Geboren am 11. August 1801 zu Berlin, wo sein Vater, Ludwig Devrients Bruder, heimisch war. Des Oheims glorreiches Beispiel hat dessen Neffen, die drei Brüder:Karl—Emil—Eduardauch auf die Bühne gezogen. Eduard begann als Sänger (Bassist), zeichnete sich schon in der Oper als sinniger Darsteller aus, ging sodann in’s recitirende Drama über, wurde 1844 als Regisseur nach Dresden berufen und übernahm endlich die ihm von S. K. Hoheit dem Großherzoge von Baden anvertraute dramaturgische Leitung des Hoftheaters in Karlsruh.Eduard Devrient gehört zu den seltenen Schauspielern — und Theater-Menschen überhaupt, — die bei ausdauerndem und nie erkaltendem Feuereifer für die Bretterwelt, sichzu keinerEpoche ihres Lebens von Leidenschaften hinreißen ließen, sondern gemessen, ernst, scheinbar kalt, aufdem schmalen Pfade reinster Sittenstrenge und Moral, ohne jegliche Ausschreitung, ihr hohes Ziel verfolgten. Vielleicht trug sich solche Leidenschaftlosigkeit mitunter auf seine Darstellungen über? „Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert!“ — weshalb sollte der Schauspieler an sich, weshalb sollten wir an ihm nicht vermissen, was dem Menschen und seiner Würde zu Gute kam? Darum kann er immer ein ausgezeichneter Künstler seyn!Auch als dramatischer Schriftsteller hat Eduard D. bewährt, daß konsequenter Fleiß, geleitet von geistiger Einsicht, gestützt auf praktische Umsicht unverkümmerte Erfolge feiern kann; zuverlässiger als haltlose, wenngleich geniale Uebereilung. Die schönsten Sieg doch errang ihm dieses sein edles, unermüdliches Streben, Wollen, Durchführen im Gebiete historisch-dramaturgischer Autorschaft. Seine Geschichte der deutschen Schauspielkunst, 4 B. (1848–62) sichert ihm einen dauernden Platz neben den tüchtigsten Männern. Wahrlich, nicht ohne Grund ernannte ihn eine der berühmtesten Hochschulen bei’m Jubelfeste zum Ehrendoktor.Neun Briefe an Tieck mögen durch ihren Inhalt bestätigen, was aufrichtige Hochachtung ihnen vorangeschickt.
Geboren am 11. August 1801 zu Berlin, wo sein Vater, Ludwig Devrients Bruder, heimisch war. Des Oheims glorreiches Beispiel hat dessen Neffen, die drei Brüder:Karl—Emil—Eduardauch auf die Bühne gezogen. Eduard begann als Sänger (Bassist), zeichnete sich schon in der Oper als sinniger Darsteller aus, ging sodann in’s recitirende Drama über, wurde 1844 als Regisseur nach Dresden berufen und übernahm endlich die ihm von S. K. Hoheit dem Großherzoge von Baden anvertraute dramaturgische Leitung des Hoftheaters in Karlsruh.
Eduard Devrient gehört zu den seltenen Schauspielern — und Theater-Menschen überhaupt, — die bei ausdauerndem und nie erkaltendem Feuereifer für die Bretterwelt, sichzu keinerEpoche ihres Lebens von Leidenschaften hinreißen ließen, sondern gemessen, ernst, scheinbar kalt, aufdem schmalen Pfade reinster Sittenstrenge und Moral, ohne jegliche Ausschreitung, ihr hohes Ziel verfolgten. Vielleicht trug sich solche Leidenschaftlosigkeit mitunter auf seine Darstellungen über? „Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert!“ — weshalb sollte der Schauspieler an sich, weshalb sollten wir an ihm nicht vermissen, was dem Menschen und seiner Würde zu Gute kam? Darum kann er immer ein ausgezeichneter Künstler seyn!
Auch als dramatischer Schriftsteller hat Eduard D. bewährt, daß konsequenter Fleiß, geleitet von geistiger Einsicht, gestützt auf praktische Umsicht unverkümmerte Erfolge feiern kann; zuverlässiger als haltlose, wenngleich geniale Uebereilung. Die schönsten Sieg doch errang ihm dieses sein edles, unermüdliches Streben, Wollen, Durchführen im Gebiete historisch-dramaturgischer Autorschaft. Seine Geschichte der deutschen Schauspielkunst, 4 B. (1848–62) sichert ihm einen dauernden Platz neben den tüchtigsten Männern. Wahrlich, nicht ohne Grund ernannte ihn eine der berühmtesten Hochschulen bei’m Jubelfeste zum Ehrendoktor.
Neun Briefe an Tieck mögen durch ihren Inhalt bestätigen, was aufrichtige Hochachtung ihnen vorangeschickt.
Berlin, den 31. Mai 1835.
