Entdeckt
Es ist Spätnachmittag. Unter brausendem Hurra der Mannschaft stößt ein beladener Prahm vom Schiff ab und hält auf Land zu. Die schwere rastlose Arbeit der letzten Wochen, die ohne Unterbrechung vom frühen Morgengrauen bis in die Dunkelheit hinein geleistet wurde, ist beendet; die Aufgabe, die Kapitän Sörensen vor mehreren Monaten übernommen hatte, ist ausgeführt. Unter dem Schwarz der Bordwände taucht der rote Bodenanstrich aus dem Wasser, ein aufwärtsstehender Schraubenflügel ist deutlich zu sehen. Die Ladebäume werden aufgetoppt, das Rattern der Dampfwinden ist verstummt. Eine Weile noch zischt der Dampf wie verloren aus den Zuleitungsrohren, dann verraten nur noch die Schrammen und Kratzer an den Bordwänden unter den Luken, welch hartes Arbeiten hier gewesen ist.
War es neben der Tüchtigkeit der Schiffsführung schon ein besonderer Glückszufall, daß beim Durchbrechen der Sperrlinien und während der Fahrt kein feindliches Schiff das Unternehmen zum Scheitern brachte, dann bedeutete es vollends eine ganz unerwartete, große Gunst des Schicksals, daß die »Marie« hier, sozusagen unter den Augen der Engländer, so lange unbehelligt liegen und, was das Wichtigste ist, ihre ganze wertvolle Ladung löschen konnte. Jede Minute aber muß die Entdeckung bringen. Vor dem nicht weit nördlich liegendenLindi ankern sicher häufig englische Schiffe. Bei den zahlreichen zweifelhaften Elementen unter den indischen Händlern ist es sehr leicht möglich, daß das hier im Lande arbeitende englische Gold seine Wirkung tut und sich ein Verräter findet. Wird der Dampfer aber entdeckt, dann gibt es kein Entrinnen mehr. Es heißt daher, so schnell wie möglich auslaufen und die hohe See gewinnen. Wohin es gehen soll, wird sich draußen schon finden; groß ist die Wahl ja nicht. Für die Heimfahrt langen die Kohlen nicht, ein abermaliger Durchbruch durch die Sperrlinien wäre überdies jetzt, wo der Sommer mit seinen langen Tagen und Nächten naht, ein fast aussichtsloses Wagestück. Es muß also ein neutraler Hafen gewonnen werden: Holländisch-Indien, das noch am nächsten liegt und mit seinen zahlreichen Häfen auf Sumatra und Java schon irgendwo Unterschlupf gewähren wird. Fünf Mann der Besatzung gehen von Bord, um in den Reihen der Schutztruppe an der Verteidigung der Kolonie mitzuwirken. Sie werden durch stämmige Suahelis ersetzt.
Der Proviant ist wieder aufgefüllt, Frischwasser an Bord genommen. Dann wird von den in den letzten Wochen so lieb gewordenen Menschen Abschied genommen. Hüben wie drüben ist die Zukunft ungewiß. Dort dringt von allen Seiten der Feind heran, wer weiß, wie lange Widerstand noch möglich sein wird, hier geht es hinaus in See, wo der Gegner jeden Augenblick auftauchen kann. Auf Gnade und Ungnade ist ihm das wehrlose Schiff preisgegeben.
Alles ist klar. Seit Stunden schon brennen die Feuer unter den Kesseln; der Anker ist kurzstag gehievt, so daß er jeden Augenblick aus dem Grunde geholt werden kann. Die Nacht liegt über Land und Fluß. Das mit der Flut in die Bucht einströmende Wasser gluckst und plätschert an den Bordwänden längs, dunkel wölbt sich der Himmel. In tiefemSchwarz breiten sich die Ufer, hinter denen in scharfen Umrissen die bewaldeten Höhen ragen. Schwacher Lichtschein schimmert aus dem Zollamt in der Ferne.
»Anker auf!« Polternd gleitet die Kette durch die Klüse auf das Vorderschiff, in wenigen Minuten ist der Anker aus dem Grund.
»Langsame Fahrt voraus!«
Zum erstenmal seit Wochen wieder mahlt die Schraube das Wasser, und ohne jeglichen Lichtschein gleitet der Dampfer der Ausfahrt zu. Ein schwieriges Manöver! Dank der sachkundigen Führung des Kapitäns Schaap aber, der hier jede Strömung und Untiefe genau kennt, hält das Schiff in sicherem Fahrwasser. Der Mond geht auf. In bleichem Schimmer leuchtet das in der Strömung leicht gekräuselte Wasser, klarer tauchen die Höhen an Land aus dem dunklen Waldmeer heraus. Die Huck, die solange einigermaßen Schutz gegen Sicht geboten hat, wird gerundet, gerade führt der Weg nach See zu.
