„Jeder Druck der Hände deutlich mir’s beschrieb,Und der sagt, s’ist wahr, s’ist wahr, ich hab Dich lieb!“
„Jeder Druck der Hände deutlich mir’s beschrieb,Und der sagt, s’ist wahr, s’ist wahr, ich hab Dich lieb!“
„Jeder Druck der Hände deutlich mir’s beschrieb,Und der sagt, s’ist wahr, s’ist wahr, ich hab Dich lieb!“
„Jeder Druck der Hände deutlich mir’s beschrieb,
Und der sagt, s’ist wahr, s’ist wahr, ich hab Dich lieb!“
Verwirrt schaute ich anHolmersSchulter vorbei hinüber nach der Straße. Und meine Gedanken flogen mit den Tönen fort, weit fort....
„Zönter dèr Zeit aß eist Haus wé op d’Kopp gekéert,“ unterbrachHolmermeine Träumerei.
Ich fuhr mit der Hand übers Gesicht, als wollte ich traurige Gedanken wegwischen, und blickte ihn zerstreut an.
„Soll dann neischt mé ze mâchen sinn?“
Holmerschüttelte den Kopf. In seinen Augen las ich Trauer und Teilnahme an meinem Kummer.
„Schwéerlech!“
Langsam gingen wir zwischen den kahlen Bäumen weiter.
Holmerfuchtelte nachlässig mit dem Stockedurch den Schnee. „D’wor alles esoû fein. Dir hât dem Berta gleich esoû gutt gefall. An der Mamm och....Awer....“
Er vollendete den Satz nicht. Und er fuchtelte zerstreut mit dem Stock weiter, als wollte er den halbausgesprochenen Gedanken abhauen.
„Jo, awer?“ fragte ich erregt.
„....awer d’aß neischt ze mâchen. Mei Schwéerpapp aß ganz dergént. Dém aß neischt auszechwätzen.“
Fröstelnd lief es mir über den Rücken. Ich fühlte mich bedrückt, beklommen. Und eine plötzliche Erregung, die vom Herzen, von der Brust ausging, trieb mir den Schweiß auf die Stirne.
„Neischt?“ Eine unendliche Trauer lag in meiner Frage.
Holmerschüttelte wieder den Kopf. „Nê, Frönd, neischt!“ Und er erzählte mir, wie sich der Schwiegervater in der letzten Zeit geändert hatte. Sonst hätte er nie ein Glas zu viel getrunken. Aber seit dem letzten Markttage wäre er schon öfters betrunken und schlechter Laune nach Hause gekommen. Dann hätte er in einem fort wegen dieser Freierei geschimpft. Und über alle wäre er hergefallen, undBertahätte es kaum im Hauseaushalten können. Meistens wäre sie fortgeschlichen und hätte sich dann heimlich ausgeweint.
„Dât âremt Kand!“ Mir war das Herz wie zugeschnürt.
Eine Weile gingen wir schweigsam neben einander.
„Soll vleicht ê mech ugeschwärtzt hun?“
Holmerrunzelte die Stirne: „D’aß méglech!“
Eine lange Pause folgte. Ich strich mit der Hand über die feuchte Stirne.
„Soll den Halleschmöller mech vleicht ugeschwärzt hun?“
Holmerverneinte dies.
Dann erzählte ich von meiner Begegnung mit dem Halleschmüller und seiner Tochter.
Holmerlauschte ruhig. „Nên,“ fügte er hinzu, „dât sen gutt Leit. An Hallesch Ketty aß och e séer gutt Médchen....“
Wieder stockte das Gespräch.
„Nên, d’Halleschleit sin éerlech a brav. Dé hun net gestöppelt. Awer t’könt an de lèschte Wochen e jonge Borscht aus der Stâd. Dén hoût mei Schwéerpapp gestöppelt. Hé wèrd schons um Hypothékenamt an nach soss nogefrot hun, wé et bei eis mam Mommes stêt. Dé wöllt ech d’Berta wegschwätzen, an....“
„Dén niderträchtegen Kérel!“
„....an dén wöllt sech nach iwert èrt Bauerewésen an èr Wandmillen löschteg mâchen.“
„Dén niderträchtegen Hond! Mä dé kritt et awer sénger Léwen net!“ Ich fuhr mit dem Arm durch die Luft, als wollte ich zwischen dem und mir eine große Scheidewand aufrichten.
„Nên, hién kritt et net. Duôfir suôrgt séng Mamm. An d’Berta wöllt dé Wandjang och nie!“
Ich atmete etwas erleichtert auf.
Hollmerwollte sich verabschieden.
„Hoûlt dem Berta a sénger Mamm e schéne Bonjour mat. A sot hinnen, ech bléf him trei. An ech géf nach e ganzt Johr wârden, wann et mißt sin.“
Der Eidam drückte mir die Hand. „Frönd, wann d’Berta nach e Johr esoû eng Hell wé elo bei séngem Papp aushâlen muß, dann drôen mer et op de Kîrféch.“
Drüben in der Straße spielte der Orgelmann eine kummervolle Weise.
Ich war müde. Und ich spürte ein Stechen in den Hüften, wie nach einem langen, arbeitsschweren Tage.
