11.

New York, November 1899.

Lieber Freund! Heute besuchten mich der alte Mr. Bridgewater und seine Töchter. Er hat lange Jahre in Europa zugebracht und war amerikanischer Gesandter in Petersburg, woher mein Bruder und ich ihn kennen. Jetzt lebt er mit seinen Töchtern ganz in New York und in Tuxedo Park. Er steht hier an der Spitze großer, wohltätiger Institutionen, schriftstellert und reist häufig nach Europa, mit jener amerikanischen Leichtigkeit, die eine Art Gottähnlichkeit an sich hat, da sie über Raum, Zeit und Geld erhaben zu sein scheint.

Mr. Bridgewater erzählte mir von der großen Veränderung, die sich in Amerika seit dem Kriege gegen Spanien in der öffentlichen Meinung und inden politischen Anschauungen vollzogen habe. Diese Veränderung drückt sich in einem enorm gesteigerten Selbstgefühl aus. Die ganze Nation ist vom Glauben, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein, erfüllt, ein Glaube, durch den schon soviel Großes auf der Welt erreicht worden ist. Sie fühlt sich als politische Erwählte des Herrn. Und es ist eine ganz amüsante Mischung der Gefühle, vor denen man als Zuschauer steht: ganz trocken prosaische Berechnungen von künftigen Handelsvorteilen, die errungen werden sollen, und daneben eine beinah religiöse Begeisterung für den Beruf, andern Licht und Freiheit zu bringen, aber nicht etwa nur den wilden Völkern – da haben wir ja alle dieselbe Pretension, Händler und politisch-religiöse Apostel zu sein –, sondern gerade auch uns armen, umnachteten Europäern. Amerika fängt an, nach allen Seiten seine Fühlfäden auszustrecken – kann wahrscheinlich gar nicht anders, denn man empfängt hier den Eindruck einer angesammelten Kraftfülle, die ungeduldig auf den Moment wartet, sich zu betätigen, der dabei gar keine Wahl bleibt, sondern die durch die Logik der Dinge getrieben werden wird, sich weitere Grenzen zu suchen, sich in immer neuen Weltfragen geltend zu machen.

Wie der einzelne Amerikaner sich schon seit jeher stets den Besten jedes anderen Landes gleichgefühlt hat, und sein persönlicher Unternehmungsgeist keine Schranken kannte, so hält sich Amerika jetzt als Nation auch für fähig und berechtigt, alles zu erringen, was es will. Und was Amerika will, ist die Welt. Die Welt will ja jeder, der auch nur die geringsten Chancen hat, sie je zu besitzen – und die Chancen Amerikas sind unheimlich gut! Schon deshalb haben die Amerikaner soviel Aussichten, ihre Ziele zu erreichen, weil sie alles mit ihrem großen Sinn fürs Praktische, ihrer angeborenen Organisationsgabe anfassen; weil es eine Nation selbständiger Menschen ist, die individuell genommen, dem Europäer überlegen sind. Ursprünglich stammen sie ja gerade von jenen ab, denen es in Europa zu eng und unfrei war, von Leuten, die durch ihr Unabhängigkeitsgefühl in neue Welten getrieben wurden, wo sich ihre Persönlichkeit ungehemmt entfalten konnte. Diese ererbte Eigenschaft bildet den Grundzug der neuen Rasse, und es hat sich in ihr eine ganz andere Initiative und persönliches Verantwortungsgefühl ausgebildet, als im alten Europa. Vor allem anderen lernen die Amerikaner für sich selbst zu sorgen und sich nicht auf die Führung anderer zu verlassen.

Eine Folge ihrer kräftigen Jugendlichkeit ist es, daß sie die politische Nervosität, an der man in Europa so oft leidet, noch nicht kennen. Diein manchen europäischen Ländern so beliebte Beschwichtigungsformel: »Laßt nur die anderen koloniale Gebiete erobern, sie werden schon dran verbluten«, ist den Amerikanern ganz fremd. Eine Auffassung, die ungefähr so klingt, als ob ein Eunuche sich damit trösten wolle, daß man durch Liebesaffairen mitunter in Unannehmlichkeiten geraten kann. Die Nordamerikaner dagegen haben vorläufig durch Verkündigung der Monroe-Doktrin ihren ganzen Erdteil für Tabu erklärt, sie möchten aber am liebsten diese Doktrin auf die ganze Welt ausdehnen, wobei sie besonders den fernen Osten im Sinn haben, seitdem sie dort Fuß gefaßt haben. – Vorläufig spricht man in Amerika freilich nur von friedlicher, kommerzieller Expansion, aber Überraschungen kann es auf diesem Wege leicht geben, denn seit dem spanischen Krieg gibt es in Amerika eine Partei, die keine Scheu mehr vor europäischen Mächten kennt und sich allen ebenbürtig glaubt. Diese Leute würden bereit sein, es mit jedem aufzunehmen und, wie Mr. Bridgewater durchblicken ließ, am liebsten mit dem, den sie für den gefährlichsten Konkurrenten halten. Mr. Bridgewater warf die Bemerkung hin, daß an England als möglichen Feind am wenigsten gedacht werde. Mit ihrer einstmaligen Mutter würden die Amerikaner am liebsten gemeinsame Sache machen, um eineArt politischen Riesentrust zu schließen, zur endgültigen Regelung der Welt.

Das ist das Weltzukunftsbild, wie es mir ein Amerikaner entwarf. Ich sende es Ihnen in jenes ferne Land, dessen urprosaische, enthusiasmuslose Söhne nur in den Sorgen der täglichen Gegenwart aufgehen und nie Spekulationen über die Zukunft anzustellen scheinen. Und doch könnten vielleicht gerade diese, allen Zukunftsgedanken so abgewandten Leute in der Weltzukunft ein großer Faktor werden – – denn über uns allen steht das Schicksal, und es läßt Handlungen und Gedankenströmungen, einzelne Menschen und Völker oftmals genau den entgegengesetzten Zwecken nützen, denen sie ursprünglich dienen wollten.

New York, November 1899.

Lieber Freund!

Wir haben einen sehr angenehmen Abend bei Bridgewaters verbracht. Schon ihr Haus zu sehen, ist eine wahre Freude. Alle Räume sind mit individuellem Geschmack eingerichtet und mit viel schönen Dingen geschmückt, die Mr. Bridgewaterund seine kunstsinnigen Töchter auf ihren Reisen gesammelt haben. Das Haus hat seine eigene Physiognomie, viel Erlebtes liegt darin und es bleibt uns in der Erinnerung, wie eine ausgeprägte Persönlichkeit. Der alte Mr. Bridgewater ist in diesem Hause geboren und bewohnt es jetzt mit Kindern und Enkeln – das ist in New York an sich schon eine Merkwürdigkeit.

Nach dem O'Doyleschen Fest war dieses Diner wie die Offenbarung einer anderen amerikanischen Welt – und beide Häuser liegen doch nur ein paar Blocks von einander entfernt! Wir hören aber so viel von der amerikanischen Gleichheit reden, davon, daß der Präsident aller Welt die Hände schüttelt, daß wir leicht auf den Gedanken kommen könnten, die amerikanische Gesellschaft sei eine einzige gleiche Brühsuppe, aus der, als Klöße, nur etliche Vanderbilts herausragen. Aber ganz im Gegenteil. Die hiesige Gesellschaft zerfällt in zahllose verschiedene Koterien, die himmelweit von einander entfernt sind. Es sind ja alles Amerikaner, und gewisse Rasseneigenschaften werden sie wohl gemeinsam haben, aber zwischen der O'Doyleschen und der Bridgewaterschen Koterie z. B. ist ein Unterschied, wie zwischen einem rohen Stück Rindfleisch und einem im Café Anglais servierten Tournedos à la Rossini. Und die Tournedos achtenstrengstens darauf, daß niemand von den Rindfleischens sich bei ihnen einschmuggele. Im Sinn für aristokratische Exklusivität, haben die Amerikaner uns Europäer vielleicht schon überflügelt. Ein jeder, der etwas auf sich hält, muß hier in der Wahl seines Umgangs auch deshalb selbst so streng sein, weil die Amerikaner niemand haben, der die nötige erhabene Stellung einnimmt, um einem anderen den allgemein gültigen sozialen Segen erteilen zu können. Ich hörte kürzlich eine Amerikanerin sagen, das sei in europäischen Städten, wo es Höfe gibt, so bequem, da könne man ruhig all die Leute kennen, die zu den kleinen, auserlesenen Hofgesellschaften befohlen würden (nicht etwa zu den großen Aufwaschefesten, da liefe zu vieles mit durch); aber von denen, die auf der kleinen Liste ständen, könne man mit Sicherheit annehmen, daß sie sozial wünschenswert seien. Aber in Amerika gibt es kein offizielles soziales Haarsieb.

