Eingang zum Basar in Mosul.Zweiundzwanzigstes Kapitel.Mosul.
Eingang zum Basar in Mosul.
Eingang zum Basar in Mosul.
Der Dolmetscher des deutschen Konsulats in Mosul war uns entgegengeritten und geleitete uns zu den Häusern der Bagdadbahn am äußersten Südende der Stadt, Gebäuden im üblichen Stil, mit viereckigen, gepflasterten Höfen und kleinen Gruppen buschiger Maulbeer- und Olivenbäume. Hier sollte unsere Wohnung sein. Ich erhielt ein treffliches Zimmer im Erdgeschoß, das sogar mit einem Sofa, einem Tisch, etlichen Stühlen und einer Badewanne möbliert war; mein Schlafgemach war der Hof, in den nur wenige Stunden am Tage die Sonne hineinschaute. Einige meiner deutschen Freunde bereiteten sich ihre Lagerstätte auf dem höchsten Dache, das von einer ziemlich hohen Mauer umgeben war, ein Zeichen, daß ein Araber das Haus gebaut hatte, der seine Frauen profanen Blicken entziehen wollte. Auf der Mauer nisteten mehrere Störche, deren Geklapper in den Höfen besonders laut widerhallte, wenn die zahlreichen Katzen der Stadt über Dächer und Höfe jagten oder ihre nächtlichen Konzerte veranstalteten.
Ein Storchennest auf unserm Dach.
Ein Storchennest auf unserm Dach.
Nachdem wir uns mit Hilfe unseres Gepäcks ein wenig eingerichtet hatten, war unser erster Gang zum deutschen Konsulat, einem von prächtigen Gärten umgebenen Komplex von mehreren stattlichen Gebäuden im Süden der Stadt, etwas entfernt vom Tigris. Der deutsche Konsul,Dr.Holstein, nahm uns mit gewinnender Liebenswürdigkeit auf, und sein Haus wurde für uns fast ein Klublokal, in dessen Räumen man immer Freunde oder Bekannte zu treffen sicher war. Außer uns — dem Herzog, Rittmeister Schölvinck, Leutnant Busse und mir — verkehrten dort Major Köppen, Leutnant Staudinger, Stabsarzt Schwarz, der deutsche Konsul Wustrow aus Teheran und der österreichische KonsulDr.Jarolymek, der auf der Etappenstation in Mosul tätig war. Solange des Herzogs eigene Küche noch nicht imstande war, mußten wir auch zum Mittag- und AbendessenDr.Holsteins unbegrenzte Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, und am Abend versammelten wir uns regelmäßig auf einer der schattigen Dachterrassen, um die neuesten Telegramme zu hören oder die Zeitungen zu lesen, die nach einer Reise von mehreren Wochen angelangt waren. Vom Dach des Konsulats, auf dem an gewaltigem Mast die deutsche Reichsflagge wehte, hatte man eine weite Aussicht auf die grauen Häuser und gewundenen Straßen der halbmondförmigen Stadt, den berühmten Damm, die unfruchtbare Ödeder Steppe und des persischen Grenzgebirges und auf das englische Gefangenenlager am Tigrisufer mit seinem Wirrwarr von Zelten und seinem Gewimmel von Menschen und Tieren. Schon 8600 Gefangene hatten bisher dort unten gelagert; auch der irische Priester, den ich in Bagdad und Samarra getroffen hatte, kam während meines Aufenthalts in Mosul hier durch.
Am 11. Juni, dem ersten Pfingstfeiertag, begleitete michDr.Jarolymek auf einer Rundfahrt durch Mosul. Wir fuhren nach Nordwesten die Stadtmauer entlang bis Bab-el-beith, dem Eiertor; eine alte Inschrift über dem Torbogen erklärt den Namen: sie erzählt von einer ehemaligen Hungersnot, bei der man für einen Para (etwas über 40 Pfennig) nur 40 Eier erhalten habe! Jetzt kostete ein Ei 6–7 Para, also einen Taler, ohne daß eine Hungersnot herrschte. Die Stadtmauer ist etwa 300 Jahre alt und mit einigen runden Türmen besetzt. Die übrigen Tore heißen Bab-el-dschedid, Bab-Sindschar, Bab-Ligisch und Bab-el-Tob; letzteres und Bab-Sindschar sind jetzt zerstört.