Ein starker Wind wehte herüber, riß die Töne mit sich fort und trug sie in die leeren Baumkronen. Und die Bäume wiegten sich traurig hin und her und klagten leise.
Ein Schneeschauer ging über den Park. Wie kleine, weiße Schmetterlinge tanzten die Flocken um die stillen Bäume und sanken tot zur Erde.
Langsam ging ich hinunter zum „Wintersdorf“. Allerlei Gedanken stürmten auf mich ein, gingen wirr durcheinander wie die Schneeflocken, blieben unklar und erstarben.
Ich fand den Oheim allein an einem Tische über eine Zeitung gebückt.
Er legte das Blatt bei Seite und rückte mir einen Stuhl zurecht.
„Komm, setz dech!...Hoûs du der d’Sâch iwerluôgt?“
Und gleich redete er von der ausgezeichneten Partie, von den tüchtigen Halleschleuten und dem guten Mädchen. Dabei blieb er ganz ruhig und sprach nur halblaut, wie zu sich selbst, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen.
Ich zuckte die Achseln. „Ech kann dem Berta dât net undin!“
Er schüttelte den Kopf und blickte mich aus den dunkeln Augen scharf an.
„Jämp, sef dach kê Kand!“
Eine Weile saßen wir still da.
Ich spürte in mir den Groll sich häufen. Der wuchs, drückte auf mich, schnürte mir die Brust zu. Das alles mußte heraus, mußte gesagt sein, mußte sich Luft machen.
„Dir hât mir net alles gesot. An d’Berta aß ganz froû mat mir. An dé verfluchte Wandjang soll et net onglécklech mâchen!....“
Ich sprach erregt, in hastigen Worten. Und ich hämmerte dabei mit dem Bierfilz auf den Tisch.
Der Oheim sammelte die Reste, schob sie in die Ecke, legte mir sanft die Hand auf den Arm und fragte mit dünner, ruhiger Stimme: „Hâs du den Édem haut begént?“
Ich erzählte weiter.
Er ließ mich ruhig ausreden. Gleichgültig zog er an der Pfeife. Wenn er antwortete, sprach er langsam, mit schleppender, kaum verständlicher Stimme. Er zeigte gar kein Verständnis für meine Aufregung.
Das ärgerte mich. Das Blut stieg mir immer mehr zu Kopfe. Die Schläfen hämmerten.
Ich wurde verbissener, trotziger: „Ech hun dem Édem versprach, dem Berta trei ze bleiwen. An duôrfir wöll ech neischt vun derâner Geschicht wössen! Verstit der, Mononk....Duôrfir!....“
Er drehte ein paar Mal verlegen an seinem Glase: „Prost, komm loße mer Mötteg mâchen!“ Wir tranken aus und gingen hinüber in den Speisesaal.
Im Eßzimmer war es ungemütlich. Zu viele Leute saßen da. Wir konnten unser Gespräch nicht recht fortsetzen.
Am liebsten wäre ich wieder allein durch den Park gegangen und hätte über all das nachgedacht, was der Eidam mir gesagt hatte.
Ich war froh, als wir die drei Gänge hinter uns hatten. Ich wollte zahlen und mich sofort verabschieden.
Das ließ der Oheim nicht zu.
„Jé, jé!“ Dabei klopfte er mir väterlich auf die Schulter, „elo gin mer do iwer de Caffé drénken!“ Und vertraulich setzte er hinzu: „Mir hun nach eppes ze bespréchen.“ Er lächelte und blinzelte mit dem einen Auge: „Eppes ganz Wichtiges.“
Ich ließ mich bereden. Wir setzten uns in die untere Ecke des Saales.
„Du râchs jo och en Zigar?“ Er winkte dem Serviermädchen.
Ich suchte eine Zigarre aus, schnitt sie ab und legte sie neben mich auf den Tisch.
„Hei, fänk un!“ Er zündete ein Streichholz an und reichte mir es herüber.
Ich ließ die Zigarre anbrennen und prüfte das Aroma.
„Gelt, daß e guden Zigar?“
Ich nickte. „Jô, Mononk, net ze stârk a gutt dréchen.“
„Mäja. Desen Dâg verdrét eppes Besseres!“ Er machte eine kleine Pause, rührte mit dem Löffel im Kaffee und nippte ein wenig an der Tasse: „D’aß méglech, dat den Halleschmöller mat der Joffer nach bis erân kommen. Setz déng Sondeskuk op. A sef e bößchen fröndlech!“
Ich war ganz erstaunt. Die Zigarre zitterte ein wenig in meiner Hand. Eine Blutwelle schoß mir ins Gesicht. „Dât aß en ofgemâcht Spîll!“ sagte ich hastig, gereizt.
Der Oheim schüttelte verneinend den Kopf, lächelte sein gewohntes Lächeln und ging langsam hinaus.
Also darum war er so freundlich! Darum suchte er mich zurückzuhalten.
Ich legte die Zigarre auf den Aschenbecher und rückte unwillig an meinem Stuhl. Sollte ich bleiben? Nein, das wäre rücksichtslos gegenBerta. Einen Augenblick trommelte ich aufgeregt auf dem Tische, rief das Serviermädchen und verlangte meine Rechnung.