Bei Mr. Bridgewater wird offenbar sehr fein gesiebt, und ich habe da angenehme Menschen getroffen. Ich glaube, die Gäste waren alle reich. Ich habe aber für diese Annahme nur den einen Anhaltspunkt, daß sie vieles als durchaus selbstverständlich ansahen, von dem ich weiß, wie schrecklich teuer es hier ist. Keiner von ihnen erwähnteGeld oder Geschäfte. Ich glaube, man könnte ihren »set« den der Geistesaristokratie nennen. Nur darf man in diesem Fall den Begriff Geistesaristokratie nicht mit Schlapphüten, übergeknöpften Manschetten und Smoking-Jacken am Vormittag in Verbindung bringen.

Ich saß bei Tisch neben einem Mr. Anstruther, der zum Klub der vierzig amüsantesten Männer New Yorks gehört. Er war recht nett und unterhaltend, äußerte aber leider nichts so erstaunlich Amüsantes, daß es nicht auch außerhalb dieses Klubs hätte erdacht werden können. Ich wartete den ganzen Abend darauf, wie auf das Bukett beim Feuerwerk. Aber es stiegen nur einzelne Raketen auf.

Es gehört doch Selbstvertrauen dazu, sich um die Mitgliedschaft dieses Klubs zu bewerben! Ich fragte, was man denn täte, wenn man blackballiert würde, und ob man dann sein Lebenlang die Etikette trüge, ein langweiliger Mensch zu sein? Mr. Anstruther antwortete: »Dann geht man nach Hause und schreibt ein gescheites Buch und nennt es: a clever book by a bore.«

»Das ist möglicher, als es zuerst klingt,« meinte Bridgewater, »denn es ist leichter, ein gescheites Buch zu schreiben, als im täglichen Leben amüsant zu sein – Bücher werden mit dem esprit d'escaliergeschrieben, der häufig vorkommt, amüsant ist man durch die viel seltenere Gabe der repartie, und vor allem durch Sinn für Humor.«

»Und wegen dieses Sinns für Humor sind amüsante Menschen eigentlich nie lustige Menschen,« sagte Anstruther, »denn der Humor sieht die traurige Komik des Lebens, den Widerspruch zwischen Aspirationen und Leistungen, zwischen dem, was man sich einbildet, und dem, was wirklich ist. Humor existiert deshalb auch selten bei jungen Menschen, er kommt mit den Jahren, und in gleichem Maße, wie er wächst, schwindet die Fähigkeit eigentlicher Lustigkeit.«

Da Mr. Bridgewater soviel im Ausland gelebt hat, sind Fremde häufig bei ihm zu Gaste, und wir trafen dort eine russische Witwe, Madame Baltykoff, eine Schriftstellerin, die Mr. Bridgewater in Petersburg gekannt hat und die nach New York gekommen ist, um das amerikanische Leben zu studieren und dann das unvermeidliche Buch darüber zu schreiben. Madame Baltykoff ist jung und hübsch, voller Interesse und Begeisterung für amerikanische Einrichtungen; natürlich erwidern das die Amerikaner, indem sie ihrerseits von Madame Baltykoff begeistert sind. Anstruther scheint besonders für sie zu schwärmen. Mir gefällt an ihr, wie sie aus dem Enthusiasmus leicht in Witzund Spott überspringt, alles plötzlich wieder in Frage stellend. Heiliger Ernst und Blague, ungefähr zu gleichen Teilen – eine echt slawische Mischung.

Die Amerikaner, die bei dem Diner zugegen waren, sind alle weitgereiste und gebildete Leute, besonders auch die Frauen. Aber keiner von ihnen scheint tätigen Anteil am amerikanischen politischen Leben zu nehmen. Sie waren offenbar stolz auf ihr Land, aber sie schienen es als einen Eilzug anzusehen, mit dem sie gern zu reisen bereit sind, aber dessen Führung sie lieber andern überlassen. Denn in Amerika zeigen gerade die Besten eine gewisse Scheu davor, sich an den öffentlichen Angelegenheiten handelnd zu beteiligen – na, um so besser, denn es ist auch so schon ein genügend gefährlicher Konkurrent.

Der alte Mr. Bridgewater schien am meisten Interesse an Regierungsgeschäften zu nehmen; vielleicht ist es eine Folge seines langen Aufenthalts in Ländern, wo die geringste Verbindung mit der offiziellen Welt denjenigen Glanz verleiht, den hier eine noch so entfernte Verwandtschaft mit den Vanderbilts oder Astors gewährt.

Von Mr. Bridgewater geleitet, langte die Konversation bald beim Imperialismus und der wachsenden Wichtigkeit der Vereinigten Staaten an.Mr. Bridgewater sagte: »Ich möchte ein Buch schreiben über den Eintritt Nordamerikas in das Konzert der Mächte, denn das ist die wichtigste Tatsache am Schluß des Jahrhunderts, und sie bedeutet nicht nur eine Verschiebung der realen Machtverhältnisse, sondern sie wird weittragende geistige Konsequenzen haben. Durch den zunehmenden Verkehr mit uns werden die Europäer von den amerikanischen Gedankengängen und von unsern Geschäftsmethoden beeinflußt werden. Wir sind daran gewöhnt, über alle Dinge, die uns angehen, informiert zu werden und sie frei zu diskutieren, und es ist schon jetzt bemerkbar, daß, sobald Amerika an einer Weltfrage beteiligt ist, diese Frage ganz anders ungeniert von den Zeitungen erörtert wird, als wenn es sich um rein europäische Angelegenheiten handelt. Je mehr aber die Zahl der Fragen zunimmt, in denen Amerika eine Rolle spielt, um so mehr wird auch diese Methode angewandt werden. Das ist ein erster Schritt, um die Europäer zu einem stärkeren Wunsch nach Selbstbestimmung und einem höheren persönlichen Verantwortlichkeitsgefühl zu erwecken; so werden sie lernen die Volksrechte höher zu schätzen und werden verlangen, über ihre eigenen Angelegenheiten auch selbst gehört zu werden; sie werden sich nicht mehr damit begnügen, blind geführt zuwerden, wie es heute noch in allen auswärtigen Fragen geschieht. Nichts ist ansteckender als gewisse Ideen. Früher waren wir es, die alles aus Europa entnahmen, aber das ist längst anders geworden; heute sind wir schon beinah völlig unabhängig von der alten Welt und wir senden ihr Korn, Fleisch, Konserven und eine stetig zunehmende Zahl anderer Artikel – aber viel wichtiger als all das ist, daß die amerikanischen politischen Ideen Europa überfluten werden.«

»Halten Sie es wirklich für denkbar, daß amerikanische Anschauungen über Verfassungen sich in Europa verbreiten werden?« fragte Madame Baltykoff eifrig.

»Im letzten Ende ganz sicherlich ja«, antwortete Mr. Bridgewater.

