In die Freiheit
Dünner Rauch zieht aus dem Schornstein in die Luft, die unter der sengenden Tropensonne leicht flimmert. Die Seebrise faßt ihn und führt ihn landeinwärts, wo er verweht. Ruhig, wie in tiefstem Frieden liegt die Bucht. Am Ufer der weißleuchtende Sand, in dem sich deutlich noch die Krater, die englische Granaten hier eingewühlt haben, abzeichnen, dahinter der tiefgrüne Wald, der sich zu den Anhöhen hinaufzieht. Wattvögel stelzen über den Schlick, tauchen hier und da den Schnabel ein, um das Getier, das bei der Ebbe zurückblieb, zu haschen. Hoch oben kreisen zwei Bussarde. Langsam ziehen sie ihre Kreise, bis sie dann plötzlich in jähem Sturze herunterschießen auf ihre Beute.
Die Sonne sinkt hinter die Höhenzüge, die im bläulichen Dunst des Abends herüberschimmern. Die Dämmerung bricht herein, in wenigen Minuten ist die Nacht da. Der leichte Qualm, der die letzten Stunden kaum sichtbar aus dem Schornstein zog, verdichtet sich zu schwarzen Wolken, die in breiter Bahn achteraus treiben.
Bunkertüren klappen, gefüllte Eimer gleiten heraus, werden im Heizraum umgekippt, rote Glut strahlt aus geöffneten Feuerungen, in hohem Bogen prasselt eine Schaufel Kohle nach der anderen hinein. Dann wieder fahren lange Schüreisen über die Roste.Auf der Brücke liegen Seekarten ausgebreitet. Die beiden Kapitäne sind über sie gebeugt. Flüsternd tauschen sie noch einmal die Gedanken über das, was die nächsten Stunden bringen werden, messen mit dem Zirkel nach, prüfen, überlegen.
Der leitende Maschinist meldet die Maschine betriebsklar, der Erste Offizier steht mit seinen Leuten klar zum Ankerlichten. Alles ist bereit.
»Anker lichten!« Zischend strömt der Dampf in die Spillmaschine, der Anker kommt aus dem Grund, der Maschinentelegraph schrillt. Die Schraube dreht sich, ein Zittern geht durch das Schiff. Leicht schneidet der Bug das Wasser, das Schiff gleitet in die Fahrrinne und strebt in tiefer Dunkelheit der Ausfahrt zu. Kein Lichtschein dringt nach außen, jedes Geräusch wird vermieden, nur das Klatschen der aus dem Wasser schlagenden Schraubenflügel ist zu hören.
Überall auf Back, Vorschiff und Brücke spähen die deutschen Seeleute in die Dunkelheit hinaus. Auf der Back stehen zwei Schatten, die unverwandt vorausstarren. Der alte Eilers mit seinem Jungen. Während der langen Monate im Busch hat die Malaria den Sohn gefaßt. Infolge mehrerer Rückfälle darf er an Stelle eines der fünf an Land Gebliebenen einspringen.
Gespenstisch leuchtet aus dem tiefen Schwarz ein Streifen weißen Sandes herüber: das afrikanische Land. Eine Stunde lang dauert die Fahrt in die Nacht hinein, dann klingt es wie leises Rauschen herüber. Die Brandung. Das Schiff nähert sich der Ausfahrt. Frischer Seewind streicht über Deck, die leichte Dünung des Indischen Ozeans, die in die Bucht hineinsteht, läßt das Wasser stärker gegen die Bordwand klatschen.
»Licht voraus!« Fünf Seemeilen ab schimmern die Laternen eines Schiffes durch die Nacht. Deutlich hebt sichzuerst ein Licht ab, bis dann mehrere auszumachen sind. Eine stärker leuchtende Lampe, die an Deck brennt, gedämpfterer Schein, der aus einigen Seitenfenstern im Vor- und Achterschiff dringt. Ein feindlicher Kreuzer. Die Lichter verändern ihre Stellung nicht, das Schiff liegt ruhig vor Anker.