Da kamen sie.
Der Halleschmüller schritt gleich auf mich zu: „Bonjour, Här Welsch! Hud der èr Geschäfte gemâcht?“ Ganz freundlich klang seine Frage, und er drückte mir die Hand.
Ich stammelte etwas von Einkäufen, die ich noch zu besorgen hätte....
„Jé, jé, setz dech nach e Moment,“ fiel der Oheim gleich dazwischen, „mer gin jo geschwön mat.“
Das blonde Mädchen schaute mich etwas unglücklich an. Auch ihre hellen, blonden Augen baten darum.
Es ward mir ungemütlich. Ein Unbehagen ergriff mich, eine nervöse Erregtheit.Laufende Ameisen, kleine, beißende Ameisen, so glitt es mir über den Körper....
Nein, das war nicht recht vom Oheim, daß er mich so hintergangen, so überrumpelt hatte.
Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. Er ließ sich nicht beirren. Und unbekümmert um meine schlechte Laune schob er mir einen Stuhl hin und überließ mir die Unterhaltung mit derJoffer Ketty.
„Dann aß d’Frûcht e bößchen gestiegen?“ wandte er sich mit erheucheltem Interesse an den Halleschmüller.
„Jô, fofzéng Sou om Mâler,“ sagte derselbe in ruhigem, geschäftlichem Tone.
So sind sie, diese Leute. Schwindeln von Geschäftsinteressen. Und kommen mit ganz anderen Absichten....
Nein, so läßt er sich nicht fangen. So nicht.
Das Gespräch stockte.
„Hud dir vleicht nach Frûcht?“ fragte der Müller. „Ech géf éch e schéne Preîs.“
Jawohl, ich hatte noch Getreide, noch etwa 13 Malter zu verkaufen. Aber nicht für den Halleschmüller.
„Nên,“ log ich, „eis aß all verkâft.“
„Dât aß schuôd!“
„Dêd mer léd,“ fügte ich gleich hinzu, um nicht unhöflich zu sein, „ech hätt éch se soß gär verkâft.“
Wieder suchte mich der Blick des Mädchens; über ihr weiches Gesicht huschte ein sanftes Lächeln. Das war Dankbarkeit.
„Zillt der mé Wês bei éch?“ fragte sie leise. Eine starke Erregung bedrückte ihre Stimme.
„Jô, Joffer. An e bößchen Möschler.“
„Kê Kâr?“
„Ganz sélen, Joffer.“
Ein stärkeres Rot stieg ihr in die blühenden Wangen. Und ihre Hand tastete etwas erregt über den Rand des Tisches.
„Prost!“ rief der Oheim und warf mir einen schiefen Blick zu. Wir stießen an.
Ein paar Mal blinzelte er noch herüber, dann spann er das Gespräch mit dem Halleschmüller weiter.
Ich drehte verlegen an meinem Glase, ganz so, wie der Oheim es vorher getan hatte.
„Dir hud och schons Drechefiderong fir d’Schwein?“ fragte das Mädchen weiter.
Ich schaute auf.
„Gewöß, Joffer. Schon zönter zwê Jôr.“
„Gelt, d’aß eppes Guddes?“ Ihre Stimme klang sicherer, heller, lebenslustiger.
Erst jetzt musterte ich dieJoffer Kettygenauer. Sie war wirklich schön, groß, schlank und nett gekleidet. Um den Hals trug sie ein goldenes Kettchen mit einem kleinen Medaillon. Ganz wie die andern.
Das Gespräch ging weiter. Sie erzählte von ihren Erfahrungen. Und sie blieb immer die ruhige, ungekünstelte, gleiche Freundlichkeit.
Ich griff bisweilen mit einer Frage ein, weil ich freundlich bleiben wollte.
Der Oheim bestellte noch eineLanter Grächen. „Dé mecht wârem,“ bemerkte er schmunzelnd, als er mir eingoß.
DieJoffer Kettyhielt die Hand über ihr Glas und wollte abwehren.
„Jé, jé,“ bat der Oheim, schob ihre Hand bei Seite und füllte das Glas. „Wein brecht d’Eis, Joffer.“
Sie schmunzelte. Ihre blauen Augen durchsonnten sich.
Wir tranken.
Der Wein goß Feuer in unsere jungen Seelen. Wir wurden immer redseliger....
„Dir hud nach evell en dichtigen Diskur,“ griff ihr Vater in unser Gespräch ein. Erzog seine Uhr heraus und schaute. Auf seinem Gesichte lag Befriedigung.
„Mir musse go’n, Ketty! D’göt Zeit.“
Der Oheim winkte dem Serviermädchen. Ich wollte zahlen. Auch der Halleschmüller.
Der Oheim winkte ab. „Nên, haut aß mein Tour!“ Er fuhr mit der Hand über den Tisch: „Heit, Joffer, mâcht eise Kont. D’aß alles fir mech!“
Unter freiem Himmel haben wir Landleute ein freieres Auftreten.
Wir plauderten gemütlicher, ungezwungener.
