Chapter 7

Ihr Weg lag großentheils durch dichtbewaldete Niederung, und der buntbeschwingte Papagei und andere Arten kleiner Singvögel waren ihre einzigen Begleiter und füllten den hohen Waldesdom mit ihrem heiteren sonnigen Leben. Endlich erreichten sie höher gelegenes Land, und hier schien auch die Vegetation weniger üppig zu sein; auf jeden Fall fandensie dann und wann offene Waldstellen, die ihnen erlaubten schneller vorzurücken. Dafür aber trafen sie jenes kräftige, der Insel eigenthümliche Farrenkraut, das an manchen Orten wirklich gürtelhoch wuchs und Dumfry blieb plötzlich, am Rand einer kleinen Prairie, die mit Nichts als solchem Kraut bedeckt war, stehen und erklärte, daß sie hier den Bach verlassen und dem Hügelkamm folgen müßten, den sie jetzt erstiegen hätten. Von hier aus begann die westliche Linie des verkauften Landstrichs und einige mit dem Tomahawk rasch gefällte junge Bäume, die eine niedere, breitwüchsige Palme umstanden, sollten für spätere Jahre das Erkennungszeichen sein.

Dieser Hügelkamm aber, dem sie von jetzt an folgen mußten, war üppig mit dem unvermeidlichen Farrenkraut bedeckt, und dieses wuchs und wucherte an einigen Stellen so hoch und dicht, daß sie es im Anfang kaum durchdringen konnten und mehrmals Orte fanden, die sie förmlich umgehen mußten, bis sie endlich einen schmalen indianischen Pfad trafen, der ganz dieselbe Richtung zu laufen schien, die sie zu nehmen beabsichtigten. Dumfry mußte ihn auch gekannt haben, denn er hatte vorher, ohne jedoch seinen Begleitern etwas davon zu sagen, in einem rechten Winkel wirklich danach gesucht.

Das Land hob sich hier nicht unbedeutend, und obgleich sie gerade keinen bestimmten Berg erkennen konnten, da vor ihnen wieder ausgedehntere Waldungen sichtbar wurden, so kamen sie doch jetzt zu immer steileren und schroffer aufsteigenden Abhängen, von denen sprudelnde Wasser dunkle Schluchten hinab schäumten und sprangen. Schweigend verfolgten sie jedoch ihre Bahn den schmalen Pfad entlang, und hatten eben wieder eine etwas größere Farrenkrautfläche erreicht, die hier die Kuppe des einen, rings von Thälern umschlossenen Berges zu bilden schien, als Tomson einen lauten Ruf ausstieß und Van Broon im nächsten Augenblick, da Dumfry plötzlich stehen blieb, heftig und erschreckt gegen diesen anrannte.

Dumfry, der in der letzten Zeit, und hier wohl keinen Beobachter fürchtend, die Matte von seinem Gesichte zurückgeschlagen hatte, fuhr zusammen, verhüllte sich rasch den Kopf wieder und riß, als ob, trotz allen seinen Betheuerungen vom Gegentheil, eine Gefahr hier doch nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre, die Flinte empor. Vergebens blickte er aber forschend nach allen Seiten umher, es ließ sich Nichts erkennen und nur Tomson stand, die eine seiner Sattelpistolen gespannt vor sich hinhaltend,da, und schaute aufmerksam in das Farrenkraut hinein.

»Was giebt's, Sir?« rief ihn da Dumfry ungeduldig an, »haben Sie irgend Verdächtiges gespürt oder gehört?«

»Es fuhr mir etwas dicht in meinem Fahrwasser über den Pfad!« erwiederte der Seemann, ohne jedoch den Blick von der Stelle zu verwenden, wo das unbekannte Wesen verschwunden sein mochte.

»War es ein Mensch?« frug Dumfry schnell.

»Ich will gekielholt werden, wenn ich's weiß,« brummte Jener – »verdammt schnell ging's, so viel ist gewiß, und schwarz war's auch – wenigstens am Stern, denn weiter hab' ich nicht viel davon gesehen.«

»Es wird eines der wildgewordenen Schweine gewesen sein,« beruhigte sich da Dumfry – »es giebt viele auf der Insel, und fast sonst keine anderen wilden Bestien. Ihr braucht keine Angst« –

»Da ist es wieder!« rief Van Broon und deutete erschrocken in das dichte Kraut; während aber Alle schwiegen und aufmerksam horchten, vernahmen sie deutlich, wie die Büsche, und zwar gar nicht weit von ihnen entfernt, rauschend zur Seite gedrückt wurden, als ob sich irgend ein schwerer Körper rasch hindurchdränge. Dumfry richtete sich, so weit das gehen wollte, empor, das Dickicht war aber hier höher als er selbst, es ließ sich Nichts erkennen, und ebensowenig sah er irgend einen höheren Gegenstand in der Nähe, den er hätte ersteigen können; nicht einmal ein Baum stand in mehren hundert Schritt Entfernung.

»Van Broon – Mr. Van Broon,« flüsterte da plötzlich der angebliche Neuseeländer, denn das Unbekannte rührte sich wieder, als ob es noch einmal über den Pfad brechen wollte – und zu gleicher Zeit nahm Dumfry seine Flinte wieder in Anschlag und richtete sie gegen den Ort, von dem das Geräusch herüber tönte – »versuchen Sie doch einmal, ob Sie von Mr. Tomson's Schultern aus den Plan übersehen und erkennen können, was hier eigentlich in unserer Nähe herumkriecht – ich will indessen die offene Bahn bewachen.«

»Ahem,« brummte der kleine Holländer, und wandte sich gegen den Seemann, der, wenn auch durch die Zumuthung vielleicht überrascht, doch gutmüthig, ohne übrigens die Pistole abzulegen, die linke Hand auf sein linkes Knie stemmte und dadurch seine Bereitwilligkeit ausdrückte, als Observatorium benutzt zu werden, – »ahem – will's versuchen – werde ja wohl hinauf kommen.«

»Schnell – schnell!« mahnte Dumfry ungeduldig – »die Pest über das Trödeln, glauben Sie, daßderwartet?«

»Der? wer?« frug Van Broon erstaunt und drehte sich schnell wieder gegen den Redner herum. Auch Tomson sah zu ihm auf.

Dumfry stampfte ärgerlich mit dem Fuß und Van Broon, der noch nicht recht mit sich einig schien, ob er wirklich thätigen Antheil an ihrem Abenteuer nehmen, oder die Sache ruhig abwarten solle, trat endlich kopfschüttelnd auf den Seemann zu, faßte ihn von hinten um den Hals, hob ihm sein linkes Knie über das Hüftbein und warf sich nun – mit einem Versuch, auf solche Art förmlich in den Sattel zu springen – dermaßen über den Matrosen hin, daß er diesen ohne weiteres in das Farrenkraut hineindrückte und dann gleich darauf selbst, den Kopf voran, in das Dickicht nachschoß.

»Alle Wetter!« schrie Tomson, und fuhr mit beiden Händen aus, um sich vor dem Falle zu wahren, gedachte aber dabei nicht der geladenen Pistole, und während er, von dem schweren Gewicht des kleinen Holländers niedergezogen, in dem dichten Farrenkraut verschwand, berührte sein Finger denDrücker, und die Kugel fuhr, dicht an Van Broon's Kopf vorüber, in die Luft.

Dumfry drehte sich fast unwillkürlich nach dem Schusse um. In demselben Moment glitt aber auch jener dunkle Gegenstand wieder zurück über den Pfad, und zwar diesmal vor ihnen vorüber, während der Neuseeländer durch das, was hinter ihm vorging, abgezogen, nicht rasch genug die Flinte an den Backen reißen konnte, den fremden Gegenstand aufs Korn zu nehmen, ehe dieser schon wieder im Dickicht verschwunden war. So kurzer Blick ihm übrigens gestattet gewesen, so mußte dieser doch wohl genügt haben, seinen Entschluß zu bestimmen, denn, ohne auch nur einen Moment länger zu zögern, warf er die Flinte, die ihm in solchem Pflanzengewirr nur hinderlich sein mußte, von sich, riß den Tomahawk aus dem Gürtel und sprang dort in das Kraut hinein, wo die zurückgebogenen Sträuche die Spur des Flüchtigen verriethen.

Als sich Tomson und Van Broon, die auch in der That schnell genug wieder auf die Füße sprangen, von ihrem Fall erholt hatten und jetzt überrascht umherschauten, war Dumfry verschwunden und sie selbst standen, keines Weges kundig, allem Anschein nach aber von Gefahr umgeben, und wie Van Broonfürchtete, schon von einer unbestimmten Anzahl grimmer Menschenfresser umringt, in der öden Wildniß da.

Was jetzt thun? den Führer erwarten, oder ohne weiteres das Boot wieder aufsuchen und entfliehen? Van Broon stimmte unbedingt für das letzte, Tomson entschied sich dagegen für das erste und behauptete nicht mit Unrecht, sie könnten vielleicht, wenn wirklich Feinde in der Nähe lauern sollten, den Verdacht derselben gerade durch einen voreiligen Rückzug erregen, und es war dann fast gewiß, daß sie, des Waldes unkundig, abgeschnitten würden, ehe sie im Stande wären ihr Boot zu erreichen.

Hier jedoch, mitten im Wald, wo ihr Blick nicht einmal zwei Schritte weit ins Dickicht drang, und der Feind sich leicht bis dicht an sie anschleichen und seine tödtlichen Pfeile aus sicherem Hinterhalt auf sie abfeuern konnte, ruhig stehen zu bleiben, schien fast ebenso wenig rathsam, und Tomson wandte schon, nur bei dem bloßen Gedanken daran, unruhig den Kopf, welcher Bewegung denn Van Broon blitzesschnell folgte, als ob er nichts Geringeres erwartete, wie seine entsetzlichsten Befürchtungen verwirklicht zu sehen.

Da raschelte es wieder im Dickicht; währendjedoch der Seemann, fest entschlossen, sein Leben so theuer zu verkaufen als möglich, die indessen wieder geladene Pistole dorthin gerichtet hielt, traf der leise, wohlbekannte Pfiff Dumfry's sein Ohr, und gleich darauf glitt die verkleidete Gestalt desselben gerade da wieder in den Pfad, wo sie vorhin so rasch und unerwartet verschwunden war.

