The Project Gutenberg eBook ofBerlins Drittes GeschlechtThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Berlins Drittes GeschlechtAuthor: Magnus HirschfeldRelease date: July 27, 2020 [eBook #62772]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau, Mark Akrigg and the onlineDistributed Proofreaders Canada team athttp://www.pgdpcanada.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLINS DRITTES GESCHLECHT ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Berlins Drittes GeschlechtAuthor: Magnus HirschfeldRelease date: July 27, 2020 [eBook #62772]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau, Mark Akrigg and the onlineDistributed Proofreaders Canada team athttp://www.pgdpcanada.net
Title: Berlins Drittes Geschlecht
Author: Magnus Hirschfeld
Author: Magnus Hirschfeld
Release date: July 27, 2020 [eBook #62772]Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Credits: Produced by Delphine Lettau, Mark Akrigg and the onlineDistributed Proofreaders Canada team athttp://www.pgdpcanada.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLINS DRITTES GESCHLECHT ***
vonDr. Magnus Hirschfeld7. AuflageMotto:»Die grosse Überwinderin aller Vorurteile ist nicht dieHumanität, sondern die Wissenschaft.«Berlin und LeipzigVerlag von Hermann Seemann Nachfolger G. m. b. H.Großstadt-DokumenteBand 3. Herausgegeben von Hans Ostwald
vonDr. Magnus Hirschfeld7. AuflageMotto:»Die grosse Überwinderin aller Vorurteile ist nicht dieHumanität, sondern die Wissenschaft.«Berlin und LeipzigVerlag von Hermann Seemann Nachfolger G. m. b. H.Großstadt-DokumenteBand 3. Herausgegeben von Hans Ostwald
Als ich vonHans Ostwaldaufgefordert wurde, für die von ihm herausgegebenen Großstadtdokumente den Band zu bearbeiten, welcher das Leben der Homosexuellen in Berlin behandeln sollte, glaubte ich mich diesem Wunsche nicht entziehen zu dürfen.
Wenn ich auch das Ergebnis meiner Untersuchungen auf dem Gebiete der Homosexualität bisher nur in wissenschaftlichen Fachorganen, besonders in den Jahrbüchern für sexuelle Zwischenstufen, publiziert hatte, so war ich mir doch lange darüber klar, daß die Kenntnis eines Gegenstandes, der mit den Interessen so vieler Familien aller Stände verknüpft ist, nicht dauernd auf den engen Bezirk der Fachkollegen oder auch nur der akademischen Kreise beschränkt bleiben würde und könnte.
Dies zugegeben, leuchtet es gewiß ein, daß die populär-wissenschaftliche Darstellung in einer so diffizilen Frage am geeignetsten von Seiten derjenigen erfolgen sollte, die sich vermöge ausgedehnter wissenschaftlicher Forschungen und Erfahrungen und auf Grund unmittelbarer Anschauung die erforderliche Qualifikation und Kompetenz erworben haben.
Ich war in der folgenden Arbeit bemüht, ein recht naturgetreues und möglichst vollständiges Spiegelbild von Berlins „drittem Geschlecht“, wie man es vielfach, wenn auch nicht gerade sehr treffend bezeichnet hat, zu geben. Ich war bestrebt, — ohne Schönfärberei, aber auch ohne Schwarzmalerei — alles streng wahrheitsgemäß unter Vermeidung näherer Ortsbezeichnungen so zu schildern, wie ich es zum größten Teil selbst wahrgenommen, zum kleinen Teil von zuverlässigen Gewährsmännern erfahren habe, denen an dieser Stelle für das mir erwiesene Vertrauen zu danken, ich als angenehme Pflicht empfinde.
Manchem wird sich hier innerhalb der ihm bekannten Welt eine neue Welt auftun, deren Ausdehnung und deren Gebräuche ihn mit Erstaunen erfüllen werden.
Man hat gelegentlich die Befürchtung ausgesprochen, es könnte durch populäre Schriften für die Homosexualität selbst „Propaganda“ gemacht werden. So sehr eine gerechte Beurteilung der Homosexuellen angestrebt werden muß, so wenig wäre dieses zu billigen. Die Gefahr liegt aber nicht vor. Die Vorzüge der normalsexuellen Liebe, wie sie — um nur von vielen einen zu nennen — vor allem im Glücke der Familie zum Ausdruck gelangen, sind denn doch so gewaltige, die Nachteile, die aus der homosexuellen Anlage erwachsen, so außerordentliche, daß, wenn ein Wechsel der Triebrichtung möglich wäre, er gewiß für die Homosexuellen, nicht aber für die Normalsexuellen in Betracht kommen würde.
Tatsächlich hat aber die wissenschaftliche Beobachtung in Übereinstimmung mit der Selbsterfahrung sehr zahlreicher Personen gelehrt, daß ein derartiger Umschwung nicht möglich ist, da nichts dem Charakter und Wesen eines Menschen so adäquat und fest angepaßt ist, wie die nach Ergänzung der eigenen Individualität zielende Richtung des Liebes- und Geschlechtstriebes.
Ob und inwieweit die Handlungen der Homosexuellen unter den Begriff von Schuld und Verbrechen fallen, ob und inwieweit ihre Strafverfolgung zweckmäßig oder notwendig erscheint, inwieweit diese überhaupt möglich ist — diesen Schluß möge am Ende meines Berichtes der Leser seinerseits ziehen.
Charlottenburg, den 1. Dezember 1904.
Dr.Magnus Hirschfeld.
Wer das Riesengemälde einer Weltstadt, wie Berlin nicht an der Oberfläche haftend, sondern in die Tiefe dringend erfassen will, darf nicht den homosexuellen Einschlag übersehen, welcher die Färbung des Bildes im einzelnen und den Charakter des Ganzen wesentlich beeinflußt.
Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, daß in Berlin mehr Homosexuelle geboren werden, wie in der Kleinstadt oder auf dem Lande, doch liegt die Vermutung nahe, daß bewußt ober unbewußt diejenigen, welche von der Mehrzahl in nicht erwünschter Form abweichen, dorthin streben, wo sie in der Fülle und dem Wechsel der Gestalten unauffälliger und daher unbehelligter leben können. Das ist ja gerade das Anziehende und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern. Während dort leicht verfolgt werden kann und eifrig verfolgt wird, wann, wo und mit wem der Nächste gegessen und getrunken hat, spazieren und zu Bett gegangen ist, wissen in Berlin die Leute oft im Vorderhause nicht, wer im Hinterhause wohnt, geschweige denn, was die Insassen treiben. Gibt es hier doch Häuser, die an hundert Parteien, an tausend Menschen beherbergen.
Was sich in der Großstadt dem Nichtkenner verbirgt, tritt, weil es sich ungezwungener gibt, dem Kenner um so leichter entgegen.
Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, in den Lokalen Berlins bald nicht nur Männer und Frauen im landläufigen Sinn, sondern vielfach auch Personen, die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar in ihrem Äußeren verschieden sind, so daß man geradezu neben dem männlichen und weiblichen von einem dritten Geschlecht gesprochen hat.
Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom gebräuchlich war, nicht gerade glücklich, aber immerhin besser, als das jetzt so viel angewandte Wort homosexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der weit verbreiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßten, wenn irgendwo mehrere Homosexuelle zusammen sind, sexuelle Akte vorgenommen oder doch wenigstens beabsichtigt werden, was den Tatsachen in keiner Weise entspricht.
Man möge, wenn in den folgenden Schilderungen von Homosexuellen die Rede ist, nicht an geschlechtliche Handlungen irgend welcher Art denken. Kommen diese vor, so entziehen sie sich nicht nur wegen ihrer Strafbarkeit, sondern vor allem wegen des natürlichen Scham- und Sittlichkeitsgefühls, welches bei den Homosexuellen ebenso ausgeprägt ist wie bei den Normalsexuellen, der Beobachtung, keineswegs sind sie das Hauptsächliche, sie fehlen sogar häufig. Das Wesentliche ist das Wesen des Uraniers — so wollen wir in dieser Schrift den homosexuell Empfindenden mit Ulrichs nennen — sein Verhalten gegenüber dem männlichen und weiblichen Geschlecht sind die aus seiner Naturbeschaffenheit sich ergebenden Sympathieen und Antipathieen.
Aber selbst für den, der viele typische Eigenschaften urnischer Menschen kennt, bleiben doch sehr viele verborgen, sei es, weil ihnen, was nicht selten vorkommt, tatsächlich bemerkbare Anzeichen fehlen, sei es, weil sie ihre Lebenskomödie, die oft mehr eine Lebenstragödie ist, mit großem Geschick spielen, indem sie sich den Normalen in allen Gewohnheiten anpassen und ihre Neigungen wohlweislich zu verheimlichen wissen. Die meisten legen viel Wert darauf, daß „man ihnen nichts anmerkt“. Ich kenne in Berlin Homosexuelle, auch solche, die durchaus nicht enthaltsam sind, welche Jahre, Jahrzehnte, ja ihr ganzes Leben lang ihre Umgebung über ihre Natur täuschten; besonders verbreitet ist es auch, wenn den Kameraden über Liebesabenteuer berichtet wird, ähnlich manchen Übersetzern antiker Schriftsteller, die männliche Person in eine weibliche umzuwandeln.
Die örtlichen Verhältnisse Berlins erleichtern diese Umwandlung ungemein. Wer im Osten wohnt, dort seine geschäftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen hat, kann sich mit seinem Freunde jahrelang im Süden treffen, ohne daß man in seiner Gegend etwas davon weiß. Es gibt viele Berliner im Westen, die nie den Wedding sahen, viele am Kreuzberg, die nie das Scheunenviertel betraten. Ich behandelte lange eine alte Berlinerin, die die Witwe eines Musikers war; sie hatten ein einziges Kind gehabt, einen Sohn, der nicht gut tun wollte, früh hinter die Schule ging, Tage lang fortblieb und vagabondierte. Die Eltern suchten ihn immer wieder, schließlich als er 21 Jahre alt war, verloren sie die Geduld und ließen ihn laufen. 26 Jahre lang hatte die Mutter nichts mehr von ihrem Jungen gehört und gesehen; sie hatte die Siebzig überschritten, ihr Mann war längst gestorben, da tauchte er eines Tages wieder bei ihr auf, ein vorzeitig gealterter 47jähriger Mann mit struppigem Vollbart, ein Pennbruder, dessen „Organismus durch Alkohol vergiftet“ war; er wollte fragen, ob sie nicht noch „von Vatern ein paar alte Kleider hätte“. Das Eigenartige war, daß Mutter und Sohn in den 26 Jahren Berlin nie verlassen hatten. In einer Kleinstadt würde ein solcher Fall nicht möglich sein.
Man sollte es kaum glauben, wie viele Personen in der preußischen Hauptstadt, die als ein Muster der Ordnung gilt und es auch im Vergleich mit anderen Weltstädten ist, leben, ohne daß die Behörden von ihnen wissen. Ich habe mit Erstaunen wahrgenommen, wie lange sich oft ausgewiesene Ausländer unbeanstandet in Berlin aufhalten, noch mehr, wie Personen, die polizeilich gesucht werden, Monate und Jahre unangemeldet hier verweilen, nicht etwa in entlegenen Stadtvierteln, sondern häufig auf den Sammelplätzen des Verkehrs, wo man sie am wenigsten vermutet.
