Phot.: Koldewey.Stier-Relief.Siebzehntes Kapitel.Eine deutsche Studierstube am Euphrat.
Phot.: Koldewey.Stier-Relief.
Phot.: Koldewey.Stier-Relief.
Phot.: Koldewey.
Die Gelehrten sind sich darüber einig, daß die 5000 Jahre, die wir geschichtlich überblicken können, in dem Klima Mesopotamiens keine Veränderung mit sich gebracht haben. Auch ich habe in meinem Buche „Zu Land nach Indien“ der Frage nach den postglazialen Klimaveränderungen Vorderasiens einige Kapitel gewidmet und auf Grund des Feldzugs Alexanders des Großen an der Küste von Beludschistan nachzuweisen versucht, daß die historische Zeit zu kurz ist, um merkbare Veränderungen zu bewirken. Dreiviertel der Armee des Mazedonierkönigs kam auf jenem Zug durch Hitze und Wassermangel um. Städte wie Babylon und Birs Nimrud waren damals Oasen in derselben öden Wüste, die heute ihre Ruinen umgibt, und wenn Xenophon von fünf Tagemärschen des Cyrus „durch Arabien, den Euphrat zur Rechten“ berichtet: „Hier war der Boden eine Heide, eben wie das Meer und voller Wermut. Büsche oder Schilfpflanzen waren alle wohlriechendwie Spezereien, doch war kein Baum zu sehen“ — so könnten diese Zeilen ebenso gut heute geschrieben sein.
Auch die alte Architektur bestätigt, daß man im Altertum mit denselben Wärmegraden rechnete wie heute. Sie ging nur darauf aus, kühle Räume zu schaffen. Die Sonne konnte durch keine Fenster dringen, überall starrten ihr meterdicke Mauern entgegen; die Türen öffneten sich auf schattige Höfe, und Kanäle mit fließendem Wasser und Palmenhaine boten Erquickung.
Auch das anbaufähige Gebiet am Euphrat und Tigris war damals nicht größer als heute. Nur verstand man mehr von der Wüste zu erobern und in fruchtbares Land zu verwandeln. Das zeigen die Überreste der Kanäle. Aber weite Streckenkonnten, wie Eduard Meyer hervorhebt, damals so wenig bewässert werden wie heute und mußten Steppe bleiben, in denen nur Beduinen hausten. Westlich und südlich vom Euphrat begann auch zu jener Zeit sogleich die syrisch-arabische Wüste. Das Kulturland war daher stark begrenzt und an Umfang geringer als das Ägyptens. Deshalb lagen auch die alten Städte nahe beieinander in einem Gebiet, das nur fünfzig Meilen lang und zehn breit ist. Unterhalb, zwischen Kut-el-Amara und Korna, hat man gar keine Ruinen gefunden, denn der Tigris floß damals durch den Arm, den wir jetzt mit dem Namen Schatt-el-Hai bezeichnen. Das ganze Delta hat im Laufe der Jahrtausende große hydrographische Veränderungen erfahren, und die menschliche Kultur besaß kein Mittel, gegen diese Naturkräfte anzukämpfen; sie konnte ihnen höchstens folgen.
Mesopotamien, die „Insel“ zwischen Euphrat und Tigris, war demnach als Kern eines Weltreichs, dessen Herrscher mit verhältnismäßig großen Heeren gegen ein so entferntes Land wie Juda Krieg führten, sehr klein, und es zeugt von starkem Unternehmungsgeist mit hochentwickeltem Organisationsvermögen, daß man die Schwierigkeiten des Geländes, der Verpflegung, der Beschaffung von Trinkwasser und der Aufrechterhaltung der rückwärtigen Verbindungen damals schon so gut zu überwinden verstand, wie in dem heutigen Kriege.
Phot.: Schölvinck.Der Verfasser zeichnet das Ischtartor.
Phot.: Schölvinck.Der Verfasser zeichnet das Ischtartor.
Phot.: Schölvinck.
