Dreizehntes Kapitel.Kut-el-Amara.

Phot.: Schölvinck.Englische Gefangene.Dreizehntes Kapitel.Kut-el-Amara.

Phot.: Schölvinck.Englische Gefangene.

Phot.: Schölvinck.Englische Gefangene.

Phot.: Schölvinck.

Wie ich schon erwähnte, hatte ich in meiner Jugend einmal Kut-el-Amara besucht, das damals noch eine junge Stadt, aber ein wichtiger Handelsplatz für die arabischen Wollhändler der Umgegend war. Seither ist es bedeutend gewachsen, und heute hat es obendrein einen historischen Namen: es bezeichnet einen der schönsten Siege der Türken und eine der größten Niederlagen der Engländer während des Weltkrieges.

Gleich zu Kriegsbeginn hatten die Engländer Basra besetzt. Der Wali von Bagdad, Dschavid Pascha, hatte nur zusammengeraffte Araber zur Verfügung, mit denen nichts auszurichten war. Ein tapferer Offizier in Bagdad, Ali Askari Bei, gab jedoch die Hoffnung auf Wiedereroberung der Stadt nicht auf. Die Kriegsleitung in Konstantinopel versprach, ihm reguläre Truppen zur Unterstützung zu schicken; aber er antwortete, er könne sich ohne sie behelfen. Tatsächlich gelang es ihm, mehrere Araberstämme aufzubieten und die „Muschtehids“, die hohe Priesterschaft von Kerbela, für sein Unternehmen zu gewinnen.

Mit einem bunt zusammengewürfelten Heer von wie es hieß 20000 Mann, so gut wie ohne Artillerie, zog er gegen Basra. Einige junge Deutsche nahmen an diesem abenteuerlichen Zuge teil, die Herren Lührs, Schadow und Müller; der zuletzt genannte führte Material mit sich, um im Schatt-el-Arab Minen zu legen. Auch ein Österreicher namens Back war dabei.

Als Ali Askari Bei mit seinen Scharen das Dorf Schaïbe bei Basra erreicht hatte, wurde er von den Engländern angegriffen und völlig geschlagen, außerdem noch im Rücken von einigen Araberstämmen überfallen, deren Mut wuchs, als sie sahen, daß es den Türken schlecht ging. Der tapfere, aber etwas unvorsichtige Befehlshaber wurde verwundet und in einen Wagen geschafft und beging Selbstmord. Der Rückzug seiner Truppen vollzog sich in weniger guter Ordnung, als der Xenophons; sie wurden zersprengt, und nur ein Teil erreichte Amara.

Der Deutschen und ihres österreichischen Kameraden warteten auf der Flucht traurige Schicksale. Auf ihrer Wanderung tigrisaufwärts fielen sie feindlichen Arabern in die Hände und wurden bis auf die Haut ausgeplündert. Dann gelang es ihnen, sich bis zu Fasil Pascha durchzuschlagen, der sie vom Tode rettete und mit allem Nötigen versah, und endlich erreichten sie Bagdad, wo ich später zwei dieser unverwüstlichen Männer traf.

Petros Ibn Chamis, 16jähr. Chaldäer aus Sannat.

Petros Ibn Chamis, 16jähr. Chaldäer aus Sannat.

Auf ihrem Rückzug versuchten die türkischen Scharen vergebens, sich in Amara und Kut-el-Amara zu halten. Sie mußten sich bis nach Sulman Pak zurückziehen, das auf dem linken Tigrisufer in der Nähe von Ktesiphon, gerade gegenüber den Ruinen von Seleucia, liegt. Die Engländer rückten nach und kamen im Sommer 1915 bis Sulman Pak; hier entschlossen sie sich jedoch, sich gegenüber den Türken einzugraben. Diese hatten mittlerweile Verstärkungen erhalten; Halil Pascha war von Aserbeidschan an der kaukasischen Front her mit einer Division zu ihnen gestoßen. Mitte November griff der neue Befehlshaber Nureddin Bei die englischen Stellungen an. Anfangs hatte er auch Erfolg; der Widerstand war aber doch zu stark, und er dachte schon daran, die Offensive aufzugeben, als Halil durch einen kräftigen Flankenangriff von Norden her die Lage rettete. Die Engländer räumten ihre Gräben und zogen sich in neue, stark geschützte Stellungen bei Kut-el-Amara zurück. Nureddin Bei folgte und griff von neuem an, wurde aber mit großen Verlusten zurückgeschlagen.

