New York, den 21. Juni 1900.
Der entsetzliche Traum dauert weiter, keine Nachricht aus Peking, und schlimmer als alles, keine Nachricht von Ihnen. Ach, wo sind Sie, lieber Freund? Meine tägliche Hoffnung ist, ein Telegramm von Ihnen zu erhalten, daß Sie in Schanghai von Ihrer großen Reise ins Innere zurückgekehrt sind. Um diese Zeit müßten Sie doch dort eingetroffen sein. Was kann Sie so lang aufgehalten haben? Ich sehne mich so sehr danach, von Ihnen zu hören, daß das Warten zu einem physischen Schmerz wird.
Die Hitze liegt bleiern auf der Stadt. Tag und Nacht keine Abkühlung. Die Nächte sind am schlimmsten. Sie scheinen so endlos mit den wirren Gedanken, dem fiebrigen Einschlummern und den verschwommenen beängstigenden Visionen, die sie bringen. Dann wird die Hitze zu einem greifbaren Wesen, im Dunkeln lastet sie auf mir wie ein Alpdrücken, ich glaube sie fühlen und fassen zu können. In den Zeitungen steht, wie alle Jahre, es sei dies ein anormaler Sommer, noch nie hätten Menschen und Tiere so sehr unter der Hitze gelitten, noch nie seien so viel Hitzschläge vorgekommen. Es scheint, als sei es den Menschen ein Trost, sich einzubilden.daß gerade ihre Leiden ausnahmsweise groß seien, so groß, daß sie dadurch von einer gewissen Bedeutung würden. Und es ist doch alles bedeutungslos. Leiden scheint nur ausnahmsweise groß, wenn es gerade unser persönliches Leiden ist. Könnten wir den Begriff unseres Ichs erweitern und dadurch mehr Leiden umfassen, so würden uns diese neuen Qualen, die wir bisher kaum ahnten, auch wieder als ganz ausnahmsweise groß erscheinen.
Wenn einst in Millionen von Jahren die Erde tot und eisig durch die Weltenräume kreist, wer wird dann nach den kleinen Wesen fragen, die mal auf ihr an Hitzschlag starben!
Die Stadt ist ganz leer. Wir sind noch hier. Ich möchte auch gar nicht fort. Gerade hier in der furchtbaren Hitze glaube ich manchmal wirklich dort zu sein, wo all meine Gedanken sind. Hinter den hohen Pekinger Stadtmauern. Allein schon die Hitze dort in dieser Jahreszeit, ohne alles andere – welche Marter! Ich bilde mir ein, daran teilzunehmen, von hier aus mittragen zu helfen.
Wie schön wäre es doch, wenn man für andere tragen könnte, wenn man sagen könnte: »Ruh Du Dich jetzt aus, denn nun schieb ich die Schulter unter die Last.« Das Weh der Welt ist aber nicht wie ein Brot bestimmter Größe, je mehr davon essen sollen, desto kleiner müssen die Teile werden.Nein, es wächst mit jedem neuen Gast, es ist immer in Überfluß auf dem Tisch und kämen auch immer wieder neue Millionen hinzu. Tragen helfen! auch so eine Illusion, mit der die große Hoffnungslosigkeit verborgen werden soll. Jeder trägt, was schon mit ihm in der Wiege lag, was mit ihm selbst gewachsen ist, trägt, weil es eben nicht anders geht. Und vor, neben und hinter ihm stehen unabsehbare Reihen von Wesen, die auch alle tragen, jedes seine Last.
In Wahrheit abnehmen kann keiner dem andern etwas, so daß der wirklich frei aufatmete – wir können nur zum eigenen Leid uns noch das des anderen hinzudenken – mit ihm mitleiden.
Mitleiden – ach, wie sehr leide ich hier mit jenen, die ich in Peking gelassen, leide mit Ihnen, lieber Freund! Bald suchen meine Gedanken Sie hinter den düstern Stadtmauern, die mit unheimlichem Schweigen unbekanntes Schicksal so vieler umgeben, bald in dem großen, brodelnden China, von dem aus allen Teilen Nachrichten über Aufstände und Metzeleien eintreffen.
Und mit all meinem Mitleid kann ich so gar nichts helfen!
New York, den 22. Juni 1900.
Lieber Freund! In diesen Zeiten wachsender Angst und Sorge denke ich so unablässig an Peking und an alles, was sich dort zutragen mag, daß es mir oft ist, als sei ich selbst dort und ich mich kaum noch erinnere, wo ich mich in Wirklichkeit befinde. Redet mich jemand an, so fahre ich auf, wie aus einem Traume gerissen und muß mich erst wieder besinnen auf die mich umgebende Welt. Stundenlang liege ich nachts wach und sinne nach und suche durch die Gewalt des Willens den Schleier zu lüften, der undurchdringlich zwischen uns liegt. Ich lausche, ob durch das tiefe Schweigen nicht doch eine einzige Stimme dringt, die mir Kunde brächte. Und dann am Morgen das fieberhafte Warten, bis die Zeitungen kommen, der jedesmalige sichere Glauben, heute müssen sie erlösende Nachrichten enthalten – und das jedesmalige Zusammensinken aller Hoffnung, die bittere Enttäuschung – immer das gleiche tiefe Schweigen.
Bilder aus jenen vergangenen Zeiten ziehen unablässig an meinen Augen vorbei, und ich möchte jede kleinste Erinnerung an all die damaligen Ereignisse festhalten, wenn sie auch anderen gleichgültig erscheinen – sind sie doch meine Schätze – das Einzige vielleicht, was mir geblieben. Als ob von einem alten verblaßten Gemälde der Staub gewischt würde und man nun die Züge wieder gewahrt, so fällt mir tausend Vergessenes ein. Die Geschichte jener Jahre, in denen wir uns trafen und kannten, rollt sich wieder vor mir auf, und beständig glaube ich zu sehen, wie Sie mich aus den Tiefen der Vergangenheit anschauen.
Beim ersten Anblick mancher Menschen habe ich die dunkle Empfindung gehabt, sie früher schon gekannt zu haben, obschon ich doch genau wußte, daß ich sie in diesem Leben zum erstenmal sah. Wo, wann mochten wir uns wohl getroffen haben? Was war es, das uns früher einmal vereinigt hatte und woran die Erinnerung mich plötzlich leise zu mahnen schien? Niemals habe ich das so sehr empfunden, lieber Freund, als an dem Tage, da ich Sie zum erstenmal sah.
Erinnern Sie sich dessen noch?
Es war bei einem Diner in Peking, im Hause des langjährigen Gesandten von ***, eines der letzten Repräsentanten jener alten politischen Schule, die noch an die unüberwindliche Macht Chinas glaubte und in der Behandlung dieses asiatischen Völkergebildes als ebenbürtigen Großstaates eine Befriedigung der eigenen Diplomateneitelkeit fand.
Ich entsinne mich, daß, als mein Bruder und ich eintraten, die meisten Gäste schon versammelt waren. Der Hausherr erklärte gerade einem neu eingetroffenen Kollegen die verwickelte Frage der Audienzen fremder Gesandten beim Kaiser von China. Er wurde ganz wehmütig über die immer neuen Zugeständnisse, die die Gesandten in der Art ihres Empfanges erlangt hätten, und man merkte ihm an, daß er innerlich ganz auf seiten der Chinesen stand, denn es gewährte ihm eine unendliche Genugtuung, an einem Hofe akkreditiert zu sein, was man bei Republikanern ja mitunter findet, und er nahm es persönlich übel, wenn man diesen seinen Spezialhof nicht so recht als voll gelten lassen wollte. Als ich ihn einmal unmittelbar nach solch einer Audienz traf, sagte er mir würdevoll: »I have just been in the presence of Royalty.«
Ein Stab junger Dolmetscher umgab den alten Gesandten. Mit ihrer Hilfe richteten die Fremden einige Sätze an einen Minister des Tsungli Yamen, eine lebende Mumie, die sich unter den Geladenen befand und kein Wort einer europäischen Sprache kannte. Auch zwei jüngere Chinesen waren zugegen; sie trugen über langen, seidenen Gewändern, weitärmelige Jacken aus zart gefärbtem Damast und auf dem Kopf schwarze Atlas-Käppchen, mit einer großen Perle über der Mitte der Stirn. OffenbarPekinger Gigerl! Sie wurden mir als Marquis Tschiao fenglo und Bruder vorgestellt, die sehr gut englisch könnten. Ich redete den einen, der mir der ältere schien, als Marquis an, erhielt aber die Antwort: »my brother he be Marquis, me be plain Esquire.« Im verblüffendsten Pidgin Englisch erklärten mir dann die Brüder, daß der ältere nur ein adoptierter Sohn des verstorbenen Marquis Tschiao sei. Während sie mir noch die verwickelte Frage von Adoption in China zu erklären suchten, trat unser Wirt an mich heran.