Schon längst, verehrter Mann, habe ich dem Drange, auch in der Ferne in lebendiger Beziehung zu Ihnen zu bleiben, durch mittelbare Mittheilungen an meinen Bruder zu genügen gesucht, ohne daß sie mir eigentlich Befriedigung gebracht hätten; dennoch glaubte ich bisher durch directe Zuschrift Sie nicht belästigen zu dürfen. Heut nun giebt eine Art von geschäftlichem Anlaß mir einen Vorwand an Sie zu schreiben und ich ergreife ihn mit Begierde.
Es ist ein Auftrag des Vereins dramatischer Künstler, — von dessen Bestehen ich Ihnen durch meinen Bruder Mittheilung gemacht — welcher mich zu Ihnen führt. Vom Anfange seines Bestehens an, haben wir nämlich Redeübungen vorgenommen, haben gesucht die störenden Ungleichheiten und Unregelmäßigkeiten in der Aussprache abzustellen, was uns auch in vielen Stücken leicht gelungen ist, da nämlich, wo wiruns schnell über die Regel vereinigten und die Unrichtigkeit der Aussprache nur von übler Angewöhnung oder ererbtem Idiom herrührte. Nicht zu erledigen ist uns dagegen bis jetzt die Feststellung der Aussprache des Consonanten g geblieben.
In mehr als 20 Sitzungen ist diese Angelegenheit zur Sprache gekommen, wir haben die ernstlichsten Studien und Beobachtungen darüber angestellt, haben Belehrung gesucht wo sie irgend zu finden war und dennoch ist es uns immer noch nicht gelungen, eine Allen genügende Regel festzustellen: wo in der Mitte und am Ende der Wörter dasgweich und wo es hart auszusprechen sei. — Raupach’s Ansicht, welche ich einholte, gab auf eine Zeit den Ausschlag, er rieth uns, dasgüberall hart auszusprechen, außer nach dem Lautei. Hiernach verfuhren wir eine Zeit lang bei unsren Leseübungen, bald aber erhob sich Widerspruch von vielen Seiten dagegen, man fand, daß durch die strenge Befolgung dieser Regel einige zu große Härten in der Sprache erzeugt würden z. B. in: gerügt, gelegt, Magdeburg, — kurz überall, wo dasgvor einem Consonanten stehe. Mehrere gingen noch weiter und behaupteten: dasgmüsse nicht nur nach demi, sondern auch noch nach demeweich ausgesprochen werden, führten dafür Beweise aus der organischen Bildung des Lautesgund aus seiner Verwandtschaft mit demchan, welches ebenfalls nacha o uhärter, nache iaber weicher gesprochen werde, wie in: Bach, Loch, Buch - Rechen, mich. Andre wollten nun dagegen dasgüberall hart, auch nach demiausgesprochen haben und behaupteten nur unsre Ungewohnheit erzeuge dabei Härten für unsre Zungen, wie für unsre Ohren. Die Mehrzahl der Mitglieder des Vereins vereinigte sich über eine fünffache Art das g auszusprechen: 1) die ganz harte zu Anfang jedes Wortes:Gott,Giftu. s. w., 2) eine minder harte, mit sanfterem Drucke des hinteren Zungentheilesgegen den Gaumen, in:Auge, legen, Weg, Betrag, Sarg, Burg, 3) eine weiche gleich demj, vor einem Consonanten in vergnügt, gelegt, Magd, 4) eine gleich demchin: König, Essig, 5) eine nasale, kaum hörbare, nach demn, in: Ring, bang, fingen, Range. — Ueber die Anwendung aber der 2. und 3. Art der Aussprache herrscht nun immer noch die größte Verschiedenheit der Ansichten und ich, als Secretair des Vereines, bin daher aufgefordert worden, Sie verehrter Mann zu bitten, uns Ihre Meinung über diesen Gegenstand zu sagen. Der Antheil, den Sie der dramatischen Kunst und jeder redlichen Bestrebung für sie schenken, läßt uns hoffen, daß Sie uns Ihre Hülfe in unsren Nöthen nicht versagen werden. Da wir es nicht wagen, unsre Wünsche bis zu einer directen schriftlichen Antwort auszudehnen, so geht meine Bitte dahin, daß Sie vielleicht die Güte hätten, meinem Bruder, welcher wol von Wien zurückgekehrt sein wird, die Regel, das Gesetz, welches Sie selbst Sich über die Aussprache desggebildet haben, in die Feder zu sagen. Leider habe ich mein Gedächtniß vergebens durchstört, um die Erinnerung von der Art und Weise aufzufinden, wie Sie dasgbei Ihren Vorlesungen aussprechen; meine Aufmerksamkeit war auf diesen Gegenstand nicht so scharf gerichtet. Um den Antheil, den Sie unsrem Vereine hoffentlich schenken, zu unterhalten, berichte ich, daß derselbe den besten Fortgang hat, daß er bereits die Früchte hervorbringt, welche man bei seiner Jugend irgend erwarten darf. Es bildet sich eine edlere, freundliche Gesinnung unter den Künstlern, eine Art von künstlerischer Verbrüderung, ein Bewußtsein von gegenseitiger Abhängigkeit und Zusammengehörigkeit. Es ist eine lebhafte Anregung für alle Gegenstände der Kunst, ein Streben nach gemeinsamer Forthülfe, nach einer Einheit des Handelns entstanden, welche das Beste verspricht. Noch hat die freimüthige gegenseitige Beurtheilung der Darstellungen keinen Anlaß zu Empfindlichkeitenoder persönlichen üblem Vernehmen gegeben, im Gegentheile haben wir an uns Allen schon die großen Vortheile solcher offnen Besprechungen deutlich erfahren und somit hoffe ich, von diesem Vereine in der Zukunft für uns die schönste Wirkung zu erleben; ja, wenn unser Beispiel an allen größeren Bühnen Nachahmung findet, so könnte sich die dramatische Kunst dadurch überhaupt aus ihrem Kern heraus wiederbeleben. Mögen diese Hoffnungen Ihnen, verehrter Mann, auch allzu sanguinisch erscheinen, so werden Sie sie doch nicht schelten, da sie aus einer warmen, eifrigen Liebe für unsre Kunst hervorgehn.
