[image]Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzählt werden, und darunter sind sieben Mädchen und drei Jünglinge. Auf diese Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern frisch aus dem Munde eines jungen Erzählenden zu uns her geklungen. Und überdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwänken von einer lebendigen Erzählung umflochten, hat auch jeder von den zehn Tagen seine besondere Art und Färbung.Die Erfindung des Boccaccio ist diese: Zur Zeit des schwarzen Todes, welcher die Stadt Florenz im Jahre 1348 heimsuchte, waren in dieser Stadt alle früheren Ordnungen und Gewohnheiten vollkommen aufgelöst. Es lagen in den Häusern, auf den Treppen und vor den Türen, ja in allen Gassen da und dort teils Tote, teils Todkranke umher, und die Gefahr der Ansteckung war so gross, [pg 42] dass Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern einander flohen und die Erkrankten einsam und ohne Pflege dahinsterben liessen, welche Zustände Herr Boccaccio im Beginn seines Buches mit der grössten Genauigkeit und Sichtbarkeit uns schildert. Bei solcher grausamen Verwirrung und Schrecknis trafen sich eines Morgens sieben junge Damen in der herrlichen Kirche Santa Maria Novella, welche zwar damals noch der berühmten Wandmalereien des Ghirlandajo entbehrte, aber auch schon zu jener Zeit eine der schönsten Kirchen von Florenz gewesen ist.Diese Sieben, da sie sich unter gemeldeten Umständen nicht allein in beständiger Todesgefahr, sondern auch jeglicher Freude und Lustbarkeit durchaus beraubt sahen, beschlossen auf den Rat der Pampinea, welche die Älteste von ihnen war, sich in Gesellschaft auf das Land zu begeben und dort einige Zeit in Ruhe und heiteren Gesprächen zu verweilen, wobei sie die gegenwärtige Trauer und Bangnis ein wenig vergessen könnten. Und siehe, während sie noch über einige etwa passende Begleiter und über den [pg 43] Ort ihres Aufenthaltes beratschlagten, traten drei edle Jünglinge in dieselbe Kirche, von welchen jeder in eine unter diesen Damen verliebt war. Ihnen eröffnete Pampinea, welche mit einem derselben verwandt war, ihr Vorhaben und forderte sie auf, als Führer und Kavaliere mit ihnen zu kommen; und sogleich waren die jungen Herren, wie man sich denken kann, von Herzen gern dazu bereit. Auch diejenigen von den Mädchen, welche anfänglich einige Scheu gehabt hatten, freuten sich nun darüber, denn es war sogleich vereinbart worden, dass Sitte und Ehrbarkeit in jeder Weise gewahrt blieben.Also begab sich diese hübsche und fröhliche Gesellschaft edler junger Leute aus der Stadt und hatte die Wahl des Aufenthaltes zwischen gar vielen Landsitzen, denn infolge der Pest stand auch auf dem Lande alles leer und verlassen. Nur zwei Meilen weit vor den Toren fand sie denn auch auf einem Hügel gelegen einen Palast in der schönsten Umgebung, von Blumenmatten, wohlriechenden Gebüschen und Bäumen und fliessendem Wasser umkränzt, mit Garten, Hof und Brunnen; [pg 44] auch waren Säle, Kammern und Keller wohl versehen. Hier liessen sie sich mit grossem Vergnügen samt ihrer mitgebrachten Dienerschaft nieder, und der Jüngling Dioneus war der Erste, welcher allen vorschlug, die Sorgen in der Stadt dahinten zu lassen und sich, so lange es ihnen gefiele, heitere Tage zu machen.Alsbald schien es ihnen, auf den Rat der Pampinea, gut, dass an jedem Tage einer aus der Gesellschaft zum Könige ernannt würde, welcher die übrigen samt der Dienerschaft zu beherrschen und alles zum Wohlbehagen und zu guter Unterhaltung dienliche anzuordnen habe. Und es wurde für diesen ersten Tag als Königin die Pampinea gewählt. Diese wieder bestimmte einen aus der Dienerschaft zum Seneschall, andere zum Aufwarten, zum Kochen und zu sonstigen Diensten, wie in einem wohleingerichteten Hofstaat. Hierauf begab sich jedermann, wohin er wollte, und betrachtete die schönen Gärten, Säle, Lauben, Wiesen, Brunnen