»Da bin ich doch anderer Ansicht«, sagte mein Bruder, »denn das Wachsen der imperialistischen Tendenz in den Vereinigten Staaten, die Sie uns eben als wichtigste Tatsache dieses Jahrhundertsendes geschildert haben, ist ein speziell europäischer und monarchischer Zug. Je mehr Gewicht der äußern Expansion und einer starken auswärtigen Politik beigemessen wird, um so mehr werden die Volksvertreter, die sich notwendigerweise mehr mit inneren Fragen beschäftigen müssen, an Bedeutung verlieren. Eine große imperialistische Politik bedingt die Herrschaft einzelner großer Führer, und da haben die Länder den Vorteil, wo ein einzelner Mann an der Spitze des Staates steht.«

»Sehen Sie, Bridgewater«, sagte Anstruther lachend, »dieser Fremde prophezeit uns einen Kaiser, wenn wir auf dem Pfade der Intervention, Protektion, Expansion, der Kriege und des Inselschluckens verharren.«

»So wollen wir ihn aus dem Klub der Vierzig wählen«, antwortete unser Wirt, »dann werden wir sicher sein, daß er gescheit ist.«

»Ja, gescheit und voll moderner Ideen sollte Sam I. von Amerika freilich sein – sonst müßte er sich ja vor den europäischen Kollegen schämen.«

Auf dem Heimweg sprachen mein Bruder und ich davon, wie oft man hier die Empfindung bekommt, daß die Amerikaner uns Europäer als bemitleidenswert zurückgeblieben ansehen. Nachdem sie uns moderne Geschäftsmethoden gelehrt haben, wollen sie uns jetzt mit modernen Prinzipien im allgemeinen versehen und mit allem, was uns sonst auf geistigem Gebiet fehlen mag. Klingt das nicht sonderbar? Und sie haben doch eigentlich alles von uns, stehen auf unseren Schultern. Mein Bruder sagt, er erinnere sich noch sehr gut der Zeit, wo man nach Amerika kam und für alles so ein gewisses elterliches Wohlwollen hatte; die Amerikaner fragten damals begierig, ob man wirklich alles bei ihnen »sehr groß« fände, und freuten sich, wenn man was lobte. Jetzt sind sie überzeugt, uns überflügelt zu haben.

Na, es muß ja vorkommen, daß Kinder ihren Elternübersind – wie wäre sonst das erste Genie entstanden?

New York, Dezember 1899.

Lieber Freund! Wir sind seit einigen Tagen aus dem ebenso schönen wie teuren Waldorf-Astoria fortgezogen und haben sehr nette Zimmer in einem Boarding House in der Nähe des Central-Parks gefunden, wo auch Mme. Baltykoff wohnt. Ta ist natürlich bei uns und bildet hier wie im Waldorf die Freude der weißbemützten Stubenmädchen. Er ist hier viel weniger reserviert gegen uns als in Peking. Dort erfuhren wir eigentlich nie etwas über das Leben unserer Boys. Sie waren immer da, wenn man sie brauchte, verrichteten ihre Arbeit lautlos, kannten all unsere kleinen Gewohnheiten offenbar ganz genau – aber mit dem Augenblick, da sie aus unseren Häusern hinaus auf die Straße traten, verloren sie sich in einer uns unbekanntenWelt, und von diesem Teil ihres Lebens hörten wir nie ein Wort. Nur wenn sie mal einen etwas längeren Urlaub haben wollten, hieß es, ihr Vater oder ihre Mutter lägen im Sterben. Anfänglich rührte mich das sehr, ich bewilligte ihnen immer den Urlaub, bot ihnen auch Arzneien an. Aber sie hatten wirklich zu viel sterbende Väter und Mütter – mein Vorrat an Mitgefühl ward so sehr beansprucht, daß er sich schließlich erschöpfte. Hier ist es ganz anders; Ta ist oft recht mitteilsam gegen mich und erzählt mir von den Stubenmädchen, die ihn seines langen Zopfes halber gern als Dame verkleiden und ihn sogar auf einen ihrer Bälle mitgenommen haben. Hier bin ich ihm offenbar »Vater und Mutter und Beschützer der Armen«, wie die Inder sagen; ich erscheine ihm als einziges Bindeglied zwischen seinem früheren und jetzigen Leben. Seitdem er hier so viel Neger gesehen, hält er, glaube ich, weiße Leute überhaupt für beinahe stammverwandt. »Das sind keine Menschen, das sind schwarze Teufel«, sagte er ganz ernsthaft, und will keinesfalls zugeben, daß sie Christen wie er sein könnten. Auf andere herabzuschauen, ist für Wesen aller Nüancen nun mal eine freudige Genugtuung.

Ta hat ein paarmal Briefe von seiner Heimat bekommen. Er ist an solchen Tagen immer sehrstill und traurig, und ich fragte ihn, ob er Heimweh habe. Er antwortete, nein, gar nicht, er sei sehr gern hier, aber seine alte Mutter ließe ihm immer schreiben, er solle doch wieder kommen, sie möchte ihn gern bei sich haben. »Ist es nicht eher deine junge Frau?« fragte ich. »Oh nein!« rief er entrüstet, als habe ich ihn einer beschämenden Schwäche beschuldigt, »Frau gar nichts, Mutter alles!« Mein Bruder hat nun für die Mutter Geld nach Peking geschickt, was sie hoffentlich beruhigen wird.

Mit Tas Hilfe habe ich jetzt ausgepackt und unsere Wohnung eingerichtet. Es war eine solche Freude, all die lieben gewohnten Dinge wiederzusehen: die Nephritschalen und Bronzevasen, die Figuren des Laotse, mit dem langen Kopf, aus Elfenbein geschnitzt, die chinesischen Sammte, die mit dem Alter einen ganz chinesischen Charakter angenommen haben, die feinen verblaßten Damaste und Stickereien. Ich habe alles möglichst so gestellt und drapiert, wie es im Pekinger Häuschen war; in der Dämmerstunde, wenn Ta lautlos ins Zimmer tritt, glaube ich manchmal, wieder dort zu sein und würde mich gar nicht wundern, wenn er Sie anmeldete.

Auch einen Buddha-Altar habe ich über dem Kamin aufgebaut, und da thronen all die seltsamen Gestalten, die Sie allmählich bei bestechlichenBonzen, in verlassenen Tempeln und verstaubten Antiquarläden für mich aufgestöbert haben. Noch ehe ich Sie in Peking kannte, hatte ich die Manie, Buddhas zu sammeln. Ich hatte mehrere von Händlern gekauft, die sie, in ihren weiten Ärmeln versteckt, zu uns trugen und dabei geheimnisvoll flüsterten, diese Götzen stammten aus kaiserlichen Tempeln, und es sei ein großes Risiko, sie zu mir zu bringen. Ich zeigte Ihnen sehr stolz diese Schätze; Sie schauten sie einen Augenblick prüfend an und sagten dann: »Gar nicht übel für moderne europäische Imitation«. Das war ein harter Schlag, und ich war Ihnen zuerst beinah böse, denn nichts tut weher, als liebe Götzen zu verlieren. Und ich hatte die meinigen so ehrerbietig behandelt und immer frische Blumen vor sie hingestellt! Aber es sei Ihnen verziehen, denn Sie haben die falschen Buddhas durch wahre ersetzt, und das tun die wenigsten Leute, die andern ihre Götter nehmen.

Es ist ja auch nicht eben leicht! –

New York, Dezember 1899.

