30.

»Hier ruht der Wüsterdorf Johann.Er war ein müder Wandersmann,Gekettet schwer in Sündenbann,Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann,Denn niemals er den Wunsch ersann,Des Lebens Fahrt zu treten an.«

»Hier ruht der Wüsterdorf Johann.Er war ein müder Wandersmann,Gekettet schwer in Sündenbann,Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann,Denn niemals er den Wunsch ersann,Des Lebens Fahrt zu treten an.«

»Hier ruht der Wüsterdorf Johann.Er war ein müder Wandersmann,Gekettet schwer in Sündenbann,Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann,Denn niemals er den Wunsch ersann,Des Lebens Fahrt zu treten an.«

»Hier ruht der Wüsterdorf Johann.

Er war ein müder Wandersmann,

Gekettet schwer in Sündenbann,

Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann,

Denn niemals er den Wunsch ersann,

Des Lebens Fahrt zu treten an.«

Damals kamen mir diese Worte so geheimnisvoll vor, daß ich lange Romane über die Missetaten des Wüsterdorf Johann ersann; jetzt dünkt mich, sie passen als Grabschrift für jeden unter uns.

Ich habe lange da oben zwischen den alten Gräbern gestanden. Schaute den Vögeln zu, wie sie so eifrig Halme und Moos in den Schnäbeln anschleppen, da sie durch Generationen lange Erfahrung gelernt haben, daß sich im Schutz der Kirche gut Nester bauen läßt.

Dann ging ich dem Garziner Schloß zu.

Da lag es nun vor mir.

Ganz unverändert, wie damals vor all den Jahren. Nur noch etwas verlassener; ungehegt und ungepflegt aussehend. Ich blieb stehen. Tränen traten mir in die Augen. Aus meiner tiefen Einsamkeit heraus möchte ich dem alten Haus, wie einem Menschen, sagen: »Hab mich lieb! Hab mich lieb!« Und ich meine, es müsse mir antworten: »Endlich, endlich, bist du heimgekehrt.«

Der große grüne Rasenplatz mit den vier runden Fliederbüschen, die voll lila Blütendoldensitzen – die alte Sonnenuhr – die Rampe, die zum Schlosse führt – und das Schloß selbst, ein großes zweistöckiges Haus, dessen ganz einfach glatte Fassade zu Schinkels Zeiten mit griechischen Ornamenten verziert worden ist, die in der märkischen Umgebung noch immer etwas über sich selbst Erstauntes haben – alles ganz wie damals! Zu beiden Seiten des Hauses stehen noch die alten Linden, deren Zweige aufdemBoden schleifen, und die eine Wand ist noch mit dem uralten Efeu bedeckt, in dem zahllose Spatzen zwitschern.

Ja, das war einst Heimat!

Ich stehe und schaue. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen zu einem einzigen, unendlichen Wehmutsgefühl, das die ganze Welt zu erfüllen scheint.

»Wollen Sie nicht auch das Schloß besehen?« fragt mich da plötzlich der junge MannimRadelkostüm, und ich gewahre die ganze Berliner Familie, die von einem jungen Bauernmädchen geführt wird, das Schlüssel trägt.

»Wird es denn gezeigt?« frage ich.

»Na und ob,« antwortete der Sportjüngling. »Für'n Trinkjeld an das Inspektormädchen können wir uns auch mal so'n Heim von die notleidenden Ajrarier besehen.«

Ich bin so erstaunt, Garzin als eine Sehenswürdigkeit für Touristen wiederzufinden, daß ich folge, ohne nachzudenken. Aber wie ich nun in den alten Räumen stehe, inmitten der fremden Menschen und selbst ganz so fremd bin wie sie, da fühle ich, daß ich nicht hätte kommen sollen. Als würden liebe Tote unsanft berührt, so ist mir bei den schnoddrigen Bemerkungen der Berliner. Ich möchte um keinen Preis erkannt werden und begreife doch gar nicht, wie es denn möglich ist, daß ich so unbeachtet dastehe, daß nicht sogar die leblosen Dinge mir zunicken und zuflüstern: »Sei gegrüßt, sei uns gegrüßt!«

Aus der leeren, weiten Halle treten wir in das Wohnzimmer. Wie unbewohnt, kalt und kahl nach dem Sonnenschein draußen. Ein paar der alten, recht schäbig gewordenen Möbel stehen da und sehen aus, als schämten sie sich, wie arme Kranke, deren Gebrechen von neugierigen Medizinstudenten betrachtet werden. Den abgenutzten, gestreiften Teppich erkenne ich, sogar ein gestopftes Loch, dessen ich mich entsinne, finde ich wieder.

»Du Karl,« sagt die dicke Berlinerin zu ihrem Mann und befühlt einen Sesselbezug, »da is et ja nobler bei uns in die Köpenicker Straße.«

Und der dicke Karl antwortet: »Ja, wahrhaftig, in diese feudale Jejend könnte man noch Mitleid mit die Ostelbier bekommen.«

Nur der große gelbe Saal imponiert der Berlinerin. Sie deutet auf die vielen weißen Gipsköpfe aus der Schinkelschen Epoche: »Du Karl, das sind wohl die Ahnen von die Besitzer?«

»Jotte doch, Mama,« antwortet die höhere Tochter zurechtweisend, »das sind doch allens jriechische Jötter und Jöttinnen.«

Wir treten in ein anderes, ganz leeres Zimmer.

»Det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen,« sagt das führende Bauernmädchen.

Ja, man hat es ihr richtig erzählt, det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen. Ich sehe noch die kleinen weißen Bettchen – jetzt ist es ganz ausgeräumt. Auf der verschossenen roten Tapete bezeichnen kräftiger gefärbte Stellen die Plätze, an denen einst Bilder hingen. An der einen Wand hängt noch ein vereinzeltes altes Gemälde. Es stellt einen Heiligen dar; ganz unbekleidet, wie durch langes Fasten abgemagert und verhärmt, sitzt er inmitten einer Felsenlandschaft und hält einen Bogen Papier, auf den er eifrig schreibt.

»Der olle Herr dort oben schreibt wohl an Wertheim um ein Hemd,« sagt der Sportjüngling. Und zwischen Tränen muß ich doch lachen, denn genau dieselbe Bemerkung haben wir damals gemacht, als der Heilige die Zielscheibe unseres jugendlichen Witzes war, nur daß es zu jenenZeiten noch keinen Wertheim gab und wir Hertzog sagten.

Beim Fortgehen bin ich einen Augenblick an der einen Tür stehen geblieben. Ja, wahrhaftig, da waren sie noch, ganz verblaßt, die Striche, die der Onkel machte, wenn er unser Maß nahm und unser jährliches Wachstum an dieser Tür verzeichnete. – Wo sind die kleinen Mädchen hin, die da vor dem Onkel standen und denen er zurief: »Kinder, nicht auf den Zehen stehen! nicht mogeln!« – Sie hatten es so eilig mit dem Wachsen – nun sind sie längst aus der alten Heimat hinausgewachsen.

Vergangenheit, Vergangenheit! –

Ich bin dann noch lange im Park gewesen, wo jetzt Butterbrotpapiere und leere Flaschen von Berliner Touristen unter die Büsche geworfen werden, wo das Unkraut in den Wegen und Beeten wächst, wo das Schilf immer mehr den Schloßteich überwuchert und wo es trotz aller Verwahrlosung doch noch immer so frühlingsschön ist – wie einst im Mai!

Mit dem letzten Zuge bin ich erst zurückgefahren. Ich blieb so lange als möglich, denn ich fühlte, daß ich das alles nie wiedersehen werde. Es war schon spät, als ich auf dem Bahnhof Friedrichstraße ausstieg. Ich ging zu Fuß bis zum Buckingham-Hotel. Viel Häßliches, viel Elend streift man auf solch kurzem Abendweg. Ich drückte das Gesicht in den großen Strauß Garziner Flieders, den ich mir mitgenommen, und es war mir, als hörte ich leise, durch all den rasselnden, rollenden Straßenlärm hindurch, die alten Worte, die unser aller Grabspruch sein könnten:

O Herrgott, richt mit Mild den Mann,Denn niemals er den Wunsch ersann,Des Lebens Fahrt zu treten an!

O Herrgott, richt mit Mild den Mann,Denn niemals er den Wunsch ersann,Des Lebens Fahrt zu treten an!

O Herrgott, richt mit Mild den Mann,Denn niemals er den Wunsch ersann,Des Lebens Fahrt zu treten an!

O Herrgott, richt mit Mild den Mann,

Denn niemals er den Wunsch ersann,

Des Lebens Fahrt zu treten an!

Berlin, Mai 1900.

Bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter, den ich Onkel nenne, bin ich gewesen. Ich glaube, er würde Ihnen gefallen, drum will ich Ihnen von ihm erzählen.