Da kam Feldmarschall von der Goltz, der zum Chef der 6. Armee ernannt war, in Bagdad an und fuhr ohne Aufenthalt nach Kut-el-Amara weiter. Er sah sogleich, daß eine Fortsetzung der Angriffe zwecklos war, weil die Türken nicht genügend Artillerie besaßen. So begann auch hier der Stellungskrieg.

Inzwischen erhielten auch die Engländer Verstärkungen. Eine neue Armee marschierte zum Entsatz nach Kut-el-Amara tigrisaufwärts. Hier war jetzt Halil Pascha Oberbefehlshaber, da man Nureddin Bei wegen eines Dienstversehens zurückgerufen hatte. Ein Teil der Truppen Halils ging den Engländern entgegen, und beim Wadi Kelal kam es Anfang Januar 1916 zum Kampf. Der Ausgang veranlaßte den Feldmarschall zum Rückzug in die Stellung bei Fellahije, die sich im Norden auf ein Sumpfgebiet stützte. Verschiedene Angriffe der Engländer gegen sie scheiterten an der gut geleiteten Verteidigung.

Mitte Februar machte der Feind deshalb einen Versuch, auf dem rechten Tigrisufer vorwärtszukommen. Eine neue türkische Division, die jedoch drei Bataillone an die persische Front hatte abgeben müssen, wurde nun über den Tigris geschafft, um in einer Stellung bei Simsir die Engländer aufzuhalten. Diese griffen vom 8. bis 11. März zweimalan, und die Lage der Türken wäre mehr als kritisch geworden, hätte nicht Halil rechtzeitig die Gefahr bemerkt und alle verfügbaren Truppen nachgeschickt. Eine Division, gegen 4000 Mann, wurde in einer einzigen Nacht auf Fähren und Booten über den Tigris gesetzt. Die Deutschen rühmten dieses Unternehmen als besonders gut ausgeführt. Die Schnelligkeit, mit der Halil seine überraschenden Bewegungen ausführte, brach die Angriffskraft der Engländer und zwang sie, ihren Vormarsch auf dem rechten Flußufer ganz aufzugeben.

Ein Belem mit zwei französischen Schwestern.

Ein Belem mit zwei französischen Schwestern.

Im April unternahmen nun die englischen Truppen unaufhörliche Angriffe auf die Stellung bei Fellahije. Lange ohne Erfolg, und ihre Verluste waren groß. Schließlich aber räumten die Türken ihre vordere Stellung, die von der auf beiden Flußufern aufgestellten englischen Artillerie flankiert wurde. Die Engländer bemerkten die Bewegung erst einen Tag später und verschwendeten noch 20000 Geschosse auf die leeren Schützengräben. Dann aber gingen sie zum Sturm über und drangen bis zur hinteren Linie vor, die von der Goltz inzwischen hatte anlegen lassen. Hier wurden sie mit mörderischem Feuer empfangen, und nach großen Verlusten gaben sie auch diesen Vormarsch auf. Der britische Befehlshaber hätte ganz leicht seine Absicht erreichen können, wenn er, statt immer an der Front anzugreifen, am Kanal Schatt-el-Hai entlang, durch den der Tigris einen Teil seines Wassers an den Euphrat abgibt, vorgerückt wäre und dieFellahijestellung umfaßt hätte. Nach Ansicht der Verteidiger beging die englische Armeeleitung unbegreifliche Mißgriffe. Schon damals hätte sie durch einen kühnen Handstreich Bagdad nehmen können. In der Nacht vom 21. zum 22. November hatten die englischen Truppen obendrein den Dijala überschritten, und ihre Vorposten waren nur 12 Kilometer von der Stadt der Kalifen entfernt, die Nureddin Bei mit einer Handvoll Leute besetzt hielt. Mehrere Tage standen die feindlichen Heere einander gegenüber. Die Ausfälle der Besatzung wurden zurückgeschlagen, und die Engländer rückten schon bedrohlich vor. Da warf sich Halil im rechten Augenblick auf sie und schlug sie aufs Haupt. So wurde die Stadt für diesmal gerettet.

