Phot.: Schölvinck.Unser großes Zelt bei Schergat-hauesi.Einundzwanzigstes Kapitel.Erlebnisse auf einer Etappenstraße.
Phot.: Schölvinck.Unser großes Zelt bei Schergat-hauesi.
Phot.: Schölvinck.Unser großes Zelt bei Schergat-hauesi.
Phot.: Schölvinck.
Es war eine sehr stattliche Karawane, die am Morgen des 7. Junis, in dünne Staubwolken gehüllt, von Assur nordwärts zog: an der Spitze Konsul Schünemann mit den persischen Reitern, dann unsere Wagen mit türkischen, arabischen und armenischen Kutschern, und als Nachhut 25 Esel, die wir von Arabern gemietet hatten, um unsere Gepäckwagen zu entlasten. Doch bedurften unsere Zugtiere so sehr der Schonung, daß wir beschlossen, heute nur bis Schergat-hauesi zu marschieren, das kaum eine Stunde entfernt war. Wir hatten also reichlich Zeit und folgten daher der Einladung eines Araberhäuptlings vom Hedschadschstamm, der eine Strecke weiter unten am Ufer des Tigris sein Lager hatte.
Die Dörfer der Hedschadscharaber in der Nähe von Schergat-hauesi zählten gegen 100 Zelte mit je 8–10 Bewohnern. Auch bei Kalaat-Schergat und an einigen andern Plätzen bildeten sie kleine GemeindenSie gelten schon als Fellachen oder Ackerbauer, haben aber die Liebe der Nomaden zu ihren schwarzen Zelten noch nicht abgestreift.
An Ort und Stelle angelangt, fanden wir ein prächtiges schwarzes Zelt mit Teppichen für uns hergerichtet, und in der luftigen Wohnung des Häuptlings wurden wir feierlich empfangen, mußten auf dem Ehrenplatz niedersitzen und uns von mindestens hundert seiner Stammesgenossen anstaunen lassen, der Frauen und Kinder nicht zu gedenken, die von draußen hereinsahen. Der Zweck der Einladung war hauptsächlich ein Geschäft, das der Araber mit dem Herzog machen wollte; er hatte einen weißen Hengst zu verkaufen, der uns als Ersatz für die gehabten Verluste sehr willkommen erschien.
Das Tier wurde vorgeführt und war prächtig anzusehen: ein herrlich gerundeter Hals, sprühende schwarze Augen, eine zarte Nase mit schnaubenden Nüstern — ganz das Urbild des feurigen Arabers, eine Freude für jeden Pferdekenner, und der Hengst selbst schien sich seines verführerischen Reizes vollkommen bewußt, so elastisch-kokett tänzelte er daher und schien den Boden kaum mit den Hufen zu berühren. Warum mochte nur der Besitzer sich von solch einem Prachtpferd trennen wollen? Dieses Übermaß von Liebenswürdigkeit gegen uns Fremde schien verdächtig.
Der Herzog bat also den Mann, aufzusitzen und in Schritt, Trab und Galopp die Künste des Tieres zu zeigen. Dazu zeigte unser freundlicher Wirt aber keine Lust, und auch seine Stammesbrüder drückten sich einer nach dem andern mit Redensarten beiseite. Nach langem Hin und Her fand sich endlich ein junger Kerl für ein Trinkgeld zu einem Versuch bereit. Aber kaum saß er auf, als der Hengst ihn auch schon zu Boden geschleudert hatte, und mehreren andern, die der Backschisch reizte, erging es nicht besser ... Nun wagte sich einer unserer Perser heran, und er schien die Kunst zu verstehen, diesen Bucephalus zu zähmen. Zur höchsten Verwunderung der Araber trabte er auf dem widerspenstigen Gaul in eleganten Kurven zwischen den Zelten kreuz und quer umher und kehrte dann im Galopp zu uns zurück. Aber in diesem Augenblick stand das Pferd ganz plötzlich, stemmte die Vorderbeine in die Erde, senkte den Kopf und warf seinen Reiter in großem Bogen mitten in die Zuschauer hinein. Soviel war nun sicher, daß sich dasschöne Tier zu Karawanenfahrten nicht eignete, und aus dem Handel wurde infolgedessen nichts.
