich sagte ihnen, was ich eben aus dem Munde eines der Abgeordneten gehört: die Nationalversammlung habe in diesem Augenblick beschlossen, die Steuern zu verweigern. – »So?« erwiderte Einer, »hm – nun –wirzahlen sie doch!«
Auch am andern Tage ließ sich deßhalb keine größere Aufregung in der Stadt bemerken, und manerzählte sich den Beschluß in einem Tone, als ob es sich um eine ganz gleichgültige Sache handelte. Mir kam das anfangs räthselhaft vor, und doch stand es wieder mit dem ganzen eigenthümlichen Wesen dieses »passiven Widerstands« in genauer Verbindung. Die Berliner wußten, daß dieses das letzte Mittel der Versammlung sein sollte;siehatten somit Alles gethan, was von ihnen verlangt worden war: sie hatten sich ruhig verhalten, und den Provinzen blieb es jetzt überlassen, durch ein Einhalten der Steuern ihr Vertrauensvotum für die Nationalversammlung zu geben, oder im entgegengesetzten Fall durch ein Zahlen derselben an den Tag zu legen, daß sie mit den Beschlüssen derselben nicht einverstanden seien.
Die Stadt war äußerlich ruhig, wie in ihrer ruhigsten Zeit; sobald sich das Wetter nur irgend freundlich zeigte, sah man Spaziergänger unter den Linden; selbst das Theater war, wenn auch schwach, doch besucht. Gespielt wurde im Opernhaus, das Schauspielhaus stand starr und kriegerisch da, »belagert in einer belagerten Stadt,« wie ein Soldat selber äußerte. Das Säulenportal über der großen Treppe war mit Schildwachen besetzt, eben so die Eingänge an allen Seiten; aus allen Fenstern schautenbehelmte Gesichter, überall blinkten Bajonette und Helmspitzen. –
Tausend Mann lagen in diesem einzigen Gebäude, das sogar seinen eigenen Kommandanten hatte, und es war dieß dasselbe Regiment (Alexander), das in den Märztagen schon einmal seine Kraft mit den Bürgern gemessen und gewiß seine Tapferkeit bewährt, dennoch aber jetzt, wenn es wirklich wieder zum Kampfe kam, eine Scharte auszuwetzen hatte. Streitgerüstet lagen die Grenadiere in die Mauern des Schauspielhauses gebannt, des Rufs gewärtig zu Bürgerkrieg und Straßenkampf; bloß zu Patrouillen zogen dann und wann einzelne Trupps aus, und Urlaub bekamen nur zehn zugleich, und immer nur auf ganz kurze Zeit.
Schon am zweiten Tag hatte ich einen Versuch gemacht, in das Innere des Gebäudes, das mit solcher Bevölkerung abenteuerlich genug aussehen mußte, einzudringen, war jedoch kurz und entschieden von einem halben Dutzend Schildwachen abgewiesen worden. Ich erfuhr auch von einigen Mitgliedern des Theaterpersonals, daß Niemand, sie selber nicht ausgenommen, hinein dürfe, da das Militär für den Augenblick im alleinigen und unumschränkten Besitz des Musentempels sei. Und oben auf dem Giebeldesselben stand scheu und unwirsch, mit schnaubenden Nüstern und vorgestrecktem Huf, Pegasus, das edle Musenroß, als ob es sich eben nach einem nur einigermaßen anständigen Hügel in der trostlosen Ebene umschaute, zu dem es aus dem entweihten Heiligthume entfliehen könnte.
Wie bekannt hatte die Nationalversammlung früher im Concertsaal des Schauspielhauses ihre Sitzungen gehalten; auch dort sollten jetzt Truppen liegen, und meine Neugierde wurde sehr gespannt, als ich hörte, die Soldaten spielten in demselben Raum, wo ihr Vertreter getagt, Abends Nationalversammlung. Wie aber hineinkommen? Schon verzweifelte ich an der Möglichkeit, als mir der Zufall günstiger war, als ich es je hätte erwarten können. Ich bekam Gelegenheit, sogar Abends einer sogenannten »Sitzung« beizuwohnen; daswiemag mir der Leser erlauben zu verschweigen.