Wart Ihr schon einmal im Zimmer 361 auf dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz? Es ist eine der merkwürdigsten Stätten in dieser an eindrucksvollen Örtlichkeiten gewiß nicht armen Stadt. Hoch über den Dächern der Großstadt gelegen, befindet sich dieser Raum inmitten einer Flucht von Zimmern, in denen alphabetisch geordnet zehn Millionen Blätter aufgestapelt sind. Jedes Blatt bedeutet ein Menschenleben. Die noch leben, liegen in blauen, die Verstorbenen ruhen in weißen Pappkartons. Jedes Blatt enthält Namen, Geburtsort und Geburtstag von jeder Person, die seit dem Jahre 1836 in einem Berliner Hause eine Wohnung oder ein Zimmer inne hatte. Alle An- und Abmeldungen, jeder Wechsel der Wohnungen wird sorgsam verzeichnet. Es gibt Bogen, die dreißig Wohnungen und mehr enthalten, andere, auf denen nur eine steht; es sind Personen darunter, die ihre Berliner Laufbahn in einem Keller des Ostens begannen und im Tiergartenviertel endeten, und andere, die anfangs vorn im ersten Stock wohnten und im Hof vier Treppen ihre Tage beschlossen. Nach Zimmer 361 werden alle diejenigen verwiesen, die in Berlin jemanden suchen. Von morgens 8 bis abends 7 Uhr wandern Hunderte und Hunderte, im Jahre viele Tausende die hohen steinernen Treppen empor. Jede Auskunft kostet 25 Pfennig. Es kommen nicht nur solche, die Geld zu fordern haben, Leute, für die ein Mensch erst dann Wert bekommt, wenn er ihnen etwas schuldet, nein, so mancher klimmt hinauf, der aus fernen Landen heimgekehrt ist und nun nachforscht, ob und wo noch einer seiner Verwandten und Jugendgefährten lebt. Die ersten Jahre schrieben sie einander noch, dann schlief der Briefwechsel ein, und nun hat der Fremdling noch einmal die alte Heimat aufgesucht. Bangen Herzens schreibt er den Namen und die letzte ihm bekannte Wohnung seiner Mutter auf den Auskunftszettel — sie ist lange verstorben; er fragt nach Brüdern, Schwestern und Freunden, alle, alles dahin, und tief bekümmert wandert der Vereinsamte die schmalen Treppen wieder hinunter. Wie viele erkundigen sich da oben vergebens, Eltern, die verlorene Söhne suchen, Schwestern, die nach ihren Brüdern fragen, und Mädchen, die nach dem Vater des Kindes forschen, dessen Zukunft in ihrem Schoße ruht. „Ist nicht gemeldet“, „unbekannt verzogen,“ „ausgewandert“, „verstorben,“ meldet der stets gleichmütige Beamte, wenn er nach einer halben Stunde wiederkehrt und die Wartenden aufruft, welche still, ernst und verzagt, nur selten frohen Mutes herabsteigen, um wieder unterzutauchen in das Häuser- und Menschenmeer des gewaltigen Berlin.
Die Leichtigkeit, in einer Stadt von 2½ Millionen Einwohnern unsichtbar zu versinken, unterstützt sehr jene Spaltung der Persönlichkeit, wie sie auf sexuellem Gebiete so häufig vorkommt. Der Berufsmensch und der Geschlechtsmensch, der Tag- und Nachtmensch sind oft zwei grundverschiedene Persönlichkeiten in einem Körper, der eine stolz und ehrbar, sehr vornehm und gewissenhaft, der andere von allem das Gegenteil. Das gilt für Homosexuelle ebenso wie für Normalsexuelle. Ich kannte einen urnischen Rechtsanwalt, der, wenn er abends sein Bureau im Potsdamer Viertel oder eine Gesellschaft seiner Kreise verlassen hatte, seine Stammkneipe im südlichen Teil der Friedrichstadt aufsuchte, eine Kaschemme, in der er mit dem Revolverheini, dem Schlächterherrmann, dem Amerikafranzl, dem tollen Hunde und anderen Berliner Apachen die halben Nächte spielend, trinkend und lärmend verbrachte. Die rohe Natur dieser Verbrecher schien auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Noch weiter ging ein anderer, ein früherer Offizier, der einer der ersten Familien des Landes angehört. Dieser vertauschte zwei- bis dreimal die Woche abends den Frack mit einer alten Joppe, den Zylinder mit einer Schiebermütze, den hohen Kragen mit einem bunten Halstuch, zog sich den Sweater, Schiffer- oder Manchesterhosen und Kommißstiefel an und trieb sich etliche Stunden in den Destillen des Scheunenviertels umher, deren Insassen ihn für Ihresgleichen hielten. Um vier Uhr früh fand er sich im Hammelstall, einer vielbesuchten Arbeitslosenkneipe unweit des Bahnhofs Friedrichstraße, zum „Kaffeestamm“ ein, nahm sein Frühstück für zehn Pfennig mit den ärmsten Vagabonden, um nach einigen Stunden Schlaf wieder zum Leben eines untadeligen Kavaliers zu erwachen.
Auch eine homosexuelle Dame ist mir erinnerlich, die in einem ganz ähnlichen Doppelleben oft als Köchin die Tanzlokale von Dienstboten besuchte, in deren Mitte sie sich außerordentlich wohl fühlte.
Besonders merkwürdig ist diese Halbierung oder — wenn man will — Verdoppelung der Persönlichkeit in denjenigen Fällen, wo sie zugleich mit einer Spaltung in zwei Geschlechter verbunden ist.
Ich besitze die Photographie eines Mannes in eleganter Damentoilette, der jahrelang unter den Weibern der Pariser Halbwelt eine Rolle spielte, bis durch einen Zufall ans Licht kam, daß „sie“ in Wirklichkeit ein Mann und zwar nicht einmal ein homosexueller Mann war. Auch in Berlin sind wiederholt Männer aufgegriffen, die der weiblichen Prostitution oblagen. Mehr als eine Frau ist mir in Berlin bekannt, die zu Hause vollkommen als Mann lebt. Eine der ersten, die ich sah, war mir während einer Feier in der Philharmonie durch ihre tiefe Stimme und ihre männlichen Bewegungen aufgefallen. Ich machte ihre Bekanntschaft und bat, sie besuchen zu dürfen. Als ich am folgenden Sonntagnachmittag in der Dämmerstunde an ihrer Tür klingelte, öffnete mir ein junger Mann, der von einem Hunde umsprungen wurde, die dampfende Zigarre in der Hand hielt und nach meinem Begehr fragte. „Ich wünsche, Fräulein X. zu sprechen, bringen Sie ihr, bitte, meine Karte.“ „Treten Sie nur näher,“ erwiderte lachend der junge Bursche, „ich bin es ja selbst.“ Ich erfuhr, daß das Mädchen in ihrer Häuslichkeit vollkommen als Mann lebte; es war eine wackere Person, die den Kampf mit dem Leben tapfer aufgenommen, manche Heirat, durch die sie „gut versorgt“ worden wäre, abgelehnt hatte, weil sie „keinen Mann betrügen“ wollte.
Die Spaltung der Persönlichkeit kann so weit gehen, daß der Tagesmensch sich über die Lebensführung seines nächtlichen Ichs sittlich entrüstet und heftig dagegen eifert. Es ist nicht immer bloße Heuchelei gewesen, wenn jemand, der sich in den schärfsten Ausdrücken gegen die Homosexualität wandte, eines Tages mit dem § 175 R.-Str.-G.-B. in Konflikt geriet.
Wenn übrigens auch in Berlin trotz der verhältnismäßigen Bequemlichkeit und Sicherheit sexuellen Verkehrs eine große Anzahl Uranier enthaltsam leben — was zweifellos der Fall ist —, so geschieht dies weniger aus Angst, als weil ihre sonstige Charakterveranlagung sie zur Enthaltsamkeit führt und ihnen dieselbe ermöglicht. Viele dieser Homosexuellen leben als Junggesellen völlig einsam; manche bringen durch intensive geistige Beschäftigung ihren Sexualtrieb zum Schweigen, einige gelten als Sonderlinge, haben auch in der Tat häufig etwas Schrullenhaftes, Altjüngferliches, andere entwickeln einen großen Sammeleifer, der sich nicht selten auf Gegenstände erstreckt, die mit ihrer Neigung in einem gewissen Zusammenhang stehen; so weiß ich von einem urnischen Prinzen in Berlin, welcher mit einer wahren Leidenschaft Soldaten-Darstellungen aller Zeiten und Länder sammelte. Wieder andere suchen und finden eine Ablenkung und Befriedigung ihres sexuellen Triebes darin, daß sie Stätten aufsuchen, Schwimmbäder, Turnhallen, Sportplätze, wo sie Gelegenheit haben, sich am Anblick ihnen sympathischer Gestalten zu erfreuen, oder aber sie schließen sich aus denselben Grunde Vereinen an. Namentlich in den eingeschlechtlichen Vereinen Berlins, wie den Turnvereinen und den Vereinen christlicher junger Männer, ebenso auch in den Frauenklubs und Frauenvereinen — vom Dienstboten- bis zum Stimmrechtsverein — sind urnische Mitglieder nichts Seltenes, oft ist sogar das urnische Element die treibende Kraft des Vereins. Vielfach sind sich die Betreffenden ihrer Urningsnatur gar nicht oder nur wenig bewußt und werden erst aufmerksam, wenn ein dritter, meist mehr im Scherz als im Ernst, Bemerkungen macht, wie. „Du benimmst Dich ja wie ein warmer Bruder.“
Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein Mitglied eines spiritistischen Vereins auf, um sich zu vergewissern, ob er homosexuell sei; ein Vereinsbruder habe ihm bei einem Streite zugerufen: „Schweig, Du Zwitter.“ Dieser stark feminine und offenbar recht nervöse Jüngling berichtete mir, daß er im gewöhnlichen Leben weder zum Weibe, noch zum Manne sinnliche Regungen verspüre, nur wenn er in den Trance-Zustand verfiele, was leicht der Fall sei, fühle er sich als eine Indierin und empfände als solche eine starke Liebe zu einem seiner Vereinsbrüder.
Trotzdem sich die Urninge in ihren Vereinen meist gut zu beherrschen wissen, kommt es doch hie und da zum „Skandal“, namentlich wenn sich unter der Wirkung leichter Alkoholmengen die Zügel lockern, welche sie ihrer wahren Natur sonst anzulegen wissen. Ich will ein in mehr als einer Hinsicht lehrreiches Beispiel anführen.
Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar in einem religiösen Zwecken dienenden Hause große Versammlungen und Feiern, die sich eines ungewöhnlich regen Zuspruches erfreuten. „Das gewinnende, liebenswürdige Wesen dieses Mannes zog wie ein Magnet.“ Er war eine Persönlichkeit von angenehmstem Äußern, Mitte der Dreißig, sehr begabt und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur zu bitten, und die Gaben flossen in Massen; überall war er maßgebend, geliebt und verehrt, besonders bei den Frauen.“ Man fand nicht Worte genug über seine Herzensgüte; er selber berichtete in den Versammlungen häufig, wie er in den Gefängnissen so oft und gern Trost spendete, wie er nachts junge Menschen in den Anlagen ohne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause genommen und bei sich beherbergt habe. Er hatte dabei ein im Grunde fröhliches Gemüt. Wer ihn auf den sommerlichen Ausflügen des Vereins beobachtete, wie er mit seinen Schülern Kampfspiele veranstaltete, mit ihnen rang und ausgelassen tollte, freute sich ohne Argwohn der anscheinend so harmlosen Freudigkeit des unermüdlichen Gottesstreiters. Eines Tages aber bemächtigte sich tiefe Betrübnis und große Entrüstung des frommen Vereins. Herr W. war wegen unsittlicher Handlungen mit jungen Männern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten zwölf Jünglinge, daß W. sie unzüchtig berührt habe, sogar hinter der Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren Freiheitsstrafe verurteilt.