und Quellen, bis es Zeit zu Tische war. Die Tafel war voll von trefflichen Speisen und ganz mit Ginsterblüten [pg 45] bestreut, es fehlte nicht an blanken Gläsern noch an Handwasser und weissem Linnengedeck. Nach der Mahlzeit aber suchte jeder sich einen Ort zur Ruhe und schlief eine Weile, bis die Königin aufs neue alle zusammen berief und auf einen schattigen Rasenanger führte. Nachdem sie ein wenig getanzt und gesungen hatten, standen wohl Schach- und Damenbretter und genug andere Spiele bereit, allein der Königin und auch allen anderen schien es unterhaltsamer und erfreulicher, dass jeder eine Geschichte, die er wisse, vortrage. So erzählte also jeder eine nach seinem Belieben, und am Ende der zehn Novellen war es Abend geworden, und sie beschlossen diesen ersten Tag damit, dass Emilia eine schöne Canzone sang, während Lauretta einen Tanz dazu aufführte, von Musikinstrumenten begleitet.Darauf übertrug die Königin ihr Regiment an Philomena, und diese hübsche und kluge junge Dame ordnete an, es sollten am Tage ihrer Regierung solche Geschichten erzählt werden, in welchen einer aus grossem Unheil unerwartet doch noch entrinnt und ein glückliches [pg 46] Ziel erreicht. In einer ähnlichen Weise verliefen alle zehn Tage und zwar in dieser Ordnung:Erster Tag: Unter der Königin Pampinea erzählt ein jeder, was ihm beliebt und einfällt.Zweiter Tag: Unter der Königin Philomena werden die Schicksale solcher vorgetragen, welche unerwartet aus grossem Unheil zu neuem Glücke hervorgingen.Dritter Tag: Unter der Königin Neiphile spricht man davon, wie einer durch Scharfsinn ein ersehntes Ziel erreichte oder etwas Verlorenes zurück gewann.Vierter Tag: Unter dem König Philostratus redet man von Verliebten, deren Liebe ein tragisches Ende nahm.Fünfter Tag: Unter der Königin Fiammetta werden Geschichten erzählt, in welchen Liebende nach allerlei Hindernissen und Unfällen doch noch zum Glücke gelangen.Sechster Tag: Unter der Königin Elisa ist die Rede von schnellen und witzigen Aussprüchen, Antworten und Neckereien.Siebenter Tag: Unter dem Könige Dioneus [pg 47] werden Streiche erzählt, welche Ehemännern von ihren Weibern gespielt wurden.Achter Tag: Unter der Königin Lauretta spricht man von Streichen und Possen, welche so wohl Eheleute wie beliebige andere Personen einander gespielt haben.Neunter Tag: Unter der Königin Emilia trägt ein jeder vor, was ihm behagt.Zehnter Tag: Unter dem König Pamphilus ist die Rede ausschliesslich von Taten des Edelmutes und der Hochherzigkeit.Ausserdem dass jede dieser hundert Novellen durch die Art und Person dessen, der sie erzählt, einen besonderen Ton und eine eigene Art von Anmut gewinnt, sind die Erzählungen unter einander noch auf vielfache und zierliche Weise verbunden. Denn indem zumeist über die soeben vorgetragene Novelle sich ein kürzeres oder längeres Gespräch in der Gesellschaft entspinnt, knüpft alsdann der nachfolgende Erzähler fast immer an dieselbe an und bringt eine Historie zum Vortrag, welche das angeschlagene Thema von einer neuen Seite beleuchtet und deutlicher macht, jedoch ohne dass hierdurch jemals [pg 48] der Anschein der Eintönigkeit erweckt würde. Denn bei mancher Ähnlichkeit des Themas ist dennoch jede von diesen Novellen von allen anderen scharf unterschieden, und es gibt keine zwei darunter, die man so leicht mit einander verwechseln könnte. Nächstdem aber ist jeder Schatten von Gleichförmigkeit auch noch durch andere feine Künste vermieden worden, indem z.B. Dioneus, welcher der Hauptspassvogel der Gesellschaft ist, stets mit völlig unerwarteten neuen Einfällen dazwischen tritt, auch allerlei Anspielungen und Neckereien zwischen den Erzählenden vorfallen.