Ich kann nicht schließen ohne die Gelegenheit wahrzunehmen, auch Ihren wohlwollenden Antheil für meine Person und mein künstlerisches Fortschreiten, durch einige Notizen anzufrischen. Seit einem Jahre etwa habe ich, wozu Sie mich längst aufgefordert, wichtige Rollen im Schauspiele übernommen und mein Studium besonders darauf gewendet. Die Darstellung des standhaften Prinzen, des Ludwig XIII. und des jungen Königs in: Die Schule des Lebens von Raupach, haben durch ihr Gelingen mir Vertrauen für die höchsten Aufgaben erworben und so will ich nun mit Freudigkeit auf dieser Bahn weiterstreben, auf welcher die Erinnerungen an jene Stunden, die ich in Ihrer Nähe gelebt, mir zur wichtigsten Förderung gedeihen. Raupach, dessen Zutrauen und lehrreicher Anregung ich sehr viel verdanke, könnte bei seiner Anwesenheit in Dresden, Ihnen von mir Ausführlicheres sagen, wenn es Ihr Interesse irgend erregen dürfte. Möchte es mein gutes Glück noch einmal fügen, daß ich vor Ihnen die Resultate meines Strebens darlegen könnte. Vielleicht schenken Sie doch noch Berlin den längst verheißenen Besuch, es würde mir zur süßesten Genugthuung gereichen, wenn Sie in meinen Darstellungen erkennten, daß meine innige Verehrung für Ihre Worte und Werke an meiner künstlerischen Richtungwesentlichen Antheil gehabt. Indem ich nun herzlich wünsche, daß meine Dreistigkeit: Sie mit einem so langen Briefe belästigt zu haben, Sie nicht von mir abwenden möge, bitte ich recht sehr, mich der Gräfin von Finkenstein und Ihrem ganzen liebenswürdigen Hause angelegentlich zu empfehlen und die Versicherung der innigsten Verehrung und Ergebenheit anzunehmen, welche ich für alle Zeiten fürSiehege.
Eduard Devrient.
Eduard Devrient.
Berlin, d. 4. Novbr. 1835.
Sehr geehrter Herr Hofrath!
Seitdem wir im vergangenen Winter zu unsrer und unsrer Freunde größten Freude, in meinem Hause Ihr Rothkäppchen aufgeführt hatten, beschäftigte mich der Plan, eines Ihrer größeren Stücke für die Bühne zu gewinnen. Der Blaubart erschien mir zunächst dafür geeignet und ich habe mich nun fast ein Jahr lang damit umhergetragen: die Auskunftsmittel zu finden, welche nöthig wären, um, der Form nach, dies vortreffliche Gedicht der jetzigen Bühne anzueignen. Immermann hat mir indeß freilich den Vortritt in dieser Herzensangelegenheit genommen, aber seine Aufführung, über welche ich genaue Erkundigung eingezogen, hat mich noch mehr in meiner Ansicht von der Weise bestärkt, in welcher man zunächst das Stück dem heutigen Theater und Publikum anzubieten hätte. Nun habe ich meinen Versuch mit einer Einrichtung des Gedichtes gemacht, habe es Ihrem Freunde, dem Prof. v. Raumer vorgelegt, welcher mir das Zeugniß gegeben, daß durch meine Hand an dem Werke nichts verstümmelt worden, daß mein Zusammendrängen und Sammeln der Handlung nur an der Form verändert habe. So trete ich denn, beschirmt von diesem Zeugniße, vor Sie hin, verehrter Mann, und bitteum die Erlaubniß: Ihr Gedicht, mit meiner scenischen Einrichtung auf die Bühne bringen zu dürfen.