Drei vornehme Priester auf dem Kai des englischen Konsulats.

Drei vornehme Priester auf dem Kai des englischen Konsulats.

Bagdads Bürger befanden sich in den entscheidenden Tagen in größter Aufregung; jeden Augenblick konnten ja feindliche Truppen einrücken. Die Europäer hatten ihre Wertsachen eingepackt, und Wagen standen bereit, sie nach Aleppo zu schaffen. Mit Halils Erscheinen war die Gefahr gebannt, man atmete wieder auf und blieb.

Bald darauf, Anfang Dezember, wurde General Townshend mit ungefähr anderthalb englischen Divisionen in Kut-el-Amara eingeschlossen.Das lähmte auch die übrigen Unternehmungen der Engländer auf den Kriegsschauplätzen. Verstärkungen wurden tropfenweise zu Entsatzversuchen eingesetzt, die von den Türken sämtlich blutig abgewiesen wurden. Schließlich, am 29. April 1916, mußte Townshend die Waffen strecken. Dabei fielen außer dem Oberbefehlshaber 5 Generale, gegen 500 Regiments- und Kompagnieoffiziere, sowie 13200 Unteroffiziere und Mannschaften, darunter 4500 Engländer, in die Hände der Türken.

Townshend durfte seinen Säbel behalten und wurde sofort nach Bagdad geschafft, wo man ihn, wie alle übrigen Offiziere, mit der größten Achtung und Gastfreundschaft behandelte. Von den englischen Offizieren waren drei vor dem Krieg bedeutende Kaufleute in Bagdad gewesen. Bei Kriegsausbruch hatte man sie als Gefangene nach Aleppo gebracht; ihr Ehrenwort, an Feindseligkeiten gegen die Türkei nicht teilzunehmen, verschaffte ihnen aber die Erlaubnis zur Heimreise. Nun waren sie zum zweitenmal gefangen, und man hielt sie von den übrigen getrennt. Es hieß, wenn sie vor ein Kriegsgericht gestellt würden, sei ihr Schicksal besiegelt.

Am Abend des 7. Mais gaben die in Bagdad sich aufhaltenden deutschen Offiziere im Garten des deutschen Konsulats Halil Pascha und etwa zwanzig türkischen Offizieren ein Fest zu Ehren des Sieges von Kut-el-Amara. In den Gängen brannten Fackeln und Pechpfannen und unter den Palmen zahllose bunte Laternen. Herzog Adolf Friedrich feierte in packender Rede den Sultan und Halil Pascha und gedachte dabei auch des toten Feldmarschalls und seiner hohen Verdienste. In seiner weichen schönen Muttersprache dankte Halil mit kernigen Worten.

Halil Pascha, der nach von der Goltz’ Tode und in seinem Geiste die Operationen gegen Kut-el-Amara leitete und jetzt der Nachfolger des Feldmarschalls als Chef der 6. Armee war, wohnte an der vornehmsten Straße Bagdads in einem einfachen Ziegelhaus, das ein kleiner Hof umgab. Im jugendlichen Alter von dreiunddreißig Jahren hatte er diese hohe Würde errungen und einen Ruhm, der seinen Namen in der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Halil Pascha ist ein großer, schlanker Mann von ebenmäßigem Körperbau, schönen, sympathischen Gesichtszügen und hellem, offenem Blick. Er trägt sich äußerst einfach, die ihn trefflich kleidende türkische Offiziersmütze aus Lammfell mit stolzer Siegesgewißheitkeck zurückgeschoben; kein Abzeichen verrät seinen hohen Rang; auf der Straße konnte man ihn für einen gewöhnlichen Leutnant halten.