[image]DIE KIRCHE SAN STEFANO IN FLORENZDazu kommt, dass jeder von den zehn Tagen seine eigene Geschichte hat, mit allerlei kleinen Zwischenfällen, so dass wir ausser den täglich erzählten zehn Geschichten auch die übrigen Beschäftigungen und Lustbarkeiten der Gesellschaft erfahren. Daneben ist der Ort, an welchem sie sich aufhält und welchen sie zwischenein auch wechselt, mit Hainen, Teichen, Bächen, Blumen, Wild und Fischen stets auf das Anmutigste und Lebhafteste geschildert, wodurch im Gemüt des Lesenden teils ein fortwährendes Behagen, [pg 49] teils auch eine milde, angenehme Sehnsucht nach solchen auserlesen köstlichen Gegenden erregt wird. Denn der Dichter hat dieselben zwar einigen Örtern ähnlich gebildet, welche man in der Nähe von Florenz und namentlich im Tal des Mugnone antrifft, allein dennoch hat er sie in solcher Art geschmückt und dargestellt, wie es nur ein wahrer Künstler vermag, so dass sie alle etwas Verschöntes und wahrhaft Paradiesisches an sich tragen.So ist denn unter den zahlreichen Büchern, in welchen ein Einzelner viele verstreute Erzählungen gesammelt hat, in aller Welt kein einziges, welches irgendwie an Schönheit und Kunst dem Dekameron vergleichbar wäre. Der es seinerzeit geschrieben hat, tat es zum Trost der unglücklichen Liebenden und vornehmlich zur Erfreuung der Frauen, welchen denn auch das ganze Werk in einem vortrefflichen Prologe zugeeignet ist.[image][pg 50]
[image]Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzählt werden, und darunter sind sieben Mädchen und drei Jünglinge. Auf diese Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern frisch aus dem Munde eines jungen Erzählenden zu uns her geklungen. Und überdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwänken von einer lebendigen Erzählung umflochten, hat auch jeder von den zehn Tagen seine besondere Art und Färbung.Die Erfindung des Boccaccio ist diese: Zur Zeit des schwarzen Todes, welcher die Stadt Florenz im Jahre 1348 heimsuchte, waren in dieser Stadt alle früheren Ordnungen und Gewohnheiten vollkommen aufgelöst. Es lagen in den Häusern, auf den Treppen und vor den Türen, ja in allen Gassen da und dort teils Tote, teils Todkranke umher, und die Gefahr der Ansteckung war so gross, [pg 42] dass Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern einander flohen und die Erkrankten einsam und ohne Pflege dahinsterben liessen, welche Zustände Herr Boccaccio im Beginn seines Buches mit der grössten Genauigkeit und Sichtbarkeit uns schildert. Bei solcher grausamen Verwirrung und Schrecknis trafen sich eines Morgens sieben junge Damen in der herrlichen Kirche Santa Maria Novella, welche zwar damals noch der berühmten Wandmalereien des Ghirlandajo entbehrte, aber auch schon zu jener Zeit eine der schönsten Kirchen von Florenz gewesen ist.Diese Sieben, da sie sich unter gemeldeten Umständen nicht allein in beständiger Todesgefahr, sondern auch jeglicher Freude und Lustbarkeit durchaus beraubt sahen, beschlossen auf den Rat der Pampinea, welche die Älteste von ihnen war, sich in Gesellschaft auf das Land zu begeben und dort einige Zeit in Ruhe und heiteren Gesprächen zu verweilen, wobei sie die gegenwärtige Trauer und Bangnis ein wenig vergessen könnten. Und siehe, während sie noch über einige etwa passende Begleiter und über den [pg 43] Ort ihres Aufenthaltes beratschlagten, traten drei edle Jünglinge in dieselbe Kirche, von welchen jeder in eine unter diesen Damen verliebt war. Ihnen eröffnete Pampinea, welche mit einem derselben verwandt war, ihr Vorhaben und forderte sie auf, als Führer und Kavaliere mit ihnen zu kommen; und sogleich waren die jungen Herren, wie man sich denken kann, von Herzen gern dazu bereit. Auch diejenigen von den Mädchen, welche anfänglich einige Scheu gehabt hatten, freuten sich nun darüber, denn es war sogleich vereinbart worden, dass Sitte und Ehrbarkeit in jeder Weise gewahrt blieben.Also begab sich diese hübsche und fröhliche Gesellschaft edler junger Leute aus der Stadt und hatte die Wahl des Aufenthaltes zwischen gar vielen Landsitzen, denn infolge der