Während meines Aufenthaltes in Babylon stieg das Thermometer gegen Mittag auf 40, am Nachmittag auf über 42 Grad im Schatten. Wenn die Sonne im Zenit stand, war es kaum möglich, sich draußenaufzuhalten und in den Ruinen umherzuklettern, so schlaff fühlte man sich; man war dankbar selbst für jeden glühendheißen Luftzug, der die durchnäßten Kleider durchdrang, und wenn ich mich um diese Stunde zum Zeichnen niedersetzte, wurde mir bald schwarz vor den Augen; ich mußte schleunigst mein Zimmer aufsuchen, um die Kleider vom Leibe zu zerren und ein Bad zu nehmen in Wasser, das, wenn es über Nacht in Lehmkrügen gestanden hatte, in einer Kühle von bestenfalls 25 Grad gehalten werden konnte. Wenn wir uns dann im gemeinschaftlichen Speisesaal versammelten, dessen Fenster und Türen Mückennetze schlossen, war man nicht viel mobiler als die Laubfrösche, die dort stumpfsinnig in den Aquarien hockten. Zum Essen fehlte jeder Reiz, um so stärker war das Bedürfnis zu trinken, Wasser aus porösen Lehmkrügen mit einem Schluck Rotwein oder Himbeersaft. Professor Koldewey hielt es zwar für besser, während der heißen Tagesstunden so wenig wie möglich zu trinken; ich dagegen huldigte dem Grundsatz: Trinke, wenn du durstig bist! Denn sonst trocknet die Haut ein, und man fällt um vor Mattigkeit, wie ich das im Jahre 1895 in der Wüste Taklamakan am eigenen Leibe erfahren habe. Natürlich sind die Ausdünstungsorgane dabei in ununterbrochener Tätigkeit, und solch ein Monate lang anhaltendes Schwitzbad muß, wieDr.Buddensieg beobachtet hat, sehr ermattend wirken und die Arbeitskraft vermindern. Nach dem Mittagessen blieb einem nichts anderes übrig, als sich, aller Kleidung bar,hinzulegen und sich einer schlaffen Betäubung zu überlassen, die man nicht Schlaf nennen konnte und die durch keine noch so spannende Lektüre zu überwinden war.
Man lebte erst richtig auf, wenn wir uns am Abend in bequemen Stühlen auf der Dachterrasse lagerten, bei strahlendem Mondschein in kühlender Abendluft des Tages Last und Hitze überwanden und froh waren, wenn die Wärme auf etwas über dreißig Grad gesunken war. Dann beschloß Professor Koldewey seine am Tage begonnene Vorlesung über diese ruhmreiche Stätte, die er so liebt, und über die langen Jahre unerschöpflicher Arbeit, die ihn zum Ehrenbürger Babylons gemacht haben. Wenn ich dann mein Bett aufsuchte, lag ich meist noch lange wach. Leise ging eine nächtliche Brise durch die Kronen der Palmen, und die Schatten des vom Monde weiß beleuchteten Mückennetzes flatterten wie im Elfentanz. Es war wie ein Märchen, und ich glaubte in einem Sarkophag von durchsichtigem Alabaster zu liegen und den Flügelschlag der Jahrhunderte über der alten Königsstadt rauschen zu hören. Die Fülle historischer Erinnerungen, die Koldeweys Vortrag hervorgezaubert hatte, mischte sich unter die Bilder des Traumes; Löwe, Stier und Drache wurden lebendig und wandelten einher mit den fünfzehn gelben Katzen, die im Hause der deutschen Archäologen allenthalben herumsprangen. Sie waren die Lieblinge Koldeweys, der sie nicht entbehren konnte, und zeichneten sich alle dadurch aus, daß die Spitze ihres Schwanzes zu einer kleinen Öse geflochten war, was ebenso vornehm wirkte, wie der Knoten am Schwanz des Drachen von Babel.
