21.

An den hohen Mauern der StadtRitten wir beide schweigend,Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt,Horchten im Schnee auf das Schrei'nDer schwarzen Vögel.Längst verließ ich dich, graue Stadt,Wandre allein nun schweigend,Habe keinem mein Leiden geklagt,Nur in der einsamen Seele schrei'nDie schwarzen Vögel.

An den hohen Mauern der StadtRitten wir beide schweigend,Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt,Horchten im Schnee auf das Schrei'nDer schwarzen Vögel.Längst verließ ich dich, graue Stadt,Wandre allein nun schweigend,Habe keinem mein Leiden geklagt,Nur in der einsamen Seele schrei'nDie schwarzen Vögel.

An den hohen Mauern der StadtRitten wir beide schweigend,Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt,Horchten im Schnee auf das Schrei'nDer schwarzen Vögel.

An den hohen Mauern der Stadt

Ritten wir beide schweigend,

Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt,

Horchten im Schnee auf das Schrei'n

Der schwarzen Vögel.

Längst verließ ich dich, graue Stadt,Wandre allein nun schweigend,Habe keinem mein Leiden geklagt,Nur in der einsamen Seele schrei'nDie schwarzen Vögel.

Längst verließ ich dich, graue Stadt,

Wandre allein nun schweigend,

Habe keinem mein Leiden geklagt,

Nur in der einsamen Seele schrei'n

Die schwarzen Vögel.

Wie so oft in Peking, war mir an jenem Tage, als sei die ganze Welt erstarrt in Angst, als harre sie atemlos, Unbekanntem, Unheimlichem. – Stadt des Leidens, Stadt des Verhängnisses habe ich Peking oft genannt – und doch liebe ich die graue, düstre Stadt. Ich habe jetzt oftmals ganz deutlich die Empfindung, als gehöre ich ihr, als hielte sie mich für ewig, so fern ich ihr auch räumlich bin.

Ich fürchte, ich bin wie alle Leute geworden, die in Peking gelebt haben und es nachher nicht mehr lassen können, immerwährend darüber zu reden oder zu schreiben.

Das ist die Rache, die China an den weißen Menschen nimmt dafür, daß sie beinahe alle doch nur deshalb hingehen, um ihm ein Stückchen seines Bodens oder sonst irgend einen Vorteil und Besitz abzuringen – schließlich sindsiees, die von China absorbiert werden.

Lassen Sie sich nicht zu sehr absorbieren, lieber Freund!

New York, Februar 1900.

Lieber Freund, meine letzte Wanderung im winterlichen New York ist mir recht schlecht bekommen. Ich bin seitdem krank gewesen an Husten und Fieber. Husten und Fieber sind ja nun schon seit Jahren die Meilensteine, die an meinem Lebensweg stehen. Schließlich wird solch Meilenstein zu einem Kreuzchen werden. Und wohin der Weg dann weiter geht und ob es überhaupt noch einen gibt, das weiß man nicht.

Es geht mir aber jetzt schon ein bißchen besser. Ich liege auf dem Sofa am Kamin. Die weiße tibetanische Ziegenfelldecke, die Sie kennen, ist über mich gebreitet. Ta geht mit bekümmertem Gesicht ein und aus. Ich weiß nicht, gilt seine Sorge mir, oder den vielen Briefen, die er in letzter Zeit von zu Hause erhalten hat.

Gestern schenkte mir mein Bruder ein paar Zweige weißen Treibhausflieders. In Seidenpapier wohl eingewickelt brachte er sie von draußen mit – so ein armer, winterlicher Flieder – all die Blütchen schienen zu frösteln und sich zu wundern, warum man sie gezwungen habe, sich so sehr zu beeilen, in diese unfreundliche Welt hinein zu kommen.

Jetzt stehen die braunen Stengel, an denen oben die spärlichen weißen Blütentrauben hängen, in einer schlanken, grünen Bronzevase neben mir. Die Blumen haben sich etwas erholt, als seien sie dankbar, nun doch noch ein leidliches Plätzchen gefunden zu haben. Ein schwacher, schüchterner Fliederduft, der beinah etwas Künstliches hat, steigt von ihnen auf und zieht durch das Zimmer.

Er weckt viel Erinnerungen. Denn Flieder mahnt mich an gar verschiedene Zeiten und Orte.

In Garzin, dem märkischen Gut, wo ich aufgewachsen, da blühte der Flieder im Mai. Vier große Büsche standen auf dem Rasen vor dem Schloß, in ihrer Mitte eine alte Sonnenuhr. Jeden Frühling, wenn der Flieder blühte, kam derselbe alte Invalide auf einem Stelzfuß angehumpelt; er stellte sich im Schloßhof auf und spielte uns auf seiner Drehorgel »Die letzte Rose« und »Lang, lang ist's her«. Ich weiß nicht, wo er Winters blieb, aber in all meinen frühesten Frühlingserinnerungen steht der Invalide mit der Drehorgel, und der Flieder duftet, und wir Kinder suchen fünfblättrige Fliederblüten – denn die sollten Glück bringen wie vierblättriger Klee. Einmal schenkte ich dem alten Drehorgelmann solch ein fünfblättriges Blümchen – aber der glaubte nicht recht daran.

An so viele Zeiten und Orte mahnt der Duft!

Sogar im blumenarmen Peking gab es Flieder. In allen Gesandtschaftsgärten standen eine Menge Büsche. Im April über Nacht erblühten sie mit einemmal, alle zugleich. In allen Wohnzimmern, auf allen Speisetischen war dann die gleiche weiß-lila Pracht und Fülle. Vierzehn Tage dauerte der Blumenzauber. Das war die einzige Zeit des Jahres, wo es in Peking gut roch.

In den Tagen der Fliederblüte gab Sir Robert Hart regelmäßig eines seiner Gartenfeste. Die chinesische, uniformierte Kapelle, die er sich hielt und auf die er sehr stolz war, spielte die paar europäischen Weisen, die ihr ein portugiesischer Kapellmeister aus Macao beigebracht hatte. Mit den altbekannten, nur zuweilen unfreiwilligerweise etwas veränderten Melodien zog durch den Garten der heimatliche Fliederduft. Männlein und Weiblein der Société de Pékin wandelten in den paar Alleen auf und ab und zeigten Tientais neueste Modeschöpfungen; sie gingen paarweise, persönlicher Neigung folgend, oder gruppierten sich je nach der augenblicklichen politischen Konstellation. Politik ist eine Würze, die in Peking gern allem beigemischt wird. – Zum Schluß dieser geselligen Vereinigungen wurde dann immer eine Quadrille auf dem kleinen holperigen Rasenplatz getanzt. Man tat jedesmal so, als sei diese Quadrille derspontane Ausdruck überströmender festlicher Stimmung – aber sie war im Programm immer ganz vorgesehen.

Das war alles ganz stereotyp – denn alle Dinge in China haben die Neigung, stereotyp zu werden!

Solche Vergnügungen in entlegenen Plätzen haben mir immer etwas so unendlich Wehmütiges. Sie sind ein offenbarer Versuch der Selbsttäuschung, zu dem so sehr viel guter Wille gehört. Kleine rührend traurige Bemühungen, um zu vergessen, wo man ist, was alles fehlt. Der festgefaßte und ernsthaft durchgeführte Vorsatz, auch einmal »große Welt« zu sein.

Wie tieftraurig bin ich doch schon oft inmitten solch künstlich verpflanzter und betriebener Amüsements gewesen – sie erinnern an kümmerlichen weißen Winterflieder – der ist auch nichts Rechtes!

New York, Februar 1900.

Ich bin noch recht elend, möchte Ihnen aber doch ein bißchen schreiben, um mir dadurch die Illusion zu geben, als seien Sie hier.

Wenn ich krank bin, tue ich mir immer so schrecklich leid – ich möchte mich dann am liebsten selbst in die Arme nehmen können und mich trösten. Gute Gesundheit täuscht über so manches hinweg; wir fühlen uns allem gewachsen und sind daher mit uns selbst zufrieden, und sobald man das ist, ist ja alles gut. Wenn wir aber oft krank sind und die Rechnung zwischen Sollen und Können immer mit einem Defizit für uns schließt, dann erscheint die ganze Welt wie ein Exempel, das nie stimmt, wo es immer irgendwo hapert. Glauben Sie nun deshalb nicht, daß ich hier besonders einsam und vernachlässigt wäre; die kleine Ecke Welt, die im Gesichtskreis meines Sofaplatzes liegt, ist wahrscheinlich nicht schlimmer und langweiliger wie andere auch, und es besuchen mich eine ganze Anzahl Menschen. Am häufigsten kommt Madame Baltykoff, und gewöhnlich findet sich Anstruther zur selben Zeit ein. Diese unermüdliche Russin hat erstaunliche Vorräte an Wissensdurst; sie besieht sich New York von allen Seiten: Auswandererherbergen, Fifth Avenue-Feste, Schulen, Druckereien, Wall Street, Gefängnisse, Klöster – tout lui est bon. Kürzlich erzählte sie mir von einem Damenlunch, bei dem sie gewesen. Während nämlich die New Yorker Herren im Geschäft sind und Geld verdienen, vertreiben sich dieDamen die Zeit, indem sie sich untereinander kleine Feste geben, bei denen sie sich in neuen, kostspieligen Einfällen zu überbieten suchen. Für einen solchen Lunch wird eine bestimmte Farbe gewählt. Die neuliche war lila. Alle Blumendekorationen, auf dem Tisch, an den Wänden und Kronleuchtern, bestanden aus Parma-Veilchen, das Tischtuch war Spitzen bedeckte lila Seide, die Tischkarten lila Karton, Wirtin und Gäste trugen Kleider verschiedener lila Tönungen. Das kleine, sehr verzogene Töchterchen des Hauses war als Veilchen verkleidet. Madame Baltykoff erzählte, es sei während der ganzen Mahlzeit unausgesetzt rund um den Tisch herumgelaufen; die zärtliche Mutter bemerkte schließlich, daß ihre Gäste hiervon nervös wurden, aber anstatt das Kind hinauszuschicken, sagte sie ihm nur: »Dodo, darling, renn doch jetzt mal in der andern Richtung um den Tisch – es wird uns sonst schwindlig.«