Nach äußerlicher menschlicher Klassifikation gehört er zu den deutschen Professoren, aber ich glaube, innerlich und eigentlich ist er ein Wesen aus einer klassischen Periode, vielleicht ein auferstandener alter Grieche, der in einer Tonne hauste und den Dingen zuschaute, oder der einstmalige Abt eines berühmten Klosters der italienischenRenaissance – aber kein Savonarola, der gegen die Verderbnis der Menschen eiferte und die Welt bessern wollte, sondern ein Mönch von der beschaulichen Sorte, der in Chroniken mit schön gemalten Buchstaben seine Beobachtungen niederlegt, der die Schlechtigkeit der Welt wohl erkennt, aber sich nicht zum eingreifenden Reformator berufen fühlt, sondern denkt, daß, wer das eigene Herz nur rein hält, auch schon sein Teil getan hat.

Er wohnt nahe am Tiergarten, in einer Straße, deren eines Ende sich zu einem kleinen Platz erweitert, auf dem zwischen Fliederbüschen eine Kirche steht. Es ist kein sehr alter Teil Berlins, aber doch auch keiner von den ganz neuen, und es ist dort wohltuend geräuschlos. Zu den ernsten, etwas gleichmäßigen Häusern denkt man sich unwillkürlich als Bewohner still arbeitende Leute, die ein Menschenalter hindurch in denselben Zimmern gelesen und geschrieben haben und nichts von hastigen Umzügen wissen. – Es ist eine Gelehrtengegend.

So lang ich denken kann, wohnt der Onkel im selben Haus im dritten Stock. Sein Arbeitszimmer ist ein nach rückwärts liegender Saal, von dessen Balkon aus man auf Gärten blickt, in denen es jetzt grünt und Frühling wird. Über seinem Schreibtisch hängt ein Marmorrelief an der Wand. Es stelltdie längst verstorbene Frau des Onkels dar, und das kühne Profil zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit Achim von Arnim oder Byron. Es ist das ein Menschentypus, dem man in unseren Tagen selten mehr begegnet, und der früher häufiger gewesen zu sein scheint. Vielleicht verschwinden Menschentypen mit den Idealen ihrer Epoche. Wer würde wohl heute wie Byron für die Unabhängigkeit der Griechen kämpfen? – Wenn man Gesichtszügen vertrauen darf, so muß die verstorbene Tante ein wahrer Gentleman gewesen sein, der nie aus der Not anderer Kapital geschlagen hätte.

Der Onkel ist in den Jahren, die ich in der Ferne verlebt, ein ganz alter Mann geworden. Sein langes Haar ist weiß geblichen, die ganze, hohe Gestalt ist so abgemagert, als seien die irdischen Bestandteile, deren wir zum Leben bedürfen, von ihm schon abgefallen. Die Worte »ein verklärter Leib« fielen mir ein, als ich ihn wieder sah. Die klaren, schönen Augen sind dieselben geblieben, nur größer sind sie geworden, und es ist, als übersähen sie vieles, was sich unsern Blicken aufdrängt, und als gewahrten sie dafür schon Dinge, die uns noch verborgen sind.

Harmonie und Ruhe strahlten von ihm aus.

Er lebt in seiner besonderen Welt, und ich merkte bald, daß er sich gegen alles, was ihn daraus reißen könnte, ablehnend verhält, als fürchte er sich zu zersplittern und mit einer großen Aufgabe nicht mehr fertig zu werden. Er sprach gleich von seinem Lebenswerk »Florenz in der Renaissancezeit«, an dem er arbeitete, als ich vor Jahren in die Fremde gezogen bin und das jetzt in herrlichen illustrierten Lieferungen erscheint. Er zeigte mir die neuesten Blätter. – Wie klein und zwecklos erscheinen doch die meisten Existenzen, mit ihren hastigen, wechselnden, folgelosen Bestrebungen, neben solch einem Leben, durch das sich ein einziges großes Interesse bestimmend hindurchzieht!

Ich traf beim Onkel noch einen anderen Gast. Ein kleines, buckliges, engbrüstiges Männchen, mit gescheitem, scharf geformtem Kopf, durchdringenden Augen, und bitterem Lächeln um die feinen schmalen Lippen. Ein alter Bekannter von früher ist mir Hanz-Buckau. In einem hohen, altersgrauen Gebäude an der Spree, verwaltet er seit Jahren eine Bibliothek; und in den Mußestunden, die ihm diese Arbeit und häufiges Kranksein lassen, übersetzt er klassische italienische Dichtungen, verfaßt selbst formvollendete Sonette satirischen Inhalts und versammelt abends eine auserwählte Gesellschaft um sich. Hanz-Buckau ist einer der wenigen Menschen in Berlin, die einen Salon gebildet haben. Die Leute, die zu ihm kommen, erscheinen in seinenvier Wänden viel gescheiter, als bei sich zu Hause. Es ist, als locke er den versteckten Geist aus den verschiedensten Menschen heraus. Vielleicht auch leiht er ihnen von dem eigenen. Eine grenzenlose Bewunderung hat Hanz-Buckau für schöne Frauen, und sie müssen wohl fühlen, welchen Altar dieses arme, verwachsene Männchen ihnen in seinem Herzen errichtet, denn ich kenne keine, die ihm nicht gut gewesen wäre. Der arme Hanz-Buckau, der alle Schönheit so intensiv empfindet und darum unter dem eigenen mißgestalteten Äußern so besonders schwer leidet, der führt auch in seiner Art einen beständigen Kampf zwischen Geist und Körper. Er erinnert mich stets an Leopardi, an jenen großen Italiener, der ewig ungestillte Sehnsucht im Herzen trug, der um die Vergangenheit trauerte und nie eine Gegenwart besessen hatte. Hanz-Buckau ist solch eine Leopardi-Natur, mit einem starken Zusatz echt Berliner Schärfe. Für den Onkel hegt er eine rührende Freundschaft und hat seine Eigenart des vornehm Maßvollen richtig erkannt. »Professor Lichte Höh« ist der neckende Spitzname, den er ihm gegeben. Durch seine Abwehr gegen alles Exzessive und sein inneres Gleichgewicht ist der Onkel dem leidenschaftlichen Hanz-Buckau wahrscheinlich wohltuend. Dieser betrachtet alles sehr kritisch, läßt wenig gelten undspottet gern über die Herdennatur der Menschen, über die Leichtigkeit, mit der sie sich Götzen aufnötigen lassen, die sich stets als blecherne erweisen. Auch heute redete er viel davon. Er hat sich noch nicht mit der Welt abgefunden, und es entrüstet ihn die falsche Bewertung, die er überall sieht.

»Gegen physische Faulheit wird genug geeifert und gepredigt«, sagte er, »aber geistige Trägheit wird eher unterstützt. Die eine Hälfte der Menschheit soll überhaupt prinzipiell darin verharren und von der anderen Hälfte so viele als irgend möglich. Durch diese künstliche Beförderung der Unselbständigkeit sind all die vielen falschen Größen möglich.«

Und später sagte er: »Wir sogenanntes Volk der Denker tun eigentlich nichts weniger gern, als nachdenken, besonders nicht über Dinge, die uns doch praktisch angehen. Drum ist man im Ausland auch immer ganz verwundert, wenn sich in Deutschland mal die öffentliche Meinung wirklich äußert. Gewöhnlich schläft sie, im Bewußtsein, daß Minister, Geheimräte, Professoren, die alle etwas vom Gottesgnadentum an sich haben, für sie wachen. Wir verlassen uns darauf, im gegebenen Moment immer die nötigen großen Männer zu haben, als hätten wir sie ein für allemal gepachtet, und wollen nicht sehen, daß wir in dieser Waredoch oft recht übervorteilt werden. Wir sind unverbesserliche Heroenanbeter und nehmen fürlieb. Sind die Zeiten schlecht, so werden die Helden kleiner, ganz wie die Brötchen während der Teuerungen.«

Der Onkel antwortete: »Was Ihnen, lieber Hanz-Buckau, als charakteristisch erscheint für Land und Epoche, in denen Sie zufällig geboren sind, hat in Wirklichkeit immer und überall bestanden, denn alle Zeiten sind stets davon überzeugt gewesen, an großen Männern reich zu sein. Durch das spätere Urteil der Geschichte entsteht aber oftmals gerade dort eine Öde, wo die Zeitgenossen ein Gewühl sahen. In unmittelbarer Nähe sieht alles groß aus, aber wenn die Erscheinungen erst in eine gewisse Entfernung rücken, die Vergleiche und die Anlegung eines allgemeinen Maßstabes gestattet, ergibt sich die wahre, dauernde Bedeutung der Dinge. Die echten Riesen, auf die es allein ankommt, kommen schließlich immer zum Durchbruch, und Werte ganz zu fälschen, ist nur auf kurze Zeiten möglich – drum lasset den Eintagsgötzen die Eintagsanbeter.«

»Ihr Onkel,« wandte sich Hanz-Buckau an mich, »hat zeitliche Begriffe bereits überwunden. Für ihn sind Luther, Friedrich der Große, Goethe und Bismarck gegenwärtige Realitäten, Manifestationenein und desselben großen germanischen Geistes, die zusammen bestehen. Geringeres übersieht er. Der Ärger von uns Kleinen über die zeitweilige falsche Größe anderer ebenso Kleiner ist ihm ganz gleichgültig. Nur auf die Genies kommt es dem Onkel an. – Ich will Ihnen ganz leise ein Geheimnis verraten: der Onkel ist eigentlich, ohne es selbst zu wissen, einer von den ganz schrecklich Modernen!«

Hanz-Buckau hatte das mit der sich selbst verspottenden Zärtlichkeit gesagt, die immer durch seine Stimme klingt, wenn er vom Onkel spricht. Es ist, als solle man nicht wissen, wie lieb er ihn hat.