Sie folgten ihm.
Er stellte Sie vor.
Und sobald ich zu Ihnen aufschaute, hatte ich die ganz bestimmte Empfindung, Sie früher schon gekannt zu haben – und ich wußte doch ganz genau, daß ich Sie zum erstenmal erblickte. Es war ein ganz seltsames Gefühl. Mir war, als stände ich an jener Tür, die für uns verschließt, was wir gewesen vor diesen paar kurzen Erdenjahren, für die unser schwaches Gedächtnis gerade mühsam reicht – und mit Anstrengung aller Fähigkeiten des Denkens und Erinnerns suchte ich diese Tür für einen Augenblick spaltenweit zu öffnen.
Bei dem Diner saßen Sie ziemlich weit von mir, wenn ich mich aber etwas vorbog, konnte ich Sie mir schräg gegenüber erblicken. Immer wiederfragte ich mich »Wann? Wo?« Ein paarmal gelang es mir auch in dem Schwirren und Summen der allgemeinen Konversation den Ton Ihrer Stimme zu vernehmen, und der klang mir so wohlbekannt, als hätte ich ihn jahrelang gehört.
Nach Tisch sprachen wir lange zusammen, und mit jedem Augenblick erschienen Sie mir bekannter und vertrauter und es dünkte mich, als läse ich auch in Ihren Augen ein staunendes Wiedererkennen.
Ich hatte ja seit unserer Ankunft in Peking viel von Ihnen gehört, von Ihren merkwürdigen, abenteuerlichen Reisen in Teilen Chinas, die kaum je von Europäern betreten werden, von Ihren wunderbaren Sammlungen, von Ihren Freundschaften mit den Lamahs entlegener Klöster, die nie mit andern Fremden sprechen, Sie aber dank Ihren buddhistischen Studien beinahe als einen der Ihrigen ansahen. Ich war natürlich sehr gespannt gewesen, Sie kennen zu lernen, aber was ich empfand, als ich Sie nun wirklich sah, hatte nichts mit dem zu tun, was ich von den Umständen Ihres jetzigen Lebens gehört – die Wurzeln dieses Gefühls des Wiederfindens mußten weit zurückgreifen in die grauen Fernen längst vergessener Zeiten.
Auf dem Heimweg in dem blauen zweirädrigen Karren, der auf der holprigen Straße wie einSchiff im Sturme schwankte und den das Maultier oft nur mit äußerster Anstrengung aus den fußtiefen Löchern herausziehen konnte, und später in meinem kleinen schmucklosen Zimmer des Hotel de Pékin – immer wieder fragte ich mich: »Wann? Wo?«
Aber an jenem Abend fand ich keine Antwort.
New York, den 23. Juni 1900.
Wie ich die Antwort fand, will ich Ihnen heute schreiben!
Ihnen schreiben? und weiß doch nicht, wo Sie sind, ob dieser Brief je vor Ihnen liegen wird, ob es für uns noch eine Zukunft geben kann, oder ob das ganze weitere Leben nicht wehes Erinnern sein muß an vergangene Tage.
Und doch ist mir, als umgäben mich Ihre Gedanken, als lauschten Sie irgendwo in weiter Ferne ob nicht ein Wort von mir zu Ihnen dringe.
Sie in der Weite zu suchen, sende ich diese kleine Geschichte aus; halb vergessen, nie wieder berührt, hat sie seitdem verborgen in mir geruht; wie sie nun wieder lebendig vor mir ersteht, fühle ich, daß mit ihr auch das nie ausgesprochene Hoffenin mir schlummerte, sie Ihnen doch noch einstmals am Abend eines schönen künftigen Sommertages ganz leise zuflüstern zu können!
Es war am Morgen nach dem Diner des alten Gesandten. Lautlos trat meine filzbesohlte Amah in das Zimmer. Ihr schwarzes Haar war glatt zurückgestrichen und am Hinterkopf künstlich zu einem Horn gedreht. Sie trug jahraus, jahrein lange indigoblaue Baumwollgewänder; Winters waren sie dick wattiert und mit zunehmendem Froste zog die Amah eines über das andere, bis daß sie wie eine Tonne aussah und ihre Arme wie riesige Würste von ihr abstanden. Sommers dagegen, wenn all die wattierten Mäntel auf dem Pfandhaus ruhten, erschien sie ganz schlank. Die Amah war Christin und in der Klosterschule des Petang von den französischen Nonnen erzogen. Sie hatte dort einige Worte Französisch aufgeschnappt, was den Verkehr entschieden erleichterte, wenn man erst mit ihr übereingekommen war, was jedes Wort in ihrer Gebrauchsweise eigentlich bedeuten sollte.
An jenem Morgen sah sie strahlend aus und sagte mir: »Joli Monsieur hat ein Geschenk für Madame geschickt.« Wer Geschenke machte war nach der Amahs französischem Sprachgebrauch immer joli; sie urteilte offenbar nach dem Grundsatz »handsome is who handsome does.« In denschmalen gelblichen Händen hielt sie eine grüne Nephrit-Schale, die mit rosa Magnoliablüten gefüllt war.
Zwischen den Blumen aber lag Ihre Karte.
Ich beugte mich über die Blüten und wie ich ihren süßen Duft einsog, überkam mich ein seltsames Gefühl des Schonerlebten. Es war mir, als träume ich, als müsse ich nun handeln, wie es mir eine geheimnisvolle, unsichtbare Macht eingab. Mechanisch ergriff ich einen der braunen Zweige, an dem zwischen gelben, pelzigen Schutzblättchen zwei schöne rosa Knospen sich öffneten. Mechanisch trat ich vor den ziemlich blinden, zersprungenen Hotelspiegel und, wie fremdem Willen gehorchend, hob ich den Blütenzweig über mir in die Höhe, schlang eine Strähne meines Haares mehrmals zwischen den beiden Blumen durch und befestigte sie so auf meinem Kopfe.
Im Augenblick aber, als ich dies getan und mich vorbeugte, um besser in dem blinden Spiegel zu sehen, verschwanden plötzlich die Wände des kleinen Hotelzimmers und mit ihnen die Möbel, die Amah und alles, was noch vor einer Sekunde um mich gestanden hatte. Ich selbst war verschwunden und doch sah ich.
Ich sah ein spiegelglattes Meer, über dem der wolkenlose Himmel in endlosen Höhen blaute.Manchmal hob sich die schimmernde Fläche, als seufze die See im Traume; dann kräuselte sich ein kleines Wellchen am goldig flimmernden Strand entlang und versank wieder in das lautlose ewige Blau. Am Ufer saßen zwei Menschen. Sie waren beide hoch und kräftig gewachsen und mit weichen Fellen unbekannter Tiere bekleidet; goldblondes Haar hing beiden über die Schultern herab und ihre Augen waren blau und klar und doch so unergründlich tief wie das weite Meer vor ihnen. Über beiden lag ein unendlicher Zauber von Jugend, von Frühmorgen, von Weltenbeginn. Der Mann beugte sich zum Meere und griff nach einer großen, offenen rosa Doppelmuschel, die von einer Welle leise herangespült wurde. Er reichte sie der Frau. Die nahm sie, hob sie über sich in die Höhe, schlang eine Strähne ihres Haares mehrmals zwischen den beiden rosa schimmernden Muschelhälften hindurch und befestigte sie so auf ihrem Kopfe. Dann wandte sie sich lächelnd zu dem Manne. – – Der aber hatte Ihre Züge angenommen, und das Bild der Frau, das sich in seinen Augen spiegelte – war mein eigenes!