Er hatte die Matte wieder zurückgeschlagen, und sein Antlitz sah bleich und angegriffen aus, ohne aber auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren, ja selbst ohne eine einzige, der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten, winkte er den Gefährten, ihm zu folgen und schritt, so rasch es die dichten Strauchbüsche erlaubten, in dem schmalen Pfad voran. Es dauerte übrigens nicht mehr lang, so erreichten sie den Waldrand wieder und verließen damit wenigstens die hemmenden Farrenkräuter, obgleich umgestürzte Bäume, dornige Cyanen und dichtes Unterholz ihren Fortgang dennoch sehr aufhielten. Aber auch diese lichteten sich endlich, als sich Dumfry jetzt plötzlich einer kahlen Steinfläche zuwandte, und von dieser aus eine schroff und fast kahl emporsteigende Bergspitze rasch emporkletterte. Tomson und Van Broon schienen erst unschlüssig, ob sie ihm da hinauf folgen sollten; sein ungeduldiger Wink rief sie aber bald nach, und siestanden wenige Minuten nachher auf einem schmalen, wunderlich geformten und von allen Seiten fast schroff empordämmenden Felskegel, der sie über dem riesigen Wuchs des Urwalds erhob, und von dem sie, wenigstens einen kleinen Theil der Insel, wie das sie umgürtende Meer überschauen konnten.

Der Anblick war wundervoll; das dunkle Grün der Bäume, nur hie und da von dem lichten Grau einzelner Farrenstrecken durchbrochen, deckte wie mit einer festen, undurchdringlichen Masse das Land, und dicht hinangeschmiegt, und von dem klaren funkelnden Sonnengestirn überstrahlt, lag das blaue, ätherreine Meer. Unfern der Küste aber, von dem weißschäumenden Streifen der Korallenriffbrandung eingeschlossen, schaukelte der »Kasuar,« während weiter hinter ihm, und hie und da die einförmige Stille des Horizonts unterbrechend, einzelne Segel sichtbar wurden, die mit der frischer wehenden Briese rasch und lautlos dahinglitten.

Der Himmel war rein und wolkenlos, nur im Süden lagerte auf den düsteren Waldschichten ein durchsichtiger, rosenfarbener Nebel, der von einem etwas dunkleren Hintergrund begrenzt schien.

Der Felskegel selbst war kahl, nur an seinem einen Rand hing ein dichtes Gewirr von wildverschlungenenBlumen, aus denen einzelne niedere, aber dichtbelaubte Sträucher emporstiegen und nach dieser Richtung hin die Aussicht gegen die im Innern gelegenen Berge zu abdämmte.

Wenn nun aber auch unsere drei Freunde, sobald sie die höchste Kuppe erreicht hatten, forschend und aufmerksam die Blicke nach allen Richtungen hinschweifen ließen, so schien doch Keinen, obgleich Alle von verschiedenen Gefühlen bewegt wurden, die Scenerie selbst zu interessiren, wenigstens verrieth kein Laut der Bewunderung, kein einziger Ausruf, kein Wort der Mittheilung, daß sie sich des wunderherrlichen, sie umgebenden Panoramas auch nur bewußt waren. Van Broon suchte nur rings umher ihre nächste Umgebung zu erforschen, ob sie nicht unmittelbare Verfolger zu fürchten hätten, und Dumfry, der im Anfang seinen Blicken folgte, seine Untersuchung aber deßhalb schneller beendete, da er genau die Gegend wußte, in der ihnen Gefahr drohen konnte, schaute weiter aus, und schien sich mit den nächsten auf ihrer Bahn liegenden Landmarken vertraut zu machen, indessen Tomson gar nicht auf das Land achtete, sondern nur mit den Augen den Horizont überflog, zuerst sein eigenes kleines Fahrzeug beobachtete, wie es ruhig und friedlich mit den scharf gezeichneten Masten in derBai lag, und dann aufmerksamer, als es der Gegenstand zu verdienen schien, nach dem Nebel sah, der von Süden aus nach West und Ost in kleinen, dunstigen Strahlen hinüberstrebte.

»Tomson – sehen Sie dort drüben jene dunkle Bergkuppe?« brach Dumfry endlich das Schweigen – »gleich links von dem helleren Grün jener einzeln stehenden Palmengruppe?«

»Gerad' unter dem silbergrauen, glatten Wolkenstreifen, der sich dort hinüberdehnt?«

»Dieselbe – das ist der Punkt, von dem die südliche Grenzscheide meines Landes, ein anderer kleiner Bach, aus den Bergen sprudelt, und in fast östlicher Richtung, etwa fünf Meilen unterhalb der Bai, in die wir eingelaufen sind, mündet. Getrauen Sie sich jetzt den Platz später einmal wieder finden zu können?«

»Auf jeden Fall, wenn wir den Weg gemacht haben,« meinte Tomson, und schob dabei die eine Pistole, die er bis jetzt noch immer schußfertig in der Hand gehalten, in den Gürtel zurück. – »Ich dächte auch, wir brächen auf; könnten wir die Sache beenden,ohneden dunkelhäutigen Schuften zu begegnen, desto besser, mich gelüstet's keineswegs nach einer genaueren Bekanntschaft, als wir sie bis jetzt gemachthaben. Das war doch ein Indianer, der uns da vorhin im Fahrwasser herumkreuzte – eh?«

»Wir dürfen die Grenzen nicht weiter verfolgen,« entgegnete Dumfry finster, ohne die an ihn gerichtete Frage zu beantworten; – »Sie kennen Beide die Gefahren, die uns von Seiten der Eingeborenen drohen, sobald sieLandvermesserin uns zu finden glauben; laufen wir daher den ganzen Bereich ab, so müssen wir fast ihren Verdacht erregen. Das vermeiden wir, sobald wir uns von hier aus gerade durch den Wald der Küste zuschlagen, und dadurch hoffe ich auch jede Spur zu vernichten, die wir bis jetzt etwa könnten zurückgelassen haben, denn während wir in einem rechten Winkel von dem bisherigen, fast geraden Curs abspringen, bleiben wir wohl eine Meile lang auf felsigem Boden, wo es selbst dem Auge eines Indianers schwer werden sollte, Fährten zu verfolgen.«

»Aber der Schatz?« fiel ihm hier Tomson in die Rede, »haben Sie es etwa aufgegeben, den zu finden, und kehren wir jetzt gleich zum Boot zurück?«

»Ja – zum Boot wohl,« erwiederte Dumfry – »doch hoffentlich nicht ohne das, um was ich mein Leben hier eingesetzt habe. Getrauen Sie sich also diese Grenzlinie, wie ich Sie Ihnen jetzt bezeichnet, wieder zu finden?«

»Hm – ich weiß doch nicht,« brummte Tomson halblaut vor sich hin – »wenn man das Ding nachher beschwören sollte – hätten wir nur wenigstens die Verschreibung mit.« –

»Die führe ich bei mir,« sagte Van Broon, und holte, nicht ohne einige Schwierigkeit, das vorsichtig in einer Blechbüchse verwahrte Document aus der vollgepfropften Tasche; »hier Gentlemen, aber ich weiß wahrlich nicht, wiedasIhnen dabei helfen soll – es ist doch nicht« –

»Sehen Sie!« rief Dumfry jetzt, der das Papier rasch entfaltet hatte – »hier ist der Bach, an dem wir heraufkommen – Sie wissen den Namen, und Jedermann an dieser Küste wird Ihnen später die Mündung zeigen können – das etwa ist die kleine Farrenprairie, wo ich heute die Palme zeichnete. Sie getrauen sich dochdiewiederzufinden?«

»Ja, von der Mündung aus gewiß,« sagte Tomson.

»Gut,« fuhr Dumfry in seiner Beschreibung fort, »hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt ist der Felsgipfel, auf dem wir stehen, und jene südlich gelegene Abdachung dieselbe, auf welcher dorten der Nebel liegt, und von wo aus Sie dem niederströmenden Bach an der Grenze hin zu Seefolgen können. Eine Verwechselung ist hier unmöglich.«

Tomson hatte die Karte aufmerksam eine Zeitlang betrachtet; endlich legte er sie wieder zusammen, schob sie in ihr Futteral zurück, reichte es Van Broon und sagte, zu gleicher Zeit nach Süden hinüberdeutend, wo die bezeichnete Gegend lag: –

»Den Platz getrau ich mich von hier aus selber zu finden, nicht aber mein eigenes, kleines Fahrzeug, wenn wir länger hier zögern, als es unumgänglich nöthig ist – es liegt weit draußen an den Riffen, und da drüben braut ein Wetter, oder ich will im Leben kein Salzwasser wieder schmecken.«

»Die Stürme wüthen oft fürchterlich an dieser Küste,« fiel Dumfry rasch ein, dem nichts Erwünschteres kommen konnte, als durch solchen Grund ihre Rückkehr zu beschleunigen.

»Aber der Schatz,« sagte Van Broon, keineswegs gesonnen, das jetzt soweit ausgeführte Wagestück ohne einigen persönlichen Nutzen zu beenden.

»Auf unserem Weg zum Boot passiren wir den Platz,« erwiederte Dumfry – »und nun rasch. Gentlemen, der größte Theil, ja der einzig gefährliche unseres ganzen Marsches ist beendet, jetzt gilt es einfach noch eine kurze Strecke Weges zurückzulegen, undehe jene düsteren Nebelstreifen im Stande sein werden auch nur mit ihren äußersten Spitzen die Sonne zu erreichen, hoff' ich, schaukeln wir wieder auf den stillen Wassern der Bai und Freund Tomson mag uns dann so sicher zurück nach Port Jackson führen, als er uns hierher gebracht.«

Und ohne weiter eine Antwort seiner beiden Begleiter abzuwarten, sprang er flüchtig an den vorragenden Felsenspitzen nieder, die, fast wie durch Menschenhand ausgeführt, die einzigen Haltpunkte an einer wohl zwanzig Fuß hohen Felsenwand für Fuß oder Hand boten. Tomson folgte ihm ebenso rasch; viel schwerer wurde es aber dem an solche Bahn keineswegs gewöhnten Buchhalter, und nur mühsam war er im Stande, seinen um so Vieles gewandteren Gefährten zu folgen. An solches Bergeklettern aber nicht gewohnt, und mit, durch zu vieles Sitzen versteiften Gliedern, verlor er bald seinen Fußhalt, fing an auszurutschen, fiel, klammerte sich wieder fest, mußte, durch sein eigenes Gewicht gedrängt, noch einmal loslassen, und polterte endlich, Flaschen und Proviant von sich schleudernd, und die bis dahin so sorgsam bewahrten Provisionen nach allen Richtungen hinausstreuend, über rauhes, schroff ablagerndes Felsgestein wimmernd nieder, bis er, voneiner jungen Farrenpalme angehalten, hängen blieb, und nun verzweiflungsvoll die Bahn zurückblickte, die er eben so unfreiwillig rasch herniedergerasselt war.