Alter christlicher Araber in Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD

Alter christlicher Araber in Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD

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Als ich ihn zum Fall von Kut-el-Amara beglückwünschte, machte er nicht viel Wesens von dem Erfolg, den er und seine Truppen erstritten hatten. Von dem britischen Befehlshaber General Townshend sprach er mit bescheidener Zurückhaltung, wunderte sich aber immer wieder über die Kapitulation, da die Engländer ungefähr fünfmal so stark gewesen waren, wie die Türken.

Gerade als mir Halil Pascha in vortrefflichem Französisch von den letzten Tagen der Festung erzählte, wurde unsere Unterhaltung durch die hohe Priesterschaft Bagdads unterbrochen, die in vollem Ornat dem Feldherrn ihre Aufwartung machte und um die Erlaubnis bat, die neugebaute Hauptstraße nach ihm zu benennen. Sie läuft parallel mit dem Ufer des Stroms und erleichtert die Verbindung zwischen dem oberen und unteren Teile der Stadt. Zahlreiche am Wege stehende Häuser wurden rücksichtslos niedergerissen, und man hatte es damit so eilig, daß ihren Besitzern oft nur wenige Tage Frist blieb, ein neues Unterkommen zu suchen. Denn diese Straße hatte zugleich auch eine symbolische Bedeutung: sie ging quer durch das Grundstück des englischen Konsulats, das vor dem Kriege niemand hätte antasten dürfen; jetzt waren keine Engländer mehr da, die Einspruch hätten erheben können.

Zwei Tage nach dem vorhin erwähnten Siegesfest stand ich mit dem Herzog und Schölvinck aus der hochgewölbten, kühlen Veranda des englischen Konsulats und erwartete die Ankunft des ersten Trupps englischer Gefangenen. Ein französischer Arzt und mehrere französische Dominikanerschwestern waren ebenfalls zugegen; auch sie waren Gefangene der Türken, hatten aber in Bagdad bleiben dürfen unter der Bedingung, daß sie in den mehr als dreißig Krankenhäusern, die alle überfüllt waren, Dienst taten. Es hieß, 6 bis 7000 Plätze seien belegt, meist mit Typhus und Ruhr.

Während wir uns mit den französischen Schwestern und dem Arzt unterhielten, kam der Raddampfer „Hamidije“ mit zwei Booten, die zu beiden Seiten an ihm festgemacht waren, langsam und majestätisch den Strom herauf. Aus dem oberen Deck des „Hamidije“ saßen englische Offiziere in Korbstühlen und auf Bänken, und in den beiden Booten weiße und farbige Unteroffiziere.

Ankunft der „Hamidije“.⇒GRÖSSERES BILD

Ankunft der „Hamidije“.⇒GRÖSSERES BILD

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Nun wurde das Schiff am Kai festgemacht und die Landungsbrücke ausgeworfen. Türkische Offiziere gingen an Bord. Am Ufer wartete der Stadtkommandant, der stellvertretende Chef des XIII. Armeekorps in Bagdad, Oberst Mesrur Bei. Zuerst kamen die fünf Generale an Land, und der Kommandant begrüßte seine „Gäste“. Einer von ihnen war krank und stützte sich auf einen Stock und auf die Schulter eines Adjutanten. Im Schatten einiger Bäume wurden Stühle für sie aufgestellt, und Mesrur Bei unterhielt sich mit ihnen höflich in französischer Sprache.

Dann kamen die Obersten und Oberstleutnants an die Reihe, die Majore, Hauptleute und Leutnants. Alle dem Rang nach geordnet und aufgestellt, um sofort in ihre Quartiere geführt zu werden.

