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[image]Man hört gar häufig sagen, das Dekameron sei ein unanständiges und verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hörensagen, zum Teil aber kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille häufig. Was nun die Unanständigkeit betrifft, welche stets in Büchern viel heftiger als im Leben bekämpft wird, so kann und mag ich sie keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schönen Frühlingsmonat ganz durchlas, pflegte ich der Wärme wegen frische Limonen dazu zu speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei jeder Novelle, die mir unanständig erschien, einen Limonenkern in meine Tasche steckte, und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zählte ich neununddreissig solche Kerne. Hiernach wäre denn etwas mehr als ein Dritteil des Dekameron von unanständiger Beschaffenheit.[pg 51] Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den schönsten und ergötzlichsten gehören, will ich doch den Inhalt derselben nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der Natur, dass die Menschen gleich anderen lebenden Geschöpfen ihre Art nicht (wie manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern in zwei Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel Vergnügen als häufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung (diese jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten Menschen diese natürlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen folgen, aber durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch noch viele, welche mündlich nicht selten davon zu sprechen und zu hören pflegen, sehen es doch in gedruckten Büchern nicht gerne.Unser Novellenbuch hat das Bestreben und die Eigenschaft, ein Spiegel des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich für sicher glaube, hat wohl an der Hälfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften, [pg 52] Schicksale, Freuden und Leiden das Verhältnis der Geschlechter grossen Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein Erkleckliches anständiger und schamhafter als das Leben selber. Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzählern teils so zart und mit guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen die natürliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei gesunden und vernünftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten vermögen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Überdies war der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in Überschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut, die davon handelnden Novellen ungelesen überschlagen kann.[pg 53] Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darüber gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzählern beiderlei Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche derbe Posse mit anhören, sondern auch selbst solche erzählen. Mir ist zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Männer vor jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfür der Meister sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn oder am Schlusse einleuchtend erklärt, warum und in welcher Absicht sie erzählt sei. Die Einführung der Erzählungen heiklen Inhalts hat Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den drei Jünglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus, ein Witzemacher, Spötter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist der erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige Geschichte vorzutragen, und er behält sich das Recht vor, ohne Zwang jedesmal gerade das zu [pg 54] erzählen, was er im Augenblick besonders unterhaltend fände. Dieser Dioneus fährt denn auch stets, ohne sich sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art fort, und unter den zehn von ihm erzählten Novellen sind nur zwei, die nicht anstössig wären, und auch von diesen beiden ist noch die eine, obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen kräftigen Scherzen und Spöttereien.Die erste von Dioneus erzählte Posse, worin ein Mönch sich in die Liebe einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Erröten und Schelten. Allmählich wagen es nun auch die beiden anderen Jünglinge, Ähnliches vorzutragen, bei den Mädchen überwiegt bald das Gelächter den Unwillen, und nach und nach entschlüpft auch ihnen da und dort eine derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz überwunden ist und alle ihren natürlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den Damen jede wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten gegeben hat. Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was [pg 55] die Anzahl, sondern auch was die Stärke seiner Possen betrifft. Welcher Novelle in dieser schlimmen Hinsicht der Vorrang gebühre, mag jeder für sich entscheiden. Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von der sinnlichen Liebe handelnden Stoffe mit vieler Schönheit und Kunst vorgetragen werden, sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im übrigen so ehrbar und tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden und Tun zweierlei Dinge sind und wie Freimütigkeit sich mit guter Sitte sehr wohl verträgt. Darin könnte sogar mancher von den Erzählern der hundert Novellen viel Nützliches lernen.Im Ernst möchte ich keinem klugen Leser raten, die unanständigeren Novellen des Dekameron völlig zu überschlagen. Wer selbst von guter und reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsäuberliche von selber liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in einigen der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so dass man in ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der Darstellung [pg 56] wie die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von Alters her die Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften Wendungen der Rede sehr geübt gewesen und sind es auch heute noch in hohem Grade. Da nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus dieselbe Sprache redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen dieselben ihrem Inhalte zum Trotz häufig eine Anmut und Natürlichkeit, welche fast nie von anderen Schriftstellern erreicht wurde.Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme Vorwürfe für notwendig hält, möge seine eigenen Rechtfertigungen lesen, welche am ausführlichsten in der Einleitung, sowie in der Vorrede zum vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen nicht bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses erfreut![image]BOCCACCIO nach einem Gemälde von Andrea del CastagnoÜbrigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie öfters in freimütiger Weise von den Vergnügungen der [pg 57] Liebe handeln; denn von diesen Dingen wurde in jenen Zeiten viel natürlicher und freier gesprochen, als es heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse Übung hat, aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche wie die englische Literatur der älteren Zeit reich an Unflätereien, neben welchen die bösesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete klingen.Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast ausschliesslich darauf, dass im Dekameron häufig, wie man meinte, die heilige Religion und Kirche angetastet und verhöhnt werde. In dieser Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen geneigt.In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine Stelle, welche wider die Religion gerichtet wäre oder die Absicht hätte, sie zu verspotten. Im Gegenteil ist öfters von göttlichen Gesetzen und vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und gläubigsten Ausdrücken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der Zehne [pg 58] jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an diesen Tagen hören wir weder von Geschichtenerzählen noch von sonstigen Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht erscheint, damals jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der Umstand, dass Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Mönchen und Nonnen, auch von Äbten, Bischöfen, Prioren und hohen geistlichen Herren mit der kühnsten Freimütigkeit gesprochen hat. Er tat dieses teils, indem er die unanständigen und lasterhaften Handlungen, wenn er solche berichtet, fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob, teils redete er aber auch unverhüllt in den strengsten und heftigsten Ausdrücken über Priester und Mönche. Von diesen sagt er, ausser an vielen anderen Orten, in der siebenten Novelle des dritten Tages:„Sie schreien über die Üppigkeit gegen die Männer, damit, wenn sie diese sich vom Halse geschafft haben, die Weiber für die Schreier zurückbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Sünder durch ihre Hände den ungerechten Gewinst zurückerstattet, [pg 59] sich vorher daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistümer und Prälaturen kaufen können. Sie predigen lauter Gutes—aber warum? Damit sie selbst das tun können, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verböten, sie nicht tun könnten! Wenn du den Weibern nachläufst, so kann der Frater nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und Beleidigungen vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus zu dringen und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben tausende von ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen, sondern auch solche aus den Klöstern liebten, verführten und besuchten, und das waren jene, die den meisten Lärm auf den Kanzeln machten.“Von den allerhöchsten Kirchenfürsten aber handelt die von Neiphile erzählte zweite Novelle des ersten Tages. Nämlich einem reichen und redlichen jüdischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein Herzensfreund dringlich an, er möchte doch die Taufe nehmen und Christ werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der Jude, als [pg 60] ein sehr verständiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die Hüter und Verkündiger eines so erhabenen Glaubens zu schätzen seien. Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist Laster über Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris heimkehrte, lässt sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und sich Mühe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott sein, sonst wäre sie längst ertötet und von der Erde verschwunden.[pg 61] Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehört hat, so weiss ich gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.[image][pg 62]