Oben aber, aus dem kleinen Lianendickicht, das auf dem Felskegel wucherte, kroch vorsichtig und geräuschlos eine dunkle tättowirte Gestalt, glitt bis zu dem Felsrand hin, wo noch leise rollender Kies die Stelle verrieth, welche die Männer eben zurückgelegt, und beobachtete hier, von niederem Mooswuchs und einzelnen Farrenkräutern verdeckt, mit den aus dem narbigen Gesicht unheimlich vorfunkelnden Augen die Bewegungen der Fremden, von denen Tomson und Dumfry erst zu dem Gefallenen traten und dann, als sie sahen, daß dieser selbst keinen weiteren Schaden genommen, und noch stehen und gehen konnte, in den östlich gelegenen Büschen mit ihm verschwanden.

Der Indianer blieb wohl eine Viertelstunde lang regungslos in seinem Verstecke liegen, und erst dann, als er sich fest davon überzeugt haben mochte, daß die Fremden den Platz auch wirklich verlassen hätten, erschien seine Gestalt plötzlich am Rande des Abhanges. Blitzesschnell glitt er hinab, wich aber, unten angelangt, den Spuren der Weißen in einem weiten Bogen aus – er vermied die Stelle, wo die zersplittertenGlasflaschen lagen – und nahm erst dort die Fährte wieder auf, wo die Fremden, dem felsigen Bette eines vertrockneten Baches folgend, in den Wald eingedrungen waren.

Ruhig lag indessen der Kasuar vor seinem Anker, und die Matrosen hatten sich, als das kleine Boot zwischen die vorhängenden Büsche des Ufers schoß und von diesen verdeckt wurde, lässig unter das aufgespannte Sonnensegel gelagert, und schauten träumend auf das blaue, nur leise wogende Meer hinaus, das, wie sie, in müßiger Ruhe die heiße, sonnige Tageszeit zu verschlafen schien. Selbst die Fische mußten sich in die dunkle, kühle Tiefe zurückgezogen haben, denn nur selten zuckte ein goldschillernder Delphin strahlenblitzend über die gebrochene Spiegeldecke der Fluth, und Careys Mutter Küchelchen[13]selbst schaukelten sich mit nur selten gehobenen Schwingen auf ihrem heimathlichen Element.

[13]: Die kleine schwarze Seeschwalbe, die den Schiffer auf seinen weiten Reisen begleitet.

Das Steuer des kleinen Fahrzeugs stand verlassen, nicht weit aber davon lagen, anscheinendebenso unthätig als die Uebrigen, der Sträfling und sein neugewonnener Freund, der irische Matrose, dicht neben dem Gangspill, und hatten beide die Köpfe auf den unteren, vorstehenden Theil desselben gelegt, in welchem die starken messingenen Einhemmer ruhten.

»Bill« flüsterte da der Sträfling endlich und berührte leise den Ellbogen des Kameraden.

Der Ire hob den Kopf ein wenig und schaute vorsichtig hinüber.

»Wenn der Koch zum Essen ruft,« fuhr Ned eben so leise fort, »so geh' nach vorn, und thu' wie ich Dir sagen werde; noch habe ich nicht alle Hoffnung aufgegeben, und, wenn mein Plan gelingen soll, so ist das der einzige Augenblick zur Ausführung.«

»Aber wie und was?« brummte der Ire, »an Schwimmen dürfen wir nicht denken, denn ich will verdammt viel lieber Matrose bleiben, als mich von Haifischen fressen lassen und das Canoe können wir zwei unmöglich über Bord heben.«

»Nein,« flüsterte der Sträfling zurück – »dennoch giebt's ein Mittel es hinüberzubekommen; wo Gewalt Nichts auszurichten vermag, muß List helfen. Doch die Zeit drängt – steh' Du jetzt auf und mache Dir in der Nähe des Kochs etwas zu thun, sobaldder aber anfängt das Essen in die Schalen zu füllen, so ruf' »Segel ahoi!« – Ist auch nichts zu sehen, sie mögen Dich nachher auslachen, oder darüber fluchen, komme aber nachher sobald Du es unbemerkt thun kannst und – hörst Du – so schnell als möglich hierher zurück.«

»Was soll das aber helfen?« frug der Ire erstaunt.

»Wirst's schon sehen,« sagte Ned, und drehte sich auf die andere Seite herum, Bill aber, der sich noch ein paar Mal streckte und dehnte, stand endlich langsam auf, und schlenderte kopfschüttelnd dem Vordertheil des Schooners zu, wo der Koch, ein feister ächter »Buck nigger« – von der Mannschaft jedoch nur gewöhnlich schlichthin Doktor genannt – emsig in der kleinen, heißen Kambüse beschäftigt war, großmächtige Kessel heraus und hineinzuheben, Pfannen zu rücken und Seewasser in entsetzlichen Quantitäten an Bord zu ziehen und wieder auszuschütten, bis ihm der Schweiß in großen, hellen Tropfen von Stirn und Schläfen lief, und sein Antlitz mit einer wahren, glänzenden Fettdecke überzog. Die Matrosen hatten aber auch heute einen Festtag, denn, um sie in etwas dafür zu trösten, daß sie nicht mit ans Land durften, war ihnen Pudding und Schweinfleisch bewilligt worden, und verschiedene, hungrige Abgesandtehatten sich schon in kurz aufeinanderfolgenden Zwischenräumen erkundigt: »ob heute wirklich noch zu Mittag gegessen würde.« –

Ned wußte das Alles, und baute darauf seinen Plan, der in nichts Geringerem bestand, als noch vor dem Essen die Mannschaft des Kasuar dahin zu bringen, das an Bord liegende Canoe selbst mit in See zu heben, und es auch dorten die Mittagszeit hindurch zu lassen.

Nicht weit von dort wo er lag, standen nämlich dicht am Steuerrad zwei grünlackirte Eimer, die den Namen des Schooners trugen, und mit theils dem »Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige Wäsche angefüllt waren. Ned, der nie eine Gelegenheit vorbeigehen ließ, Geld zu verdienen, da er recht gut wußte, daß erGeldsowohl zum Fliehen, als auch zum späteren Fortkommen nothwendig haben müsse, hatte es auch hier an Bord für eine mäßige Vergütung übernommen, die Wäsche dieser beiden »Offiziere« in Ordnung zu halten, und dorthin begab er sich jetzt, als ihn der Ire eine Zeitlang verlassen, und er sich von sonst keinem weiter beachtet wußte.

Neben den beiden, bis zum Rande mit Seewasser angefüllten Eimern stellte er jetzt noch einen leeren dritten, nahm dann aus den ersten einen Theil derHemden, rang sie trocken aus, füllte damit den letztgebrachten Eimer mehr als halbvoll, hob ihn auf die, nicht eben hohe Verschanzung und goß nachher aus den anderen das gebrauchte Seewasser über Bord.

»Du wirst den Eimer hinunterfallen lassen Ned,« rief ihm der Kajütenjunge zu, der eben die Treppe niedersteigen wollte – »wenn's ein Bischen schwankt, liegt er drüben, und 's ist nicht einmal ein Tau dran.«

»Kümmere Du Dich um Deinen Kram,« brummte der Sträfling, warf der schlanken, lachend niedertauchenden Gestalt einen giftigen Blick nach und fuhr in seiner Arbeit fort; sein Blick aber schweifte oft rasch nach dem Bug des Schooners hinüber, wo Bill nachlässig an der Ankerwinde lehnte, und anscheinend halb im Schlaf nur dann und wann einmal nach dem Koch hinüberblinzte. Da kam dieser mit den hölzernen Schaalen aus dem Vorcastle herauf, und der Ire stand auf, trat an die Bulwarks und stützte sich mit dem Ellbogen auf den einen dort festgeschnürten Anker – jetzt hob er sich etwas empor und schützte mit vorgehaltener Hand seine Augen gegen das Sonnenlicht. Am fernen Horizont waren indessen in der That mehrere kleine weiße Punkte sichtbar geworden, doch achteten die übrigen Matrosennicht darauf, denn einestheils brauchten sie hier in der Gegend keine Seeräuber zu fürchten, und dann nahm auch wirklich in diesem Augenblick der Koch ihre ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, um gerade jetzt auf irgend etwas Anderes zu denken.

Ein kleiner Büschel Werg – Ueberbleibsel eines zerzupften Taues – lag dicht neben Ned an Deck; dieser hob ihn auf, warf ihn über Bord und folgte ihm mit den Augen. Das Werg trieb, durch die Strömung getragen, langsam am Riff hinauf, und der Sträfling lächelte still vergnügt in sich hinein, denn gerade dort wurde jetzt die hohe, dicke Rückenflosse eines Hai sichtbar, der sich in dem schäumenden Rauschen der Untiefe zu sonnen schien, als er sich aber wieder nach seiner Arbeit umwandte, sah er, wie der Zimmermann aufgestanden war und gerade auf ihn zukam. Blieb der in seiner Nähe, so wurde die Ausführung des erdachten Planes zur Unmöglichkeit.

»Gift und Tod!« knirrschte der Sidneyer wild in sich hinein, »hat denn dieser vermaledeite Schuft von Koch« –

»Segel ahoi!« rief plötzlich der Ire am Bug des Schooners, und der Zimmermann wandte sich, erstaunter über den Ruf als das Segel selbst, nachjenem um, Ned aber trat rasch gegen die Bulwarks an und stieß hier den, nur leicht auf den Bord gestellten Eimer in See.