Mit welchen Gefühlen mochten die Engländer, die früher in Bagdad gewesen waren, das prachtvolle Konsulat wiedersehen, das sich als ein Symbol der englischen Macht im Orient prunkvoll vor ihnen erhob, und auf dessen Turm früher die Flagge des größten Weltreichs geweht hatte. Nun flatterte an demselben Mast der Rote Halbmond. Von Mohammedanern besiegt, als deren Herren sie sich immer gefühlt hatten, betraten sie jetzt nicht mehr eigenen Boden, und kein Vertreter Großbritanniens hieß sie willkommen. Sie waren nicht mehr wie so oft Gäste, sondern Gefangene der Türken. Aber keine Miene, keine Bewegung verriet ihre Gedanken. Mit der unerschütterlichen Ruhe und der stolzen Haltung, die ihrer Rasse eigentümlich ist, sahen sie den Dingen entgegen, die da kommen sollten.

Die Generale fuhren in Droschken nach ihren neuen Wohnungen, und ihre Ordonnanzen schafften ihr Gepäck auf Lastwagen fort. Als ich mit Mesrur Bei die Front der Majore entlang schritt, hörte ich plötzlich meinen Namen rufen und erkannte Major Rybot, mit dem ich im Jahre 1906 oft in Simla zusammen gewesen war. Nachdem wir uns die Hand gedrückt, bat auch Mesrur Bei, dem Major vorgestellt zu werden; er ließ ihn aus der Reihe treten und lud uns ein, ihm in eine Laube zu folgen, wo Tische mit Erfrischungen bereitstanden. In ungezwungenster Unterhaltung über Irak und Mesopotamien, über den Verlauf des Weltkrieges und nicht zum wenigsten über unsre gemeinsamen Erinnerungen an Indien verging uns hier eine inhaltreiche Stunde.

Die Landung der englischen Gefangenen von Kut-el-Amara in Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD

Die Landung der englischen Gefangenen von Kut-el-Amara in Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD

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Major Rybot und Mesrur Bei.

Major Rybot und Mesrur Bei.

Die englischen Offiziere wurden von den Türken mit der größten Rücksicht und Höflichkeit behandelt und genossen eine Freiheit, die geradezu überraschend war. Denn gerade damals standen die Russen in der Gegend von Kasr-i-Schirin, kaum 170 Kilometer von Bagdad entfernt, und es wäre für die Gefangenen nichts leichter gewesen, als verkleidet zu fliehen und ihren russischen Verbündeten wichtige Nachrichten über die Lage Bagdads zu bringen. Mehrmals erzählte man auch von solchen Entweichungen, doch weiß ich nicht, ob die Gerüchte der Wahrheit entsprachen. Sicher ist, daß man täglich englischen Offizieren begegnete, die sich in den Basaren völlig frei bewegten. Als ich zwei Tage nach Ankunft der Gefangenen dem amerikanischen Konsul Mr. Brissel einen Besuch abstattete und wir uns gerade über China unterhielten, erschienen vier englische Offiziere ohne jede türkische Bewachung. Sie zeigten noch immer die gleiche Würde und ruhige Miene, als ob nichts geschehen und Kut-el-Amara nur eine bedeutungslose Episode sei. Und doch hatte dieser Schlag die von den Engländern beabsichtigte Verschmelzung der russischen und englischen Fronten vorläufig gänzlich durchkreuzt. Einstweilen ist der Feldzug im Irak verloren, mochten sie denken; aber sie ließen nichts davon merken. Mir gegenüber, dessen fester Standpunkt in diesem Kriege genügend bekannt war, zeigten sie eine offene Ritterlichkeitund meinten, jeder freie Mann habe das Recht seiner politischen Überzeugung.

Am Abend desselben Tages hatte ich einige schwedische Freunde und den deutschen ArztDr.Schacht, der als Gatte einer Landsmännin von mir das Schwedische ohne fremden Beiklang spricht, zu einem Abendbrot im Garten des Hotels „Tigris“ geladen. Als wir eben bei Kaffee und Zigaretten saßen, trat eilig der Adjutant Halil Paschas heran und bat mich, nach der Residenz hinüber zu kommen, wo der Pascha gerade ein Abschiedsessen für seinen vornehmsten Gefangenen, den General Townshend, gab. Ich entschuldigte mich bei meinen Freunden für kurze Zeit und folgte ihm. Dieses historische Gastmahl, das Sieger und Besiegten, Verteidiger und Bezwinger von Kut-el-Amara am selben Tisch vereinte, mochte ich nicht versäumen; außerdem kannte ich General Townshend von Simla her, wo er der Stabschef Lord Kitcheners war; dort war ich oft mit ihm zusammen, als ich beim Oberstkommandierenden der englischen Armee wohnte.