Es war spät geworden und also sprechend hatten mich die beiden bis auf den Treppenabsatz begleitet vor des Onkels Wohnungstür. Eine schmale Treppe führt von da noch hinauf zum Boden, und von hoch oben fiel ein goldener Nachmittags-Sonnenstrahl gerade auf den Onkel, der die Hand auf das Geländer gestützt hatte, die durchsichtige, feine Hand, die emsig die Feder geführt hat ein Lebenlang. Ich hatte mich schon verabschiedet, aber tausend feinste Erinnerungsfäden zogen mich zu ihm hin und ich kehrte noch einmal zurück und beugte mich über die lieben Greisenhände. Eine Träne fiel auf sie – – der Onkel ist einer der allerletzten aus meiner Kinderzeit.

»Mein gutes Kind,« sagte der Onkel, und in seiner Stimme lag das ganze Mitleid derer, die schon über dem Leben stehen, für diejenigen, die sich noch mitten drin befinden. Vielleicht ahnte der Onkel, wie unsäglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam, denn es klang auch wie eine Ermahnung in den Worten, ruhig zu sein, alles Exzessive zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann, es doch still im Innern zu verbergen. Wie eine klassische Gestalt von olympischer Ruhe erschien mir der Onkel, wie ein alter Maharattah-Häuptling, der mir einst in Indien seinen golddurchwirkten Shawl zeigte und mir sagte: »Der schützt vor Sonne und Kälte, vor Wind und Staub, und sein führnehmster Dienst wird einstmals sein, mich im Sterben zu umhüllen, und so meine letzte Todesnot zu verbergen.« Der Onkel besitzt sicher solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl. Man sieht von ihm nur, was man sehen soll – und das ist alles harmonisch verklärt, »lichte Höh«, wie Hanz-Buckau sagt.

Und ich bezwang die Tränen, die mir schon brennend in den Augen standen, deutete auf die Treppe, die die drei Stockwerke hinab in zunehmende Dunkelheit führte und sagte: »Leb wohl, Onkel, jetzt steig ich wie Rautendelein hinunter in den finsteren Schicksalsbrunnen.«

Hanz-Buckau antwortete: »Ja, in den müssen wir schließlich alle mal hinab, und das Leben ist ein beständiges Abschiednehmen.«

Langsam schritt ich die vielen Stufen hinunter. Noch einmal schaute ich hinauf. Nebeneinander standen die Beiden oben, von der Sonne beschienen – der weißhaarige Mann, der in der Einsamkeit des Alters milde lächelte, und der arme Verwachsene, dem äußerliches Gebrechen, Entsagung heischend, Schicksal geworden ist. Sie beugten sich über das Geländer und winkten mir nach.

Berlin, Mai 1900.

Lieber Freund!

Im Bädeker von Italien und der Schweiz gibt es Hotelnamen, neben denen in Klammern steht »wird viel von Deutschen besucht.« Der erfahrene Reisende vermeidet solche Hotels. Von dem Buckingham, in dem wir hier wohnen, könnte man sagen, »wird von Diplomaten, Fürstlichkeiten und Amerikanern besucht.«

Das Hotel ist hier le dernier cri des Eleganten und gleichzeitig Bequemen; nur ein paar kleine deutsche Unbequemlichkeiten sind bei der Einrichtung noch mit untergelaufen; es fehlt an großen Kleiderschränken, dafür hat man in den Wohnzimmern wacklige Louis XVI. Etageren, auf denen zerbrechliche Nippes stehen. Das soll wahrscheinlich gemütlich aussehen. Aber im ganzen will es alles möglichst amerikanisch sein.

»Sie spielen hier ja Waldorf-Astoria,« sagte ich zum Direktor Specht, als wir ankamen. Der faßte das als höchstes Kompliment auf, murmelte etwas von »Pionier der Kultur in Berlin« und ist seitdem voll herablassender Aufmerksamkeiten gegen mich, beinah als wäre ich ein Botschafter. Denn nichts auf der Welt geht Herrn Direktor Specht über einen Botschafter: aber auch für Diplomaten weniger erhabenen Ranges ist in seinem Herzen ein warmes Plätzchen; sie erscheinen ihm als Träger vieler Möglichkeiten, mit denen man sich rechtzeitig gut stellen muß. Im ersten Speisesaal, dem der Privilegierten, sind mehrere Tische reserviert, an denen immer Diplomaten sitzen. Wenn Herr Direktor Specht diese Herren an ihre Plätze geleitet, hat er etwas so Feierliches und so einen Frieden auf Erden-Ausdruck, als vollzöge er eine heilige Handlung. Neulich stürzte er einem unserer zukunftsreichsten jungen Diplomaten schmunzelnd und händereibend in der Halle entgegen. »Herr Graf, ich gratuliere zu der Ernennung nach X.« »Was, lieber Specht,« antwortet der andere und klopft ihn auf die Schulter, »das wissen Sie schon? ist ja eben erst raus.« Und Specht verschämt und wonneglänzend: »Herr Graf werden verstehen – habe doch auch so meine Attachen – man gehört allmählich ja selbst so'n bißchen zur Diplomatie.«

Aber auch sonst weiß Specht die schicklichen Rücksichten zu nehmen. So hat er neulich, wegen einer kurzen Hoftrauer, die übliche Tafelmusik acht Tage lang ausfallen lassen. Eine reisende Millionärin aus Denver, Mrs. Bluffer, gab während dieser Zeit ein Diner im Buckingham. Ich hörte die Dame den feierlich aussehenden Oberkellner erregt fragen, als schmälere man ihr ein mit guten Dollars erworbenes Recht: »Kellner, warum spielt die Bande nicht?«

»Es ist wegen der Hoftrauer, Madame. In diesem Hotel wohnen so viel Prinzen und hohe Herrschaften, daß wir natürlich deren Gefühle schonen müssen.«

Diese Antwort machte auf Miß Bluffer einen tiefen Eindruck und sie sprach zur Mutter: »Oh, mamma darling, ist das nicht herrlich? es ist doch fast ganz so als ob wir bei Hofe wären!«

Mein Bruder ist gestern von seiner Reise aus der Kohlen- und Eisengegend zurückgekehrt. Als wir abends zusammen zum Essen in das Restaurant heruntergingen, sahen wir, daß es auffallend vollwar. »Was ist denn los?« fragte mein Bruder, und Specht antwortete: »Das sind all die letzten diplomatischen Revirements, die jetzt bei mir durchkommen. Die Herrschaften werden übrigens einen Bekannten finden; Mr. Stone Stonehead aus Peking ist da, hat die Rückreise durch Sibirien gemacht, geht jetzt nach Rio – fürchte – schlechtes Avancement.«

Und Specht zuckte die Achseln über die wechselnden Chancen, die es auf der großen diplomatischen Wippe gibt.

Und richtig, da saß er, der große Stone Stonehead; selbstzufrieden und pomphaft wie immer, gar nicht, als habe er Strapazen durchgemacht, im Gegenteil, eine lebende Reklame für die transsibirische Bahn, so wohlgenährt und dick. Er saß zwischen einem Mediatisierten und einem eben ernannten Botschafter, muß also, wie ich ihn kenne, glücklich gewesen sein.

Mir fiel ein, wie ich ihn zuletzt gesehen habe. Im Seebad in Pei-ta-ho. Er trug dort beim Baden ein weites rosarotes Flanellkostüm: das blähte sich im Wasser auf, so daß er darin wie eine rosige Riesenqualle aussah. Eine Familie mit mehreren schlanken Töchterchen pflegte stets zur gleichen Zeit wie er zu baden, und die schmächtigen, geschmeidigen Mißchen, in schwarzen Badekostümen, umschwammen und umspielten ihn. Wie eineSchar Kaulquäbblein sich drängt, wenn man ihnen ein großes Stück rosa Fleisch zuwirft. Aber keine von ihnen hat den dicken Stone Stonehead erwischt.

Nachdem der Mediatisierte und der Botschafter gegangen waren, setzte er sich, gönnerhaft wie immer, zu uns. Er erzählte von seiner Reise und erwähnte auch, daß er an einem Orte, dessen Name schrecklich weit fort und unbekannt klang, Leute getroffen habe, die von noch viel weiter weg kamen, und Sie dort irgendwo gesehen hatten – in solch einer Gegend, von der Geographen so tun, als kennten sie sie, über die sie allerhand Behauptungen aufzustellen lieben, da, für gewöhnlich, niemand da ist, der widersprechen könnte.

Solch ein paar dürftige Worte Nachricht: Jemand hat jemand getroffen, der Sie gesehen hat – und davon muß man nun wieder lange zehren! – Wie die Ritterfrauen in den Burgen, denen ein vorüberziehender Sänger viele Monate alte Kunde von den fernen Kreuzfahrern brachte!