»Seht Ihr – hab ich's nicht gesagt?« schrie da der Kajütenjunge, der eben wieder an Deck kam, und jetzt vor die Verschanzung sprang, um hinüber zu sehen, – »ei Du lieber Gott, da schwimmen ja des Zimmermanns Hemden mit fort, na der wird schön schimpfen – jetzt kann Tom wieder hinterherschwimmen.« Und als ob sich das von selbst verstünde, warf er seine Jacke ab und wollte eben ohne Weiteres in See springen, den langsam dahintreibenden Wäscheimer zurückzubringen.

Das vertrug sich aber keineswegs, mit Ned's Plane, der dadurch vernichtet worden wäre.

»Halt, um Gotteswillen!« rief er, und ergriff den Arm des kecken jungen Burschen – »Ihr wäret verloren – seht Ihr denn nicht dort den Hai!«

»Hallo, was giebt's da?« sagte in diesem Augenblick der Zimmermann, als er rasch an die beiden hinantrat, zu gleicher Zeit aber auch den, jetzt schon ein ziemliches Stück vom Schooner entfernten Eimer erkannte - »Wasserhosen und Seeschlangen, meine Hemden – Ned, Hallunke, das hast Du mit Fleiß gethan – aber warte Canaille, das zieh' ich Dir amLohn ab, und wenn Du ein Jahr lang für mich waschen sollst. Willst Du den Jungen loslassen, Bestie – was giebt's mit dem?«

»Er wollte über Bord springen, Sir,« stammelte in anscheinender Angst und Zerknirschung der Sträfling – »und da hinten – da hinten der Hai« –

»Was geht'sDichan, wenn er seine Haut riskirt – Lubber Du!« donnerte ihn da der Zimmermann an – »bist Du sein Wächter, oder ist Dir's wohl etwa nicht einmal recht, daß der Capitän seine Hemden wiederkriegt? – Hinüber mein Bursche – der Hai wird Dich nicht gleich – ja so, Donnerwetter nein – mit den Haifischen ist hier nicht zu spaßen« unterbrach er sich aber plötzlich selber, denn es fiel ihm gerade noch zur rechten Zeit ein, daß Tomson die ja eben für die Wächter des Fahrzeugs erklärt hatte. Schickte er jetzt den Jungen selber über Bord, und kehrte der ungefährdet zurück, wer stand ihm denn dafür, daß sich nach Dunkelwerden nicht gar ein Theil seiner Matrosen über Bord ließ und ans Ufer schwamm, denn ein guter Schwimmer hätte die kurze Strecke, wenn er noch dazu die Fluth abwartete, wohl glücklich zurücklegen können. Der junge Bursche schien sich übrigens, nachdem er erst einmal auf die keineswegs unbedeutende und so nahe Gefahr aufmerksamgemacht war, auch gar nicht mehr zu dem erst so bereitwillig angebotenen Ritterdienst zu drängen, und trat fast unwillkürlich vom Bord zurück.

»Dinner, boys – Dinner!« schallte in diesem Augenblick des Kochs Stimme herüber, der die Schaalen im Arm eben damit nach dem Vorcastle schritt.

»Halt da!« schrie der Zimmermann, als er sah, daß sich einige der Matrosen nach vorn stehlen wollten, wo er nicht mit Unrecht fürchtete, sie würden die besten Stücke für sich heraussuchen – »laßt das Canoe in See – hierher ihr Schufte – wollt Ihr, daß ich Euch fünfzigmal rufen soll? – hinüber damit – Wo ist Bill? – hierher Sir, mit angefaßt – Euerem albernen Segelahoischreien haben wir den ganzen Unsinn zu danken. Schnell Ihr Seehunde – denkt Ihr der Eimer wartet auf Euch? – heilige Dreifaltigkeit, er segelte wie ein portugiesischer Man of war[14]! und Du, Ned, kannst Dich freuen – warte Du Strick, das soll Dir angerechnet werden, wenn Tomson zurückkommt – ich wünsche jetzt nur weiter Nichts, als daß wir die Hemden nicht wieder kriegten.«

[14]: Portugiesischer Man of war, der Beiname des Nautilus.

Trotz diesen, mit einem wilden Seitenblick aufden Strafwürdigen, heftig ausgestoßenen Worten, gab sich der wackere Zimmermann aber wirklich die größte Mühe zum Gegentheil, und hob und schob mit aus Leibeskräften, das etwas unbehülfliche Boot über Bord zu heben. Dieses war ein ächt Neuseeländisches Canoe, mit reich geschnitztem Vordertheil, schwarz und roth bemalten Seiten, und hinten im Stern mit Albatroßfedern verziert; obgleich aber zwei zierlich ausgeschnittene, kurze Ruder, wie sie die Eingeborenen führen, darin lagen, so schien es doch fast zu schmal und schwank, zwei große erwachsene Personen zu tragen, und der Zimmermann zog es denn auch, vielleicht nur aus diesem Grunde, vor, allein niederzusteigen, und dem, indessen schon wenigstens zweihundert Schritt entfernten Eimer nachzurudern. Ned hütete sich auch wohl, seine eigenen Dienste zu diesem Zweck anzubieten, da er recht gut wußte, der Zimmermann würde ihm nicht allein nie gestatten das Boot allein zu betreten, sondern auch, wenn das bis jetzt wirklich noch nicht geschehen, auf jeden Fall Verdacht schöpfen, und ihn dann so genau bewachen, daß all seine bisherige List und Schlauheit vergebens gewesen wäre.

Jener aber, ehe er abstieß und in dem scharf gebauten, flüchtigen Kahn leicht mit der Fluth dahinschoß, rief den jetzt über Bord und ihm nachschauenden Matrosen noch einmal zu, ja nicht etwa fortzulaufen, sondern dort seiner zu harren, bis er zurückkehre, damit sie das Canoe nachher gleich wieder hinauf hissen könnten.

Vielleicht hätten sie gehorcht, aber mahnend erschallte gerade da noch einmal der jetzt schon ungeduldigere Ruf des Kochs: »Dinner ready, boys!– macht, oder es wird kalt,« und der Ire, überhaupt schon als ein fürchterlicher Esser gekannt und gefürchtet, der nun auch vollkommen einsah, was seines Kameraden Absicht sei, schob die Hände in die Taschen seiner kurzen Jacke, spuckte sein Priemchen über Bord und sagte, während er entschlossen nach vorn ging –

»Bis der wieder hier ist, können wir fertig sein!«

»Bleib lieber da, Bill,« riefen ihm ein Paar von den Andern nach, »der Zimmermann flucht und wettert nachher den ganzen Tag.« –

»Wenn'sihmSpaß macht,« brummte Bill, ohne die Aufforderung weiter zu beachten, »mirkann's recht sein, so oft haben wir aber kein Schweinfleisch, daß ich der Letzte dabei sein möchte.«

Er schritt rasch den dampfenden Schüsseln zu, und dieß Beispiel half, denn die Anderen kannten ihn nur zu gut; wo der Ire einmal angefaßt hatte, bekamendie Nachzügler auch gewöhnlich nur das Nachsehen, und während der Zimmermann aus Leibeskräften dem langsam davon treibenden Eimer nachruderte, stürmte die Mannschaft des Kasuar dem Vorcastle zu, und fiel hier mit einem wahren Heißhunger über die ausgetheilten Speisen her.

Ned allein blieb am Hinterdeck stehen, und erwartete die Rückkehr des Canoes. Der Zimmermann ließ denn auch nicht lange auf sich warten – er hatte sich einmal umgesehen, und bald gefunden, daß all seine Leute ihre Posten verlassen hatten – womit sie sich jetzt beschäftigten, konnte er sich leicht denken; mit dem besten Willen legte er sich daher in das Ruder und murmelte dabei nur leise, aber desto grimmigere Verwünschungen in den Bart, die sich theils über die »gefräßigen Schufte,« theils über den »Hund von Canarienvogel« ergossen, den er im Geist schon züchtigen und abstrafen ließ. Bald erreichte er den Eimer, faßte ihn am Henkeltau, hob ihn in sein schwankes Boot, und drehte dann den Bug desselben rasch wieder seinem eigenen Schooner zu. Allerdings mußte er jetzt gegen die Fluth ankämpfen, die neuseeländischen Fahrzeuge sind aber auch hierzu so spitz und schneidig gebaut, und leicht konnte er damit den nicht allzustarken Widerstand bekämpfen.

Wie er mit dem Bug seines schwanken Fahrzeugs gegen den Stern des Schooners anlief, warf ihm Ned ein Tau zu. Rasch befestigte er dieses vorn am Springfall und kletterte dann ohne weiteres Zögern an Deck.

»Und die anderen Hallunken,« rief er hier, als er den geretteten Eimer an Bord warf und mit dem Fuße stampfend nach vorn blickte.

»Sind beim Essen, Sir,« erwiederte ihm demüthig der Sträfling – »ich bat sie, Euerer hier zu warten, aber sie sagten, ich solle zum Teufel gehen – Ihr – Ihr« –

»Nun was, Ihr? heraus mit der Sprache, was Ihr?« rief ärgerlich der Zimmermann – »weshalb stotterst Du – was Ihr?«

»Ja ich kann doch nicht dafür, daß Jene es sagten« – bat, einen Schritt zurücktretend, der Sidneyer. –

»Wassagten – Hallunke,« rief aber auch jetzt der Zimmermann, auf das Aeußerste entrüstet – »wird dieser Carnarienvogel singen, oder soll ich ihm die Zunge lösen« –

»Ihr fräßt ihnen so Alles weg, wenn Ihr kämt, sagten die Leute« – betheuerte Ned und zog sich dabei immer mehr zurück.