Pest stand auch auf dem Lande alles leer und verlassen. Nur zwei Meilen weit vor den Toren fand sie denn auch auf einem Hügel gelegen einen Palast in der schönsten Umgebung, von Blumenmatten, wohlriechenden Gebüschen und Bäumen und fliessendem Wasser umkränzt, mit Garten, Hof und Brunnen; [pg 44] auch waren Säle, Kammern und Keller wohl versehen. Hier liessen sie sich mit grossem Vergnügen samt ihrer mitgebrachten Dienerschaft nieder, und der Jüngling Dioneus war der Erste, welcher allen vorschlug, die Sorgen in der Stadt dahinten zu lassen und sich, so lange es ihnen gefiele, heitere Tage zu machen.Alsbald schien es ihnen, auf den Rat der Pampinea, gut, dass an jedem Tage einer aus der Gesellschaft zum Könige ernannt würde, welcher die übrigen samt der Dienerschaft zu beherrschen und alles zum Wohlbehagen und zu guter Unterhaltung dienliche anzuordnen habe. Und es wurde für diesen ersten Tag als Königin die Pampinea gewählt. Diese wieder bestimmte einen aus der Dienerschaft zum Seneschall, andere zum Aufwarten, zum Kochen und zu sonstigen Diensten, wie in einem wohleingerichteten Hofstaat. Hierauf begab sich jedermann, wohin er wollte, und betrachtete die schönen Gärten, Säle, Lauben, Wiesen, Brunnen und Quellen, bis es Zeit zu Tische war. Die Tafel war voll von trefflichen Speisen und ganz mit Ginsterblüten [pg 45] bestreut, es fehlte nicht an blanken Gläsern noch an Handwasser und weissem Linnengedeck. Nach der Mahlzeit aber suchte jeder sich einen Ort zur Ruhe und schlief eine Weile, bis die Königin aufs neue alle zusammen berief und auf einen schattigen Rasenanger führte. Nachdem sie ein wenig getanzt und gesungen hatten, standen wohl Schach- und Damenbretter und genug andere Spiele bereit, allein der Königin und auch allen anderen schien es unterhaltsamer und erfreulicher, dass jeder eine Geschichte, die er wisse, vortrage. So erzählte also jeder eine nach seinem Belieben, und am Ende der zehn Novellen war es Abend geworden, und sie beschlossen diesen ersten Tag damit, dass Emilia eine schöne Canzone sang, während Lauretta einen Tanz dazu aufführte, von Musikinstrumenten begleitet.Darauf übertrug die Königin ihr Regiment an Philomena, und diese hübsche und kluge junge Dame ordnete an, es sollten am Tage ihrer Regierung solche Geschichten erzählt werden, in welchen einer aus grossem Unheil unerwartet doch noch entrinnt und ein glückliches [pg 46] Ziel erreicht. In einer ähnlichen Weise verliefen alle zehn Tage und zwar in dieser Ordnung:Erster Tag: Unter der Königin Pampinea erzählt ein jeder, was ihm beliebt und einfällt.Zweiter Tag: Unter der Königin Philomena werden die Schicksale solcher vorgetragen, welche unerwartet aus grossem Unheil zu neuem Glücke hervorgingen.Dritter Tag: Unter der Königin Neiphile spricht man davon, wie einer durch Scharfsinn ein ersehntes Ziel erreichte oder etwas Verlorenes zurück gewann.Vierter Tag: Unter dem König Philostratus redet man von Verliebten, deren Liebe ein tragisches Ende nahm.Fünfter Tag: Unter der Königin Fiammetta werden Geschichten erzählt, in welchen Liebende nach allerlei Hindernissen und Unfällen doch noch zum Glücke gelangen.Sechster Tag: Unter der Königin Elisa ist die Rede von schnellen und witzigen Aussprüchen, Antworten und Neckereien.Siebenter Tag: Unter dem Könige Dioneus [pg 47] werden Streiche erzählt, welche Ehemännern von ihren Weibern gespielt wurden.Achter Tag: Unter der Königin Lauretta spricht man von Streichen und Possen, welche so wohl Eheleute wie beliebige andere Personen einander gespielt haben.Neunter Tag: Unter der Königin Emilia trägt ein jeder vor, was ihm behagt.Zehnter Tag: Unter dem König Pamphilus ist die Rede ausschliesslich von Taten des Edelmutes und der Hochherzigkeit.Ausserdem dass jede dieser hundert Novellen durch die Art und Person dessen, der sie erzählt, einen besonderen Ton und eine eigene Art von Anmut