Durch zehnfache Schildwachen, über einen Theil der Bühne hin, auf die ich aber kaum einen flüchtigen Blick werfen konnte, da der enge Gang meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erreichte ich den Concertsaal und überschaute hier gleich ein so eigenthümliches als wunderliches Bild. Der prachtvoll eingerichtete Saal war in ein rohes, wüstesSoldatenlager verwandelt. Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen und saßen in allen nur möglichen Stellungen die Soldaten, manche lang ausgestreckt auf den Polstern, mit der Pfeife im Mund und die schmutzigen Stiefeln auf den geschnitzten Lehnen; hie und da eine kleine Gesellschaft um einen Tisch gedrängt, im eifrigen Kartenspiel; dort ein paar eingeschlafen in der Ecke, die Mützen in's Gesicht gezogen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die Hände über dem Magen gefaltet, die meisten aber aufmerksam der »Abendunterhaltung« lauschend, die eben ihren Anfang genommen zu haben schien. – Ich war etwas verwundert, auch einen Offizier unter den Zuhörern zu erkennen.
Die Abendunterhaltung bestand aber in Folgendem. Auf dem, ich glaube der königlichen Loge gegenüber befindlichen Präsidentensitz hatte sich ein Musikchor eingenistet, das mit, wahrscheinlich im Orchester vorgefundenen Baßgeigen und Violinen und mit eigenen Flöten, Pfeifen und Trommeln Walzer und Märsche spielte; nur Blechinstrumente schienen, wohl des allzulauten Tones wegen, ausgeschlossen. Die einzelnen Musikstücke wurden jedesmal von den Zuhörern mit Bravoruf und Beifallklatschen belohnt, und beim Sturm- und Attaquemarsch, dem einkurzer, nervenerregender Trommelwirbel folgte, fiel die ganze Schaar jedesmal in das übliche, aber gleichfalls etwas gedämpfte Hurrah ein. – Dann kam wieder irgend ein trauriger Walzer, dem die faule Baßgeige nur mit Widerstreben zu folgen schien, und der Violine fehlte es an Colophonium, das sich im Orchester wohl nicht mit vorgefunden hatte. Die Finger des Spielers mochten sich auch nicht eben gelenk oder taktfest der ungewohnten Beschäftigung fügen; denn man kann gewiß ein ausgezeichneter Trommelschläger und doch nur ein mittelmäßiger Violinist sein. Kurz, es waren außer den gewöhnlichen Märschen klägliche Weisen, die den gepeinigten Instrumenten abgemartert wurden. Und rings umher an den Wänden des durch wenige Oellampen nothdürftig erleuchteten Saals schauten wehmüthig die Büsten von Gluck, Händel, Mozart, Weber, Haydn, Bach, Beethoven und anderer alter Meister der Töne hernieder und schienen in den an ihnen vorbeistreichenden düstern Tabakswolken die Stirnen zu runzeln ob dem ohrzerreißenden Greuel.
Die Hauptperson des Ganzen stand auf der Rednerbühne unter dem frühern Sitz des Präsidenten, und zwar in Civil, in schwarzem etwas schäbigen Frack, Halsbinde und Vatermördern und weißen Beinkleidern,und diese Maske – ebenfalls ein Gardist desselben Regiments – sollte den Präsidenten der Nationalversammlung vorstellen. Es war ein noch junger Bursche mit nicht gerade auffallendem Berliner Dialekt, und er führte einen Taktstock, den er auf carrikirte Art handhabte, damit bald nach dem Orchester hinauf, bald nach den Zuhörern hin gestikulirte und dazwischen zum großen Ergötzen der leicht Befriedigten das Spielen der verschiedenen Instrumente nachahmte. Auf der Nase trug er eine Klemmbrille, die er übrigens später, weil sie ihn genirte, ablegte.