Ich verdanke diesen Bericht einem sehr ehrenwerten Uranier, der demselben christlichen Verein angehörte. „Nie hätte ich,“ so schreibt er mir, „geglaubt, daß dieser geehrte Herr so jäh aus seiner Höhe stürzen könnte, daß meine inneren Empfindungen, die ich in harten Kämpfen unterdrückte, um deren Überwältigung willen ich jene fromme Gesellschaft aufgesucht hatte, so denen ihres Leiters glichen. Als sich das geschilderte Trauerspiel zutrug, dachte ich in Demut: „Herr, sei mir Sünder gnädig“, und bin mit vielen anderen aus dem schwer geschädigten Verein geschieden.“
Vielfach widmet sich der homosexuelle Platoniker nicht sowohl einer Vereinigung, als vielmehr einer einzigen Person, an der er Gefallen gefunden hat. Wie viele dieser Männer lassen nicht ihre Schützlinge ausbilden, studieren, nehmen sie auf Reisen mit, setzen ihnen Renten aus, adoptieren sie, bedenken sie in ihrem Testament, bemühen sich um sie in intensivster Weise, ohne daß es je zu einem Kusse kommt, ja, ohne daß sich die Betreffenden der sexuellen Grundlage ihrer Neigung bewußt werden, wiewohl sie die Briefe ihrer Freunde nicht weniger sehnsüchtig erwarten, nicht minder begierig lesen, wie ein Bräutigam die seiner Braut. Und noch seltener ist sich der Empfangende in solchen Verhältnissen über die wahre Natur seines „väterlichen“ Freundes klar. Wohl ist er und seine Familie über „das gute Herz“ ihres besten Freundes des Lobes voll, das hindert aber den jungen Mann nicht, gelegentlich recht weidlich über die Homosexuellen zu schelten, ohne zu ahnen, wie schwer er jenen trifft, den er gewiß am wenigsten verletzen möchte.
Ich will hier ein Gedicht eines Berliner Urnings an seinen Freund zur Kenntnis bringen, das recht anschaulich zeigt, wie schwer die unmerklich in einander übergehenden Grenzen zwischen den geistigen, seelischen und körperlichen Äußerungen des in Form und Stärke, nicht aber in seinem Wesen verschiedenartigen Gefühls zu ziehen sind. Es lautet:
„Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen,Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen,Zu lehnen mein Gesicht an seine Wange,Ganz still, recht fest und lange, lange,Ist das nicht Glück genug —Ihm sanft die Hände zu berühren,Den Atem seiner Brust zu spüren,Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegenUnd meinen Mund an seine Lippen schmiegen,Das ist doch Glück genug —Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt,Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt,Zu sehen, wie in allem, was er treibt,Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt,Ist das nicht Glück genug —Die Ansicht mit ihm auszutauschen,Dem Wohllaut seiner Stimme lauschen,Sein Leben schöner zu gestalten,Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm halten,Das ist doch Glück genug —Ihm sagen können, daß er mir das Höchste,Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste,Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe,Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe,Das ist doch Glück genug —O, wenn ich es doch nie erlebte,Daß ich noch mehr an Glück erstrebte,Als mir so reichlich ist beschieden,Dann hätten er und ich den FriedenUnd beide Glück genug.“
„Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen,Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen,Zu lehnen mein Gesicht an seine Wange,Ganz still, recht fest und lange, lange,Ist das nicht Glück genug —Ihm sanft die Hände zu berühren,Den Atem seiner Brust zu spüren,Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegenUnd meinen Mund an seine Lippen schmiegen,Das ist doch Glück genug —Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt,Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt,Zu sehen, wie in allem, was er treibt,Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt,Ist das nicht Glück genug —Die Ansicht mit ihm auszutauschen,Dem Wohllaut seiner Stimme lauschen,Sein Leben schöner zu gestalten,Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm halten,Das ist doch Glück genug —Ihm sagen können, daß er mir das Höchste,Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste,Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe,Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe,Das ist doch Glück genug —O, wenn ich es doch nie erlebte,Daß ich noch mehr an Glück erstrebte,Als mir so reichlich ist beschieden,Dann hätten er und ich den FriedenUnd beide Glück genug.“
Auch der folgende ausführliche Bericht eines keuschen Uraniers über das erste Erwachen seiner Liebe — er rührt von einem mir bekannten Studenten her, der sich noch nie sexuell betätigt hat — bestätigt den Satz, daß sich der homosexuelle Trieb wohl in seiner Richtung und Bedeutung, nicht aber in seiner Naturwüchsigkeit von der normalsexuellen Liebe unterscheidet.
„Ich bin in dem „Sündenbabel“ Berlin aufgewachsen, habe mit vielen gleichalterigen Kameraden eine öffentliche Schule besucht, bin sogar in einer Pension gewesen, wo es sicher nicht sehr zart herging, und habe mir trotzdem gerade in sexueller Beziehung merkwürdig lange meine Kindlichkeit bewahrt. Ich habe nie, wie andere Kinder, Vergnügen daran gefunden, darüber zu reden und zu grübeln, „woher die Kinder kommen“, ich hatte sogar eine merkwürdige Scheu, deren Ursachen mir noch jetzt unerklärlich sind, über solche Dinge reden zu hören. So galt ich noch mit 15 Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen Kameraden für „unschuldig“; an den Klapperstorch glaubte ich ja nicht gerade mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen des Unterschiedes der Geschlechter und von irgend welchen sexuellen Beziehungen. Natürlich verstand ich auch nichts von den bekannten Witzen, die über dieses Thema gemacht wurden, was am meisten dazu beitrug, den Ruf meiner „Unschuld“ zu verbreiten.In dieser Zeit, ich war 17 Jahre, faßte ich eine eigenartige Zuneigung zu einem meiner Mitschüler, dem Primus der Klasse; ich war nicht so befreundet mit ihm, wie mit meinen speziellen Schulfreunden, und doch hatte ich immer eine ganz besondere Freude daran, einmal mich länger mit ihm zu unterhalten, auf dem Schulhofe mit ihm zusammen zu gehen, oder gar einmal in der Stunde neben ihm zu sitzen. Gerade dies erreichte ich zu meinem Schmerz nur sehr selten, fast immer saß ich dritter, also noch ein anderer zwischen uns, und ich mußte mich begnügen, ihn so oft wie möglich anzusehen, wobei ich mir Mühe gab, das von ihm nicht bemerken zu lassen. Überhaupt nahm ich mich aufs äußerste in acht, daß niemand meine Beziehungen zu ihm, die übrigens völlig einseitig waren und blieben, bemerkte; ich wußte es damals nicht und weiß mir auch jetzt noch keinen rechten Grund dafür anzugeben, warum ich meine Zuneigung jedem Menschen gegenüber und besonders vor dem Geliebten selbst geheim hielt. Ich hatte wahrscheinlich das richtige Gefühl, doch nicht verstanden zu werden, und außerdem war ich mir meines Zustandes selbst nur ganz dunkel bewußt, ich hätte wohl gar nicht aussprechen und in Worte fassen können, was ich da eigentlich dachte und fühlte. Und doch war es so herrlich schön, sich vorzustellen, wenn wir beide so recht sehr befreundet wären, immer zusammen sein könnten, die Schularbeiten gemeinsam machten und uns nie zu trennen brauchten. Und wenn ich dann abends im Bett lag, malte ich mir alle möglichen Ereignisse aus, die eintreten müßten, damit wir recht eng befreundet werden könnten; da konnte doch z. B. sein Haus abbrennen, dann würde er keine Wohnung haben, und ich würde ihn auffordern, bei uns zu wohnen; und dann würde er sogar bei mir im Bett schlafen, so daß ich ihn so recht fest umarmen und an mich drücken könnte, um ihm zu zeigen, wie lieb ich ihn habe.Wohlgemerkt: Diese Gedanken kamen mir und erfüllten mich mit größter Seligkeit, ohne daß ich eine Ahnung hatte von den sexuellen Beziehungen der Geschlechter. Mein Gemüt war vollständig rein, unverdorben durch unsaubere und schmutzige Geschichten, wie sie andere Großstadtkinder oft allzu früh zu hören bekommen, meine Phantasie war nicht erregt durch derartige Dinge. Und dennoch kamen mir diese „unsittlichen, unzüchtigen“ Vorstellungen? Nein, es lag nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, konnte gar nicht darin liegen, und diese Tatsachen, die ich an mir selbst erlebt habe, die ich gefühlt und gedacht habe mit meinem innersten Herzen, sind mir der sicherste und unumstößlichste Beweis dafür, daß in der Homosexualität an sich keine Spur von dem enthalten ist, was Unwissenheit und Unkenntnis hineinlegen wollen. Es sei denn, daß man das Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht, daß man die natürliche Weltordnung anzutasten versucht, indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche Liebe gleich mit verdammen. — Jetzt weiß ich, daß das, was sich damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen Herrlichkeit gänzlich erfüllt war.Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner Liebe ein männliches Wesen war, so ist es bei mir bisher geblieben. Wenn andere „normale“ Männer auf der Straße ein hübsches Mädchen sehen, so blicken Sie sich unwillkürlich danach um; mir ergeht es genau so mit schönen Jünglingen, denen ich ebenso unwillkürlich nachsehe. Trete ich in eine Gesellschaft, komme ich auf einen Ball &c., so geschieht es oft, daß mir ganz unbewußt irgend einer der jungen Leute, den ich nicht kenne, auffällt, und ich ertappe mich nachher dabei, daß ich fortwährend darauf geachtet habe, was der Betreffende tut, mit wem er tanzt &c. &c.Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelöst durch eine andere größere Leidenschaft, die mich zu einem anderen Mitschüler ergriff, der zwar ein ganzes Jahr älter war als ich, aber in einer tieferen Klasse saß. Ich kann mich darauf besinnen, wie ganz allmählich die ersten Zeichen dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich jede mögliche Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein: auf dem Schulhofe, auf der Straße, bei den Turnspielen u. s. w. Und dabei war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr reger werden zu lassen; nicht nur, daß er in einer anderen Klasse war, sondern es gab auch eigentlich gar keine gemeinsamen Interessen zwischen uns, wir hatten keine gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise meiner nächsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffälliger mußte es sein, wenn ich mich mit ihm näher befreundete, und ich suchte die verschiedensten Vorwände, diese Annäherung zu erklären, nicht nur vor anderen, sondern besonders vor mir selbst, der ich noch immer nicht ahnte, was in mir vorging. Aber gerade in dieser Zeit, ich war 18 Jahre, ging mir das Licht über die wahre Bedeutung der Sache auf, in dieser Zeit, wo ich regelrechte Fensterpromenaden vor seinem Hause machte, die Zeit abpaßte, wann er herauskam, um ihm zufällig zu begegnen, und an nichts anderes dachte als an ihn. Ja, ich wußte bald, ich ihn wirklich und regelrecht liebte, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich nicht den Mut, ja, ich gab mir sogar noch lange Zeit Mühe, es ihn nicht einmal merken zu lassen. Unser Verkehr wurde aber reger, obgleich ich wußte, daß er sich nicht allzu viel aus mir machte; ich benutzte jede Gelegenheit, unsere Beziehungen enger und freundschaftlicher zu gestalten, was auch äußerlich gelang, ohne daß es jedoch trotz größter Anstrengung meinerseits zu einer wirklichen Freundschaft kam. Es lag überhaupt in K.'s Wesen, daß er keine Freunde besaß, und so hatte ich in dieser Zeit eigentlich nur einmal Gelegenheit, die Qualen der Eifersucht kennen zu lernen; doch gerade diese Eifersuchtsanwandlung, die mir ordentlich zu schaffen machte, brachte mir gleichzeitig volle Gewißheit über meine homosexuelle Liebe. Schließlich wurde das Gefühl, das mich zu ihm hinzog, so übermächtig, und ich wurde der