Solche kleinen Damenfeste werden, wie alle sonstigen geselligen Begebenheiten auch, am nächsten Tage in all ihren Einzelheiten von den Zeitungen beschrieben. Die Öffentlichkeit des Privatlebens in Amerika ist immer von neuem ein Gegenstand des Staunens für uns Fremde. Sie erstreckt sich auf die kleinsten Handlungen der oberen 400. Das gesellschaftliche Debut einer jungen Dame ausdiesen Kreisen wird im voraus bekannt gegeben, mit Beschreibungen ihrer äußeren Erscheinung und aller Toiletten, die sie in Paris bestellt hat, man kann in den Zeitungen lesen, wie viel Taschengeld sie zu verausgaben hat, welche Handschuhnummer sie trägt, welche Blume sie bevorzugt, wer ihre Hofmacher sind. Verheiratet sie sich, so werden spaltenlange Artikel ihrer Ausstattung und ihren Hochzeitsgeschenken gewidmet und genaue Berechnungen aufgestellt, was der Bräutigam wert ist (an Dollars nämlich). Eine New Yorker Dame ist eigentlich nie allein – sie agiert beständig vor Reportern, die der neugierigen Menge die wichtige Kenntnis aller Einzelheiten ihres Lebens vermitteln. Das Bewußtsein, fortwährend beobachtet, besprochen und beschrieben zu werden, mag dazu beitragen, daß die modernen Amerikanerinnen der obersten Gesellschaftsklassen keinen Augenblick vergessen, welchen Eindruck sie hervorrufen. Sie sind immer darauf bedacht, zu gefallen, und ruhen nicht eher, bis jeder, der ihnen naht, sich ihrem Charme ganz gefangen gibt. Sie sind stets liebenswürdig, reizend und faszinierend, aber gesunden Menschen anderer Weltteile mögen diese nervösen, blutarmen Wesen oftmals etwas unnatürlich erscheinen. Sie leben hauptsächlich von Bewunderung, daneben auch noch von Eiswasser und auserlesenen kleinen Gerichten, an denen sie ein bißchen herumknabbern; die Beefsteakseite des Lebens ist ihnen ein Greuel; sie möchten am liebsten alles Physische abschaffen, nennen es roh, höherer Wesen unwürdig, und denken, daß es abgetan und in untere Gesellschaftssphären verbannt sei, weil sie es mißachten. Wegen dieser eigenen Temperamentlosigkeit und weil sie an die beständige Überarbeitung und geschäftliche Präokkupation der rasch alternden amerikanischen Männer gewöhnt sind, können sie in ihrem Lieblingszeitvertreib, dem Flirt, auch soweit gehen. Ein verliebter Europäer, der europäische Folgerungen ziehen wollte, käme schlimm an; er würde zu hören bekommen, daß er kein Gentleman sei und Frauen nicht respektiere.

Inmitten dieses verkünstelten Daseins berührt es seltsam, welche Vergötterung mit Kindern getrieben wird. Es ist das ein ganz charakteristischer Zug der hiesigen Gesellschaft. Vielleicht stammt er noch aus der Zeit her, wo es hier so wenig Einwohner für das riesige Land gab, daß man sich über jeden neuen kleinen amerikanischen Bürger ganz unsinnig freute; vielleicht ist es im Gegenteil ein allermodernstes Gefühl, weil in der neuesten Zeit in der elegantesten, reichsten New Yorker Gesellschaft die Kinderzahl stetig abnimmt undman daher ein jedes wie ein kleines Wunder anstarrt. – Die schönen New Yorkerinnen haben gar so viel zu tun!

Auffallend ist, welches Gewicht dem Urteil amerikanischer Damen auf allen Gebieten zugestanden wird. Literarischer, künstlerischer Ruf wird von ihnen bestimmt; wer vorwärts kommen will, muß so malen, schreiben oder musizieren, daß er den leitenden Damen der Gesellschaft gefällt. In allen schöngeistigen Dingen sind sie ihren gelderwerbenden Männern sehr überlegen, und niemand weiß das besser, als sie selbst, aber ich glaube kaum, daß sie sich dadurch unglücklich fühlen, es erscheint ihnen der weisen Ordnung der Dinge zu entsprechen; und die Pose der feingebildeten, nur das Zarteste empfindenden Frau, die von einem aus gröberem Stoff geformten Mann nicht ganz verstanden wird, ist eine kleidsam geheimnisvolle. Bezaubernde, diaphane Geschöpfe sind es, für jede Tagesstunde mit andern berückenden Gewändern versehen, und die große Nutzlosigkeit ihres Daseins verbergen sie vor sich selbst mit Erfolg hinter einem felsenfesten Glauben an die Wichtigkeit der tausenderlei Dinge, die sie in steter Eile betreiben.

Aber das ist nur ein ganz bestimmter Typus, den wir Fremde vielleicht gerade deshalb amraschesten kennen lernen, weil diese Frauen keine eigentliche Tätigkeit mit unaufschiebbaren Pflichten kennen und mit aller Geschäftigkeit und Hast doch immer nur nach neuen Dingen suchen, um die Zeit zu füllen. Die wahrhaften, berufsmäßigen Arbeiter eines Landes lernt ein Reisender immer am schwersten kennen, denn die haben keine Zeit für ihn – und wieviel arbeitende, schaffende Frauen muß es in dieser 70 Millionen-Nation geben!

New York, März 1900.

Raten Sie mal, lieber Freund, wer mich heute hier besuchte?

Der Provikar Hofer! Aber ein entchinester, auch im äußern ganz römisch-katholisch gewordener Hofer. Zum letztenmal hatte ich ihn vor zwei Jahren in Pei-ta-ho gesehen, wo er seinen Gesandten besuchte. Wie alle katholischen Priester in China trug er damals den Zopf (ziemlich spärlicher Natur) und chinesische Kleider, der Hitze halber aus dünner weißer Waschseide, die er mehrmals des Tags wechselte, so daß er stets von immakulierter Weiße war und ich ihm dort einmal sagte, er gliche im äußern den Lilien auf dem Felde, aber das Sorgen überlasse er nicht nur dem lieben Gott, sondern halte es darin wohl mehr mit Martha als mit Maria. Heute nun sah ich ihn in gewöhnlicher schwarzer Priestertracht wieder und erkannte ihn anfänglich gar nicht in dieser Rückbildung. Er war aber sonst ganz der Alte, derb, heiter und voll gesunden Menschenverstandes. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie ich mich freute, jemand zu sehen, der direkt von Peking kam! Beinah ebenso froh war ich wie Ta, der dem Provikar einen kotau-artigen Knix machte und ganz strahlend schien, endlich mal wieder chinesisch sprechen zu können.

Natürlich fragte ich Hofer gleich nach Ihnen. Er sagte mir aber, nachdem was er in Peking gehört habe, glaube er, daß Sie erst im Juni dort eintreffen würden. Da wird es also noch lange dauern, bis ich von Ihnen höre, und während all der Zeit werden auf der Post in Schanghai meine Briefe liegen, die ich immer in der Illusion schreibe, als schwatzte ich mit Ihnen, und als könnten meine Gedanken Sie unmittelbar erreichen. Von den Pekinger Bekannten erzählte mir der Provikar, und obschon er nur alle paar Jahre aus seiner Provinz mal hinkommt, kennt er doch sämtliche dortigen, kleinen und großen Intrigen, als hielte er die Fädenin der Hand. Er ist mir immer ein Beispiel von der merkwürdigen Wohlunterrichtetheit des höheren katholischen Klerus, der alle Diplomaten, diese Regierungsnachrichtensammler, als wahre Stümper weit hinter sich läßt.