Ein scharfer Ostwind hatte die Wolken weggefegt. Klar und blau war der Himmel. Wie ihre Augen.
Der Oheim ging mit dem Halleschmüller voraus.Kettyund ich kamen hinterher. So schritten wir langsam die Großstraße hinauf am Palais vorbei.
Ein Wachtposten Soldaten kam vorüber. Drei stramme Kerle in langen, schwarzen Mänteln. Auch sie lugten herüber nach derJoffer Kettyund schmunzelten.
Auf dem Wilhelmsplatz trennten wir uns.
„Eddé, Här Welsch!“ sagte sie mit sanfter Stimme. In ihren Augen lag wieder der aufleuchtende, milde Glanz.
Ich war freundlich zu ihr. Mehr aber auch nicht. Und mehr wollte ich auch nicht sein.
Bertakann mir keinen Vorwurf machen.
„Wât sést du nun?“ meinte der Oheim. „Gefällt et dir ewell besser?“
Ich zog die Schulter. „Wôufir soll et mir net gefâlen? D’aß en dichtegt Médchen. D’get eng dichteg Hausfra. Awer d’aß ké Berta!“
Er wurde ärgerlich.
„Dû mat déngem Berta!.... Dest aß d’Médchen fir èrt Haus.... An t’muß an d’Rei go’n.... So dohém, ech kém e Sonndeg. Da schwätze mer iwert d’Sâch....“
Er ging und ließ mich allein mit meinen Gedanken.
Zu Hause fand ich wenig Gehör. Ich hätte Unrecht. So meinte der Vater. So auch sagte die Mutter.
So urteilen alte Leute. Die verstehen nichts mehr von dem Feuer der ersten Liebe. Das soll man einfach abschütteln, wie man ein Kleid ablegt.
Wer das kann!
Ich kann das nicht. Und ich will das nicht.
Und ich lasse mich auch nicht verhandeln wie so viele....
Viele werden unglücklich in der Ehe. Ich bedaure die nicht. Sie haben sich selbst in ihr Unglück treiben lassen.
Es ist ein Fehler der heutigen Welt, daß die jungen Leute nicht mehr heiraten.
Die meisten werden verheiratet, verhandelt, verkauft.
Sie heiraten einen Hof mit Land und Pferden und Kühen. Die Person ist Nebensache.
Ich lasse mich nicht verheiraten, nie, nie!
Ich werde heiraten.
Das verstanden meine Eltern nicht.
Weil sie zu alt waren.
So stand ich allein im Kampfe um die Liebe, allein gegen alle.
Am folgenden Sonntag kam etwas ganz Unerwartetes. Ein unglückseliger Brief.
Erregt öffne ich ihn. Ich schaue, schlage um. Vier lange Seiten in kleiner, dünner Schrift.
Ich lese... Meine Augen leuchten... Ich lese weiter... Aerger überläuft mich... Ich fluche... stampfe mit dem Fuß auf den Boden... und atme schwer...
Ich lege den Brief zusammen, gehe in den Garten, lese noch einmal Wort für Wort, langsam, bis ich alles gut verstanden habe, bis ich klar in ihr Herz sehe....
Berta, auch mich drückt dein Kummer. Auch ich spüre den Groll, den dein Vater auf dich häuft....
Aber ich spüre auch deine Liebe.
Diese Liebe willst du opfern; mußt du opfern, schreibst du. Dem Hause mußt du sie opfern, dem Hausfrieden, deinem Vater....
Diesem Elenden....
Berta, verzeihe mir, wenn ich deinem Vater zürne. Verzeihe mir, wenn ich den hasse, der unser Glück vernichtet....
Verfluchen möchte ich auch den Stadtjunker, diesen gemeinen Menschen.
Der hat gestöbert, geschnüffelt, gehetzt, schreibst du.
Der hat mich angeschwärzt bei deinem Vater, hat sich über mich, über meine Wirtschaftsweise lustig gemacht, hat mich als einen überspannten Bauer hingestellt....
Der Elende....
Berta, ich teile deinen tiefen Haß. Ich verstehe deine bitteren Worte, und ich leide mit dir....
Also der hat deinen Vater umgarnt, im Wirtshaus geködert mit Wein und Kognak, mit hohlen Redensarten....
Der hat uns von einander gerissen, hat alles zertrümmert, was wir in reiner Liebe so schön aufgebaut hatten. Dieser....!
Und den will dein Vater dir aufbürden gegen deinen Willen, gegen den Willen deiner Mutter....
Unglückliches Kind!
Ich lese zwischen deinen Zeilen. Und ich sehe deinen Kummer und ich spüre dein Elend und ich empfinde deine Trostlosigkeit.
Eine Märtyrin bist du,Berta. Und du hast Willensstärke genug, um den abzuweisen, den dein Vater dir aufbürden will.
Es ist mir eine Genugtuung und eineinnere Freude, daß du diesen abweisest, daß du dein Leben nicht vertrauern willst an der Seite dieses in öder Schreiberfron und ohne alle Selbständigkeit dienernden Menschen, der kein Verständnis hat für deinen Wirkungskreis, der dich nur heiraten will wegen .... wegen deines Geldes....