Nach langem Ueberlegen habe ich mich entschieden, Ihnen das Spezielle meiner Einrichtung nicht mitzutheilen, wenn Sie es anders nicht begehren. Billigen können Sie es schwerlich, denn Sie haben ja die Gestalt Ihres Gedichts anders gedacht, die Form, welchemirnothwendig erschien, kannIhnennie natürlich werden; warum sollte ich Sie also mit der Beurtheilung belästigen? Lassen Sie mich den Versuch auf meine Gefahr wagen, selbst sein Mißlingen kann ja dem Gedichte nicht schaden, das in 4 bis 5 Ausgaben längst ein Eigenthum Deutschlands geworden ist. Besser also, Sie haben gar keinen Antheil an seiner Erscheinung auf der Bühne, als daß ein Antheil des Mißlingens auf Sie geworfen werden dürfte. Diese Schuld trage ich dann allein. Wenn aber mein Unternehmen gelingt — und ich rechne zuversichtlich darauf — so ist der Erfolg natürlich der Ihrige und ich habe mir eine lebenslange stille Genugthuung bereitet.
Dies ist meine Ansicht von der Angelegenheit, ich wünsche nichts sehnlicher, als daß Sie darauf eingehen möchten. Daß ich mit ehrerbietiger Scheu und begeisterter Liebe an das Werk gegangen bin, daß ich jede Scene, jedes Wort auf das Bedenklichste abgewogen, ehe ich mich zu einer Verkürzung oder Umstaltung entschlossen und nur das an dem Gedichte geändert habe, was nothwendig sein Heimischwerden auf der heutigen Bühne gehindert hätte — davon sind Sie gewiß überzeugt, und wie ich dieses Zutrauens nicht unwerth zu sein glaube, hoffe ich auch, Sie werden Sich entschließen können, mir die erbetene Erlaubniß zu ertheilen.
In den nächsten Tagen habe ich dem Grafen Redern das Stück, wie es nun ist, vorzulesen, er ist sehr erwärmt für diese Unternehmung. Ich möchte nun schnell die nöthige Musik componiren und die anderweitigen Vorbereitungen treffenlassen, damit die Aufführung wo möglich schon im Anfange des neuen Jahres Statt finden könne. Fast alle Rollen werden bei uns gut zu besetzen sein, wo es am inneren Verständniß des Werkes fehlen sollte, wird sich nachhelfen lassen. Den Simon denke ich zu spielen, und trage ein sehnsüchtiges Verlangen nach der Lösung der Schwierigkeiten, welche diese Rolle bietet. Kurz mein Herz ist so ganz erfüllt von diesem Vorhaben, daß ich zuversichtlich hoffe, Gott werde ihm das Gedeihen und Sie Ihre Zustimmung nicht versagen.
Ganz der IhrigeEduard Devrient.
Ganz der Ihrige
Eduard Devrient.
Berlin6/4. 38.
Hochgeehrter Herr Hofrath!
Die innigste Freude hat mir Ihr Schreiben erregt, das mir einen so wohlwollenden Antheil für mein Stück, eine so tröstliche und ermuthigende Billigung meiner Intentionen bekundete. Ich weiß sehr wohl, daß Sie das bürgerliche Drama nicht verwerfen, aber ich fürchtete: die Tendenz meines Stückes möchte Ihnen nicht bestimmt genug ausgedrückt erscheinen, freilich hätte ich Ihrem ebenso scharfen, feinen als wohlwollendem Blicke mehr vertrauen sollen, aber ich war durch manches Mißverstehen von einigen Seiten her zaghaft gemacht worden. Man erkannte nicht, oder wollte nicht erkennen, daß ich die Kleinlichkeit undmisèreunsrer Zustände nicht um ihrer selbst willen habe schildern wollen, sondern um sie vor unsren Augen in ihrer Nichtigkeit zerbröckeln zu lassen und uns an einer idealen Anschauung, an einer Tüchtigkeit der Gesinnung aufzurichten. Ich habe eben zeigen wollen, daß wer Gesetze von unsrer socialen Elendigkeit annimmt, ebenso verloren ist, als wer alle Bande undSchranken phantastisch überfliegt, daß aber das Verfolgen eines höheren, geistigen Zieles, das Maaßhalten in den Forderungen an das Leben, zuletzt auch in allen Beziehungen das Leben bezwingen muß. Darum konnte ich auch alles mögliche Geld verloren gehn lassen und die Hauptfiguren zuletzt glücklich machen, ohne dies in den meisten bürgerlichen Stücken nöthige Hülfsmittel. Dies ist wol eine Art von Rechnenprobe über die geistige Bedeutung des Stückes, aber nur die Wohlwollenden nehmen sie an.