Vom Eiertor folgten wir der grauen Mauer nach Norden und bogen dann nach Nordwesten ab, sahen eine Schule, die jetzt Krankenhaus war, das Städtische Lazarett und das Judenviertel, dessen Bewohner sich hauptsächlich durch Herstellung von Silberschmuck ihren Lebensunterhalt erwerben, ließen das englische Konsulat, das jetzt von der türkischen Regierung mit Beschlag belegt war, links liegen und hatten nun die alte Seldschukenburg vor uns, die sich auf steiler Klippe hoch über dem rechten Tigrisufer erhebt.
Der Blick von dort oben gehört ohne Zweifel zu den merkwürdigsten, die sich auf Erden dem Auge bieten. Von Schönheit der Landschaft kann man dabei nicht eben sprechen. Das Tal des Satledsch durch den Himalaja, die Grusinische Heerstraße über den Kaukasus, die Ufer des Brahmaputra von den Abhängen des Transhimalaja aus gesehen — welche Fülle von Schönheit bieten sie gegenüber dem dürftigen Strande des Tigris! Und Aleppo, Damaskus und Jerusalem nehmen sich, von oben gesehen, weit stolzer aus als dies kleine, unbedeutende Mosul. Aber in einer Beziehung übertrifft die Aussicht von der alten Seldschukenburg doch alle übrigen, denn im Mittelpunkt dieser Landschaft liegt Ninive, die älteste Königsstadt der Erde. Im Osten reichtder Blick bis zu den Bergen von Rowandus und im Norden bis zum armenischen Taurus, über dessen Kamm bei klarem Wetter schneebedeckte Gipfel stehen.
Die Seldschukenburg aus der Nähe.Rechts der Tigris.⇒GRÖSSERES BILD
Die Seldschukenburg aus der Nähe.Rechts der Tigris.⇒GRÖSSERES BILD
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Gerade unterhalb der Burg macht der Tigris eine Wendung und verschwindet im Nordwesten, von wo er kommt, und im Südosten, auf dem Wege nach Bagdad, in blauer Ferne. Er ist aber hier in Mosul viel weniger imposant als in der Stadt der Kalifen, wo seine Wassermenge, trotz der starken Verdunstung auf dieser Strecke, viel bedeutender erscheint infolge des Zuflusses des Kleinen und Großen Zab, des Zabatus Minor und des Zabatus Major.
Unten am Ufer saßen Hunderte von Frauen und spülten und klopften ihre Wäsche. So sitzen sie dort jahraus, jahrein in brennender Sommersonne und in der Winterkälte, die hier viel stärker sein soll als in Bagdad, denn Mosul liegt 250 Meter über dem Meeresspiegel, Bagdad nur 50. Die Sommertemperatur ist aber in beiden Städten ungefähr die gleiche.
Oberhalb der Fähre wurde eine Herde schwarzer Büffel über den Strom getrieben. Das Bad gefiel ihnen offenbar, denn sie schwammen langsam und ließen sich ein gutes Stück nach der Brücke hinabtreiben, bis sie, vom Wasser glänzend und tropfend, das jenseitige Ufer erreichten.
Südlich der Seldschukenburg hielten wir bei der kleinen Grabmoschee Jahija Abu Kasim, deren schöne, mit Fayence bekleidete Vorderseite in ihrer Wirkung beeinträchtigt wird durch ein später gebautes, vorstehendes Marmorportal. Gleich dem Grabe der Sobeïd in Bagdad hat dieses Mausoleum statt einer Kuppel ein spitzes, pyramidenförmiges Dach, das für andere Grabdenkmäler dieser Gegend vorbildlich gewesen ist.