gewinnt, sind die Erzählungen unter einander noch auf vielfache und zierliche Weise verbunden. Denn indem zumeist über die soeben vorgetragene Novelle sich ein kürzeres oder längeres Gespräch in der Gesellschaft entspinnt, knüpft alsdann der nachfolgende Erzähler fast immer an dieselbe an und bringt eine Historie zum Vortrag, welche das angeschlagene Thema von einer neuen Seite beleuchtet und deutlicher macht, jedoch ohne dass hierdurch jemals [pg 48] der Anschein der Eintönigkeit erweckt würde. Denn bei mancher Ähnlichkeit des Themas ist dennoch jede von diesen Novellen von allen anderen scharf unterschieden, und es gibt keine zwei darunter, die man so leicht mit einander verwechseln könnte. Nächstdem aber ist jeder Schatten von Gleichförmigkeit auch noch durch andere feine Künste vermieden worden, indem z.B. Dioneus, welcher der Hauptspassvogel der Gesellschaft ist, stets mit völlig unerwarteten neuen Einfällen dazwischen tritt, auch allerlei Anspielungen und Neckereien zwischen den Erzählenden vorfallen.[image]DIE KIRCHE SAN STEFANO IN FLORENZDazu kommt, dass jeder von den zehn Tagen seine eigene Geschichte hat, mit allerlei kleinen Zwischenfällen, so dass wir ausser den täglich erzählten zehn Geschichten auch die übrigen Beschäftigungen und Lustbarkeiten der Gesellschaft erfahren. Daneben ist der Ort, an welchem sie sich aufhält und welchen sie zwischenein auch wechselt, mit Hainen, Teichen, Bächen, Blumen, Wild und Fischen stets auf das Anmutigste und Lebhafteste geschildert, wodurch im Gemüt des Lesenden teils ein fortwährendes Behagen, [pg 49] teils auch eine milde, angenehme Sehnsucht nach solchen auserlesen köstlichen Gegenden erregt wird. Denn der Dichter hat dieselben zwar einigen Örtern ähnlich gebildet, welche man in der Nähe von Florenz und namentlich im Tal des Mugnone antrifft, allein dennoch hat er sie in solcher Art geschmückt und dargestellt, wie es nur ein wahrer Künstler vermag, so dass sie alle etwas Verschöntes und wahrhaft Paradiesisches an sich tragen.So ist denn unter den zahlreichen Büchern, in welchen ein Einzelner viele verstreute Erzählungen gesammelt hat, in aller Welt kein einziges, welches irgendwie an Schönheit und Kunst dem Dekameron vergleichbar wäre. Der es seinerzeit geschrieben hat, tat es zum Trost der unglücklichen Liebenden und vornehmlich zur Erfreuung der Frauen, welchen denn auch das ganze Werk in einem vortrefflichen Prologe zugeeignet ist.[image][pg 50]
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Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzählt werden, und darunter sind sieben Mädchen und drei Jünglinge. Auf diese Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern frisch aus dem Munde eines jungen Erzählenden zu uns her geklungen. Und überdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwänken von einer lebendigen Erzählung umflochten, hat auch jeder von den zehn Tagen seine besondere Art und Färbung.
Die Erfindung des Boccaccio ist diese: Zur Zeit des schwarzen Todes, welcher die Stadt Florenz im Jahre 1348 heimsuchte, waren in dieser Stadt alle früheren Ordnungen und Gewohnheiten vollkommen aufgelöst. Es lagen in den Häusern, auf den Treppen und vor den Türen, ja in allen Gassen da und dort teils Tote, teils Todkranke umher, und die Gefahr der Ansteckung war so gross, [pg 42] dass Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern einander flohen und die Erkrankten einsam und ohne Pflege dahinsterben liessen, welche Zustände Herr Boccaccio im Beginn seines Buches mit der grössten Genauigkeit und Sichtbarkeit uns schildert. Bei solcher grausamen Verwirrung und Schrecknis trafen sich eines Morgens sieben junge Damen in der herrlichen Kirche Santa Maria Novella, welche zwar damals noch der berühmten Wandmalereien des Ghirlandajo entbehrte, aber auch schon zu jener Zeit eine der schönsten Kirchen von Florenz gewesen ist.