Endlich, nachdem die Spieler eine lange Weile musicirt hatten, eröffnete der Präsident die Sitzung. Mit affektirter Stimme begrüßte er die »Nationalversammlung« und sprach von der schwierigen Aufgabe, sechzehn Millionen zu vertreten, erklärte, daß sie hier zusammen gekommen seien, ihr eigenes Wohl zu berathen, und ließ dann wieder, unter den frühern Possen, ein Lied aufspielen. Hierauf ging er, und nicht ganz ohne Gewandtheit, auf seine wie seiner Kameraden Verhältnisse ein, in welch sonderbarer Lage sie sich eigentlich befänden, belagert in einer belagerten Stadt, und wie wenig man dabei auf ihre eigene Bequemlichkeit bedacht gewesen. Mehrere Tage lang hätten sie auf der bloßen Erde campiren müssen,jetzt, nachdem sie sich wund gelegen, bekämen sie Strohsäcke; der Kaffe sei, trotz einer jüngst eingegangenen Schenkung, ungenießbar, das Fleisch so, daß es sämmtliche vier Köche nicht gahr bekommen könnten, und der innere Zustand des Schauspielhauses, was die Reinlichkeit betreffe, dermaßen schaudererregend, daß eine genauere Beschreibung gar nicht zulässig erscheine.
Nach einer ziemlich weitläufigen, manchmal wirklich witzigen, nur zu oft aber auch sehr matten Auseinandersetzung der Gründe, die ihn eine Aenderung ihres Zustandes wünschen ließen, wandte er sich an die Versammlung, ihre Meinung darüber zu hören, und zwar zuerst an die »äußerste Linke,« die mit einem ziemlich allgemeinen vernehmlichenJaantwortete. – »Und was sagt die äußersteRechtezu meinem Vorschlag?« sprach er dann, sich nach der Seite wendend, welche die Rechte früher eingenommen hatte. – »Nein!« lautete hier die vom lachenden Beifallsruf der Zuhörer begrüßte Antwort, und mit einem ruhigen: »Ließ sich nicht anders erwarten,« rückte er sich die Brille wieder zurecht und gab, ohne weiter auf die Abstimmung einzugehen, dem Orchester das Zeichen zum Wiederbeginn eines seiner verzweifelten Stücke.
Sodann nahm er eine Partie Bittschriften, wiesie der Nationalversammlung wirklich eingegangen, und von denen er eine sogar als fingirtes Taschentuch benutzte, und las sie mit possenhaften, nicht selten zweideutigen Bemerkungen vor; eben so mißbrauchte er das preußische Landrecht, von dem ein Exemplar ebenfalls in einem unteren Gefach der Rednertribüne lag. Und die Soldaten amüsirten sich herrlich, aber der Offizier stand nach einer Weile auf und verließ den Saal.
Man müsse den Soldaten den unschuldigen Spaß lassen, um sie bei guter Laune zu erhalten; die armen Teufel haben viele Beschwerden zu ertragen, stehen vielleicht auf der Schwelle eines Bürgerkriegs; das Schauspielhaus dürften sie Abends nicht verlassen, die Langeweile hätte sie ja getödtet – solches und anderes wurde mir vorgestellt. Ich aber fragte mich, ob denn das alles, was mich hier im tollen Possenspiel umgab, Wirklichkeit sei? Mir kam das Ganze oft wie ein Traum vor. – Die Halle hier, in der die Vertreter des ganzen mächtigen Preußenvolkes das Wohl des Landes, das Wohl von Millionen berathen, von Bajonnetten geräumt, von Bajonnetten besetzt, auf der Tribüne ein in Civiltracht possenhaft verkleideter Soldat; die Bittschriften, die das Volk, seinen Vertretern eingesandt, gemißbraucht! – DasAndenken an das Edelste, was die Freiheit eines Volks gewährleisten kann, seine Vertretung durch Abgeordnete im eigenen Parlament, verhöhnt und lächerlich gemacht! Und hier die Männer, die lachend dem Spiele zuschauten oder träumend in der Ecke saßen, jede Minute bereit, beim ersten Trompetenstoß, beim ersten Trommelwirbel in die Höhe zu fahren und mit dem schon geladenen Gewehr, dem schon aufgesteckten Bajonett sich den, vielleicht durch nur irgend einen bösen Zufall aufgereizten Bürgern entgegen zu werfen! Ein eigenes, recht häßliches Gefühl war es, das mich durchzuckte, und ich verließ den entweihten Raum, verließ die armen ineffigiegepeinigten Heroen der Musik unter den quitschenden Tönen der Geige, dem brummenden falschen Accompagnement des Basses und dem Beifallssturm der dankbaren Grenadiere.