Die letzten Tage, lieber Freund, sind noch ganz der Wohnungseinrichtung gewidmet gewesen.Sie wissen ja, wie sehr ich von meiner äußeren Umgebung abhänge. Milde warme Farben, edler Faltenwurf, schöngeschweifte Linien sind mir physisch wohltuend. Vielleicht erheben sich die wirklich großen Geister über die äußeren Dinge und lassen sich nicht von ihnen störend beeinflussen; aber ich bin nur ein ganz kleines Geistchen, fürchte mich vor dem Meer des Alltäglichen, Häßlichen, und fühle mich nur behaglich, wenn es mir gelungen, mir eine eigene kleine Insel zu schaffen und sie meiner persönlichen Eigenart entsprechend zu gestalten. Ich suche auch immer mich über das Nomadenhafte meines Lebens hinwegzutäuschen, indem ich unsere jeweilige Wohnung mit einem Eifer und Ernst dekoriere, als solle sie ein alles überdauerndes Stammschloß werden – und sie ist doch nie etwas anderes, als ein Zelt, das immer wieder abgebrochen und von neuem an anderm fremden Ort aufgeschlagen wird. In manchen der Häuser, die wir im Lauf der Jahre bewohnten, habe ich sogar Tür und Decken bemalt; heute neckte mich mein Bruder damit und fragte, ob ich diesem New Yorker Boarding House auch solche dauernde Erinnerungen meines vorübergehenden Aufenthaltes hinterlassen wolle. Das habe ich nun zwar nicht vor, aber, nachdem ich es nun etwas wohnlich um uns gestaltet habe, willich wieder meine Malereien aufnehmen. Unser Wohnzimmer hat ausgezeichnetes Licht, so daß es als Atelier dienen kann, und da mein Bruder erst nachmittags zurückkommt, habe ich den ganzen Tag dafür frei. All meine chinesischen Skizzen sind hier, und ich habe manche an die Wände gehängt, lauter alte Bekannte von Ihnen, zu denen nun noch japanische und kanadische gekommen sind. Als ich in all den Bogen blätterte, fiel mir die Pekinger Zeit so besonders lebhaft ein und die kleine Bilderausstellung, die ich vor unserer Abreise dort arrangierte. »Premier Salon de Pékin« wurde sie genannt, und ich verkaufte eine Menge Skizzen! Wenn ich so durch mein Malen ein paar hundert Dollar verdiene, fühle ich mich so stolz, so self made, als sei ich Charles William O'Doyle inmitten seiner Millionen! In grauen leeren Tagen, als die Welt für mich nichts mehr zu enthalten schien, habe ich zuerst zu malen begonnen, wie eine Zerstreuung, eine Rettung vor den ewig gleichen, quälenden Gedanken. In den langen Wanderjahren mit meinem Bruder ist es dann allmählich meine große Lebensfreude geworden, der befreiende Ausdruck des innerlich Erlebten. Und noch in anderem Sinn ist das Malen mir zu einer Lebensfreude geworden, denn wenn ich ein Bild verkaufe, bedeutet das Butter zumeinem täglichen Brot, d. h. die Möglichkeit, mit solchem kleinen Verdienst andern helfen zu können, denen es weniger gut geht als mir.

Bei Ihnen fand ich gleich Interesse für mein Malen. Wie viel haben Sie mir erzählt von Kunst und Künstlern all der Länder, in denen Sie gelebt, wie oft haben Sie mich zu malerischen Punkten im altersgrauen Peking geführt, die sonst Fremde wohl nie zu sehen bekommen und deren völlige Eigenart so manches Motiv bot? Wenn Sie mir so den Zutritt zu einem sonst stets verschlossenen Tempel verschafften und ich seltsame Götzen oder stille Klosterhöfe malte, in denen das Licht zwischen den Zweigen uralter Bäume spielte und über einen gelbgekleideten Priester glitt, der am Sockel eines riesigen mit Patina überzogenen Bronzelöwen lehnte und weltentrückt den buddhistischen Rosenkranz durch die Finger gleiten ließ – wie manchesmal habe ich da Ihre Augen auf mir ruhen gefühlt und eine neue Arbeitslust, ein größeres Können empfunden durch die Macht der Freude, die Sie an mir hatten! – Von einem andern in unseren liebsten Beschäftigungen, in unserer individuellsten Eigenart verstanden zu werden, ist wie eine geistige Liebkosung. So vieles erstirbt ja in uns, aus Mangel an etwas Interesse und Pflege. Und jene, die am meisten in uns getötet und begraben haben, sindoft, die uns am nächsten standen. Haben Sie Dank, lieber Freund, für alles, was Sie in mir geweckt und gepflegt haben, für all die Blumen, die geblüht haben, weil Sie sich daran freuten.

New York, 25. Dezember 1899.

Es ist wieder Weihnachten geworden, lieber Freund! Weihnachten in einem Lande, wo ich das Fest noch nie erlebt habe, wo es mir darum besonders fremd vorkommt. Warum haben wir nur diesen rührenden und zugleich etwas komischen Zug, an bestimmten Jahrestagen so besonders zu hängen? Was wissen wir eigentlich von dem Tag der Geburt Christi und was ist uns dieser Tag? Und doch, so wenig Bedeutung er für viele unter uns heute noch in der Hast des Lebens hat, und so wenig wir von Frieden auf Erden wissen, an diesem Jahrestage scheint es uns, als hätte jeder Mensch ein besonderes Recht auf Freude, und wir stecken viel Lichtchen an, um doch ja die Freude sehen zu können, falls sie wirklich mal zu uns käme. Aber bei uns Einsamen, die wir in fremden Welten leben, pocht gerade andemAbend seltendie Freude an die Tür. Andere Gäste sind es, die uns besuchen. Vor allem ist es die alte Frau Erinnerung, deren Bilderbuch mit jedem Jahr dicker wird. Als ich gestern Nachmittag die Kerzen am Bäumchen in unserm Wohnzimmer angezündet hatte und meinen Bruder hereinrief, huschte die alte Frau auch gleich durch die offene Tür ins Zimmer herein. Den ganzen Tag schon hatte ich gefühlt, daß sie draußen stand und nur auf den Moment wartete, hereinzuschlüpfen, und den ganzen Tag hatte ich ihr immer die Tür vor der Nase zugeschlagen, denn ich fürchte mich ein bißchen vor der alten Frau und ihrem großen Bilderbuch. Aber nun stand sie neben uns. Ta, dem auch aufgebaut wurde, hatte sie wohl eingelassen.

Und wie es raschelte und knisterte in den Blättern des großen Bilderbuchs! wie es darin lebendig ward und längst verstummte Stimmen wieder klangen in vergessenem Lachen und verhalltem Schluchzen. Lauter Dinge, die einst gewesen, füllten das Zimmer und umwogten uns; kleine graue Geisterchen saßen lichtbeschienen in den Zweigen des Weihnachtsbaumes und flüsterten leise von Vergangenem; und auch all das, was nie gewesen, was nur gewünscht und ersehnt worden – nun lebte es für den einen Abend wieder auf.

Am längsten verweilte ich bei den letztenBlättern des Bilderbuches. Die Weihnachten in Peking standen wieder vor meinen Augen. Erinnern Sie sich des einen Jahres, als der arme junge Mc Intyre krank war und wir ihm ein Bäumchen brachten? Ich saß in der Sänfte und hielt die winzig kleine geschmückte Tanne auf dem Schoß, und Sie gingen nebenher und ermahnten die Kulis, mich behutsam durch die holprigen, hart gefrorenen Straßen zu tragen. Erinnern Sie sich der Freude des armen Jungen, als wir dann bei ihm eintraten und unser glänzendes Bäumchen auf den Tisch vor ihm aufbauten zwischen den Photographien seiner fern in Schottland lebenden Eltern und Geschwister, die er sich fürdiesenAbend recht nah an sein Bett hatte heranrücken lassen?

Und erinnern Sie sich der Bescherungen in unserem lieben chinesischen Häuschen, zu denen Sie und ein paar Freunde meines Bruders jedesmal kamen? Tagelang vorher war große Aufregung, um für jeden eine Überraschung in den Kuriositätenläden aufzutreiben, und als erst die Bahn eröffnet war, fuhren unternehmungslustige Leute nach Tientsin, um zu schauen, was etwa die dortigen europäischen Magazine böten.

Sie, lieber Freund, entdeckten aber immer die reizendsten Dinge! Vor mir steht heute die kleine altfranzösische Bronzenuhr, die einst in derDirektoire-Zeit nach China kam, und die Sie von Pekinger Palastbeamten erstanden und mir unter dem Weihnachtsbaum aufbauten. Das Piedestal ist noch ganz im Stile Ludwig XVI. mit Delphinen und feinen Guirlanden geschmückt; darüber erheben sich vier Drachen, die die Uhr tragen, kuriose Geschöpfe, in denen der französische Künstler möglichst dem nahe zu kommen suchte, was ihm als chinesisch vorschwebte. Über der Uhr, auf einer kleinen Weltkugel, steht ein gallischer Hahn, der offenbar nach Freiheit kräht, aber ein so skeptisches Gesicht macht, als glaube er schon längst nicht mehr daran.