Nachdem mir der Provikar die neuesten Begebenheiten von der Société de Pékin mitgeteilt hatte, fragte ich ihn, was seine jetzige Reise bedeute. Er antwortete, daß er auf dem Weg nach Europa sei, um dort darauf aufmerksam zu machen, daß sich in China schlimme Ereignisse vorbereiteten. Er erzählte mir, in seiner Provinz herrschten seit Monaten große Unruhen, die von geheimen Gesellschaften ausgingen und die einen sehr fremdenfeindlichen Charakter trügen. »Daran sind wir ja gewöhnt,« sagte er, »was mich aber ernstlich besorgt macht, das ist, daß diese Unruhestifter offen von den provinziellen Mandarinen in Schutz genommen werden und diese wiederum sich auf die höchsten Autoritäten in Peking berufen. Es sind Missionare und einheimische Christen überfallen worden, ohne daß eine Bestrafung der Täter zu erreichen gewesen wäre; und die in letzter Zeit neu ernannten hohen Beamten sind ob ihres Christenhasses und Einvernehmens mit den geheimen Gesellschaften bekannt. In Peking herrscht eben nicht mehr die Furcht des Herrn, die beim Orientalen ganz besonders aller Weisheit Anfang ist. Wir Missionare im Innern fühlen die Folgen solch veränderter Haltung ja immer am ersten. Wir hören auch manches, was für andere Ohren zu leise gesprochen wird, und durch China geht jetzt das Wort, »man brauche sich nicht zu fürchten, die Stunde der fremden Teufel habe geschlagen«. Favier glaubt wie ich an eine große, nahende Gefahr, denn auch er ist von seinen einheimischen Christen gewarnt worden. Die Führer der Großmessermänner sprechen es ja offen aus: »zuerst die chinesischen Christen, dann die Fremden«. Ich habe dies Wort an die rechte Stelle hinterbracht, da ist mir aber angedeutet worden, wir Missionare seien durch allzu viel Schutz verwöhnt und anmaßend geworden, in früheren Jahren hätten wir Verfolgungsgefahren als die notwendige Begleitung alles Missionierens angesehen und hätten nicht nach Kriegsschiffen und Soldaten zu unserm Schutz gerufen. Ich habe denen in Peking die letzte Warnung gegeben: »Die Gefahr betrifft diesmal die Missionare nicht mehr als die anderen Fremden – vielleicht geht es Euch hier in Peking schlimmer als uns in unsern Provinzen.«

Ich konnte es gar nicht glauben, was mir der Provikar da erzählte. Ich erinnerte ihn an die vollkommene Sorglosigkeit und Sicherheit, mit der alle Fremden, nicht nur in Peking selbst, sondern Sommers in den einsamen, entlegenen Tempeln der Umgegend lebten.

»Wie hat sich denn das alles so schnell derartig verändern können?« fragte ich ihn.

»Da kam vieles zusammen,« antwortete er mir. »Seit ein paar Jahren herrscht in mehreren Provinzen Hungersnot, und es ist dadurch ein Grad des Elends entstanden, den man in Europa überhaupt nicht kennt. Viele Arbeiter fürchten auch für ihren kleinen Broterwerb, wegen der Erbauung von Eisenbahnen und der Befahrung der Flüsse mit Dampfschiffen, wovon sie dunkel als von etwas Ungeheuerlichem reden hören. Nachrichten über auswärtige Begebenheiten verbreiten sich in China zwar langsam, noch 1897 erinnere ich mich, Priester und Mandarine in der Gegend von Jehol gesprochen zu haben, die nichts von einem japanischen Kriege ahnten, aber allmählich ist doch die Kunde von den letzten europäischen Annexionen in weitere Kreise gedrungen und hat Beschämung und Erbitterung hervorgerufen. Die wachsende Unzufriedenheit richtete sich anfänglich gegen die Dynastie und Regierung, die all diese Übergriffe zugelassen hatten. Nun ist es aber der Kaiserin gelungen, diesen Zorn von sich abzulenken, indem sie seit dem September 1898 alle fremdenfreundlichen Elemente verfolgt und diese anklagt, an allen Einbußen, die China in denletzten Jahren erlitten, schuld zu sein. Sie umgibt sich mehr und mehr mit den reaktionären Elementen und gibt ihnen zu verstehen, daß sie auf ihre Hilfe gerade gegen die Fremden zählt. Die Kaiserin ist ja eine weit überschätzte Persönlichkeit, die von den realen Machtverhältnissen der Welt keine Ahnung hat – aber sie ist, wie viele sogenannte große Leute, eine Meisterin in der Wahrnehmung ihrer eigenen, augenblicklichen Interessen und fühlt immer rechtzeitig, welche Partei in ihrem Lande gerade die stärkste ist, um sich auf diese zu stützen. Jahrelang stand sie an der Spitze der chinesischen Fortschrittspartei, was allerdings immer eine sehr milde Dosis Fortschritt bedeutet, zur Zeit der chinesischen Niederlagen durch die Japaner hat sie ihren Rückhalt an den fremden Mächten gesucht, und als sie die wachsende Erbitterung im Lande gerade gegen die Fremden wahrgenommen, ist sie zu den Reaktionären übergeschwenkt. Heute wissen alle fremdenfeindlichen Mandarine und Geheimbündler, daß die Kaiserin nur auf ihre Erfolge wartet, um sich offen zu ihnen zu bekennen.«

»Aber es ist doch nicht denkbar, daß man dem ruhig zusehen und nur abwarten wird, was weiter geschieht?«

»Hoffentlich gelingt es mir in Europa von der nahenden Gefahr zu überzeugen – in Peking wollteman Favier und mir nicht glauben. Eine Krise wäre allen unbequem, drum will sie niemand kommen sehen. Es gilt jetzt eben die Parole, in China herrsche Ruhe und Ordnung und alles dort angelegte Kapital würde in nächster Zukunft Goldströme einbringen. Wer an diesem bequemen Optimismus rüttelt, ist natürlich unwillkommen und am unwillkommensten den Geldleuten, deren Einfluß der unheilvollste von allen in China gewesen ist. Diesen Herren zu Liebe, die geborgen in Europa sitzen, und die selbst nie chinesischen Mördern und Boxern, chinesischem Klima und Kriege zum Opfer fallen können, wurden den Chinesen Eisenbahn- und Minenkonzessionen abgerungen. Es ging den Finanzleuten nie schnell genug, sie konnten nie genug bekommen. Mehr als jede Regierung waren sie von ihrer Allwissenheit überzeugt und hörten auf keinerlei Vorstellung, die ihnen von Peking aus gemacht wurde.«

»Ja«, sagte ich, »davon wissen die geschäftlichen Vertreter der Finanzbarone in Peking einiges zu erzählen. Aber nicht nur diese konnten ihnen nie genug erwerben, auch die Gesandten klagten darüber, daß sie getrieben würden, Dinge durchzusetzen, die sie selbst für unheilvoll hielten.«

Der Provikar fuhr fort: »Ich habe damals in Peking mit Mandarinen gesprochen, die derartigeVerhandlungen zu führen hatten. Es waren Leute darunter, die den besten Willen hatten, die gerecht waren und sich innerlich zu den nötigen Konzessionen entschlossen hatten. Aber sie sind verzweifelt zu mir gekommen und haben mir geklagt, die immer neuen Forderungen, die an sie gestellt würden, könnten sie unmöglich dem Throne empfehlen. Man kenne keine Rücksicht auf chinesisches Empfinden, es sei auch kein Ende abzusehen, immer wieder kämen neue, weitergehende Verlangen. – Schritt für Schritt mußten sie dann doch nachgeben. Schließlich sagte mir mal der eine: »Das, wozu ich jetzt gezwungen werde, meine Regierung zu überreden, wird die reaktionäre, fremdenfeindliche Partei ans Ruder bringen, und mir wird es noch mal den Kopf kosten.« Und er hat mit beidem recht gehabt. Die gierige Unersättlichkeit der Fremden hat die chinesische Regierung der reaktionären Partei in die Arme getrieben, und jener chinesische Unterhändler ist eines ihrer ersten Opfer, eine Art Sündenbock geworden. Nachdem er alle Ehren seines Landes besessen, sitzt er heute verbannt in Turkestan, falls er überhaupt noch am Leben ist. Er ist eine tragische Figur der modernen chinesischen Geschichte.«

»Aber was ist jetzt noch zu tun möglich?« fragte ich.

»Vor allem in Peking keine Inkonsequenz, keine Schwäche zeigen. Auch könnte man der alten Kaiserin einmal ernstlich drohen, daß man gegen sie für den jungen Kaiser und seine Reformfreunde Partei ergreifen würde. Das ist eine Karte, die noch gar nicht ausgespielt worden ist. Und vor allem, auf alle Möglichkeiten gefasst sein, immer Gesandtschaftswachen in Peking halten und berittene Mannschaften zur Hand haben, die auf die geringste Gefahr hin in Tientsin ausgeschifft werden können, um die Bahn zu schützen.«

»Und nun wollen Sie das alles in Europa vortragen?«

»Ja, ich halte es für meine Pflicht, noch einmal zu warnen, denn wenn man den jetzigen Moment versäumt, und nicht noch Einhalt geboten wird, so muß gerade das eintreten, was man vermeiden möchte, und wir können in China eine Katastrophe erleben, wie sie noch nie dagewesen. Aller Handel, alle dortigen Unternehmungen werden auf Jahre hinaus unterbrochen werden, und wir müssen notwendigerweise in Verwicklungen, Opfer und Ausgaben geraten, die sich gar nicht absehen lassen.«

New York, März 1900.