Um die Mittelthür und die Haupttreppe auf dem nächsten Weg zu erreichen, mußte ich über die Bühne weg, und ich werdedenAnblick im Leben nicht vergessen. – Im ungeheuern Raum hingen in der Mitte an Brettern drei Doppellampen, die aber ein düsteres mattes Licht gaben und das Ganze kaum nothdürftig erhellten. Auf der Bühne selbst befand sich die Wache und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen Gruppen von Kartenspielern an kleinen Tischen saßen, somußte doch die Bühne selbst von solchem Treiben frei bleiben. – Hier standen die Gewehre der Wache zusammengestellt, und ernste Posten wanderten schweigend daneben auf und ab. Ich ging zwischen ihnen durch und betrat die Bretterbrücke, die über die Banklehnen des Parterres hinweg dem Ausgang zuführt. – Hier aber blieb ich stehen und überschaute nun zurückblickend das ganze eigenthümliche Bild, das vor mir ausgebreitet lag.
Die Coulissen waren unordentlich durcheinander, hier Säulen, dort Wald, vorgeschoben; den Hintergrund aber bildete (die Leinwand war wegen des Luftzugs von hinten herabgelassen) wohl zufällig eine weite, den Horizont begrenzende Seefläche. Zur Rechten und dicht vor dem zackigen Felsenufer lagen die erst heute eingelieferten, noch ganz neuen Strohsäcke der Soldaten aufgeschichtet, und es sah täuschend so aus, als ob ein Schiff dort gerade seine Waaren gelandet hätte. Links standen, von hinten vor, bis dicht an die vordere Lampe, die mit den Bajonnetten zusammengreifenden Gewehre, und auf jeder Waffenpyramide ein Helm. Ueber die Bühne aber zerstreut, auf die Ellbogen gestützt, oder das erste beste, was sich ihnen geboten, unter den Kopf gerückt, lagerten einzelne Grenadiere und schauten träumend nach denöden Galerien hinauf, in denen nur hie und da einzelne Kameraden Platz genommen hatten und die Scene unter sich gerade so theilnahmlos und schläfrig betrachteten. Rechts neben mir im Parterre unten saßen zwei neben einander auf einer Bank und nickten, und links lag ein Dritter, auf der Bank ausgestreckt, und schnarchte laut.
Die Schildwachen schritten still und lautlos ihre befohlene Bahn hin und her; manchmal aber blieben sie, dem Hintergrund zugewandt, stehen, und es war dann, als ob sie das weite Meer beobachteten, das Nahen fremder Schiffe zu erkunden, denn der matte, ungewisse Dämmerschein machte die Täuschung fast vollständig. Es lag wahrlich eine gewisse Poesie in dieser entsetzlichen Prosa, – aber es war eine Poesie zum Tollwerden und ich athmete ordentlich frei und leicht auf, als ich das entweihte Heiligthum der Kunst hinter mir hatte und wieder in die freie frische Luft hinaustrat.
Es ist wahr, jene Zeit hat bewiesen, daß man Komödie spielen kann ohne gerade auf dem Theater zu stehen, und wir sehen die Wirklichkeit oft genug auf die Breter gebracht, ohne eben davor zu erschrecken; aber es ist das immer eine Wirklichkeit wie etwa ein beängstigender Traum, von dem wir wissen, daß esein Traum ist und uns wohl in der Hoffnung des Erwachens fühlen. – Wenn aber der Traum dann in den hellen Tag hineinreicht und uns kalt und frostig in das warme Leben greift, dann schnürt uns das BewußtseinsolchenZustandes Herz und Seele zusammen, wie mir der Anblick der entweihten Bühne, und wir ersehnen heiß und brünstig einen Morgen.
Ich verließ Berlin am nämlichen Abend wieder.
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werdengesperrtgesetzte Schrift,kleineSchrift,fettgedruckteSchrift sowie Textanteile inAntiqua-Schrifthervorgehoben.