[image]Man hört gar häufig sagen, das Dekameron sei ein unanständiges und verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hörensagen, zum Teil aber kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille häufig. Was nun die Unanständigkeit betrifft, welche stets in Büchern viel heftiger als im Leben bekämpft wird, so kann und mag ich sie keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schönen Frühlingsmonat ganz durchlas, pflegte ich der Wärme wegen frische Limonen dazu zu speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei jeder Novelle, die mir unanständig erschien, einen Limonenkern in meine Tasche steckte, und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zählte ich neununddreissig solche Kerne. Hiernach wäre denn etwas mehr als ein Dritteil des Dekameron von unanständiger Beschaffenheit.[pg 51] Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den schönsten und ergötzlichsten gehören, will ich doch den Inhalt derselben nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der Natur, dass die Menschen gleich anderen lebenden Geschöpfen ihre Art nicht (wie manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern in zwei Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel Vergnügen als häufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung (diese jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten Menschen diese natürlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen folgen, aber durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch noch viele, welche mündlich nicht selten davon zu sprechen und zu hören pflegen, sehen es doch in gedruckten Büchern nicht gerne.Unser Novellenbuch hat das Bestreben und die Eigenschaft, ein Spiegel des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich für sicher glaube, hat wohl an der Hälfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften, [pg 52] Schicksale, Freuden und Leiden das Verhältnis der Geschlechter grossen Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein Erkleckliches anständiger und schamhafter als das Leben selber. Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzählern teils so zart und mit guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen die natürliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei gesunden und vernünftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten vermögen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Überdies war der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in Überschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut, die davon handelnden Novellen ungelesen überschlagen kann.[pg 53] Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darüber gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzählern beiderlei Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche derbe Posse mit anhören, sondern auch selbst solche erzählen. Mir ist zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Männer vor jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfür der Meister sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn oder am Schlusse einleuchtend erklärt, warum und in welcher Absicht sie erzählt sei. Die Einführung der Erzählungen heiklen Inhalts hat Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den drei Jünglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus, ein Witzemacher, Spötter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist der erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige Geschichte vorzutragen, und er behält sich das Recht vor, ohne Zwang jedesmal gerade das zu [pg 54] erzählen, was er im Augenblick besonders unterhaltend fände. Dieser Dioneus fährt denn auch stets, ohne sich sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art fort, und unter den zehn von ihm erzählten Novellen sind nur zwei, die nicht anstössig wären, und auch von diesen beiden ist noch die eine, obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen kräftigen Scherzen und Spöttereien.Die erste von Dioneus erzählte Posse, worin ein Mönch sich in die Liebe einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Erröten und Schelten. Allmählich wagen es nun auch die beiden anderen Jünglinge, Ähnliches vorzutragen, bei den Mädchen überwiegt bald das Gelächter den Unwillen, und nach und nach entschlüpft auch ihnen da und dort eine derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz überwunden ist und alle ihren natürlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den Damen jede wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten gegeben hat. Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was [pg 55] die Anzahl, sondern auch was die Stärke seiner Possen betrifft. Welcher Novelle in dieser schlimmen Hinsicht der Vorrang gebühre, mag jeder für sich entscheiden. Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von der sinnlichen Liebe handelnden Stoffe mit vieler Schönheit und Kunst vorgetragen werden, sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im übrigen so ehrbar und tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden und Tun zweierlei Dinge sind und wie Freimütigkeit sich mit guter Sitte sehr wohl verträgt. Darin könnte sogar mancher von den Erzählern der hundert Novellen viel Nützliches lernen.Im Ernst möchte ich keinem klugen Leser raten, die unanständigeren Novellen des Dekameron völlig zu überschlagen. Wer selbst von guter und reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsäuberliche von selber liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in einigen der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so dass man in ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der Darstellung [pg 56] wie die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von Alters her die Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften Wendungen der Rede sehr geübt gewesen und sind es auch heute noch in hohem Grade. Da nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus dieselbe Sprache redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen dieselben ihrem Inhalte zum Trotz häufig eine Anmut und Natürlichkeit, welche fast nie von anderen Schriftstellern erreicht wurde.Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme Vorwürfe für notwendig hält, möge seine eigenen Rechtfertigungen lesen, welche am ausführlichsten in der Einleitung, sowie in der Vorrede zum vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen nicht bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses erfreut![image]BOCCACCIO nach einem Gemälde von Andrea del CastagnoÜbrigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie öfters in freimütiger Weise von den Vergnügungen der [pg 57] Liebe handeln; denn von diesen Dingen wurde in jenen Zeiten viel natürlicher und freier gesprochen, als es heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse Übung hat, aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche wie die englische Literatur der älteren Zeit reich an Unflätereien, neben welchen die bösesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete klingen.Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast ausschliesslich darauf, dass im Dekameron häufig, wie man meinte, die heilige Religion und Kirche angetastet und verhöhnt werde. In dieser Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen geneigt.In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine Stelle, welche wider die Religion gerichtet wäre oder die Absicht hätte, sie zu verspotten. Im Gegenteil ist öfters von göttlichen Gesetzen und vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und gläubigsten Ausdrücken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der Zehne [pg 58] jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an diesen Tagen hören wir weder von Geschichtenerzählen noch von sonstigen Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht erscheint, damals jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der Umstand, dass Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Mönchen und Nonnen, auch von Äbten, Bischöfen, Prioren und hohen geistlichen Herren mit der kühnsten Freimütigkeit gesprochen hat. Er tat dieses teils, indem er die unanständigen und lasterhaften Handlungen, wenn er solche berichtet, fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob, teils redete er aber auch unverhüllt in den strengsten und heftigsten Ausdrücken über Priester und Mönche. Von diesen sagt er, ausser an vielen anderen Orten, in der siebenten Novelle des dritten Tages:„Sie schreien über die Üppigkeit gegen die Männer, damit, wenn sie diese sich vom Halse geschafft haben, die Weiber für die Schreier zurückbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Sünder durch ihre Hände den ungerechten Gewinst zurückerstattet, [pg 59] sich vorher daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistümer und Prälaturen kaufen können. Sie predigen lauter Gutes—aber warum? Damit sie selbst das tun können, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verböten, sie nicht tun könnten! Wenn du den Weibern nachläufst, so kann der Frater nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und Beleidigungen vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus zu dringen und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben tausende von ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen, sondern auch solche aus den Klöstern liebten, verführten und besuchten, und das waren jene, die den meisten Lärm auf den Kanzeln machten.“Von den allerhöchsten Kirchenfürsten aber handelt die von Neiphile erzählte zweite Novelle des ersten Tages. Nämlich einem reichen und redlichen jüdischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein Herzensfreund dringlich an, er möchte doch die Taufe nehmen und Christ werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der Jude, als [pg 60] ein sehr verständiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die Hüter und Verkündiger eines so erhabenen Glaubens zu schätzen seien. Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist Laster über Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris heimkehrte, lässt sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und sich Mühe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott sein, sonst wäre sie längst ertötet und von der Erde verschwunden.[pg 61] Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehört hat, so weiss ich gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.[image][pg 62]

