Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend wie im Oktober-November, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter ähnlichen Umständen. Es wird alles für mich immer traumhafter; wir hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt mit Blumen und trabten nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug aus Dante’s Inferno; ich fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet und ich ja ein ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genauwo; ich bin jetzt so oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl ist aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger selbstquälerisch; vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das Leben in mehreren Falten nebeneinander durchleben kann und die Einheit von Lebensfunktionen nur sehr locker und fragwürdig ist.Der Geist kann unbedingt auch ohne Körper leben.— — — — —
L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe „man sollte um der Sache willen, — um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört“ und daß ein solcher Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht, daher auch gegenwärtigdie große Spaltung meines Wesens, die von dem ungewöhnlichen Leben und den ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird. Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: das eine Leben des Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, — das ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, — ich „sehe“ uns plötzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keineErlebnissemehr für mich; ichsehemich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten, sprechen usw.
Das zweite Leben ist schon eher „Erlebnis“, die Gedanken an Europa, Tolstoi, August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt täglich Zeugen sind), meine Briefe, — in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in die ich wenigstens zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, auf beiden Füßen undanwesendfühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei verliere, daß dies alles für mich nichtwesentlichist, nur Wege, Spaziergänge ohne Ziel, die man zur Erholung und „um sich zu fühlen“ und um nicht unthätig zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause zurückzukehren, in sein eigenes gänzlich unsichtbares „Heim“. Und das ist dasdritteLeben: das unbewußte Wachsen und Gehen nach einem Ziel; das Keimen der Kunst und des Schöpferischen, der Keim, den man nicht vorwitzig berühren darf.Allesandre wird für mich unwesentlich und gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte; wie der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, — und was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir. Der wahre Geist braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, — vielleicht ist ein Körper seine äußerliche Bedingung (Incarnation), aber er ist nur wenig abhängig von ihm, kann sich von ihm zeitweise und besonders in seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von ihm trennen. Vielleicht wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken will, sie sind ganz spontane Erkenntnis, — im übrigen eine Erkenntnis, die durch alle Religionen geht.
Diese Trennung ist keineBedingung; in einem harmonischen Erdendasein wird sie überhaupt kaum fühlbar, — wenn ich nach Ried und zu Dir zurückkehre und arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei Personen wieder hübsch eng zusammenschließen. Aber gegenwärtig laufen sie einzeln!
Wie geht’s mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich? Über den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. — — — — —
Du bist enttäuscht — — — — —, — laß Dich davon nicht zu sehr in DeineroffenenHaltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen und „vorsichtig sein“ kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu können, auch im Leben undnieetwas nachzutragen, (— eine ganz unnötige Last, die man da „nachträgt“). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus.
Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, — wer weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und vielleicht trägt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die guten Schwälbchen sollen nur nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd ich immer neugieriger. —
— — — — —
Nun gute Nacht!Dein Frz.
L....
Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. — — — — — — — — — — — Aber niemand darf sich im Glauben, dem „Wesentlichen“ näher zu sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du denkst, ich sei da und dort „festgefahren“. Ich irre und finde das Gleichgewicht nicht, — das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was es mit meiner Scheu, — sagen wir: vor „Penzberg“ oder vor „fremden Stuben“ auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, das „Gewissen“ siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares Problem sehe? Das nennt man nicht „festgefahren“, — das ist etwas ganz anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, — aber nicht praktischer Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel darüber reden.
Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des tiefsten Friedens; der schönste Friede warimmernur ein latenter Krieg; aber derEinzelnekann sich befreien und anderen dazu helfen — das ist der Sinn despersönlichenChristentums und Buddhismus und aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis,vieldeutig und viel zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine solche scheint mir auch Deine „Menschenliebe“; was ist das? geht sie auf Kosten der „Naturliebe“? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir,woder Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich. Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.
— — — — — — — — — —
L....
heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich langweilt nur mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher Offiziersgehalt meiner Dienstzeit gewissermaßen zusteht; — — — — — — — — — — — — — — — — —
Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht leichtfertig ein für eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich interessiert. Ich kann ja immer noch nicht über den Krieg schimpfen und ihn hassen wie Du, — als ob die Menschen vor dem Kriege und nach dem Kriege und je besser gewesen wären. Was ist denn der Krieg anders als der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich ehrlicherer Form; statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist keinwesentlicherUnterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben die Seele nicht. Den Tod alsZerstörungerkenne ich überhaupt nicht an. Der Tod Deines Vaters war mir doch noch furchtbarer und erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht, ob Du das verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft wäre oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle hierin, wie ich immer gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich schon immer früher über den Todsprach: er ist absolutErlösung. Dazu braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal Buddhist, höchstens Christ. „Tod, wo ist Dein Stachel?“ — Es ist nicht einmal wahr, daß ich mich „an den Krieg gewöhne“, wie Du annimmst; aber ich taste immer ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der Friedenszeiten. Ich glaube nicht an die „menschenwürdigeren Zeiten“, von denen Du so viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, — aberimmer, im Frieden und im Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das kein Tod, kein Mord und kein Sterben, keine Wunden und keine Krankheiten bezwingt und das von Weltverböserung so wenig als von Weltverbesserung beeinflußt werden kann. „Mein Nerv wurde hart in mancher roten schöpferischen Stunde“, — vielleicht ist es das; denn ich bin sonst, als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden;Du kennst mich ja. Aber wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächstbesten christliche Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß meine rechte Hand nicht weiß, was die Linke thut, — nicht aber als Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. Ich dachte auch viel über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von Assisi, Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner Organisation der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über Heidenmission auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger Sklaven? Werden die Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen ändern sich, sonst nichts. Es gibt nur einen Segen und Erlösung: den Tod; die Zerstörung der Form, damit die Seele frei wird. Du mußt nicht denken, daß ich die Bibel „poetisch“ lese; ich lese sie alsWahrheit, wie ich Bach alsWahrheithöre und reine Kunst alsWahrheitsehe.Kannst Dumich verstehen? Ach könntest Du doch!