Als Sie mir diese Uhr schenkten, sagten Sie: »Die paßt so gut zu Ihnen: ein Fundament altererbten Geschmacks, der von vielen Generationen herstammt; die Drachen, der Hang zum Absonderlichen, der Zug zum Unbegreiflichen, Mystischen, der in uns erwacht, je mehr wir sehen, daß das Exakte, Vernünftige, Realistische doch nichts erklärt und schließlich immer wieder alles mit einem großen Fragezeichen endet – und als Spitze des ganzen Gebäudes der kleine tapfere Hahn, der nach Aufklärung und Freiheit quand même ruft, der viel graue, trübe Tage erlebt hat und zu sagen scheint, nach all dem Krähen müßte die Sonne doch endlich aufgehen.«

Ja, das alles und noch so vieles mehr steht auf den letzten Blättern des großen Bilderbuchs!

Mein Bruder und ich saßen in dem New Yorker Boarding-House-Zimmer unter dem Weihnachtsbaum, hielten uns schweigend an der Hand und dachten vergangener Zeiten. Ta löschte eins nach dem andern die Lichtchen aus, die herabgebrannt waren – ganz wie an anderen Weihnachtsabenden. Manchmal fingen ein paar grüne Tannennadeln Feuer, knisterten und glühten, und ein harziger Waldduft zog durchs Zimmer – ja, ganz wie an allen Weihnachtsabenden! –

New York, 26. Dezember 1899.

Gestern, lieber Freund, ward ich unterbrochen und mußte meinen Brief schließen, ohne Ihnen unsern ganzen Weihnachtsabend geschildert zu haben. Denn er war mit unserm kleinen Aufbau nicht zu Ende, sondern wir waren noch zur Bescherung im Hause unseres Konsuls eingeladen.

Mit allerhand Paketen beladen, fuhren wir auf der Hochbahn dorthin.

Nach längerem, vergeblichen Klingeln öffnete uns der Konsul selbst die Haustür und entschuldigte sich, »der Sam sei wohl beim Tischdecken«. Dann führte er uns in sein kleines Arbeitszimmer, wo wir einige deutsche Herren trafen, darunter auch den Generalkonsul mit seinem herzerfreuenden, ansteckenden Lachen. Der Konsul ist vor einigen Monaten hierher ernannt worden, und seine Frau ist ihm erst vor ein paar Tagen aus ihrer Schwarzwaldheimat mit ihren zwei kleinen Kindern nachgereist. Es ist ein rührend deutscher Zug, daß sie sich, selbst kaum eingerichtet, zu diesem Abend gleich einige Landsleute eingeladen haben, die ihn sonst allein mit ihrem Heimweh verlebt hätten.

»Meine Frau baut auf,« sagte der Konsul. Da kam sie schon selbst herein, sehr jung, mit aschblonden Zöpfen um den Kopf gesteckt, erstaunten blauen Augen, das ganze Gesichtchen von der Arbeit gerötet. Auf dem Arm trug sie einen dicken, einjährigen Jungen, mit denselben erstaunten blauen Augen; und neben ihr trippelte ein kleines, dreijähriges Mädchen, das mit wichtiger Miene eine Klingel hielt.

»Es ist alles fertig,« rief sie, »Evchen, nun klingle mal schön.«

Und Evchen klingelte, und wir alle folgten in das Wohnzimmer, wo der Baum strahlte. MitKetten, vergoldeten Nüssen, Äpfeln, Pfefferkuchen war er geschmückt – sicher genau nach dem Vorbild, das die Frau Konsul bei ihrer Großmutter und Mutter in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen gesehen hat. Es war sehr heimatlich. Man vergaß dabei die hastende, neue Stadt da draußen und fühlte sich in eine alte Welt zurückversetzt, wo der Wechsel so langsam vor sich geht, daß sie eigentlich still zu stehen scheint.

Der kleine Junge wurde auf den Teppich gesetzt und ein zusammenlegbares, unzerreißbares Bilderbuch um ihn aufgestellt, und wir halfen der Frau Konsul die Kiste auspacken, die von ihrer Mutter gekommen war. Wie sorgfältig war alles gepackt, in Seidenpapier eingewickelt, mit blauen Bändchen jedes einzelne Paket gebunden und ein Zettel dran gesteckt, mit ein paar lieben Worten für den Empfänger in zittriger Handschrift darauf geschrieben. Lauter Dinge waren darin, die man in New York ganz ebenso bekommen kann. Recht unpraktisch und doch so rührend deutsch! Selbstgestrickte und gehäkelte Dinge für die Kinder, selbstgebackener Kuchen und Würste von dem für Weihnachten geschlachteten Schwein, und auf dem Grund der Kiste ein paar dicke wissenschaftliche Bücher für den Herrn Konsul und, in modernstem Rahmen, eine große Photographie von Böcklinsgeigendem Mönch, dem die Engelchen lauschen. – Liebes altes Deutschland? Wäre doch Dein Raum so groß wie Dein Gemüt, daß all Deine fern verstreuten Kinder bei Dir Platz fänden! –

Evchen hatte sich den Böcklin andächtig betrachtet, nun lief sie ans Fenster und drückte sich das Näschen an den Scheiben platt.

»Was machst Du denn da,« fragte ich sie.

»Ich gucke, ob da draußen auch Engelchen herumfliegen,« antwortete sie und setzte dann hinzu: »nein, hier gibt's keine.«

Ich schaute mit dem Kind hinaus in die Straße mit den vielen gleichmäßigen Häusern, an deren einem Ende, ganz nah von uns, eine Station der Hochbahn war. Ein hellleuchtender Zug kam herangesaust, hielt einen Augenblick und brauste dann weiter.

»Der Eisenbahn gefällt es hier nicht,« sagte Evchen, »sie eilt sich so sehr her zu kommen und dann geht sie immer ganz schnell wieder fort.«

»Liebes Kind,« sagte der Konsul zu seiner Frau, »gibt es nicht bald was zu essen?«

Sie fuhr aus all den heimatlichen Paketen empor: »Aber ja, es muß alles schon fertig sein.«

Sie klingelte, aber Ursache und Wirkung folgten nicht aufeinander. Nun ging sie hinaus, kam aber bald mit bestürztem Gesicht zurück, trat an ihrenMann und sagte leise: »Willst du nicht lieber mal mit ihm reden?«

Nun ging der Konsul hinaus, und bald hörten wir erregte Stimmen und darauf etwas Schweres, das die Treppe hinabpolterte. Der Konsul kam wieder herein, etwas aufgeregt und außer Atem: »Meine Herrschaften, ich bitte sehr um Entschuldigung – ein kleiner amerikanischer Zwischenfall – der Neger Sam war schwer betrunken – ich fand ihn, mit dem Eidamer Käse Ball spielend. – Da habe ich die Rollen umgekehrt und mit ihm etwas Ball gespielt – und dabei ist er die Treppe hinab und auf die Straße geflogen.«

»Und als ich vorhin draußen war,« erzählte die Frau Konsul mit kläglicher Stimme, »aß er die Austern auf und sagte mir, er nähme ja nur die schlechten, um uns vor Vergiftung zu bewahren.«

Der Generalkonsul lachte in seiner herzhaften Art, und wir alle stimmten mit ein. Und dann folgte das komischste Weihnachtssouper, das ich je mitgemacht, denn es stellte sich heraus, daß die irische Köchin dem schwarzen Sam nachgelaufen war. So gingen wir denn mit der Frau Konsul in die Küche, retteten, was zu retten war, trugen die Gerichte hinauf in das Speisezimmer und sprachen außerdem tüchtig den Würsten zu, die wir aus der Weihnachtskiste ausgepackt hatten.

Als wir Abschied nahmen, sagte unsere Wirtin: »Sie müssen schon entschuldigen – es ist hier halt alles so anders, als daheim in Baden.«

New York, 1. Januar 1900.