Heuchelei vor ihm und vor mir selbst so müde, daß ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer zusammen arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Küssen überschüttete und ihm alles beichtete. Er nahm diesen Ausbruch etwas verwundert, aber doch ganz ruhig hin, jedenfalls ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich handelte.Die nun folgenden Wochen waren die bisher schönsten meines Lebens, fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm bei allen seinen Schularbeiten, und wenn wir damit fertig waren, saßen wir eng aneinander geschmiegt und sprachen über alles und nichts. Doch es waren leider nur wenige Wochen; denn genau zur selben Zeit stellte sich auch bei meinem K. die Liebe ein — aber nicht zu mir, sondern zu einem kleinen Mädchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu ihm kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzählen, als vonihr, und auf dem Schulwege sprach er mit mir vonihr, und abends ging ich mit ihm fort dahin, wo ersietreffen wollte, und wartete, bis sie kam, sprach ein paar Worte mit ihr, ging ein paar Schritte mit und verabschiedete mich dann, um die beiden allein zu lassen — ich war ja überflüssig. Ich kann nicht gerade sagen, daß ich auch hier eifersüchtig war, im Gegenteil: es floß wohl auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freundin über, dasiees ja war, die ihn glücklich machte. Aber das Herz blutete mir doch, wenn er mir z. B. seine Tagebücher gab, in denen nur vonihrstand, was sie tat und sagte und dachte, und wo ich kaum mal mit einem Worte erwähnt wurde. Am meisten jedoch schmerzte mich, daß er sich energisch weigerte, meine Küsse und Zärtlichkeiten weiter zu dulden; denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, daß meine Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien, weil ich ihn mit allen Mitteln, die mir damals zu Gebote standen, überzeugt hatte, daß meine Liebe zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie die zwischen Mann und Weib, gerade darum behauptete er,ihruntreu zu werden, wenn er sich noch ferner vonmirküssen ließe. „Freunde können wir ja bleiben“, sagte er, „denn ich habe dich ganz gern, aber nicht anders wie andere Freunde wollen wir sein.“Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahre lang, und ich schmeichle mir, wenigstens in der ersten Zeit einen recht guten Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben; nicht nur, daß ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondern ich versuchte auch, ihm etwas höhere Interessen beizubringen, als er sie leider besaß, ihn zu veranlassen, sich auch mit wissenschaftlichen, politischen &c. Fragen zu beschäftigen, auf die ihn die Erziehung, die er gehabt hatte, das Milieu, in dem er lebte, und seine eigene Interesselosigkeit bisher nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu ihm blieb lange Zeit mit unverminderter Stärke bestehen, und noch heute bin ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt.Im Laufe dieser Jahre bin ich allmählich auf meine Veranlagung aufmerksam geworden, zuerst wohl nach der negativen Seite hin. Wenn meine Mitschüler allmählich anfingen, von ihren Liebsten zu erzählen, deren Namen in die Schulbänke einzukratzen, bei jeder Gelegenheit ihnen Ansichtskarten zu schreiben, so dachte ich zunächst, besonders da ich immer einer der Jüngsten in der Klasse war, das würde mit der Zeit bei mir auch noch kommen. Und dabei ahnte ich nicht, daß die Zuneigung zu meinem K. nichts anderes als wirkliche, wahrhaftige Liebe war, stärker vielleicht und tiefer, als sie die meisten anderen zu ihren Mädels empfanden. Erst durch einige Analogieen, die mir zufällig auffielen, kam nur eine Ahnung des wahren Sachverhalts. Wie jeder richtig Verliebte machte ich meine Fensterpromenaden, ging täglich, so oft wie möglich, und wenn es die größten Umwege kostete, anseinemHause vorbei und war glücklich, wennermal am Fenster stand. So dämmerte es in mir auf, und nun einmal aufmerksam geworden, unwillkürlich weitere Anhaltspunkte suchend, kam ich bald zur Klarheit über mich. Ich entsinne mich z. B. noch genau, welch tiefen Eindruck es auf mich machte, als meine Mutter einmal scherzend zu mir sagte: „Paul, Paul, wer immer so allein spazieren geht, der ist verliebt“; ich hatte ja tatsächlich meinen Bruder nur darum nicht mitnehmen wollen, um, wenn ichihntreffen sollte, allein mit ihm zu sein.“
„Ich bin in dem „Sündenbabel“ Berlin aufgewachsen, habe mit vielen gleichalterigen Kameraden eine öffentliche Schule besucht, bin sogar in einer Pension gewesen, wo es sicher nicht sehr zart herging, und habe mir trotzdem gerade in sexueller Beziehung merkwürdig lange meine Kindlichkeit bewahrt. Ich habe nie, wie andere Kinder, Vergnügen daran gefunden, darüber zu reden und zu grübeln, „woher die Kinder kommen“, ich hatte sogar eine merkwürdige Scheu, deren Ursachen mir noch jetzt unerklärlich sind, über solche Dinge reden zu hören. So galt ich noch mit 15 Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen Kameraden für „unschuldig“; an den Klapperstorch glaubte ich ja nicht gerade mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen des Unterschiedes der Geschlechter und von irgend welchen sexuellen Beziehungen. Natürlich verstand ich auch nichts von den bekannten Witzen, die über dieses Thema gemacht wurden, was am meisten dazu beitrug, den Ruf meiner „Unschuld“ zu verbreiten.
In dieser Zeit, ich war 17 Jahre, faßte ich eine eigenartige Zuneigung zu einem meiner Mitschüler, dem Primus der Klasse; ich war nicht so befreundet mit ihm, wie mit meinen speziellen Schulfreunden, und doch hatte ich immer eine ganz besondere Freude daran, einmal mich länger mit ihm zu unterhalten, auf dem Schulhofe mit ihm zusammen zu gehen, oder gar einmal in der Stunde neben ihm zu sitzen. Gerade dies erreichte ich zu meinem Schmerz nur sehr selten, fast immer saß ich dritter, also noch ein anderer zwischen uns, und ich mußte mich begnügen, ihn so oft wie möglich anzusehen, wobei ich mir Mühe gab, das von ihm nicht bemerken zu lassen. Überhaupt nahm ich mich aufs äußerste in acht, daß niemand meine Beziehungen zu ihm, die übrigens völlig einseitig waren und blieben, bemerkte; ich wußte es damals nicht und weiß mir auch jetzt noch keinen rechten Grund dafür anzugeben, warum ich meine Zuneigung jedem Menschen gegenüber und besonders vor dem Geliebten selbst geheim hielt. Ich hatte wahrscheinlich das richtige Gefühl, doch nicht verstanden zu werden, und außerdem war ich mir meines Zustandes selbst nur ganz dunkel bewußt, ich hätte wohl gar nicht aussprechen und in Worte fassen können, was ich da eigentlich dachte und fühlte. Und doch war es so herrlich schön, sich vorzustellen, wenn wir beide so recht sehr befreundet wären, immer zusammen sein könnten, die Schularbeiten gemeinsam machten und uns nie zu trennen brauchten. Und wenn ich dann abends im Bett lag, malte ich mir alle möglichen Ereignisse aus, die eintreten müßten, damit wir recht eng befreundet werden könnten; da konnte doch z. B. sein Haus abbrennen, dann würde er keine Wohnung haben, und ich würde ihn auffordern, bei uns zu wohnen; und dann würde er sogar bei mir im Bett schlafen, so daß ich ihn so recht fest umarmen und an mich drücken könnte, um ihm zu zeigen, wie lieb ich ihn habe.
Wohlgemerkt: Diese Gedanken kamen mir und erfüllten mich mit größter Seligkeit, ohne daß ich eine Ahnung hatte von den sexuellen Beziehungen der Geschlechter. Mein Gemüt war vollständig rein, unverdorben durch unsaubere und schmutzige Geschichten, wie sie andere Großstadtkinder oft allzu früh zu hören bekommen, meine Phantasie war nicht erregt durch derartige Dinge. Und dennoch kamen mir diese „unsittlichen, unzüchtigen“ Vorstellungen? Nein, es lag nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, konnte gar nicht darin liegen, und diese Tatsachen, die ich an mir selbst erlebt habe, die ich gefühlt und gedacht habe mit meinem innersten Herzen, sind mir der sicherste und unumstößlichste Beweis dafür, daß in der Homosexualität an sich keine Spur von dem enthalten ist, was Unwissenheit und Unkenntnis hineinlegen wollen. Es sei denn, daß man das Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht, daß man die natürliche Weltordnung anzutasten versucht, indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche Liebe gleich mit verdammen. — Jetzt weiß ich, daß das, was sich damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen Herrlichkeit gänzlich erfüllt war.
Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner Liebe ein männliches Wesen war, so ist es bei mir bisher geblieben. Wenn andere „normale“ Männer auf der Straße ein hübsches Mädchen sehen, so blicken Sie sich unwillkürlich danach um; mir ergeht es genau so mit schönen Jünglingen, denen ich ebenso unwillkürlich nachsehe. Trete ich in eine Gesellschaft, komme ich auf einen Ball &c., so geschieht es oft, daß mir ganz unbewußt irgend einer der jungen Leute, den ich nicht kenne, auffällt, und ich ertappe mich nachher dabei, daß ich fortwährend darauf geachtet habe, was der Betreffende tut, mit wem er tanzt &c. &c.
Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelöst durch eine andere größere Leidenschaft, die mich zu einem anderen Mitschüler ergriff, der zwar ein ganzes Jahr älter war als ich, aber in einer tieferen Klasse saß. Ich kann mich darauf besinnen, wie ganz allmählich die ersten Zeichen dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich jede mögliche Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein: auf dem Schulhofe, auf der Straße, bei den Turnspielen u. s. w. Und dabei war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr reger werden zu lassen; nicht nur, daß er in einer anderen Klasse war, sondern es gab auch eigentlich gar keine gemeinsamen Interessen zwischen uns, wir hatten keine gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise meiner nächsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffälliger mußte es sein, wenn ich mich mit ihm näher befreundete, und ich suchte die verschiedensten Vorwände, diese Annäherung zu erklären, nicht nur vor anderen, sondern besonders vor mir selbst, der ich noch immer nicht ahnte, was in mir vorging. Aber gerade in dieser Zeit, ich war 18 Jahre, ging mir das Licht über die wahre Bedeutung der Sache auf, in dieser Zeit, wo ich regelrechte Fensterpromenaden vor seinem Hause machte, die Zeit abpaßte, wann er herauskam, um ihm zufällig zu begegnen, und an nichts anderes dachte als an ihn. Ja, ich wußte bald, ich ihn wirklich und regelrecht liebte, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich nicht den Mut, ja, ich gab mir sogar noch lange Zeit Mühe, es ihn nicht einmal merken zu lassen. Unser Verkehr wurde aber reger, obgleich ich wußte, daß er sich nicht allzu viel aus mir machte; ich benutzte jede Gelegenheit, unsere Beziehungen enger und freundschaftlicher zu gestalten, was auch äußerlich gelang, ohne daß es jedoch trotz größter Anstrengung meinerseits zu einer wirklichen Freundschaft kam. Es lag überhaupt in K.'s Wesen, daß er keine Freunde besaß, und so hatte ich in dieser Zeit eigentlich nur einmal Gelegenheit, die Qualen der Eifersucht kennen zu lernen; doch gerade diese Eifersuchtsanwandlung, die mir ordentlich zu schaffen machte, brachte mir gleichzeitig volle Gewißheit über meine homosexuelle Liebe. Schließlich wurde das Gefühl, das mich zu ihm hinzog, so übermächtig, und ich wurde der Heuchelei vor ihm und vor mir selbst so müde, daß ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer zusammen arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Küssen überschüttete und ihm alles beichtete. Er nahm diesen Ausbruch etwas verwundert, aber doch ganz ruhig hin, jedenfalls ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich handelte.