Höhere englische Offiziere unter den Gefangenen von Kut-el-Amara.

Höhere englische Offiziere unter den Gefangenen von Kut-el-Amara.

Wenige Schritte brachten uns zur Residenz, die damals noch gerade gegenüber lag; später wurde sie in das Haus des Hauptquartiers verlegt, wo der Feldmarschall gewohnt hatte. In seiner freundschaftlichen Hast widerfuhr dem Adjutanten in der Vorhalle ein Renkontre mit einerorientalischen Porzellanvase, die schmetternd auf dem Steinboden in tausend Stücke zerschellte und mich vor der offenen Tür des Speisesaals mit überflüssigem Knalleffekt anmeldete.

Am Tisch präsidierte Halil Pascha. Ihm gegenüber saß General Townshend, neben ihm der Stabschef und der Adjutant des englischen Oberbefehlshabers, hohe, kräftige Gestalten. Die übrigen Gäste waren türkische Offiziere und sonst nur Zivilisten, unter ihnen der Bürgermeister von Bagdad mit schwarzem Bart und Brille, schwarzem Gehrock und rotem Fes.

Phot.: Schölvinck.Indische Soldaten.

Phot.: Schölvinck.Indische Soldaten.

Phot.: Schölvinck.

Phot.: Schölvinck.Farbige Engländer.⇒GRÖSSERES BILD

Phot.: Schölvinck.Farbige Engländer.⇒GRÖSSERES BILD

Phot.: Schölvinck.

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Nachdem ich Halil und seine Gäste begrüßt hatte, wurde ich eingeladen, an Townshends Seite Platz zu nehmen. „Erinnern Sie sich noch unseres Zusammentreffens in Simla?“ rief er mir entgegen. „Hier sehen Sie mich nun als Besiegten!“ Wir sprachen von Kitchener, von den indischen Zedern und Mangobäumen und den schneebedeckten Bergen des Himalaja oberhalb Simlas. Townshend trug sein Geschick mit Gleichmut. Die Stimmung an der Tafel war sogar heiter; es war ein wirkliches Verbrüderungsfest, und der Champagner floß in Strömen.Halil Pascha füllte sein Glas und toastete auf seinen Ehrengast, dem er eine glückliche Zukunft wünschte, und der Engländer dankte für die Gastfreundschaft, die er in Bagdad erfahren hatte. Nach diesem feierlichen Schlußakt des Gastmahls fuhr Townshend in Halil Paschas Automobil nach Hause. Am andern Tag sollte er nach Konstantinopel weiterreisen, wo ihm auf einer der Prinzeninseln eine Villa angewiesen war.

Die folgenden Tage über kamen unaufhörlich neue Schiffe mit Gefangenen von Kut-el-Amara. Die größere Masse aber marschierte zu Fuß heran und wurde in einem Lager auf dem rechten Flußufer untergebracht. Die Eisenbahn beförderte sie später nach Samarra, und von dort marschierten sie nach Ras-el-Ain. In elenden Schuppen und kleinen weißen Zelten lagen da Tausende von Sikhs, Gurkhas, Patanen und andern Repräsentanten des unglücklichen, unterdrückten indischen Volkes. Ausgemergelt, mager und hungrig wehklagten sie laut über ihr Schicksal. Schon in Kut-el-Amara hatte man sie auf schmale Rationen gesetzt, Maulesel- und Pferdefleisch war ein Leckerbissen gewesen. Satt wurden sie auch jetzt nicht von dem Essen, das sie sich, in verschiedenen Gruppen nach Nationen, Religionen und Kasten geteilt, an ihren kleinen Feuern bereiteten. Ich konnte sie nur mit der Hoffnung trösten, daß in Konia, Angora und andern Teilen Kleinasiens, wohin sie geschafft werden sollten, besser für sie gesorgt würde, als hier auf dem Durchmarsch auch beim besten Willen möglich war. Unter den englischen Soldaten waren, wie gewöhnlich, brillante Typen. General Townshend schien übrigens bei seinen Truppen beliebter zu sein als bei seinen Offizieren.