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Man hört gar häufig sagen, das Dekameron sei ein unanständiges und verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hörensagen, zum Teil aber kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille häufig. Was nun die Unanständigkeit betrifft, welche stets in Büchern viel heftiger als im Leben bekämpft wird, so kann und mag ich sie keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schönen Frühlingsmonat ganz durchlas, pflegte ich der Wärme wegen frische Limonen dazu zu speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei jeder Novelle, die mir unanständig erschien, einen Limonenkern in meine Tasche steckte, und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zählte ich neununddreissig solche Kerne. Hiernach wäre denn etwas mehr als ein Dritteil des Dekameron von unanständiger Beschaffenheit.

[pg 51] Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den schönsten und ergötzlichsten gehören, will ich doch den Inhalt derselben nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der Natur, dass die Menschen gleich anderen lebenden Geschöpfen ihre Art nicht (wie manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern in zwei Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel Vergnügen als häufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung (diese jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten Menschen diese natürlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen folgen, aber durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch noch viele, welche mündlich nicht selten davon zu sprechen und zu hören pflegen, sehen es doch in gedruckten Büchern nicht gerne.

Unser Novellenbuch hat das Bestreben und die Eigenschaft, ein Spiegel des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich für sicher glaube, hat wohl an der Hälfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften, [pg 52] Schicksale, Freuden und Leiden das Verhältnis der Geschlechter grossen Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein Erkleckliches anständiger und schamhafter als das Leben selber. Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzählern teils so zart und mit guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen die natürliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei gesunden und vernünftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten vermögen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Überdies war der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in Überschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut, die davon handelnden Novellen ungelesen überschlagen kann.

[pg 53] Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darüber gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzählern beiderlei Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche derbe Posse mit anhören, sondern auch selbst solche erzählen. Mir ist zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Männer vor jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfür der Meister sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn oder am Schlusse einleuchtend erklärt, warum und in welcher Absicht sie erzählt sei. Die Einführung der Erzählungen heiklen Inhalts hat Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den drei Jünglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus, ein Witzemacher, Spötter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist der erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige Geschichte vorzutragen, und er behält sich das Recht vor, ohne Zwang jedesmal gerade das zu [pg 54] erzählen, was er im Augenblick besonders unterhaltend fände. Dieser Dioneus fährt denn auch stets, ohne sich sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art fort, und unter den zehn von ihm erzählten Novellen sind nur zwei, die nicht anstössig wären, und auch von diesen beiden ist noch die eine, obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen kräftigen Scherzen und Spöttereien.