Berta, ich leide mit dir.
Ich leide mit dir, weil ich dich aus tiefstem Herzen liebe und weil ich dich nicht aus dem Unglücke reißen kann.
Ich leide mit dir, weil ich deine edle Gesinnung sehe.
Berta, du bist zu gut! Du bist unendlich unglücklich, und doch willst du mir zum Lebensglück verhelfen. In diesem Briefe deines tiefsten Jammers schreibst du mir süße Worte vonHallesch Ketty, deiner Freundin.
Kettyist deine Jugendfreundin, deine Kameradin aus der Haushaltungsschule, deine Herzensfreundin, ein gutes, braves Mädchen.
Kettywürde eine tüchtige, fleißige Hausfrau, meinst du.
Kettywürde mich sicherlich glücklich machen.
Du willst leiden und sterben, aber du willst, daß ich glücklich werde!Berta, du bist edel und erhaben über viele, erhaben über alle.
Könnte ich mit dir den Weg durchs Leben gehen.... könnte ich.... könnte ich!....
Ich drücke den Brief fest in die Hand, lehne mich an die Mauer, schließe die Augen.
Und ich stehe da wie vor einem Sarge, der etwas verschließt, was mir teuer war — — — — — — — — — — — — —
Ich öffne noch einmal den Brief, lese noch einmal die letzten Worte: „.... und mit jedem Tag spüre ich mehr, daß der Schmerz um Liebe unheilbar ist. Und doch müssen wir uns zu vergessen suchen, als ob wir uns nie gesehen, nie gekannt hätten. Werden Sie glücklich!Berta Berels.“
Unleserlich steht der Name unter dem Briefe. Etwas verwischt. Die Tinte auseinandergelaufen. Dahin war wohl eine Träne gefallen....
Eine Träne der Liebe.
Eine Abschiedsträne. — — — — — — — — — — — — — — — — —
Gute, liebe, unglücklicheBerta.
Lange stehe ich da in unsäglicher Traurigkeit.
Mußte das so endigen?
Nun ist es aus. Nun gibt es zwischen dir und mir keine Brücke mehr. Die hat dein Vater eingerissen.
Vor uns liegt ein tiefer, schwarzer Abgrund. Darin ist alle deine Lebensfreude begraben.
Warum all dieser Jammer, all dieses Elend, warum?....
Weil dein Vater rückständig ist, vernagelt, borniert....
Elender Berelsvater! Wie wirst du dies verantworten können vor der Welt, vor deiner Familie, vor deinen Kindern, vor deinem Richter!....
Aergerlich und niedergeschlagen schreite ich durch den Hof.
Aus grauem Himmel fallen schwere, weißeFlocken hernieder. Langsam legen sie sich über die Erde wie ein Leichentuch.
Durchs Merschertal klingt die Mittagsglocke. Dünn und schwach zittert sie durch die kalte Luft, wie eine Glocke, die zum Sterben läutet.
Heute habe ich meine letzte Hoffnung begraben. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Vier Monate sind seitdem ins Land gegangen.
Nun habe ich mein Glück doch gefunden.
Ich habe geheiratet.Kettyvon der Halleschmühle ist meine Frau.
Sechs Wochen lebe ich schon in diesem Glück. Uns fehlt nichts. Wenn wir gesund bleiben, möchte ich mit keinem Menschen tauschen.
Kettyist fleißig, haushälterisch, freundlich und zuvorkommend. Sie versteht es, meinen Eltern jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Sie ist die Sonne des Hauses.
Neues Leben hat sie auf unsern Hof gebracht. Ich habe noch nie so leicht, so gernegearbeitet. Erst jetzt hat die Arbeit Lebenszweck. Ich weiß, für wen ich arbeite.
Merkwürdig. Wie das alles gekommen ist seit diesem Abschiedsbrief vonBerta.
Ich habe gekämpft, gestrebt, mich aufgelehnt. Ich trauerte mitBertaum das verlorene, entrissene Glück. Ich wollte nicht den neuen Weg zum neuen Glück gehen.
So ging eine Woche um die andere dahin. Meine Herzenswunde vernarbte, und die Trauer verwandelte sich nach und nach in Entsagung, stilles Gedenken.
Ich dachte noch oft anBerta. Aber meine Gedanken hafteten nicht untätig, gelähmt an ihr. Sie flogen weiter, suchtenBertasFreundin auf. Und die Sehnsucht ging neben uns und flüsterte mir von Glück und schöner Zukunft. UndBertazeigte aufKetty. Ich hörte sie sagen: „Greif zu, dort ist dein Glück.“
So gingen meine Gedanken. Zuerst verschwommen, dann stärker, sehnsuchtsvoller.
Das war keine Untreue. Das war der WilleBertas.
So schlich sich nach und nach das Bild der blondenKettyin mein Herz.
Bertawar nicht daraus verdrängt. Ich kannBertanie vergessen. Eine liebe Schwester ist sie mir geworden.
Halbfastensonntag fuhr ich mit dem Oheim hin.
Andere Besuche folgten.
In der Osterwoche feierten wir Hochzeit.