Durch das Sprachrohr geht der Befehl nach Heizraum und Maschine, daß kein Laut nach außen dringen darf. Flüsternd gibt Kapitän Schaap dem Rudergänger seine Anweisung. Leicht dreht der Dampfer nach Backbord, um dem Feind auszuweichen. Weiß leuchtet in nächster Nähe das Wasser, brandet die See gegen Korallenriffe, die eben nur über die Oberfläche ragen, hart an das Riff heran klemmt sich das Schiff. Dicht voraus wieder eine verräterisch brandende Stelle, auch dort sperrt eine Untiefe den Weg. Mit Steuerbordruder wird sie umgangen ... da ... voraus ein zweites englisches Schiff ... in nächster Nähe ... ein einziges kleines Licht nur brennt an Oberdeck ... wie in der Luft hängend ... vom Schiffskörper ist nichts zu sehen, er scheint eins mit dem Dunkel ....
An Steuerbord die Lichter des Kreuzers, an Backbord Korallenriffe, voraus das zweite feindliche Schiff. Nur ein Weg steht offen, unmittelbar an dem soeben gesichteten Gegner vorbei ...
Mit ganz langsamer Fahrt, lautlos schiebt sich der Dampfer heran. Hundert Meter noch steht er ab ... Der Schornstein ... zwei Masten ... der Rumpf ... die Brücke ... kein Mensch ..., und näher noch führt der Weg ... bis auf fünfzig Meter. Dann liegt er querab ... Deutlich treten drüben die Deckaufbauten hervor, fast greifbar nahe ... jede Sekunde muß die Entdeckung bringen ... Qualvoll ... Gellt nicht ein Schrei über Deck ... stürzen sie dort nicht aus den Niedergängen hoch ... ist denn keineWache auf der Brücke ... kein Posten an Deck? ... nichts....
Langsam, geräuschlos schiebt sich der deutsche Dampfer vorbei ... die Aufbauten verschwimmen ... Masten und Schornstein verwischen sich ... der Rumpf scheint zu zerfließen ... mehrere hundert Meter achteraus liegt das Kanonenboot ... die Gefahr ist vorbei, voraus das schützende Dunkel .... Wie ein Aufatmen geht es durch die ganze Besatzung.... Die Maschine steigert ihre Umdrehungen, schneller mahlt die Schraube, immer größer wird die Entfernung.
Voraus schießt ein greller Lichtkegel in die Nacht hinaus ... ein dritter Feind, noch gefährlicher als der frühere ... der wacht ... tastend streift sein Licht über die See ... scheint sich in weiter Ferne zu verlieren ... sucht ... spürt ... schlägt herum ... näher heran ... steht fest, als hätte es etwas gefaßt, dann wieder löst es sich ... jetzt ... jetzt kommt es heran ... bis zum Halse hoch schlägt das Herz ... zum Äußersten gespannt sind die Nerven ... wie gebannt starrt alles auf die Lichtbahn ... näher ... näher ... es steht ... schlägt um nach der entgegengesetzten Seite ... erlischt ....
Mit höchster Fahrt jagt der Dampfer in die See hinaus. Die Maschinen stampfen, das Schiff zittert, in schnellen Schlägen peitschen die Schraubenflügel das Wasser. Zwei Stunden höchster Spannung noch, dann ist die Gefahrzone passiert. Kein Lichtstrahl der vor der Bucht ankernden Schiffe dringt bis hierher.
Der nächste Morgen muß die deutschen Seeleute so weit wie möglich vom Land ab sehen. Mit unverminderter Kraft jagt der Dampfer dahin. Im Osten dämmert der Tag. In Sicherheit. Mehr als fünfzig Meilen hat die Nacht zwischenKüste und Schiff gebracht; wieder einmal ist ein Durchbruch geglückt.
In märchenhafter Pracht blaut der Indische Ozean. Heiß strahlt die Tropensonne auf die vom Ostwind leicht bewegte Fläche herab. Nichts zeigt sich; einsam zieht der deutsche Dampfer seinen Weg nach den holländisch-indischen Inseln zu. Ein Bild tiefsten Friedens. Und die Stille und Ruhe in der Natur überträgt sich auch auf die Besatzung. Furchtbare Tage liegen hinter ihnen: Die aufreibende Arbeit des Löschens, das vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein währte, das Klarmachen, die Vorbereitungen zum Durchbruch, die Beschießung am 11. April, die darauf folgende am 16. April und die unendlich mühevolle Beseitigung der Beschädigungen, um das Schiff wieder nur einigermaßen seeklar zu bekommen.