Ihr Beifall hat nun all den Genuß gekrönt, den mir die Aufführung dieses Stückes bereitet, das Publikum hat durch sechs gefüllte Häuser und den lebhaftesten Beifall seine Theilnahme ausgesprochen, die Schauspieler sind mit Lust bei der Darstellung, viele gute und tüchtige Menschen habe ich gerührt und erfreut, Sie billigen, was ich gethan — welch menschliches Unternehmen könnte einen schöneren Erfolg haben? Gespannt bin ich auf die Wirkung, welche das Stück von andren Bühnen herab machen wird; einige der gezeichneten Zustände sind ganz lokal. Ein rasches, lebhaftes Zusammenspiel ist hier Hauptbedingung, das Stück empfängt auf der Bühne ein ganz neues Leben und ich möchte Sie, verehrter Herr, bitten, die beabsichtigten Abkürzungen noch bis zu den Theaterproben aufzuschieben und erst darüber zu entscheiden, wenn das Spiel schon im Zuge ist.
Welche Rolle mein Bruder am förderlichsten für das Stück übernehmen möchte, darüber kann ich in der That nicht entscheiden, da ich das jetzige Personal Ihrer Bühne nicht kenne. — So eben habe ich einen Brief meines Bruders erhalten, aus dem ich ersehe, daß Herr Baison bei Ihrer Bühne angestellt ist, ich habe denselben hier als „Landwirth“ gesehen und mein Wunsch ist daher unbedenklich, daß er den Christoph, mein Bruder den Born spielen möge; ich werde meinem Bruder darüber schreiben, der mir größere Lust zum Christoph zuhaben scheint. Obschon die Rolle des Born nicht groß ist, so repräsentirt sie doch, (trotz ihres Antheiles an den Verirrungen in pedantischem Besserungseifer) den Typus des Edlen und Tüchtigen, für die Darstellung ist es daher von großer Wichtigkeit, daß ein Schauspieler sie übernehme, der in edlen und idealen Gestalten anerkannt ist vom Publikum. Daß mein Bruder das mir so neidenswerth erscheinende Verhältniß zu Ihnen nicht benutzt, thut mir recht herzlich leid, ich möchte nur glauben, daß er mehr Ihre Sprache, als Ihre Intentionen mißversteht, da ich in ihm immer eine so edle, künstlerische Natur gesehen, daß ich mir im allgemeinen kein Abweichen von Ihrer Richtung bei ihm denken kann. Der Beifall der Menge ist freilich ein gefährlich Ding, und ich fühle zu genau, wie der Schauspieler alltäglich sich die eigentliche Würde und Höhe seines Berufes vor’s Auge halten muß, um sich nicht der weichen Beifallswoge zu überlassen, die, wie Sie nur zu richtig sagen, durch so kleine Künste zu erreichen ist. So unähnlich der Künstler dem Prediger sein soll, darin muß er ihm gleich stehen, daß er den Leuten zeige, was sie erfahrensollen, nicht was sie erfahrenwollen. Ueberhaupt giebt es vielleicht keinen Stand, von dem so sehr eine Fülle der Tugenden gefordert wird, als der unsrige. Selbstverläugnend sollen wir sein, beim größten Anreiz zu Eitelkeit und Selbstsucht, uns aufgeben an das Total einer Darstellung, wo es so leicht ist sich abgesonderten Vortheil und Beifall zu verdienen, das Höchste und Vergeistigte immerfort anbieten, wo es wenig geschätzt, dagegen das Geringe und Gemeine begierig verlangt wird und reichlich gelohnt. — In der That, das Abweichen von den Berufstugenden rächt sich in jedem Stande auch äußerlich, beim Schauspieler wird es belohnt und gefeiert, dennoch soll er getreu bleiben — wahrlich um der Größe der Aufgabe willen ist es fast zu verzeihen, daß wir sie so miserabel lösen. Und das ist es doch überhaupt, woran die ganzeBühne krankt und ehe der Staat ihr nicht eine strenge Forderung stellt, ehe die Gesellschaft nicht anfängt Ernst und Bedeutsamkeit vom Theater zu verlangen, wird der bessere oder schlechtere Zustand, wie die Wellen des Meeres, immer von den zufälligen Winden abhängen... Die herrschendearia cattivahat auch den Schauspielerverein, den ich mit einigen erfrischenden Hoffnungen gestiftet, bis auf 3 Mitglieder heruntergebracht, und keine Wirksamkeit für das Ganze ist mehr von ihm zu hoffen. Ich dachte, dieser Verein sollte eineGesinnungunter uns erwecken, vergaß aber, daß sie für das Bestehen des Vereines schon vorhanden sein müßte. Jetzt sehe ich ein, diese Gesinnung muß, mit der Bildung zugleich, in Schauspielerschulen gepflanzt werden, die es aber nicht giebt. Im allgemeinen haben die Schauspieler keinen Respect vor ihrem Berufe und daher mißbrauchen sie ihn. Es scheint, der Mensch achtet nur, was ihm sauer wird; wenn die jungen Schauspieler arbeiten müßten, bevor sie zur Production zugelassen würden, wie alle andren Künstler, so würden sie mit mehr Ernst und Achtung daran gehn, sie würden beim Studiren gelernt haben, wie himmelweit wir immer von dem Ideale unsres Berufes entfernt bleiben.