So fand ich mein Glück. Und mit diesem Glück kam neuer Aufschwung, neues Leben auf unsern Hof.
Unsere Welt ist wunderschön.
Pfingstsonntag.
Das Merschertal träumt im Sonnenschein der stillen Nachmittagsstunden. Ueberall Blütenschmuck, wogende Saaten.
Wir gehen über Land, meine Frau und ich. Das tun wir so gerne am Sonntag.
Ein leichter Wind spielt in den Obstbäumen, liebkost die Blüten und schüttelt sie tanzend auf den grünen Rasen.
Droben auf der Höhe dreht sich schläfrig die Windmühle. Einförmig singt sie den ganzen Tag ihr zirpendes Lied. Wie die Grillen.
Dorthin setzen wir uns, ins Gras, in die blühende Weide.
Lange sitzen wir da und lauschen auf die tausend kleinen Geräusche des stäubenden Sommers und fühlen uns so behaglich und glücklich, als gehörte die ganze Welt uns, uns allein. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Drunten im Tal zieht eine Schar singender Studenten vorüber:
„Vu mengem Durf gong ech hier,Dat frösch am Grënge leit,Dohannen iw’rem große MiérSo’ weit vu mir, so’ weit — — — — —— — — — — — — — — — — —
„Vu mengem Durf gong ech hier,Dat frösch am Grënge leit,Dohannen iw’rem große MiérSo’ weit vu mir, so’ weit — — — — —— — — — — — — — — — — —
„Vu mengem Durf gong ech hier,Dat frösch am Grënge leit,Dohannen iw’rem große MiérSo’ weit vu mir, so’ weit — — — — —— — — — — — — — — — — —
„Vu mengem Durf gong ech hier,
Dat frösch am Grënge leit,
Dohannen iw’rem große Miér
So’ weit vu mir, so’ weit — — — — —
— — — — — — — — — — — —
Mit der bitteren Wehmut eines Unglücklichen rufen diese Lebensfrohen die Sehnsuchtsklänge nach einer verlorenen Heimat in den goldigen Ferientag.
„Gett mir mein Dach vu StréA mengem Durf erem,Ech gin iéch alles drem!“ — — — — —— — — — — — — — — — — —
„Gett mir mein Dach vu StréA mengem Durf erem,Ech gin iéch alles drem!“ — — — — —— — — — — — — — — — — —
„Gett mir mein Dach vu StréA mengem Durf erem,Ech gin iéch alles drem!“ — — — — —— — — — — — — — — — — —
„Gett mir mein Dach vu Stré
A mengem Durf erem,
Ech gin iéch alles drem!“ — — — — —
— — — — — — — — — — — —
So würde auch ich vielleicht jetzt flehen, wenn ich damals mit über das große Meerausgewandert wäre. So jammern auch jetzt vielleicht meine Kameraden....
Schon so viele sind voller Hoffnung ins Dollarland gegangen und haben dort nur schwere Enttäuschungen erfahren.
„Eisen Haff leît awer schén,“ unterbricht meine Frau die Träumerei.
Ihre Augen leuchten.
Ich nicke zustimmend.
„Gefällt déng nei Hémècht der dann grad esoû gut wé dé âl?“ frage ich lächelnd.
„Jô, vill besser.“ Es klang Glück aus ihren Worten, reines Glück.
Wir haben beide das Glück gefunden.
Und doch fiel ein Schatten auf unser junges Glück.
DieMäsch Sisi.
Meine Gedanken gingen rückwärts, über drei Monate, zu der Zeit, wo meine Freierei mit derKettyim Dorfe bekannt wurde.Sisiwar untröstlich. Sie hatte immer noch damit gerechnet, daß wir uns heiraten könnten. So sind die Mädchen. Die glauben an das Unmögliche. AuchSisikonnte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, daß unsereWege sich trennten, seit jenem Unglückstage, an dem ihr Bruder starb. Die Weiterführung des Hofes steht doch über der Liebe. Ich konnte ja unsern Hof nicht aufgeben. Und auch sie durfte den ihrigen nicht verlassen. Das Opfer mußte sie bringen können.
Sie wußte es nicht zu bringen, weil sie in ihrer Liebe nur ihr Herz reden ließ. So ergeht es vielen.
Auch ich war zuerst in dieser Verfassung auf Brautschau gegangen.
Dadurch habe ich viel gelitten. Dadurch kommt viel Unglück in die Welt.
Wenn man auf Brautschau geht, soll man das Herz zu Hause lassen und nur den Verstand mitnehmen.
So hatte der Vater mir oft gepredigt. Damals wollte ich es nie glauben.
„Domt Geschwätz“, hatte ich jedesmal gedacht. Und jedesmal hatte ich mich sehr geärgert.
Jetzt urteile ich anders. Heute weiß ich, daß der Vater recht hatte. Der Verstand muß die Bremse des Herzens sein, muß, muß. Sonst wird man sein Leben lang unglücklich.
Leider sehen die meisten das zu spät ein. Oder sie wissen nicht zu bremsen.
So gehtWonesch Henrietteins Unglück.
So auch leidetMäsch Sisi.
Und das bricht auch der gutenBertadas Herz.