Jetzt erst, wo die Nerven seit langem wieder einmal nicht ständig bis zum äußersten aufgepeitscht sein müssen, macht sich die furchtbare Abspannung fühlbar. Bleiern tief schlafen die Leute, die nicht auf Wache sind, und Kapitän Sörensen gönnt ihnen die Ruhe, die sie nach ihrem glänzenden Verhalten so wohl verdient haben. Von hier ab ist die Gefahr verhältnismäßig gering. Es gilt nur noch den Dampfertreck Kap-Indien, der infolge der Schwierigkeiten der Passage des Suezkanals jetzt mehr benutzt wird, zu kreuzen; voraussichtlich aber werden feindliche Kriegsschiffe nicht angetroffen werden. Alles, was auf den Ausland-Stationen nur irgendwie entbehrlich war, ist jetzt zur Sicherung der Schiffahrt um England, im Atlantik und im Mittelmeer dahin gezogen worden.
Ruhig und ohne Zwischenfälle gehen die Tage dahin. Was noch repariert werden muß, wird jetzt vorgenommen. Das Achterdeck, das besonders schwer gelitten hat, wird aufgeklart und die Beschädigungen nach außenbords möglichst verborgen. Die Löcher, die sich dort an einigen Stellen wie ein Sieb aneinanderreihen,werden notdürftig geflickt und übermalt, um vorbeifahrenden Schiffen nichts nach außenhin Verdächtiges zu bieten. Außer den fünf Fünfzehn-Zentimeter-Granaten haben über hundert Treffer kleineren Kalibers die Bordwände und das Oberdeck beschädigt. Mit Stemmeisen, Hämmern, Sägen und sonstigem nur irgendwie geeignetem Handwerkszeug wird gearbeitet. Das Klopfen und Hämmern hört nur auf, wenn alle Hände gemeinsam zufassen müssen, um schwere Gewichte zu bewegen. Freilich, der Unterschied zwischen der Arbeit jetzt und dem atemlosen Hetzen vor wenigen Tagen in der Sudibucht, wo nur die Schnelligkeit gleichzeitig auch die Rettung bedeuten mußte, ist groß. Mitten in das Klingen und Hämmern fliegen Scherzworte, die zeigen, wie vergnügt die Stimmung an Bord ist. –
»Mann über Bord!« Gellend klingt der Ruf vom Achterdeck und wird auf der Brücke aufgenommen. Mit einem Satz springt der wachhabende Offizier an die Backbordnock. Achteraus, dort, wo soeben in hohem Schwunge ein Ring auf die Oberfläche aufklatscht, treibt ein Mann im Wasser. Grell leuchtet der weiße Ring in der blendenden Sonne.
»Stopp!« »Äußerste Kraft rückwärts!« »Wer ist da über Bord gefallen?« Vier Stimmen antworten gleichzeitig: »Der alte Eilers.« Eben als der Name erklingt, springt eine Gestalt unter die an der Backbordreeling stehenden Leute, die achteraus zeigen. Ein in der Aufregung halberstickter Schrei: »Mein Vater? ... Wo?« ... Seine Augen folgen den ausgestreckten Händen, und bevor noch jemand ihn halten kann, saust er mit einem Satz über die Reeling hinweg, über Bord ... Sekunden später ist er im Schraubenwasser.
Unter dem Druck der Schraube, die sich mit äußerster Kraft dreht, wirbelt und strudelt die Oberfläche. Weiß schäumt das Wasser am Heck, reißt Trichter, in die sich brausend das Wasserstürzt, um sich an anderen Stellen wieder zu krausen Buckeln zu wölben .... Dreißig Meter hinter dem Schiff erst kommt der Körper wieder hoch ... auch ihm ist sofort ein Rettungsring nachgeflogen ... faßt er ihn? ... Wieder wirbelt es den treibenden Mann hinab ... stößt ihn hoch ... er greift zu ... er hält ihn ... Sekunden nur sind verflossen seit dem Augenblick, da der alte Mann über Bord stürzte und sein Sohn ihm nachsprang.