Der Halbtitel wurde entfernt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "auseinander" – "aus einander", "Bret" – "Brett", "Canarienvogel" – "Carnarienvogel", "Hackebret" – "Hackebrett", "Kaffe" – "Kaffee", "widerfahren" – "wiederfahren",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite29:"einen" geändert in "einem"(in kaum einem halben Jahre)
Seite39:"Sädten" geändert in "Städten"(wie sie in den Städten ausgedacht werden)
Seite46:"»" eingefügt(»Metcamp hatte verdammt gute Aussichten)
Seite48:"«" eingefügt(hahaha – angeführt haben!«)
Seite57:"sein" geändert in "seine"(daß ihm diese, seine beste Falle)
Seite60:"wieß" geändert in "wies"(dort aber wies sie jede Aufforderung)
Seite62:"dich" geändert in "Dich"(und wenn sie Dich nicht vergessen könnte)
Seite68:"fest-zusammengebissenen" geändert in "fest zusammengebissenen"(die er mit fest zusammengebissenen Zähnen)
Seite71:"«" hinter "tödten?" entfernt(Was aber nun thun? – den Wolf tödten?)
Seite79:"daß" geändert in "das"(das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!)
Seite87:"einen" geändert in "einem"(und schaute mit einem schelmischen Blicke zu ihm auf)
Seite87:"mich ich mag" geändert in "ich mag mich"(und ich mag mich nicht in einem fort umsehen)
Seite88/89:"der" geändert in "den"(eine sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib)
Seite97:"»" eingefügt(»da ist wohl Mancher Wochen lang)
Seite106:"«" eingefügt(Gehen Sie mit, Schulmeister?«)
Seite109:"meint" geändert in "meinte"(»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister)
Seite114:"sage" geändert in "sagte"(mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und räumte)
Seite119:"»" eingefügt(»Du bist heute aufgeregt, Kind)
Seite121:"»" vor "Im" entfernt(Im nächsten Moment glitt die Erscheinung)
Seite124:"flimmerden" geändert in "flimmernden"(und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben)
Seite134:"»" eingefügt(»Und der Fensterladen?«)
Seite135:"«" eingefügt(heute Mittag müßt Ihr bei mir essen.«)
Seite144:"»" eingefügt(»denn im weichen Quellboden sah ich deutlich)
Seite151:"»" eingefügt(»sie vertheidigen die Sclaverei)
Seite154:"Preßbyterianer" geändert in "Presbyterianer"(und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht)
Seite155:"Worte" geändert in "Worten"(mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten)
Seite158:"»" vor "Sally" entfernt(Sally sprang singend hinaus)
Seite161:"Reale" geändert in "Regale"(in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand)
Seite173:"»" eingefügt(»wir haben weder Schreibzeug, noch Papier)
Seite179:"«" hinter "können," entfernt(viel mehr in Erstaunen setzen zu können,)
Seite182:"sie" geändert in "Sie"(Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen)
Seite184:"." eingefügt(da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«)
Seite184:"Virtelstunden" geändert in "Viertelstunden"(in höchstens drei Viertelstunden können sie)
Seite187:"Verguügen" geändert in "Vergnügen"(mit dem größten Vergnügen, was ist es?)
Seite188:"sie" geändert in "Sie"(mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche)
Seite201:"»" eingefügt(»Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder)
Seite203:"Taschentnch" geändert in "Taschentuch"(sein Taschentuch hervorzuholen und sich)
Seite207:"Reger" geändert in "Neger"(mein Thier eben einem Neger übergeben)
Seite216:"das" geändert in "daß"(schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben)
Seite225:"Spitzhake" geändert in "Spitzhacke"(hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen)
Seite243:"«" hinter "vertrüge." entfernt(und diese allerdingskeinenChor vertrüge.)
Seite246:"sie" geändert in "Sie"(»Sehen Sie,« sagte er)
Seite247:"gehts" geändert in "geht's"(in die schwarze Gasse – dann geht's auch)
Seite256:"»" eingefügt(»Herrliches Jagdwetter heute!«)
Seite257:"»" eingefügt(»es ist überdieß nicht gut)
Seite266:"«" eingefügt(»was zeig' ich denn an?« und trat auf die)
Seite266:"»" eingefügt(»werden wir die Ehre haben)
Seite269:"»" eingefügt(»ich bin alt und schwächlich)
Seite269:"Bespiel" geändert in "Beispiel"(würde Ihnen zum Beispiel einen viel größeren Zuhörerkreis)
Seite273:"«" eingefügt(mich ergebenst, meine Herrn!« – und damit)