Schon in Aleppo hatte mir ein Besucher der Ruinen Babylons versichert, die größte dortige Sehenswürdigkeit sei Professor Koldewey selbst, und diesem Urteil mußte ich zustimmen. Denn der schon bejahrte Gelehrte mit seinem noch immer jugendlichen Wesen, mit seinem tiefen wissenschaftlichen Ernst und seinem behaglichen Humor, die er als unser Dolmetscher am Hofe Assarhaddons, Sardanapals, Nabopolassars und vor allem Nebukadnezars in anregendstem Wechsel anzuwenden wußte, hatte in der ganzen Art, wie er die Dinge sah und wie er selbst lebte, etwas so Charakteristisches, daß ich von seiner Persönlichkeit einen der stärksten Eindrücke mitnahm, den nur ein Mensch auf den andern ausüben kann.
Ebenso unvergeßlich wird mir das Arbeitszimmer des Gelehrten sein, das zu betreten eine Auszeichnung bedeutete, die nur wenigen Fremden zuteil wurde. Es hatte etwas von einer Eremitenklause, in der sich Staub und Tabaksrauch aus den vier Fuß langen Pfeifen seines Besitzers einträchtig vermischten. Die Fenster waren sorgfältig geschlossen, das eine mit einem Stück Stoff, das andere mit weißem und schwarzem Papier verhängt; wenn man aus diesem mystischen Dunkel wieder ins Helle trat, war man wie geblendet. Alle Ecken und Winkel hingen voller Spinnengewebe, denn die fleißigen Spinnerinnen in ihrer löblichen Arbeit zu stören, hätte der Hausherr nicht übers Herz gebracht. Jedenfalls paßte das Altertümliche dieses Raumes ganz stilgerecht zu dem Ruinenfeld ringsum.
Die Tische bedeckte eine phantastische Sammlung unzähliger Gegenstände. Da waren Federn, Messer und Dolche, Papiere in allen Formaten und Tinte in verschiedenen Farben, Thermometer und alte Briefe, ein Spirituskocher und eine Maultrommel, auf der der große Forscher eine lustige Melodie spielte, Altertümer aller Art, besonders mit Keilschrift bedeckte Zylinder, die noch der Entzifferung harrten. Dann Bücher, Karten und Pläne des Trümmerfeldes, Photographien von Palästen und Tempeln, Kaffeetassen, Gläser und Teller, Toilettesachen und modern arabisches Allerlei. Ein kleines Gestell trug einen Propeller, der, mit Petroleum geheizt, Zugwind hervorbrachte, und daneben lagen zwei Geigen; denn Professor Koldewey studierte Musik, um das musikalische Vermögen der Babylonier beurteilen zu können. Ja, er studierte so ziemlich jede menschliche Wissenschaft, die irgendwie zu der alten babylonischen Kultur in Beziehung stand. In seiner Bibliothek entdeckte man Handbücher der Chirurgie und Anatomie, die er dazu brauchte, um die Darstellung menschlicher Körper in den Plastiken der Babylonier mit der Wirklichkeit vergleichen, ihr Kunstverständnis und ihre Beobachtungsgabe prüfen zu können. Und dickleibige Werke der Zoologie und Paläontologie dienten ihm zur Bestimmung der Tierformen, die sich in Babylon abgebildet finden. Er zeigte mir in seinem eigenen Buche über das wiedererstehende Babylon das Bild eines Drachenfußes verglichen mit dem eines Raubvogels: die Ähnlichkeit zwischen beiden ist in der Tat schlagend und verrät eine bewundernswerte Naturtreue. Dabeihielt mir der gelehrte Eremit einen kleinen Vortrag über diesen Sirrusch, das Fabeltier, dessen Relief wir am Tor des Ischtartempels gesehen hatten; das Wesentliche davon habe ich schon im vorigen Kapitel wiedergegeben.