Ich wollte mehr und tiefer schauen – doch die Vision entschwand – das blaue Meer ward grau und trübe – die beiden Gestalten versanken.
Ich befand mich wieder in dem dürftigenPekinger Hotel-Zimmer; vor mir hing der kleine gesprungene Spiegel; die Amah stand neben mir, als sei nichts vorgefallen.
Aber meine Frage: »Wann? Wo?« war beantwortet.
In Uranfangszeiten haben wir beide zusammen an sonnigem Strande gesessen – vielleicht war ich einstmals das erste Wesen, das sich schmückte – einem anderen zu gefallen.
Die grüne Nephrit-Schale, die Sie mir mit den Magnolienblüten sandten, hat mich nie verlassen. Sie steht auch heute vor mir, und ich starre auf die seltsamen, fremden Schriftzeichen, die in den harten grünen Stein gemeißelt sind und die da bedeuten: was einmal auf dem ewigen Rade der Zeiten gewesen, muß stets von neuem wiederkehren.
Wirres Vergangenheitserinnern, banges Zukunftsahnen durchschauert mich. Im Dunkeln tasten wir umher, bis wir in völliger Nacht versinken – wissen nicht, woher wir kommen, noch wohin wir gehen.
New York, den 24. Juni 1900.
Immer dieselben widersprechenden Nachrichten in den Zeitungen. Die Schilderungen entsetzlicherMetzeleien, daneben die Versicherungen chinesischer Gesandten, daß die Fremden in Peking noch am Leben seien, daß ihnen irgend ein chinesischer General beistände. Was soll man glauben? Ach, man glaubt ja bis zuletzt immer, was des Herzens heißester Wunsch ist.
Ich habe angefangen mein Pekinger Tagebuch wieder durchzulesen. Auf jeder Seite steht Ihr Name, lieber Freund, und daneben irgend eine neue Freude, die Sie sich für mich ausgedacht! Damals nahm ich es alles so hin – als könne es nicht anders sein. Jetzt erst beim Lesen ist es mir, als spräche aus den vergilbten Blättern eine ferne Stimme zu mir und erzählte mir leise von Dingen, die ich nur dunkel geahnt. Jetzt versteh ich – jetzt, wo vielleicht ... Aber ich will das Entsetzliche nicht denken – es darf nicht so enden! Ich habe ja auch gar keinen sicheren Anhaltspunkt dafür, daß Sie mit in Peking eingeschlossen sind – nur daß es so ungefähr die Zeit ist, in der Sie von Ihrer Reise zurück sein sollten. Aber wie oft dehnen sich solche Reisen im Innern länger aus, als man zuerst berechnet, und wenn Sie unterwegs von den Unruhen hörten, werden Sie doch sicher nicht den gefahrvollen Weg nach der Küste eingeschlagen haben, sondern werden wohlgeborgen bei einem Ihrer Freunde geblieben sein. Denn Sie hattenderen ja so viele unter den Eingeborenen und sind mir immer als der eine Fremde erschienen, der wirklich Fühlung mit den Chinesen hatte. Sie kannten Palastbeamte, Zensoren, Gildenhäupter, Literaten, während so manche andere Europäer beinah einen gewissen Stolz hineinsetzten, von den Kindern des Landes möglichst wenig zu wissen. Jetzt ist es mir ein Trost, mich daran zu erinnern, daß Sie auch unter den Mongolen, die jeden Herbst nach Peking ziehen, Freunde hatten, und unter den Händlern, die die fernen Provinzen durchstreifen, um für reiche Sammler berühmten alten Vasen nachzuspüren. Von all diesen Leuten erhielten Sie stets Nachricht von Dingen, die anderen verborgen blieben, und Sie haben gewiß die Ursachen und das Entstehen dieser neuesten Begebenheiten, die uns als plötzliche Erscheinungen überraschen, lange im voraus gekannt. Sie sind ja vielleicht der einzige Europäer, der China so gut kennt, daß Sie spurlos in den Volksmassen untertauchen könnten – den Strickland Chinas hatten Kipling-Schwärmer Sie einstmals genannt. Wenn irgend einer, mußten Sie sich retten können.
Wenn ich doch aber nur eine Silbe von Ihnen hörte!
Ach, dies fortwährende Grübeln und Sehnen – dies Wissenwollen und doch Zittern vor dem Wissen.
Beständig schweifen die Gedanken zurück zu den verflossenen Jahren. Das Pekinger Häuschen, das Sie uns zu mieten und einzurichten halfen, sehe ich immer wieder vor mir. Mit Mauern umfriedet lag es in der Straße hinter den Gesandtschaften nahe am Hatamen, dort, wo die großen Bäume stehen. Des kleinen Hofes mit der riesigen, verwitterten Steinschildkröte, und der Wistaria mit den hell lila Blütendolden gedenke ich und der vielen Abende, die wir unter dem alten Baume sitzend dort verbrachten. Der Wind spielte in den Zweigen und leise fielen die blassen Blüten auf uns herab. Eine verspätete Biene flog summend durch den Hof. Von jenseits der Mauer drangen die seltsamen, abendlichen Rufe der Verkäufer, die durch die Straßen zogen, aus der großen, grauen Stadt zu uns – Töne aus einer Welt, von der wir allmählich einige kleine Äußerlichkeiten zu unterscheiden lernten, deren Geist und innerstes Wesen uns doch ewig fremd und rätselhaft bleiben werden. Und beklemmend wurde in solchen Stunden das Gefühl unendlicher Ferne und Weite. Einer Last gleich legte es sich auf das Herz. Ein traumhaftes Empfinden der Angst, im Raum verloren, durch unabsehbare Entfernung und unendliche Zeiten von allem getrennt zu sein, das früher einmal unsere Welt gewesen.
Was mag aus unserem Häuschen geworden sein? Was aus den Menschen allen, die ich dort gekannt, die inmitten Tausender fremder und feindlicher Wesen so ahnungslos sicher dahinlebten? Es ist, als seien sie alle weggezaubert, versunken in eine Nacht, die unser Blick nicht zu durchdringen vermag. Immer wieder sehe ich sie alle vor mir, wie sie sich am Morgen unserer Abreise in unserem kleinen Hofe versammelt hatten, um uns Lebewohl zu sagen. Öde und ausgeräumt war alles und Ta dirigierte die Kulis, die sich die letzten Koffer und Kisten aufluden. Man saß auf den Treppenstufen und auf dem Rücken der alten Steinschildkröte herum, und alle Sprachen schwirrten durcheinander. Abschied wurde genommen und Rendez-vous in der Pariser Ausstellung verabredet: Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen! tönt es mir immer wieder in den Ohren. Wie oft und ahnungslos haben wir doch alle an jenem Morgen das Wörtchen wiederholt! Und dazu knatterten die Feuerwerke, mit denen die Chinesen alle Abreisen begleiten, um die bösen Geister zu verscheuchen. Aber die füllten wohl schon damals das ganze Land, unsichtbar lauernd harrten sie ihrer Stunde und keiner von jenen, die da standen, fühlte ihre Gegenwart. Denn das Schicksal schlägt mit Blindheit, die es zu verderben gewillt ist.
Und Sie, der Sie vielleicht der Einzige waren, der ahnend vorausschaute, wo sind Sie, lieber Freund? – das ist die quälendste, unerträglichste Frage. In immer neuen Gefahren glaube ich Sie zu sehen.
Wann werden wir wissen? oder ... werden wir nie wissen?...
New York, den 25. Juni 1900.