Die nun folgenden Wochen waren die bisher schönsten meines Lebens, fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm bei allen seinen Schularbeiten, und wenn wir damit fertig waren, saßen wir eng aneinander geschmiegt und sprachen über alles und nichts. Doch es waren leider nur wenige Wochen; denn genau zur selben Zeit stellte sich auch bei meinem K. die Liebe ein — aber nicht zu mir, sondern zu einem kleinen Mädchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu ihm kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzählen, als vonihr, und auf dem Schulwege sprach er mit mir vonihr, und abends ging ich mit ihm fort dahin, wo ersietreffen wollte, und wartete, bis sie kam, sprach ein paar Worte mit ihr, ging ein paar Schritte mit und verabschiedete mich dann, um die beiden allein zu lassen — ich war ja überflüssig. Ich kann nicht gerade sagen, daß ich auch hier eifersüchtig war, im Gegenteil: es floß wohl auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freundin über, dasiees ja war, die ihn glücklich machte. Aber das Herz blutete mir doch, wenn er mir z. B. seine Tagebücher gab, in denen nur vonihrstand, was sie tat und sagte und dachte, und wo ich kaum mal mit einem Worte erwähnt wurde. Am meisten jedoch schmerzte mich, daß er sich energisch weigerte, meine Küsse und Zärtlichkeiten weiter zu dulden; denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, daß meine Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien, weil ich ihn mit allen Mitteln, die mir damals zu Gebote standen, überzeugt hatte, daß meine Liebe zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie die zwischen Mann und Weib, gerade darum behauptete er,ihruntreu zu werden, wenn er sich noch ferner vonmirküssen ließe. „Freunde können wir ja bleiben“, sagte er, „denn ich habe dich ganz gern, aber nicht anders wie andere Freunde wollen wir sein.“
Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahre lang, und ich schmeichle mir, wenigstens in der ersten Zeit einen recht guten Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben; nicht nur, daß ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondern ich versuchte auch, ihm etwas höhere Interessen beizubringen, als er sie leider besaß, ihn zu veranlassen, sich auch mit wissenschaftlichen, politischen &c. Fragen zu beschäftigen, auf die ihn die Erziehung, die er gehabt hatte, das Milieu, in dem er lebte, und seine eigene Interesselosigkeit bisher nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu ihm blieb lange Zeit mit unverminderter Stärke bestehen, und noch heute bin ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt.
Im Laufe dieser Jahre bin ich allmählich auf meine Veranlagung aufmerksam geworden, zuerst wohl nach der negativen Seite hin. Wenn meine Mitschüler allmählich anfingen, von ihren Liebsten zu erzählen, deren Namen in die Schulbänke einzukratzen, bei jeder Gelegenheit ihnen Ansichtskarten zu schreiben, so dachte ich zunächst, besonders da ich immer einer der Jüngsten in der Klasse war, das würde mit der Zeit bei mir auch noch kommen. Und dabei ahnte ich nicht, daß die Zuneigung zu meinem K. nichts anderes als wirkliche, wahrhaftige Liebe war, stärker vielleicht und tiefer, als sie die meisten anderen zu ihren Mädels empfanden. Erst durch einige Analogieen, die mir zufällig auffielen, kam nur eine Ahnung des wahren Sachverhalts. Wie jeder richtig Verliebte machte ich meine Fensterpromenaden, ging täglich, so oft wie möglich, und wenn es die größten Umwege kostete, anseinemHause vorbei und war glücklich, wennermal am Fenster stand. So dämmerte es in mir auf, und nun einmal aufmerksam geworden, unwillkürlich weitere Anhaltspunkte suchend, kam ich bald zur Klarheit über mich. Ich entsinne mich z. B. noch genau, welch tiefen Eindruck es auf mich machte, als meine Mutter einmal scherzend zu mir sagte: „Paul, Paul, wer immer so allein spazieren geht, der ist verliebt“; ich hatte ja tatsächlich meinen Bruder nur darum nicht mitnehmen wollen, um, wenn ichihntreffen sollte, allein mit ihm zu sein.“
„Feste Verhältnisse“ homosexueller Männer und Frauen, oft von sehr langer Dauer, sind in Berlin etwas ganz außerordentlich Häufiges.
Man muß an vielen Beispielen wahrgenommen haben, mit welcher Innigkeit in solchen Bündnissen häufig der eine an dem anderen hängt, wie sie für einander sorgen und sich nach einander sehnen, wie sich der Liebende in die ihm oft so fern liegenden Interessen des Freundes hineinversetzt, der Gelehrte in die des Arbeiters, der Künstler in die des Unteroffiziers, man muß gesehen haben, welche seelischen und körperlichen Qualen diese Menschen nicht selten infolge Eifersucht erleiden, wie ihre Liebe alles überdauert und alles überwindet, um allmählich inne zu werden, daß kein „Fall widernatürlicher Unzucht“ vorliegt, sondern ein Teil jener großen Empfindung, die nach der Ansicht vieler dem Menschendasein erst Wert und Weihe giebt.
Ich behandelte einst eine adelige Dame, die seit einer Reihe von Jahren mit einer Freundin zusammen lebte, an einem schweren Nervenleiden. Weder vorher noch nachher habe ich in meiner Krankenpraxis ein so liebevolles Aufgehen eines Gesunden in einen Kranken gesehen, wie in diesem Fall, weder unter Ehegatten, noch selbst bei Müttern, die sich um ihre Kinder bangten. Die gesunde Freundin war keine angenehme Mitbürgerin, sie hatte viel Rücksichtsloses und Eigenwilliges, wer aber diese wahrhaft ergreifende Liebe und Sorgfalt sah, dieses unablässige Bemühen bei Tage und bei Nacht, hielt ihr um dieses starken und schönen Gefühls willen vieles zu gute. Sie war mit ihrer Freundin tatsächlich wie verwachsen, berührte man ein schmerzhaftes Glied der Kranken, so zuckte sie reflektorisch zusammen, jedes Unbehagen der Leidenden spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, mangelhafter Schlaf und schlechter Appetit übertrugen sich auf die gesunde Freundin. Der Fall war übrigens auch dadurch bemerkenswert, daß auch das Personal der Patientin, sowohl die Krankenschwester, wie das Dienstmädchen, einwandfrei urnisch waren.
Unweit diesem Paare lebte ein anderes. Er war Referendar, sein etwa 18jähriger Freund Damenschneider. Dieser war so feminin, daß ich dem Referendar einmal bemerkte, so gut wie in dieses Neunzehntel-Weib hätte er sich doch auch in ein ganzes Weib verlieben können. Unter anderem war seine Stimme so weiblich, daß, wenn er telephonisch nach mir verlangte, was im Interesse seines Freundes einige Male vorkam, mein Sekretär stets meldete. „Eine Dame wünscht sie zu sprechen.“ Beide lebten in großer Harmonie, tags ging jeder seinem Berufe nach, der eine auf das Gericht, der andere in die Schneiderwerkstatt. Als der Referendar Berlin verließ, nahm er den Freund mit sich. Dieser hatte zuvor seinen Vater, einen biederen Berliner Handwerker, um eine aufklärende Unterredung gebeten, bei der, wie er mir schamhaft erzählte, das Zimmer verdunkelt werden mußte. Der Vater war garnicht verwundert, er habe schon längst ähnliches vermutet, und erklärte sich mit allem einverstanden.
Der kleine Damenschneider hatte einen Arbeitskollegen, der nicht minder mädchenhaft war, wie er selbst. Ihr Beruf ist mehr wie irgend ein anderer in Berlin von urnischen Elementen durchsetzt. Dieser Kollege verliebte sich in den Bruder des Referendars, einen Ingenieur, der kurz vorher wegen unglücklicher Liebe zu einem Studenten einen ernsthaften Selbstmordversuch unternommen hatte. Als er schwer verletzt im Krankenhause lag, hatten sich die beiden gleichveranlagten Brüder, die bis dahin nichts von einander wußten, zu erkennen gegeben. Allmählich entwickelte sich nun zwischen dem Ingenieur und dem anderen Damenschneider ein zweites Liebesbündnis, und es entbehrte nicht einer gewissen Drolligkeit, wenn die beiden schön und stark gewachsenen Brüder mit ihren Schneiderlein Willi und Hans — nicht viel anders wie andere mit ihren Putzmacherinnen — am Sonntag den Grunewald durchstreiften.
Daß sich die Eltern mit der urnischen Natur, ja sogar mit dem homosexuellen Leben ihrer Kinder abfinden, ist in Berlin durchaus nichts Seltenes.
Vor kurzem wohnte ich auf einem Berliner Vorortkirchhof der Beerdigung eines alten Arztes bei. Am offenen Grabe standen der einzige Sohn des Verstorbenen, zur Rechten die bejahrte Mutter, an der andern Seite der zwanzigjährige Freund, alle drei in tiefster Trauer. Als der Vater, bereits über 70 Jahre alt, vom Uranismus seines Sohnes hörte, war er der Verzweiflung nahe, er suchte mehrere Irrenärzte auf, die ihm mancherlei raten, aber nicht helfen konnten. Dann vertiefte er sich selbst in die Litteratur über den Gegenstand und erkannte mehr und mehr, daß sein Sohn, den er über alles liebte, von Geburt an homosexuell gewesen war. Bei seiner Niederlassung hatte er nichts dagegen, daß er den Freund zu sich nahm, ja die guten Eltern übertrugen ihre volle Liebe auf den jungen Mann, der aus einfachstem Stande hervorgegangen war. Beide hatten auf einander sichtlich einen guten Einfluß; während sie einzeln nur schwer imstande gewesen wären, vorwärts zu kommen, gelang es ihnen zu zweit vortrefflich, indem das Wissen und die Liebenswürdigkeit des einen in der Energie und Sparsamkeit des anderen ihre Ergänzung fanden.
Auf dem Sterbelager nahm der alte Doktor von seiner Frau und seinen „beiden Jungen“ Abschied und der Anblick dieser drei Menschenkinder, wie sie unter den Klängen des Mendelsohnschen Liedes: „Es ist bestimmt in Gottes Rat“ ihre Tränen und Trauer vereinigten, griff ungleich tiefer in die Seele, als die Rede des jungen Pfarrers, der in schrillem Tonfall die Taten des ihm gänzlich unbekannten Toten pries.
Nicht vereinzelt kommt es in Berlin vor, daß urnische Junggesellen sich bei den Familien ihrer Freunde einmieten und dort wie Angehörige des Hauses angesehen werden. Es gibt Mütter, selbst wissende, die oft in überschwänglicher Weise das Glück preisen, daß ihr Sohn einen so großartigen Freund, ihre Tochter eine so ausgezeichnete Freundin gefunden; diese Freundschaft sei ihnen viel lieber, als wenn sich ihr Sohn mit Mädchen herumtreibe, ihre Tochter sich von Männern den Hof machen ließe. Verstieg sich doch einmal eine Mutter, die mich wegen eines geschlechtlich infizierten Sohnes aufsuchte, zu dem merkwürdigen Ausspruch: „Ich wünschte, mein zweiter Sohn wäre auch homosexuell.“ Manchmal liebt der Freund den Sohn des Hauses und wird von der Tochter geliebt, wie überhaupt zwischen den verschiedenen normalsexuellen und homosexuellen Personen desselben Kreises hie und da ganz sonderbare Verwicklungen vorkommen. Für den Psychologen und Schriftsteller, welcher das urnische Moment in den Beziehungen der Menschen untereinander zu erkennen weiß, erweitern sich dadurch die der Beachtung und Darstellung würdigen Konflikte in ungeahnter Weise.
Ich kannte in Berlin einen Uranier, der die Schwester eines Jünglings heiratete, nur um mit dem Bruder oft und unauffällig zusammen sein zu können. Die Ehe, welche in Wirklichkeit keine war, ging nach einigen Jahren auseinander, nachdem der normalsexuelle Bruder seinen Schwager — nicht etwa im Bösen, sondern im Guten — um sein ganzes beträchtliches Vermögen gebracht hatte.