Heute früh brachte die Post einen Brief aus China für Ta. Ich gab ihn ihm. Nach kurzer Zeit kam er wieder zu mir und sagte mir mit einem Gesicht, hinter dessen orientalischem Gleichmut doch die Bestürzung zu lesen war, er bäte mich, ihn nach Hause zurückreisen zu lassen, seine Mutter verlange durchaus nach ihm. Ich konnte es nicht verstehen, denn wir schicken seiner Mutter jetzt regelmäßig Geld, und sie ist eigentlich besser daran, als wenn Ta in Peking wäre. Er blieb aber dabei, der Brief sei so, daß er nicht länger zögern dürfe, er müsse durchaus nach Hause, wollte er nicht ein ganz schlechter Sohn sein. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Zum Glück kam der Provikar zum Frühstück zu uns. Ihm erzählte ich den Fall und bat ihn um Rat. Ta wurde hereingerufen. Sie verhandelten lange miteinander auf chinesisch, der Provikar las den Brief, dann wandte er sich an mich: »Das ist nun gleich eine Bestätigung dessen, was ich Ihnen vor ein paar Tagen erzählte. Die chinesischen Konvertiten in und um Peking scheinen zu wissen, daß sich schlimme Dinge gegen sie vorbereiten. Tas Mutter, die wie so viele Christen in der Nähe des Petang lebt, fürchtet sichoffenbar sehr. Sie hat Drohungen gehört gegen die Christen, die Fremden und alle, die zu ihnen halten. Sie ist Witwe und wohnt allein mit ihren jüngeren Kindern und mit Tas Frau. Den Brief hat sie einem Schwager von Ta diktiert und auch dieser sagt, er solle möglichst rasch zurückkommen. Er fügt noch hinzu, daß Ta, da er Tatare und Bannermann sei, eigentlich gar nicht außerhalb eines bestimmten Umkreises von Peking hinaus gedurft hätte. Es sei schon mehrmals nach ihm gefragt worden, sie hätten sich bisher immer herausgeredet, die Frager auch mit kleinen Geschenken beruhigt. Aber jetzt fingen Leute, die ihnen übel wollten, an, von Tas Abwesenheit zu reden; um deren Schweigen zu erkaufen, gehörten Summen, die sie nicht aufzubringen imstande seien. Würden sie aber denunziert, so würden sie eingekerkert, gemartert und um alles gebracht werden. Besonders in jetziger Zeit, wo sich Christen still verhalten und suchen müßten, möglichst unbemerkt zu bleiben.«

»Und halten Sie die ganze Geschichte für wahr?« fragte ich den Provikar.

»O ja,« antwortete er. »Es ist alles daran so echt chinesisch. Nirgends wie in China hat jeder einzelne so viel Feinde, d. h. Leute, die auf ihn drücken, die etwas Schlimmes, das sie über ihnwissen, ausnutzen, um ihn zu schröpfen. Es ist das Land der Denunziationen, der Erpressungen. Ein jeder hat da Angst vor einem Anderen Mächtigeren. Das geht durch alle Schichten. Geheime Gesellschaften, große Spionagesysteme ziehen sich wie Netze durch das ganze Land. Jetzt hat eine besondere Agitation gegen Christen begonnen, gegen alle, die mit den Fremden in Zusammenhang stehen. Als Vorspiel vielleicht für größere Begebenheiten. Mich erinnert es alles sehr an die Zeiten vor den Tientsiner Fremdenmetzeleien im Jahre 1870.«

»Was raten Sie mir aber wegen Ta zu tun?«

»Ich fürchte, Sie müssen sich entschließen, ihn nach Hause zu schicken. Er wird aus der Angst um seine Mutter nicht mehr herauskommen und sich nicht mehr beruhigen lassen, denn er hat offenbar das Gefühl, daß es seine Pflicht ist, zu ihr zurückzukehren. Wie sehr der Chinese seine Eltern verehrt, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen – das steht sogar in den oberflächlichsten Reisebüchern. Ich habe durch jahrelange Erfahrung freilich meine Zweifel bekommen, ob die Verehrung an sich wirklich eine so sehr große ist; aber jeder Chinese wird den Schein wahren wollen, als sei er ein vortrefflicher Sohn, und wird dafür sogar große Opfer bringen. Ta geht offenbar sehr ungernvon Ihnen fort, er sagt, wenn er keine Mutter hätte, schnitte er sich den Zopf ab und bliebe immer bei Ihnen, und mehr kann kein Chinese sagen; aber er ist fest entschlossen, zurückzukehren. Sie hängen nun einmal alle so merkwürdig an gewissen Dingen, die ihnen zum Anstand als notwendig erscheinen. Ich habe chinesische Diener gekannt, die ungerechte, harte Herren durch Blattern- oder Typhuserkrankungen aufs treueste gepflegt haben – nicht etwa Gefühls und Mitleids halber, sondern des äußern Anstandes wegen – sie hätten nicht für treulose Diener gelten wollen. Dies selbe Gefühl zeigt sich uns ja täglich, wenn wir in China Gäste haben; da wird in unseren Häusern immer alles musterhaft gehen – darauf halten unsere chinesischen Diener um ihrer selbst willen, wo sie in Stellung sind, soll es nach außen gut aussehen. Tas Wunsch, nach Hause zurückzukehren, ist meiner Ansicht nach viel mehr eine Frage des Scheins als der persönlichen Neigung. Ich wette, dem Gefühl nach bliebe er lieber bei Ihnen – obschon ich es nach dreißigjährigem Aufenthalt in China längst aufgegeben habe, Vermutungen anzustellen über die Gefühle der Chinesen. Sie sind eben die ewig Rätselhaften.«

Wir sprachen dann über Tas Rückreise und kamen überein, daß es zu große Schwierigkeitenverursachen würde, ihn ganz allein über San Francisco nach Hause reisen zu lassen. Ich fühle mich doch auch verantwortlich für dies gelbe Menschenkind, das ich aus seiner Welt herausgerissen habe. Schließlich bot uns der Provikar Hofer an, Ta mit sich zu nehmen nach Europa und von da zurück nach China. In wenigen Tagen reist er. Ta selbst ist offenbar traurig darüber, scheint aber andererseits befriedigt, einen hohen geistlichen Herrn zu begleiten, der ihm als Geschäftsreisender der Kirche doch noch viel mehr imponiert, als mein Bruder, der im Dienst einer simplen irdischen Firma steht! – Aber mir ist seitdem ganz weh ums Herz.

New York, März 1900.

Liebster Freund! Heute ist mir so grau und trübe zu Mute wie draußen der Himmel, an dem immer neue Wolken vorbeijagen hinaus zur See.

Ich habe heute Ta zum Dampfer gebracht, auf dem er mit dem Provikar nach Europa abgereist ist. Heute Morgen kam er wie alle Tage, hatte die Sachen meines Bruders gebürstet und gefaltet,die Stiefel blank geputzt – das Methodische, Regelmäßige seiner Rasse lag in dieser kleinen Handlung, noch bis zur letzten Minute seine Arbeit zu tun. Sein Gesicht aber war ganz verändert, aufgedunsen vom Weinen, daß die geschlitzten Augen beinah ganz verschwanden. Der Gedanke, ihn gehen zu lassen, kam mir plötzlich ganz unmöglich vor, ich fühlte, wie mir selbst die Tränen in die Augen traten, ich sah ja auch, wie schwer es ihm wurde, und so sagte ich ihm: »Willst du nicht bleiben? Es ist ja noch Zeit, Ta.« Da verzog sich sein Gesicht zu jenem seltsamen, orientalischen Lachen, das wir Occidentalen nie ganz verstehen, das bei Gelegenheiten erscheint, wo es uns als vollkommen unangebracht, ja verletzend berührt, das in einer gewissen Schüchternheit wurzelt und dem rührenden Zug entspringt: meine Angelegenheiten sind viel zu gering, als daß sie dich stören dürften. So grinste denn der arme Ta, während er dem Weinen nahe war, und auf meine Frage antwortete er, indem er einen Finger auf den Mund legte, den Kopf schüttelte und ganz leise sagte: »Nicht sprechen, Taitai.«

Ja, er hatte recht, wozu auch sprechen über das, was nicht zu ändern ist.

Tas Abreise gestaltete sich zu einer kleinen Ovation. Die Hausmädchen in den sauberen weißenMützen umdrängten ihn, mehrere brachten ihm kleine Andenken, und alle riefen ihm nach: »Glückliche Reise, Ta! Komme wieder, Ta! Aber bringe keine chinesische Frau mit, Ta!«

Und er grinste über sein armes verweintes Gesicht, wie es nun mal im fernen Osten die gute Erziehung gebietet, wenn man so recht gerührt und traurig ist.

Ich fuhr mit Ta zu seinem Schiff, wo ich ihn dem Provikar Hofer übergeben sollte. Vom Central-Park hinunter zum Hafen, durch die vielen verschiedenen Straßen, die immer ärmlicher, häßlicher und holpriger werden. In einer langen Reihe von Stufen irdischen Besitzes geht es von den Fifth-Avenue-Palästen hinunter zu den Tenement-Häusern, zu den Schlupfwinkeln für rätselhafte Existenzen und provisorisch aussehenden kleinen Läden und Kneipen, die man ganz verwundert ist, noch irgendwo in New York zu sehen. Von höchster Höhe bis zu tiefster Tiefe führt der lange Weg, von jenen, die vor der Langeweile von Vergnügen zu Vergnügen flüchten, bis zu denen, die im Kampf gegen Hunger und Kälte von Arbeit zu Arbeit hasten.