Nahe dabei stehen dicht am Ufer die Ruinen offenbar einer ehemaligen Moschee namens Bedretdin Sultan Lulu, wo man dicht am Ufer zahlreiche Fische im Strom beobachten kann. Von drüben hört man das Wimmern der Wasserräder, die schmale Streifen Ackerland bewässern, und ab und zu kommen merkwürdige Fahrzeuge durch die Brücke geschwommen; sie sehen wie losgerissene Inseln aus, und in ihrer Mitte sitzen ein paar Leute wie Eier in einer Schüssel Spinat; es sind kleine Kelleks, deren Holzrost, von aufgeblasenen Ziegenfellen getragen, oben mit Reisig und Zweigen bedeckt ist.
Nach dieser ersten orientierenden Rundfahrt durchwanderte ich nun Tag für Tag die Straßen Mosuls, die denen von Bagdad an malerischem Reiz weit nachstehen, denn der herrliche Schmuck der Palmen fehlt hier ganz; überhaupt sieht man in der Stadt kaum eine Spur von Grün. Dafür sind aber die Häuser Mosuls stattlicher und viel fester gebaut, nicht aus schlecht gebrannten Ziegeln, sondern aus Stein, der Jahrhunderte überdauert. Der Stil ist derselbe wie in Bagdad, die Architektur aber reicher und vornehmer. Von der engen, schmutzigen Gasse führt ein unansehnliches Tor mit einem Eisenklöppel oder -ring durch einen Gang auf den viereckigen, gepflasterten Hof, wo ein kleines Wasserbecken einige Kühle und bestenfalls niedrige Maulbeer- und Orangenbäumchen etwas Schatten verbreiten. Sofas und Stühle zeigen, daß hier tagsüber der Wohnraum der Familie ist. Das Erdgeschoß des Hauses enthält Küche, Vorratskammern, Holzschuppen, Ställe und Dienstbotenwohnungen. Der nach dem Hof offene Empfangsraum (Eivan oder Ivan) ist wie in Bagdad zu ebener Erde oder auch eine halbe Treppe hoch, mit Eingang von der ersten Galerie. Die Privatgemächer, Schlafräume usw., liegen eine Treppe höher. Darüber ist das flache Dach, auf dem man die heißen Sommernächte zubringt.
Stickende Araberin in Mosul.
Stickende Araberin in Mosul.
Die Front der Häuser ist nicht nach der Straße, sondern nach dem Hof hinaus, denn der Orientale verbirgt sein Familienlebeneifersüchtig vor der Außenwelt. Das gilt auch für christliche, syrische und chaldäische Häuser. In diese erhält man leicht Zutritt, die weiblichen Angehörigen gehen unverschleiert und beteiligen sich an der Unterhaltung mit dem Gast. Aber man muß schon ein sehr guter Freund des Hauses sein, wenn selbst die christlichen Frauen in Gegenwart eines Europäers ihre angeborene Scheu überwinden sollen. Die Hoffront vornehmer Häuser zeigt reichen Marmor- oder Alabasterschmuck, hauptsächlich an den Seitenflügeln, denn den Rücken des Vorderhauses, durch das man eintritt, bilden die schattigen, von Steinsäulen getragenen Pferdeställe. Die eigentliche Hauptfront gegenüber ist zum größten Teil von Galerien bedeckt, und die vergitterten Bogenfenster darunter lassen wenig Raum zu ornamentalem Schmuck. Dieser beschränkt sich daher auf das untere Mauerwerk, während die Wände der Seitenflügel bis zum Dach hinauf mit Blumengewinden und Blattwerk in Relief verziert sind. Auch die höchsten Fenster haben zum Schutz gegen Einbrecher dicke Gitter; die Eisenstangen sind an ihren Kreuzungspunkten noch durch Ringe gesichert. Gegen die Sonne schützen Holzläden, wie man sie auch in Konstantinopel findet.
Vier Musikanten vor der Treppe, die vom Hof zum Empfangsraum hinaufführt.