Zu Besuch bei den Arabern von Nalaat-Schergat.In der Mitte der Herzog.⇒GRÖSSERES BILD
Zu Besuch bei den Arabern von Nalaat-Schergat.In der Mitte der Herzog.⇒GRÖSSERES BILD
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Gleichwohl blieben wir den Tag über bei den Arabern. Als wir am Abend im Mondschein vor unserm Zelt saßen, ließ sich einer von ihnen bei uns nieder, um uns mit seiner Maultrommel zu unterhalten. Die Töne des einfachen Instruments erinnerten an die des Dudelsacks, aber die Kunstfertigkeit des Mannes war bewundernswert, und nicht weniger seine Ausdauer, er schien gar nicht Atem holen zu müssen. Von Melodie konnte man kaum reden. Melancholisch und einförmig, wie immer im Orient, quollen zwischen seinen glockenförmig gehaltenen Händen langgezogene, wimmernde Töne hervor, die ein träumerisches Behagen erweckten. Man hörte in dieser Musik die trippelnden Schritte der Schafe über die Steppe, den Hufschlag der Beduinenpferde, das traurige Flüstern des Windes im Grase und das rieselnde Rauschen des Tigris gegen eine Landspitze. Das ganze einförmige Leben der Araber in der Wüste, in der ein Tag verläuft wie der andere, schien in dieser Naturmusik lebendig zu werden.
Der edle arabische Hengst.
Der edle arabische Hengst.
Die Töne der Maultrommel hatten zahlreiche Zuschauer angelockt. In dichten, dunkeln Gruppen ließen sie sich mit Anstand und Würdeauf dem Boden nieder und hörten lautlos zu, höchstens flüsterten sie leise oder rauchten Zigaretten. Als dann aber der Musikant zum Tanz aufspielte, kam Leben in die Masse; etwa fünfzig Araber sprangen auf, faßten sich in einer langen Kette, aber immer eng aneinandergedrängt, an den Händen und begannen sich in einer bärenmäßig trottenden Gangart zu bewegen, erst einige Schritte nach rechts, dann nach links, ganz im Takt mit dem wimmernden Rhythmus der Flöte. Allmählich weitete sich der Kreis, die Schnelligkeit nahm zu und wurde immer stürmischer, wobei der Mondschein die hohen, dunkeln Gestalten, die flatternden braunen Burnusse und die weißen und bunten Kopftücher noch phantastischer erscheinen ließ als sonst.
Mein Diener Sale hatte beim Tanz das Kommando übernommen. Er hieß nun die Tänzer sich in großem Kreise niederhocken, und in die Mitte des freien Platzes traten zwei Solotänzer, die sich in einer Art Bauchtanz, nicht eben schön anzusehen, aufeinanderzu bewegten. Der eine stellte den Verfolger dar, der andere den Verfolgten. So jagten sie sich mehrmals im Kreise herum, und die Zuschauer verfolgten die Pantomime mit größter Aufmerksamkeit und mit taktmäßigem Händeklatschen. Als schließlich der eine Tänzer den andern einholte und sich über ihn warf, brach allgemeiner Jubel los.
Die nächste Programmnummer war der Schwertertanz, wobei die Klingen dumpf aufeinander rasselten. Auch dieses Spiel endete damit, daß einer den andern übermannte; der Sieger setzte einen Fuß auf den Besiegten und die Spitze des Schwertes auf seine Brust. Hinter dem Kreis der Sitzenden hatten sich dichte Reihen stehender Zuschauer gesammelt, und in diesem Rahmen gewann das Schauspiel noch an Ursprünglichkeit und phantastischem Reiz.
Am nächsten Morgen verließen wir die Nomaden. Als wir unsere Straße erreicht hatten, war schon wieder ein Lastwagen in Stücke gegangen. Von links trat nun ein Ausläufer der großen Kalksteinplatte Mesopotamiens an den Tigris heran und fiel steil zum Wasser ab. Die Straße wand sich daher auf das Plateau hinauf, dessen harter, ebener Boden unsern Pferden eine willkommene Erleichterung brachte. Dann aber zwang uns ein Wadi mit einem rieselnden Salzwasserbach, wieder in das Flachland zurückzukehren, wo große Schaf-, Ziegen- und Rinderherdenweideten und ausgedehnte Zeltlager den blauen und weißen Rauch ihrer Feuer in die Morgenluft emporsandten. Wieder stieg die Straße an. Wir kreuzten einen Zug Heuschrecken, der einen schmalen Randstreifen besetzt hielt, fuhren an einer Karawane von 400 Kamelen vorüber, deren Last nach Aussage ihrer Führer aus Uniformen bestand, näherten uns wieder dem Tigrisufer und hielten bei der Station Giara oder Tell-Kaischara, wo uns ein starker Geruch von Naphtha und Asphalt entgegenströmte. Hier tritt das Erdpech offen zutage. Vor mehreren Jahren arbeitete hier eine belgische Gesellschaft mit gutem Erfolg. Nach einiger Zeit meinten aber die Türken, den Gewinn besser selbst einstreichen zu sollen, und kündigten die Konzession. Nun fehlte die geschäftliche Erfahrung, und das Unternehmen geriet ins Stocken; Häuser und Maschinen verfielen, und das Erdpech stank in Tümpeln stagnierenden Wassers zum Himmel.