Entschuldigen Sie meine Redseligkeit, es giebt ja nicht viele Orte, wo ich meinem Kummer Luft machen kann. Mit meiner persönlichen Stellung hier, nach der Sie so freundlich fragen, könnte ich sehr wohl zufrieden sein, ich fühle mich oft beschämt vor den Beweisen der Achtung, die mir von Tüchtigen entgegenkommt, auch läßt sich hin und wieder etwas Gutes und Rechtes bei uns hindurch bugsiren, — mit dem Blaubart ist mir’s freilich immer noch nicht geglückt, — die Anstellung Seydelmanns kann unser Personal sehr förderlich vervollständigen, aber der Durst nach der tief ins Leben greifenden Wirksamkeit, welche die Bühne haben könnte und sollte, der Durst brennt immer ungestillt in der Seele. Es soll auch wol sosein und bleiben. Wie unendlich werth würde es mir sein, mich einmal wieder mündlich gegen Sie verehrter Mann aussprechen, vielleicht Ihnen etwas von dem zeigen zu können, was ich seit 4 Jahren gelernt; vor dem nächsten Jahre habe ich aber dazu keine Aussicht. In diesem Sommer muß ich hier bleiben, mein neues Haus ausbauen und damit die Ruhe und Arbeitsgemächlichkeit für mein häusliches Leben ein für allemal feststellen. Erhalten Sie mir Ihr unschätzbares Wohlwollen, ich bleibe mit unveränderlicher Verehrung und Anhänglichkeit
der IhrigeEduard Devrient.
der Ihrige
Eduard Devrient.
Darf ich um Beförderung der Einlage ergebenst bitten?
Berlin29. Oktbr. 1838.
Mein hochverehrter Freund!
Das Gefühl der Angehörigkeit, das Sie mir vor 16 Jahren einflößten, als ich bei meinem ersten Ausfluge in die Welt in Ihre Nähe kam, hat im Verlaufe der Jahre eine fortdauernde Bestätigung gefunden. Theils in dem Antheil, der mir bei meinen Arbeiten für die Bühne von Ihnen zu Theil wurde, dann in den geistigen Beziehungen, welche Ihre Schriften mir fortdauernd eröffneten — wie ich denn kürzlich wieder bei abermaligem Lesen der dramaturgischen Blätter ein Fülle eigner Wahrnehmungen und Erfahrungen bestätigt und gesichert gefunden — und nun hat in der neuesten Zeit Ihr rührender Antheil für mein Stück mich so reich gemacht, daß ich in diesem Bewußtsein: Ihnen zuzugehören, recht beruhigt und erquickt mich fühle in all den Wirbeln der trübseligsten Erfahrungen, die das heutige Kunstleben bewegen.Ich mag Ihnen deshalb auch gar keinen Dank sagen, erstens weil ich ihn doch nicht auszudrücken wüßte, dann weil ich weiß daß, da sie meine Arbeit Ihres Antheils werth gefunden, Ihnen Alles was Sie gethan, selbst ein Genuß Ihres Liebesschatzes war. Es ist ja eben so süß: Wohlwollen und Freundlichkeit bezeugen, als sie empfangen. Aber die Theilnahme und Ermunterung, die ich von Ihnen erfahren, auch die welche ich von Immermann erhalten, das sind die eigentlichen Trophäen, die ich mir aus dem übergünstigen Erfolge des Stückes davon trage und worauf ich mir in der Stille meines Herzens wahrhaft etwas zu gute thue. Möge der Himmel mir nun Muße schenken und gute Einfälle dazu, damit ich Ihrem Vertrauen ferner entsprechen könne. Jetzt ist es das Studium wichtiger Rollen, das mich, nach überstandener mühsamer Einrichtung in meinem neuen Hause, ganz in Anspruch nimmt. Besonders ist es der Hamlet, der sich meiner ganzen Seele bemeistert hat, die Beschäftigung mit diesem tiefbedeutsamen Charakter hat sogar, das fühle ich lebhaft, einen großen Einfluß auf meine Lebensanschauung ausgeübt, und ich wollte oft, ich könnte mich retten aus dem Gefühle: wie ekel schaal und unerquicklich das ganze Treiben dieser Welt ist. Wie gern möchte ich mich über diese Gestalt des Hamlet einmal mit