Mein Tagebuch ist mein einer großer Trost. Ich vertiefe mich ganz in seine Lektüre. In ihm erlebe ich Vergangenes immer von neuem und vergesse zeitweise die qualvolle Gegenwart. Ich kann verstehen, was ganz alte Leute meinen, wenn sie von der großen Freude sprechen, die es gewährt, einen Menschen zu treffen, der uns kannte, als wir jung waren. Mein Tagebuch ist mir wie jemand, der mich schon lange kennt, in dem ich mich wiederfinde, und vor allem ist es mir jemand, der Sie gekannt hat. Wie lang verweil ich doch bei den Seiten, in denen ich etwas von Ihnen wiederfinde!
Heute las ich von einem Morgen, an dem Sie mich abholten, um mir in chinesischen Läden beiBesorgungen für das Häuschen zu helfen. Nur wenige Worte enthält mein Tagebuch darüber, aber die rufen mir alles wieder lebhaft vor Augen.
Ob Sie sich wohl auch noch daran erinnern?
Es war Winter. Wir gingen durch das finstre Tor der Tatarenstadt und dann über die Bettlerbrücke, uns mühsam einen Weg bahnend zwischen langen Zügen mongolischer Kamele, zahllosen wirr durcheinanderfahrenden blauen Karren und einem Gewühl seltsam fremdartiger Menschen: Mongolen, in breitabstehenden Pelzmützen und dicken ockergelben und kupfrig roten Röcken; Chinesen, fröstelnd trotz ihrer vielen wattierten Gewänder, die Hände unter den lang überhängenden Ärmeln verborgen, auf dem Kopf einen spitz in die Höhe stehenden roten Baschlick, der fest um den Hals zugebunden war. Andere trugen über den Ohren kleine Pelzfutterale; man konnte sie oft mehrmals anrufen, sie hörten gar nichts und wurden beständig von Karren und Reitern angerannt.
Das waren die Wohlhabenden, die sich gegen die Kälte zu schützen vermochten, aber auf der Bettlerbrücke, zwischen den kleinen offenen Buden und Garküchen, drängte sich eine Menge grausiger Gestalten; halb nackt waren manche und die abgemagerten Körper zitterten vor Kälte; wir sahen eingefallene Gesichter, blaue Lippen, violette, halberfrorene Glieder, Wunden und Gebrechen aller Art, Haare struppig verfilzt, Augen, die wie im Wahnsinn starrten. Kaum menschliche Wesen waren sie zu nennen in ihrem Schmutz und ihrer namenlosen Verkommenheit. Und viele waren noch sehr jung, noch Kinder, und mußten doch auch mal eine Mutter gehabt haben! Und der Jammer dieser vielen, besser nie gelebten Leben erschien deshalb so entsetzlich, weil seine völlige Hoffnungslosigkeit so klar vor Augen lag.
Umringt von den Bettlern blieben wir an einer der kleinen Garküchen stehen, wo in alten, hundertfach gesprungenen und mit Draht kunstvoll geflickten Porzellannäpfen, namenlose, seltsam duftende Speisen feil geboten wurden. Heißhungrig schauten die Bettler nach der großen Pfanne über dem offenen Feuer, auf der Fleischabfälle, zu Bällen geformt, in siedendem Fett gebraten wurden. Bläulich stieg der heiße Dunst auf in der kalten Winterluft und gierig sogen die Armen den Geruch brozelnden Fettes ein und drängten sich möglichst nahe an das Feuer. In ihres Daseins Hölle war eine warme Mahlzeit am Feuer einer Garküche wohl das Höchste, was die Erde zu bieten vermag – und Sie ließen allen zu essen geben und blieben dabei, damit auch jeder wirklich sein Teil bekam; denn die Bettler Pekings waren Ihre besonderen Schutzbefohlenen. Wie oft habe ich Sie von dieser merkwürdigen Schar umringt gesehen, die wir Ihre Garde nannten!
Ich fragte Sie nach einigen der seltsamsten Gestalten, Sie kannten sie alle und sagten: »Auch unter diesen rechtlosesten aller Menschen bestehen noch Rechtsstreitigkeiten: Jeder darf nur in bestimmten Straßen betteln; alle zusammen bilden sie eine Gilde, an deren Spitze ein kaiserlicher Prinz steht, dem sie einen jährlichen Tribut entrichten müssen – denn nichts auf Erden wird mehr ausgebeutet, als das Elend, das sich nicht zu wehren vermag.«
Von der Bettlerbrücke bogen wir rechts in kleine Straßen ein. Ich weiß nicht, ob der Anblick all des Jammers um uns her uns darauf gebracht hatte, aber ich entsinne mich, daß wir auf dem Weg von dem geringen Maß an Glück sprachen, das auf Erden zu finden ist, und daß ich sagte: »und diesem bißchen Glück vermögen wir auch nicht mal voll ins Gesicht zu schauen, immer erscheint es uns im Profil, zurück in die Vergangenheit, oder hinaus in die Zukunft schauend.«
»War es denn wirklich gar nicht möglich, dem Glück in der Gegenwart kühn und entschlossen, voll ins Antlitz zu schauen?« sagten Sie leise vor sich hin, und der Klang Ihrer Stimme erschien mirplötzlich beinah fremd, bebend, als benähme Ihnen die eisige Luft den Atem.
Ihre leisen Worte enthielten eine Frage.
Aber ich vermochte nicht zu antworten – fürchtete das Zittern der eigenen Stimme. Fühlte Ihre Augen auf mir ruhen und wagte nicht aufzuschauen.
Ich schüttelte nur schweigend den Kopf.
Der Wind pfiff eisig um die Ecken. Der Boden war hart gefroren. Der Winterhimmel hing schneeschwer herab. Es war, als laste uraltes Unheil auf der ganzen Welt. Fröstelnd empfand ich plötzlich die große Kälte. Eilend, wie vor Gespenstern fliehend, schritten wir weiter.
Wir sprachen beide nicht mehr.
New York, den 26. Juni 1900.
Vor einigen Tagen lasen wir, daß der Provikar Hofer, dessen Warnungen niemand in Europa glauben wollte, und der nach China zurückgekehrt ist, sich in Schanghai befindet. Ich telegraphierte ihm, ob er wisse, wo Sie sind, denn ich konnte die Ungewißheit nicht mehr länger ertragen. Undsoeben kommt die Antwort: »Muß nach letzten Nachrichten unmittelbar vor Beginn Belagerung Peking eingetroffen sein.«
Also nicht mal mehr die eine schwache Hoffnung, daß Sie vielleicht irgendwo im Innern Chinas sicher und verborgen seien! Daran hatte ich mich während der letzten Tage geklammert. Je schlimmer die Nachrichten über Peking lauteten, desto sicherer und bestimmter nahm ich an, daß Sie nicht dort seien, suchte mir zu beweisen, daß Sie gar nicht dort sein könnten, wollte es nicht zugeben.
Und nun sind Sie doch dort! – All die entsetzlichen Nachrichten, die wir seit Tagen mit Grauen gelesen, sie sind zu lebenden Wirklichkeiten, zu Bildern geworden, die mich unablässig verfolgen, seit ich weiß, daß Sie mit eingeschlossen sind in der Stadt des Leidens.
Jeder einzelne, der dort hinter den finsteren Mauern der Erlösung harrt, muß ja den fremdesten Menschen Mitleid einflößen – aber was ist das neben der Angst und Verzweiflung, die mir das Herz zerreißen um Sie – um Sie, liebster Freund!
Und jetzt gar nichts tun zu können, wo man so gern das eigene Leben gäbe, wo es schon Glück wäre, auch nur mit leiden zu dürfen!
Und inmitten all der Marter plötzlich vor dem eigenen Herzen wie vor einer Offenbarung stehen und sich staunend fragen: Kann das denn sein? Bin ich es denn wirklich?
New York, den 27. Juni 1900.
Seit wann weiß ich eigentlich, was Sie meinem armen, in frühem Morgensturm entwurzelten Leben geworden sind? Hab ich es dort in Peking schon geahnt? Hab ich es jetzt erst allmählich entdeckt? Ich weiß es nicht mehr. Mir ist, als hätte es nie anders sein können. – Wir haben es uns nie so ganz gesagt – aber wir beide wußten es doch wohl immer. So vieles lag zwischen uns, hemmend und trennend. – Wozu da reden? Und sind wir nordische Menschen nicht alle etwas Stumme des Himmels? Es ist, als hindere uns eine gewisse Scheu, unsere tiefsten Gefühle auszusprechen. Mit der Feder sind wir viel beredter, da fühlen wir uns allein und frei, als könne niemand hören, was wir lautlos dem Papier anvertrauen.