Vier Musikanten vor der Treppe, die vom Hof zum Empfangsraum hinaufführt.
Die mit Marmorreliefs geschmückte Hoffront eines vornehmen Hauses in Mosul.⇒GRÖSSERES BILD
Die mit Marmorreliefs geschmückte Hoffront eines vornehmen Hauses in Mosul.⇒GRÖSSERES BILD
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Mosul zählt viele solcher vornehmen Häuser, deren Besitzer armenischer, syrischer oder chaldäischer Abstammung, Mohammedaner oder Christen, Kaufleute oder Priester sind. Es besitzt eine starke kaufmännische Aristokratie, deren Ansehen weit über das Weichbild der Stadt hinausreicht. Solch ein Hof mit seinem kostbaren Marmorschmuck zeugt von erworbenem oder ererbtem Reichtum, der sich im Takt mit den lautlosen Schritten der Kamele auf den weiten Wanderungen der Karawanen vermehrt, wenn nicht die Wüstenschiffe durch Zyklone Schiffbruch leiden oder arabische Piraten mit den Ballen Baumwolle, gepreßter Datteln, bunter Stoffe, Kolonialwaren und europäischen Krams in der Tiefe der Wüste verschwinden. Auch der Handel Mosuls war durch den Krieg fast völlig lahmgelegt. Aus Indien und Basra kam gar nichts; die persischen und kaukasischen Handelsstraßen waren gesperrt, und die Anatolische Eisenbahn fast ausschließlich mit Militärtransporten belegt. Doch wartete man mit echt orientalischer, fatalistischer Ruhe der kommenden besseren Zeiten.
Hadschi Mansur, 65jähriger Chaldäer.
Hadschi Mansur, 65jähriger Chaldäer.
Straße in Mosul.⇒GRÖSSERES BILD
Straße in Mosul.⇒GRÖSSERES BILD
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Solch ein schattiger Hof wirkt gegenüber den backstubenheißen Straßen wie eine Oase in der Wüste. Hin und wieder besprengt ein Sakka das Steinpflaster mit Wasser. Nur eines vermißt man: nie dringt ein Luftzug hier hinein; nur wenn Stürme über das Land ziehen, stürzen die Wirbelwinde wie Wasserfälle von den Dächern herab aufdas Laub der Maulbeerbäume. Im übrigen aber entspricht ja diese Bauart, wie schon im alten Assyrien und Babylonien, vollkommen dem durch das Klima bedingten Bedürfnis. Unsere europäischen Häuser mit ihren nach Luft und Licht verlangenden Fenstern auf allen Seiten würden in Mosul unerträgliche Steinkamine sein. Auch die Häuser der Armen haben dieselbe Bauart; nur fehlt natürlich der Marmorschmuck; oft sind sie aus unbehauenem Stein oder nur aus an der Sonne getrocknetem Lehm.
Dem kunstverständigen Auge, das auf diesen Höfen der zahlreichen vornehmen Häuser an malerischen Motiven reiche Ausbeute findet, mag Mosul leicht als eine Perle unter den Städten des Orients erscheinen. Das Panorama von einem hohen Dache aus enttäuscht aber stark. Man sieht nichts als graue, fensterlose Mauern, flache Hausdächer mit Brustwehren in verschiedener Höhe, runde Minarette mit einem oder mehreren Rundgängen für die Gebetsrufer, und hier und da die viereckigen Türme und flachen Kuppeln der christlichen Kirchen und Klöster.
Toros, 60jähriger armenischer Karawanenfuhrer aus Erserum.
Toros, 60jähriger armenischer Karawanenfuhrer aus Erserum.