Rund zwei Drittel der Gefangenen von Kut-el-Amara waren indische Truppen, 9000 Mann! Ein Tropfen im Meer, verglichen mit den Massen farbiger Menschen, die England in Europa, Asien und Afrika auf die Schlachtbank geführt hat, um der deutschen Kultur ein Ende zu bereiten. Man kann sich denken, mit welchem Ingrimm sich diese unschuldigen Opfer nun von ihrer Heimat abgeschnitten sahen! Als sie zu Schiff nach Basra gebracht wurden, wußten sie weder weshalb, noch gegen wen sie in dem fremden Lande kämpfen sollten. Einige wagten vor Furcht auf meine Fragen gar nicht zu antworten. Andere meinten, sie hätten nichts von einer Bedrohung Indiens gemerkt. Einervon ihnen berief sich auf die Versicherungen englischer Offiziere, daß Deutschland der Feind der gesamten Menschheit sei. Nach dem Fall von Kut-el-Amara behaupteten die englischen Zeitungen, mehr als 4000 Mann hätten dort überhaupt nicht gestanden. Die Farbigen waren also keine Menschen, lediglich Kanonenfutter, und brauchten in der englischen Presse nicht als Verlust gebucht zu werden!

Die Moschee Abdel Kader in Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD

Die Moschee Abdel Kader in Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD

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Unter den indischen Truppen befanden sich mehrere mohammedanische Regimenter. Es war zweifellos ein Wagestück, sie gegen Bagdad zu führen, das im ganzen mohammedanischen Indien als eine der vornehmsten Städte der Welt gilt. In Bagdad steht auch eine Moschee, ein Heiligengrab, Abdel Kader genannt, das die Nachfolger des Propheten in Hindostan in großen Ehren halten. Ich besuchte dieses Heiligtum und erhielt von seinem Nakib oder Oberpriester, Abdurrahman Gilani, einem dicken, behäbigen achtzigjährigen Greise, Aufschluß über die Bedeutung des Platzes. Seine Würde, erzählte er mir, sei erblich, und die sechs Priester, die ihn bei meinem Besuch umgaben, seien seine Brüder. Er hatte zwölf Söhne, alle verheiratet und Väter vieler Kinder. Sie waren Sunniten von arabischer Abstammung und Seïden oder Abkömmlinge des Propheten, also Glieder in der Kette einer priesterlichen Dynastie und, wie die Moschee selbst, mächtig reich. Denn die indischen Pilger kommen nach Abdel Kader nicht mit leeren Händen. Außerdem machte der älteste Sohn, der zukünftige Nakib, jährlich Reisen zu den indischen Mohammedanern, um Gaben für die Grabmoschee und ihre Priester zu sammeln. Die Moschee umgaben zahlreiche Häuser mit Unterkunftsräumen für die indischen Pilger; jetzt waren sie alle dem Roten Halbmond überlassen. Als Ende November 1915 die Engländer über den Dijala gingen und gegen Bagdad vorrückten, sollen zwei mohammedanische Regimenter gemeutert haben, da sie die Stadt, die Abdel Kaders Grab einschloß, nicht angreifen wollten. Dieses Ereignis scheint den englischen Rückzug beschleunigt zu haben.

***

Siegesstimmung erfüllte Bagdad, als ich dort weilte. Jetzt, da ich dies schreibe, kaum ein Jahr später, erklingen wieder Jubelrufe in der Kalifenstadt, aber nicht mehr der Osmanen, sondern der Briten.