A propos: zum Leben zurück: — — — — — Ja, das Leben! und die Menschen! sie können einemsehrleid thun, aber man kann sie nicht bessern. Wir müssen auf ein anderes Leben warten. Für manche brennt das läuternde Fegefeuer schon hienieden — hoffentlich gehören wir zwei unter diese — manche und die meisten leider — spüren hienieden davon noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag ich mich jetzt so oft!Dichglaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige, nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu vor den Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich möchte sie Deinem guten Herzen ersparen und Dich gleich zumWesentlichenwenden.
Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob ich’s erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar, gestammelt.
— — — — —— —Frz.
Nach dem ersten Urlaub.
L., von der Fahrt einen lieben Gruß. Mir wurden die letzten Tage innerlich doch schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt auch; auf allen Stationen derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen, — die weite Spanne des Lebens immer in einen einzigen Blick gepreßt. Aber ich trage so viele freudige Erinnerung an die Liebe in der Heimat mit mir hinaus, daß mir die Tage doch ein Segen sind; sei nicht traurig, daß ich in vielem so schweigsam war, — ich konnte nicht anders. Ich konnte mich nicht hingeben undfrei fühlen— auf Widerruf! Erst wenn ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen besseren) wieder ganz haben.
Mit tiefem KußDeinFrz.
L., ich muß jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue reine Häuschen; ich kann es gar nicht begreifen, daß man es einmal wieder so gut haben wird, an solchem Orte undmit Dir, ohne fremden Zwang und nur seiner eigenen Menschlichkeit leben zu dürfen. Ich empfand in den kurzen Urlaubstagen alles so tief und entscheidend, — tiefer, als ich dem Ausdruck geben konnte und auch mochte; denn diese Empfindung konnten Worte nur matter machen und nie ganz aussagen. München interessierte mich so wenig; es rührte mich etwas in seiner Trauer; aber im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich nur halb angeht und der uns nur während der Lektüre ein bißchen bannt. (Bei Wolfskehl fühlte ich etwasLiebe, vor allem als ich an seinem Krankenbett saß.) Undganz Liebefühlte und fühle ich fürDich, mein gutes liebes Lieb. Ich weiß, ich war so schweigsam, — Du frugst mich so oft; ich konnte dir gar nicht richtig antworten und sagen; — später fiel mir’s auf die Seele, Du könntest am Ende traurig sein; leb nur fröhlich in Gedanken an mich und an unser kommendes Leben.
Das Leben hier berührt mich überhaupt nicht mehr; es ist, als wäre es schon nicht mehr wirklich oder gegenwärtig; ein rein formalistisches Dasein, dem man gehorcht. „Der gute Soldat wider Willen“ wäre kein schlechtes Thema für einen,der philosophisch genug wäre, die ganze Tragik und Merkwürdigkeit dieses gegenwärtigen Zustandes zu begreifen. Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne, daß der Deutsche seinLandund seineArbeitverteidigt, seine Mission fühlt, aber den Frieden im Herzen trägt, — keiner faßt das Thema so, daß man den Fluch urältester Gewissensverfehlung heute über sich ergehen lassen muß und daß man in diesem Kriege persönlich und als Volk „sühnt“. — Wir sind wirklichalleschuld an diesem Krieg; — das ist auch der eigentliche Grund, warum es uns so auf die Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut, als ginge ihn der Krieg, auch als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er dem bedrängten Vaterland nicht zu Hilfe eilt, sondern weil er sich einer Sühne entzieht; das „verstockte Herz“ des Evangeliums. Ich lese hier Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe Band II auch zu Hause. Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht, laß es; dann bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambändchen. Ich las Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschütternd, aber nur aus der russischen Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit deutschen Typen gespielt würde gänzlich unwahr wirken. Ich hab es bei Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang her, um die Aufführung aus der Erinnerung nachzuprüfen. Damals gefiel sie mir; aber wahrscheinlich war sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die Übersetzung ist ganz miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektüre jedenfalls die Brüder Karamasoff vor; ich möchte, daß Du sie einmal liest. Was macht der gute Kam.? Erzähl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt und thut.
L., dank für den Bölsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das „Pferd“ ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen (gebunden). Ebenso die Atlantis (ich weiß nicht, ob das der Titel ist). Aber Du erinnerst Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin von der prähistorischen Geographie der Erde. Solche Lektüre lenkt mich jetzt sehr ab und ich hab das ziemlich nötig. Wir sind seit heute in einem neuen Quartier, näher dem alten Herbstquartier, landschaftlich ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung, gänzlich unkriegerisch. Unsere Thätigkeit scheint sich ihr anzupassen, — Felderbau! Ich bin über die Veränderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett vermisse; hier ist es äußerst primitiv.
Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in Menschennähe. —
Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die sich schon sammeln, Flieger, die beständig hier auf- und absteigen, — man guckt die ganze Zeit in die Höhe. Und abends unken alle Sumpfvögel.
Schreib mir von Euch und Ried.