Der Dampfer hat gestoppt und dreht auf die beiden im Wasser Schwimmenden zu. Das einzige noch heil gebliebene Boot wird schnell besetzt und gleitet gleich darauf mit langen Schlägen zunächst auf den alten Eilers zu. Jetzt sind sie dicht bei. Die Riemen werden eingenommen, kräftige Fäuste packen den Alten und ziehen ihn ins Boot. Er ist sichtlich erschöpft. Zum Glück hat er gleich den zugeworfenen Ring gefaßt und ist mit dessen Hilfe noch glimpflich davongekommen. Dann geht es zu dem näher am Schiff treibenden Jungen hinüber.
Das Boot nähert sich. Die beiden Leute der vordersten Ducht rufen ihn an. Keine Antwort. Gleichmäßig heben die Wellen den Körper im Ring ... jetzt sind sie heran ... Ein dünner Blutstreifen sickert aus dem Haar über das blasse Gesicht. Jede Welle wäscht ihn weg, immer wieder aber zeigt sich der rote Faden von neuem ... er ist verletzt. Die Schraube muß ihn gefaßt haben. Vorsichtig wird er ins Boot gezogen. Schwer, wie leblos gleitet der Körper aus den Händen, die ihn fürsorglich ins Boot legen, neben den Alten hin. Der hat sich inzwischen auf die achterste Ducht gesetzt. Unendlich behutsam, wie man es den hartenSeemannsfäustengar nicht zumutet, bettet er den Kopf des Ohnmächtigen auf seinem Schoße. Hilfsbereit hat ihm der Bootssteuerer ein Taschentuch gereicht. Ununterbrochen wischt er das immer neu nachsickernde Blut seinem Jungen aus der Stirn. Ganz leise, schüchtern fast, als solltenes die anderen nicht hören, flüstert er ihm ins Ohr: »Willem ... Willem ... min leve Jung.« ... Er rührt sich nicht ... Die Augen in dem bleichen Gesicht bleiben geschlossen ... keine Antwort ... und wieder dringlicher jetzt, ängstlicher ... »Willem ... hörst du mi nich? ... Willem.« ... Bis die Stimme des Bootssteuerers ihn aufblicken läßt:
»Lassen Sie man, Eilers, den kriegen wir an Bord schon wieder heil, dat is all nich so schlimm!«
Das Boot ist beim Dampfer längsseit. Die Talljen werden eingehakt, langsam kommt es hoch. Was überflüssig ist, klettert an Deck. Jetzt ist es geheißt, wird eingeschwungen und eingesetzt. Die beiden Kapitäne und der Erste Offizier haben schon von Deck aus gesehen, daß der junge Eilers anscheinend verletzt und bewußtlos ist. Eine Matratze und Decken sind bereit gelegt, um sofort Wiederbelebungsversuche anzustellen. Sorgsam wird der regungslose Körper gebettet, und alles bemüht sich um ihn. Kein Lebenszeichen .... Eine Viertelstunde vergeht .... wächsern bleich bleibt das junge Gesicht, das mit einem Male ein seltsam strenges Aussehen bekommen hat, dicht geschlossen die farblosen, festaufeinandergepreßten Lippen ..... Nicht einen Blick verliert der Alte von den Leuten, die sich um seinen Sohn bemühen .... immer ratloser werden die Augen, hilflos, wie bittend .... bis er die ganze furchtbare Wahrheit erkennt .... tot .... sein Jung, sein Willem tot .....
Eine Hand legt sich ihm auf die Schulter, eine milde Stimme, die ihm Trost zuspricht. Er hebt den Kopf nicht. Als ob das Gesagte gar nicht von ihm erfaßt würde, schüttelt er wieder und immer wieder den Kopf. Kein Seufzer; ein so tiefer Gram aber spricht aus den faltigen Zügen, daß darüber jedes Trostwort verstummt.
Die Nacht mit ihrem Sternenhimmel liegt über demDampfer, der gleichmäßig seinen Weg zieht. Oben auf der Brücke geht der Offizier die Mittelwache, am Ruder steht der Rudergänger, sieht auf den Kompaß und dreht ab und zu das Rad, um das Schiff aufdembefohlenen Kurs zu halten.
