III.
Nur zu einer Zeit benimmt sich die Krähe dumm und albern, das ist während der Nacht. Und nur einVogel vermag sie in lähmende Todesangst zu versetzen, das ist die Eule. Deshalb hat, wenn diese zwei Dinge zusammentreffen, die Eule leichtes Spiel. Ertönt nach Eintreten der Dunkelheit ihr fernes Geschrei, so ziehen die geängstigten Krähen die Köpfe unter den Flügeln hervor und sitzen zitternd und elend bis zum Morgengrauen. Oft hat dies bei sehr kaltem Wetter zur Folge, daß einer Krähe ein oder beide Augen erfrieren, und Blindheit und Tod sind dann das Ende; denn Hospitäler für kranke Krähen gibt es noch nicht.
Doch mit dem dämmernden Morgen kehrt auch ihre Tapferkeit zurück, und sich aufraffend durchstöbern sie die Waldungen wenigstens eine Meile im Umkreis, bis der nächtliche Ruhestörer gefunden ist, und wenn sie ihm nicht den Garaus machen, ängstigen sie ihn halb zu Tode und jagen ihn mindestens zwanzig Meilen davon.
Im Jahre 1893 waren die Krähen wie gewöhnlich in Castle Frank erschienen. Einige Tage nach ihrer Ankunft machte ich einen Spaziergang durch den Wald und stieß zufällig auf die Spur eines Hasen, der in vollem Lauf durch den Schnee gerannt war und dessen verzweifelte Seitensprünge bewiesen, daß er verfolgt worden war. Doch höchst sonderbar, die Spur des Verfolgers war nicht zu finden. Ich ging der Fährte nach und traf bald auf einen Tropfen Blut im Schnee, und einige Schritteweiter fand ich die halbaufgezehrten Überreste eines armen kleinen Häschens. Wer der Mörder war, blieb mir ein Rätsel, bis ich bei sorgfältiger Untersuchung einen großen, doppelzehigen Eindruck im Schnee und eine wunderbar gezeichnete braune Feder fand. Nun war mir alles klar – es wareine Steineule.
Eine halbe Stunde später kam ich wieder am gleichen Fleck vorüber und entdeckte auf einem Baume, kaum zehn Schritte von den Knochen ihres Opfers entfernt, die augenrollende Eule. Die Mörderin konnte sich vom Schauplatz ihres Verbrechens nicht trennen, und die unbedeutenden Beweisstücke, die Feder und der Eindruck im Schnee, hatten nicht gelogen. Bei meiner Annäherung ließ sie ein krächzendes »Grrr – ooh« hören und flog mit langsamen, fauchenden Flügelschlägen den fernen, düsteren Forsten zu.
Zwei Tage später beim Morgengrauen war eine ungewöhnliche Aufregung unter den Krähen bemerkbar, und als ich ausging, um die Ursache zu ergründen, sah ich einige schwarze Federn über den Schnee flattern. Ich ging dem Wind entgegen in der Richtung, aus der die Federn kamen, und stand bald vor den blutigen Überresten einer Krähe. Daneben verriet wieder die große Doppelspur die Mörderin – die Eule. Im Umkreise konnte man alle Anzeichen eines hitzigen Kampfes erkennen,aber die Hasenverfolgerin war die stärkere gewesen, und die arme Krähe war von ihrem sicheren Zweig herabgerissen worden, als das Dunkel der Nacht ihr keine Möglichkeit zur Flucht oder Verteidigung bot.
Ich wendete den Leichnam auf die andere Seite und brachte dabei zufällig den Kopf zum Vorschein – ein Ausruf tiefsten Mitleids entfuhr mir. Es war Silberflecks kluges Köpfchen. Sein langes, arbeitsreiches Dasein, das seinem Volke zu unschätzbarem Nutzen geworden, war beendet – er war dahingemordet von der gleichen Eule, gegen die er seinen Schülern Hunderte von Schutzmaßregeln beigebracht hatte.
Das alte Nest am Zuckerhut-Hügel ist nun vollkommen verlassen und zerfallen. Die Krähen kommen im Frühjahr zwar noch nach Castle Frank, aber ohne ihren berühmten General. Ihre Zahl schwindet, und bald wird man sie zwischen den alten Fichten vergebens suchen, wo sie und ihre Voreltern seit Jahrzehnten gelebt, geliebt und gelernt haben.