Basarstraße in Mosul.⇒GRÖSSERES BILD
Basarstraße in Mosul.⇒GRÖSSERES BILD
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Weit dankbarer ist eine Wanderung durch die Straßen und Basare, wahrhaftige Labyrinthe, durch die man sich nur unter kundiger Führung hindurchfindet. Eng und winkelig sind die Gassen, wie in Bagdad, weniger häufig die Holzerker. Die belebteren Stadtviertel haben Steinpflaster,aber so schlechtes, daß eine Droschke verunglücken würde, wenn sie sich überhaupt hier durchzwängen könnte. Schmutz, Unrat, Gerümpel, Fruchtschalen, Gedärme und andere Küchenabfälle liegen haufenweise umher, die widerwärtigen Hunde wühlen darin herum. Die Straßenreinigung besorgt nur ab und zu ein heftiger Sturmwind mit riesengroßem Besen; ganze Kehrichtwolken füllen dann die Basare. Vergebliche Mühe! In den Winkeln sammelt und häuft sich der Schmutz um so höher, und dort bleibt er liegen.
Eine schöne Ecke im Basar.
Eine schöne Ecke im Basar.
In den lebhaftesten Straßen des Basars sind die Läden der Waffenschmiede und Gelbgießer, die Stände der Schmiede und Seiler, Fleischbänke und Obstläden, wo Rosinen und Mandeln, Nüsse, Gurken, Gewürze usw. feilgehalten werden. Das Geschäft der Töpfer blüht, denn der Krug geht solange zu Wasser, bis er bricht, und ganz Mosul braucht die hübschen Trinkgefäße, die die Frauen so anmutig auf dem Kopfe einhertragen. In den Buchläden schmökern Männer im Turban oder Fes umher. Durchmarschierende Soldaten kaufen Tabak und Pfeifen, Feuerstahl und Mundstücke. Mächtige Ballen europäischer Stoffe liegen aufgestapelt, immer in schreiender Farbe, die das Auge des Orientalen erfreut. Ein Hammam, ein Bad, ist überall in der Nähe. Kleine Tunnel, deren spitzbogige Tore oft von schönen Skulpturen umrahmt sind, führen zu den Karawansereien der Großkaufleute, und Stände mitalten Kleidern, wahre Herde für ansteckende Krankheiten und Ungeziefer, fehlen auch nicht. In den engsten Gassen arbeiten die Barbiere in schattigen Gewölben. Schutzdächer aus dünnen Brettern oder Bastmatten über den Läden erhöhen noch die malerische Buntheit der Straßenbilder.
Bab-el-Dschiser.⇒GRÖSSERES BILD
Bab-el-Dschiser.⇒GRÖSSERES BILD
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Das Herz des Basars ist ein kleiner, unregelmäßiger Marktplatz, auf den die Hauptstraßen zusammenlaufen. Hier liegen mehrere Kaffeehäuser. Auf der offenen Veranda des einen habe ich viele Stunden zugebracht. Unter mir ein Gewimmel, wie in einem Ameisenhaufen; würdig einherschreitende Orientalen im Turban oder Fes und in weißen, braunen oder gestreiften Kopftüchern mit Scheitelringen, Chaldäer und Syrier — im Fes, aber sonst europäisch gekleidet —, Priester und Bettler, Frauen mit und ohne Schleier, Hausierer und lärmende Kinder, Eseltreiber mit ihren störrischen Langohren und Kameltreiber durchziehender Karawanen, die nie ein Ende nahmen. Das Reizvollste aber war der Blick über dies Gewimmel hinweg durch den mächtigen Rundbogen des gegenüberliegenden Tores Bab-el-dschiser auf den nahen Strom, die Brücke, die seine Ufer verbindet, und auf die Ruinenhügel von Ninive.
In 35 Bogen zwischen mächtigen Steinpfeilern setzt die Brücke über den Strom. Aber nur auf dem linken Ufer ist sie landfest; bei niedrigem Wasserstand steht sie dort zum größten Teil auf dem Trockenen. Die Strömung geht am rechten Ufer entlang, wo auch das Bett am tiefsten ist, und bei Hochwasser, nach der Schneeschmelze oder nach Frühjahrsregen, würde auch die stärkste Steinbrücke der rasenden Gewalt des Wassers nicht widerstehen. Deshalb hat man hier eine Pontonbrücke angesetzt, deren Verbindungsteil mit der Steinbrücke, je nach dem Wasserstand, seine Lage selbsttätig ändert. Auch unterhalb der festen Brücke läuft ein Fußsteig, der aber nur bei niedrigem Wasserstand begangen werden kann; jetzt war er überschwemmt. Die Brücke wurde vor achtzig Jahren von einem Italiener gebaut, dessen Sohn noch jetzt in Mosul leben soll.