Äußeren Schicksalszwanges hat es bedurft,um klar zu sehen, der Angst, die die Schleier zerriß.
Wenn ich an meine jungen Jahre denke, die des Lebens schönste sein sollten, so habe ich immer nur die eine Erinnerung an eine Last, die über meine Kräfte ging, die ich weiter trug, weil ich mir nicht zu helfen wußte, weil ich im Ertragen nicht schwach war, aber wohl viel zu schwach und öffentlichkeitsscheu, um selbst mein Schicksal in die Hände zu nehmen und es nach eigenem Willen umzuwandeln. Ich trug es wie es nun einmal war.
Ich habe einige Frauen vom Übermenschtypus gesehen, die dasjenige einfach abschüttelten, was sie in der freien Entfaltung ihres Ichs hinderte; die schicksalsstark waren und selbstgestaltend in ihr Leben eingegriffen; denen die eigene Person das Idol war, vor dem sich alles beugen mußte. Ich habe auch Frauen gekannt, die zwei getrennte Leben führten, ein Leben vor aller Augen offen, kalt, grau, von unendlicher Langeweile; und daneben ein anderes, verstecktes, voll süßer Geheimnisse, voll erstohlenen Glücks, das die Leere und Öde des ersteren ersetzen mußte.
Beide Arten von Frauen habe ich angestaunt, vielleicht auch etwas beneidet, aber ich hätte keine je nachahmen können – es wäre allzusehr meiner innersten Natur zuwider gewesen.
Ich habe gewartet. Gleich vielen Frauen, die ihr Leben lang nichts tun als warten.
Die Wandlungen in meinem Leben sind immer von außen gekommen.
Nach Jahren, in denen die goldene Jugend schwand, ward mir die allzu schwere Last, ohne mein Dazutun, wenigstens teilweise abgenommen. Aber sie hatte mir ihren Stempel gelassen. Das Gebücktsein war mir geblieben, wie den Bäumen, die sich jahrelang vor dem Nordsturm beugen mußten. Alle Schwungkraft hatte ich verloren. Hoffnungslos schaute ich um mich. Was konnte das Leben noch enthalten?
Wanderjahre folgten und brachten etwas äußere Zerstreuung. In mir war es ganz still geworden. Ich hielt es für Todesstille, die ja für so viele lange vor dem Tode kommt.
So kam ich nach Peking.
Damals wähnte ich, des Lebens Kampf sei überwunden, und wunschlos lebte ich hin in wachem Traume. Wie blasse Nebelbilder glitten die Tage an mir vorüber. Müde, müde war ich, gleich allen, die nur noch des Endes harren.
Da kamen Sie.
Wie soll ich das schildern, was unbewußt, ungesucht geworden, woran ich nie rührte, was ich nicht sehen wollte. Die wir viel gelitten, wirscheuen uns davor, die dunkelsten, verborgensten Tiefen des eigenen Herzens zu durchleuchten, wir gehen rasch an diesen Schlupfwinkeln alter und neuer Leiden vorbei, wie Kinder schnell durch ein finsteres Zimmer laufen. Das Leben hat uns Angst vor dem Unbekannten gelehrt, wir wissen, daß es meist neues Weh bedeutet, drum rühren wir nicht daran, schreiten vorsichtig und reden leise. Mutlos war ich geworden. Wollte nicht sehen, daß wir nach allem Erlebten, doch immer noch Träger vieler Möglichkeiten sind, die verborgen in uns ruhen, harrend nur einer gewaltigen Kraft, die sie unter Schmerzen ins Leben rufe.
Ich wähnte, mein Tag ginge schon zur Neige, und es ward noch einmal Licht. Ist es eine gütige, wärmende Sonne, die den Abend reicher und goldener bescheinen wird als es der ganze müde Tag je gewesen? Ist es ein grell sengender Blitz, der aus dunklem Gewölk niederfährt und das verwüstete Land noch einmal fahl bescheint? Ich weiß es nicht. Weiß nicht, welch Himmelszeichen über uns steht. Kann nicht der Zukunft Schleier durchdringen. Aber die gewaltige Kraft, die Verborgenes, Schlummerndes ins Leben ruft, sie ist gekommen in Sorgen und Bangen; sie drückt mir die Feder in die Hand zu Worten, die ewig ungeschrieben geblieben wären, ohne diese Angst um Sie!
Äußeren Schicksalszwanges hat es bedurft, der Not dieser Tage, die mich in mir sehen lehrten. Heute weiß ich, was Sie mir geworden.
New York, den 29. Juni 1900.
Die Seymoursche Kolonne ist nach Tientsin zurückgekehrt – und sie ist nie nach Peking gekommen! Alles Hoffen, daß sie doch dahin gelangt sei, war vergeblich.
Nichts, nichts über Peking ist bekannt – und ich weiß nur, daß Sie dort sind.
Es heißt, chinesische Vizekönige im Süden hätten Telegramme erhalten, daß die Gesandtschaften sich am 25. Juni noch hielten. Und die ganze Welt läßt sich das bieten, daß den chinesischen Beamten in Schanghai andauernd Nachrichten zugehen über das, was in Peking geschieht, daß die Fremden aber kein Telegramm von dort erhalten können!
Warum bemächtigt man sich denn nicht des Telegraphen-Taotais Sheng in Schanghai und sagt ihm: Binnen vier Tagen erhalten sämtliche Regierungen Chiffre-Telegramme ihrer Gesandten, oder du wirst geköpft! Das würde wirken.
Aber gegen große Mandarine ist man ja noch nie scharf aufgetreten!
New York, den 3. Juli 1900.
Heute sagt ein Telegramm, in Tientsin sei ein Bote Sir Robert Harts aus Peking eingetroffen, der einen vom 25. Juni datierten Zettel gebracht habe, die Lage sei verzweifelt, die Fremden in der englischen Gesandtschaft vereinigt, wo sie beschossen würden.
O Gott und zu wissen, daß Sie dort sind!
Ob es noch andere Menschen gibt, die dieselbe Verzweiflung empfinden können wie ich? Und die Empörung, wenn man dann in derselben Zeitung, wo dieser Notschrei steht, spitzfindige Erörterungen darüber liest, ob eigentlich ein Krieg mit China bestände oder nicht, sowie Äußerungen des langjährigen Bewohners und Kenners Pekings, Herrn von Soundso, der erkläre: Prinz Tuan könne unmöglich so gehandelt haben, wie erzählt werde, er sei zwar rauh, aber ehrlich und gutmütig.
Ich glaube wahrhaftig, es gibt noch Leute, die sich was darauf einbilden, so einen chinesischen Prinzen gekannt zu haben.
Oh über den unvertilgbaren Snobismus der Welt!
New York, den 6. Juli 1900.
Diese entsetzlichen Nachrichten in den Zeitungen – ein Martyrium, sie lesen zu müssen. Die schauerlichsten Einzelheiten, die auf dunklen Wegen über die letzten Kämpfe in Peking bekannt geworden, werden herausgegriffen und dann in riesigen Lettern fett gedruckt als Überschriften, die Leiden all der Unglücklichen zur geschäftlichen Spekulation ausgenutzt, die auf das Sensationsbedürfnis der Menge rechnet. Und nicht nur die Gleichgültigen lesen das, nein auch die, denen es an die innersten Wurzeln alles Lebens und Empfindens greift. Sie sehen all die furchtbaren Bilder vor den inneren Augen, Tag und Nacht! Wird nichts sie je mehr verwischen?
Und sie müssen auch lesen, daß man die Gesandtschaften als verloren aufgegeben und sich damit abgefunden hat. Es sei überflüssig, heißt es,nochmals Leben zu riskieren, um ihnen zu Hilfe zu eilen, da doch alles längst vorbei sein müsse. Man spricht sogar davon, Tientsin zu räumen. Im Herbst, wenn Hitze und Regenzeiten vorüber, solle dann ein schöner, großer Strafzug ausgeführt werden.