Lieber Freund! Möchte das Jahr Sie mit allem Guten beschenken, das ich Ihnen wünsche! Gleich die ersten Gedanken heute früh flogen hinaus über die grollenden Wintermeere und die weiten hart gefrorenen Ebenen, in denen der Sturm heult, flogen aus, Sie zu suchen, und konnten Sie nicht finden, und flattern nun weiter unstet umher, können nirgends zur Ruhe kommen, sehnen sich so sehr, Ihnen ein kleines Zeichen zu geben. Alles Schöne und alles Glückliche möchte ich in Ihr Leben hinein zaubern – und konnte Ihnen doch am Weihnachtsabend kein Bäumchen schmücken, kann Ihnen heute zu Neujahr nicht einmal die Hände reichen! Den ganzen Tag war mir, als müsse heute durchaus ein Wort von Ihnen zu mir dringen, als müsse Ihre Stimme ganz leise aus der Ferne klingen, wie einstmals in vergangenen Tagen, als Sie mir sagten: »Und darf es nicht Glück sein,so sei's doch das Nächstbeste.« Und Ihr »Nächstbestes«, lieber Freund, war immer noch so viel reicher und zarter, so viel sorgender als alles, was andere Menschen als höchstes Glück zu geben vermögen; Sie haben mich so sehr verwöhnt, daß ich mir jetzt oft ganz verlassen vorkomme.

Auf daß Ihnen aber die Lektüre dieses Briefes nicht schlecht bekomme und Sie nicht etwa dem Hochmutsteufelchen verfallen, werde ich gleich hinzusetzen, daß ich immer etwas am großen Heimweh der Vergangenheit leide, und daß, wenn man mehrere Jahre in einem so eigenartigen Ort wie Peking gelebt und dort Wurzel gefaßt hat, es schwer fällt, in einer so absolut entgegengesetzten Welt wie New York heimisch zu werden. Wer sich in Brüssel wohl fühlt, dem wird auch Paris gefallen, wer sich in Dresden eingelebt, der wird es auch in München fertig bringen. – Da sind keine weltentrennende Rassen- und Anschauungsgegensätze zu überwinden. Wer aber den Osten wirklich mal kennt und liebt, der passt nicht mehr in diese westliche Welt. Man staunt sie an, sagt sich wohl auch mit dem Verstand, daß ihr das neue Jahrhundert gehören wird, aber man wird in ihr nie mehr heimisch, man fühlt sich in stetem Widerspruch. – Wie mag es nur Kipling, dieser große Orientale, hier je ausgehalten haben! Wie sehrkann ich ihm das Heimweh nach dem Osten nachempfinden, das wie ein Moll-Leitmotiv der Sehnsucht durch seine Werke zittert – unverständlich für die, deren beste Jahre nicht jenseits Suez gelebt wurden.

Ich muß heute soviel an manche englische Beamte denken, die ich vor Jahren in Indien gekannt und dann pensioniert und gealtert in irgend einem Städtchen Englands wiedergesehen habe. Dort in Indien hatten sie viel räsonniert, über Klima, Natives und Silberkurs, aber trotz aller Klagen fühlten sie sich doch immer als Götter, wenn auch nur als Achtel-, Viertel- oder Halbgötter; und es waren doch, ohne daß sie es recht wußten, ihre glücklichsten Jahre gewesen, die sie dort verlebt – man ist ja meist glücklich, ohne es zu wissen, und merkt, daß man es war, daran, daß man aufhört es zu sein. In Bath oder Torquay, unter grauem Himmel, in engen Zimmern, mit einer ungeschickten, schlecht kochenden Mary Ann, der sie nie einen hindustanischen Fluch nachschmettern durften, umgeben von lauter Leuten, die nichts wußten von der Gottgleichheit, die jedem weißen Sahib in den Städten auf »abad« oder »epore« zu eigen ist, da verstanden die Armen es erst ganz, wie schön es einst gewesen; und das große Heimweh nach dem Osten schlich sich in ihre Herzen und nistete sich fest ein.

Ich komme mir hier so oft vor wie einer jener pensionierten englischen Beamten! Oder wie eine arme, kleine, vertriebene Königin, der niemand anmerkt, daß sie einst ein güldenes Krönchen trug! Wenn ich mich in dem Straßengewühl durchdränge, wo keiner mich kennt, und mir sage, daß, wenn ich tot umfiele, ich in eine kalte, graue Morgue gebracht würde, und niemand wüßte, wer ich bin, da sehne ich mich oft nach der Stadt, wo jeder mich kannte, wo alle am Bahnhof standen, als ich abreiste, und mir nachwinkten.

Das Bewußtsein der eigenen Kleinheit und Belanglosigkeit lastet auf uns modernen Menschen allen wie ein schweres Gewicht. Wir leiden unter der eigenen Winzigkeit, unter den engen Grenzen unseres Wissens und Lebens, seitdem uns die Endlosigkeit von Raum und Zeit gelehrt ward. Leute früherer Epochen kannten diesen Gegensatz zwischen menschlicher Kleinheit und Weltenunendlichkeit nicht; sie müssen zufriedener gewesen sein, weil sie sich selbst im richtigen Maßstab zu allem übrigen vorkamen. Diese Menschen, die in alten Häusern mit hohen Giebeln wohnten, und auch noch heute die Leute, die in ganz kleinen Zentren leben, wo jeder jeden kennt und der Glaube an die eigene Wichtigkeit nie getrübt wird, scheinen mir beneidenswerte Wesen; denn es gibt ja nichtsBefriedigenderes, als an sich glauben zu können. In solchen kleinen Gemeinden floriert dann auch diese höchste Blüte der eigenen Wichtigkeitsüberzeugung – der Glaube an ein persönliches Fortbestehen. Es scheint doch ganz unmöglich, daß Herr A, mit dem man alle Samstag seit dreißig Jahren gekegelt hat, Frau B, mit der man schon auf der Schule in Rivalität lebte, plötzlich ganz ausgewischt, wie nie gewesen, sein sollen. Das kann solch bedeutenden Persönlichkeiten nimmer widerfahren! Sie sind zeitweise unsichtbar, auf der großen Reise begriffen, die alle mal antreten – aber nachher wird man sich wieder finden, ganz selbstverständlich. – Wer aber von den Wellen an zahllose fremde Küsten verschlagen worden ist und gesehen hat, daß überall und seit unendlichen Zeiten Millionen und Millionen geboren und begraben werden, ohne daß ihr Kommen und Gehen mehr Bedeutung hätte als Mückenschwärme, die einen Augenblick durch die Sonnenstrahlen schweben, der verliert den Glauben an die Wichtigkeit der Erscheinungen und an die innere Notwendigkeit der ewigen Fortdauer all dieser ganz gleichgültigen ameisenartigen Existenzen, die in individuell kaum unterscheidbaren Wiederholungen immer aufs neue entstehen und vergehen. Wenn einem dann die Erkenntnis aufgeht, daß man selbst auch nur indie Schar der menschlichen Eintagsfliegen gehört, dann sehnt man sich nach denen, die durch Freundschaft und liebevolle Pflege uns zeitweise die Illusion gegeben, als sei man eigentlich doch eine recht wichtige kleine Fliege, deren Wohl und Wehe für ein anderes Wesen die allergrößte Bedeutung hat.

Und weil ich das alles heute so sehr empfinde, hier in der Fremde, wo es jedem offenbar ganz gleichgültig ist, wie arme, kleine, vertriebene Königinnen das neue Jahr beginnen – drum habe ich Heimweh nach ... sagen wir nach Peking!

New York, Januar 1900.

Ein kalter, grauer Tag. Zum Malen viel zu dunkel. Ein allgemeines Gefühl des Unbehagens. Das Buch, das man am Kamin sitzend liest, langweilt. Der Blick hinaus durch die Fenster langweilt ganz ebenso. Beinah möchte man die Menschen beneiden, die selbstgefällig sagen, »ich habe mich noch nie gelangweilt«, und die damit nur den Beweis liefern, wie grenzenlos langweilig sie selbst sein müssen, wenn sie wirklich nichtimstande sind, die Langeweile des Meisten zu erkennen, womit das Leben angefüllt ist.