An der Seite, querab vom Schornstein liegt die von sorgender Hand eingenähte Leiche des jungen Eilers. Auf einem Klappstuhl sitzt der Vater. Gebückt, den Kopf tief in die Hände vergraben, Stunde um Stunde.
»Eilers!« Der Offizier ist an ihn herangetreten und klopft ihm leise auf die Schulter. »Eilers, lassen Sie sich nicht unterkriegen! Ist keiner von uns allen an Bord, der es Ihnen nicht nachfühlen würde, wie schwer diese Stunden für Sie sind und wieviel lieber Sie Ihr Leben hätten hingeben wollen für Ihren Jungen. Denken Sie aber daran, wieviel Väter in Deutschland heute um ihre Söhne trauern, wieviel täglich ihr Leben hergeben müssen ... Sie haben doch wenigstens Ihren toten Jungen bei sich, haben ihn in der letzten Stunde seines Lebens noch lachen sehen dürfen .... Wir alle haben ihn ja gern gemocht und uns gefreut an seinem frischen, lustigen, vergnügten Wesen. Denken Sie mal, mit welchem wunderschönen Gedanken der Junge sterben durfte: um seinen Vater zu retten. Und dann müssen Sie auch bedenken: Er starb ebenso den Tod fürs Vaterland wie alle drüben .... im Kampf um die Heimat.«
Ein Augenblick ist Stille.Dannspricht der Alte. Schwer, wie gequält kommen zuerst die Worte: »Ja, ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, Sie und alle ... aber ... is ja mein einziges Kind .... Wir beide sind lange allein gewesen ... Die Mutter ist ja früh gestorben, und da hab ich mich mehr um ihn quälen und sorgen müssen als manch anderer Vater. Er war noch so lüttjet damals, und es ist mir bannig schwer gefallen, ihn bei fremden Leuten zu lassen, wenn ich dann mit meinem Schiff auf lange Reisen wegging. Und wenn ich nachvielen Monaten erst binnen kam, da hätten Sie uns mal sehen sollen! Die ganzen Tage saß er bei mir an Bord. Ueberall kletterte er herum, jedes Tau und Segel hat er gekannt, bald besser als ein Vollmatrose. Er wollte ja auch nach See zu, da gab’s kein Halten. Ja, wenn ich noch so an denke, wie wir seine Schiffskiste packten und er als Junge mit ’n Hamburger Viermastbark nach der Westküste abging ..... Und wie er vergnügt als Leichtmatrose wiederkam. So schlank und rank und immer vergnügt .... und jetzt liegt er da und muß für mich alten Kerl sterben.«
»Um Sie Eilers? Glauben Sie denn, daß er nicht jedem andern ebenso nachgesprungen wäre? Der hätte sich keinen Augenblick besonnen! So sind sie, unsere deutschen Jungs! Ohne Bedenken, wenn es gilt, ihr Leben herzugeben, ganz gleich, ob für den einzelnen Menschen oder für die große Sache. Denken Sie doch bloß an unsere Leute in der Flotte und auf den U-Booten! Glauben Sie denn, daß die sich vor dem Auslaufen große Gedanken machen, ob sie zurückkommen? Was quälen die sich um das harte Leben und die Gefahren, die ihnen in jeder Minute das Ende bringen können! Da denkt sicher keiner dran! Vom Admiral bis hinunter zum jüngsten Matrosen gehen sie drauf. Ran an den Feind und wenn sie mit ihm zusammen versinken. Und sehen Sie, so ein Kerl, auf den wir alle stolz sein dürfen, war Ihr Junge. Um solchen Sohn dürfen Sie nicht trauern. Das hätte der sicher selbst nicht haben wollen. Um den Tod werden ihn zu Hause viele beneiden. Einen schöneren konnten Sie selbst ihm nicht wünschen.« ...
Der Tag bricht an. Sieben Uhr morgens. Die Mannschaft steht um die Leiche versammelt. Das Schiff hat gestoppt. Wenige schlichte, ergreifende Worte, ein Vaterunser, unter der deutschen Flagge weg gleitet die Leiche langsam in die See hinab. Leichte Kreise ziehen, streben auseinander, verebben ....Der Maschinentelegraph rasselt, die Maschine stampft, weiter zieht das Schiff nach Osten.