Wie traurig, daß bei der Erreichung meines Glückes das Glück anderer in Scherben gehen mußte, wie traurig! — — — — — — — — — — — — — — — — —
„Komm Jämp, mir mussen hém gôn, d’aß Zeit. Wann dem Bérelsédem sei Bruder mat desem Zug könt, dann aß hién gleich hei. Hién könt vleicht nach bis erân, éer hién a Mäsch geht,“ sagte meine Frau in sorgendem Tone. Sie schlang ihre Hand in meinen Arm.
Ich fuhr auf aus meiner Träumerei. Ganz richtig, der sollte heute kommen, um imMäsch-Hause vorzusprechen. Es wäre mir eine Erleichterung, wenn ich diese Heirat zustande brächte.Sisiverdient einen guten Mann. Und sie weiß auch einen Mann glücklich zu machen. Auch dem Berelseidam würde ich es gut gönnen, wenn sein Bruder das Mädchen heimführen könnte.
Dann würdeSisija auch noch sein Glück finden.
AberBerta?....
Herbstzeitlosen blühen in den Dorfwiesen. Der Sommer geht zur Neige. Die Ernte ist eingebracht.
Wir sind bei meinen Schwiegereltern auf Besuch.
Verträumt liegt die Mühle in der tiefen Stille des Sonntagnachmittags.
Verträumt klingen die Glocken droben im Dorf. Sie läuten zur Vesper. Dort wird Berta wohl jetzt beten.
Wir sitzen vor der Mühle in der lauen Sonne und plaudern.
Von allerhand geht das Gespräch. Von den Viehweiden, von der Ernte, von den Berelsleuten.
„An dât Haus aß emol vill Onglèck komm,“ meinte mein Schwiegervater.
Dann erzählte er vonBerta.
Ich stützte den Kopf schwer in die Hand. Schläfrig fuhr der Wind durch die Bäume.
„Do oûwen könt et!“ Ich blickte auf. Wirklich, da kamBertalangsam den Weg herunter, gebückt, schleppenden Schrittes.
Meine Frau sprang auf, eilte ihr entgegen.
Auch ich ging hinüber.
Bertalächelte. Krank lag das Lächeln auf dem eingefallenen Gesichte.
Meine Frau küßte sie auf die Wange.
Ich drückte ihr die Hand. Schlaff und kalt lag ihre Hand in der meinen.
Sie atmete tief und war ganz erschöpft. Ihre Stirne stand voll Schweißtropfen.
„Dât mecht eis Fréd, daß du könns, Berta,“ sagte meine Frau tröstend.
Bertalächelte wieder das kalte, fremde Lächeln.
„Ech hun héren, daß dir hei wärd. An dû wollt ech iech zwé nach emol gesinn.“
Sie war ganz erregt und konnte kaum sprechen.
„Dât aß schén!“ Meine Frau legte den Arm um ihre Schulter. Eng aneinandergeschmiegt standen sie da.
„A wé geht et dann, Berta? Du wars krank?“ fragte ich teilnahmsvoll.
„Jô, ech war krank, mä — d’géht — erem — besser.“
Ihre Brust keuchte. Sie hielt den Atem an und gab sich Mühe, nicht zu husten. Und die Erregung malte noch einmal jugendfrische Farbe auf ihr Gesicht.
„Du geseîs gut aus,“ tröstete meine Frau.Bertalächelte wieder das kranke Lächeln.
Ich sah das blühende Rot ihrer Wangen.
Kirchhofsrosen....
Wir setzten uns auf die Bank am großen Mühlenweiher.
Die Wellen spiegelten das welke Gesicht noch durchsichtiger, verfallener. Frühling und Sommer waren daraus verschwunden. In ihren Augen lag der trübe Schein des freudlosen Winters.
Eine Weile saßen wir stille.
„Ech sin froû, daß dîr zwê esoû glèckléch set.“ Sie hatte ihren Arm in den meiner Frau geschlungen und drückte ihr leidenschaftlich die Hand, als wollte sie damit ihre tiefe Freundschaft bezeugen.
Meine Frau hatte ein paar Blumen gepflückt und reichte ihr das Sträußchen hin.
Nachdenklich nahm sie eine Blume nach der andern, legte sie gleichmäßig zusammen, blickte wehmütig auf dieselben und riß zerstreut einige Blüten ab.
Wie tote Schmetterlinge sanken die Blätter in ihren Schoß und fielen zur Erde.
„Fir mech bléen keng Blumen mé!“ Langsam sagte sie das, leise und kummervoll.Langsam band sie Wort an Wort, wie sie die Blumen zusammengelegt hatte. Ich dachte an das alte, traurige Lied von der unerfüllten Liebe und dem frühen Sterben, das die Mädchen auf den Feldern singen, wenn die Kartoffeln ausgehoben werden und der rauhe Herbstwind über die kahlen Stoppeln treibt.
Ich suchte sie zu trösten, aufzumuntern. Sie schaute mich groß an wie eine, für die es keine Hoffnung mehr gibt.
„Nê, Jämpi.“ Sie schüttelte den Kopf. Eine unendliche Wehmut klang aus der gebrochenen Stimme.