Ein anderer Homosexueller liebte einen Mann, welcher mit einem Mädchen ein inniges Liebesverhältnis anknüpfte. Der Urning war auf das Mädchen sehr eifersüchtig, und auch diese war auf den Freund, der ihren Geliebten so viel in Anspruch nahm, nicht gut zu sprechen. Der Mann aber hielt auch dem Mädchen nicht die Treue und bereitete ihr ebenso wie dem Freunde durch seine leichtsinnigen Streiche vielen Kummer. Beide kannten sich nicht persönlich. Eines Morgens aber kam das Mädchen zu dem Urning, um ihm mitzuteilen, daß dem Freunde während der Nacht ein schwerer Unfall zugestoßen sei. Die gemeinsame Sorge machte sie allmählich zu Freunden. Da entzweite sich der Mann und sein Mädchen, sie war bitterböse und schien unversöhnlich, er aber hielt es vor Sehnsucht nicht aus, es trieb ihn immer wieder zu ihr, sie aber wies ihm die Türe. Schließlich wandte er sich hilfeflehend an seinen urnischen Freund, und dieser, der sich schon im stillen gefreut hatte, daß das so quälende Liebesverhältnis zu Ende sei, ging zu dem Mädchen und versöhnte beide.
Solche und ähnliche Falle könnte ich aus der lebendigen Quelle des Berliner Lebens in großer Zahl berichten — doch wir wollen jetzt von dem Leben und Leiden einzelner Urninge zu dem Leben und Treiben urnischer Gruppen übergehen.
Denn wenn auch viele Uranier in selbstgewählter Einsamkeit leben, die nirgends so erreichbar ist, wie in weltstädtischer Menschenfülle, andere wiederum sich ausschließlich einer einzigen Person widmen, so ist doch die Zahl derer nicht minder groß, welche mit anderen homosexuellen Personen und Kreisen Fühlung suchen, und auch hier bietet sich in Berlin überreichliche Gelegenheit.
Es ist recht bedauerlich, daß sich manche Urninge, die durch ihr Wesen und Wissen jedem Kreise zur Ehre gereichen würden, schließlich in normalen Gesellschaften überhaupt nicht mehr wohl fühlen. Die erheuchelten Komplimente und Interessen, die ihnen besonders häufig zuerteilten Damentoaste werden ihnen immer peinlicher, und wenn sie einmal die Geselligkeit kennen gelernt haben, in der sie sich frei geben können und Verständnis finden, ziehen sie sich aus andern Kreisen mehr und mehr zurück.
Daß gesellige Leben der Urninge untereinander pulsiert in Berlin in mannigfacher Gestaltung, sowohl in geschlossenen, als auch in allgemein zugänglichen Zirkeln ungemein lebhaft. Größere und kleinere Gesellschaften von Homosexuellen für Homosexuelle sind zu jeder Jahreszeit, namentlich aber im Winter, an der Tagesordnung.
Vielfach beschränken sich dieselben auf eine bestimmte soziale Schicht, auf gewisse Stände und Klassen, doch werden die Grenzen schon um der Freunde willen bei weitem nicht so streng innegehalten, wie dies bei Normalsexuellen üblich ist. Mancher Urning würde nichts so übel nehmen, als wenn man seinem Freunde, und sei er noch so einfachen Herkommens, die gesellschaftliche Ebenbürtigkeit absprechen würde.
Ich werde in Anerkennung meiner Arbeit für die Befreiung der Homosexuellen oft ersucht, Gesellschaften gleichsam als Ehrengast beizuwohnen, und wenn ich auch nur einen kleinen Teil dieser Aufforderungen annehme, so haben sie mir doch einen genügenden Einblick in das gesellige Leben der Berliner Urninge verschafft.
Einmal war ich in besagter Eigenschaft auf einer Gesellschaft unter lauter homosexuellen Prinzen, Grafen und Baronen. Außer der Dienerschaft, die nicht nur in Bezug auf die Zahl, sondern auch in Hinsicht auf ihr Äußeres besonders sorgfältig ausgewählt schien, unterschied sich die Gesellschaft in ihrem Eindruck wohl kaum von Herrengesellschaften derselben Schicht. Während man an kleinen Tischen sehr opulent speiste, unterhielt man sich anfangs lebhaft über die letzten Aufführungen Wagnerscher Werke, für welche fast alle gebildeten Urninge eine auffallend starke Sympathie hegen. Dann sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht über Politik, um allmählich zum Hofklatsch überzugehen. Sehr eingehend verweilte man beim letzten Hofball, auf dem das Erscheinen des jungen Herzogs von X. viele Urningherzen hatte höher schlagen lassen, man schwärmte von seiner blauen Uniform, von seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit und berichtete, wie man es erreicht hätte, seiner königlichen Hoheit vorgestellt zu werden. Dann erzählte man sich Anekdoten über abwesende Urninge der Hofgesellschaft, von denen mir eine, die besonders herzhaft belacht wurde, im Gedächtnis geblieben ist. Ein Fürst war kurz zuvor bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur er so wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner Umgebung, zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens unerwartet früh aufgestanden, um sich im Schloßgarten zu ergehen. Als er den Korridor kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der zu so zeitiger Stunde nicht auf diese Begegnung vorbereitet war, in einem höchst sonderbaren Anzuge oder besser Aufzuge; der allseitig sehr abgerundete Gutsherr trug eine rotsammtene, mit Blumen und Spitzen reichbesetzte Matinée. Der Anblick dieser Gewandung war so komisch, daß der fürstliche Besucher in einen förmlichen Lachkrampf verfiel.
Eine andere Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Sälen eines der vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlhabender Uranier feierte sein Namensfest. Es waren mit geringer Ausnahme nur Freundespaare zugegen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammenlebten; jeder führte sein „Verhältnis“ zu Tisch. Dem Festmahl ging im Nebensaal auf einer aufgeschlagenen Bühne eine Theatervorstellung voraus, bei der ausschließlich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Soloscherzen trug der Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene als Falstaff aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man Nestroys Wiener Posse: „Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin“. Alle weiblichen Rollen, an denen es in diesem Stücke nicht fehlt, lagen in den Händen femininer Urninge, namentlich erregte ein bekannter Baron in der Titelrolle durch seine natürliche Darstellungsweise stürmische Heiterkeit. Nach dem Diner folgte Tanz, und trotzdem die Weine reichlich flossen, geschah nichts Indezentes. Da einige Gäste in Damentoilette waren, machte man sich den harmlosen Spaß, Urningen, die sich besonders männlich vorkamen, weibliche Kleidungsstücke, wie Hüte und Shawls anzulegen; manche machten gute Miene zum bösen Spiel, andere aber wurden recht verdrießlich, denn man findet Urninge, denen alles, was zum Weibe gehört, so wenig zusagt, daß ihnen der Gedanke, selbst Weibliches an sich zu haben, unerträglich ist.
Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind Gesellschaften in Berlin sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein Beispiel ans der Erinnerung heraus. Ein mit Glücksgütern nicht sehr gesegneter Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen Vorortskneipe hatten sich die Geladenen, darunter seine zwei normalsexuellen Brüder, eingefunden. Man tat sich an Bockwürsten, Kartoffelsalat und Schweizerkäse gütlich, während der Sohn des Wirtes die Gassenhauer des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde“, auch „Herr Schwan geborene Hilde“ genannt, ein bekannter Berliner Urning, auf. Er stellte eine Berliner Köchin, welche zum Theater gehen wollte, dar und wirkte besonders belustigend, als er zum Schluß die Barfußtänzerin Isadora Duncan parodierte. Ein Damenimitator niedrigster Gattung, der zufällig im Vorraum der Wirtschaft saß, wurde gebeten, sein Repertoire vorzutragen. Dazwischen trat ein echter Mann auf, ein Kohlenträger vom Landwehrkanal, ein „schwerer Junge“, mit tätowierten Armen, glattangelegtem Scheitel, gestricketem Sweater und jener eigentümlichen Mischung von Plumpheit und Grazie, wie sie den Arbeitern dieser Gattung eigen zu sein pflegt. Er sang eine große Reihe nicht eben dezenter Lieder im Berliner Volkston, ohne eine Spur von Stimme, mit vielen Sprachfehlern, jeden Satz unterstützt von grotesken Bewegungen, denen zwischen den Versen Drehungen des Körpers folgten, alles in seiner Ungeschicklichkeit so zusammenpassend, daß es nicht ohne Wirksamkeit war. Allmählich rückte man Tische und Stühle bei Seite und ging zum Tanze über, bei dem sich eine Episode von schwer wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mitten im Tanzen war, trat plötzlich — die Polizeistunde war längst überschritten — ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene ein. Nur einen Augenblick stockte die fröhliche Stimmung, dann faßte einer der Anwesenden — ein urnischer Musiker — den Schutzmann rasch entschlossen um die Taille und walzte mit ihm los. Dieser war so verblüfft, daß er kaum Widerstand entgegensetzte, eifrig mittanzte und sich bald mit dem Wirtssohn und dem Kohlenträger in die Rolle des begehrtesten und aufgefordertsten Tänzers teilte.
Es gibt natürlich auch viele urnische Gesellschaften, die einen ungleich ernsteren Charakter tragen. So sammelte ein alter Berliner Privatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um sich in seinem künstlerisch ausgestatteten Heim. Es waren meist zehn bis zwölf Herren aus akademischen Ständen zugegen, von denen nur zwei bis drei nicht homosexuell waren. Der Alte, welcher seine Gäste mit schweren Südweinen, Austern, Hummern und ähnlichen Leckerbissen bewirtete, hatte noch Alexander v. Humboldt und Iffland gekannt, war mit Hermann Hendrichs und Karl Ulrichs befreundet gewesen und schien unerschöpflich in der Wiedergabe seiner Erinnerungen. Die Gespräche berührten fast ausschließlich das homosexuelle Problem. Da debattierte ein jüngerer katholischer Geistlicher mit einem schon ergrauten evangelischen Pfarrer über Uranismus und Christentum; mehrere Philologen stritten sich über Shakespeares Sonette, während die Juristen und Mediziner die Frage erörterten, inwieweit sich der § 51 des R.-St.-G.-B., welcher von dem Ausschluß der freien Willensbestimmung handelt, schon jetzt zu Gunsten der Homosexuellen verwenden ließe.
Den ernstesten Charakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge tragen die am Weihnachtsheiligabend veranstalteten Zusammenkünfte. Mehr als an jedem anderen Tage fühlt an diesem Feste des Familienglücks der urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele würden den Abend noch trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht stets einer oder der andere wäre, der die Heim- und Heimatlosen um sich sammelte.
Ich greife auch hier ein Bild aus der Großstadt heraus.
Schon am Tage vor dem Fest hatte der Hausherr den Weihnachtsbaum, eine große Silbertanne, selbst geschmückt; alles Bunte wurde vermieden, zwischen den weißen Wachskerzen sind Silberguirlanden, Eiszapfen, Schneeflocken, Glaskugeln und Engelhaar, das sich wie Spinngewebe von Ast zu Ast zieht, geschmackvoll angebracht, und hoch am Wipfel ist ein großer Silberstern befestigt, auf dem ein Posaunenengel im lichten Tüllgewand „Friede den Menschen auf Erden“ verkündigt. Dann wurden die kleinen Geschenke fein säuberlich in Seidenpapier geschlagen und um den Baum herumgelegt, für jeden etwas: ein Kalender, ein Buch, ein kleiner Schmuckgegenstand, wohl gar ein Kettenring, ein Taschenspiegel, eine Schnurrbartbinde. In der Frühe des Vierundzwanzigsten hat der Hausherr das große Tischtuch von feinstem Leinen aus dem Schranke hervorgeholt, mit dem Diener die Tafel gedeckt, das Silber verteilt, die Servietten gefaltet, mächtige Obstschalen gefüllt, jeden Teller mit einem Blumensträußchen versehen und vor den Kristallgläsern zierliche Tischkarten gelegt. Dabei kommt man manchmal bei diesem ober jenem der Eingeladenen in nicht geringe Verlegenheit, wenn man sich seines wirklichen Namens nicht entsinnen kann. Man hat ihn das ganze Jahr mit einem weiblichen Spitznamen angeredet, von dem man aber an diesem Abend gern Abstand nehmen möchte.