Was liegt uns an Strafe, die wir um unsere Liebsten bangen! wir wollen Rettung!
New York, den 12. Juli 1900.
Heute besuchten mich ganz fremde Leute, ein alter Mann und eine alte Frau. Sie sagten, sie hätten einen Sohn in Peking gehabt – und das genügte mir; die fremden Leute standen mir mit einemmal ganz nah. Aber sie sagten, sie hätten ihn gehabt, nicht, daß sie ihn hätten. Sie sind ganz überzeugt davon, daß dort hinter den hohen Mauern alles zu Ende ist, daß keiner mehr lebt. Beide hatten etwas Resigniertes, wie alte Leute, denen ihre Liebsten einer nach dem andern weggestorben sind, bis Unglück schließlich als das allein Selbstverständliche erscheint. Die alte Frau hatte etwas frischen Krepp auf ein schäbiges schwarzesKleid gesetzt, das aussah, als sei es in einer Reihe von Trauern aufgetragen worden. Sie hatten irgendwie erfahren, daß wir in Peking gewesen, und hatten nur die Sehnsucht, einmal über alles dortige reden zu hören und zu fragen, ob wir den Sohn vielleicht gekannt hätten. Sie erwarteten keine Ermutigung, sie waren ganz hoffnungslos. Und das war mir das Entsetzlichste, zu sehen, daß andere, die auch ihr Liebstes dort haben, es als ganz rettungslos verloren bereits aufgegeben haben. Das eigene weiter hoffen wollen erschien mir mit einemmal beinah kindisch und töricht. Alles, womit ich mir täglich ein wenig neuen Mut einzureden suche, ist so kläglich schwach, hat eigentlich kaum eine einzige vernünftige Begründung – auch heute steht es wieder mit voller Sicherheit in den Zeitungen, daß kein einziger Fremder mehr in Peking am Leben ist. Die beiden alten Leute haben sich still dahineingefunden und werden nun so weiter leben und noch mehr Trauern tragen.
Aber ich kann nicht – o Gott, nein, ich kann nicht!
Und wenn sie alle auch sagen, daß alles hoffnungslos vorbei ist und wenn auch die Glocken zu Trauergottesdiensten läuten – ich kann's nicht glauben – will's nicht glauben. Und ich schreibe Ihnen weiter, liebster Freund, schreibe Ihnen, weilich nicht anders kann, weil mir ist, als bildeten diese Zeilen die letzte Brücke zwischen uns. Hörte ich auf, Ihnen zu schreiben, so wäre es mir, als bestätigte ich damit das entsetzliche Unheil, als hätte ich es geschehen lassen – so aber glaube ich, Sie zu halten, Sie zum Bleiben zu zwingen, weil ich Ihnen noch so viel, so sehr viel zu sagen habe. All unsere zusammen verlebten Jahre, von denen ich jetzt erst ganz fühle, wie sehr wir sie zusammen verlebt haben, sie ziehen in Bildern an mir vorbei; und ich möchte sie Ihnen schildern, und jeder Satz begänne dann: »Erinnern Sie sich? wissen Sie noch?« Ich weiß es ja, daß Sie noch wissen, daß Sie sich erinnern – denn jene Jahre sind Ihnen das, was sie mir sind – das worauf man von Anfang an gewartet, was man nie vergißt, was in letzter Stunde noch vor den Augen stehen wird, als einziges, was zu leben wertgewesen.
Bay View, den 16. Juli 1900.
Während der letzten Zeit bin ich viel krank gewesen. Es ist, als ob meine Kräfte ganz allmählich schwänden. Jeden Morgen fühle ich, daß meinkleiner Vorrat an Widerstandskraft wiederum ein bißchen abgenommen hat. Die Hitze und Schwüle der Stadt seien schuld daran, meinte der Arzt, Seeluft würde mir gut tun. Ich weiß es anders. Die fortwährende namenlose Angst nagt an mir Tag und Nacht; und nur das, was wie ein Wunder wäre, kann mir noch helfen.
Aber mein Bruder wünschte so sehr, etwas für mich zu tun, für die doch nichts mehr zu tun ist. Da hab ich mich gefügt, und wir sind in dies nahe Seebad gezogen.
Ich bin so müde, so hoffnungslos. Warum noch irgend etwas? Warum irgend etwas nicht? Was kann noch Wert haben, wenn das Eine, Entsetzliche geschehen durfte? Es ist jetzt ja doch alles einerlei.
Das Eine aber, was ich nicht ertragen kann, ist, wenn fremde, wohlmeinende Menschen mir sagen: »Wie müssen Sie froh sein, daß Sie nicht in Peking sind!« Oder: »Es ist doch eine wahre Fügung Gottes, daß Sie wenige Monate vorher abgereist sind.«
O nein, ich bin nicht froh, fort zu sein! Wachend und träumend habe ich ja nur den einen Wunsch, in Peking zu sein, seitdem ich weiß, daß Sie dort sind. Dann wären wir doch zusammen – und was läge mir dann daran, alle Leiden erdulden zu müssen? Sie wären ja alle leichter zu ertragen alsgetrennt sein und nichts von einander wissen. Und wenn es zum Schlimmsten käme und keine Rettung möglich wäre? Lebendig sollten uns die Wilden nicht bekommen; und in meinem letzten Blick würden Sie noch Glück und Dank lesen, Dank für Leben wie für Tod, für alles, was Sie mir gegeben.
Und warum soll es eine Fügung Gottes sein, daß ich gerettet bin, während vielleicht viele Frauen und kleine Kinder auf entsetzliche Weise umgekommen sind? Die waren doch so unschuldig wie ich an all der Verblendung, die allein das Furchtbare möglich gemacht hat. Welch ein Gott, der solcher Auswahl fähig wäre! Wir würden uns ja von jedem Menschen mit Abscheu wenden, der, in solch göttlicher Allmachtsstellung, nicht jeden Unschuldigen retten wollte. Der Gott so vieler Menschen erreicht in den Handlungen und Erwägungen, die sie ihm andichten, aber nicht einmal ein bescheidenes, menschliches Mittelmaß – es ist eben nicht Gott, der die Menschen sich zum Bilde geschaffen, sondern die Menschen haben sich einen Gott konstruiert, nach dem Entsetzlichsten, was sie in der eigenen Natur fanden.
Ein Gott! der Tausende für die Fehler einzelner leiden läßt!
Was muß in Peking während dieser letzten Wochen von Unschuldigen schon erduldet wordensein, und was wird noch alles folgen? Von allen Ländern aus fahren jetzt Schiffe nach dem fernen Osten; sie sind voller Menschen, die bis vor wenigen Tagen von China vielleicht nur wußten, daß dort die Männer Zöpfe tragen und die Frauen auf winzigen Füßen einhertrippeln. Diese Kosaken und Franzosen, Engländer und Italiener, Söhne deutscher Gauen, Amerikaner, Japaner, sogar Inder – wozu ziehen sie aus? An einem entlegenen Erdenwinkel werden sie unbekannte gelbe Männer treffen, die ihrerseits von ihnen nie vorher gehört haben. Tausende von Meilen trennten sie bisher von einander, und sie konnten weder Freund noch Feind sein, denn sie wußten nicht einmal von der gegenseitigen Existenz. Trotzdem wird jetzt einer den andern umbringen, und man wird das schön und patriotisch nennen.
Wie sinnlos scheint es doch alles!
Viele ziehen jetzt aus jung und gesund und werden nie wiederkehren, durch Krankheiten mehr noch als durch Kugeln hingerafft. Andere werden wohl zurückkommen, aber wie? Und alles, um die Fehler anderer zu sühnen!
Und wenn man nun an die Chinesen denkt, an diese armen Unbekannten. Wie viel noch namenloseres Elend wird dort entstehen? Aber auch da wird es nicht die eigentlich Schuldigen treffen,sondern auch wieder die, so sich nicht wehren können, jene Klasse Menschen, deren jahrtausendelanges Leiden in allen Ländern und bei allen Völkern gleichsam eine unterste Erdschicht bildet, auf der sich alles andere aufbaut, alles, worin wir es so herrlich weit gebracht.