Zwei Uhr morgens. Voraus tauchen Lichter auf. Dicht über dem Wasser leuchten die roten und grünen Seitenlaternen von zwei Schiffen herüber. Es können nur kleinere Fahrzeuge sein, die anscheinend in die Bucht einlaufen wollen. Verraten! Ein unbemerktes Entweichen ist nicht mehr möglich, jeder Augenblick muß die Entdeckung bringen. Fünfzehnhundert Meter etwa noch stehen sie ab, als es drüben an mehreren Stellen zugleich aufblitzt. Heller Knall dringt durch die Nacht, zischend spritzen kleinkalibrige Geschosse heran. Der Feind. Noch weiß er nicht, wen er vor sich hat, ob nicht im nächsten Augenblick sein Feuer beantwortet wird. Nur zu bald haben die beiden Kanonenboote erkannt, daß ihnen keine Gefahr droht, daß es ihnen trotz der kleinen Geschütze, die sie an Bord haben, ein leichtes ist, den Wehrlosen vor ihnenzu vernichten. Sie kommen näher heran, um das Ziel unter sicheres Feuer nehmen zu können. Ununterbrochen blitzt es auf. Näher und näher heulen und zischen die 3,5-Zentimeter-Granaten heran, wie Fliegen umsurren sie das Schiff. Die ersten Schüsse gehen vorbei, bald aber sitzen sie. Schornsteine und Aufbauten werden getroffen, es kann nicht lange dauern, bis das Schicksal sich erfüllt ... Da ... ein dumpfer Schlag übertönt plötzlich das helle Hämmern der englischen Revolverkanonen, ein fahler Blitz erhellt sekundenlang das tiefe Schwarz unter Land. Wieder leuchtet es drüben auf, ein drittes- und viertesmal. Die deutsche Batterie an Land hat die Not des schwer bedrängten Schiffes erkannt und ist ihm zu Hilfe gekommen.
Die Stimmung, die eine Sekunde vorher mit der sicheren Vernichtung vor Augen verzweifelt war, schnellt mit einem Ruck wieder empor. Beim dritten Schuß schon zeigt sich der Erfolg. Sofort verlangsamt sich das Feuer, vereinzelte Schüsse fallen noch, dann drehen die beiden nach See und bringen sich in größerer Entfernung in Sicherheit. Die Blitze zeigen noch, daß der Gegner schießt, längst aber erreichen seine kleinen Granaten das Ziel nicht mehr. Wie wenn zwei Köter vor dem drohend geschwungenen Stock ausrücken. In sicherem Abstand machen sie wohl noch einmal kehrt, kläffen, um ihren Mut zu zeigen, wütend, bringen sich dann aber schleunigst mit eingezogenem Schwanz in Sicherheit.
Für den Augenblick ist die Gefahr beseitigt. Für den Augenblick nur! Das Tageslicht aber bringt den beiden Kanonenbooten gewiß Verstärkung, gegen die auch die Batterie an Land nichts ausrichten kann.
Der Dampfer hat gedreht, um sich stromaufwärts dem Gegner zu entziehen. Kaum graut der Tag herauf, als das Auftauchen einer Rauchwolke in See gemeldet wird. Zwei dünneMasten und mehrere Schornsteine verraten, daß den beiden Kanonenbooten ein Kreuzer zu Hilfe kommt. Um acht Uhr morgens etwa ist er heran. Signale gehen auf den Schiffen hoch, unmittelbar hinterher blitzt es auf dem zuletzt angekommenen, das etwa fünf Kilometer absteht, auf, und der dröhnende Schall eines Schusses kommt herüber. Weißer Pulverqualm legt sich in dichten Schwaden um das graue Schiff, zieht im leichten Morgenwind langsam achteraus. Drei, vier Flammen spritzen gleichzeitig aus der Wolke, heulend fegen die Granaten heran. Über das Schiff hinweg schlagen sie in das Wasser ein, das sich zu hohen Säulen hebt. Aber näher, immer näher kommen sie. Dazwischen schwirren die kleinen Geschosse der beiden Kanonenboote, die sich jetzt, im Schutz des größeren, wieder heranwagen.