Noch eine zweite Tafel wird im Korridor gedeckt, dort sollen die Kinder und das Dienstpersonal ihr Weihnachtsmahl einnehmen — jawohl die Kinder — ein seltener Anblick im Urningsheim. Man hat nämlich zur Bescheerung die zwei Kleinen der Waschfrau und die drei Enkel des Portiers geladen. Es wird Wert darauf gelegt, daß am Nebentisch dieselben Gerichte wie an der Haupttafel genossen werden und daß auch hier alles recht feierlich aussieht.
Der Beginn ist erst auf 8 Uhr festgesetzt, da einige vorher in einem verwandten oder befreundeten Hause der Bescheerung angewohnt haben, ehe sie in den Kreis ihrer Freunde kommen. Endlich, als alle eingetroffen, verschwindet der Hausherr in den bis dahin verschlossenen Salon, zündet die Kerzen an, wirft noch einen Blick auf die Geschenke und ruft zunächst die Kinder und jenen Gast herein, der ihre Weihnachtslieder am Klavier begleiten soll. Nun werden die Doppeltüren geöffnet, und hell tönen die Kindergesänge von der stillen, heiligen Nacht und der seligen, fröhlichen Weihnachtszeit.
Tiefer Ernst liegt auch auf allen Zügen, in manchem Auge blinkt eine Träne, selbst die „lange Emilie“, der sonst immer lustige Damenkonfektionär, kann seine Rührung nicht bemeistern. Weit, weit zurück ziehen die Gedanken der Uranier in jene Zeiten, in denen ihnen dieser Tag auch ein Familienfest war, als noch nichts gemahnte, daß ihr Geschick sich so ganz anders gestalten würde, wie das der längst verheirateten Geschwister; erst ganz allmählich öffnete sich die Kluft, die sie von den Ihren trennte, dann kamen die langen Jahre, wo sie diesen Abend friedlos und freudlos im Restaurant oder bei „einem guten Buch“ im „möblierten Zimmer“ verbrachten. Manche gedenken ihrer zerstörten Hoffnungen, was hätten sie leisten können, wenn sich nicht alte Vorurteile ihrer Laufbahn hindernd in den Weg gestellt hätten, und andere in angesehenen Stellungen gedenken der schwer auf ihnen lastenden Lebenslüge! Viele gedenken der Eltern, die tot oder für die sie tot sind, und alle in inniger Wehmut des Weibes, das sie über alles liebte und das sie über alles liebten — ihrer Mutter.
Jetzt sind die Kinderstimmen verklungen, man reicht sich die kleinen Gaben, beschenkt besonders reichlich die Kinder und die Dienstboten und setzt sich zu Tisch. Die Tafelgespräche sind nicht so fröhlich wie sonst; man spricht von dem guten X., der letztes Jahr noch am heiligen Abend teilnahm, und den nun auch schon die Erde deckt.
Langsam läßt die Spannung nach, der Ton wird etwas heiterer, aber der ernste Unterton bleibt, und über dem ganzen Abend ruht ein Hauch weltschmerzlicher Sentimentalität.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! Wann endlich“ — so schrieb mir vor einigen Jahren ein Homosexueller am Weihnachtsheiligabend — „Wann endlich wird man erkennen, daß auch zu uns der Erlöser kam, daß auch wir nicht ausgeschlossen sein sollten von seiner gütigen, edlen, barmherzigen, allumfassenden Liebe?“
Es war in der Frühe des letzten Weihnachtsmorgens, als ich zu einem urnischen Studenten im Westen Berlins gerufen wurde, von dem es hieß, daß er in der Nacht einen Tobsuchtsanfall gehabt hätte.
Als ich zu ihm kam, bot sich mir ein furchtbarer Anblick; das ganze Zimmer war erfüllt von Scherben und Möbelstücken, zerrissenen Tüchern, Büchern und Papieren, alles mit Blut, Tinte und Petroleum vermischt. Vor dem Bette befand sich eine große Blutlache, und auf der Bettstatt lag ein junger Mann mit wachsbleichem Gesicht, aus dem seltsam tiefe, flammende Augen hervorleuchteten, schwarze Strähnen umgaben die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge. Um Stirn und Arme waren blutdurchtränkte Lappen geschlungen.
Er hatte sich wegen seines Uranismus mit seinem strengen Vater, einem angesehenen Bürger Berlins, überworfen, keiner gewann es über sich, dem andern gute Worte zu geben, und nun war er am Heiligabend, dem ersten, den er fern von der Familie verlebte, herumgeirrt durch die menschenleeren Straßen der Millionenstadt. Von der Gegenseite der Straße hatte er, in einem dunklen Gange sich herumdrückend, die glänzenden Lichter in der Wohnung der Eltern gesehen, das Lachen der jüngeren Geschwister war an sein Ohr gedrungen, und für einige Augenblicke schaute er die Umrisse der Mutter, die während des Kinderjubels sinnend ihre Stirn an die Fensterscheiben lehnte.
Als sie oben die Lichter löschten, war er in die nächste Budike gegangen, hatte an einem abgelegenen Ecktisch ein Schnapsglas nach dem andern geleert, in einer zweiten und dritten Destille das Gleiche getan und in verödeten Kaffeehäusern für schwarzen Kaffee mit Kirsch sein letztes Geld verausgabt.
Nachdem er dann in der kalten Winternacht heimgekehrt und die vier Treppen im Hofe heraufgewankt war, hatte sich seiner ein ungeheurer Erregungszustand bemächtigt. Er hatte alles zertrümmert und die brennende Lampe zerschlagen in der Erwartung, daß er sich an geöffneten Pulsadern verbluten würde. Ein von den Wirtsleuten eilends herbeigerufener Arzt hatte durch die Türspalte gelugt und rasch ein Attest zur Überführung in die Irrenabteilung der Charité geschrieben.
Ein Freund des Kranken holte mich zu ihm; ich wusch und verband ihm an jenem Weihnachtsvormittag eine Wunde nach der andern; er klagte nicht und sprach kein Wort, aber die flammenden Augen sprachen und die blassen Lippen sprachen und jede einzelne Wunde sprach von seinem tiefen Leide und der hohen, heiligen Aufgabe derer, die an dem Befreiungswerke der Uranier arbeiten. —
Neben den Privatgesellschaften, Diners, Soupers, Kaffees, 5 Uhr Thees, Picknicks, Hausbällen und Sommerfesten, die die Berliner Homosexuellen in nicht geringer Menge veranstalten, sind die Jours fixes zu erwähnen, von denen jeden Winter einige von Urningen und Uranierinnen für ihre Freunde und Freundinnen eingerichtet werden.
Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang bei einem urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang und Stand erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in Tee und Gebäck, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten Winter war es besonders derJourfixe eines urnischen Künstlers, der sich großer Beliebtheit erfreute. Der überaus gastfreundliche Wirt empfing seine Gäste, unter denen sich viele homosexuelle Ausländer, namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen Ländern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einer Art Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Prinzeßrobe und Amtsrobe. Die Musikvorträge, zumal die Gesänge des Hausherrn in Baryton und Alt und das Klavierspiel eines dänischen Pianisten standen künstlerisch auf der Höhe. Man sah dort regelmäßig einen österreichischen Studenten der Chemie, der stets schweigsam und ernst dasaß, sich aber sichtlich unter Seinesgleichen wohl fühlte, da er immer wiederkam. Im Frühjahr, als die Zusammenkünfte zu Ende waren und der Russe Berlin verließ, ging jener Student eines Abends in eine Urningskneipe und ließ sich vom Klavierspieler Koschats „Verlassen“ spielen; als die melancholische Weise erklang, nahm er unbemerkt ein Stückchen Cyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos zu Boden streckte. „Selbstmord aus unbekannten Gründen“ verzeichnete der Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen, wie er sich in Berlin nur allzu oft ereignet.
Nicht immer ist die Homosexualität die direkte Ursache, aber fast stets ist der indirekte Zusammenhang zwischen der Homosexualität und dem gewaltsamen Ende leicht nachweisbar. Da ist ein urnischer Offizier, im Kadettenkorps erzogen, mit Leib und Seele Soldat, er hatte sich außerdienstlich eine homosexuelle Handlung zu Schulden kommen lasten, sie wurde lautbar, und ein schlichter Abschied war die Folge. Er hat nichts anderes gelernt, als sein Kriegshandwerk, nun sucht er kaufmännische Stellungen, sucht, findet und verliert eine nach der andern, die Familie will nichts mehr von ihm wissen, er steht allein, verliert jeden Halt, sinkt immer tiefer, greift zum Alkohol, zum Morphium und endlich zur erlösenden Waffe. So kenne ich viele Tragödien; erst vor wenigen Wochen endete ein früherer Leutnant auf diese Weise. „Ursache: Schulden“, schrieben die Zeitungen; jawohl, Schulden, aber die Grundursache lag tiefer, es war der Verlauf, wie ich ihn soeben schilderte; — an der Homosexualität war er zu Grunde gegangen.
Vor einigen Tagen nahm ich einem homosexuellen Lehrer, der mich aufsuchte, ein Fläschchen Blausäure fort. Er hatte keine strafbare Handlung begangen, sich nie gleichgeschlechtlich betätigt; er war eben erst in den Schuldienst getreten, als dem Direktor ein anonymes Schreiben zugegangen war, der neue Lehrer sei ein Päderast; der Chef ließ ihn kommen, und auf Befragen gab er zu, homosexuell veranlagt zu sein. Man gab ihm den wohlmeinenden Rat, auf seine Entlassung anzutragen, er tat es, fand aber nicht den Mut, es seiner alten Mutter zu sagen, die gedarbt hatte, damit er Lehrer werden könne. Nun irrte auch er nach Stellung umher in dem großen Berlin, in dem es so viele Stellen, aber so viel mehr Stellenlose gibt.
Es sind gewiß mehr als zwanzig Homosexuelle, die ich im Laufe der letzten acht Jahre vor dem Selbstmord bewahren konnte; ob ich ihnen einen guten Dienst erwies, ich weiß es nicht, und doch erfüllt es mich mit stiller Freude, daß ich ihnen das Leben und sie dem Leben erhalten konnte. —
Einen den geschilderten Jourfixen ähnlichen, wenn auch schon mehr vereinsartigen Charakter tragen die regelmäßigen Zusammenkünfte, wie sie von Homosexuellen an bestimmten Abenden in bestimmten Lokalen veranstaltet werden; auch hier ist es gewöhnlich eine Person, um die sich die anderen gruppieren, nur bewirtet sich jeder aus eigenen Mitteln. Vielbesucht war lange Jahre der Klub „Lohengrin“, welcher sich um einen unter dem Namen „Die Königin“ bekannten Weinhändler zusammenfand. Während hier die Unterhaltung in musikalischen und deklamatorischen Darbietungen bestand, tragen manche dieser Vereinigungen, wie die „Gemeinschaft der Eigenen“, die „Platen-Gemeinschaft“, einen mehr literarischen Charakter. Auch ein Kabaret, das von Urningen geleitet und hauptsächlich von diesen besucht wird, gibt es in Berlin.