Auf dem Dampfer herrschte die furchtbare Verwirrung, das Rennen, Hasten, sich Suchen, das aufgeregte Sprechen, das nervöse Lachen, das Händedrücken, das Küssen und Weinen der letztenStunde vor der Abfahrt. Unendlich viel verschiedene Typen, die die neue Welt auf jedem solchen Dampfer zurück nach Europa schickt! In die drei großen Kategorien der Vergnügungs-, Geschäfts- und Gesundheitsreisenden lassen sie sich einteilen. Von einer Menge Freunde werden die meisten Reisenden noch begleitet, so daß ein entsetzliches Gedränge auf dem Deck herrscht. Zwischen all dem stehen die Schiffsoffiziere, ebenso abgestumpft gegen komische wie gegen wehmütige Abschiedsszenen, und erteilen mit lauter Stimme Befehle, korrekt, vorschriftsmäßig, echt europäisch. –

Nur mit Mühe fand ich in dem Gewühl der Abreisenden und Abschiednehmenden den Provikar. Ich übergab ihm Ta, und er versprach mir nochmals, gut für ihn zu sorgen und ihn sicher bis nach China zu bringen. Dann tönte auch schon die Glocke, daß die Nichtreisenden das Schiff zu verlassen hätten. Ich reichte beiden noch einmal die Hand und sagte zu Ta »Gott behüte dich!« denn in diesem letzten Augenblick hatte ich das klare Bewußtsein, daß er mit offenen Augen in eine große Gefahr ging, weil er es für recht hielt – in seiner Art auch ein Held, trotz Zopf und Schlitzaugen – und ich gab ihm den Wunsch mit auf den Weg, der so viele Helden schon begleitet hat: »Gott behüte dich!«

Dann kam ich in das Gedränge, und zwischen lauter fremden Menschen, die alle auch ihre Sorgen hatten und eilten und hasteten, ward ich vom Schiff auf die Brücke und dann in den großen dunkeln Schuppen geschoben, an dem der Dampfer noch lag. Ich blieb noch einmal stehen, durch das große, offene Tor, das man eben schließen wollte, sah ich noch einmal das Schiff – es war jetzt los vom Lande, ein Zittern ging durch das Ungeheuer, als ob ein Riese sich seiner Kraft bewußt würde. Ich suchte noch einmal mit den Blicken nach Ta und dem Provikar – da schloß sich das Tor.

Vor mir zur Straße zurück ging eine gebeugte, alte Frau, die bitterlich weinte; ein kleiner Junge führte sie, und ich hörte ihn tröstend sagen: »Never mind, granny dear, they'll come back!« Aber die alte Frau weinte weiter, sie hatte wohl oft Menschen gehen und nicht wiederkehren sehen und wußte wie ich, daß Menschen vielleicht, Zeiten aber nie wiederkehren.

Das Episodenhafte des Lebens lastet heute so besonders schmerzlich auf mir, lieber Freund, das Zerrissene, Heimatlose. Der arme Ta war mir immer noch wie eine Verbindung mit den chinesischen Jahren; sie waren ja in vielem traurig und enttäuschend, manches haben wir dort erlebt, manches aus der Heimat dort vernommen, wasuns in tiefstem Herzen geschmerzt hat – aber ich fühle jetzt doch, daß ich dort angefangen hatte etwas Wurzel zu schlagen – und dann – man trauert ja auch um die grauen Tage, wenn sie erst vorbei sind, weil sie eben nie wiederkehren können und mit ihnen ein Stück von uns selbst verstorben ist.

Seit den Gesprächen mit dem Provikar habe ich die Empfindung, als sei das China, das ich gekannt, auf immer dahin. Bis jetzt dachte ich, ich brauchte nur umzukehren, dann fände ich dort alles wieder, wie ich es verlassen habe – aber dem ist nicht so, man findet nie alles wieder, denn nichts bleibt still stehen, nicht einmal in China. Und nun quält mich die Angst, was werden wird, wenn der Provikar wirklich recht hat mit allem, was er prophezeit.

Wenn er doch in Europa durchdringen und es ihm gelingen möchte, noch rechtzeitig zu warnen! – Und dann sage ich mir wieder, ist es denn je gelungen, Ereignisse abzuwenden, Schicksale zu lenken? Menschen mühen sich ab, ängstigen und grämen sich, möchten helfen und bessern, und in allem, was sie tun, zum Nutzen oder Schaden anderer, was sie sich einbilden, aus freier Wahl zu tun, was ihnen als Versäumnis oder als Verdienst erscheint – in alledem sind sie vielleicht nur blindeWerkzeuge eines blinden Verhängnisses. – Wer kann es wissen?

Draußen auf dem weiten Ozean zieht das Schiff dahin, das Ta und den Provikar trägt, und zahllose andere Schiffe kreuzen die Meere, alle voller Menschen, die auch zweckerfüllt und verantwortungsbelastet sind.

Und vielleicht ist all das umsonst, vielleicht hat doch das Verschen recht, das ich in einer Chronik unter dem Bilde eines alten Segelschiffes fand:

»Wirst du einst alt und weise,So weißt du, daß die ReiseSo zwecklos war wie die Well'n.«

»Wirst du einst alt und weise,So weißt du, daß die ReiseSo zwecklos war wie die Well'n.«

»Wirst du einst alt und weise,So weißt du, daß die ReiseSo zwecklos war wie die Well'n.«

»Wirst du einst alt und weise,

So weißt du, daß die Reise

So zwecklos war wie die Well'n.«

New York, März 1900.

Lieber Freund, es gibt doch komische kleine Züge in den Menschen! Wie ein Kreuzfahrer ist Hofer aus seiner fernen Diözese ausgezogen. In elendem Boot auf dem großen Kanal und in knarrendem Karren auf durchlöcherten Wegen ist er zuerst nach Peking gefahren, um vor kommendem Unheil zu warnen; und als man dort nicht auf ihn hört, zieht er weiter über Amerika nachEuropa, um da seine Stimme zu erheben. Selbstsüchtige Zwecke sprechen dabei nicht mit, auch nicht Angst um eigene Sicherheit – er will von vielen Unschuldigen eine große Gefahr abwenden, verhindern, daß die Stecklinge westlicher Zivilisation, die so mühsam im fernen Osten gepflanzt wurden, in einer großen Katastrophe vernichtet werden, er will die »Pekinger Taubblinden« um jeden Preis retten.

Aber das Triviale wohnt nahe beim Sublimen, und die Beschäftigung mit der Kirche schärft den Sinn fürs Praktische. Kleine Vorteile soll man auch auf dem Wege zu den höchsten Aufgaben mitnehmen. Während seiner New Yorker Rasttage hat Hofer den ihm gänzlich unbekannten Charles W. O'Doyle besucht und ihn auf Grund des chinesischen Ursprungs seiner Millionen für die Missionshäuser angebettelt. O'Doyle hat ihm eine bedeutende Summe gegeben, denn diesem großen Mann ist sein Katholizismus ein Luxusgegenstand, den er sich etwas kosten läßt. Er und mehr noch die Prinzeß von Armenfelde schmücken sich mit dieser Religion, die ihnen wie ein Symbol der Vornehmheit erscheint, und der sie unter ihren Landsleuten viel Bekanntschaften in höheren sozialen Kreisen verdanken, die sie ohnedem schwerlich je gemacht hätten. In den Vereinigten Staaten ist derKatholizismus très-bien porté, wie Madame Baltykoff neulich sagt.

Das Komischste aber ist, daß Hofers Appell an O'Doyles Wohltätigkeit und dessen Spürsinn für das Sensationelle in Geschäften mir eine große Bilderbestellung eingetragen haben!

O'Doyle und seine Tochter waren eben bei mir. Er teilte mir gleich Hofers Besuch mit und ließ durchblicken, daß die Summe, die er ihm für die Mission angewiesen habe, allein schon die Reise wert sei. Dann sagte er, er glaube, Hofer habe recht mit seinen schlimmen Prophezeiungen; sie stimmten überein mit den Voraussagungen seiner Hongkonger Geschäftsfreunde.

»Um China wird sich in diesem Sommer alles drehen,« sagte O'Doyle. »Ich täusche mich selten, wenn ich mal solche Behauptungen aufstelle. Sollten Sie Geld in China haben, rat ich jetzt zu verkaufen, können später billig wieder kaufen – ganzes Geschäftsgeheimnis in den paar Worten: billig kaufen, hoch verkaufen. Zu merkwürdig, daß immer noch Menschen durchaus umgekehrt operieren wollen.«

Nachdem ich ihm versichert, daß ich weder in China noch anderswo Geld habe, fuhr er fort: »Gehen diesen Sommer in unser Cottage nach Newport. Baue dort kleinen Pavillon für Nachmittagstee. Habe chinesischen Pagodenstil gewählt, ausgeschweifte Dächer, bunte Kacheln, viele Drachen, kleine Glöckchen; habe mich dazu entschlossen, weil dies Jahr, wie gesagt, nur von China gesprochen werden wird. Teepagode wird a great success sein! Brauche zur inneren Dekoration chinesische Ansichten; wollen Sie sie malen?«

Ich ging auf diesen Vorschlag gern ein und mußte meine Mappen chinesischer Skizzen bringen, von denen ich so manche gemalt habe, während Sie zuschauten. Vater und Tochter suchten gleich aus. Die Prinzeß war für das Malerische: ein Sonnenuntergang auf dem Yangtse, verwitterte alte Mauern in Hangtschau, ein Gewühl von Booten bei Kanton gefielen ihr, aber der alte O'Doyle verwarf das alles. »Ich will lauter Pekinger Bilder haben,« sagte er, »dort liegt die Hauptgefahr, hat Hofer gesagt, davon wird gesprochen werden.«

Es sind wohl noch nie Bilder nach merkwürdigerem Grundsatz bestellt worden!

Schließlich entschied er sich für einen Eckturm der Pekinger Stadtmauer, für eine Ansicht der Kaiserstadt mit den goldgelben Dächern der Paläste und für ein Stadttor, durch das eine Truppe chinesischer Soldaten zieht – das behagte ihm besonders, denn er meinte, sie sähen alle wie Räuber, Aufrührer und Mörder aus und würden daher sehrtypisch sein, wenn es im Sommer wirklich zu Unruhen käme. Er stellte mir in Aussicht, noch mehr zu bestellen – vielleicht will er abwarten, ob die weiteren Nachrichten aus China so lauten, daß die Bilder wirklich ein aktuelles Interesse gewinnen.