Natürlich fragten wir Stone Stonehead, was er von den beunruhigenden Nachrichten hielte, die Hofer aus China gebracht, und die in den letzten Tagen mehrmals in Zeitungen aufgetaucht sind. Er antwortete, die Missionare seien verwöhnt durch allzu viel Schutz, wollten sich wichtig machen und den Diplomaten ins Handwerk pfuschen.

»Ich glaube Missionaren nie,« sagte er, »außer wenn sie die Bibel vorlesen. Die übrigen Nachrichten sind sicher von den Russen lanziert, die lauern nur auf einen Vorwand, die Mandschurei zu kapern – bin nicht umsonst jetzt gerade dort überall herumgereist. – Aufregung? Aufstände? – ist ja alles künstlich gemacht – hoffe nur, man behält bei uns den Kopf kühl und läßt sich nicht in ein Abenteuer hineindrängen.«

Hoffentlich hat der große Stone Stonehead recht? Ich wünsche es ja so sehr.

Hier denkt niemand an Gefahr.

Cherbourg, Mai 1900.

An Bord des »Kaiser Wilhelm der Große.«

Dies Briefchen ist der letzte Gruß, den ich von Europa aus an Sie richten kann, denn in wenigen Minuten fahren wir von hier weiter, hinaus auf den Atlantischen Ozean. Dies sind die letzten Zeilen, die den alten Weg durch Europa und das Rote Meer, über Colombo und Singapore zu Ihnen einschlagen werden. Dies kleine Blatt wird durch Länder und Meere reisen, die ich alle kenne, und ich wünschte, es könnte Meeresbläue und Palmenrauschen und einen Hauch von allem Schönen, das ich je in der weiten Welt gesehen, zu Ihnen bringen und Ihnen ganz leise sagen, daß ich es bin, die Ihnen das alles sendet.

Mein nächster Brief wird in New York auf die Post gegeben werden; und über Kanada, den Stillen Ozean und Japan wird er zu Ihnen reisen – von Osten, von Westen, von allen Seiten, die Erde umschließend, ziehen die Gedanken zu Ihnen, lieber Freund!

An Bord des »Kaiser Wilhelm der Große.«

Mai 1900.

Nun sind wir schon weit draußen auf dem Atlantischen Ozean. Während der ersten Stunden, so lang wir uns dem Lande noch nahe befanden, war die See etwas bewegt, aber je weiter wir fahren, desto stiller wird sie. Ganz glatt liegt sie jetzt vor uns – eine blaßblaue Fläche – gerade in ihrer Ruhe so unendlich erscheinend und – so fremd. Denn wir Menschen führen seit Generationen ein so unnatürlich hastendes Leben, daß uns Unrast und Bewegung stets natürlich und begreiflich scheinen – die absolute Stille aber beängstigt uns – wir verstehen sie nicht mehr. Unser Riesenschiff gleitet durch die blauen Fluten, aber wirmerken seine rasende Geschwindigkeit kaum, denn das Meer scheint in seiner völligen Glätte gar keinen Widerstand zu leisten. Blauer Himmel, blaues Wasser zittern und flimmern ineinander über – es ist, als würden wir für alle Ewigkeit so weiter gleiten, so weiter schweben – ein dunkles Pünktchen in all der Bläue! Eine seltsame traumhafte Empfindung – als trügen mich regungslos ausgebreitete Schwingen durch die Weite.

Und in der großen blauen Stille gedenk ich einer alten Sage vom Meer.

In ganz alten Zeiten, über die es keine Bücher gibt, von denen nur noch die Bewohner entfernter Küsten vom Hörensagen allerhand Geschichten kennen, war das Meer immer so still und blau wie heut, ein glatter Spiegel, drin Sonne, Mond und Sterne sich besahen und schön fanden. Niemand hatte damals je einen Sturm auf der See gesehen, man wußte noch nicht, was das sei. – Auf dem Festland lebten schon damals viele Menschen und je mehr ihrer wurden, desto größer wurden auch Schmerz, Jammer und Elend aller Art. In ihrem Kampf und Leiden schauten sie oft sehnsuchtsvoll hinaus auf die ewig gleiche stille See. Und endlich wurde ihr Unglück so groß und ihr Wunsch nach Erlösung so heftig, daß sie riefen: »Wir können es nicht länger dulden, wir wollen hinausfahren überdas glatte, blaue Meer, dort werden wir wieder froh werden.« Da bauten sie ein großes Schiff und nannten es »Meeresfreude«. Damit fuhren sie hinaus auf die klare blaue See. Aber die »Meeresfreude« war eine »Erdenleide«. Mit den Menschen waren Schmerz, Jammer, Elend und Unfriede auf das Schiff gestiegen. Es ward davon so schwer, daß sogar das starke Meer es nicht tragen konnte und als es ein Stück weit hinausgefahren war, versank das Schiff, und die blauen Fluten schlossen sich über all dem Erdenleiden. – Aber tief unten auf dem Meeresgrunde begann es nun zu wühlen und die Menschen, die auf dem Festland geblieben, sahen staunend, daß das ewig gleiche Meer sich veränderte. Es ward unruhig, sein tiefes Blau verwandelte sich in trübes Grau, auf nachtschwarzem Abgrund schoß weißer Gischt dahin, es hob sich in riesigen Wellen, die donnernd gegen das Ufer schlugen, es kämpfte, es zürnte, es raste – es war wie die friedlosen Menschen selbst geworden – und sie verstanden es, denn sie erkannten in ihm all ihre eigenen Leidenschaften.

Seitdem hat es immer Stürme auf dem Meere gegeben, und immer wieder kämpft das Meer mit all dem fremden Leid auf seinem Grunde, kämpft, um die alte verlorene Ruhe zurückzugewinnen. Aber die kehrt nie wieder. Auch an stillen klarenTagen wie heute steigt ein banges Seufzen aus der blauen Tiefe.

P. S.

New York.

Die ganze Überfahrt ist so glatt und still geblieben – wie eine wohltuende Pause im Leben, eine sechs Tage lange Parenthese! Wie Musik schläferte das Rauschen der langen, trägen Wogen manch alten Schmerz ein. – Musik und weite Reisen sind so recht, was wir arme moderne Menschen brauchen, denn sie beruhigen und lehren vergessen. Während das Schiff unaufhaltsam weiter glitt, hatte ich beständig die Empfindung, daß etwas Furchtbares, das lange Zeiten Gewalt über mich gehabt, nun endlich und für immer hinter mir zurückblieb. – Wie vielen ist diese selbe Reise über den Atlantischen Ozean schon eine Flucht gewesen vor der Vergangenheit! Auch ich hatte das Gefühl des Entfliehens und Abschüttelns. – Als ob Schranken und Fesseln gefallen seien, war mir, als ich heute früh erwachte, und da stand sie auch schon auf ihrem Felsen, die riesengroße Freiheit, die den Belasteten aller Länder mit ihrer Leuchte Hoffnung zuzuwinken scheint.

Die Freiheit als Wahrzeichen eines Weltteils und als Willkommen für alle aufzustellen – das macht den Amerikanern doch niemand nach!

Tuxedo Park, Mai 1900.

Lieber Freund! Nachdem wir in New York gelandet waren, erhielten wir von Mr. Bridgewater die freundliche Aufforderung, ihn hier zu besuchen. Ich war noch so müde und abgespannt von allem in Deutschland Erlebten, daß ich dankbar die Einladung annahm, mich etwas auf dem Lande zu erholen. Landleben, wie ich es von früher in der Erinnerung habe, Stille, Einsamkeit norddeutscher Güter, die Meilen weit von einander entfernt liegen, nur durch Landwege verbunden, die während Herbst- und Frühlingstauwetter eher verkehrhemmend als fördernd wirken – so etwas gibt es hier freilich nicht. Tuxedo Park beweist mir mal wieder, daß Amerikaner wohl Sinn für Exklusivität, aber nicht für Alleinsein haben. Sie brauchen Menschen, Bekannte – allerdings nur sorgfältig ausgewählte, solche, die in jeder Hinsicht sozial wünschenswert sind. In diesem Bedürfnis nach Verkehr, dieser Scheu vor Einsamkeit sind sie Kindern ähnlich. In dem Park von Tuxedo stehen auf bewaldeten Hügeln, die sich um einen See ausdehnen, eine Menge hübscher Landhäuser, Schweizerhäuschen mit geschnitzten Holzbalkonen und hohen Giebeln, massive Steinbauten mit breiten, südländischen Veranden, burgartig kleine Kastelle, die altertümlich aussehen möchten. All diese Landsitze sind nahe zusammengedrängt, die einzelnen Gärten gehen ineinander über und bilden alle vereint den einen großen Park. Ausgezeichnet gehaltene Wege verbinden die einzelnen Besitzungen und werden fleißig benutzt von Fahrenden, Reitern und Spaziergängern, lauter Menschen, die sich einer zum andern begeben, in ihrem charakteristischen Bedürfnis nach möglichst viel »social gatherings«. Die meisten der Häuser sind mit einem Luxus und einem praktischen Komfort eingerichtet, wie er auf dem deutschen Durchschnittslandgut ganz unbekannt ist. Zu jedem dieser Reichtumsheime denken wir Europäer uns unwillkürlich als notwendige Grundlage und Begleitung eine meilenweite Herrschaft hinzu, statt dessen liegen sie aber nur ein paar Minuten von einander entfernt. Unten am See steht das gemeinschaftliche Klubhaus, mit Einrichtungen für alle Arten von Sport, mit großem Ballsaal und Lesezimmer. Nachmittags trifft sich da die ganze Gesellschaft. Es ist eine Assoziation befreundeter Familien, die hier in den einstmaligen indianischen Jagdgründen eine Kolonie reicher Leute gegründet haben.