Giara.
Giara.
Das Bahnhofsgebäude von Giara hatte nur einen bewohnbaren Raum, eine ungewöhnlich kühle, gewölbte Kammer, in der der Stationsvorsteher unter einem von Fliegen umschwirrten Mückennetz an Ruhr erkrankt darniederlag und aus einem primitiven Filtrierapparat, einem großen Lehmkrug mit porösem Boden, Wasser tropfen ließ. Hier mußten wir die heißesten Tagesstunden abwarten, denn die Temperatur draußen warallmählich unerträglich geworden. Schon morgens um 7 Uhr hatte sie 31 Grad betragen, um 1 Uhr stieg sie auf 41,2 und anderthalb Stunden später auf 42,6 Grad. Konsul Schünemanns persischer Schimmel hatte einen Hitzschlag und Kolik und außerdem Blutegel in Gaumen und Hals. Noch am Morgen war das Tier ganz frisch gewesen; jetzt legte es sich im Schatten des Stalles nieder und verendete. Auch im Schlund der andern Pferde hatten sich beim Trinken Blutegel festgebissen, und unsere Kutscher befreiten sie mit vieler Mühe von diesen Plagegeistern.
In der Kranken- und Fliegenstube von Giara zu übernachten, war unmöglich. Am Spätnachmittag machten wir uns daher zur nächsten Station Schura auf, die fünf Stunden entfernt sein sollte. Nahe bei Giara hatten wir ein ziemlich tief und steil eingeschnittenes Tal zu passieren, auf dessen nackter Sohle Salzkristalle schimmerten und Erdpechquellen zutage traten. Der Herzog und Busse ritten voraus; Schölvinck und ich folgten in der Droschke und fuhren in einer Morastrinne fest. Die Pferde mußten ausgespannt, der Wagen zurückgeschoben und ein anderer Weg versucht werden. Nicht besser erging es dem vorausfahrenden Automobil, das weiter vorn in einem Graben saß und nicht weiter konnte. Wir luden das Gepäck ab, aber der Wagen rührte sich nicht vom Fleck, und wir mußten warten, bis die ganze übrige Kolonne nachgekommen war. Darüber wurde es dunkel, und im Westen erhob sich drohend eine Wolkenwand, die den Mond verdeckte. Nach langem Warten kamen die andern, und mit vereinten Kräften machten wir erst das Auto wieder flott, das nunmehr jeden einzelnen Wagen über die schwierige Stelle hinüberziehen mußte; die müden Tiere allein hätten das nicht fertiggebracht. Drei Stunden kostete uns dieser Graben — eine schöne Etappenstraße!
Dann ging es weiter, Stunde auf Stunde in stockfinsterer Nacht; die Lampen des Autos wiesen den Weg. Endlich leuchtete vor uns der Schein eines Feuers auf: es war Schura, aber noch in weiter Ferne. Ein neuer Graben hielt die Wagen auf; unsere Droschke kam glücklich hinüber, und endlich tauchte die hohe Mauer des Stationsgebäudes aus dem Dunkel hervor. Hastig aßen wir auf dem Dach des Hauses unser Abendbrot und zogen uns dann sofort in unsere Mückennetze zurück, denn es war 4 Uhr, und schon ging ein neuer Tag im Osten auf.