Der Zimmermann, ohne weiter eine Sylbe zu erwiedern, griff mit einem, zwischen den zusammengebissenen Zähnen halblaut vorgestoßenen Fluch nach einem kurzen Ende Tau, was dort lag, und schritt rasch auf dem Starbordgangway entlang, dem Vorcastle zu. Zu gleicher Zeit aber, und sobald er nur die midschips aufgestapelten Wasserfässer und Nothspieren erreicht hatte, glitt die niedergebückte Gestalt des Irländers auf dem Larbordgang nach hinten, und wie sich Ned eben – denn jetzt war der Augenblick zum Handeln gekommen – über die Bulwarks schwang, und in das, von dem so plötzlich niederdrückenden Gewicht hochaufschaukelnde Canoe sprang, griff Bill in einer Art Humor eben den Eimer wieder auf, den der Zimmermann mit so viel Anstrengung zurückgebracht und folgte seinem Gefährten in demselben Moment, als dieser, um nicht Zeit mit dem Aufknüpfen zu verlieren, das schwache Tau, das sie noch hielt, durchschnitt und blitzesschnell von Bord stieß.

Das Ganze hatte nur wenige Sekunden zu seiner Ausführung gebraucht, und die Flüchtlinge würden Vorsprung genug gewonnen haben, wenigstens aus jedem gefährlichen Bereich des Schooners zu kommen, hätten nicht zwei, den beiden Leuten keineswegsgünstige Augen das Ganze mit angesehen. Der Kajütenjunge erschien in dem nämlichen Augenblick an Deck, als Bill über dem Rand desselben verschwand, und ohne weiter seine Zeit mit Anrufen zu verschwenden, die doch, wie er recht gut wußte, ganz nutzlos gewesen wäre, rannte er spornstreichs nach vorn, und sein Hülferuf machte nur zu schnell die Mannschaft und besonders den jetzigen Befehlshaber des Fahrzeugs, den Zimmermann, darauf aufmerksam, was hier eigentlich vorgehe.

»Teufel!« schrie der alte Seemann, und sprang mit flüchtigen Sätzen dem Hinterdeck zu – aber zu spät, denn eben trieb das schlanke Canoe vom Schooner ab, und Ned, der sich in den Stern desselben geworfen hatte, ergriff das Ruder, und neigte es freundlich grüßend gegen den Wuth schäumenden Matrosen.

»Good bye, Sir!« rief er dabei lachend – »wollen dem Capitän die Hemden mit hinüber nehmen – wird sich ungemein darüber freuen – etwas sehr angenehmes an solch' heißem Tag, die Wäsche wechseln zu können – bitte mich gehorsamst in Sidney zu empfehlen!«

Der Zimmermann, der mit einem Blick die Lage der Dinge überschaute, war mit wenigen Sätzen inder Kajüte unten, ergriff die, dort in der Ecke lehnende und stets geladene Büchse, stieß das kleine, dicht über dem Steuerruder angebrachte Fenster auf, hielt die Mündung des Gewehres hinaus und donnerte den Flüchtigen nach:

»Halt! – halt, sag' ich, oder ich schieße!«

»Bücke Dich, Bill!« rief der Sträfling, der in diesem Augenblicke gerade den Kopf zurückwandte – »nieder mit Dir!« und zu gleicher Zeit warf er sich flach auf den Boden des Canoes. Der Ire aber, theils durch die schaukelnde Bewegung des schwanken Bootes, theils durch die Worte selbst erschreckt, kehrte sich, da ihm überdies nicht einmal Raum genug blieb, dem Rath zu folgen, rasch nach dem Drohruf des Zimmermanns um, und vermehrte dadurch, freilich unbewußt, die Unsicherheit seiner Stellung um ein Bedeutendes.

Da zuckte aus dem Kajütenfenster des Kasuar ein scharfer blendender Strahl, und mit dem Ausruf: »Jesus Maria!« fuhr der Ire zur Seite. Wohl hob sich auch zu gleicher Zeit der Sträfling, und suchte dadurch, daß er sich auf den entgegengesetzten Bord warf, das Schifflein im Gleichgewicht zu halten, der Verwundete schwankte jedoch eben so rasch auch dort hinüber, und das Canoe, das flach im Boden, wiefast alle diese ausgehauenen Fahrzeuge, einem solchen Druck nicht widerstehen konnte, entlud im nächsten Moment seine Last in die hoch über ihr zusammenschlagende Fluth, füllte sich dann, da der Ire krampfhaft daran festhielt, und sank.

Vom Bord des Kasuar stieg der Jubelruf des Zimmermanns empor, die Matrosen aber beobachteten mit schweigendem Entsetzen die Folgen dieses so unheilvollen Schusses, denn kaum hundert Schritt von dem umgeschlagenen Canoe entfernt, wurde im nämlichen Augenblick die Haiflosse wieder sichtbar; deutlich konnten sie dabei erkennen, wie sich das Ungeheuer der Tiefe mehr und mehr den, jetzt eben wieder emportauchenden Unglücklichen näherte, und ihr Athem stockte, da sie das Fürchterlichste fast unvermeidlich sahen, und doch nicht im Stande waren zu helfen.

Das Canoe selbst konnte übrigens, seiner eigenen Leichtigkeit wegen, nicht ganz zum Grunde gehen, sondern trieb nur, die Ränder kaum über der Oberfläche zeigend, langsam in der Strömung hin. Ned, der dicht daneben wieder auftauchte, versuchte allerdings seinen Arm darunter zu schieben, um dadurch vielleicht einen Theil des Wassers auszuwerfen, fand aber gar bald, daß er solcher Arbeit allein nicht gewachsensei. Rasch sah er sich nach dem Kameraden um – da fiel sein Blick über diesen hinweg, auf die nicht ferne Brandung der Riffe – großer allmächtiger Gott – jener dunkle Punkt auf dem sonnenhellen Meer – ein wilder, stechender Schmerz durchzuckte sein Hirn, und unwillkührlich fast maß das Auge die Entfernung zum Schooner. Es war das aber auch nur ein Moment, denn hätte er selbst in seine Ketten zurückkehrenwollen, jetztkonnteer nicht mehr; er vermochte ja nicht solche Streckegegendie Strömung anzuschwimmen.

»Ned,« stöhnte da dicht neben ihm sein Kamerad – »Ned – ich bin verwundet – heiliger Patrick – der Mann hat mich durch die Schulter geschossen, – laß uns – laß uns das Boot flott machen – noch habe ich Kräfte, aber ich fühle, wie ich mit jeder Sekunde schwächer werde.«

»Wir sind nicht im Stande das Boot auszuschöpfen!« rief Ned rasch und seine Pulse stockten, als er die Spitze der Flosse gerade auf sie zugewandt sah – hatte sie der Hai gewittert, so war Einer von ihnen verloren – »komm Bill – wir müssen dem Ufer zuschwimmen – es ist ein Hai in der Nähe.«

»Ein Hai?« ächzte der Ire, und es war fast, als ob nicht jene Kugel, sondern erst dieses Wort ihm denTodesstoß gegeben. Es ist das Fürchterlichste für das Ohr des Schwimmenden, und seine Wirkung trifft wie ein lähmender, vernichtender Schlag. »Ein Hai« – wiederholte er zitternd und faßte krampfhaft nach dem, unter seinem Gewicht versinkenden Boot, »heilige Jungfrau, wir sind verloren!«

Ned zögerte noch einen Augenblick – sollte er das Canoe verlassen und in seiner eigenen Kraft die Rettung suchen? – aber sein Kamerad – da fiel sein Blick auf den Unglücklichen, der sich, von dem, wenigstens etwas Widerstand leistenden Holz gestützt, über die Oberfläche der See erhob und mit bleichem, stieren Antlitz nach dem nahenden Feind hinüber starrte; zu gleicher Zeit sah er, wie ein rother, verrätherischer Blutstrom von ihm ausging und die See schon auf mehrere Schritte im Umkreis färbte.

Länger bei ihm zu verweilen, wäre sicherer Tod gewesen – der gierige Hai, vielleicht schon durch den Schuß, wie durch den Schrei des Opfers aufmerksam gemacht, kam in kurzen Gängen heran und wurde, sobald er nur einmal das Blut witterte, zum erbarmungslosen Vernichter. Nicht einmal die gewöhnliche, und sonst nicht selten mit Vortheil angewandte List, wie das Schlagen mit Armen und Beinen und Schreien und Plätschern, konnte ihn mehr zurückschrecken.Ohne also auch nur ein Wort weiter auf den Hülferuf dessen zu erwiedern, der sich doch eigentlich nur seiner Leitung vertraut hatte, glitt er, so schnell und geräuschlos als möglich, von ihm fort, und strich in langen kräftigen Zügen aus, dem Lande zu. Die Schooner-Männer sahen seine Bewegung, und ihr wilder Schrei der Entrüstung verrieth nur zu deutlich, daß seine Absicht, wie die Ursache derselben, an Bord deutlich erkannt sei.

Dieser Schrei rief aber auch den unglücklichen Iren zu dem ganzen, fürchterlichen Bewußtsein seiner Lage zurück; ein einziger Blick verrieth ihm die feige Flucht seines Kameraden, dem er nicht einmal nachrufen durfte, wenn er nicht den grimmen Feind auf seine Spur bringen wollte. Verzweiflungsvoll starrte er jetzt nach dem Schooner zurück, und selbst in dem Gedanken schon drängte er die breite kräftige Brust der Strömung entgegen, das Unmögliche zu versuchen. – Umsonst, die Fluth, die dem Lande zustrebte, führte ihn weiter und weiter zurück, und mit dem warmen, quellenden Lebensstrom wich auch seine Kraft; die Sehnen, jetzt nur noch durch Todesangst und Noth in Spannung erhalten, schlafften in der übernatürlichen Anstrengung.