Ihnen aussprechen. Es müßte ja dabei Alles zur Sprache kommen, was den Menschen Weh bereitet, alles was dem Schauspieler Lust an der Höhe seines Berufes geben kann. Mir ist es wunderlich mit diesem Charakter ergangen. Immerdar hat mich die volle Gewalt des poetischen Lebens im ersten Akte erschüttert, aber Hamlet hat im Verfolge des Stückes mich kalt gelassen, die Entwicklung erschien mir willkührlich, grillig, der Hamlet selbst der unleidlichste Gesell von der Welt, ich konnte es zu keiner Theilnahme bringen, so oft ich ansetzte, so aufmerksam ich Alles las, was darüber geschrieben war; ja dies machte mich nur verwirrter.Ich begann das Studium der Rolle im Frühjahre, wie eine Verpflichtung, aber da ich nun in alle Lebensfasern eindrang, entdeckte ich bald die Wahrheit einzelner Zustände, Stimmungen und Geistesrichtungen und wie durch einen Zauber schossen die einzelnen Strahlen zum Sterne zusammen, ich sah Licht wie nach langer Blendung, fühlte auf einmal den glühend warmen Lebenspuls in der Gestalt, die bisher nur wie ein flacher Schatten von meinem Auge stand. Da sahe ich denn, daß durch Alles was über den Charakter geschrieben worden, er mir nicht zugänglicher wurde, sein Mangel an Thatkraft war mir immer ein zu willkührlicher Grund seines Thuns, jetzt erkannte ich, daß dieser Mangel nur einErgebnißder Ueberfülle der Anschauung in ihm ist. — Doch ich mache mich wol schlecht verständlich. — In Hamlet finde ich den großen Erdenschmerz: sein Ideal niemals erfüllen zu können, den ewigen Zwiespalt, in den der Mensch gesetzt ist, begabt mit aller Befähigung das Höchste zu erkennen, zu wollen, es aber an sich und Andren nie darstellen zu können; woraus zuletzt die tiefste Verachtung der Welt hervorgehn kann. Alles widerstrebt hier dem reinen Seelendrange, überall stört die Nichtigkeit und Elendigkeit, die eigne Mangelhaftigkeit und Gebrechlichkeit läßt den Geist in einem Kerker sich fühlen, er isolirt sich immer mehr, dieser höheren Selbstsucht fehlen dann, vermöge seiner irdischen Natur, alle Kleinlichkeiten der Eitelkeit nicht und je mehr der Mensch sich nun vertieft in geistiges Leben, in höhere Reflection im Umfassen des Universums, je untüchtiger wird er, seine Thätigkeit auf irgend einen kleinen Kreis, auf irgend eine Arbeit oder eine That beschränken und fesseln zu können. Dies, meine ich, hat Shakespeare im Hamlet zeigen wollen, man könnte aus diesem ewigen Weh des Lebens noch 100 vortreffliche Stücke machen, so reich und mannichfaltig erscheinen einem von diesem Standpunkte aus die Conflicte der Dinge. Der große Dichter hat nun inseinem unvergleichlichen Gedichte den Menschen einem furchtbaren Verbrechen gegenübergestellt, einer That, welche die größte menschliche Verderblichkeit bezeugt und das entschiedenste Entgegenhandeln fordert. So ist Alles hier auf das Schärfste gestellt und muß die schlagendsten Wirkungen hervorbringen. Ein einfacher Mensch wäre schnell fertig mit dem, was zu thun ist, aber der so geistig Gesteigerte hat einen viel größeren Drang, sich die ganze Fülle des Vorganges allseitig zum Bewußtsein zu bringen, er muß alles daran durchdenken, mit bittren Schmerzen durchempfinden, die äußere That bleibt, als das Geringere immer zurück und dadurch zerfällt er völlig mit sich selbst. Ich weiß nicht, ob ich das ganz gesagt habe, was ich meine, ich bin wenig geschickt etwas zu deduciren, was mir überzeugend lebendig in der Seele brennt, ich wäre glückselig, wenn meine Darstellung es zur vollen Anschauung brächte.