Süßes Wasser gab es in diesem unglückseligen Dörfchen nicht. Auch der Brunnen auf dem Hof des Stationsgebäudes bot nur salzhaltiges Wasser und war für den ganzen Ort mit seinen 60 Häusern und 250 Einwohnern und ebenso für die Reisenden, für Menschen und Tiere die einzige Quelle; das Wasser eines nahen Flüßchens war ganz ungenießbar. Der Tigris war von hier drei Stunden entfernt. Es gab gewiß zwingende Gründe, die Station soweit vom Strom anzulegen, wie es wohl auch seinen Grund hatte, daß die Sumpfgräben, in denen die meisten Fuhrwerke auf dieser sonderbaren Etappenstraße verunglücken mußten, nicht überbrückt waren. Das nötige Holz mit Kelleks auf dem Tigris heranzuschaffen, konnte unmöglich schwer sein.
Schölvinck und ich waren die ersten, die am andern Tage in glühender Mittagshitze das Nest Schura verließen. Wir waren aber noch nicht weit gekommen, als wir schon wieder in einem tiefen Engpaß mit schroffen Seitenwänden und einem Salzwasserbach festsaßen. Diese hier so zahlreichen Salzquellen scheinen fast das ganze Jahr zu fließen. Wachtmeister Schmitt kam uns mit den Leuten seiner Eselkarawane zu Hilfe, aber nun ging es so schnell bergauf, daß die Deichsel in den schroff ansteigenden Boden hineinfuhr und mitten durchbrach. Die Pferde wurden wieder ausgespannt, das Wrack auf das freie Feld hinaufgezogen, und unser Kutscher machte sich in Gesellschaft des Gendarmen daran, die Deichsel zu flicken. Die armen Pferde standen derweil im glühenden Sonnenbrand und mochten kaum die elenden trockenen Halme knabbern, die ihnen die Heuschrecken übrig gelassen hatten. In einer Senkung neben der Straße weideten einige Kamele, die sich in der Hitze sehr behaglich zu fühlen schienen. Um 1 Uhr hatten wir im Schatten unseres Wagenverdecks 41,9 Grad — das versprach einen angenehmen Nachmittag!
Alle Mann greifen zu.⇒GRÖSSERES BILD
Alle Mann greifen zu.⇒GRÖSSERES BILD
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Mit Pflock und Strick war endlich die Deichsel wieder instand gesetzt, aber man brauchte kein Fachmann zu sein, um diesem Kunstwerk keine lange Dauer zu versprechen. Wir waren denn auch kaum einen Kilometer weitergefahren, als der Verband wieder aufging. Nun schickten wir unsern Gendarm zu den übrigen Wagen zurück, um eine ordentliche Schiene zu holen; nach ein paar Stunden kehrte er mit einer — Schnur zurück. Glücklicherweise kamen jetzt einige Flößer aus Tekritdes Wegs, die mit gebrochenen Wagengliedern umzugehen wußten, und halfen uns aus der Verlegenheit, so daß wir wieder in langsamem Schritt weiterfahren konnten.
Nach einiger Zeit führte die Straße über eine kleine Gebirgsschwelle, von deren Höhe die Windungen und grünen Inseln des Tigris und seine ebenfalls grünleuchtenden Uferränder sichtbar wurden. Schon hofften wir, die Mühsal dieses Tages überstanden zu haben, denn die grauen Häuser und schwarzen Zelte von Hammam Ali, unserm letzten Lagerplatz vor Mosul, waren schon zu erkennen. Aber es kam anders.
Die Deichsel wird geflickt.
Die Deichsel wird geflickt.
Die Etappenstraße verwandelte sich mit einmal in eine unheimlich steile, schmale Rinne in festem Fels. Jedesmal, wenn das Wagenrad von einer Steinplatte polternd herabglitt, erwartete man eine Katastrophe. Doch erreichten wir noch ohne Unfall wieder ebenes Land, wo zahlreiche Störche in einem Sumpf Frösche, Eidechsen und Mäuse suchten. Dann aber öffnete sich vor uns ein tiefes und großes Wadi, durch dessen Furche ein Süßwasserbach nach dem Tigris hinabging. Wir fuhren auf dem rechten Ufer, das nicht allzu schroff abfiel, während das linke um so jäher zu den flachen Hügeln anstieg, die uns noch vonHammam Ali trennten. Kurz vor der Talfurche teilte sich der Weg; unser Kutscher bog links ab, während er rechts hätte fahren sollen, und plötzlich geriet unser Wagen ins Abwärtsrollen. Eine Bremse fehlte, und die Pferde waren zu müde, ihn aufzuhalten. Zehn Meter vor uns aber hörte die Straße am Rande der zwei Meter hohen, senkrechten und überhängenden Erosionsterrasse, die jedenfalls noch nicht lange durch einen heftigen Regenstrom ausgewaschen war, völlig auf! Vergebens, daß ich „Dur!“ (halt!) rief — unaufhaltsam näherten wir uns dem Abhang. Schölvinck schrie auf und warf sich aus dem Wagen, ich folgte seinem Beispiel, und eine Sekunde später stürzten Wagen und Pferde in die Tiefe.