Näher und näher kam indessen der Hai – witterteer wirklich das Blut seines Opfers in so großer Entfernung? – noch schien er unschlüssig wohin er sich wenden solle, denn die Matrosen auf dem Schooner, obgleich der Arme unter der Zeit weit abwärts getrieben war, und trotz dem, wild dagegen protestirenden Zimmermann, schrieen und schossen mit Pistolen und Gewehren, um die Aufmerksamkeit des Unthiers von seinem Opfer abzulenken. Der Hai beschrieb auch, dadurch vielleicht irre gemacht, mehrere weite Kreise und strich einmal schon dem matt zu ihm herüber tönenden Lärmen entgegen, so nahe war er aber zugleich dem gesunkenen Canoe gekommen, daß ihm die von dort langsam herüber drängenden Ringwellen auch den Blutgeruch mit zuführen mußten. Plötzlich hielt er mitten in seinem Zug regungslos still – die Flosse stand unbeweglich fest, und wieder senkte sich ein Strahl von Hoffnung in O'Learys Herz, vielleicht nahm der Hai eine andere Richtung und er selbst trieb indessen dem Lande zu. – Da hatte der Raubfisch seine Witterung gespürt – nach rechts und links kreuzte er hinüber, als ob er die genaue Lage desselben erst ergründen wolle – jetzt hielt er wieder, und regungslos stand er wohl eine halbe Minute still, bis er sich endlich, wie seines Siegs gewiß, mit solch' entsetzlicher Kraft nach vorne schnellte, daß die Hälfteseines glatten, blitzenden Körpers in der hochaufspritzenden Fluth erschien; im nächsten Moment schoß er pfeilgeschwind der Richtung zu, wo der Unglückliche, immer noch mit der einen Hand krampfhaft das gesunkene Canoe erfaßt hielt, und zitternd nach dem Fürchterlichen hinüber starrte.

Da erkannte er das Nahen des Todesboten, sah, daß jetzt jede menschliche Hülfe vergebens sei, und von letzter, verzweifelter Angst, fast seiner Sinne beraubt, wandte er sich zur unmöglichen, trostlosen Flucht. Weit in die Bai griff er aus, den Kopf scheu dabei nach dem Verfolger zurück gedreht – aber seine Kräfte waren erschöpft – kaum vermochte er noch, sich über Wasser zu halten, dennoch ließ er nicht nach – der Kopf sank ihm, aber die Glieder arbeiteten fort, und nicht einmal mehr der Richtung bewußt, die er nahm, strebte er jetzt gerade dem Feind entgegen. Das Ungeheuer der Tiefe schoß herbei – der weiße, silberglänzende Bauch wurde sichtbar – ein Schrei, von dem Todesgurgeln erstickt, rang sich aus der Brust des Unglücklichen, und wenige Secunden später verrieth nur noch das vom Blut gefärbte Meer und das Kochen der aufsprudelnden Wasser die Stelle, wo eben ein Mensch geendet.

Und der flüchtige Sträfling? sah er noch den Todseines unglückseligen Gefährten? – nein, sein Blick konnte jene Stelle nicht mehr überschauen; der gellende Nothschrei aber drang bis zu ihm hinüber, und sagte ihm mit fürchterlicher Schnelle, welcher Gefahr er selber ausgesetzt sei, wenn andere Hai's, durch den Blutgeruch herbei gelockt, die Bucht durchkreuzten. In wilder Verzweiflung strebte er jetzt dem Lande zu, das sich, nur noch kurze Strecke entfernt, vor ihm ausbreitete – er wandte auch den Kopf nicht mehr zurück; mehr noch fast, als das gefräßige Unthier des Oceans selbst, fürchtete er die lähmende Angst, die ihn bei dessen bloßem Anblick ergreifen und vernichten mußte, denn nur in Schnelle und Ausdauer lag noch seine Rettung. Er schwamm um sein Leben, und als er endlich die schwache Brandung erreichte, als ihn die Wogen faßten und hoben und hinüber trugen auf den rettenden Sand, da vergingen ihm die Sinne, er hatte nicht einmal mehr Kraft genug behalten, sich hinauf, dem höher liegenden Ufer zuzuschleppen, und fühlte nur noch, wie ihn hülfreiche Arme erfaßten, aufhoben und forttrugen. Er wollte schreien, doch die Stimme versagte ihm, er wollte die Augen aufschlagen, aber er vermochte es nicht mehr, ein toller Schwindel bemächtigte sich seiner Sinne, und ohnmächtig und bewußtlos brach er zusammen.

Wie lange er so gelegen, wußte er nicht; als er aber nach wildem, wunderlichen Traum die Blicke aufschlug, und zu den wehenden, grünen Wipfeln schattiger Bäume emporschaute, da sah er auch, wie er von Eingeborenen umgeben war, und ein hoher, stattlicher Insulaner, mit einem langen, sonderbaren Stab in der Hand und ein paar Falkenflügeln an beiden Seiten des Kopfes, stand vor ihm, und starrte ihm fest und finster ins Angesicht. Einzelne der Wilden begannen jetzt, als sie nun sahen, daß er wieder zu sich kam, ihn mit Fragen zu überhäufen, Ned verstand aber ihre Sprache nicht, und blickte nur scheu von Einem zum Andern, bis der Mann mit den Raubvogelflügeln, und wahrscheinlich auch der Führer der Schaar, ihn in gutem, flüssigen Englisch anredete, und zu wissen verlangte, was er hier an dieser Küste, suche. Auf diese Frage war aber der Sträfling schon vorbereitet, denn natürlich konnte er denken, daß er unter Eingeborene gerathen müsse, wenn er, der Küste folgend, die erste europäische Ansiedelung aufsuchen wollte; er hatte denn auch eine ziemlich glaubwürdige Erzählung bereit, und sagte, er wäre auf jenes, dort vor Anker liegende englische Fahrzeug gepreßt und unmenschlich behandelt worden, und hätte sich, ehe er ein solches Schicksal länger ertrüge, lieber mit derGefahr, von Haifischen gefressen zu werden, zu den Eingeborenen dieser Insel geflüchtet.

»Ist die gelbe Jacke die Matrosentracht der englischen Fahrzeuge?« frug der Häuptling ruhig, als jener sein Märchen beendet hatte.

»Die gelbe Jacke?« wiederholte der Sträfling, und blickte überrascht und etwas außer Fassung gebracht zu ihm auf, dieser aber schien das nicht zu bemerken und fuhr nur fort, während er sich halb von ihm abwandte, und nach der Waldspitze deutete, wo der Ta-po-kaï mündete:

»Wem gehört jenes Boot, und wo sind die Männer die es hierher gerudert?« –

Ned zögerte mit der Antwort – er dachte an den Schatz und wußte nicht, ob er durch eine Enthüllung alles dessen, was ihm bekannt, des Häuptlings Vertrauen erwecken, oder selber suchen solle, den Schatz an sich zu bringen. Wie das aber? als er seinen Plan zuerst gemacht, hatte er auf des Iren Hülfe gerechnet, jetzt stand er allein – wäre es ihm möglich gewesen, unbewaffnet auch nur das Mindeste gegen drei starke Männer zu unternehmen? Nein, vielleicht half ihm aber die Entdeckung desselben zu der Freundschaft des Indianers, und ohne dessen kalt und ruhig auf ihm haftenden Blick zu begegnen, versprach er eine fürdiesen höchst wichtige und nützliche Enthüllung machen zu wollen, die ihm reiche Beute brächte, wenn ihm sein eignes Leben dabei gesichert würde.

Der Insulaner sagte ihm das zu, und der Sträfling, dadurch kühner gemacht, forderte nun auch noch, in seinen Stamm aufgenommen, und von diesem selbst gegen die Verfolgung der Weißen geschützt zu werden. Das aber wies der Häuptling unwillig von sich.

»Ich sicherte Dir Dein Leben!« rief er finster »und brauchte selbst das nicht zu thun. Liebe zu uns hat Dich nicht hergeführt, und Deine Hülfe brauch' ich kaum, denn seit jene Dreie gelandet, folgen ihnen meine Späher, und ihr Boot ist in meiner Gewalt; doch bist Du wahr gegen mich, so sei ein Theil der Beute Dein – thue dann damit, was Du willst. Die Gier der Weißen geht nach Gold – das mag Dir genügen.«

Freudig ging der Sträfling in diesen Vorschlag ein, den er gar nicht zu machen gewagt, da er kaum geglaubt hatte, daß die Wilden je wieder ein erbeutetes Gut herausgeben würden. Er erzählte nun aber auch Alles, was er erlauscht; daß der Eine der Weißen – die Pest über ihn, er hatte ihn stets wie einen Hund behandelt – als Indianer verkleidet, das Gesicht aber mit einer Matte verhangen, das Ufer betretenhabe und eine Landverschreibung mit sich führe, die seiner Aussage nach Heki selbst unterzeichnet hätte.

Der Häuptling, der im Anfang kaum den Worten gelauscht, horchte hoch auf, und schien dem Erzählenden das Wort von den Lippen zu stehlen, mit keiner Sylbe unterbrach er ihn aber, und erst nachdem Ned Alles das, was er an Bord erhorcht, gebeichtet, that er ihm einige Fragen nach der Gestalt, dem Aussehen, den Augen, Zügen und dem ganzen Wesen jenes Mannes, der unter dem falschen Schutz ihres heiligsten Gesetzes dieses Ufer betreten habe. Ned gab das so gut er konnte, und der Neuseeländer nickte dabei ingrimmig lächelnd mit dem Kopf. Endlich zog er sich eine Zeitlang zu den Seinen zurück, und der Sträfling konnte jetzt nur nach den wilden lebendigen Gestikulationen, mit denen sie die, ihm fremden Worte begleiteten, schließen, daß es ein reges Interesse sei, was die düstern Gestalten jetzt bewegte und ihren Augen ein soviel wilderes, unheimlicheres Feuer verlieh.

Niemand kümmerte sich mehr um ihn, stundenlang lagerten die Krieger in dem kühlen Waldesschatten, und die Sonne hatte schon geraume Zeit den Zenith überschritten, während weiße, wehende Nebelstreifen am südlichen Horizont heraufstiegen, und ihre milchigenStrahlen weit hin über das Firmament schossen, als plötzlich die Büsche raschelten und ein einzelner Krieger, das dunkle, tättowirte Gesicht von einigen, kaum geheilten Narben fürchterlich entstellt, aus dem Dickicht sprang, an dessen äußerstem Rande sie lagerten.Waser berichtete, konnte Ned nicht verstehen, doch mußte seine Mittheilung von Wichtigkeit sein. Auf jeden Fall war sie lang erwartet, denn von mehren Seiten kehrten jetzt augenscheinlich früher ausgestellte Posten zurück, und die Schaar, die aus etwa fünfzehn Männern bestand, theilte sich in zwei ziemlich gleiche Haufen.