L.,
Was ist * * * für eine merkwürdige Seele; wieverschiedensind überhaupt die Menschen! Daran muß ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem letzten tiefsten Punkte mögen sie wohl alle gleich sein, (— Du nennst diesen heimlichen Punkt: Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert ganz genau und scharf nur vor und nach dem Leben; während des Lebens ist er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr oder weniger von der Stelle gerückt; solange das Leben kreist und das Blut pocht, findet dieser Punkt keine Ruhe;niemand kann ihn genau ins Auge fassen; und die es sagen, täuschen sich; an diesem Ungefähr gehen wir alle zugrunde! Ich bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewußtsein, — denn es gibt mir eben das Bewußtsein, daß ich lebe, am Leben leide undarbeitenmuß, unaufhörlich, gegen das Ungefähr, bis wir sterben.
— — — — —
Das Dörfchen, in dem wir sind, heißtHaumont; an den Etangs vonLa Chausséegelegen; ein Stündchen vonHagéville; zwischenHagévilleundSt. Bénoit. Wir haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir sind ja auch um ein Stück weiter hinter der Front zurück; zwischen zwei Fliegerstationen. Den ganzen Tag surren die Flugzeuge um uns herum; es ist beständig was los in der Luft. Und wenn keine Apparate fliegen, wiegen sich Geier und Weihen und Falken über den Feldern und Sümpfen. Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher Moorunken, dem Ruf der Weihen und Käuze. Die Gegend ist sehr waldreich, alles ganz verwildert; es scheint mir sogar, daß es einst künstliche Waldanlagen, Parks vonSt. Bénoitwaren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein bißchen wie der Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne Mückenschleier ist hier natürlich kaum zu schlafen; der meine ist famos, wenn Du genug Zeug hast, fertige noch zwei; ich möchte sie Kameraden schenken.
Über Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang; keiner kann ihn heute ändern oder kürzen oder verlängern. Auch Amerika nicht. Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute innere Logik; die Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen die „Regierenden“. Was heutealles geschieht, werden die Völker nie vergessen; der Boden für die großartigste Bewegung des vierten Standes wird heute bereitet; aber thätig begeistern mich auch diese Vorgänge nicht. Die Kunst zieht eine andere Straße ins ewige Leben. Scharf denken kann ich heute überhaupt nicht; alles erscheint dämmerig und etwas trunken. Ich ersehne nichts als dieHeimkehr.
Dank für das gereinigte Besteckchen. Grüß alle herzlich — — — — —
— — — — —
L., heut vor einem Jahr bin ich ausgezogen, — weißt Du noch, wie ich in der Nacht alarmiert wurde? Dank für Deinen lieben Brief vom 26. (mit dem Gruß vom Golling drauf). Du wendest Dich in Deinen Gedanken und Vorwürfen viel zu sehr an die einzelnen Führer, Regierungen etc., statt die Schuld in derGesamtheit, im Gesamtverhalten, resp. im Verhaltenjedes Einzelnenzu suchen. Regierungen haben sich nicht über Völker gesetzt, sondern die Völker haben sich Regierungen geschaffen, die das Verhalten des Einzelnen autoritativ decken. Du hörst ja unser Volk! Darüber ist so viel zu sagen. Am Menschengedanken muß man mit der Arbeit einsetzen, nicht an der Politik. — Ich schreib Dir nächstens ausführlich. — Ein paar Tännchen wirst Du im Frühjahr eben doch einsetzen. Willst Du Dir nicht doch ein Kätzchen anschaffen, wegen der Mäuse? Welf wird ihm nichts thun. — Spielst Du? Mir geht es jetzt wirklich gut. Du kannst in dieser Zeit mit großer Ruhe an mich denken. Heute schrieb Deine Mutter eine Karte aus Gendrin mit der Ansicht des Gutes, — das hat mich auch tief wehmütig gestimmt. Wohin, wohin ist das alles? Wo sind die Jahre? — — — —
— — —Frz.
L., ich kann von nichts erzählen als von Dingen und Gedanken, die Du auch erlebst, vom Herbst, vom Grün, das langsam den bräunlich faulenden Ton bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann man nicht reden; ich sehe trübe, — andre sind äußerst optimistisch; alles Reden ist aberzwecklos. Es geht uns äußerlich famos; geistig ist man sicher nicht normal, —keinervon uns; aber ich denke: die Anormalität des Empfindens ist kaum mehr als eine von den Weltumständen aufgenötigte Chamäleon-Fähigkeit; das Chamäleon wird sich dessen auch kaum bewußt sein, daß es seine Farbe zehnmal am Tage wechselt. Vielleicht hat das alles doch für später die glückliche Folge, daß man im späteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflußbar wird undRegie,Betriebund Unwahrheit als eigentliche Sünde wider den heiligen Geist empfinden wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst.
L., heut nur einen schnellen Gruß, der Dir sagt, daß es mir gut geht. Die Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schöner wie der andere. Letzthin zogen viele Reiher über uns nach dem Süden, ebenso Brachvögel. — Von Hertha kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer noch an und beschäftigt uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen der Gesellschaft nur angenehm. Wie schön muß es jetzt bei Euch sein! Hier ist es schließlich auch schön, aber man fühlt alles nur halb und unrein.
L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, — wir sprachen ja einmal davon, — ich brauch also jetzt keins mehr!); daran anschließend ein kleines energisches Jagdreiten über Hürden und Hindernisse und Abschiedsbankett — das ist der Krieg!!! Ende September soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die für die Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, daß mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als peinlich. Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder auseinandergeht; hier bleibt nur * * *, der mich gar nicht interessiert. Du sprichst von fehlenden „Verbindungen“; das ist natürlich sehr richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten hin: schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist,kann man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie * * * und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich, bis dieser unglaubliche Krieg herum ist.
Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal: ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder Großfürst — wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen wohldurchdachten, begründeten Schluß ziehen über diewirkliche Lage! Es ist allerdings ärgerlich und blöd, daß man so stumpfe Sinne hat, es nicht zu können! Mein Ausdruck „Thema“, als ich vom Krieg als Folge des deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte an sich zu reißen schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland fähig gewesen wäre, ein „geistiges Gegengewicht“ zu halten, erledigt sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies ebennichtgethan hat, — das ist eben die Tragik des deutschen 19. Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer das alleshaßt, ist und wird heut ebenWidersacher, — erdarfnicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, Dichter und Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hölderlin und Nietzsche, — nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die Slaven, speziell dieRussenheute schon bald die geistige Führung der Welt übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in kaufmännischen, kriegerischen und protzigen Händeln unrettbar verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht näher begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer zu. — — — — — Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße Muttchen herzlich, auch K. — — — — —
L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht mehr verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu sprechen; und über etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; „denn es ist ja — Krieg!“ Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich das menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nichtaus-denken,zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul Rohrbach „Bismarck und wir“, — merkwürdig ungeistig; einfachste Realpolitik, die jedem zugänglich, der ein bißchen auf die Karte sieht: die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland resp. Türkei usw.!! Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der Mensch —homo sapiens— englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß unter allen Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg alsmenschlicheAngelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder türkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine schönsten Blüten treibt.
Kriegsgegnersind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber sobald sich solche Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen leitete.
Eben trifft * * *’s Brief ein; das istsehranständig. Und Deine Wintersorgen bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz unglaublich, wie sehr das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen läßt. Stahl spricht ja gerade von dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von Ungeist Gewinn ziehen und „leben“, nur wo der Ungeist, die Dummheit und die Interessen auf den Plan treten, istWirtschaftmöglich. Traurig. Ich schäme mich. Nun für heute genug. — — — — —
— — — — —Dein Frz.
Gruß an Maman.
Streichle Hanni und die Kleinen.
L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet. Ich zweifle nicht, daß, wenn wir Stramm persönlich gekannt hätten, uns sein Tod auch tief berührte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir wohl wieder den Eindruck einersehrbegrenzten Begabung; aber innerhalb dieser Grenzen des Unvermögens eine großartige Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht Form oder Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. für Rilke oder Stephan George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter Marmor, den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Erwar schon am richtigen Wege. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch eines Größeren.
Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr Rilke und George und Mombert einer vergangenen Gefühlswelt angehören, als letzte sehr reife übersüße Früchte. Mombert ist herber und naiver, weniger abgeschlossen. Ich könnte mir denken, daß Mombert noch einmal und Besseres schafft; und daß es um so urwüchsige und ehrliche Naturen wie Stramm sehr schade ist, wenn auch sein zeitiger Tod wohlSchicksalist. — — — — —
Und nun für heute Schluß! Mir geht’s famos. Gruß an Deine Mutter, Niedmanns, K. und meine Tierlein.
— — — — —Dein Frz.
L., dank für die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was Ihr von Rußlands gefährlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein; was Rußland heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen Friedensverhandlungen glaub ichnicht; aber ich glaub, ich schrieb Dir schon einmal: ich laß mich gern — überraschen. Von der Stimmung im Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben — „Belagerungszustand“, — Belagerung der Seele, des Gemütes, des Leibes, — alles. Verlier nur die Freude am Garten etc.nicht— das hat doch auchkeinenSinn. Gegen Mäuseplage im Garten streut man am bestenGiftweizen. Ein Hund rührt ihn nicht an; in die Löcher streuen, damit die Vögelchen nicht dran kommen. Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Kätzchen an. Ich bin entschieden dafür, Welf wegzugeben.
L.,
der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es doch die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergnügt gehabt, so daß es keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit schmerzte mich darum tiefer, weil ich immer dachte, es hätte noch viel gestreichelt und getröstet werden müssen für sein Kinderleiden. Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich könnte auch nicht mehr machen als Du; ich weiß ja, wie hilflos wir damals in Planegg vor dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatzdieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz richtig. Außerdem muß man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff der Würmer. Darüber weiß ich gar nichts. — Heut kam auch Dein Paketchen mit den Socken, Handschuhen und einem Paarganz famoserPulswärmer, die mir sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wärmer halten als die kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb; solange ich hier im Kasino esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt, und da ich ja fast nichts trinke, genügt mir meine Löhnung so ziemlich. Mir macht ein bißchen zu sparen gar keine Schwierigkeiten; jetzt, in diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab wenigstens keine Lust. Meine Beförderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit noch zwei (* * * und * * *) schriftlich damit einverstanden erklären müssen; die beiden mußten sich als Reserveoffiziere außerdem zu drei achtwöchentlichen Übungen verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zueinerauf die Dauerbiszu acht Wochen (— — — — —). Ob wir nun vorerst Offiziers-Stellvertreter werden, wissen wir selbst nicht. Prüfung wird wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich glaubenicht, daß man mich eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht für dauernd. Unsre Kolonne wird jetzt stark vergrößert (24 Jahrgänge) undmußnoch einen Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr recht wäre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese Beförderungsgeschichte schonsehrangenehm.
Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie können unsre Stellungen da und dort in Trümmer schießen, sodaß man mal zurück muß, aberwerfenkönnen sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind immer beiderseits. Wie mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er stand nicht weit von der Haupteinbruchstelle.