Ein schmetternder Schlag. Rötlicher Feuerschein flammt auf, bräunlich weiß ballt sich Qualm auf dem Achterdeck. Ein Treffer. Sprengstücke schwirren umher, das Wasser zischt unter glühenden Splittern, zerrissene Holz- und Eisenteile wirbeln losgerissen durch die Luft .... Da, wieder ... ein zweiter Volltreffer auf das hilflose Schiff. Die Granate reißt eine schwere Eisenplatte wie ein Stück Papier aus der Reeling, krümmt sie zusammen und schmettert sie krachend auf den achtern Aufbau.
Eine Stunde schon dauert die Beschießung und nimmt an Heftigkeit noch zu. Nicht nur dem Schiff gelten die schweren Geschosse, überall streuen sie das Land ab. Bald hier, bald da hebt sich aus dunklem Grün weißer Qualm, wie ein ragender Baum wächst er über die Umgebung hinaus. Der Wind faßt ihn und reißt Fetzen von ihm herab, die wie graue Nebelschleier über die Wipfel hinwegziehen. Dort peitschte die einschlagende Granate den weißen Sand hoch, drüben gräbt sich eine in den graubraunen Modder des Watts ein, daß die schweren Brocken klatschend hochjagen. Und näher tasten sie heran .... Ein dritter Treffer. Diesmal gilt es der Ladewinde am achtersten Luk.Die nächste Granate schlägt Sekunden darauf in die Wohnräume. Beizender Brandgeruch quillt aus den Seitenfenstern, das Holz, die Vorhänge, die ganze Einrichtung brennen.
Die Besatzung hat untätig die Beschießung über sich ergehen lassen müssen. Vergebens hatte sie versucht, sich in einem Boot an Land in Sicherheit zu bringen. Kaum ist es gefiert, als es von Geschossen durchsiebt wird und sinkt. Und noch ist kein Ende abzusehen. Wieder fegt eine Fünfzehn-Zentimeter-Granate heran und schmettert auf einen schweren eisernen Ventilator auf. Als formlose Masse fliegt er zehn Meter weit gegen die Reeling. Andere Treffer durchschlagen die Bordwände über und unter der Wasserlinie. Wie ein Sieb ist das ganze Achterdeck durchlöchert, ein grauenvolles Durcheinander von zerrissenen und verbogenen Eisenteilen.
Zwei Stunden dauert die Beschießung. Dann, mit einem Schlage, verstummt das Getöse, das ununterbrochen die Luft erfüllte. Als sich die Pulverschwaden, die in dichten Wolken fast bis zur Höhe der Masten auf dem Wasser lagern, allmählich verziehen, werden die Gegner, von denen man während der Beschießung nur den fahlen Blitz der Mündungsfeuer sah, wieder deutlich erkennbar. Der Kleine Kreuzer, der bisher in einem Abstand von fünf Kilometer gestanden hatte, hält in voller Fahrt nach See zu, die beiden Kanonenboote folgen. Drüben glauben sie offenbar, das Vernichtungswerk gründlich getan zu haben. Was vom deutschen Schiff nach der Beschießung mit achthundert Fünfzehn-Zentimeter-Granaten und tausenden kleineren Geschossen noch übrig ist, kann ihrer Ansicht nach nur zerbeultes und zerschmettertes Eisen sein, über das längst das Wasser der Bucht hinwegrauscht. Auch von der Besatzung kann längst nichts mehr leben, was an Bord blieb und nicht die rettende Küste zu erreichen vermochte. Selbst dort aber haben die englischen Geschosse alles abgestreut.Wie es in Wirklichkeit aussieht, wissen sie freilich nicht. Die beiden Kanonenboote haben bereits am frühen Morgen erlebt, daß die deutschen Geschütze tüchtig zu beißen verstehen. Die bitteren Erfahrungen, die sie mit den Deutschen an so manchen anderen Stellen auch gemacht haben, lassen ihnen Vorsicht als das bessere Teil der Tapferkeit erscheinen. So dünkt es ihnen also auch jetzt nicht geraten, sich durch einen Vorstoß von der wirklich erfolgten Vernichtung des Dampfers zu überzeugen. Ihrer Ansicht nach haben die beobachteten Treffer, die das Ziel dauernd in den Qualm der berstenden Granaten hüllten, vollauf genügt. Sahen sie doch selbst zum Schlusse, wie schwelender Rauch und züngelnde Flammen aus dem Wrack hervorbrachen. Beruhigt gehen sie in See und nach ihrem Stützpunkt, um dort die Ausführung des erhaltenen Auftrages zu melden.