Nach dem Absturz.
Nach dem Absturz.
Es war ein regelrechter Purzelbaum, den unsere Droschke gemacht hatte. Die Pferde fielen verhältnismäßig sanft in den Kies, die Deichsel zerbrach aufs neue, der Wagen stürzte auf Vorderräder und Kutscherbock und schlug vornüber, das zertrümmerte Verdeck zu unterst. Der Kutscher hatte so geschickt pariert, daß er zwischen die Pferde zu liegen und mit heiler Haut davonkam. Aber sein Begleiter, ein Stalljunge, lag schreiend im Bach. Wir zogen ihn sofort aufs Trockene; auch er konnte von Glück sagen, seine Glieder waren heil, er hatte nur einige Hautwunden an Kopf und Knien davongetragen.
Der Kutscher half den Pferden aus dem Geschirr und auf die Beine, und wir fischten nun unsere Sachen zusammen, die zum Teil auf dem Kutscherbock verstaut gewesen waren. Schölvincks photographischer Apparat war in Stücke gegangen, meiner ganz geblieben. Das Schlimmste war der zertrümmerte Wagen! Wie sollten wir nun mit Sack und Pack weiterkommen?
In diesem Augenblick erschien Konsul Schünemann wie ein rettender Engel auf den Hügeln des linken Bachufers. Er war schon in Hammam Ali gewesen, aber da wir so bedenklich lange auf uns hatten warten lassen, in Vorahnung eines Unfalls mit seiner Droschke zurückgekommen. Unsere verunglückte Equipage überließen wir nun einstweilen ihrem Schicksal, luden unsere Siebensachen auf den andern Wagen und fuhren so als gerettete Schiffbrüchige in Hammam Ali ein.
Konsul Schünemann hatte überraschende Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz zu erzählen. Am Skagerrak hatte am 31. Mai und 1. Juni eine Seeschlacht stattgefunden, die mit einem großen Erfolg der Deutschen ausgegangen war: die Engländer hatten 23, die Deutschen nur 10 Kriegsschiffe verloren, obgleich bei Beginn der Schlacht die englische Kampfflotte der deutschen ums Doppelte überlegen war.
Die andere Neuigkeit war Kitcheners Untergang mit der „Hampshire“. In diesem energischen Heerführer Großbritanniens verloren die Zentralmächte einen gefährlichen Gegner; dennoch mußte ich seinen Tod bedauern, denn er war mein Freund oder war es doch gewesen. Ich hatte mehrfach bei ihm vornehmste Gastfreundschaft genossen und bis kurz vor dem Kriege von Zeit zu Zeit mit ihm in Briefwechsel gestanden; der Krieg hatte uns getrennt. Das wundervolle Märchen seines Lebens hatte ich stets mit Anteil verfolgt, seine männliche Energie bewundert und seinen geradsinnigen Charakter geliebt. Obgleich er in allen Dingen seine eigene, feste Meinung hatte, wußte er doch auch fremde Ansichten zu achten, und ich war stets überzeugt, daß gerade er nach dem Kriege am ersten wieder in ein leidliches Verhältnis zu dem Gegner gekommen wäre. Ich halte ihn für den größten Engländer unserer Zeit, und sein Tod hinterläßt in jedem, der ihn kannte, eine große Leere.