Betreff Welf magst Du recht haben; später gebe ich ihn aber sicher weg. — — — Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien heut auch eine lange Rede über mich. Wenn das doch endlich aufhörte. Es ist mir so fad und alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder selbst auch; ich kann mir, auch die guten, kaum mehr vorstellen.Behaltediese ganzen Besprechungen. * * * braucht sie nicht, glaub ich; oder wirf alles weg. — Du sollst keine Kopfschmerzen haben! — Das Russisch-lernen macht mir Spaß. Du solltest diese Worte hören! Dieser Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber blödsinnig schwer; ich werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist wenigstens eineabstrakteBeschäftigung wie das Schach,
— — — — —Dein Frz.
L.,
von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen Koffer, den ich mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer mit Eisenbeschlag), in den viel hineingeht. Ich schrieb Dir schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung zum Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die ministerielle Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das Angenehmste ist obendrein, daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche weder eine Prüfung zu machen, noch Referenzen einzureichen. (Dies mag vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich einmal erwähnte, daß Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) — Schick mir mal den Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. — Als Offiz.stellv. habe ich monatlich — — — — — viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen kannst Du jetzt wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial und was sonst fürs Häuschen nötig ist, knausern; auch nicht mit München fahren, soviel es Dich freut. Hilf auch * * *’s aus, wenn sie es nötig haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen einmal, wenn ich das Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; was meinst Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und sollten das wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember kannst Du auch sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls. Erstens werden da event. dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr so traurig bewahrheitet haben, umgehen, andrerseits werden, wenn kein Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das Urlaubsvorrecht beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan istjederUrlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als Offizier ganz andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine Bitte: bestelle — — — — — Nun genug von diesem Militärzeug!
Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen. Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und Schlick durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr energisch, daß die Tierchen vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich mir, man pflanzt einmal auf der langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und kleine Tännchen und zieht einen zweiten Innendrahtzaun. Ich glaube diese eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite dann eventuell nur die Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht hübsch aus und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegenSicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man macht sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den kürzeren. Es wird ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles Angepflanzteimmer Gewinn. Wir müssen unser Leben in Ried so einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit den Bauern haben. Wir können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß sie uns auch die Tierchen nicht stören können.
Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand. Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die Offensive endlich ausgebrochen ist, — die Hoffnung, daß sie die Kriegsentscheidungbringt, ist doch wieder sehr lebendig geworden. Die Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber niemand sieht einen anderen Ausweg; derEinzelnenatürlich, aber nicht als Volksganzes; da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von heut auf morgen auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser Land. Nötig dazu wäre eine Verständigung von Volk zu Volk, — aber wie eine solche heute anbahnen? Man darf über das alles nicht leichtsinnig und dilettantisch urteilen. Ich halte die Dinge streng auseinander; dem rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant in die Räder greifen wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht zurQuelledes Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück.
Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft. — — — — —
DeinFrz.
Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie ist schon sehr fein, aber sie hat mich doch nieganzgefesselt, ich weiß nicht, woran es lag. Der schöne Vers von Rilke ist ein echter Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl eine Manier durch, die seinen zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht nimmt. Ist Novalis interessant? — Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! Diese lange, lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu sagen, keine sanften pastoralen Klänge. — Grüße alle! Mit liebem Kuß
DeinFrz.
L.,
wenn sich die Rehchenstrecken, ist es einsicheresGesundheitszeichen; das gilt auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im Kotnachweisbar; wenn Du keine findest, haben sie auch keine. Doktor Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich kenne die Besprechung in der Frankfurter Zeitung. — Lisbeth sandte mir wieder ein Paketchen, ich lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch das Lebendige, Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm darum zu überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält einen gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller als die reifsten Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder Kokoschka, — selbst wenn mir letzterevorübergehendgenußreicher und lesbarer sind. Ich würde mich nur freuen, wenn Du es unternähmst * * * direkt oder indirekt zu antworten; auch wenn es beimVersuchbliebe. Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. Die Sprache ist doch ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich schon Genuß und Gewinn ist.
Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies es auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme Journalistik; aber liest man weiter, gerät man immer wieder auf Geist und Sinn. Die Darstellung des fridericianischen Problems ist sehr interessant. Vieles des heutigen Krieges wird klar, wenn man das weiß, was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man muß alt werden, um einigermaßen zu erfassen, was für eine sonderbare Art von Tier der Mensch ist, „la bête humaine“, wie Zola so gut sagte. Schick mir das Buch zurück, es gehört * * *.
Jetzt spielt die Entente ihren gefährlichsten Trumpf aus, — am Balkan!! Da drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug waren unsere Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die Welt zu erklären. Wir haben Himmel und Hölle entvölkert, bilderstürmerisch, — aber auf Erden, in unserm Blut, leben dieselben Kräfte fort, für die wir jene klassischen Symbole schufen! Die Kunst wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen münden; man wird mit dem Leben und dem Rätsel: Mensch so leicht nicht fertig.
Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. — — — — —
DeinFrz.
L.,
ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer bläst, mit ihrem Hund, nicht erschütternd? ein Schicksalsbild des armen Frankreich. Unser Leben ist umgeben von solchen Bildern. Ich kenne für mein Gemüt nichts Fürchterlicheres als den seltsamen Blick dieser alten, über alle Vorstellung vereinsamten Greise und Großmütter Frankreichs. Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen Traurigkeit. Helmuts Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glück und kommt durch; ich wußte ja, daß dieses Gemetzel im Westen kommen würde. Es hilft kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den paar Regierungsmännern die Verantwortung für dies Inferno zuschieben zu wollen.Jeder einzelne ist genau so schuldig.Was versteht der einzelne unter „Frieden“?? Das begierige Wiederaufnehmen desselben friedenswidrigen sündlichen Lebens und Strebens, das diesen Weltbrand erzeugt. Die Axt muß an dieWurzelgelegt werden. Ich finde, Du redest Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen ganz falschen Demokratismus hinein.