Phot.: Schölvinck.Auf der Galerie des deutschen Expeditionshauses.Von rechts nach links:Dr.Buddensieg, der Herzog, Professor Koldewey, der Verfasser.⇒GRÖSSERES BILD
Phot.: Schölvinck.Auf der Galerie des deutschen Expeditionshauses.Von rechts nach links:Dr.Buddensieg, der Herzog, Professor Koldewey, der Verfasser.⇒GRÖSSERES BILD
Phot.: Schölvinck.
⇒GRÖSSERES BILD
Neben zahlreichen unentbehrlichen Werken über Architektur, Ornamentik und Kunstgeschichte standen sogar astronomische Handbücher, denn die Babylonier waren in der Sternkunde sehr erfahren. Und der Fachwerke über Koldeweys eigene Wissenschaft, die er selbst in so hohem Grade gefördert hat, war kein Ende. Den größten Teil seines einsamen Eremitenlebens verbrachte aber Koldewey nicht in dieser seiner Klause, sondern draußen unter den Ruinen, in der unmittelbaren Gesellschaft der alten Babylonier. Die Wogen des Weltkrieges hatten seine Einsamkeit bis dahin nur ein einziges Mal erreicht. Jetzt hörte er kaum noch das Echo der fernen Schlachten. Im März 1917 aber mußte er Babylon zum zweiten Male verlassen, noch rechtzeitig, ehe Bagdad von den Engländern erobert wurde.
Damit ist die Inventaraufnahme dieser deutschen Studierstube am Ufer des Euphrat noch nicht abgeschlossen. Ein Regal in einer dunklen Ecke war angefüllt mit photographischen Apparaten, Blechbüchsen, Pappkasten mit photographischen Platten und Filmkapseln. Hier stand ein Stoß Mappen mit Zeichnungen von Gebäuden und Mauern, dort lehnten sich Reißbretter und Winkel malerisch an Pantoffel und Schnürstiefel, die auf dem Wege zur Vernichtung verschieden weit vorgeschritten waren. Teppiche waren früher einmal in Gebrauch, jetzt standen sie zusammengerollt in einer Ecke. Mehrere gewaltige, eisenbeschlagene Kisten enthielten die größte Kostbarkeit des Hauses: Manuskripte und Tagebücher, Photographien und Pläne. Falls unvorhergesehene Ereignisse zu schneller Flucht zwingen sollten, stand alles bereit, was in erster Linie mitgenommen werden mußte.
Gewiß hatte keine ordnende Hand das Zimmer Koldeweys berührt, seit die arabischen Plünderer darin aufgeräumt hatten. Inmitten des Wirrwarrs stand das Bett, ebenso verstaubt wie alles andre. Hier hatte der Gelehrte drei Monate lang an Fieber darniedergelegen; jetzt war er Rekonvaleszent. Einen Arzt brauchte er nicht! Er hatte ja seine medizinischen Handbücher, und kein Arzt in der ganzen Welt kannteBabylons Klima so gründlich wie er, und keiner sicherlich war mit den Gebrechen seines Körpers vertrauter als er selbst. Ihm war diese Atmosphäre, die ihn umgab, ein Lebensbedürfnis, und in dieser Einsamkeit fühlte er sich unendlich wohl. Er hätte ja ebenso gut nach Hause reisen und andern die Bewachung der Ruinen überlassen können. Aber nein, erwolltenirgends anders als eben in Babylon wohnen!
So lebte und arbeitete der berühmte Forscher, und seine systematischen Ausgrabungen hatten nun eins der alten Gebäude nach dem andern ans Tageslicht gebracht. Wenn aber endlich die Grabungen abgeschlossen sind, und die Gelehrten ihrer Wege ziehen, dann bricht das letzte Stadium der Zerstörung an. Dann beginnt aufs neue der Ziegelraub, dann suchen die beutegierigen Araber wieder nach verborgenen Schätzen, dann nagt wieder die Verwitterung an den Ruinen, und Wind und Wetter treiben hier wieder ihr Spiel. Dann schlagen die Wogen des Wüstenmeers zum letzten Male über Babylon zusammen, und neue Jahrtausende ziehen über die öden Hügel.