Der Eine von diesen zerstreute sich in den benachbarten Büschen, der Andere aber schlich langsam am Waldrand hin, der Mündung des Ta-po-kaï zu. Der Sträfling blieb unter der Aufsicht zweier Krieger und mußte der letzten Schaar folgen, doch schien man nichts von ihm zu fürchten, oder keine weiteren Vorsichtsmaßregeln für nöthig zu halten, denn er durfte frei neben seinen Begleitern hergehen, deren ganzes Aeußere ihn aber dennoch überzeugte, daß Flucht, wenn er daran wirklich noch gedacht hätte, hier ganz hoffnungslos gewesen wäre. Rasch schritt er denn auch an ihrer Seite fort, und wie der letzte in den laubigen, dunkelschattigen Büschen verschwunden war,lag der Platz wieder so einsam ruhig da, als ob ihn noch nie ein menschlicher Fuß betreten oder menschliche Leidenschaft seinen heiligen Frieden gestört habe.

Still und heimlich rauschten die hohen, majestätischen Wipfel des düsteren Urwalds, und flochten ihre riesigen Arme fest, fest in einander, daß die sengenden Strahlen der Sonne nicht Eingang fänden in ihr heiliges Dunkel, und die zarten Kinder ihrer Sorgfalt, die jungen saftigen Palmen und die wuchernden, blumigen Moose nicht erreichen und welken könnten. Es war Mittagszeit – heimlich drückten sich die munteren Waldvögel in den kühlen, duftigen Schatten der Sträuche, und die schillernde Eidechse nur glitt geräuschlos an Stämmen und Zweigen hin, und schaukelte sich an schwanken Ruthen oder haschte auch nach vorbeifliegenden Insekten und Käfern.

Still und heimlich rauschten aber auch die hohen, majestätischen Wipfel um eine einzige, kleine Lichtung, die an der sanften, grasigen Abdachung eines niederen Hügels lag, und jetzt nur von astigen Fruchtbäumen und einzelnen, früher vielleicht gepflegten Palmen beschattet wurde. Es war ein neuseeländischerPah, die Wohnung, aber auch zugleich das FortEines der Eingeborenen, ganz nach Art der, über die Insel zerstreuten Befestigungswerke mit starken spitzen Pallisaden umgeben, und im Innern durch niedere Fenzen wiederum in einzelne, jedoch mit einander in Verbindung stehende Höfe abgetheilt. Inmitten desselben lag das flache, breitausgedehnte, niedere Wohnhaus, mit phantastisch geschnitzten Holzsäulen und kühler, luftiger Veranda. Schmale Bänke zogen sich im Innern dicht an den Wänden des Hauses hin, und zwischen zwei der Säulen hing, regungslos und leer, eine einzelne, von den Fasern des neuseeländischen Flachses gewebte Hängematte. Aber kein lebendes Wesen ließ sich sehen – Alles schien ausgestorben und öde, ja die Nebengebäude, großentheils nur Schuppen und Ställe, standen offen und leer, das Kochhaus, das sich früher dicht an das Wohnhaus geschmiegt, war auf der rechten Seite niedergebrochen und verfallen, die Hängematte hing in Streifen nieder, am Dach fehlten ganze Stücke; die Umzäumungen lagen theils niedergeworfen, theils von Moosen überwachsen; kein Hausthier belebte den Hof, und nur ein Habicht, der vielleicht in der Nähe horstete und hier, in den stillen, öden Gebäuden nach Nahrung gesucht, stieg jetzt kreisend empor, stand mit schnellem, kräftigem Flügelschlag wohl eine Minutelang still über dem, für ihn zur Heimath gewordenen Platz, und strich dann, den schönen Kopf noch immer zurückgebogen, langsam dem Meeresufer zu.

Er hatte seinen Feind, den Menschen, gewittert, und kaum verschwand er auch hinter den hohen, laubigen Bäumen, als eine wilde Gestalt die niederen Büsche theilte, die sich dicht an die halbniedergebrochenen Pallisaden anschmiegten, ja sogar einen Theil derselben schon mit ihren weitausgreifenden Schmarotzerpflanzen wie mit einem blumendurchwebten Laubnetz überzogen.

Es war Dumfry der, das Gesicht wieder dicht mit der Matte verhüllt, die Büchse fest und im Anschlag in der Hand, die Lichtung betrat und ernst und schweigend den Schauplatz früherer Zeiten überschaute, der –seineWohnung getragen. Und wo hinaus hatte das Schicksal die gestreut, die früher die Waldeseinsamkeit mit ihm getheilt? wo weilten die Lieben, die auch eine Wildniß im Stande sind zum Paradies zu wandeln – welcher Boden war es, der ihre Fährten trug und ihnen Nahrung gab? Oder hatte Dumfry freundlos und allein hier gelebt? wurde kein Auge naß, als er seine neue Heimath verließ, harrte kein hoffender Blick mit freudiger Zuversicht seiner Wiederkehr? – Niemand wußte es – sein Mund schwiegüber die Vergangenheit, und wer ihm später in Sidney befreundet gewesen, vermied es gern, auch nur die Erinnerung an frühere Zeit in ihm zu erwecken, denn finstere Geister waren es, die dadurch heraufbeschworen wurden.

Welche Gefühle mußten da aber jetzt sein Herz bestürmen, als er Alles das wieder vor sich sah, was in lebendiger Frische das Andenken an vergangene, und wohl kaum vergessene Stunden erneute – was die kaum vernarbten Wunden wieder aufriß und sein Auge fest und stier an jene Stelle fesselte, wo er –

»Gift und Tod!« murmelte er durch die fest zusammengebissenen Zähne vor sich hin, und stampfte unwillig und in ausbrechendem Grimme den Boden – »was kümmert's mich, wenn sie den Platz meiden und ihr wahnsinniges Gesetz den Ort selbst öde legt und verlassen. Um so besser – desto sicherer bin ich und desto unbewachter.«

Rasch glitt er in das Dickicht zurück, wo die Gefährten seiner harrten und ein Zeichen bedeutete sie ihm zu folgen, wohin er sie führen würde. Ihr Pfad, der bis jetzt durch die wildeste und rauhste Waldung geführt, wurde aber jetzt ebener; eine Art ausgehauener Weg, wenn auch allem Anschein nach lange nicht begangen, zog sich, wie Tomson glaubte, in ziemlichparalleler Richtung mit der See fort, und die Hügel hatten sie ebenfalls verlassen, oder hielten sich wenigstens nur noch am Fuß derselben hin, wo sie zweimal kleine, sprudelnde Bäche überschritten, und plötzlich auf einer sanften Abdachung des hohen Landes einen kleinen, vielleicht zwanzig Fuß steil emporsteigenden Erdaufwurf erreichten, dessen Gipfel ein eigenes, wunderliches Denkmal zierte.

Die Hälfte eines quer durchschnittenen Canoes stand dort wie ein Schilderhaus aufgerichtet; die beiden Seiten desselben waren mit weißen, schwarzen und grellrothen Farben bunt bemalt, und den oberen Theil schmückten hohe, wehende Federn, wie sie wohl sonst das Haupt des Kriegers und Jägers als stolzen Kopfputz zieren. Besonders prangten einzelne hohe, weiße Federn des Albatroß, die den Mittelpunkt des Busches bildeten, und eine bunt gefärbte Matte hing von oben herab und verdeckte den inneren Theil dieses eigenthümlichen Zierraths.

Die Fremden konnten, als sie den offenen Platz erreichten, das eben beschriebene Bauwerk leicht übersehen, desto schwieriger aber schien es hinaufzugelangen, denn hohe und fest eingerammelte spitze Pallisaden, auch keineswegs verfallen, wie die, der früheren Wohnung, sondern allem Anschein nach in gutemund trefflichem Stand erhalten, umgaben den Erdhügel. Der innere Raum zwischen diesem und seiner Verschanzung war von üppiger Vegetation dicht überwuchert, und es ließ sich unmöglich unterscheiden, ob der von Bäumen allerdings leere Platz früher bebaut, oder nur von dem hohen Holz befreit worden sei, um jenes Gestell auf dem Gipfel desto freier und besser herauszuheben.

Die Männer hatten, bis dahin noch von einer kleinen Gruppe palmenartiger Farrenbäume verdeckt, den stillen wunderlichen Ort in lautlosem Schweigen eine Zeitlang beobachtet, endlich flüsterte Van Broon, dem es hier unter den hohen Bäumen und vor dem einzeln dastehenden, indianischen Bau, der wie eine Schildwache das Herz der Waldung zu bewachen schien, anfing unheimlich zu werden:

»Ist dies denn nun endlich der Ort, zu dem wir jetzt, Gott weiß, wie viele Meilen durch Dornen und Schlingpflanzen gerannt sind, als ob uns der böse Feind auf den Hacken säße?«

Dumfry nickte, noch immer ohne ein Wort zu erwiedern, einfach mit dem Kopf.

»Der Eingang wird wohl an der andern Seite sein,« meinte Tomson, und richtete sich auf den Zehen empor, um soviel Raum als möglich übersehen zu können.

»Gentlemen!« wandte sich jetzt Dumfry plötzlich und mit leiser, unterdrückter Stimme, aber mit freudig blitzenden Augen, an seine Begleiter – »die Zeit unseres Handelns ist gekommen, wir haben den lang erstrebten Platz erreicht, aber all die Gefahren, die ich gefürchtet, ja fest erwartet, sind ausgeblieben. Die Gegend ist menschenleer, die Entfernung zum Meer, ja zu der Stelle, wo unser Boot verborgen liegt, beträgt von hier aus kaum tausend Schritt – dort, wo jener helle Fleck die Waldung lichtet, mündet der Bach, in dessen heimlichen Schatten wir eingelaufen. In einer halben Stunde können wir unten sein, und unsere Ruder tragen uns dann rasch dem sicheren Fahrzeug entgegen.«

»Warum gehen wir denn aber nicht an die Arbeit?« frug Van Broon ungeduldig; »zum Henker noch einmal, mir wird's nicht behaglich zu Muthe, so lange ich diesen cannibalischen Boden unter mir fühle; es ist mir immer, als ob uns die Bäume ordentlich so mit einer Art von Gier und Gefräßigkeit ansähen, und mit dem größten Vergnügen das Holz dazu hergeben würden, uns zu braten. Wo hat denn dieses Monument, oder was es sonst sein mag, seinen Eingang?«

»Nirgends,« erwiederte ihm Dumfry, aber immernoch mit vorsichtiger Stimme – »es ist ringsherum auf solche Art umgeben – Manawatus Begräbnißplatz liegt unter dem geheiligten Gesetz des Tabu, nur wenn Einer aus seinem Geschlecht wieder stirbt, erlischt das Verbot. Nach der bestimmten Zeit und der Feier der Tangi[15]bringen die »weisen Männer« die Gebeine hierher und wiederum verschließt das Gesetz den Eingang Jedermann.«

[15]: Bei dem Tod eines Häuptlings oder eines sonst angesehenen Indianers entsteht ein großes Wehklagen, das die NeuseeländerTanginennen. Die Frauen zerschneiden sich Arme, Gesicht und Brust mit scharfen Muscheln, und die Kleider und das Eigenthum des Verstorbenen wird dann gewöhnlich in das Grab desselben gelegt – in den sogenanntenwahi tapu, und muß dort mit ihm verwesen.