Ich verstehe wohl, daß Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, — ich zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fühlen könntest, gar in Berlin!!! Das würde für Dein Gemüt katastrophal enden; Bonn — vielleicht; erholen würdest Du Dich auch dort kaum. — — — — —
Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal wieder die Photographie von unserem Häuschen und schicke sie mir. Ich werde hier so oft drum gefragt, wie es aussieht — etc.
Nun Schluß.
Mit vieler, vieler Sehnsucht
Dein tr.Frz.
L.,
wie schön ist das kurze Gedicht von Lasker-Schüler auf Senna Hoys Tod; sie ist doch eine große Künstlerin, deren Stärke immer wieder über ihre großen Schwächen triumphiert. — Symptomatisch interessant ist der jetzt (im selben Blatt) lanzierte Artikel über die D. G. G. In diesen Tagen vollzieht sich, meine ich, der entscheidende Umschwung, — das Ende des Krieges wird mit Riesenschritten nahen, dasseh ich jetzt voraus. Ich bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch in Serbien ist vom deutschen Heere in so beispielloser Stärke seit Monaten vorbereitet, genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. — — — — —. Ich halte es nun doch für wahrscheinlich, daß wir Frühjahr 1916 das Ende erleben werden, — wenn nicht sogar etwas früher. Die Ratlosigkeit der Entente am strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. — Bei uns hat es ja fast den Anschein, als wollten wir das lange oder dicke Ende dieses Krieges schön gemütlich inHaumontabwarten! Ich reite jetzt viel für mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischenHaumontundHattonchâtelundSt. Mihielausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glühend wie einst am Thränenhügel! Ich habe mir ein hübsches neues Pferd herausgesucht, eine hochrote Fuchsstute „Eva“. Ich kann jetzt gottlob ohne zu fragen und wohin ich will, meine Ritte machen; den ewigen Druck des stündlichen Angebundenseins bin ich jetzt dochetwaslos, — angebunden bleibt man natürlich immer! Also wennDuDir mein Leben vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam durch die Herbstwälder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine Hanni mit 2 Kitzen!) Außerdem sind seit gestern 3Kranichehier! Hauptsachegrau, weiße Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was es für Kraniche sein könnten, ob Jungfernkranich oder eine andre Art. Reiher sind es nicht; Reiher und Störche tragen im Flug den Hals anders.
Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr prompt; dank für die guten Fläschchen! Strümpfe habe ichjetztmehr als genug, schick auf keinen Fall mehr. MitwarmenSachen bin ich jetzt überhaupt vollkommen versorgt. Wegen weicher weißer Hemden, also mit anderen Worten: etwas Offizierswäsche schrieb ich Dir schon; wenn Du nichts mehr findest, kaufe nichts, — ich besorge es mir ganz einfach in Metz. Morgen — übermorgen bin ich auch dort, nehme ein Bad und dergl.
— — — — —DeinFrz.
L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit über das ägyptische Schattenspiel, das „Krokodilspiel“, — sehr anregend; ich bin eigentlich sonst zum Lesen ganz unfähig,höchstens so ganz ausgefallene, unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles andere scheint mir so fatal bekannt, voll europäischer Tendenz und unnötig, „ohne Not“. Ich müßte jetzt bald arbeiten können, — das Lesen hat jetzt keinen Sinn für mich. Über das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen Möglichkeiten. Über meine Abkommandierung hab ich noch nichts weiter gehört; hoffentlich verschiebt sie sich noch eine oder zwei Wochen, schon um des wunderbaren Herbstes willen, — das Reiten ist jetzt zu schön! — die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube, wir bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut.
— — —Frz.
L., Du frägst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So lange Pausen hab ichniegemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein falsches Datum erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst Dich noch immer nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen mich Datum und Tage an! Gibt es etwas Gräulicheres als diese „Zeit-einteilung“; ich empfinde sehr zeitlos und fühle mich dabei weit wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen zählte! — — — — —
Wie freu ich mich, daß es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich Niestlé nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren Entzifferung ich ihn bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat man den Brief mit den schwedischen Einlagen konfisziert? Es liegt mirgar nichtsan ihnen, nur der Fall an sich wäre interessant.
Über mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehört; vielleicht wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es thät mir leid. Aber ich rühre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich lassalles an mich herankommen, wie’s kommt. Willensbestimmung hat man ja doch keine und ich nehme letzten Endes doch auch nicht das geringste Interesse am Kriegführen und Soldatsein; ich begreife immer gar nicht, daß man mich so schätzt; die Herren sind unglaublich schlechte Psychologen, — vielleicht auch gute: denn sie wissen, daß man sich auf mich militärisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken willst; werweiß, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird mir gegebenenfalls doch alles!
Träumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir!
— — — — —DeinFrz.