Der Tod hat einen aus den Reihen der Besatzung weggeholt. Bald aber tritt das Leben mit seinen Anforderungen wieder in seine Rechte. Der Vormittag findet alles emsig beschäftigt. Es klingt und klopft, dröhnend schlagen die Hämmer auf Eisen, Sägen kreischen, Holz splittert. Immer weiter geht die Fahrt, näher heran rückt der sichere Hafen. Und Tag für Tag steigt die Sonne in gleicher tropischer Pracht aus dem tiefblauen Ozean, der bald spiegelglatt, bald unter den Aequatorialwinden leicht gekräuselt ist, brennt tagsüber auf weißschimmernde Sonnensegel, auf das Schiff, das noch immer aussieht, als sei es eben mit knapper Not einem schweren Sturm entgangen, und taucht abends mit roter Glut hinab in die See.
Ohne Zwischenfälle verrinnen die Tage, werden zu Wochen, bis eines Morgens Backbord voraus niedrige tiefdunkelblaue scharfumränderte Wolken sich über der Kimm aus dem Wasser zu erheben scheinen: Land. Näher kommt der Dampfer heran, deutlicher heben sich jetzt die Bergketten Sumatras ab. Kapitän Sörensen hält dicht unter Land. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß hier plötzlich ein feindlicher Kreuzer oder ein Hilfskreuzer auftaucht und der Fahrt, die bisher glatt verlaufen ist, noch jetzt in letzter Stunde ein vorzeitiges Ende bereitet. Hier ist es ein leichtes, beim Auftauchen eines verdächtigen Fahrzeuges die holländische Hoheitsgrenze zu erreichen.
Von der Küste bis hinauf zu den Bergen, deren Kuppen und Kämme oft in den Wolken zu verschwimmen scheinen, ist das ganze Land ein ungeheurer Wald, aus dem sich nur an einzelnen Stellen dicht am Wasser typische Baumformen abheben. Mitunter, selten allerdings nur, schmiegen sich, halb verdeckt unter dichtem Grün, braune Dächer von Eingeborenenhütten. Kleine Fischerboote mit Auslegern und viereckigenMattensegeln kreuzen unter Land. Malaiische Fischer. Nachts leuchtet es dann bald hier bald da auf den Bergen gelblichrot auf. Waldbrände, die auf Sumatra nie aufhören. Primitive Eingeborenensitte, die durch Feuer Kulturland schaffen will. Der Urwald widersteht Axt und Säge. Einem kleinen Fleck nur ist die Flamme zugedacht, gierig aber frißt sie sich bei der ausreichenden Nahrung weiter, wochen-, monatelang, brennt, schwelt und glimmt, bis tropischer Regen und die Feuchtigkeit des Waldes sie ersticken.
Die Ostspitze Sumatras ist erreicht, und mit nördlichem Kurs geht es in die Sundastraße hinein. Voraus an Steuerbord kommen die grünen Berge Javas in Sicht.SechsunddreißigStunden noch trennen die Deutschen von dem Ziel, dem sie nun seit bald drei Wochen zustreben. Über dem Wasser liegt leichter Dunst, der die Kimm verschwimmen macht. An Backbord achteraus schimmert ein kleines festes Feuer der Küste von Sumatra herüber, voraus an Steuerbord ein Blinkfeuer Javas. Zwischen beiden führt die Straße.
Und wieder verstreicht Stunde um Stunde, geht die Fahrt ohne Störung weiter. Mitternacht. Die abgelöste Wache ist eben zur Koje gegangen, als an Backbord voraus ein Licht aufschimmert. Gleich darauf wird ein zweites gemeldet. Sie stehen dicht beisammen. Anscheinend fährt dort einer der holländischen Küstendampfer, die den Verkehr von den kleinen Küstenplätzen Javas und Sumatras nach den großen Ausfuhrhäfen vermitteln. Noch liegt er nicht querab, als plötzlich aus der dunklen Nacht grelles Scheinwerferlicht heranflutet. Wie ein wildes Tier, das sich mit einem Satz auf die Beute stürzt, schießt es jäh auf das Fahrzeug zu und hält es fest. Weiße Signalsterne steigen hoch in das Dunkel, senken sich in weitem Bogen auf das Wasser, erlöschen. Ein Kriegsschiff hält dort den Küstenfahrer, der ihm verdächtig scheint, an. Deutlichtritt in dem hellen Lichtkreis jeder Aufbau des Dampfers einzeln hervor. Ein kaum tausend Tonnen großes Schiff, das die ihm bevorstehende Untersuchung ruhig herankommen läßt. Die Holländer sind an die Anmaßung englischer Seepolizei bereits gewöhnt.