Das orientalische Gepräge Mosuls wird starke Einbuße erleiden, wenn nach dem Kriege die Bagdadbahn fertig ist, und Eisenbahnen, Lokomotiven und Güterzüge die Kamele verdrängen. Schon jetzt hatte die Regulierungsmanie eines Wali auch hier gewütet. Vom künftigen Bahnhofbrach man eine Straße quer durch die Stadt zum Tigris. Dadurch fiel eine Menge schöner alter Häuser und Höfe der Spitzhacke zum Opfer. Der Krieg verhinderte bisher den Neubau; infolgedessen sah die Straße aus, als habe ein Erdbeben sie zerstört, oder als hätten die Russen hier wie in Ostpreußen gehaust. Halb abgerissene Häuser standen da, und bloßgelegte Höfe mit hohen Gewölben, Säulen und Marmorarabesken boten einen traurigen Anblick. Ich fragte den Gendarm, den mir der Kommandant als Begleiter mitgegeben hatte, ob der für diese Zerstörung verantwortliche Wali nicht gehängt worden sei. „Im Gegenteil,“ antwortete er lachend, „jedenfalls ist er Ehrenbürger von Mosul geworden!“
Tunnel im Basar.
Tunnel im Basar.
Meine Streifzüge durch Mosul beschloß ich gewöhnlich mit dem Besuch eines Gasthauses, dessen Besitzer, der Italiener Henriques, mit einer tüchtigen deutschen Frau verheiratet ist; aus Bagdad hatte man ihn ausgewiesen, in Mosul aber ließ man ihn unbehelligt. Er wohnte fast außerhalb der Stadt an einem großen Platz zwischen den Infanteriekasernen, dem Konak und dem Serail, wo die Zivilbehörden ihren Sitz haben, und verschenkte den herrlichsten Nektar, den man sich in der Sonnenglut wünschen konnte, eiskalte Limonade.
Der chaldäische Patriarch, rechts der Herzog, links Koeppen und Staudinger.⇒GRÖSSERES BILD
Der chaldäische Patriarch, rechts der Herzog, links Koeppen und Staudinger.⇒GRÖSSERES BILD
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Monseigneur Chajat.
Monseigneur Chajat.
Von den Kirchen Mosuls soll die ältere chaldäische aus dem 7. Jahrhundert stammen. Unmittelbar neben ihr liegt die jetzige chaldäische Kathedrale, die im 14. Jahrhundert erbaut und 1810 und 1896 erneuert wurde. Es war gerade Vespergottesdienst, als wir sie in Begleitung mehrerer Priester besuchten, und der Gesang der Chorknaben erfüllte die niedrigen Wölbungen des Kirchenschiffs, das vom Altar durch einen Vorhang getrennt war. Die Wölbungen ruhen auf acht Säulen; Kapitäle und das sie verbindende Gebälk sind mit Bibelsprüchen bedeckt, der Boden mit Teppichen belegt. An die Kathedrale schließt sich das Seminar mit einem geräumigen Hof. Ein Gang und eine Treppe führen in eine Krypta, eine andere Treppe auf einen kleinen Hof, an dem ein Zimmer gezeigt wird, das Feldmarschall von Moltke 1837 bewohnt haben soll. Ein dritter Hof umschließt eine Begräbnisstätte der Chaldäer. Sonntag, den 18. Juni, waren der Herzogund wir andern frühmorgens ½6 Uhr zu einer feierlichen Messe in der Kathedrale eingeladen. Der Vorhang vor dem Chor war nun aufgezogen, der Altar strahlte im Kerzenlicht, und Knaben- und Männerchöre sangen oder vielmehr schrien Psalmen und Lieder. Der Patriarch, ein ehrwürdiger Greis mit langem, weißem Haar und freundlichen Augen hinter runden Brillengläsern, zelebrierte selbst und murmelte mit dumpfer Stimme uns unverständliche Worte aus goldbeschlagenen Büchern. Die Morgensonne flutete durch die Fenster herein auf die dichte Menge der Andächtigen, und die Festkleider der chaldäischen Frauen leuchteten in allen Farben.