Es war komisch, O'Doyles Geschäftsspürsinn auf Bildersujets angewandt zu sehen, aber es beängstigte mich doch sehr, von Revolten und Fremdenverfolgungen so ruhig reden zu hören, als von Umständen, die man im voraus eskomptiert, durch die Aktien steigen oder sinken. Aber die Erinnerung an den Winter 98 hat mich beruhigt. Da sprach man ja auch von den stets näher rückenden Kangsu-Truppen, die ihren rückständigen Sold in Peking bei den Fremden erplündern wollten, und es kam auch wirklich zu vereinzelten Angriffen, als aber nach wenigen Tagen die Gesandtschaftswachen einmarschierten, erscholl nicht mal ein Ruf gegen das Häuflein bewaffneter Fremdlinge, und ihre bloße Gegenwart genügte, um in der wogenden See gelber Menschenmassen um uns herum Ruhe zu halten.

Es wird wohl diesmal wieder so werden!

Berlin, Mai 1900.

Mehr als ein Monat ist verstrichen, ohne daß ich Ihnen geschrieben habe. Ich bin während dem über den Atlantischen Ozean gefahren, stehe auf demselben Festland wie Sie – aber doch welch unabsehbare Ferne zwischen uns – und Sie wissen noch nichts von dem, was sich in dieser Zeit ereignet hat. Warum habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben? Ich könnte sagen, daß es mir an Zeit gefehlt. Das wäre aber nicht wahr. Ein dunkles Gefühl hat mich davon zurückgehalten, das ich mir selbst kaum zu erklären vermag. Eine Scheu. Eine letzte Loyalität, die Schweigen heißt. Ihnen konnte ich auch keine banalen Phrasen schreiben, wie ich deren so viele in diesen letzten Wochen gehört und selbst gebraucht. Denn es gibt Anlässe, wo man sich unwillkürlich ins Banale rettet, weil es eine Hülle ist, eine breite wohl ausgetretene Straße, an deren Richtigkeit von andern nie gezweifelt wird. Man bleibt damit dicht an der gehärteten Oberfläche des eigenen Wesens, enthüllt nichts, was zum innern Ich gehört. Um aber zu den eigentlichen wahren Empfindungen zu gelangen, muß man in die Tiefen des Herzens greifen, unddavor graut uns, wissen wir doch nie, was wir in ihnen finden werden.

Es ist alles so plötzlich gekommen. Das Ende scheint uns ja immer plötzlich. Ich mußte mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich Ihnen schreiben konnte.

Er, von dem wir nie gesprochen, ist gestorben. – Wir erhielten in New York ein Telegramm, daß er, dessen Namen ich trage, schwer erkrankt sei. In der Anstalt, in der er sich seit Jahren befand, war eine Feuersbrunst ausgebrochen. Er war zwar gerettet worden, aber infolge der nervösen Erschütterung trat eine schwere akute Gehirnerkrankung ein. Mein Bruder erbat sich telegraphisch Urlaub von seinem Geschäftshause, und wir reisten mit dem nächsten Schiff von New York ab. Als wir eintrafen war alles vorüber. Wir fanden nur ein frisches Grab. Ich ängstigte mich so sehr vor diesem Augenblick, wußte nicht, was er mir innerlich an Unerwartetem bringen würde, denn für das alltägliche Leben und seine kleinen Vorkommnisse glauben wir uns zu kennen, aber bei plötzlichen Gelegenheiten sind wir uns selbst immer wieder Überraschungen. – Als wir zum Grabe gingen, hielt ich mich zuerst fest am Arm meines Bruders, wie um Schutz zu suchen vor Unbekanntem, und dann allmählich ließ die Spannung der Nerven nach– nichts Unbekanntes, nichts Neues erschien – nichts war verändert. Ich ward mir plötzlich bewußt, daß ich ganz ruhig war.

Was habe ich eigentlich empfunden?

Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich, daß sein Tod niemandem so erscheinen konnte. Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen, die nicht wie er die Grenze überschritten haben, die wir Vernunft nennen, das Leben der Jammer, nicht der Tod. Wir schätzen es nur so falsch, weil wir durch Generationen hindurch dazu erzogen sind. Wie sollten auch Leute regiert, wie sollten Leute zu Gott geführt werden, qui feraient franchement fi de la vie? Gott? Auch dieses eine spezielle Leben soll er gegeben haben, und es war ihm vermutlich doch auch so viel wert wie die Spatzen, die er nicht vom Dache fallen läßt. Und doch ist dies Leben verkommen, der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet. Einer Kette mit bleierner Kugel gleich, hat sich die eine Existenz hemmend und lähmend an eine andere gehängt. Diesem anderen Wesen war die Fähigkeit verliehen, den vollen Schmerz, die ganze Entwürdigung dieser Last bis in seine innersten Fasern zu fühlen; Hoffen, Streben, Sehnen waren ihm gegeben, und nichts hat sich erfüllt von all den Möglichkeiten, die ihm vorschwebten. Nachdem dann das eine Leben wie eine stumpfe, trägeMasse jahrelang hingebrütet und das andere sich mit dem entsetzlichen Bewußtsein eigener Vergeudetheit und Zwecklosigkeit Jahre um Jahre müde hingeschleppt hatte, da hat eine rohe Katastrophe das plumpe Ende gebracht. Nichts ist aufgeklärt, nichts versöhnt. Man steht vor den unvernünftigen Tatsachen. Wozu das Ganze? Vorsehung? Nein, der Begriff erklärt mir nichts. In der Vorstellung einer weltenschaffenden, weltenlenkenden Gewalt, die trotz ihrer Allmacht aus ein paar einfachen Menschengeschicken ein so hoffnungsloses Wirrsal werden lässt, in der Vorstellung liegt eine solche Grausamkeit und Willkür, daß man sie immer anrufen möchte: »So verantworte dich doch, verantworte dich!« – Während all der letzten Jahre habe ich immer gesucht, diese Gedanken niederzuhalten, habe gekämpft, die Bitterkeit zu überwinden – und wie schwer war es doch oft! Besonders wenn es Frühling wurde, Frühling für andere und sie es so selbstverständlich fanden, glücklich zu sein – und man selbst war so allein, wie eine Art Zufallserscheinung, für die sich kein Platz findet im weiten Weltenplane. Wir finden uns ja leicht ab mit der großen Verschwendung, die in jeder Sekunde die Natur mit Millionen treibt, die alle des Daseins Möglichkeiten in sich trugen und doch ungelebt zurückschwinden müssenin das Unbekannte, aus dem sie hoffend aufgestiegen. Denn nichts lernt unsere Weisheit leichter einsehen, als die Unabänderlichkeit der Leiden anderer. – Aber, wenn es uns selbst trifft, wenn die Unabänderlichkeit gerade uns faßt, alles das in uns knickt, was werden möchte, wenn jeder Tag mit neuem Hoffen und Warten beginnt und doch nie anderes bringt, als dieselbe Enttäuschung, denselben müden Abend – dann erst erkennen wir die Ungeheuerlichkeit des Weltenleids, weil es unser Leid ist. Ach, das gläubige Hoffen junger Jahre, das allmählich zu zweifelndem Warten wird! Wenn uns zuerst im Leben Unglück und Unrecht betreffen, denken wir, daß sie nur ein vorübergehender Irrtum sind – etwas wie ein Rechenfehler – der gleich korrigiert und richtig gestellt werden wird. Alles in uns selbst erscheint uns so wichtig, so sehr der Entfaltung wert, daß wir den Gedanken unerträglich finden, irgend etwas unserer kostbaren Gaben könne unentwickelt, ungenutzt verkümmern und zugrunde gehen. – Samenstäubchen? – ja, für die ist es unabänderliches Weltengesetz. Aber wir?

Doch es mehren sich täglich die Erfahrungen, sie wachsen zu langer Kette, und blicken wir zurück, so sehen wir, wie Vieles schon in uns gestorben, noch ehe es leben durfte, verkümmerte Talente, schaffensfreudiges Wollen, Sehnsucht zulieben, Anlagen und Interessen – alles umsonst in uns gelegt, es sollte sich ja nie entfalten dürfen – war schon im voraus verdammt. Denn viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt. Mählich wächst dann die Erkenntnis, gegen die wir uns zuerst noch sträubten, von der wir im Innersten längst wissen, daß sie recht hat – auch wir gehören zu den Verschwendeten, zu den Millionen, deren Erscheinen ganz zwecklos war. Überproduktion. Schaum, der über den Rand des Bechers fließt.

Wer das vom eigenen Leben erkannt hat, den fröstelt es in Mark und Blut. Wozu überhaupt noch weiter? An Stelle all des Gewollten tritt ein einzig großes Sehnen, wie die welken Blätter müde niederzusinken und unter weißschimmernder Winterdecke aufzugehen im feuchtbraunen Boden, Nahrung werden für die ewig verschwendende Erde – dazu vielleicht taugen auch wir.

Wie oft habe ich all das während der letzten Jahre gedacht und darum gekämpft, ruhig und still zu werden. Denn Bitterkeit und Empörung zu Wehmut und Mitleid wandeln – das ist des Lebens Aufgabe, die wir lösen müssen, wollen wir nicht in Verzweiflung enden.