Das englische Ansehen im Orient hatte durch den Fall von Kut-el-Amara einen schweren Stoß erlitten. Was sollten die Völker Indiens und Ägyptens, was Araber, Perser und Afghanen von einer europäischen Großmacht denken, die nicht einmal Asiaten standhalten konnte? Also galt es, jedes Opfer zu bringen, um den Schimpf jener Niederlage wieder abzuwaschen. Es ging um Englands Ehre und Ansehen im Orient, um die Zukunft der britischen Herrschaft auf asiatischem Boden.

Anfang des Jahres 1917 meldete der Telegraph wiederholt, daß die Engländer durch das Irak wieder mit bedeutenden Kräften vordrängen, und am 25. Februar brachten alle Zeitungen der Welt ein Telegramm aus Konstantinopel, Kut-el-Amara sei von ihnen wiedererobert.

Am 6. März hatte englische Kavallerie Ktesiphon passiert und stand 6 englische Meilen südöstlich vom Nebenfluß Dijala. Offenbar ging der englische Oberbefehlshaber auf nichts Geringeres aus, als auf die Eroberung Bagdads. Schon am 11. März kam auch aus London die lakonische Mitteilung, Bagdad ist gefallen. Ihr folgte eine amtliche Meldung, in der es hieß:

„Unsern Truppen, die den Fluß Dijala entlang mit dem Feinde Fühlung hielten, gelang es trotz Mondscheins in der Nacht zum 8. ds. Mts., überraschend den Dijala zu überschreiten und sich auf dem rechten Ufer dieses Flusses festzusetzen. Nachdem über den Tigris, unterhalb seines Zusammenflusses mit dem Dijala, eine Brücke geschlagen war, setzte eine starke englische Abteilung auf das rechte Ufer hinüber und stieß mit dem Feind ungefähr 9 Kilometer südwestlich von Bagdad zusammen. Die Türken wurden aus ihrer Stellung in eine zweite, 3 Kilometer dahinter gelegene, gedrängt und am 9. auch aus dieser vertrieben. Unsere Truppen lagerten auf dem gewonnenen Gelände. Der Vorstoß wurde am 10. März trotz furchtbaren orkanartigen Sandsturms zu Ende geführt und die Türken bis 5 Kilometer vor Bagdad zurückgeworfen. — Soeben telegraphiert nun der Oberbefehlshaber in Mesopotamien, daß Bagdad am 11. März frühmorgens von den englischen Truppen genommen wurde.“

Ohne Zweifel war die Expedition von General Maude gut vorbereitet; die Engländer wollten den Völkern des Orients zeigen, daß sie den Türken nicht nachständen. Die Londoner Presse schwelgte inungeheurem Jubel, als könne der Ausgang des Weltkrieges nun nicht länger zweifelhaft sein: „Der Sieg vernichtet den deutschen Traum Berlin-Bagdad und macht Deutschlands hochfliegenden Plänen im Orient ein Ende. Dieses Ereignis hat die größte Seifenblase des Pangermanismus zum Platzen gebracht und eine an den Grenzen des indischen Reiches beständig drohende Gefahr entfernt.“

Weder Deutschland noch die Türkei haben jemals Absichten auf Indien gehabt. Welche Gefahr diesem am ersten droht, darüber könnte General Kuropatkin, der Erbe von Skobelews Invasionsplan, merkwürdige Dinge erzählen. Außerdem wird das Schicksal der Türkei oder auch nur Mesopotamiens nicht in Bagdad entschieden, sondern allein an der Westfront.

Aber die Freude der Engländer ist nur zu verständlich. Der Krieg ruiniert sie, und sie brauchten eine Ermunterung. Bagdad, Dar-es-Salaam, das Heim des Friedens, war bisher die einzige Stadt, die sie während des Weltkrieges erobern konnten, abgesehen von einigen kaum verteidigten afrikanischen Nestern. Die Zukunft wird zeigen, wie lange sie sich in der Residenz Mansurs werden halten können.


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