Die jetzt also ausfahren, schließen sich der größten aller Flotten an, die in endlosen Schiffreihen hinaus segelt in verschleierte Fernen, zu unbekannten Häfen; jener Flotte, die bestanden hat, so lange es Menschengeschichte gegeben, deren Anfang in die nebligen Fernen urältester Vergangenheit reicht, die seit den Tagen der Ägypter, Perser und Griechen von Jahr zu Jahr gewachsen ist, die nimmer enden wird. Sie ist bemannt mit grauen Leidensgestalten, mit den Zahllosen, den Namenlosen, die von jeher die Schuld der Wenigen getragen.
Und alles ist Fügung Gottes.
Bay View, 19. Juli 1900.
Wenn mein Bruder nachmittags aus New York zurückkehrt, gehe ich ihm immer entgegen, jedesmal von neuem hoffend, daß er endlich Kunde desWunders bringen wird. Aber jedesmal schüttelt er schon von weitem den Kopf – keine Nachricht, noch immer keine. Dann fragt er mich, womit ich den Tag verbracht, und wenn ich ihm die stets gleiche Antwort gebe, daß ich Ihnen, liebster Freund, geschrieben habe, sagt er kein Wort, aber ich lese ihm den Gedanken von der Stirn »Wozu noch?« Er spricht ihn jedoch nie aus und läßt mich ruhig gewähren – wie eine hoffnungslos Kranke, die uns jammert und der man so gern ein paar Stunden des Wahnes gönnt. Muß ich nicht jeden jammern? ich und die Vielen, die sich seit Wochen grämen wie ich? Wie ich? Mir ist, als könnte sich kein zweiter Mensch so in Angst verzehren, als sei dies Leid nur einmal möglich in der weiten leidvollen Welt.
Bay View, 20. Juli 1900.
Was wird in solchen Zeiten nicht alles wieder in mir wach! Alter Aberglaube ersteht wieder, den ich auf immer für abgetan hielt – selbst in das Handeln mit dem lieben Gott verfalle ich zurück. Wie lang, wie lang ist es doch her, daß ich denalten Kaufherrn mit dem langen Silberbart um etwas angegangen bin, aber heute hab ich ihn stürmisch gebeten: »Laß ihn nur leben, laß ihn nur gerettet sein, und ich will dafür auf alles verzichten, will ihn nie wiedersehen, nie mehr seine Stimme hören, nie mehr seine Hand halten – aber laß ihn leben, laß ihn gerettet sein.«
Ich weiß nicht, ob er mich erhört hat; und doch müßte er es eigentlich, denn es ist ein Handel so recht nach alttestamentlichem Sinn – ich biet ihm mein Leben, mein Glück, mein Alles an, um einen andern zu retten – solche Verträge soll er von altersher geliebt haben!
Bay View, 21. Juli 1900.
Gestern noch eine entsetzliche Beschreibung des Endes aller Fremden in Peking und heute bringt Wu-ting-fang dem Washingtoner Auswärtigen Amt ein Chiffre-Telegramm des amerikanischen Gesandten in Peking!
Es ist in allen Zeitungen abgedruckt: »In britischer Gesandtschaft unter fortwährendem Feuer chinesischer Truppen, rascher Entsatz allein kann allgemeines Massacre verhindern.«
Seit Tagen versprach Wu, eine direkte Verbindung mit Mr. Conger herzustellen. Aber niemand glaubte ihm. In seiner Vielrederei, Vielgeschäftigkeit und Wichtigtuerei glich er zu sehr der mouche du coche der Fabel; aber alles soll ihm verziehen sein, was er in seinem Babuenglisch sonst etwa zusammenphantasiert hat, wenn nur dies eine wahr ist, denn es ist doch der erste Hoffnungsschimmer, der uns wiedergegeben ist. Schwach ist er freilich – aber wir können doch wieder hoffen. Die armen, tapferen Menschen halten sich noch immer und sie werden gerettet werden – sie müssen gerettet werden.
Aber nun nur Eile, aus Barmherzigkeit Eile, daß uns nicht noch in letzter Stunde unser Liebstes entrissen werde! Denkt der Ärmsten, die dort hinter den hohen grauen Mauern harren und horchen, ob sie den dröhnenden Schritt der heranrückenden Befreier vernehmen – denkt auch der Ärmsten, welche in allen Ländern mit sehnsüchtigem Herzen harren und horchen auf den ersten Ton lieber Stimmen, die von jenseits der hohen grauen Mauern nach langem Schweigen wieder erklingen und von all den Leiden der letzten Wochen reden werden.
Oh! Eilt euch! eilt euch!
Bay View, 28. Juli 1900.
Es ist beinahe, als ob die Welt es nicht wahr haben wolle!
In Europa glaubt man jetzt ebenso hartnäckig an das Pekinger Massacre, wie früher an die Bedeutungslosigkeit der Boxer-Bewegung. Nur mit Sensen sollten die Aufständischen bewaffnet sein, ein starker Regen, hieß es, würde sie auseinandertreiben. Jetzt kann man sie nicht furchtbar genug schildern. Vor wenigen Wochen wurden Wachen von 30 Mann für jede Gesandtschaft als überreichlich erachtet – heute sollen 60000 Mann nötig sein, um von Tientsin nach Peking zu marschieren. Die sich mehrenden Nachrichten chinesischer Vizekönige, daß die Fremden noch am Leben seien, werden alle als Täuschungsversuche hingestellt, hinter denen sich schauerliche Pläne verbergen.
Ach, das Schauerliche wird sein, wenn man durch dies lange Reden und Zaudern wirklich zu spät kommen sollte!
Bay View, 6. August 1900.
Endlich scheint doch das Zaudern vorbei! Die Truppen sind von Tientsin aufgebrochen!
Stündlich verfolge ich nun mit den Gedanken ihren Zug, sehe in der Erinnerung beständig das Land zwischen Tientsin und Peking, wie ich es gerade jetzt vor vier Jahren zuerst erblickte, sehe die wehenden grünen Hirsefelder wieder und den braunen Peiho, auf dem die schwerfälligen Boote, mit großen Segeln besetzt, träge stromaufwärts glitten, den endlosen Windungen des Flusses folgend. Damals gab es noch keine Eisenbahn – heute existiert sie nicht mehr! In Hausbooten reisten wir den Peiho hinauf. Vier Tage dauerte die heiße Fahrt. Und all die Namen, die heute die Zeitungen füllen, Ho-hsi-wu, Pei-tsang, Yang-tsun, vernahmen wir damals zum erstenmal, sahen diese grauen Hüttenflecken, die jetzt geschichtliche Orte geworden, an denen Schlachten geschlagen werden.
Bay View, 10. August 1900.
Manchmal ist mir, als hörte ich ganz deutlich Ihre Stimme. – Dann geht ein Zittern durch mich, der Atem stockt, die Herzschläge fliegen, und ich schließe die Augen und lausche in namenlosem Glück.
Bald, bald muß es ja sein. Zuerst werde ich gar nicht auf die Worte achten können und nur immer den lieben Klang trinken. Wie lang ist es doch schon her! Wissen Sie es noch? Haben Sie sich auch so unsagbar, so unaussprechlich gesehnt? So wie ich gesehnt?
Aber in wenigen Tagen muß ja die furchtbare Angst und Trennungszeit vorüber sein. Bald, bald müssen die Befreier vor Peking stehen.
Nicht wahr, liebster Freund, dann kommen Sie auch gleich, gleich! auf dem schnellsten Schiff, auf dem kürzesten Weg – ich kann es ja nicht länger ertragen.
Was liegt Ihnen noch an alten chinesischen Handschriften? Mögen die doch alle untergehen! Ich gebe Ihnen dafür mein ganzes Herz, darin zu lesen, und was in ihm steht, ist auch schon alt, ist nicht schwer zu enträtseln und dünkt mich eine so jugendschöne Entdeckung.