Während der Wochentage dominiert das weibliche Element an Zahl, wie in den meisten Landaufenthalten in der Umgegend New Yorks; der Sonnabend-Nachmittagszug bringt dann eine Menge Herren, Villenbesitzer und Gäste, die bis Montag bleiben, um sich von der großen Anstrengung des Gelderwerbs auszuruhen. Ich weiß nie genau, was der Beruf des einzelnen Amerikaners ist, weiß nur, daß sie alle Geld machen. Sie erscheinen mir wie geheimnisvolle Wesen, die eine Zauberformel kennen, durch die sie aus allen Winkeln Gold herauszuziehen vermögen, wie in Indien die Schlangenbeschwörer aus allen Ecken, wo niemand sie vermutet, Kobras hervorlocken.

Den Zauber Amerikas aber bilden die Frauen, die es immer verstehen, ihre eigenen Sorgen beiseite zu setzen und das Liebenswürdigsein als Beruf betreiben; vielleicht wären sie noch reizender, wenn sie es nicht immer so eilig hätten, als seien sie in Angst, irgend etwas zu versäumen.

Hier sind einige sehr nette Frauen, von ansteckender Heiterkeit; und ich weiß nicht, ob es ihr Einfluss oder der volle warme Frühling macht, aber mir ist manchmal, als erwache ich allmählich aus einem seltsamen narkotischen Zustand. So muß den Murmeltierchen zu Mute sein, wenn sie sich nach dem Winterschlaf dehnen und recken und die kleinen blinzelnden Augen gewahr werden, daß die schöne Welt immer noch da ist. Dann ruftso ein erwachendes Murmeltierchen sicher auch: Guten Morgen, lieber Freund!

Tuxedo Park, Mai 1900.

Das Bridgewatersche Haus hier in Tuxedo gefällt mir beinah noch besser als ihr Stadthaus. Es heimelt mich an mit seiner hessischen Bauart. Steinerner Unterbau bis zur Höhe des ersten Stockes und darüber weißer Bewurf, von dem sich die Balken des Fachwerks in warmen, braunen Holztönen abheben. Dazu weit vorspringende Dächer und Giebel über einigen Zimmern, deren Fenster besonders schöne Blicke auf See und Wälder haben. Alte zopfige Engelchen aus grauem Stein sind an einem Balkon verwendet und man sieht, daß alles, was das Haus schmückt, von dem spanischen, eingelegten Täfelwerk des Speisezimmers bis zum schmiedeeisernen Geländer der Treppe, mit Liebe und Verständnis auf langen Reisen gesammelt worden ist.

Der Turm, der einen Vorsprung in dem Haupthof bildet, ist auf einer Seite mit einem Relief geschmückt, das den heiligen Georg, den Drachentöter darstellt. Es stammt aus einem alten bayerischen Bauernhaus. Wenn heute eine Drachensage geschrieben würde, müßte sie ganz anders lauten, als diese alte vom schönen, ritterlichen Georg, der nur die Welt vom bösen Ungeheuer befreien wollte. Heute ziehen viele magere Wichtelmännchen gegen den Drachen aus, der im fernen Cathay seine Heimat hat, aber sie alle wollen nicht etwa den Lindwurm erlegen, sondern durch ihn fett werden. Der moderne heilige Georg legt dem Ungeheuer Ketten an, auf daß es still halte und sich melken lasse.

Die Südseite des Turmes sieht noch ein bißchen leer aus, und Mr. Bridgewater will dort eine Uhr anbringen. Er bat mich, ihm etwas zu skizzieren, was dort oben um die Uhr auf die Wand gemalt werden könnte, wie man es gerade in alten bayerischen Häusern so oft sieht. Ich habe nun um die Uhr eine zwölfstrahlige goldene Sonne entworfen. Die Strahlen entsprechen den Stunden, und auf jede der spitzen goldenen Strahlenzacken ist in gotischen Lettern ein Wort gemalt. Sie lauten in der Reihenfolge: I beginnen, II wollen, III lernen, IV gehorchen, V lieben, VI hoffen, VII suchen, VIII leiden, IX warten, X verzeihen, XI entsagen, XII enden. Der vorrückende Zeiger bezeichnet die Stunde mit dem Wort. Viele sind es, über die man schnell hinwegmöchte, um bei andern lange zu verweilen – aber wir müssen alle Stunden nehmen, wie sie sich unerbittlich folgen auf der großen Lebensuhr, gute und schlimme.

Was für Zeichen mögen wohl über Ihren Zukunftsstunden stehen, lieber Freund? Ich sinne nach und möchte den Schleier so gern etwas lüften können, und dann wieder denk ich, es ist besser, nicht zu fragen und zu forschen und sich nur der gegenwärtigen Frühlingsstunde zu freuen, wie die Mückenschwärme, die über dem See in der Sonne tanzen. Ich wünsche, daß viele, viele und nur schöne Stunden Ihrer harren mögen und diesen Wunsch sollen die wirklichen, warmen, goldigen Sonnenstrahlen mitnehmen und Ihnen bringen, wenn sie heute Abend meinen Blicken entschwinden, um Ihnen zu scheinen, auf der anderen Hälfte unserer schönen Frühlingswelt!

Tuxedo Park, Mai 1900.

Die hier verlebten Tage, lieber Freund, haben mir so unendlich wohlgetan, daß es mir Vielgewanderten ganz schwer wird, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen. Ich habe ein unbestimmtes Gefühl, als sei ich in einem stillen Hafen und als warte meiner irgendwo draußen ein stürmisches Meer. Aber das muß ein Rest überangestrengter Nerven sein, die Ermüdung, die von langem Lastentragen zurückbleibt, die Angst vor dem Leben. Eigentlich war mir ja gerade in den letzten Tagen zuweilen so, als hörte ich unzählige kleine Stimmen sagen: »die Welt wird mit jedem neuen Frühling von neuem schön.« Die Schwalben meinten das, und die weißen Lämmerwölkchen am blauen Himmel, die tausend kleinen Insekten und die Millionen Samenstäubchen. Auch der schwarze Kater, der im Hof in der Sonne liegt, schnurrt gegenwartsfroh und zukunftssicher! Und am weltenzufriedensten scheinen Madame Baltykoff und Anstruther, die auch hier zu Besuch bei Bridgewaters sind. Sie hätten es mir gar nicht zu sagen brauchen, ich sah es ihnen gleich an – Madame Baltykoff hat Amerika gründlich studiert und ist dabei zum Ergebnis gekommen, daß das Beste und Behaltenswerteste, das das Land produziert, dieser eine Amerikaner ist. Sie scheint ruhiger geworden; vielleicht fehlte ihr, wie so manchem hin und her geworfenen Schiffchen, nur der richtige Ankerplatz, und sie hat den nun gefunden. Anstruther erklärte mir, Madame Baltykoff sei ihm in jeder Beziehung überlegen (das gehört nun einmal zum Credo jedes nettenAmerikaners über alle Frauen, sogar über die eigene); nur in seiner amerikanischen Nationalität besäße er einen großen Vorteil über sie und den böte er ihr an, mit ihm zu teilen. »Nach all ihren Ansichten,« sagte er, »verdient sie eine freie Amerikanerin zu sein.« Mr. Bridgewater meint, diese Verlobung sei ein Schritt zur Amerikanisierung der Welt auf sozialem Wege und in dieser Amerikanisierung erblickt er ja die Aufgabe des kommenden Jahrhunderts. Das einzig Betrübende in der allgemeinen Freude ist, daß Anstruthers Name aus dem Klub der vierzig amüsantesten Männer gestrichen werden muß. Kein Mitglied darf verheiratet sein. Ist es nicht beschämend, daß man in diesem gegen Frauen doch so galanten Lande zur Überzeugung gekommen ist, daß die Ehe sofort geisteslähmend wirkt?

New York, Mai 1900.