Noch haben sich die Nerven von der Beschießung, in der während zweier qualvoll langer Stunden die Luft vom Heulen der Granaten und dem berstenden Krachen der aufschlagenden Geschosse erfüllt schien, nicht beruhigt, als Kapitän Sörensen bereits Leute nach allen Stellen des Schiffes schickt, um vorerst festzustellen, wie schwer die Beschädigungen sind und ob überhaupt die Möglichkeit besteht, den Dampfer hier, wo man nur auf Bordmittel angewiesen ist, wieder instand zu setzen.
Zum Glück ist von der ganzen Besatzung, so unglaublich es auch scheint, niemand verletzt. Ein Granatsplitter nur ist einem Matrosen gegen den Oberschenkel geprellt und hat ein Geldstück in seiner Tasche verbeult, um dann kraftlos an Deck zu fallen. Das ist aber, bis auf den blauen Fleck, den der Besitzer der rettenden Münze jedenfalls davongetragen hat, alles. Desto böser sieht das arme Schiff aus. An mehreren Stellen ist die Reeling durchschlagen, zackige Eisenfetzen starren binnenbords. Die achteren Aufbauten mit ihren Unterkunftsräumensind wie weggeblasen, die Lukensülls verbogen und durchlöchert. Ein wirrer Haufen von zerschmettertem Eisen starrt, wie zu einem unlösbaren Ganzen zusammengeschweißt, vom Oberdeck empor, und mühselig heißt es darüber hinwegklettern, um nach dem Heck zu gelangen.
Fast alle Boote sind zerschossen und unbrauchbar, die Davits sind krummgebogen oder gänzlich abrasiert. Die über Deck führende Ruderleitung ist zerrissen, wirr hängen die Ladebäume an den Masten.
Stickig dunkler Rauch quillt aus den Wohnräumen der Offiziere und Mannschaften. Matratzen, Decken und Vorhänge haben Feuer gefangen und glimmen unter den Trümmern weiter. Schnell werden einige Leute abgeteilt, um den Brand zu löschen, dann geht es unter Deck. Zum Glück kann der leitende Maschinist melden, daß Maschine und Kessel nach oberflächlicher Untersuchung unversehrt sind. Zwar sind einige Splitter durch die Heizräume und Bunker gedrungen, sie haben aber keinen Schaden, der den Betrieb stören könnte, angerichtet.
Die meisten Treffer haben die Bordwände des Achterschiffes abbekommen. An der Backbordseite sind sie an mehreren Stellen glatt durchgeschlagen, anderwärts wieder eingebeult. Am bösartigsten aber sind einige Treffer in und unter der Wasserlinie. Hier schwabbert das Wasser langsam durch ein Leck herein, dort strömt es in dickem Strahl in das Schiffsinnere. Das Plätschern verrät, daß noch mehr lecke Stellen vorhanden sein müssen und daß schon erhebliche Mengen in die untersten Räume eingedrungen sind. Hier vor allem muß eingegriffen werden, um das Schiff nur überhaupt schwimmend zu erhalten.
Die Lenzpumpen werden angestellt. Ihr taktmäßiges Schlagen und gleich darauf ein Wasserschwall, der sich aus dem Lenzrohr nach außenbords ergießt, zeigen, daß sie heil gebliebensind und das Schiff über Wasser zu halten vermögen. Dann geht es nach kurzer Besprechung an das Dichten der zahlreichen Leckstellen. Pfropfen aus Holz werden mit Aexten und Sägen hergerichtet und in die Löcher getrieben, Zementpackungen davorgelegt, um das Wasser auch sicher abzuschließen. Tag und Nacht heißt es durcharbeiten, um das Abdichten möglichst schnell zu vollenden. Die Anwesenheit des Schiffes ist dem Feinde bekannt. Nur Tage kann es dauern, bis die Engländer erfahren, daß der Dampfer schwimmt, daß Rauch aus seinem Schornstein steigt; und kommen sie ein zweites Mal, dann ist es zu Ende. So schnell wie möglich also muß die Bucht verlassen werden.
Wieder einmal senkt sich die tropische Nacht mit ihrem leuchtenden Sternenhimmel über die Ssudibucht. Heute gibt es keine Ruhe an Bord. Dumpfes Hämmern und Pochen dringt aus dem Innern, eine Säge kreischt, die Pumpen schlagen, in dickem Schwalle fließt das aus den Bilgen gesogene Wasser. Todmüde sinkt die Mannschaft auf notdürftig hergerichtete Lagerstätten zum kurzen Schlummer nieder, der erste Sonnenstrahl aber findet sie schon wieder an der Arbeit.