Schon in Mosul erreichten uns auch die bis heute noch unbestätigten Gerüchte über die Art seines Todes. Der Mann, der beiseinem Leichenbegängnis geehrt worden wäre wie kein anderer Brite, hatte nicht einmal ein Grab erhalten können, und niemand wußte, wo seine sterblichen Überreste Ruhe gefunden! Einige gerettete Matrosen hatten noch gesehen, wie Kitchener, seine Zigarette rauchend, aufrecht und ruhig auf der Kommandobrücke des sinkenden Schiffs stand. Dann hatte ihn eine schäumende Meereswoge plötzlich entführt. Wohin schweiften wohl seine Gedanken, als er die Woge kommen sah, die ihm den Tod brachte? Schossen die farbenprächtigen Bilder seines reichen Lebens noch einmal wie ein Blitz an ihm vorüber? Gedachte er der Zeit, da er mit Unterstützung desPalestine Exploration Funddie Karte des Heiligen Landes aufnahm, oder als er bei Omdurman den Mahdi und seine Derwische vernichtete? Sah er die Blockhäuser von Transvaal, und hörte er den Jubel, mit dem London den Sieger bei seiner Rückkehr begrüßte? Oder träumte er von den sonnigen Tagen in Indien, da er seinen stärksten Widersacher, Lord Curzon, niederrang und die Organisation der Armee vollendete, auf der die britische Herrschaft am Ganges beruht? Wie ein Märchen, wie etwas im höchsten Grade Unwirkliches muß ihm diese stolze Bilderreihe in diesem Augenblick erschienen sein. Welch grausame Ironie des Schicksals, daß er, der stets die größten Schwierigkeiten zu überwinden wußte, nun hilflos von einer Meereswoge dahingerafft wurde! Ob er wohl in seinem letzten Augenblick auch der beiden letzten Jahre gedachte, die seine glänzende Vergangenheit verdunkelten? Hatte er eingesehen, daß er jetzt auf einen Feind gestoßen war, der nicht besiegt werden konnte, daß Englands Herrschaft auf dem Weltmeer zu Ende ging und daß es für ihn selbst hieß: „Bis hierher und nicht weiter“? Eines hatte ihm jedenfalls das Schicksal gnädig erspart: die Niederlage Englands zu erleben.
Man hat gesagt, Kitchener sei, als er unterging, auf dem Wege nach Rußland gewesen; er habe für gemeinsame Operationen der Ententemächte gegen Deutschlands Nordfront wirken sollen — lauter Vermutungen. Die Wissenden sind stumm.
Mit solchen Gedanken zog ich in Hammam Ali ein, ein kleines Dorf von etwa zehn Hütten inmitten weiter Ackerfelder, mit einem türkischen Erholungsheim für Offiziere und einem Kavekhane, vor dem ich unser Lager aufgeschlagen fand.
Kleine Brücke auf dem Wege nach Mosul.⇒GRÖSSERES BILD
Kleine Brücke auf dem Wege nach Mosul.⇒GRÖSSERES BILD
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Am folgenden Tag machte sich die Nähe einer größeren Stadt allenthalben bemerkbar. Zahlreiche Reiter, Männer und Frauen, auf Pferden und Mauleseln, begegneten uns. Ein türkischer Beamter reiste mit seiner ganzen Familie südwärts, und ein vornehmer Araber schien auf seinem Pferde zu schlafen im Schatten eines weißen Sonnenschirms, den ein Diener, der hinter dem Herrn auf der Krupe des Pferdes saß, halten mußte. Zahlreiche Fußgänger belebten den Weg; Landleute kamen schwer bepackt vom Einkauf in den Basaren. Der eigenartige Charakter der Etappenstraße blieb aber auch jetzt derselbe; er steigerte sich noch durch zahlreiche Brücken und Brückchen aus weißem Kalkstein, die nach Aussage des Kutschers höchstens zehn Jahre alt, aber durch Regengüsse und Sturzbäche mehr oder weniger zerstört waren. Viele waren völlig eingestürzt, nur ihre Pfeiler standen noch; zum mindesten fehlten auf dem Fahrweg etliche Steinplatten, so daß ein Fuhrwerk, besonders bei Nacht, elend steckenbleiben mußte. Alles, was Wagen hieß, vermied denn auch mit Sorgfalt diese „modernen“ Verkehrsmittel im alten Assyrien und fuhr rechts oder links daran vorbei, je nachdem die Abhänge der Hohlwege und Wadis passierbar waren!
Schließlich führte die Straße auf eine flache, steinige Schwelle hinauf. Von hier aus erblickte ich das gewundene, graubraune Ufer des Tigris, um das sich ein Haufen grauer Häuser ballte, aus denen zahlreiche Minarette emporragten. Das war Mosul, und im Norden, auf dem linken Tigrisufer, die eintönig graubraune Landschaft barg die Ruinen von Ninive.