Nun stand ich an einem Grab. Auch ein armer, verschwendeter Mensch, der da unten ruht.Hat mir nichts Übles gewollt – liebte mich sogar einstmals auf seine Art – es kursiert ja so viel Verschiedenes unter diesem Namen. Hat mir nichts Übles gewollt – hat nur mein ganzes Leben vernichtet – hat dazu gerade lange genug leben müssen – in allem anderen auch nur ein armes, zweckloses Dasein. Niemand kann darauf Antwort geben: warum mußte er sein und selbst so viel leiden und so viel Leiden verursachen? Sicher hat auch er einst die große Empörung und Bitterkeit empfunden, als er zuerst des Unheils Nahen fühlte, nicht mehr denken konnte wie er wollte, seltsame Handlungen beging, deren Motive ihm nachher verschwunden waren. Sicherlich hat auch er sich aufgelehnt und gekämpft gegen das Unverständliche, Stärkere; hat sich doch schließlich auch in sein Schicksal fügen müssen, denn das Schicksal ist immer stärker als unser kleiner Verstand und Wille – auch wenn Schicksal Wahnsinn heißt.

»Die entsetzlichen Tobsuchtanfälle,« erzählte uns sein Wärter, »hatten vor der Feuersbrunst, während seiner letzten Lebenszeiten, mehr und mehr abgenommen; es war, als sinke er allmählich in völlige Stumpfheit; wir erleben das an vielen Kranken; es ist dann schließlich ganz leicht, mit ihnen fertig zu werden.«

Und ich dachte, ja, zuerst Auflehnung, dannstumpf und mürbe werden, das ist so Menschenlos. Der eine findet es hier in einer engen Irrenzelle, der andere draußen in der weiten Narrenwelt.

»Gottlob, nun hat er ausgelitten, nun ruht der arme Herr,« sagte der Wärter.

Ich schaute ihn erstaunt an. Der Mann sieht Jahr aus Jahr ein solche Schicksale vor sich und kann noch Gott loben!

Vielleicht aber hatte er recht. Leiden ist das Übel, Tod nur Ende und Erlösung.

Immer stiller ward es in mir. Ich war so völlig ruhig, daß es mich selbst erstaunte. Und konnte doch eigentlich nicht anders sein. Die Verzweiflung meines Lebens, die Anklagen gegen das Schicksal liegen weit zurück in vergangenen Jahren. Als es niemand noch wußte, als ich für eine glückliche Frau galt – das war meine härteste Zeit. Damals lehnte ich mich innerlich auf. Unerträglich war das Gefühl eigener Zwecklosigkeit, unerträglich der Jammer um mein junges Leben, das mir noch so unabsehbar lang vorkam. Jetzt scheint mir das alles überwunden. In mir ist schon lange eine große Stille – ich gleiche einem jener ausgestorbenen Häuser, wie die Resignation sie gern bewohnt. Dies Grab ändert nichts mehr. Ohne neue Trauer stand ich daran. Dem Schicksal sei's gedankt, daß von dem Grab keine Anklage sich gegenmich erheben kann, dem Schicksal sei es auch gedankt, daß in mir selbst die Bitterkeit längst schweigt.

Wehmut und Mitleid allein sind geblieben.

Berlin, Mai 1900.

Die Zeit meines Bruders ist kurz bemessen. In einer Woche muß er nach New York zurück. Jetzt ist er auf ein paar Tage zu seinem Chef gereist. Ich warte hier in Berlin auf ihn, und dann werden wir uns zusammen einschiffen, denn natürlich gehe ich wieder mit ihm – wir gehören ja seit soviel Jahren nun schon zusammen und sind uns gegenseitig ein Stück Heimat. Sie, lieber Freund, werden das gewiß verstehen. Hier sagen mir freilich viele Bekannte, ich solle doch nun in Berlin bleiben und mir ein Heim gründen – als ob dazu nur gehörte, eine Wohnung zu mieten und Dienstboten zu engagieren. Manch einer näselt dann auch wohl: »Wäre gerade, was in Berlin fehlt, Haus einer unabhängigen Frau, geistiges Milieu, neutraler Grund, könnte politisch von Bedeutung werden.«

Welch einsames, kleines Heim würde das sein,und wie gleichgültig läßt mich das »geistige Milieu«! Für wen? Für wen? – Mir ist es ganz einerlei, ob mal bei meinem Begräbnis ein paar »politisch bedeutende« Leute sagen: »Wieder ein angenehmes Haus weniger – gab doch famose Diners, die Frau« und dann auf die Uhr schauen und wo anders essen gehen!

Ja, wenn man jung wäre und die Schwungkraft besäße, die der Glaube an die Wichtigkeit der Dinge stets verleiht! Aber ich bin müde – nur immer müde.

Und soziale Ambitionen! – ach, Du lieber Gott!

Wäre mein Bruder nicht bei mir, ich käme mir ganz verloren vor, denn in Berlin fühle ich mich so fremd – fremder beinahe als in Amerika oder China!

Ich hatte mir immer den Glauben bewahrt, daß es, wenn ich mal wieder nach Deutschland käme, gar nicht anders sein könne, als daß mich gleich ein wonniges Heimatsgefühl umfange – und nun ist alles so ganz anders, als ich es mir in der Ferne dachte! Es ist ja immer alles im Leben anders, als man es sich dachte – aber nie schöner!

Seit ich in Deutschland bin, warte ich beständig auf das Erwachen meines Heimatsgefühls– aber es bleibt immer noch aus. Ich hatte viel Hoffnungen auf den Anblick des Brandenburger Tores gesetzt. Aber vergeblich. Daß die Allee mit den Kurfürsten und sonstigen großen Männern es nicht weckte, ist nicht zu verwundern, denn die war mir gänzlich neu. Hat mir nur bewiesen, daß mich als Kind ein richtiger Instinkt leitete, wenn ich mich gegen Geschichtsunterricht wehrte – die Ansichten und Urteile sind ja offenbar noch immer gar nicht feststehend.

Hier im Hotel Buckingham, Unter den Linden, wo wir wohnen, weil es Amerikaner meinem Bruder empfohlen haben, werde ich sicher auch nicht zum Bewußtsein einer Heimat gelangen.

Mit meinem fortwährenden Suchen nach Heimatsgefühl komme ich mir halb rührend, halb komisch vor, etwa so, wie der im heiligen Lande nach seinem verlorenen Glauben suchende Pierre Loti. Aber fürchten Sie nichts, lieber Freund, ich will Ihnen nicht wie er ein ganzes Buch darüber schreiben! Ich bin nämlich viel schneller als Loti zu einer Erklärung der Vergeblichkeit unseres Suchens gekommen. Ich fürchte, er wie ich sind zu lange fortgeblieben, er von den Stätten des Glaubens, ich von denen der Jugend – für Glauben und für Heimat gibt es vielleicht auch ein »zu spät«. Ist man Ihnen erst einmal völlig fremd geworden, so versteht man sie nicht mehr und sie lassen sich nicht wieder finden.

Aber die Sehnsucht nach der einstmaligen Heimat ist doch so stark in mir, daß ich die Erinnerungen daran wenigstens auffrischen will, um sie mit mir zu nehmen, wenn ich wieder hinaus segle. Hier in Berlin ist alles so neu, fremd und groß geworden, daß ich mich vergeblich darin nach meiner kleinen Vergangenheit umschaue. Ich will sie suchen draußen auf dem Lande. Morgen früh will ich nach dem Gute fahren, das einst das Elternhaus meiner Mutter war, und in dem ich dann später bei Verwandten als Waise lebte, bis der unerwartete Glücksfall eintrat, daß sich für mich unbemitteltes Mädchen ein wohlhabender Mann fand!

Als arme Verwandte habe ich dort manch bittere Stunde erlebt und habe den Bruder beneidet, den ich damals selten sah, von dem ich aber wußte, daß er sich zu einem nützlichen, ihn unabhängig machenden Beruf ausbildete. Wie gern hätte auch ich das getan! Aber meine Verwandten hielten es für ihre Pflicht, mich wie die eigenen Töchter zu erziehen, d. h. mich moderne Sprachen, Handarbeiten und etwas Zeichnen und Malen lernen zu lassen und mir die Sorge der Herrichtung der Fremdenzimmer zu übertragen, wennBesuche kamen. Es war möglichst unpraktisch, aber ganz standesgemäß. Ich beneidete die Gutsmamsell, die sich ehrlich ihr Brot verdiente, und ich suchte von ihr zu lernen. Die Verwandten lachten mich aus und sagten, ich würde sicher noch mal eine gute Partie machen. Na, sie haben ja in ihrer Art recht behalten – aber die Mamsell habe ich später erst recht beneidet!

Trotz aller bittern Stunden ist mir Garzin doch immer in der Erinnerung geblieben als das eine Fleckchen Erde, an das ich ein Recht habe, das Recht, das man durch Liebhaben erwirbt. In meinen Gedanken habe ich es unbewußt immer »zu Hause« genannt, obschon die Verwandten, denen es damals gehörte, längst tot sind und es jetzt, durch allerhand unverständliche Lehnsgesetze, Eigentum eines ganz fremden, alten Herrn geworden ist, der nie hinkommt, und sein bißchen kränkliches Leben von einem Badeort zum andern schleppt.

Dorthin will ich also morgen früh fahren, und bei dem Gedanken dieses Wiedersehens klopft mir das Herz – ich denke mir, so muß einem zu Mute sein, wenn man zu einem Stelldichein geht. Und es ist ja auch ein Stelldichein – mit der Vergangenheit!