Wir sind aus Tuxedo hierher zurückgekehrt; und in unseren New Yorker Zimmern, in denen ich alles ganz unverändert vorgefunden, inmitten all der altvertrauten Dinge, die mich nun schon so lang begleiten, habe ich mich gleich wieder völlig eingelebt, als sei ich gar nicht fort gewesen, als hätte ich den letzten Monat nicht erlebt. Wenn ich morgens aufwache, muß ich mich erst besinnen, ob es alles wahr ist: Die plötzliche Reise nach Europa mit allem was ich dort durchgemacht, und dann die eilige Rückkehr hierher. Manchmal scheint es mir wie ein Traum, als wäre ich hier tief eingeschlafen und eben wieder aufgewacht, und als sei alles unverändert, wie es nun schon so manches Jahr gewesen. Aber dann fühl ich mit einem Mal, daß es doch alles anders geworden; ich schaue mich nach der altgewohnten Hoffnungslosigkeit um und sie ist verschwunden. Ich sehe in all dem nicht recht klar, versuche es auch nicht einmal, sondern lasse mich treiben, gedanken- und willenlos. Aber mir will es scheinen, als atme ich freier, als sähe ich in der Ferne ein Lichtchen schimmern. Seit ganz frühen Jugendtagen ist mir keine so still zufriedene Zeit mehr geworden. Mich dünkt, es liegt ein Zauber auf der Welt, als tönten aus der Ferne tausend silberne Glöckchen. Ach, daß doch nichts diese einzige Wunderstunde trüben möchte! Darum fleh ich immer wieder und lausche andächtig auf das leise Glockenläuten, das aus des eigenen Herzens Tiefe schüchtern und hoffend emporklingt.

Lieber Freund, ich glaub, ich erlebe ein Märchen!

New York, Mai 1900.

Seit ein paar Tagen bringen die Zeitungen beunruhigende Telegramme aus Peking, und es war mir eine Erleichterung gestern zu lesen, daß die Gesandten Wachen requiriert haben und daß diese wohlbehalten in Peking eingetroffen sind, natürlich nach dem üblichen und obligatorischen Palaver des Tsungliyamens, aber ohne daß ein ernsthafter Versuch gemacht worden wäre, die Truppen am Einmarsch zu hindern. Es las sich wie eine genaue Wiederholung dessen, was wir selbst 1898 erlebt haben.

Wir sollten gestern aber noch mehr über China hören, als was die Zeitungen bringen.

Abends gingen mein Bruder und ich bei Sherry essen. Jetzt, wo die Stadt sich täglich mehr leert, herrscht dort nicht mehr das Gedränge wie im Winter, aber man sieht immer noch genügend glattrasierte, befrackte Herren, eine Gardenia im Knopfloch, und genügend elegante Frauen mit halbhohen Kleidern und riesigen, malerischen Hüten, um glauben zu können, in ein lebig gewordenes Bilderbuch von Gibbons versetzt zu sein.

Nachdem wir uns gerade gesetzt hatten, traten mehrere Herren an einen neben uns reserviertenTisch heran, und Sie können sich unser Erstaunen denken, als wir unter ihnen zwei Bekannte entdeckten, und zwar welche Gegensätze: den Rubinminen-Konzessionär Bartolo und jenen gescheiten Journalisten Dr. Silberstein, den Sie mir einmal als einen der wenigen bezeichnet haben, der seinen Aufenthalt in China zu einem ernsten Studium dieses Landes benutzte. Bartolo kam sofort auf uns zu, ließ unsere Tische aneinander rücken und erzählte uns strahlend, er käme gerade aus London, wo es ihm gelungen sei, ein Syndikat für die Rubinminen in der Provinz Kwangtung zustande zu bringen. »Man reißt sich um die Aktien,« sagte er, »und unsere große Chance ist der Burenkrieg gewesen, denn all die großen Kapitalisten, denen ihre Goldminenaktien jetzt nichts tragen, haben sich mit Enthusiasmus an unserm Unternehmen beteiligt.«

»Ja, glauben die denn, daß die Rubinminen schon sobald einen Ertrag geben werden?« fragte ich und schämte mich meiner geschäftlichen Naivetät, als Bartolo mir mit überlegenem Lächeln antwortete: »O nein, und darauf kommt es ja auch vorläufig noch nicht an. Wir verdienen ja bisher viel mehr an den Kursschwankungen. Unsere Rubinminen-Aktien sind jetzt das große Spekulationspapier! Noch kein Spatenstich gemacht und schon stehen unsere 1 Pfund-Aktien auf 140. Großartig!«

Dann erzählte er weiter: »Besonders auch bei der hohen englischen Aristokratie sind unsere Rubies, wie sie kurzweg genannt werden, sehr beliebt. So schrieb mir kurz vor meiner Abreise die Herzogin von X.: »Lieber Bartolo, die Rubies sollen gut sein, sagt man mir; möchte mich daran beteiligen, bitte um 10 Shares, sende einliegend eine 10 Pfund-Note.« Die alte Dame, die jede Quotierung wie ein Makler kennt, tat plötzlich ganz harmlos, als habe sie keine Ahnung, daß nach dem Tageskurs die 10 Aktien 1400 Pfund wert waren. Na, ich hab mir die Sache überlegt und dann der Herzogin, einer politisch einflußreichen Frau, die man sich warm halten muß, schließlich drei Aktien gesandt und 7 Pfund retourniert und dazu geschrieben, die Rubies seien so gesucht, daß ich nicht mehr hätte auftreiben können.«

In Schanghai, so teilte uns Bartolo mit, ist das schönste Haus am Bund für das Direktorium der Ruby Mines Co. Ltd. gemietet worden.

»Ja,« fuhr er fort, »die Sache soll im großen Stil betrieben werden, darüber sind wir uns in London ganz einig. Ein großes Haus in Schanghai, eines in Peking und Reklame gemacht und Gesellschaften gegeben; vor allem wollen wir auch die Chinesen ranziehen, Feste und Diners, und dann so beim Kaffee und Likör die noch schwebendenFragen glatt und rasch erledigt. Das ist so mein Prinzip. Meine jungen Mitarbeiter hier werdenmirtrefflich sekundieren.«

Dabei deutete er auf zwei Sprößlinge vornehmer Häuser, die ihn begleiteten und die er uns als Marchese del Monte Victorioso und Vicomte le Ruinard vorgestellt hatte. Der Marchese del Monte Victorioso, der diesen Titel seines Vaters leihweise und für überseeische Zwecke trägt, ist ein schöner junger Mensch, das glückliche Resultat italienischer und angelsächsischer Blutmischung. Ob die Rechnung für seinen Frack, dem es nicht gelang, diese herrliche Antinousgestalt zu verunzieren, wohl bezahlt ist? Chi lo sa. Aber manche der anwesenden Damen warfen ihm unter den großen malerischen Hüten recht vielversprechende Blicke zu; und ich sagte mir, daß Jugend, Schönheit und ein wenn auch nur geliehener Titel wohl Gewinn bringenderes Kapital als alle Rubin-Minen-Aktien sind. Ich kann mir Monte Victorioso schon als Hauptfigur beim Korso des Bubbling Well Road, den Rennen, dem Country Club und all den sonstigen sozialen Vereinigungen denken, mit denen man in Schanghai wie anderswo die Leere des Daseins zu verbergen sucht. Geschäftlich wird er wohl so wenig wie sein Begleiter dem guten Bartolo viel nützen, aber diesem scheinen diese betitelten Jünglinge an sicheine Freude zu sein, obgleich es nur schwarze oder zum mindesten graue Schafe sind, die er ihren betreffenden Familien für eine Weile freundlichst abnimmt. Le Ruinard wird von seinen Eltern verschickt, um ihn dem Einfluß einer kostspieligen Pariserin zu entziehen. Er saß ziemlich niedergeschlagen da, bis er erfuhr, daß wir lange in Peking gewesen. Da taute er auf und verlangte allerhand Auskünfte über das soziale Leben der chinesischen Hauptstadt. Ich hörte ihn meinem Bruder leise zuflüstern: »et les dames de la cour de Pékin? quelque chose à faire?«

Ich fürchte, es gibt die verschiedenartigsten Enttäuschungen für Leute, die nach Peking auswandern.

Die zwei brillanten Attachés der Ruby Mines Co. Ltd. empfahlen sich übrigens bald, denn sie reisen morgen mit Bartolo via San Francisko nach China, und sie wollten offenbar ihren letzten Abend in der vollen Zivilisation genießen.

Wir blieben zurück mit Bartolo und Dr. Silberstein, der, auf der Rückreise aus Asien, jetzt einige Zeit hier bleiben will, um eine englische Ausgabe seines Buches über China vorzubereiten. Ich fragte nach beider Meinung über die beunruhigenden Telegramme aus Peking.