»Wie kommen wir aber hinüber?« brummte Van Broon – »wir wollen wohl hier warten, bis Jemand kommt, um nachher die ganze Bevölkerung bei der Hand zu haben. Gebt dem Volk nur einen Vorwand, und wir stecken noch heute Abend Alle mit einander am schönsten Bratspieß, den sie auftreiben können.«

Dumfry wandte sich von ihm ab, glitt eine kurze Strecke rasch zwischen, ja fast unter den hohen Farrenkräutern hin, die das Stacket dicht umschlossen, prüfte einige der Pallisaden mit der Hand, und kam auch bald an eine, die weniger fest in der Erde stack als dieübrigen. In diese schlug er mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, indem er sich mit dem Rücken an die nächsten dicht daneben stellte, seinen Tomahawk, daß der Stiel nach oben kam. Der scharfe Stahl fuhr in das, durch die Jahre ziemlich weich gewordene Holz bis ans Heft hinein, und er gewann dadurch eine Handhabe, den sonst nicht gut erreichbaren Stamm anzufassen, und aus seinem Bett zu heben. Nach einigen, vergeblichen Versuchen gelang ihm dieß auch endlich, was einen schmalen Eingang in das Innere herstellte.

Van Broon, obgleich er die Größe der Gefahr, der sie hier ausgesetzt waren, gar nicht kannte, ja nicht einmal ahnte, er wäre sonst wahrlich nicht so geduldig dabei stehen geblieben, fühlte doch eine gewisse, ihm selbst kaum erklärliche Angst, als er die Vorsicht und unverkennbare Scheu des sonst so kecken, trotzigen Mannes sah. Dumfry, der ihnen winkte, dort zu bleiben, wo sie gerade standen, kroch nämlich rasch und vorsichtig in das tollste Gewirr des hier dicht verschlungenen Oberholzes, und kein Laut wurde weiter von ihm gehört, kein Zeichen gab er, bis plötzlich seine Gestalt, aber weiter unterhalb, wieder auftauchte. Er trug jetzt das zusammengeheftete Fell irgend eines ihnen unbekannten Thieres im Arme und liefmehr als er ging, dem engen Ausgange der Pallisaden zu, durch die er sich mit fast ängstlicher Hast ins Freie drängte. Kaum hatte er jedoch den inneren Raum verlassen, so legte er schnell seinen Pack auf den Boden nieder, stieß die früher herausgehobenen Pallisaden an ihren Ort zurück, und schien jetzt erst jedes Gefühl, was ihm bis dahin vielleicht Herz und Seele beengt haben mochte, stark und freudig von sich abzuschütteln.

Hochauf athmete er, aus tiefer, voller Brust, und ein triumphirendes, fast höhnisches Lächeln zuckte um seine Lippen.

»Nun fort,« rief er, und hob seine Last rasch wieder vom Boden auf, »fort, in wenigen Minuten sind wir am Ufer, dann zu Schiff und einem frohen, freudigen Leben entgegen!«

»Und ist das Alles?«, frug Tomson erstaunt, »Alles was wir zu thun haben? Darum die entsetzlichen Vorbereitungen und Zurüstungen?«

»Kommt! an Bord unseres guten Kasuar sollt Ihr Alles erfahren, nur jetzt von diesem Boden fort, der mir unter den Füßen zu brennen anfängt.«

Und ohne weiter auch nur eine Antwort abzuwarten, warf er einen flüchtigen Blick zu der jetzt von dem gestiegenen Nebel fast umdüsterten Sonne empor, dieden Schleier mit ihrem rothen Gluthenlicht kaum zu durchdringen vermochte, und eilte so flüchtigen Schrittes rechts in das Dickicht hinein, daß ihm seine beiden Begleiter kaum zu folgen vermochten. Wohl eine Viertelstunde behielten sie diese Richtung bei, und jetzt zwar fortwährend thalab, die Hügel hinter sich lassend. Die Lichtung, auf die sie Dumfry schon am Begräbnißplatz aufmerksam gemacht, trat denn auch immer deutlicher und heller hervor, und einer kleinen, schmalen Anhöhe folgend, die als Scheide zweier Bäche dem Ufer entgegenlief, erreichten sie dieses, kaum zweihundert Schritte von der nämlichen Stelle, wo sie es betreten hatten, doch mehr seitwärts von der Mündung des Baches, und an einer von Holz fast freien, sandigen Fläche, die sich zwischen da, wo sie sich jetzt befanden und dem Ta-po-kaï ausdehnte.

Dumfry überflog mit prüfenden Blicken das Terrain, nirgends aber ließ sich auch nur das mindeste Außergewöhnliche oder gar Gefährliche entdecken; kein lebendes Wesen war zu sehen, nur ein paar Albatrosse strichen mit langsam bedächtigen Flügelschlägen über die Bai, und dort hinten – gerade vor dem hellglänzenden, weißen Streifen, der den Eingang der Bucht wie mit einem schimmernden Zirkel umgab, lagstill und regungslos, die schneeigen Segel fest gegen die Masten geschlagen, der Kasuar, wie ein müder Seevogel, der nach langer, mühseliger Fahrt den Kopf unter die Flügel steckt, und sich schaukeln läßt von den krystallhellen, leise schwellenden Wogen – seiner Wiege und Heimath.

»Bei Gott!« brach da Tomson das Schweigen, und schaute ängstlich nach dem südlichen Horizont hinüber, den er erst von hier aus recht überblicken konnte – »es wird Zeit, daß wir an Bord kommen – Dumfry, dort hinten steigt ein Wetter herauf, und, wenn uns das hier noch in der Nähe jener Riffe erwischt, so können wir uns auf das Schlimmste gefaßt machen. Es wäre ein Spaß, wenn wir nachher wieder an die Küste geworfen würden.«

»Sollten jene weißgrauen Streifen Böses deuten?« frug der Verkleidete, und schien sie scheu und finster zu betrachten –

»Gutes auf keinen Fall,« brummte der Seemann, »will's wünschen, daß wir mit 'nem blauen Auge davonkommen.«

»Gentlemen beabsichtigen vielleicht, hier am Waldrand heute Abend Thee zu trinken,« unterbrach sie aber hier der ungeduldig werdende Holländer – »zum Henker auch, sollen wir etwa hier stehen bleiben,bisdas Alles eintrifft, was Sie beide jetzt befürchten? – Wo liegt unser Boot?«

»Gerade dort drüben in jener Waldecke,« erwiederte ihm Dumfry – »aber Sie haben recht, ein Ueberlegen könnte hier ohnedieß nichts frommen,jetztmüssen wir durch – kommen Sie« – und wiederum zog er die Matte über sein Gesicht, die er, seit sie den Begräbnißplatz verlassen, fast fortwährend zurück geworfen getragen hatte, und schritt den beiden Freunden rasch voran, zuerst in die niedere Sandfläche hinab, die in Zeit der Fluth von den Wogen bedeckt wurde, und dann einen grasigen Anwuchs wieder hinauf, der sich der Waldspitze zuzog und überhaupt den ganzen, bewachsenen Küstenstrich mit einem hellgrünen freundlichen Kranz umgürtete.

Je weiter sie aber jetzt den Wald hinter sich ließen, desto freieren Ueberblick gewannen sie über den, mit jedem Augenblick drohender werdenden Himmel, und Tomson blieb, als sie etwa die Mitte der Sandfläche erreicht, stehen, um das Aussehen der Wolken besser beobachten zu können. Da fiel sein Auge, vielleicht durch einen sich dort regenden Gegenstand hingezogen, auf den hellgrünen Rand des Waldes, und ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr fast unwillkürlich seinen Lippen, als er gerade da, wo sie eben die Holzungverlassen, mehre in bunte Matten gekleidete Indianer erblickte, die eben den Baumschatten verließen, und langsam ihren Fährten zu folgen schienen.

Dumfry und Van Broon drehten sich rasch nach ihm um, die dunklen Gestalten traten aber zu deutlich aus dem lichten Hintergrund hervor, als daß es noch einer Erklärung bedurft hätte. Van Broon wollte sich denn auch, sowie sein Blick nur auf den Federschmuck der Krieger fiel, ohne weiteres davon machen, Dumfry aber erfaßte seinen Arm und flüsterte ihm schnell und heftig zu:

»Halt, Sir, keine Uebereilung – wenige hundert Schritt von hier entfernt liegt unser Boot, fliehen wir jetzt, so erregen wir Verdacht, gehen wir aber ruhig fort, bis wir nur erst die Büsche zwischen uns und jenen haben, so gewinnen wir entweder hinlänglichen Vorsprung uns einzuschiffen, oder – wir haben Feuergewehre genug, jene kleine Schaar unschädlich zu machen. Langsam, Gentlemen, langsam sehen Sie, dort vorne – ha!« schrie er und riß sein Gewehr entsetzt empor, denn auch vor ihnen, gerade dort, wohin ihr Weg gerichtet war, und wohin er deutete, theilten sich die Büsche, und sieben oder acht braune, trotzige Gestalten, mit Büchsen und Streitkolben bewaffnet, ja Einzelne sogar mit der, ihm nurzu gut bekannten, langhaarigen Kriegsmatte bekleidet, traten ihnen entgegen, und hielten somit genau den Pfad besetzt, der sie allein zu ihrem Boote führen konnte.


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