Diese Sieben, da sie sich unter gemeldeten Umständen nicht allein in beständiger Todesgefahr, sondern auch jeglicher Freude und Lustbarkeit durchaus beraubt sahen, beschlossen auf den Rat der Pampinea, welche die Älteste von ihnen war, sich in Gesellschaft auf das Land zu begeben und dort einige Zeit in Ruhe und heiteren Gesprächen zu verweilen, wobei sie die gegenwärtige Trauer und Bangnis ein wenig vergessen könnten. Und siehe, während sie noch über einige etwa passende Begleiter und über den [pg 43] Ort ihres Aufenthaltes beratschlagten, traten drei edle Jünglinge in dieselbe Kirche, von welchen jeder in eine unter diesen Damen verliebt war. Ihnen eröffnete Pampinea, welche mit einem derselben verwandt war, ihr Vorhaben und forderte sie auf, als Führer und Kavaliere mit ihnen zu kommen; und sogleich waren die jungen Herren, wie man sich denken kann, von Herzen gern dazu bereit. Auch diejenigen von den Mädchen, welche anfänglich einige Scheu gehabt hatten, freuten sich nun darüber, denn es war sogleich vereinbart worden, dass Sitte und Ehrbarkeit in jeder Weise gewahrt blieben.
Also begab sich diese hübsche und fröhliche Gesellschaft edler junger Leute aus der Stadt und hatte die Wahl des Aufenthaltes zwischen gar vielen Landsitzen, denn infolge der Pest stand auch auf dem Lande alles leer und verlassen. Nur zwei Meilen weit vor den Toren fand sie denn auch auf einem Hügel gelegen einen Palast in der schönsten Umgebung, von Blumenmatten, wohlriechenden Gebüschen und Bäumen und fliessendem Wasser umkränzt, mit Garten, Hof und Brunnen; [pg 44] auch waren Säle, Kammern und Keller wohl versehen. Hier liessen sie sich mit grossem Vergnügen samt ihrer mitgebrachten Dienerschaft nieder, und der Jüngling Dioneus war der Erste, welcher allen vorschlug, die Sorgen in der Stadt dahinten zu lassen und sich, so lange es ihnen gefiele, heitere Tage zu machen.
Alsbald schien es ihnen, auf den Rat der Pampinea, gut, dass an jedem Tage einer aus der Gesellschaft zum Könige ernannt würde, welcher die übrigen samt der Dienerschaft zu beherrschen und alles zum Wohlbehagen und zu guter Unterhaltung dienliche anzuordnen habe. Und es wurde für diesen ersten Tag als Königin die Pampinea gewählt. Diese wieder bestimmte einen aus der Dienerschaft zum Seneschall, andere zum Aufwarten, zum Kochen und zu sonstigen Diensten, wie in einem wohleingerichteten Hofstaat. Hierauf begab sich jedermann, wohin er wollte, und betrachtete die schönen Gärten, Säle, Lauben, Wiesen, Brunnen und Quellen, bis es Zeit zu Tische war. Die Tafel war voll von trefflichen Speisen und ganz mit Ginsterblüten [pg 45] bestreut, es fehlte nicht an blanken Gläsern noch an Handwasser und weissem Linnengedeck. Nach der Mahlzeit aber suchte jeder sich einen Ort zur Ruhe und schlief eine Weile, bis die Königin aufs neue alle zusammen berief und auf einen schattigen Rasenanger führte. Nachdem sie ein wenig getanzt und gesungen hatten, standen wohl Schach- und Damenbretter und genug andere Spiele bereit, allein der Königin und auch allen anderen schien es unterhaltsamer und erfreulicher, dass jeder eine Geschichte, die er wisse, vortrage. So erzählte also jeder eine nach seinem Belieben, und am Ende der zehn Novellen war es Abend geworden, und sie beschlossen diesen ersten Tag damit, dass Emilia eine schöne Canzone sang, während Lauretta einen Tanz dazu aufführte, von Musikinstrumenten begleitet.
Darauf übertrug die Königin ihr Regiment an Philomena, und diese hübsche und kluge junge Dame ordnete an, es sollten am Tage ihrer Regierung solche Geschichten erzählt werden, in welchen einer aus grossem Unheil unerwartet doch noch entrinnt und ein glückliches [pg 46] Ziel erreicht. In einer ähnlichen Weise verliefen alle zehn Tage und zwar in dieser Ordnung:
Erster Tag: Unter der Königin Pampinea erzählt ein jeder, was ihm beliebt und einfällt.