Wie mit einem Schlage leuchten jetzt auf dem Kriegsschiff, das bisher abgeblendet lag, Lichter auf; gleichzeitig aber auch an zwei anderen Stellen unmittelbar voraus. Auch dort stehen Feinde. Schon beim Aufblitzen des Scheinwerfers hat der deutsche Dampfer gestoppt, um sich nicht durch das Aufleuchten der Bugwelle und des Schraubenwassers zu verraten. Kein Lichtschein dringt nach außen, in tiefem Dunkel liegt das Schiff, vom Gegner unbemerkt. Die Lichter voraus ziehen quer über die Straße hinweg nach dem angehaltenen Schiff zu. Dort mögen sie sich stundenlang beschäftigen.
Mit langsamer Fahrt halten die Deutschen auf das an Steuerbord liegende Land zu. Auf hoher See wäre ein Entrinnen unmöglich gewesen. Die überlegene Geschwindigkeit der Kriegsschiffe hätte jeden Versuch schon vereitelt. Hier aber, so nahe am Ziel denkt keiner daran, einem Befehl zum Stoppen Folge zu leisten. Lieber wollten sie ihr Schiff auf Strand setzen. Achtet der Engländer auch die Hoheitsgrenze nicht, ihnen an Land zu folgen, dürfte ihm doch nicht rätlich scheinen.
Es ereignet sich aber nichts. Die drei Kreuzer sind so eifrig an der Arbeit, daß sie für nichts anderes Sinn haben. Mehr und mehr verschwimmen die Lichter, kommen aus Sicht. Die Straße ist frei.
Im Osten dämmert der Tag. Flammendes Rot leuchtet durch die Dunstwolken, die über den Bergen Javas liegen. Die Sonne steigt. Blitzend schießen ihre Strahlen durch denSchleier hindurch über grüne Wälder, auf die blauleuchtende See.
Voraus steigen Rauchwolken in die Luft, Masten, Schornsteine, Schiffskörper heben sich vom dunklen Hintergrunde, Schuppen und Hafenbauten tauchen aus dem Grün.
Im Morgengrauen steigt am Heck die deutsche Flagge hoch. Zwischen den Wellenbrechern hindurch, vorbei an einem holländischen Kriegsfahrzeug gleitet der Blockadebrecher in den Hafen von Tanjonk Priok hinein. Ein großer englischer Frachtdampfer, der sich, mit Zucker voll beladen, eben auszulaufen anschickte, hat schleunigst, als er die schwarzweißroten Streifen am Flaggenstock auswehen sieht, den Anker wieder in Grund geworfen. Hier, nach fast zwei Jahren Krieg, die deutsche Flagge? Das kann nur ein verkappter deutscher Hilfskreuzer sein. Längst schon sind ja die Taten der nach der Heimat zurückgekehrten »Möwe« nach Holländisch-Indien gedrungen. Wer weiß, ob hier nicht ein zweiter Vogel dieser Gattung naht. Da ist Vorsicht der bessere Teil.
Während vom Engländer ängstliche Gesichter nach dem so plötzlich aufgetauchten deutschen Schiffe hinüberstarren, ist das ruhig an ihnen vorbeigeglitten. Gleich darauf rasselt polternd die Ankerkette in die Klüse. Einen Augenblick noch wirbelt braunes Wasser durch die rückwärtsschlagende Schraube am Heck hoch, dann liegt die »Marie« zwischen den zwei deutschen Dampfern »Hohenfels« und »Uhlenfels«, an deren Schornstein das schwarze Kreuz der deutschen Hansalinie Bremen sich abhebt, still.