Ich trete immer wieder ans Fenster, von demman auf den innern, zu einem Miniaturgärtchen verwandelten Hotelhof blickt, und schaue an den hohen Wänden hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel über mir, und jede graue Wolke, die daran vorüberzieht, beängstigt mich, denn ich möchte mein liebes, altes Garzin nicht im Regen wiedersehen, sondern in seinem hellsten, sonnenbeschienenen Frühlingsgewand. Das stand ihm immer am besten!

Berlin, Mai 1900.

Und ich habe es im Sonnenschein wiedergesehen!

Ganz früh fuhr ich vom Friedrichstraßen-Bahnhof ab. Zuerst durch das häßliche Straßengewirr, an hohen Häusern vorbei, in die man von rückwärts hinein schaut, als wolle man heimlich und hinterrücks all ihre Geheimnisse ergründen. Staub, Ruß, eine unabsehbare Menge von Schienensträngen, auf denen Vorortzüge wie um die Wette fahren. An allen Bahnhöfen ein Gewühl von blassen, ruhelosen Großstadtgesichtern, lauter Menschen, die irgendwohin zu irgend welcher Arbeiteilen müssen. Lauter kleine Räder eines einzigen großen Betriebs. Alles grau, freudlos und schon am frühen Morgen so abgehetzt.

Endlich hinaus aufs flache Land und, einer Überraschung gleich, wahrgenommen, daß es ja eigentlich Frühling ist! Hellgrüne Saatenfelder, Gemüsegärten, kleine Fichtenschonungen. Rehfelde, Strausberg, noch andere, altbekannte Namen. Bald darauf hoher Fichtenhorst, mit Wacholderbüschen als Unterholz; in den Wäldern scheint die Nacht noch in großen bläulichen Nebelfetzen zu hängen; der Rauch der Lokomotive vermischt sich mit ihnen und kriecht zwischen den ersten Reihen hoher rötlicher Stämme bis hinein ins tiefe Waldesdunkel.

Und nun aus dem Wald heraus und rechts der Torfstich, der schon zum Garziner Bezirk gehört. Neben den schwarzen, viereckigen Wasserlachen sind die ausgestochenen Torfstücke in regelmäßigen Pyramiden aufgebaut. Bläulicher Dunst lagert über dem Moor, weiße Birkenstämme schimmern hindurch, hellgrüne, herzförmige Birkenblättchen zittern in der Morgenluft; weiter zurück verschwimmt alles im Frühnebel.

Nun hält der Zug. Ich steige aus. Dies ist die Station, von der aus es in einstündiger Wagenfahrt nach Garzin geht. Ich bleibe unschlüssig auf demPerron stehen. Ein Gepäckträger führt eine Berliner Familie, die auch ausgestiegen ist, und ich höre ihn sagen: »Hier, über die Bahnbrücke, zur Kleinbahn nach Garzin.«

Kleinbahn nach Garzin? also auch hier ganz Neues. Ich folge der Berliner Familie und dem Gepäckträger, der sich mit einem Fahrrad und etlichen Taschen belastet hat, über die hohe Brücke, unter der wir den Zug, der uns gebracht hat, schon nach Osten weiter rollen sehen, und steige in einen spielsachenartigen kleinen Bahnzug.

»Kein Gepäck, Madamken?« fragt mich der Dienstmann. Ich verneine leise und ziehe den dichten schwarzen Schleier fester um mich, denn ich habe den Mann sicher schon früher gesehen, und mir ist auf einmal so bang geworden, als täte ich ein Unrecht, und könne dabei ertappt werden.

Die Berliner Familie besteht aus Vater und Mutter, beide dick und behäbig, Leute, an denen alles selbstverständlich erscheint, die das Leben sicher ganz einfach und ohne viel Kopfzerbrechen nehmen, die die Sozialdemokraten verabscheuen und für Richter stimmen. Dann ist eine erwachsene Tochter da, eine offenbar höhere Tochter, vielleicht hat sie sogar das Lehrerinnen-Examen gemacht, und eine kleine, kränkliche Tochter mit altem, verbittertem Kindergesicht. Außerdem ein Vetter, ein junger Mann, auf dessen blassem, pickeligem Gesicht die keimenden blonden Barthaare sich wie spärliche Halme auf magerem Boden ausnehmen. Er ist im Radelkostüm, wodurch dünne Beine und lange platte Füße besonders aufdringlich hervortreten. Sein graues Flanellhemd ist vorne mit roter seidener Kordel zugeschnürt. Er trägt einen weichen weißen Filzhut mit einem Stutzen und auf die Nase ist ein Zwicker geklemmt. Alle fünf sprechen sie ganz laut über ihre Angelegenheiten, als seien sie allein auf der Welt, und ich entnehme, daß sie wegen Rikes Gesundheit auf ein paar Tage nach Garzin fahren, und daß ihnen das Hohenzollern-Hotel am Stadtsee von Freunden, die den letzten Sommer dort verbrachten, sehr gerühmt worden ist.

Mein altes Garzin Luftkurort! Und ein Hohenzollern-Hotel!

In zwanzig Minuten fährt die Kleinbahn durch Kiefernwald, tiefen Sand und einen niedrigen feuchten Wiesengrund, der früher einmal ein See gewesen sein muß, bis zum Eingang des Städtchens Garzin. Dort steigen wir aus. Die Berliner Familie, geführt vom Gepäckträger, schreitet eifrig auf der Hauptstraße dem Stadtsee zu.

Ich folge langsam. Das Straßenpflaster ist ganzso holprig geblieben wie es von jeher war. Große und kleine Feldsteine, rundliche, eckige, spitzige nebeneinander in den Boden gedrückt. Die kleinen einstöckigen Häuschen erkenne ich wieder, an den Haustüren hochstämmige Rosen, deren Zweige sich jetzt mit jungen braunen Blättchen bedeckt haben. Eines der ersten Häuser trägt noch immer das Aushängeschild, auf das ein Sarg gemalt ist, und daneben steht noch die kleine Gastwirtschaft, über deren Tor zu lesen ist: »Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen.« Aber neben dem Altbekannten wieviel Fremdes! Eine ganze Reihe neuer Häuser, echte Vorortsvillen, anspruchsvoll und geschmacklos. Und wahrhaftig, ein richtiges Hotel, durch Gitter von der Straße getrennt, inmitten eines Gartens voll junger kümmerlicher Pflanzen. Dahinter erblicke ich den blauen Stadtsee. Ich erinnere mich seiner als einer stillen Fläche, schilfumwachsen, eine Heimat wilder Enten und Taucher. Jetzt fahren ein paar bunte Gondeln darauf, und am jenseitigen Ufer steht ein großes kastenartiges Gebäude, auf dem in goldenen Lettern die Aufschrift funkelt »Sanatorium«.

Erschrocken bin ich weiter geeilt und zum Marktplatz gekommen. Da ist alles noch ziemlich unverändert. Das Geschäft der Witwe Wronkow,deren bunte Kattune, Knöpfe, Parfümfläschchen uns als Kinder manchen Groschen entlockt haben; der Eckladen von Rückheim, wo die Honoratioren des Städtchens sich abends zu einem Glase Bier zusammenfanden; das Pastorhaus mit seinen zwei alten Linden zu beiden Seiten der Türe. Damals spielten immer Pastorkinder von allen Altersstufen unter diesen Linden, und hierin wenigstens ist es heute ganz wie einst: eine ganze Reihe kleiner Pastorkinder buddeln im Sande unter den Linden, und vom Fenster aus beaufsichtigt sie die heutige Frau Pastorin und hält das Allerjüngste im Arm.

Auf dem Marktplatz steht das kleine Siegesmonument vom Kriege 70, ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen, auf einem Steinsockel sitzend. Dahinter führen Stufen zur Kirche hinauf.

Ich habe da plötzlich eine große Sehnsucht empfunden, in diese Kirche einzutreten, wo ich oft so viel schöne Vorsätze gefaßt und zum lieben Gott gebetet habe, er möge mir große heroische Aufgaben stellen, was dann doch nicht hinderte, daß ich gleich nachher über die kleinen täglichen Pflichten stolperte. Ich wollte so gerne den Altar wiedersehen, mit seinen gewundenen Säulen und den dicken, geschnitzten, zopfigen Engeln, dieErntekränze und die schwarzen Gedächtnistafeln, auf denen die Namen der Gefallenen von 64, 66 und 70 stehen.

Aber die Kirche war geschlossen, wie das von einer protestantischen Kirche recht und vorschriftsmäßig ist, denn der Protestantismus erzieht ruhige, pünktliche Menschen; plötzliche Sehnsuchten und Gefühlsaufwallungen liebt er nicht. Zum lieben Gott soll man wie zum Rechtsanwalt und Doktor gehen, in der ordnungsmäßigen Sprechstunde, die im Kreisblättchen angezeigt wird.

Die Garziner Kirche hat einen neuen Turm bekommen, und die alten Birken scheinen mir noch gewachsen zu sein; ihre dünnen, fadenartigen Zweige klopfen ganz leise im Winde gegen die hohen Kirchenfenster, die in der Sonne glänzen. Der kleine Gottesacker, in dessen Mitte die Kirche steht, und der längst nicht mehr benutzt wird, sieht genau wie früher aus, eine Wildnis von altem Efeu und Gräsern, die die grauen, verwitterten Grabsteine überwuchern. Ich suchte nach einer alten Gedenktafel, über die ich schon als junges Mädchen oft nachgesonnen habe, und richtig, sie ist noch da, mit ihrem seltsamen, eingemeißelten Spruch, den Schnee und Regen und flechtenartiges silbriges Moos noch mehr verwischt haben:


Back to IndexNext