Zweiter Tag: Unter der Königin Philomena werden die Schicksale solcher vorgetragen, welche unerwartet aus grossem Unheil zu neuem Glücke hervorgingen.
Dritter Tag: Unter der Königin Neiphile spricht man davon, wie einer durch Scharfsinn ein ersehntes Ziel erreichte oder etwas Verlorenes zurück gewann.
Vierter Tag: Unter dem König Philostratus redet man von Verliebten, deren Liebe ein tragisches Ende nahm.
Fünfter Tag: Unter der Königin Fiammetta werden Geschichten erzählt, in welchen Liebende nach allerlei Hindernissen und Unfällen doch noch zum Glücke gelangen.
Sechster Tag: Unter der Königin Elisa ist die Rede von schnellen und witzigen Aussprüchen, Antworten und Neckereien.
Siebenter Tag: Unter dem Könige Dioneus [pg 47] werden Streiche erzählt, welche Ehemännern von ihren Weibern gespielt wurden.
Achter Tag: Unter der Königin Lauretta spricht man von Streichen und Possen, welche so wohl Eheleute wie beliebige andere Personen einander gespielt haben.
Neunter Tag: Unter der Königin Emilia trägt ein jeder vor, was ihm behagt.
Zehnter Tag: Unter dem König Pamphilus ist die Rede ausschliesslich von Taten des Edelmutes und der Hochherzigkeit.
Ausserdem dass jede dieser hundert Novellen durch die Art und Person dessen, der sie erzählt, einen besonderen Ton und eine eigene Art von Anmut gewinnt, sind die Erzählungen unter einander noch auf vielfache und zierliche Weise verbunden. Denn indem zumeist über die soeben vorgetragene Novelle sich ein kürzeres oder längeres Gespräch in der Gesellschaft entspinnt, knüpft alsdann der nachfolgende Erzähler fast immer an dieselbe an und bringt eine Historie zum Vortrag, welche das angeschlagene Thema von einer neuen Seite beleuchtet und deutlicher macht, jedoch ohne dass hierdurch jemals [pg 48] der Anschein der Eintönigkeit erweckt würde. Denn bei mancher Ähnlichkeit des Themas ist dennoch jede von diesen Novellen von allen anderen scharf unterschieden, und es gibt keine zwei darunter, die man so leicht mit einander verwechseln könnte. Nächstdem aber ist jeder Schatten von Gleichförmigkeit auch noch durch andere feine Künste vermieden worden, indem z.B. Dioneus, welcher der Hauptspassvogel der Gesellschaft ist, stets mit völlig unerwarteten neuen Einfällen dazwischen tritt, auch allerlei Anspielungen und Neckereien zwischen den Erzählenden vorfallen.
[image]DIE KIRCHE SAN STEFANO IN FLORENZ
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DIE KIRCHE SAN STEFANO IN FLORENZ
Dazu kommt, dass jeder von den zehn Tagen seine eigene Geschichte hat, mit allerlei kleinen Zwischenfällen, so dass wir ausser den täglich erzählten zehn Geschichten auch die übrigen Beschäftigungen und Lustbarkeiten der Gesellschaft erfahren. Daneben ist der Ort, an welchem sie sich aufhält und welchen sie zwischenein auch wechselt, mit Hainen, Teichen, Bächen, Blumen, Wild und Fischen stets auf das Anmutigste und Lebhafteste geschildert, wodurch im Gemüt des Lesenden teils ein fortwährendes Behagen, [pg 49] teils auch eine milde, angenehme Sehnsucht nach solchen auserlesen köstlichen Gegenden erregt wird. Denn der Dichter hat dieselben zwar einigen Örtern ähnlich gebildet, welche man in der Nähe von Florenz und namentlich im Tal des Mugnone antrifft, allein dennoch hat er sie in solcher Art geschmückt und dargestellt, wie es nur ein wahrer Künstler vermag, so dass sie alle etwas Verschöntes und wahrhaft Paradiesisches an sich tragen.
So ist denn unter den zahlreichen Büchern, in welchen ein Einzelner viele verstreute Erzählungen gesammelt hat, in aller Welt kein einziges, welches irgendwie an Schönheit und Kunst dem Dekameron vergleichbar wäre. Der es seinerzeit geschrieben hat, tat es zum Trost der unglücklichen Liebenden und vornehmlich zur Erfreuung der Frauen, welchen denn auch das ganze Werk in einem vortrefflichen Prologe zugeeignet ist.
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