Was unter Deck nur einigermaßen entbehrlich ist, muß helfen, das Oberdeck herzurichten, daß es wenigstens so weit gangbar wird, um die Sicherheit des Schiffes nicht zu beeinträchtigen. Ein schweres Stück Arbeit ist mit den teilweise ungenügenden Werkzeugen zu vollführen; die verbogenen Teile sind dort, wo sie den Verkehr stören, zu richten oder, wo das nicht mehr möglich ist, gänzlich zu beseitigen. Starrende Zacken werden mit schweren Hämmern zurückgeschlagen oder abgestemmt, zerfetzte Planken abgesägt. Zerschossene Stagen werden erneuert, andere nachgesetzt. Was nicht mehr herzustellen ist oder vom Feuer zerstört wurde, fliegt über Bord.
Fieberhaft wird an allen Stellen gearbeitet. Ein jeder weiß, daß nur äußerste Anspannung die Rettung bringen kann.Jede Minute ist kostbar. Gerade nur die Zeit wird erübrigt, um in aller Hast die Mahlzeiten einzunehmen. Ein verlorener Augenblick kann das »Zu spät« bedeuten ... und dann scheint es, als ob all die furchtbare Anspannung dennoch vergeblich gewesen wäre: Der Feind!
Mitten in die Arbeit klingt plötzlich der Ruf, die Engländer! Mehrere Rauchwolken werden gesichtet, Masten und Schornsteine kommen über die Kimm hoch, in schneller Fahrt nähert sich der Gegner. Zwei Kreuzer, zwei Kanonenboote und ein Wachfahrzeug gegen einen wehrlosen deutschen Frachtdampfer. Das Ende ...
Und wieder, wie vor fünf Tagen, blitzen die Mündungsfeuer, rauscht die Luft unter den heranjagenden Granaten, wallt der Pulverdampf auf. Salve auf Salve wird gefeuert ... hoch stiebt an Land der Sand auf ... eine Lage dicht neben der anderen. Wie eine Wolke breitet sich ein Vorhang von Staub und Rauch. Prasselnd fahren die Geschosse in das Grün hinein, brechen Zweige, knicken und zerschmettern Kronen und reißen Lücken in den Wald.
Der erste Schuß hat der Arbeit ein jähes Ende gemacht. Wozu jetzt noch die Anstrengung? Was sie mühevoll in fünf Tagen aufgerichtet haben, schmettert der nächste Treffer doch in Trümmer ... in sein Schicksal ergeben, starrt jeder auf die Stelle, wo er den nächsten Aufschlag erwartet ... er kommt nicht. Unaufhörlich feuern sie drüben und setzen ihre Schießerei fort. Bald auf diesem, dann wieder auf jenem Schiffe blitzt es auf, ohne Unterbrechung fast fegen die Granaten heran ... über das Schiff weg ... in den Sand ... als ob eine unsichtbare mächtige Hand die deutschen Seeleute beschützte ... zweieinhalb Stunden ... nicht ein einziger Treffer ... nur immer wieder das Getöse in der Luft und der jäh auseinanderstiebende Sand.Dann ist die Schlacht geschlagen, der britische Sieg gegen den Sand an der Sudibucht glorreich vollendet. Stolz ziehen die englischen Schiffe in Kiellinie seewärts ab ...
Und wieder dröhnen Hämmer auf verbogenes oder zerfetztes Eisen, stemmen sich zum Zerreißen angespannte Muskeln unter schwere Platten ... ohne Ruhe ... ohne Pause ... tagelang, bis es geschafft ist.
Auf der Brücke ist Kapitän Sörensen mit seinen Offizieren und Kapitän Schaap versammelt. Schiffsrat. Jeder Tag, der hier länger verweilt wird, kann den Gegner zum drittenmal heranbringen. Rauchfahnen zeigen, daß er auf Wache ist und die Küste weiter blockiert. Die Wahl der Wege ist nicht groß, nur zwei stehen zur Verfügung. Es heißt, entweder hierbleiben und das Schiff preisgeben oder den Durchbruch wagen und versuchen, den Dampfer in Sicherheit zu bringen. Der erste Weg ist einfach, der zweite ungeheuer schwierig, voll der größten Gefahren.
Vor der Bucht liegen die englischen Kreuzer und Wachschiffe. Durch sie hindurch führt der Weg in die Freiheit. Da gibt’s kein Schwanken. Also, durch! ...