Bartolo erklärte, das seien alles nur künstlichvon einigen Spekulanten lancierte Nachrichten, um die Rubies zu drücken und sie billig kaufen zu können. Silberstein aber nahm die Nachrichten sehr ernst und sagte, sie seien der erste offene Ausdruck dessen, was man schon seit langem habe kommen sehen können. »Seit Monaten,« sagte er, »beginnt sich etwas tief in den Untergründen der dortigen Welt zu regen, als ob der Drache, der im Schoß der Erde ruht, sich mißmutig dehne und recke. In die innerste chinesische Volksmasse ist Leben gekommen. Lange haben die gelben Millionen nicht als Faktor gegolten, der bei Zukunftsrechnungen in Betracht kam. Jetzt scheint es, als wollten sie ihre lange Apathie abschütteln und mir ist oft, als holten sie zu einem großen Schlage aus.«

»Aber bester Herr,« unterbrach ihn Bartolo, »die Chinesen sind doch ein zufriedenes, leicht zu regierendes Volk!«

»Ja, das sind sie,« meinte Silberstein, »aber die Unzufriedenheit ist diesem resigniertesten aller Völker künstlich beigebracht worden. Sie verlangten nur das Leben mit all seinen Unvollkommenheiten ruhig weiter gleiten zu lassen, wie es seit den Tagen der Klassiker geschehen, aber immer zahlreichere Leute sind gekommen, die ihnen von Fortschritt und Wechsel sprachen und die alle irgendeinen Artikel hatten, den sie ihnen als unentbehrlich aufdrängen wollten, Religionen, Kriegswaffen, Eisenbahnen und Dampfschiffe. Die fremden Maschinen haben Tausende um ihre kleinen Erwerbe zittern lassen und nicht genug, daß sich die Lebenden bedroht fühlten, auch die Toten wurden in ihrer Ruhe gestört, denn bei den neuen Bauten auf den fremden Konzessionen und bei der Trace der Eisenbahnen konnte man nicht Rücksicht nehmen auf die durch das ganze Land zerstreuten Gräber. Dies erscheint allen Chinesen als höchster Frevel. Sie mußten auch sehen, wie die Konvertiten des neuen Glaubens durch ihre geistlichen Hirten in all ihren weltlichen Angelegenheiten starken Schutz fanden, zum Nachteil ihrer heidnischen Brüder. So wurden diese religiös indifferenten Menschen aus ganz irdischen Gründen allmählich fanatisch und ihr politischer Hass erwachte, als sie immer mehr gewahr wurden, daß die Fremden China geringschätzig als eine Melone ansahen, die reif ist, in Stücke geteilt zu werden. – Seitdem sind Sekten entstanden zur Vertreibung der Fremden; zuerst ließen die Autoritäten sie nur gewähren, heute schützen sie sie schon offen.«

»Lieber Doktor,« sagte Bartolo, »Sie sind wie so mancher in der Melancholie eines prolongierten Aufenthalts in Peking zum Schwarzseher geworden.Ich bitte Sie, all unsere Nachrichten lauten doch ausgezeichnet, na, und sollten die chinesischen Autoritäten wirklich mal etwas Schwierigkeiten machen, mit der richtigen Mischung von Drohung und klingenden Gründen hat man sie noch immer überzeugt, und ernsthaft werden Sie doch nicht von Gefahr durch chinesische Aufständische reden wollen – ist ja elendes Pack; werfen Sie einem chinesischen Volkshaufen eine Hand voll Kupferkäsch hin, und sie werden alles vergessen, um sich darum zu raufen, und vor einem europäischen Soldaten laufen hundert chinesische davon.«

»Ja, ich weiss,« antwortete Silberstein. »Das ist die Ansicht der modernen Schule über China. Ich teile sie nicht und glaube, dass wir vor großen Ereignissen stehen, die nichts mehr abwenden kann, und die sich logisch aus unserm eigenen Verschulden aufbauen.«

New York, 5. Juni 1900.

Der große Bartolo und seine beiden eleganten Adjutanten sind abgereist. Vorher sandten sie mir noch einen riesigen Korb voll tief purpurroter Rosen, der sehr passend mit rubinfarbenen Bandschleifenverziert war. Ihre Karten lagen dabei in einem Kuvert, auf dem das Motto prangte: »Rubi gagne«.

Ich hatte mich heute Morgen gerade hingesetzt, um Ihnen dies zu beschreiben, als ich die Zeitung aufnahm und die erstaunlichen Nachrichten fand, daß die Huangtsung-Station an der Peking-Bahn von Boxern verbrannt worden ist und daß französische und belgische Ingenieure von der Luhan-Bahn vor den Rebellen nach Tientsin geflüchtet sind, wo sie nach großen Leiden eintrafen. Missionare sind an verschiedenen Orten mit Konnivenz der Mandarine ermordet worden. In Tientsin selbst wird ein Angriff der Boxer erwartet, und in Peking soll sich die Lage sehr verschlimmert haben.

Während der letzten Tage waren die Telegramme gerade ganz beruhigend gewesen; es hieß, daß seit der Ankunft der Gesandtschaftswachen völlige Ruhe in Peking herrsche. So hatte ich denn Boxer und alle anderen Realitäten vergessen und hatte weiter Märchen geträumt.

Und nun kam das Erwachen, und mir ist, als sei ich unsanft aufgerüttelt worden.

Wie ich gerade all die Nachrichten gelesen hatte, kam Miß Tatiana de Gribojedoff ganz aufgeregt zu mir gestürzt und sagte, sie habe gehört, daß wir wieder in New York eingetroffen seien, und wir wären gerade diejenigen Menschen, mitdenen sie alles besprechen müsse. Dabei zog sie gleich eine Zeitung aus ihrem Beutel und las mir die Telegramme mit bebender Stimme vor. Sie ist entrüstet, daß nichts vorgesehen und geschehen sei, um alledem vorzubeugen. In allen chinesischen Begebenheiten sieht sie nur das Ergebnis russischer Aufwiegeleien, die zu konterkarrieren die Angelsachsen von Gott berufen sind, und im Tone von jemand, der persönlich Rechenschaft verlangen kann, fragte sie: »I wonder what Salisbury is about?« Darauf konnte ich ihr keine befriedigende Antwort geben, aber statt dessen mußte ich ihr über alle chinesischen Lokalitäten Auskunft erteilen. Der Beutel enthielt auch noch eine zusammenlegbare Karte Chinas. Die wurde ausgebreitet und ich mußte Miß Tatiana alle Punkte zeigen und auf tausend Fragen antworten. Mir war recht bang zu Mute, aber lachen mußte ich doch, wie Miß Tatiana die Stirn kraus in die Höhe zog und all meinen Ausführungen auf der Karte mit einem Ernste folgte, als laste auf ihr die Verantwortung für die Disposition eines Feldzuges. Sie setzte mir auseinander, Amerika habe in China eine große Mission, es müsse die Ruhe herstellen, die offenbar nur durch russische Umtriebe gestört sei, und darüber wachen, daß diese Begebenheiten nicht zum Vorwand für Länderräubereien benutzt würden. Zum Schlußkündigte sie mir an, sie werde, bis die Lage sich geklärt habe, in New York bleiben und häufig zu uns kommen, um mit uns zu konferieren.

Wir Menschen kämen ohne Sorgen offenbar vor Langeweile um, und Miß Tatiana, die keine einzige wirkliche hat, schafft sich daher selbsterwählte auf politischem Gebiet.

New York, 14. Juni.

Seit Tagen habe ich die Empfindung, als ließe die ganze Welt sich treiben, ohne zu wissen wohin, als lasteUnheimliches, Undurchdringliches auf ihr. Und die heutigen Telegramme sind wie ein Zerreißen des Schleiers – wie wenn bei Schiffahrt im Nebel plötzlich ein Felsen in drohender Nähe auftaucht.

»Gesandtschaftsmitglieder in P. attackiert, die englische Sommergesandtschaft zerstört, Prinz Tuan und andere Fremdenfeinde in das Tsungli-Yamen ernannt.«

Und nur die ganz kleinen Gesandtschaftswachen! Was können die ausrichten, wenn es ernst wird?

Heute steht ein Telegramm vom amerikanischen Gesandten in Peking in den Zeitungen; er bittet um 2000 Mann. Aber wann können die dort sein?

Ich muß immerwährend an Hofer denken. Man solle Kavallerie in der Nähe bereit halten, das sei das Wichtigste, sagte er. Ach wie recht hatte doch dieser streitbare Kirchenmann!

Er und manch andere Missionare und auch die China-Association in Hongkong haben gewarnt, und schon in den Schanghaier Märzzeitungen stehen eindringliche Artikel über eine große kommende Gefahr. Es ist als hätte alle Welt das Unheil nahen sehen, nur nicht die eigens dazu aufgestellten Schildwachen.

Unbeachtet sind die Warnrufe verhallt. Man wollte sich im bequemen, tatenscheuen optimistischen Glauben, daß ja alles ganz gut stände und die Welt ein netter behaglicher Aufenthaltsort sei, nicht stören lassen, wollte Weitläufigkeiten, Parteinahmen und Einmischungen vermeiden, und in der großen Sehnsucht nach Ruhe alle dem aus dem Wege gehen, wodurch neue Aktenrubriken entstehen können.