Ich wünschte – ja, was wünsche ich eigentlich? Ich wünschte, ich wäre mit Ihnen auf einer weiten, merkwürdigen, gefahrvollen Entdeckungsreise in irgend ein seltsames Land – womöglich einen unerforschten Stern. Bitte, werden Sie nun aber nicht gleich eitel! Daß Sie nicht eitel sind, ist ja gerade eine Ihrer nettesten Eigenschaften, und jede echte Frau muß einen eitlen Mann unausstehlich finden, denn er nimmt ihr damit etwas weg, worauf sie ihr spezielles, anerkanntes Frauenrecht hat. Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum Begleiter auf den unerforschten Stern aus, weil Livingstone, der dort sicher sofort Bescheid gewußt hätte, nun doch schon tot ist.

Aber wahrhaftig und im Ernst – ich habe manchmal eine so brennende Sehnsucht, etwas zu werden, zu sein, zu leisten! Ich komme mir zuweilen vor, als bestände ich aus lauter ungenutzten Fähigkeiten und als gingen alle Gelegenheiten, sich zu betätigen, die die meinen sein sollten, an mir vorbei und zu anderen hin, die nicht wissen, was sie damit beginnen sollen. Wir Menschen bestehen eben aus solchen, von denen nie annähernd das verlangt wird, was sie zu leisten imstande wären, und aus anderen, an die Anforderungen gestelltwerden, denen sie in keiner Weise gerecht werden können. – Letztere sind natürlich die glücklicheren, denn ein Teil ihrer Unfähigkeit besteht gerade darin, gar nicht zu merken, wie sehr sie es sind.

Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist, daß niemand da steht, wo er stehen sollte. Wenn jemand plötzlich einen verantwortungsvollen Posten bekommt, gratuliert man ihm und sagt: »endlich, the right man in the right place« und denkt dabei: »what a mess he will make of it!« Und gewöhnlich hat man mit letzterer Vermutung recht.

Und ein großer »mess« der Weltenregierung ist es offenbar, daß ich hier sitze, abwechselnd in den Kamin oder auf die Straße starre, und daß alles andere, was ich etwa sonst noch tun könnte, ganz ebenso zwecklos wäre.

Frauen sitzen eigentlich immer da und warten, ob die Türe aufgeht und jemand kommt.

New York, Januar 1900.

Ich ward gestern unterbrochen, lieber Freund! Weiß nicht, wie lange ich Ihnen sonst noch grau in graue Weltenbetrachtungen geschrieben hätte!Seien Sie also dankbar, daß gestern die Tür wirklich aufging und Madame Baltykoff bei mir eintrat, ein Pelzmützchen auf dem Kopf, das ihr so natürlich gut stand, wie jeder Katze ihr Fell.

»Nein, wie beneidenswert unbeschäftigt Sie aussehen!« sagte Madame Baltykoff. »Und ich bin so abgehetzt durch alles, was ich mitmachen und wobei ich gesehen werden soll. In keinem Lande der Welt habe ich noch so viel von »sozialen Pflichten« reden hören! Ich glaube, sie ersetzen alle anderen! Heute war ich schon mit einer New Yorkerin, die mich ins Schlepptau genommen, auf einem Dejeuner, einem Wohltätigkeitsbazar und drei Jours. Und jedesmal, wenn ich die gewisse Ankunftslangweile überwunden hatte und gerade anfing mich etwas zu amüsieren, machte mir mein sozialer Pilot verzweifelte Aufbruchszeichen, weil wir noch in so und soviel Häusern gesehen werden müßten. Ich kam mir schließlich wie eine Verbrecherin vor, die sich Alibis schafft! Nun habe ich noch einen Besuch vor, bei einer ehemaligen Landsmännin, und da müssen Sie mich durchaus begleiten. Es ist Ihnen auch gar nicht gut, so vor sich hin zu brüten, wie ein weiblicher Oblomoff.«

Und da all mein Tätigkeitsdrang von jeher damit geendet hat, mich von äußeren Mächten treiben zu lassen, ging ich mit Madame Baltykoffhinaus in die kalte graue Winterwelt und lernte Miß Tatiana de Gribojedoff kennen.

Wenn Sie den Namen auch dreimal lesen, lieber Freund, sie heißt wirklich so, und das Miß hat auch seine Berechtigung.

Tatianas Vater war natürlich Russe, ihre Mutter dagegen war die Tochter eines aus Illinois stammenden amerikanischen Konsuls Carmichael in Archangel, und in jener kalten Weltecke hat auch die Wiege der kleinen Tatiana gestanden. Madame de Gribojedoff, née Carmichael, scheint sich dort aber nie so recht behaglich gefühlt zu haben, woraus ihr meinerseits kein Vorwurf gemacht werden soll. Ihr Bestreben ging dahin, Tatiana in der Kritik und Mißachtung alles Russischen zu erziehen und ihr eine unbedingte Bewunderung für alles Angelsächsische beizubringen. Als der Vater Tatianas starb, ein bedeutendes Vermögen hinterlassend, wanderten beide Damen nach Amerika zurück; seit dem Tode ihrer Mutter lebt Tatiana als unabhängige alte Jungfer in New York.

Ihr Häuschen ist vollgepfropft mit all denjenigen Dingen, die gewitzigte Leute auf Reisen sorgfältig zu kaufen vermeiden. So hat sie sich von den Niagarafällen indianische Mokassins mitgebracht, die an einer Wand hängen, dicht neben einem spanischen Fächer, auf dem ein Stiergefechtabgebildet ist. In Mexiko hat sie allerhand aus dortigem Marmor verfertigte Früchte gekauft, rosa Pfirsiche, grüne Mangoes, braune Feigen liegen auf einer Konsole, zusammen mit den Ergebnissen eines Ausflugs nach Havanna, großen schillernden Muscheln und Mustern verschiedener Korallensorten. Der dahinter aufgehängte Spiegel gestattet auch, die Rückseiten zu bewundern. Von Sorrent hat Miß Tatiana kleine aus Olivenholz verfertigte Bücherbretter mitgebracht und auf diesen steht, neben römischen Mosaikschälchen und einer Miniaturnachbildung des Vestatempels, eine ganze Batterie von Gläsern aus verschiedenen Badeorten, deren Brunnen Miß Tatiana getrunken hat. Allerhand Inschriften sind auf diese Gläser geschliffen: »Zur freundlichen Erinnerung an Schlangenbad«, »Wohl bekomm's«, auch eine Abbildung der Trinkhalle in Baden-Baden. Vielleicht ist es eine Folge all dieser gesundheitsfördernden Flüssigkeit, daß Miß Tatiana so lang, spitz und mager ist.

Sie saß an einer Seite des Kamins, und auf der andern saß ein kleiner, dicker, älterer Herr, den Madame Baltykoff als Iwan Iwanowitsch begrüßte und der mir als Herr Baschmakoff vorgestellt wurde. Die Wirtin und ihr Gast schienen eben eine politische Debatte gehabt zu haben; sie sah erregt aus, und nachdem wir uns gesetzt hatten,fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort: »Wahrlich, Mr. Baschmakoff, jeden Tag, wenn ich von der Unterdrückung der armen Finnen lese, bin ich dankbar, daß ich auswanderte und eine freie amerikanische Bürgerin geworden bin.«

»Aber liebe Tatiana Feodorowna«, antwortete der kleine, dicke Herr, »es wäre Ihnen doch nichts in Rußland geschehen – Sie sind ja gar keine Finnländerin.«

»Das ist eine feige Ausrede. In solchen Fällen muß man sich eins fühlen mit den Unterdrückten. Da ich all dem Unrecht, das in Rußland geschieht, nicht abhelfen konnte, habe ich wenigstens durch meine Auswanderung dagegen protestiert.«

»Immer die gleiche, immer dasselbe Feuer bei unserer lieben Tatiana Feodorowna,« seufzte der alte Herr.