L.,
heute bekam ich die Mitteilung, daß sich mein Antwerpener Kommando um ca. 1-2 Monate verschiebt, ich also zunächst noch hierbleibe; Dir wird es ja vermutlich ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl über alle Veränderungen Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die Abwechslung sehr gefreut; der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten: erstens komme ich dann sicher als Offizier hin und mit weit größeren Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter, dann werde ich außerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, daß die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den Franzosen sind die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es ist bei uns ruhiger denn je. Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre etatsmäßige Stärke angewachsen, 24 Fahrzeuge und über 200 Pferde! In Ensisheim, zur Zeit unserer schärfsten Gefechtstätigkeit hatten wir ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen sogar noch mehr!), — heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf Etatsstärke gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was ich hörte, sehr unwahrscheinlich, daß wir verstärkt wurden, um uns irgendwo einzusetzen, wie wir eine Zeitlang vermuteten. Es wird einen langweiligen Winter in Haumont geben; ich verlange mir ja absolut keine Gefechttätigkeit, — aber Abwechslung, Berührung mit neuen Menschen und andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir darum eine riesige Wohlthat.
Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen lesen, die von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden deutschen Hirngespinst reden, — laß Dich davon nicht täuschen. Dies Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, — mein Optimismus ist ganz unerschüttert. Was sagst Du zu dem „opfernden Großgrundbesitzer“ im beiliegenden Zeitungsabschnitt, — ist der nicht köstlich? Geradezu unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post.
Kuß und Liebe vonDeinemFrz.
Koehler hat sichsehrüber Deinen Obstgruß gefreut.
p. s.Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee und Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen, (hab ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist, rund um und das Dach mitSchilfbekleidet, und drin sitzt Dein Franzl als Frühaufsteher meist allein vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein ideales Atelier für mich!) Kragen probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß in Berlin die Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen Optimismus. Es freut michsehr, daß Du ein bißchen Kleiderluxus treibst. Die innere Trauer hat doch nichts mit schäbiger Kleidung zu thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren äußerlichen Ausdruck findet! Um Gottes willen!
L.,
hast Du den letzten „Sturm“ (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges betroffen, z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner Holzschnittgedanken durch * * *. — Dann der Briefwechsel zwischen * * * und * * *, der sein Verhältnis zu mir erwähnt; das ist ein so seltsames Gefühl; man traut’s sich immer nicht zu und vergißt ganz, daß Bilder „wirken“, rücksichtslos und auf ihre Weise, wie es einem mit Kindern gehen mag, dieihrLeben leben, und die Dinge sagen, die der Vater gar nicht gemeint hat, — und doch stammen sie von ihm. In dem Verhältnis von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos wahr. — Und drittens regte mich das Stück von Aug. Stramm außerordentlich an. Wie immer gerate ich beim Lesen natürlich auf musikalische und malerische (in dem Fallrein kubistische) Vorstellungen; ich bin gänzlich außerstande, sein Werk literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in Formenvorstellungen und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du wirst mir gewiß sofort entgegnen, daß ich hier wieder die Form suche und nach der Form urteile, statt nach dem Inhalt und dem Gefühl zu suchen, das durch das Werk ausgedrückt ist. Ich kann diese Dinge nicht trennen. Denn ich meine: wäre kein reines und starkes Gefühl in dem Werk, könnte seine Form mich doch auch nicht erregen, — denn erregt wird doch zweifellos mein Lebensgefühl. Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck gibt, ist so rücksichtslos, so bewußt und von einer so schöpferischen Lust eingegeben und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des Lesers kümmert, wie der Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute. Unser Gefühl von der Welt findet keinen anderen Ausdruck. Über das Gefühl läßt sich nicht streiten; ob esnun vielen oder allen oder wenigen zugänglich ist, darum können wir uns nicht sorgen; das müssen wir dem „Weltgeist“ überlassen. —
Ich lese eben in der Zeitung, daß Euer Fleischmenü von Staats wegen wieder beschnitten und eingeschränkt wird; — — — — — ich bin froh, daß Du momentan bei Geld bist und ich Dir auch schicken kann, so kannst Du Dir manches extra leisten. Du würdest Dich wahrscheinlich baß verwundern, wenn Du unsern täglichen Frühstückstisch sähest: prachtvolles Weißbrot, Salzstangen und Schnecken mit Weinbeeren drin und Zuckerguß wie beim „beehrens uns ferner“! Wir leiden keinen Mangel; mein Magen hat sich aber aucherstaunlich erholt. — — — — —
Dein Frz.
L.,
Du schreibst mir ein Klagekärtchen, daß ich mich gegen das tägliche Schreiben sträube. Ich habe in letzter Zeit aber recht fleißig geschrieben und meist auch recht gern; für die Unregelmäßigkeiten der Post kann ich natürlich nichts. Es ist für mich oft schwer zu schreiben,jederäußere Anlaß hier fehlt, denn ich bring es nicht über mich, von „hier“ zu erzählen; von Ried kann man erzählen, aber der Krieg heraußen machtstumm, — wenigstens mich. Sei froh, daß ich so bin. Paul ist nun in nicht ganz harmlose Situationen gekommen, — hoffentlich hat er Glück wie ich im Elsaß, für sich und seine Leute; denn das war mir immer ein schrecklicher Gedanke, daß Leute, die meiner Führung anvertraut sind, verwundet würden oder fallen könnten. Denn man kannso vielan Fährnissen durch geschickte Führung der Munitionswagen vermeiden. An Pauls plötzlichem Kommando siehst Du, wie unberechenbar alles im Felde ist; das ist natürlich kein Trost für Dich; — das weiß ich schon, — aber eigentlich sollte esdocheiner sein, denndas Schicksal ist Herr über unseren Leib, nicht der Krieg.
— — — — —. Schon Dich recht; vertrau doch auf das gute Glück, mein Lieb, und laß diese Sorgen und Ängste; daß Du traurig bist, verstehe ich schon, ich bin’s auch.Aber Angst ist nicht würdig.Gefahr gibt es nicht, sondern nurBestimmung.