Auf allen diesen Veranstaltungen tritt die eigentliche Sexualität genau so zurück wie in den entsprechenden normalsexuellen Kreisen. Das Bindemittel ist lediglich das aus der Gemeinsamkeit der Lebensschicksale sich ergebende Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Haben alle die genannten Gesellschaften einen mehr geschlossenen Charakter, so ist die Zahl derer, die allgemein zugänglich sind, noch viel bedeutender. Daß manche Restaurationen, Hotels, Pensionate, Badeanstalten, Vergnügungslokale, trotzdem sie jedermann offen stehen, fast ausschließlich von Urningen besucht werden, wird weniger merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, daß viel weniger scharf gekennzeichnete Gruppen in Berlin ihre Lokale haben, die fast ganz von ihnen existieren; so gibt es Restaurationen, in denen nur Studenten, nur Schauspieler, nur Artisten verkehren, andere, die nur von Beamten, nur von Kaufleuten bestimmter Waren, von Liebhabern bestimmter Spiele und Sports leben, wieder andere, die nur von Buchmachern, Falschspielern oder irgend einer Verbrecherkategorie besucht werden.
Man kann Lokalitäten unterscheiden, die von Urningen bevorzugt, aber auch von anderen Personen aufgesucht werden, und solche, die lediglich von jenen frequentiert sind. Zu ersteren gehört ein sehr großes Münchener Bierrestaurant der Friedrichstadt, in dem seit Jahren zu bestimmten Stunden stets an hundert Homosexuelle und mehr zu finden sind. Auch in bestimmte Kaffeehäuser ziehen sich die Urninge mit Vorliebe hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten ist; oft sind es Lokale, wo der Wirt oder ein Kellner selbst urnisch sind, meist werden bestimmte Abteilungen der Wirtschaften besonders bevorzugt. Die urnischen Damen treffen sich vielfach in Konditoreien; so befindet sich im Norden der Stadt eine, die täglich zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags von urnischen Israelitinnen zahlreich besucht wird, welche hier Kaffee trinken, plaudern, Zeitungen lesen, Skat und mit Vorliebe Schach spielen.
Im Sommer sind es stets gewisse Gartenlokale, in denen sich die Urninge in großer Zahl einfinden, während sie andere, wenigstens in Gruppen, meiden. In einigen dieser Konzertgärten macht sich neben der weiblichen auch die männliche Prostitution bemerkbar.
In einem der vornehmsten Berliner Konzertlokale war vor einigen Sommern das Treiben der Homosexuellen so arg geworden, daß Kriminalbeamte hinbeordert wurden, um dem rücksichtslosen Gebahren, das nicht schwer genug gerügt werden kann, ein Ende zu bereiten.
Es muß der Berliner Polizei zu ihrem Lobe nachgesagt werden, daßagents provocateursbei ihr außerordentlich selten sind. Es wäre den Beamten gewiß leicht, Homosexuelle herauszufinden, indem sie sich selbst als homosexuell gerierten; es soll dies in früheren Zeiten auch vorgekommen sein; mir ist nur ein Fall bekannt, und zwar spielte sich dieser in dem erwähnten Konzertlokal ab, in dem ein Urning den ihn beobachtenden Kriminalbeamten für Seinesgleichen hielt, glaubte, daß ihm Avancen gemacht würden, und keinen kleinen Schreck bekam, als er auf seine zärtliche Berührung hin arretiert, zur Wache gebracht und später dann auch wegen „tätlicher Beleidigung“ verurteilt wurde.
Neben diesen Lokalen gibt es in Berlin eine ganze Anzahl, die ganz ausschließlich von Urningen besucht werden. Ihre Zahl genau anzugeben, ist sehr schwierig. MedizinalratNäcke1dürfte wohl recht haben, wenn er annimmt, daß in Berlin mehr als zwanzig Urningskneipen vorhanden sind. Immer wieder höre ich gelegentlich in meiner Praxis urnische Restaurationen erwähnen, die mir bis dahin unbekannt waren. Jede dieser Wirtschaften hat noch ein besonderes Gepräge; in der einen halten sich mehr ältere, in einer anderen mehr jüngere, wieder in einer anderen ältere und jüngere Leute auf. Fast alle sind gut besucht, an Sonnabenden und Sonntagen meist überfüllt. Wirte, Kellner, Klavierspieler, Coupletsänger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell.
Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum ersten Male in solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Erschütterung weinen sehen.
In allen diesen Kneipen geht es durchaus anständig zu; hie und da werden sie von der Kriminalpolizei oder deren Geheimagenten kontrolliert, doch hat sich fast nie eine Veranlassung zum polizeilichen Einschreiten ergeben.
Rudolf Presber hat kürzlich in einem Feuilletonartikel unter dem Titel: „Weltstadttypen“ eine anschauliche Schilderung einer solchen Urningskneipe entworfen. Er schreibt:
„Die letzte Station dieser interessanten Nachtfahrt machten wir in einem feineren Restaurant. Hier führen keine ausgetretenen klitschigen Stufen hinunter, sondern sauber gescheuerte Treppen hinauf. Bessere Gegend und ein besseres Haus. Die Ausstattung der Räume behaglich, nicht ohne Wärme. Bilder an den Wänden in goldenen Rahmen. Statt des gräflichen Orchestrions, das kaum in einer der früher gesehenen Kneipen fehlte, neben riesigem Notenpack ein anständiges Klavier. Und davor ein ganz erträglicher Spieler und daneben ein hagerer Jüngling mit sprossendem Bart, mit weibischen Bewegungen und einem gequält süßen Lächeln, einen breitrandigen Frauenhut mit wehendem Schleier auf dem pomadisierten Kopf. Der Jüngling singt — Sopran.... Die beiden Stuben gut mit Gästen gefüllt. Kein schlechtes Publikum, so scheint's. Keiner spuckt auf die Dielen, keiner hat einen Zahnstocher zwischen den Zähnen, keiner säubert sich die Ohren oder kratzt sich die Beine, wie wir's den ganzen Abend über schaudernd genossen. Ein paar würdige alte Herren, ein paar ausrasierte Sportstypen, ein paar Künstler mit gebrannten und gelegten Locken. Dem Harmlosen mag hier zunächst wenig auffallen. Vielleicht nimmt's ihn nur Wunder, daß auch der zweite Sänger — Sopran singt. Vielleicht erstaunt er, daß in keiner der gutgefüllten Stuben ein weibliches Wesen zu sehen ist ... Man trinkt mäßig an sauber gedeckten Tischen. Kein unanständiges Wort wird gesprochen, und die Lieder, die gesungen werden, haben keine zotigen Pointen. Eher scheint das Sentimentale dieser andächtig lauschenden Versammlung zuzusagen. Und als einer der Sopransänger, sich in den Hüften wiegend, als schlenkere er niederfließende rauschende Frauenröcke, ein gar schmelzendes Liedchen beendigt, wendet sich ein an unserem Tisch sitzender, vornehm aussehender Greis an einen von uns, tippt ihn mit ganz leichter Vertraulichkeit auf den Arm und fragt bescheiden, aber mit seltsam leuchtenden Augen: „Gefällt's Ihnen bei uns?“
„Keine Übeltäter hier, keine Verbrecher an der Person, keine Verbrecher am Eigentum. Unglückliche, Entrechtete, die den Fluch eines geheimnisvollen Rätsels der Natur durch ihr einsames Leben schleppen. Menschen, die sich im Kampf des Tages ihre geachtete Stellung erobert haben. Redlich arbeitende, deren Ehrenhaftigkeit niemand anzweifelt, deren Wort und Name seine gute Geltung hat; und die sich doch unter dem Druck eines mittelalterlich grausamen Gesetzesparagraphen scheu und heimlich zusammenfinden müssen, fern von den normalen Glücklichen ihre stets vom Gesetz, von der Verachtung, von der Erpressertücke gefährdeten unbesiegbaren Triebe den Gleichfühlenden einzugestehen.
Im gefunden Herzen ehrliches Mitleid mit diesen Kranken, die eine letzte mittelalterliche Unvernunft den Verbrechern gleichstellt, treten wir hinaus auf die stille Straße. Wolkenlos spannt sich der Sternenhimmel der Julinacht über den mondbeglänzten Dächern. Mit dem riesigen Schlüsselbund rasselnd, schleicht ein Nachtwächter an den lichtlosen Häusern entlang. In einem Torbogen drückt sich ein Liebespaar inbrünstig die Hände. Fern und ferner klingt der Sopran....“
So Presber. — Eine andere Urningskneipe, die wir betreten, besteht aus vier ziemlich großen Zimmern. Es ist schwer Platz zu finden. Im zweiten und vierten Raum stehen Klaviere, in dem einen trägt „die Engeln“ die neuesten Lieder vor, in dem andern wird getanzt, nicht Mann und Weib, sondern Mann und Mann. Sie tanzen mit sichtlicher Hingebung; der weibliche Teil schmiegt sich schmachtend dem männlichen Partner an; die schlechte Musik materialisiert sich förmlich in ihnen; wenn der Klavierspieler abbricht, scheint es, als ob sie aus melodientrunkener Tonseligkeit zu rauher Wirklichkeit erwachen.
Besonders eigenartig sind die Kaffeegesellschaften, wie sie nicht selten in diesen Lokalen stattfinden. Der Wirt, der Coupletsänger oder irgend ein Stammgast feiern ihren Geburtstag und haben diesem Fest zu Ehren ihre „Freundinnen“ zu sich gebeten. Zur festgesetzten Nachmittagsstunde erscheinen die Gäste, meist Urninge des Handwerker- und Arbeiterstandes. Jeder überreicht dem Geburtstagskinde ein Angebinde, eine selbstgefertigte Handarbeit, eine Probe eigener Kochkunst, ein paar künstliche oder natürliche Blumen. Die Begrüßungen sind sehr lebhaft, zierliche Knixe und Verbeugungen, denen sittsame Freundschaftsküsse auf die Wange folgen. Wie sie sich dann drehen und zieren, sich Schmeicheleien sagen, das Herausziehen der Hutnadel, das Aufraffen des Rockes, das Zurechtziehen der Taille, das Hinlegen der nicht vorhandenen Schleppe markieren, sich dann endlich mit den Worten: „Haben Sie schon gehört, meine Teure“ niederlassen, alles das ist von schwer zu schildernder Drolligkeit. Einzelne „Honoratioren“, wie die „Baronin“, die „Direktorin“, die „Chambre separée'sche“ werden besonders freudig und respektvoll begrüßt, die Zuspätkommenden mit launigen Scheltworten empfangen. Eine Stunde später, als man „geladen“, sitzt alles bei Tisch und während sich nun ein Schnattern und Plappern, ein Lachen, Juchzen und Kreischen in so verwirrendem Durcheinander erhebt, daß einem männlichen Gaste angst und bange werden kann, verschwinden mit erstaunlicher Geschwindigkeit Berge von Kuchen und Ströme von Kaffee. Nachdem den Sprech- und Kauwerkzeugen einigermaßen genüge geschehen, werden die mitgebrachten Handarbeiten hervorgeholt, man häkelt, strickt, stickt und näht, zugleich aber tragen die künstlerischen Kräfte, welche in Urningsgesellschaften selten fehlen, mit Gesängen, Deklamationen und Vorträgen zur Unterhaltung bei. Ihren Höhepunkt aber erreicht die Stimmung, wenn das Geburtstagskind unter lautem Beifall aller von einem der Gäste graziös zum Flügel geleitet wird und in wohllautendem Alt mit ebenso viel Sehnsucht, als Unwahrscheinlichkeit sein Lieblingslied: „Ach, wenn ich doch ein Räuber wär'“ zum Besten gibt. Kein Mißklang trübt das harmlose Treiben weniger flüchtiger Stunden, bis die Abendbrotzeit die muntere Schar wieder in alle Winde verscheucht.