Was kümmert Sie noch China? Mag doch der Norden mit Wutki und der Süden mit Ale verzehrt werden, mögen sich die jüngeren Hungernden auch noch jeder seinen kleinen Imbiß zusammenstehlen, aus den Krümeln, die von den Mahlzeiten der älteren, erfahrenen Weltenräuber abfallen – oder mag es zu gar keinem Muspili kommen, sondern alles hübsch im Sande verlaufen, wie man es hiermöchte, wo der Wunsch to be well out of it schon laut wird – mag man in ein paar Monaten schon wieder von den unerschütterlichen alten Freundschaftstraditionen reden und der alten Kaiserin die Hand schütteln – was kümmert es uns?
Kommen Sie nur bald, bald von dort zu mir. Dann mag es meinethalben China für die Chinesen heißen – wenn nur China mir Sie zurückgibt, wenn nur wir beide für einander sein können!
Bay View, 12. August 1900.
Alte Briefe der Belagerten treffen jetzt allmählich in Tientsin ein und werden in den Zeitungstelegrammen veröffentlicht. Sie sind von Boten gebracht worden, chinesischen Christen, denen es gelang, durch die Schleusen, oder selbst als Boxer verkleidet, im Gedränge heimlich aus Peking zu entweichen. Wahre Notschreie sind es, bei denen das Herz sich zusammenkrampft! Und immer dieselbe Bitte »rasche Hilfe, sonst kann sie nichts mehr nützen.«
In manchen der kleinen Zettel ist angegeben, für wie viel Tage der Proviant noch reichen könne,und man rechnet rasch nach – und oft ist die Frist schon überschritten.
EineZahl enthalten die Briefe auch immer – die der Toten.
Und wie sie mit jedem neueren Briefe wächst, diese Zahl derjenigen, für die alle Hilfe zu spät kommen wird!
Und die Angst – wer ist schon mitgezählt worden? Wen wird das Los noch treffen?
Frühestens am 14. sagt man hier, können die Entsatztruppen in Peking sein. Die ganze Welt ist erstaunt über ihr rasches Vordringen – und meiner Ungeduld dünkt es noch immer so langsam! Flügel möchte ich ihnen geben!
Eine so namenlose Angst erfüllt mich gerade vor diesen letzten Tagen und Stunden.
Bay View, 13. August 1900.
Heute Nacht, liebster Freund, wachte ich auf und bildete mir ein, wieder in Peking zu sein. Ich muß im Schlaf ein Geräusch gehört haben, das sich in meinen Träumen zu dem Aufeinanderschlagen zweier Bambusstäbchen verwandelte, womit diechinesischen Nachtwächter ihre nächtlichen Runden begleiten. Wie oft habe ich diesem leisen, dann lauter werdenden, dann wieder verhallenden tak, tak, tak, gelauscht. In heißen Mitsommernächten, wenn die Moskitos gegen die Netze schwirrten und die ganze Erde die Hitze auszuströmen schien, die sie tags über eingesogen hatte, da hörte ich, wie eine dumpfe monotone Begleitung all meiner nächtlich wirren Gedanken diesen gleichmäßigen Klang. Und in kalten Winternächten in Peking, wenn der Schnee die große, graue Stadt, die hohen Mauern und die weite Ebene draußen bedeckte, und die ganze lebende Welt in tiefer Stille untergegangen schien – da tönte es in der großen Ruhe wie letztes, alles überdauerndes Leitmotiv: tak, tak, tak – Freud, Leid, Tod – Freud, Leid, Tod!
Besonders erinnere ich mich einiger Frühlingsnächte, da ich in Peking schwer krank lag und des Lebens Funken wie ein schwaches Irrlicht unstet zwischen mir und dem großen grauen Nichts da draußen hin und her sprang, nicht wissend, ob es gehen oder bleiben solle. Die Fenster standen weit offen; aus dem Hof drang der Duft des weißen Flieders herein; von meinem Bette aus sah ich in den sternbesäeten Himmel. Ein großes Gefühl unendlicher Schwäche überkam mich und doch seliger Befreiung – es war mir als schwebe ich geradehinein in das tiefe Nachtblau, wo die Sterne winkten – und dazu klang es von der fern unter mir verschwindenden Erde wie leise Schicksalsworte: Freud, Leid, Tod – Freud, Leid, Tod!
Heute Nacht hier in anderem fremden Lande habe ich im Traum wieder den altgewohnten Ton vernommen. Er zittert mir im Herzen weiter, aber ich höre nur immerwährend das eine Wort: tot, tot, tot! Und eine namenlose, unbeschreibliche Angst hat mich erfaßt, ein brennender Wunsch dorthin zu eilen, eine wahre Verzweiflung, hier still sitzen zu müssen. Ich möchte helfen und retten, und dann klingt es immer wieder: tot, tot, tot!
Es ist wie eine quälende, verzehrende Sehnsucht, Sehnsucht nach Ihnen, liebster Freund, Sehnen, Sorgen um Sie. Mir ist, als müßte ich Ihnen grad heute noch tausend und abertausend Liebes sagen, Sie schützen und nicht von mir lassen. Warum nur heute gerade dies Bangen und Zittern, dies Grauen, das mir keine Sekunde Ruhe läßt, das mich vom Haus an den Strand, vom Strand wieder ins Haus treibt, das nicht weichen will, wie sonst nächtliche Spukgestalten, die aus den Träumen ins Wachen übergehen, sondern ein Grauen, das wächst und wächst, auch jetzt während ich Ihnen schreibe. Warum das heute, wo dieRetter Ihnen doch schon ganz nahe sein müssen? – Und dazu immer der leise Klang, wie ich ihn schon nachts im Traum vernahm: tak, tak, tak. Er verfolgt mich förmlich. Ich will nicht und muß ihn doch beständig hören. Ich halte mir die Ohren zu, da vernehm ich das Pulsieren des eigenen Blutes, tak, tak, tak. Wie Glockenläuten dröhnt es, wie beständiges, regelmäßiges Schießen klingt es tak, tak, tak. – Was will es mir nur sagen? Ich lausche und lausche. Jetzt ist es ganz leise geworden ... Wie aus weiter Ferne, wie letztes versagendes Herzklopfen dringt es zu mir ... tot, tot, tot ...
Was soll das? Was soll es?
O die Angst! Das Grauen!
Bay View, 17. August 1900.
Endlich, endlich! Nun ist es wirklich wahr! Die ersten Depeschen der Gesandten sind in den Zeitungen abgedruckt. Gerettet, wirklich gerettet, wiederhole ich immer von neuem!
Seit diesen ersten Nachrichten weiß ich nichtmehr, was ich tue und sage, weiß nicht, ob ich lache oder weine!
Es scheint beinah unglaublich, daß einmal die Hoffnung Recht und die Verzweiflung Unrecht gehabt haben sollte!
Und in der Freude des Herzens, das zum Himmel jauchzt und dann wieder ängstlich bebt und fragt: »Ist's denn wahr? Ist's denn wahr?« – in diesen ersten Augenblicken eines wie neu geschenkten Lebens ist es mir, als seien Sie hier dicht bei mir, als erlebten wir es alles zusammen. Es ist ja unmöglich, daß eine solche Glückseligkeit mein ganzes Sein erfüllen kann, und Sie nichts davon wissen sollten. – Sicher wissen Sie's! Ich fühl es ja so deutlich, daß Sie hier ganz nahe bei mir sind, wenn auch die armen noch verweinten Augen Sie nicht zu schauen vermögen.
Sicherlich werden wir uns bald wiedersehen! Es wird ein schöner Abend kommen, an dem wir auf goldigem Strande zusammensitzen und hinausschauen auf das weite Meer, das sich durch Sturmestage zur Ruhe hindurchgekämpft hat, und ein solches Glück des Wiederfindens wird in uns sein, daß keine Sprache je das Wort dafür ersann, daß wir kaum zu atmen wagen, daß wir die Sekunden zu Ewigkeiten wandeln möchten. Ja, so, ganz so wird's sein.