Einen Mordsspaß macht es mir, daß sowohl Du als Maman seelenruhig „Offiz.-Stellvertr.“ schreibt, während Ihr mir selber die Leutnantsernennung aus der Zeitung mitteilt!!! Das Patent hat ja mit der Ernennung nichts zu thun. Es stand doch in der Zeitung am Anfang: zufolge „Allerhöchster Entschließung“, — auf waswartet Ihr eigentlich noch?? Ich bin Leutnant der Landwehr, nicht Leutnant der Reserve, aber jedenfalls Leutnant wohlbestallt und wohlgestaltet. Ich fühl mich jedenfalls wohler als Unteroffizier oder als Vizewachtmeister.
Daß nicht einmal so ein anständiges Quartett wie Wendling oder Rosée oder meinetwegen die Münchener die Front abreisen und uns einmal heraußen einen Beethoven und Mozart vorspielen. Hier im Stellungskrieg wäre das so anstandslos zu machen. Wie sehne ich mich so oft danach, — überhaupt!! Ich glaube, wir heraußen haben doch noch ein bißchen mehr Anlaß zum „trübsinnig werden“ als Ihr daheim und auch Du in Ried, — und wenn meine Briefe matt und trüb sind, — an meinem Herzen liegt es nicht, auch nicht an meiner Liebe, das glaub nie. — —
— — — — —DeinFrz.
L., einen Stadtgruß von hier. Es ist ein höchst merkwürdiges Gefühl für mich, das Stadtleben zu sehen. Diese Bedingtheit aller Gesten, diese Trauer!! Ich verstehe gar nicht, daß das, wie es scheint, so wenige merken, auch von meinen Kameraden. Ich fühle die Legende dieses Krieges, der jetzt schon Mythos und Geschichte ist, furchtbar stark, oft ganz erschütternd. Ich empfinde ihn doch noch ganz anders als Du; wir werden noch viel darüber reden! —
Ich hab mir rohseidene Wäsche gekauft, prima Stiefel, zweite Reithose usw. In Kleiderfragen wird mich der Krieg wahrscheinlich sehr nach Deinem Geschmack verändert haben!
L., ich bin so froh, daß meine Post nun doch richtig angekommen ist. Vielleicht läßt Du Dir es doch für ein nächstes Mal ein bissel zur Lehre dienen. Warum die Postsperre stattfand, wissen wir selbst nicht. Daß mein Antwerpener Kommando auch erst später trifft, hat mit den Kriegsaussichten etc. gar nichts zu tun. Diese Schießkommandos sind ja gewissermaßen Friedensübungen, die jetzt auch während des Krieges abgehalten werden und zu denen eben nach einem gewissen Schema alle tüchtigen Reserveoffiziere kommandiert werden; ein solches Kommando aus der Front ist natürlich eine Auszeichnung. Könnte ich Dir doch etwas von meinem Gleichmut, — nenne es meinetwegen in der alten (d. h. Deiner neuen)Sprache: Gottvertrauen geben; ob ich nun bei der Kolonne bin oder als Batterieoffizier verwendet werde, ist ja ganz gleich. Eskannmir gar nichts geschehen, was mir nicht notwendig geschehenmuß. Es gibt keinen dummen Tod oder ein dummes Unglück oder Glück; ich las wieder viel im Evangelium, —wie kannst Du eigentlich im Evangelium lesen und doch Angst haben? Thatsächlich: mir ist das gänzlich unverständlich. Lies Deinen Nerven aus dem Evangelium vor, damüssensie doch ruhig werden und Dein ganzes Wesen muß freudig werden.
Von meinen Urlaubsgedanken hast Du ja inzwischen gehört, ich hoffe sehr, daß es gelingt. Ich habe um 14 Tage eingegeben. Es wäre zu schön! Also wenn ich telegraphiere, erschrick nicht. — — — — —
L., Ührchen und Manschettenknöpfe sind richtig und gesund angekommen. Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anständige Dinge in der Hand zu halten und zu tragen; deshalb laß ich mir auch den silbernen Reitstock machen, — ich hab es zu lange entbehrt, mich anständig tragen zu können. Mein Urlaub scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn befürwortet, was, wenn nicht irgendwelche Befehle höheren Ortes kommen, wie z. B. Sperre, für die Divisionsentscheidung maßgebend ist. Ich fahre dann wohl entweder morgen abend ab Metz oder übermorgen, — ich glaube nicht, daß es länger dauert. Treffpunkt natürlich bei Maman, wenn ich Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum Schreiben fehlt mir jetzt natürlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in ein paar Tagen meine Liebe mündlich zu sagen!
Es ist nicht verwunderlich, daß Ihr mein „sehen der Musik und Literatur“ nicht ganz verstehen könnt; es ist vollkommen die einseitige Eigentümlichkeit meiner malerischen Begabung, musikalisch und literarisch natürlich ein Manko; ich halte es für ausgeschlossen (jedenfalls für einen unglücklichen Fall), wenn jemand für alle Kunstarten ein gleichreines Artverständnis hätte. Ich habe literarisch lange daran gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben als Dichter und literarisch werten und genießen zu können. Dabei blieb ich immer Dilettant (wie Goethe großen Angedenkens in der Malerei!). Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu machen, als ich es seit langem vor Musik bin. Ichsehealles, alles ist in meiner Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel z. B. setzen sich bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab, sondern gehen in rein bildnerische, malerische Gedanken auf. Ich werde daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen können.
Nun, diesmal nichtaddio, sondern auf baldiges Wiedersehen.