Die erste von Dioneus erzählte Posse, worin ein Mönch sich in die Liebe einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Erröten und Schelten. Allmählich wagen es nun auch die beiden anderen Jünglinge, Ähnliches vorzutragen, bei den Mädchen überwiegt bald das Gelächter den Unwillen, und nach und nach entschlüpft auch ihnen da und dort eine derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz überwunden ist und alle ihren natürlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den Damen jede wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten gegeben hat. Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was [pg 55] die Anzahl, sondern auch was die Stärke seiner Possen betrifft. Welcher Novelle in dieser schlimmen Hinsicht der Vorrang gebühre, mag jeder für sich entscheiden. Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von der sinnlichen Liebe handelnden Stoffe mit vieler Schönheit und Kunst vorgetragen werden, sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im übrigen so ehrbar und tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden und Tun zweierlei Dinge sind und wie Freimütigkeit sich mit guter Sitte sehr wohl verträgt. Darin könnte sogar mancher von den Erzählern der hundert Novellen viel Nützliches lernen.

Im Ernst möchte ich keinem klugen Leser raten, die unanständigeren Novellen des Dekameron völlig zu überschlagen. Wer selbst von guter und reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsäuberliche von selber liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in einigen der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so dass man in ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der Darstellung [pg 56] wie die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von Alters her die Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften Wendungen der Rede sehr geübt gewesen und sind es auch heute noch in hohem Grade. Da nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus dieselbe Sprache redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen dieselben ihrem Inhalte zum Trotz häufig eine Anmut und Natürlichkeit, welche fast nie von anderen Schriftstellern erreicht wurde.

Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme Vorwürfe für notwendig hält, möge seine eigenen Rechtfertigungen lesen, welche am ausführlichsten in der Einleitung, sowie in der Vorrede zum vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen nicht bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses erfreut!

[image]BOCCACCIO nach einem Gemälde von Andrea del Castagno

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BOCCACCIO nach einem Gemälde von Andrea del Castagno

Übrigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie öfters in freimütiger Weise von den Vergnügungen der [pg 57] Liebe handeln; denn von diesen Dingen wurde in jenen Zeiten viel natürlicher und freier gesprochen, als es heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse Übung hat, aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche wie die englische Literatur der älteren Zeit reich an Unflätereien, neben welchen die bösesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete klingen.

Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast ausschliesslich darauf, dass im Dekameron häufig, wie man meinte, die heilige Religion und Kirche angetastet und verhöhnt werde. In dieser Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen geneigt.

In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine Stelle, welche wider die Religion gerichtet wäre oder die Absicht hätte, sie zu verspotten. Im Gegenteil ist öfters von göttlichen Gesetzen und vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und gläubigsten Ausdrücken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der Zehne [pg 58] jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an diesen Tagen hören wir weder von Geschichtenerzählen noch von sonstigen Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht erscheint, damals jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der Umstand, dass Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Mönchen und Nonnen, auch von Äbten, Bischöfen, Prioren und hohen geistlichen Herren mit der kühnsten Freimütigkeit gesprochen hat. Er tat dieses teils, indem er die unanständigen und lasterhaften Handlungen, wenn er solche berichtet, fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob, teils redete er aber auch unverhüllt in den strengsten und heftigsten Ausdrücken über Priester und Mönche. Von diesen sagt er, ausser an vielen anderen Orten, in der siebenten Novelle des dritten Tages:

„Sie schreien über die Üppigkeit gegen die Männer, damit, wenn sie diese sich vom Halse geschafft haben, die Weiber für die Schreier zurückbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Sünder durch ihre Hände den ungerechten Gewinst zurückerstattet, [pg 59] sich vorher daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistümer und Prälaturen kaufen können. Sie predigen lauter Gutes—aber warum? Damit sie selbst das tun können, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verböten, sie nicht tun könnten! Wenn du den Weibern nachläufst, so kann der Frater nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und Beleidigungen vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus zu dringen und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben tausende von ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen, sondern auch solche aus den Klöstern liebten, verführten und besuchten, und das waren jene, die den meisten Lärm auf den Kanzeln machten.“

Von den allerhöchsten Kirchenfürsten aber handelt die von Neiphile erzählte zweite Novelle des ersten Tages. Nämlich einem reichen und redlichen jüdischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein Herzensfreund dringlich an, er möchte doch die Taufe nehmen und Christ werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der Jude, als [pg 60] ein sehr verständiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die Hüter und Verkündiger eines so erhabenen Glaubens zu schätzen seien. Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist Laster über Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris heimkehrte, lässt sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und sich Mühe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott sein, sonst wäre sie längst ertötet und von der Erde verschwunden.

[pg 61] Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehört hat, so weiss ich gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.

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[pg 62]


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