Erntetanz.
Erntetanz.
Am zweiten Sonntag lud mich der Chorbischof der syrischen Kirche, Monseigneur Chajat,Fondateur de l’Institut Pius X. à Mosoul, zu einer höchst originellen Tanzvorstellung kurdischer Landleute, die zur Erntearbeit nach Mosul zu kommen pflegen. Die Männer trugen Turbane, Westen, Leibgürtel und lange Hosen, die Frauen leichte Kopftücher, Mieder oder Jäckchen und bunte Röcke. Vier Musikanten spielten auf; ihre Instrumente waren ein Kanun, ein zitherartiges Saitenspiel, das man aus den Knien hält, ein Oud oder eine Gitarre, ein Dumbug oder eine Trommel und ein Tamburin mit rasselnden Tellerchen an der Seite, genannt Daff (vgl. das BildS. 348).
Der erste Teil des Erntetanzes: Die Sicheln werden geschliffen.⇒GRÖSSERES BILD
Der erste Teil des Erntetanzes: Die Sicheln werden geschliffen.⇒GRÖSSERES BILD
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In raschem Tempo.⇒GRÖSSERES BILD
In raschem Tempo.⇒GRÖSSERES BILD
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Erst traten die Männer vor, faßten sich an den Händen und begannen jenen rhythmisch wiegenden Tanz, den ich schon bei den Arabern gesehen hatte. Bald warfen sie sich nach rechts, bald nach links vornüber, jedesmal den Fuß gegen die Steinplatten stemmend, und zwar mit solchem Nachdruck, daß man fürchtete, sie müßten sich die Fußsohlen zerreißen. Der Schweiß floß ihnen vom Gesicht herab, die Augen glänzten vor Eifer; die Tänzer schienen völlig im Bann der immer leidenschaftlicher anschwellenden Musik, die Finger rissen immer ungestümer die Saiten, die Knöchel schlugen mit rasender Schnelligkeit das gespannte Trommelfell, und wie ein saugender Strudel des Tigris wirbelte es um die Maulbeerbäume des Hofes herum.
Am zweiten Tanz nahmen auch die Frauen teil, und den Schluß bildete der Erntetanz der Männer. Erst saßen sie auf dem Boden und schliffen ihre Sicheln zum Takt der Musik. Dann standen sie auf und machten in wiegendem Gang die Bewegungen des Schnitters beim Mähen der Saat. Dann steigerte sich der Tanz zu einem wilden Krescendo.
Hinterher gaben uns die Musikanten in einer Loggia noch ein besonderes Konzert. Sie spielten einen algerischen Marsch, der an der Nordküste Afrikas volkstümlich sein soll, und melancholische, eintönige Weisen zu den Liedern eines arabischen Sängers, denen man stundenlang zuhören konnte.
Das Haus des Chorbischofs war einer der schönsten Paläste in Mosul, und Monseigneur Chajat hatte die Liebenswürdigkeit, mir eines seiner Zimmer als Atelier einzuräumen und mir zahlreiche männliche und weibliche Modelle zu beschaffen. Die Bilder, die ich von ihnen entwarf, erheben keinen Anspruch auf künstlerischen Wert, geben aber wohl einen Begriff von der Mannigfaltigkeit charakteristischer Typen, die Mosuls Straßen und Basare beleben und dem Auge des Malers einen unerschöpflichen Reiz bieten.