Und besondere Umstände kamen noch dazu. Die Amerikaner sagen es selbst in ihren Zeitungen, daß sie nicht in der Lage seien, Landtruppen nach China zu senden, weil sie sie in den Philippinen brauchen. Die Engländer haben gerade genug mitden Buren zu tun. »Unsere Zähne sind leider in Afrika«, hat ihr großer Mann geantwortet, als man neulich in ihn drang, den Chinesen die Zähne zu zeigen. Die Franzosen haben auch ein besonderes Interesse daran, daß es in China ruhig bleibt, denn in Ausstellungsjahren soll immer alles eitel Glück und Freude sein. Ausstellungen sind für Völker, was Verlobungen im Familienkreise sind; da stellt man sich auch an, als sei alles herrlich und schön, alle Fehden werden für ein Weilchen begraben und man tut so, als sei Grund zu allgemeiner Freude. Aber die dunkeln, unerforschten Kräfte, die uns treiben, die unerbittliche Schicksalsmacht, die über uns steht und das werden läßt, was wir nachher Geschichte nennen, – die kehren sich nicht an Völker- und Familienfeste, nehmen keine Rücksicht auf das müde Ruhebedürfnis alternder Geschlechter – die führen uns unaufhaltsam weiter, wir wissen nicht wohin – und im dichten Nebel ragen dann plötzlich vor uns drohende Felsen aus dem Meere empor.

New York, 17. Juni 1900.

Mit Angst und Spannung heute früh die Zeitung geöffnet, Schlimmes erwartend, aber doch nicht diesEntsetzliche: »Die Gesandtschaften angegriffen, ein Gesandter ermordet« – und diese Mitteilung selbst – dunkel, gerüchtweise, wie Unheilsbotschaften sich im Osten stets verbreiten, so daß man noch tausendfach Unheimlicheres dahinter vermutet. Alle telegraphische Verbindung mit Peking ist abgeschnitten. Die Nachrichten sickern durch auf geheimnisvollen Umwegen. Es ist, als ob hinter einer verschlossenen Türe eine grausige Tragödie sich abspielte – plötzlich hört man Stöhnen, Blut rinnt über die Schwelle, man weiß nicht, was geschehen ist, fühlt nur, daß es Furchtbares, Unerhörtes sein muß, da, hinter der Tür – man möchte helfen, das Schloß sprengen, die Tür einstoßen, eilen und retten – und man kann und kann nicht. Es ist wie ein quälendes Alpdrücken.

New York, 19. Juni 1900.

Die Taku-Forts sind eingenommen.

Das muß doch die Chinesen einschüchtern! Und nun wird doch sicher die Entsatzkolonne, die Admiral Seymour führt, bald in Peking anlangen oder vielleicht schon dort sein. Ein paarmal wurdeihre Ankunft schon gemeldet, dann aber widerrufen.

Aber wie ist es denn nur alles möglich? Das fragen wir uns immer wieder. Etwas Traumhaftes hat das Ganze, und man ringt, endlich erwachen und all den nächtlichen Spuk abschütteln zu können. Wenn ich an unsere stillen monotonen Pekinger Jahre zurückdenke, sage ich mir oft, »dies ist ja alles nur ein verrücktes Märchen, an das niemand glauben kann«. Über wie vieles wurde doch in China geklagt! Über Hitze, Staub und Moskitos, Überarbeitung, Ärger durch das eigensinnige Tsungli-Yamen oder über die großen Herren zu Hause, denen China ein Buch mit fünf Siegeln ist und die doch alles besser wissen wollen. Aber daß Gefährdung der persönlichen Sicherheit je zum Gegenstand gerechter Beschwerde gegen das Schicksal und die Chinesen werden könnte, wäre keinem in den Sinn gekommen. Unmöglich wäre es uns allen erschienen, und was wir jetzt hören, klingt kaum glaublich – aber wenn ich dann die Zeitungen mit den groß und fettgedruckten Telegrammen sehe und höre, wie alle Menschen nur von China reden – dann weiß ich, daß das Abenteuerlichste, Wildeste und Unwahrscheinlichste in unsern Tagen Wahrheit geworden ist.

Wir haben die Chinesen nur als arme, gedrückteMenschen gekannt! Knechtung, Erpressung und Ungerechtigkeit, wie auch große verheerende Naturkatastrophen schienen sie geduldig zu tragen; vielleicht sahen sie in ihnen nur die verhältnismäßig gleichgültigen Begleiterscheinungen des einen großen Übels, des Lebens. Jahrhundertelang sind sie gezüchtet worden in einem System, dessen Erpressung, Ungerechtigkeit und Betrug so recht auf der ewigen Trägheit und Feigheit der großen Massen beruhen. Jeder hatte dort immer Mächtigere zu versöhnen, umzustimmen, zu erkaufen. Die einzige Erleichterung und Rettung vor der ungeheuren Last war schlaue Überlistung der Bedrücker. Wie so oft in menschlichen Verhältnissen, knechtet dort der Stärkere den Schwächeren und wird dafür von ihm hintergangen. Leicht zu befriedigen schienen mir eigentlich die Chinesen, verlangten nicht mehr, als daß die paar Kupfermünzen, die sie täglich verdienten, ihnen nicht von einem ihrer Peiniger abgerungen würden; daß dies aber oft vorkommen muß, sahen sie alle als alte Weltenregel an, in die man sich philosophisch fügt, wenn man sie nicht listig zu umgehen weiß. Arme, durch Bedrückung schlau und gemein gewordene Menschen, deren Geist viel mehr nach kleinenSchleichwegen, spitzfindigen Verdrehungen und Betrügereien als nach großen Taten zu sinnen schien. Und sie alle sollenmit einemmal zu rasenden Kämpfern geworden sein, die es mit den Herren der Welt aufnehmen wollen?

Ein Rätsel im rätselreichen China.

Seltsam klingt es uns auch jetzt, in hiesigen Zeitungen zu lesen, daß diese selben so elend und stumpf dahinlebenden Chinesen eigentlich Wesen von erstaunlich nervöser Anlage seien, die von Fanatikern hypnotisiert wurden zu wildem Fremdenhaß und blindem Glauben an eigene Unverwundbarkeit und Siegesgewißheit. Mir aber will es scheinen, daß diese Hypnotiseure vor allem ihre Kraft an den Fremden in Peking ausgeübt haben müssen, sie in wunderbaren Sicherheitswahn wiegend.

Miß Tatiana besucht mich häufig und hält lange Reden, in denen sie alle Ministerien der verschiedensten Länder zur Verantwortung zieht. Silberstein traf bei mir mit ihr zusammen und meinte nachher: »Das ist eine Dame, die einen Band Junius-Briefe schreiben sollte.«

Die beiden verhandelten lange über die chinesischen Ereignisse, und Miß Tatiana kam immer wieder darauf zurück, warum nichts von alledem von den angelsächsischen Staatsmännern, denen sie ihr Leben lang vertraut, vorgesehen worden sei.

Der Journalist meinte: »Ja, die Nachrichten aus China sind freilich so recht geeignet, die Fundamente des Glaubens an vorausschauende Staatsweisheit stark zu erschüttern. Aber es wird überhaupt viel weniger geplant und gelenkt, als man uns im Geschichtsunterricht lehrt. Die größten Ereignisse kommen meist unerwartet. Man hat sich treiben lassen, ohne viel zu fragen, wohin und steht plötzlich vor überraschenden Tatsachen. Das landläufige Heroentum besteht dann eigentlich nur immer darin, sich mit Geschick aus Schwierigkeiten zu ziehen und es nachträglich so darzustellen, als habe man alles vorausgesehen.«

»Aber«, fragte Miß Tatiana, »hat man denn nicht von Anfang an erkannt, daß diese fremden- und fortschrittsfeindliche Partei unseren kommerziellen Interessen notwendigerweise großen Schaden zufügen muß? Warum hat man sie überhaupt je so anwachsen lassen?«

»Um sie erfolgreich zu bekämpfen«, antwortete er, »hätte man sich offen zum Kaiser und zu seinen Reformfreunden bekennen müssen. Es gab vielleicht einen Moment, wo man das gekonnt hätte. Aber dazu hatte niemand den Mut und niemand sah wohl ein, wieviel auf dem Spiele stand. Die Schicksalsstunde für China war der Staatsstreich der Kaiserin Witwe im September 1898. Daß damals die ganze Welt zuschaute, wie aller Fortschritt vertilgt wurde, nachdem er so lange gepredigt worden war und endlich eine Partei eifriger Bekenner gefunden hatte, und daß man zuließ, daß die finstere Reaktion an seine Stelle trat – das rächt sich heute, denn es rächt sich immer, aus Bequemlichkeit und Angst vor Komplikationen wissentlich das Höhere unterdrücken zu lassen, so schlau es auch im Moment erscheinen mag, Einmischungen zu vermeiden. Wer heute von idealen Gesichtspunkten in der Politik redet, begegnet nur mitleidigem Achselzucken, und doch wäre die Macht, die damals für das ideale Streben der Reformpartei eingetreten wäre, heute wohl die führende in China, und die unvermeidlichen anfänglichen Schwierigkeiten, denen sie begegnet wäre, hätten sicher nicht die Tragweite des Konfliktes angenommen, dessen kleines Vorspiel wir eben erst erleben. Die Vereinigten Staaten hätten diese Rolle übernehmen können, um so mehr, als sie China gegenüber reine Hände haben. Aber um solche Entschlüsse fassen zu können, gehören große, leitende Gedanken – und der Laden, wo Ideen für Staatsmänner und Diplomaten und Bücherstoffe für Autoren verkauft werden, existiert leider noch immer nicht.«


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