»Und bei Ihnen immer der gleiche Eigensinn, in jedem Satz wenigstens einmal diese komische russische Anrede anzubringen – Tatiana Feodorowna!«

Herr Baschmakoff legte die Hand auf seinen vorspringenden Magen, in der Gegend, wo hinter all dem Fett das Herz sitzen muß, und erwiderte: »Es ist mir eben mein Leben lang der liebste Name der Welt gewesen.«

Das alte Fräulein schien hierdurch etwas besänftigt, wandte sich zu mir und sagte: »Sie werden mir zugeben, daß es bei meinen Ansichten und als freie Amerikanerin hart ist, den Namen Tatiana de Gribojedoff zu tragen.«

»Vergessen Sie nicht, liebe Tatiana Feodorowna, wie oft ich Ihnen angeboten habe, diesen Namen zu vertauschen,« sagte der kleine dicke Herr und drückte wieder die Hand auf den vorspringenden Magen.

Da lachte die alte Dame laut. »Nein, wissen Sie, Gribojedoff oder Baschmakoff – das bleibt sich nun schon gleich. Ja, wenn Sie Washington, Lincoln oder meinethalben auch nur Brown oder Smith hießen, hätte ich's mir überlegen können – aber so!«

Und beide, der alte Herr und das alte Fräulein, lachten über diese Neckerei, die immer wieder aufgefrischt wird, wenn Herr Baschmakoff alljährlich aus Archangel nach New York kommt, um seine Jugendliebe im Lande ihrer Wahl zu besuchen.

»Die Philippinen machen mir viel Sorge«, erzählte uns die russische Amerikanerin, indem sie auf eine neben ihr liegende Zeitung wies, »es ist offenbar notwendig, daß neue Truppen hingeschickt werden. Ich hoffe nur, daß das State Departement zu äußerster Energie in der Bekämpfung derRebellen entschlossen ist. Sicherlich müssen fremde Intrigen und Aufwiegelungen derjenigen dahinter stecken, denen es ein Greuel ist, daß wir in dem geknechteten Orient Fuß fassen, sonst hätte jenes arme, umnachtete Volk doch längst eingesehen, daß wir ihm das Licht der Freiheit bringen.«

»Vielleicht werden Ihre westlichen Methoden im fernen Osten nicht so recht gewürdigt und verstanden, liebe Tatiana Feodorowna, vielleicht passen sie auch nicht so recht dorthin«, warf Herr Baschmakoff schüchtern ein.

»Die Wahrheit und das Recht passen überall, aber Ihr Russen denkt immer, daß Ihr allein den Osten versteht. Ich gebe Euch ja gern zu, daß Ihr jenen Völkern näher steht als wir, aber warum sollen sie erst noch auf dem weiten Umweg über Knute, Sibirien und Orthodoxie zu endlicher Freiheit und wahrem Glauben geführt werden?«

»Was ist denn der wahre Glaube?« fragte Madame Baltykoff.

»Der wahre Glaube?« Miß Tatiana stockte einen Augenblick und antwortete dann rasch entschlossen: »Der wahre Glaube ist, was man in den Vereinigten Staaten glaubt.«

»So so«, sagte Madame Baltykoff und fuhr dann nachdenklich fort, als sinne sie über ein schweres Rechenexempel nach, »Methodisten undBaptisten, Kongregationalisten und Christian Scientists, vereinigte Brüder und Jünger Christi, Heilige der letzten Tage, Quäker und Shaker – und gar die Mormonen – die haben also alle den wahren Glauben?«

Miß Tatiana unterhielt uns noch längere Zeit mit der erregten Diskussion verschiedener politischer Fragen. Der geduldige Baschmakoff bekam noch viel Schlimmes über Rußland von ihr zu hören und sie gab ihm zu verstehen, daß, wer nicht angelsächsischer Abstammung ist, nur schlaue Berechnung und Eigennutz zu Motiven seiner Handlungen haben könne.

Wenn Madame Baltykoff mir zuweilen als wandelndes Fragezeichen erscheint, so habe ich in Miß Tatiana eine lebende Assertion kennen gelernt. Sie erinnert mich an eine pommersche Gutsbesitzerin, die ich vor Jahren gegen direkte Steuern eifern hörte; in meiner damaligen Jugend und Unwissenheit fragte ich sie, was das sei, und erhielt die Antwort: direkte Steuern sind die, die man selbst bezahlt, indirekte Steuern solche, die andere Leute bezahlen, drum sind die ersteren schlecht und die anderen gut.

Miß Tatiana besitzt auch diese Gabe anschaulicher Definition und rascher Schlußfolgerung.

New York, Januar 1900.

Lieber Freund, heute Nachmittag wollte ich die Frau unseres Konsuls besuchen. Ich fuhr mit der Hochbahn zu ihr, denn sie wohnt weit draußen, in einer der Straßen mit den ganz hohen Nummern, die mich immer an neuformierte, an den Grenzen aufgestellte Regimenter erinnern. Die Häuser sehen alle ganz gleich aus, man könnte jedes mit jedem verwechseln, und darin liegt wohl gerade das Militärische; sagte mir doch mal mit Begeisterung ein junger Verwandter, der seit ein paar Wochen Leutnant war: »Vollkommene Gleichmäßigkeit ist das Ziel, Verwischung der Individualitäten die erste Aufgabe.«

Da ich die Frau Konsul nicht zu Hause traf, ging ich von dort aus noch etwas auf eigene Faust explorieren, was mir immer viel interessanter ist, als wenn ich von patriotischen New Yorkern herumgeführt werde, die erwarten, daß ich mich für irgendein turmartiges Haus begeistere, in dem eine Zeitung gedruckt, Korn verkauft, oder Geld gewechselt wird.

Ich ging noch durch einige allerletzte Straßen. Weiter hinaus sieht es sehr bald aus, als sei man im fernen Westen. Weite leere Grundstücke erstrecken sich dort mit den seltsamsten kleinenBehausungen. Zelte, aus allen möglichen Fetzen zusammengeflickt, Löcher in die Erde gebuddelt wie Höhlen der Urzeitmenschen, daneben Hütten, die aus Latten, Kistendeckeln, verrostetem Wellblech und Stücken von Petroleumkasten zusammengezimmert sind. Eine ganze Bevölkerung mit unbestimmten Berufszweigen haust dort und treckt immer mehr hinaus, je weiter die Straßen mit den hohen Nummern vorgeschoben werden. Vielleicht prangt solch abenteuerliches Hüttchen auf der ersten Seite im Erinnerungsbilderbuch manch jetzigen Millionärs! Das wissen auch die Leute, die heute noch in den exzentrischen Quartieren äußersten Elends kampieren müssen, und deshalb ertragen sie alles leichter, weil sie es als ein Übergangsstadium ansehen und Beispiele vor Augen haben, daß man sich emporarbeiten kann. Das macht Armut in den neuen Ländern weniger drückend. Auch dem Ärmsten schwebt immer die Möglichkeit des finanziellen Marschallstabs vor. Darum kommen sie ja auch über das große Wasser, um die Hoffnungslosigkeit, die alte Resignation hinter sich zu lassen.

Heute war es aber unendlich melancholisch da draußen. Ein eisiger Wind wehte über das flache Land. Kältebeladen kam er aus der Richtung der großen nordamerikanischen Seen angesaust, fegte alles vor sich her und pfiff unbarmherzig durchalle Spalten und Ritzen in die merkwürdigen Armeleutewinkelchen hinein. Ob die Bewohner all der wackligen, klappernden Hüttchen wohl auch der Ansicht waren, daß dem geschorenen Lamm der Wind bemessen wird? Wenn man eine Sealskin-Jacke trägt, erscheint solch behaglicher Glaube immer unanfechtbar.

Bei meinem heutigen Spaziergang dachte ich viel an ähnliche in Peking verlebte Wintertage. Besonders eines Rittes mußte ich gedenken, den wir jetzt vor einem Jahre dort gemacht. Da war es auch so kalt, wie heute hier. Der Wind kam von der sibirisch-mongolischen Ebene hergeweht, so eisig, als könne es nie wieder Frühling werden. Der Weg dehnte sich endlos an der grauen Stadtmauer entlang. Die Türme mit den verfallenen grünen Kacheldächern standen dräuend gegen den fahlen Winterhimmel. Stellenweise lag etwas hart gefrorener Schnee. Krähen flohen krächzend vor dem Wind.

Im hiesigen Winter habe ich des dortigen gedacht und ich sende Ihnen dies kleine Gedicht, das mir dabei in den Sinn kam:


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