Schienen die beiden Deutschen einen Augenblick vorher noch in tiefem Schlaf befangen, so ändert sich jetzt rasch ihr Aussehen. Erregte Rufe schallen herüber, Leute stürzen aus den Niedergängen an die Reeling: Ein deutscher Dampfer! Fast unmöglich dünkt es ihnen. Und wie sieht er aus! Das Achterschiffzerstört, Decksaufbauten und Schornstein beschädigt, wo mag der wohl herkommen und welch schweres Wetter mag ihm so zugesetzt haben?
Noch sind kaum zehn Minuten vergangen, als von allen Seiten auch schon Boote herannahen. Deutsche, die ihre Landsleute begrüßen und Näheres hören wollen. An Bord darf noch niemand, da das Schiff noch nicht einklariert ist. Die vollbesetzten Ruder- und Segelboote aber umringen die »Marie«, und lebhafte Rufe klingen zu den an der Reeling Stehenden hinauf. Im Januar aus Deutschland abgefahren? Von englischen Kreuzern beschossen? Unglaubliches Staunen malt sich auf allen Gesichtern. Nur zu bald aber weicht es jubelnder Freude und ehrlichem Stolz über die glänzende Leistung, die Kameraden da vollbracht haben. Das erste Schiff liegt hier, dessen Besatzung erzählen kann, wie es wirklich in der Heimat aussieht, die Feldgraue ausziehen sah und die Siege in der Heimat mitfeiern durfte. Vergessen sind die qualvoll langen Monate, während deren man hier auf die Nachrichten angewiesen war, die Reuter in die Welt zu setzen beliebte.
Vom Pier naht in schneller Fahrt die Barkasse des Hafenmeisters. In wenigen Minuten ist sie längsseit und legt an dem inzwischen gefierten Fallrepp an. An Oberdeck empfängt Kapitän Sörensen den holländischen Beamten, dessen Blicke voll Mißtrauen das Fahrzeug mustern. Gott weiß, welche Geheimnisse und fürchterliche Absichten hier lauern, welch schreckliche Gefahr wieder einmal der holländischen Neutralität droht.
Vorsichtig begiebt sich der Hafenmeister nach dem Vorschiff. Stehen dort nicht unter Segeltuch verborgen Geschütze? Nichts Verdächtiges. Sein Mißtrauen erhält aber erst recht Nahrung, als er nach dem Achterdeck geht und dort die noch nicht beseitigten Verwüstungen bemerkt. Von Geschützen aber auch hierkeine Spur. Was mag das unheimliche Fahrzeug in seinen Laderäumen bergen? Ob nicht dort die Kanonen und Torpedorohre lauern?
Kaum hat er den Wunsch ausgesprochen, als auch ohne das geringste Zögern die Luks geöffnet sind. Mit seinem Gefolge klettert der Holländer die Steigeisen hinunter. Gähnende Leere überall. Die Sache wird immer rätselhafter.
»Wo kommen Sie her?«
»Aus Deutsch-Ostafrika.« Ratloses Staunen verrät, daß dem Hafenmeister die ganze Angelegenheit immer schleierhafter wird.
»Ihre Ladung?«
»Ladung? Die haben wir längst gelöscht. Geschütze, Munition, Gewehre und anderes Kriegsmaterial. Aus Deutschland nach Deutsch-Ostafrika.«
Jetzt erst ermannt sich der Hafenmeister: »Aha, also wie die »Möwe« ausgebrochen! Ja, aber wie sind Sie denn durch die Blockadelinien an der afrikanischen Küste gekommen, wie über die Ozeane, die von englischen Kriegsschiffen wimmeln? Ihr Wort in allen Ehren, Herr Kapitän, aber das ist unmöglich!«
Nun endlich lüftet Kapitän Sörensen den Schleier. In wenigen Worten erzählt er von seiner Fahrt, von der zweimaligen Beschießung und vom Durchbruch durch die feindlichen Schiffe. Immer größer werden die Augen des Zuhörers, immer fassungsloser das Staunen, das sich auf seinem Gesicht ausdrückt.
»Unmöglich, Herr Hafenmeister? Nein, gehen Sie ruhig an Land und erzählen Sie dort, was Sie hier gesehen und gehört haben, und dann mögen Sie gleich noch eines hinzufügen: das Wort »unmöglich« kennt der deutsche Seemann nicht!«