Sie fröstelte ein wenig, zuckte mit den Schultern und wickelte die Hände in die Schürze.
„Jämp, du wars den Enzigen, mat dém ech froû war.“ Ein tiefes Keuchen drang aus ihrer Brust. Ihr Atem ging erregt, hastig. Eine dunkle Glut schoß ihr in die Wangen. Sie hustete tief. „D’Huôt net könne sin. Ech hu mech drân ergin.“ Sie preßte die Hand auf die Brust, als ob das Atemholen ihr wehe täte. „An ech sin dach froû, Ketty, daß du fir mech glèckléch baß.“
Gern hätte ich ihr jetzt eine tröstende Zärtlichkeit gesagt. Es fiel mir nichts ein.Nichts Passendes, womit ich dem guten Mädchen hätte Freude machen können. Da legte ich ihr leicht die Hand auf die Schulter.
„A wé gét et dann mat déngem Papp?“ Meine Frage rührte an eine alte Herzwunde.Bertaschlang den Arm um den meiner Frau und zog sie mit sich fort hinunter am Mühlenteich vorbei in die Einsamkeit.
Ich stand auf und schritt langsam hinüber in den Garten. Dort sah ich sie am äußersten Ende stehen.Bertahatte sich an eine Pappel gelehnt, rieb sich die Augen mit dem Taschentuche und schluchzte, schluchzte bitterlich. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Langsam, geräuschlos ging ich zurück zur Mühle, sank auf die Bank und stützte mich müde an die Lehne.
So viel Elend hat der Berelsvater über sein Haus gebracht.
So unglücklich hat er sein Kind gemacht.
Leise wanderte der Wind in den herbstlichen Bäumen. Bisweilen raschelte ein Blatt herunter; ein gelbliches, fahles Blatt. Einen Augenblick wirbelte es in der Herbstsonne, dann sank es tot in den großen Weiher. — — — — — — — — — — — — —
Droben am Wege kamen Schritte.
Ich schaute auf. Heinrich Holmer und seine Frau.
„Aß d’Berta net hei?“ fragte die junge Frau sorgenvoll.
„Dach! D’aß mat ménger Fra e böschen spazéeren.“ Ich bemühte mich ruhig zu sprechen.
Wir setzten uns. Ich lenkte das Gespräch auf seinen Bruder und aufMäsch Sisi. Holmer dankte für meine Bemühungen. Er freute sich, daß die Sache so weit geregelt war. Schon nach dem Winter sollte die Hochzeit sein.
Meine Schwägerin trat zu uns. Die Frauen sprachen von der Obsternte und schritten hinüber in den Garten.
So blieb ich mit Holmer allein.
„Aß d’Berta wirkléch esoû krank?“
„Jô, den Dokter get et verspielt. D’hät nach spétestens bis nôm Wanter.“
Eine tiefe Stille. Ein drückendes Schweigen.
Ich atmete beklommen.
„Nömme bis nôm Wanter,“ wiederholte ich.
Er nickte. „Jô, bis nôm Wanter.“
Leise strich der Herbstwind durch die Pappeln.
„A wât mecht dann de Papp?“
„Dén dêt et stiérwen!“ Das sagte er stoßweise, mit verhaltenem Groll.
„Wât mei Schwéerpapp eisem Haus schon Kreiz a Léd ugedôn hoût!.... Hién aß ganz verännert.... All Woch könnt hién e poûr môl vôl hém.... An dann péngecht hién dât aremt Kand, daß net ze soen. Mir leiden all dröner.“ Er machte eine lange Pause, nahm den Hut ab und fuhr mit der flachen Hand über die Stirne. „Awer, mir mussen et erdrohen. An d’aß dem Berta sein Doût.“
Der Eidam brach ab und blickte bekümmert vor sich auf den Boden. Ich wollte nicht weiter fragen.
Jetzt wußte ich, daß es aus war mit ihr. Ich sah sie zusammenbrechen. Und ich sah das Berelshaus leiden, abbröckeln, vergehen....
So kommen Elend und Rückgang in manches Haus.... Und der Schuldige trägt nicht mit, weil er seine Schuld nicht einsieht. Die Unschuldigen aber gehen daran zu Grunde. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Drunten kamen sie.
Bertaversuchte zu lächeln. Ihre schwarzen Augen waren gerötet. Sie hatte viel geweint.
Wir tranken den Kaffee.Bertakonnte nichts essen. Sie sah elend aus.
Ich wollte essen, wollte. Aber auch ich brachte nichts hinunter. Ein bitterer Geschmack lag mir auf der Zunge.
Ich hörte den keuchenden Atem des unglücklichen Kindes, das erst im Blütenalter stand, und dem kein Sommergold und kein Herbstsegen beschieden ist, und das schon so bald abgerufen werden soll.
So bricht ein Kind zusammen, dem der Vater ein schweres Kreuz aufgedrückt hat. — — — — — — — — — — — — —
Und so erdrückt dieses Kreuz ein ganzes Haus.
Herbst und Winter waren vergangen. Schöne Tage kamen, wo die Menschen wieder froh werden.
Damals verblaßtenBertasWangen. — — — — — — — — — — — — —