Aus dieser Erkenntniß des Hamlet erklären sich mir nun alle Widersprüche und Uebertreibungen seines Benehmens. Die an Vergötterung streifende Liebe zu seinem Vater, die rührende Liebe zu seiner Mutter, die überall durch den Abscheu gegen ihre Handlungen hervorbricht, die Härte gegen Ophelia, in welcher er seine eigne Liebe mißhandelt. Wie schön ist das „ich liebte Euch nicht“ d. h. „so wie ich Euch lieben sollte, das was man nur Liebe nennen sollte, das fühlte ich nicht, dazu bin ich, wie alle Menschen zu elend.“ Dies Ungenügen seiner selbst, der Höhe seines Ideales gegenüber, scheint so sehr zu contrastiren mit der Selbgefälligkeit, in der er sich gegen die Höflinge überhebt und wie erschreckend wahr ist dies Alles? Das sind die Kleinlichkeiten der großen Menschen; der Hamlet ist dafür ein treuer Spiegel auf jedem Blatte. Er sagt „Sie narren mich, daß mir die Geduld fast reißt“ und doch ist er es, der die unbedeutenden Menschen fortdauernd reitzt, ihre Streiche vor ihm zu machen. Die Sehnsucht nach dem Todeund dies Schaudern vor der Verwesung, dann der verstellte Wahnsinn, wie ist er doch nur eine Zuflucht für den übermannten Geist, keine besonnene, kluge Wahl — doch ich langweile Sie mit dem Auseinanderschälen einer Frucht, deren Gehalt Sie so genau kennen. Wollte ich Alles sagen, was ich beim Studium dieser Rolle erfahren, ich müßte jede Rede commentiren, ein Buch darüber schreiben. Wüßte ich doch, was Sie zu meiner Ansicht sagen? Wie sehr habe ich bedauert in Ihren Schriften nichts Ausführliches über den Hamlet selbst zu finden, was Sie in den dramaturgischen Blättern andeuten genügte meinem Durste nicht, so vertraut mir Manches erschien. Was im Wilhelm Meister steht, hat mir bis jetzt gar nichts geholfen. Sein Sie mir nur nicht böse, daß ich so schwatzhaft bin und mich klüger als die Klügsten anstelle, meine Seele ist zu voll von dieser Arbeit und es mag wol ein Beweis prägnanten Lebens am Hamlet sein, daß ein Jeder, der sich ernstlich mit ihm beschäftigt, eine eigne und besondre Anschauung will gefunden haben; so ist’s ja mit allem Großen und Bedeutenden, man ist nie ganz in Uebereinstimmung darüber. So kann ich auch nicht begreifen, wie bedeutende Schauspieler haben den Hamlet besonnen oder sentimental darstellen können, beides liegt ihm, meine ich, ganz fern; eine leidenschaftliche Bitterkeit, lebhafte Erregbarkeit und ein sich ganz Verlieren in Stimmungen und Vorstellungen, das scheinen mir seine Grundzüge zu sein. Doch genug des Raisonnirens, die Aufführung ist vor der Thür. Könnte ich Sie nur dazu hieher bannen und hernach von Ihnen hören, wie viel oder wie wenig ich von meinen eignen Ansichten getroffen und wo sie sich bewährt, wo nicht. Es bedarf Ihrer freundlichen Aufforderung sicher nicht, um mich zu treiben, einmal wieder Dresden und Ihr Gespräch zu suchen und wenn die Umstände mich begünstigen, so wird ein Reiseplan zum nächsten Frühjahre ausgeführt, dessenroutequer durchIhr Zimmer führt. Welche Erwartungen und Wünsche knüpfe ich schon längst daran! Seit meiner letzten Anwesenheit in Dresden hat sich der Kreis meiner künstlerischen Wirksamkeit so verändert und mit ihm meine Erfahrungen und Wahrnehmungen. Wie gern zeigte ich mich Ihnen nun einmal in Allem, was ich kann und weiß; ich bin gewiß von Ihnen das Lösungswort für manches Dunkle und Unverstandene in mir zu hören. Nun ich will mich der Hoffnung hingeben, es ist so süß, sich mit der Erwartung großer Erfrischungen durch das Jammerthal unsres Bühnenlebens hindurchzuschlagen. Erhalten Sie mir Ihr Wohlwollen, es ist mein Sporn und Stolz in meinen Bestrebungen.
Ganz der IhrigeEduard Devrient.
Ganz der Ihrige
Eduard Devrient.
Berlind. 31t. Januar 1839.
Mein hochverehrter Freund!
Ein junger dänischer Componist, Baron von Löwensciold und der Coppenhagener Theaterdichter Borgaard, welche auf ihrer Reise durch Deutschland, Italien und Frankreich begriffen sind, wünschen sehnlichst, bei ihrem Aufenthalte in Dresden, in Ihre Nähe zu kommen. Es ist der nächste Zweck dieser Zeilen, Sie verehrter Mann, um die Erlaubniß zu bitten, daß diese Herren Sie besuchen dürfen, vielleicht einer Ihrer Vorlesungen beiwohnen. Da sie in der ernstlichen Absicht reisen, zu lernen, so ist das was ich erbitte von so großer Wichtigkeit für sie, daß ich nicht fürchten darf, Sie werden es versagen. Von dem jungen Musiker habe ich recht schöne Proben seines Talentes gesehen, außerdem bringen beide einen reinen Geschmack, keine Vorliebe für irgend etwas Verkehrtes mit, so daß es mir recht lohnend schien ihren Gesichtskreis zu erweitern.Ich übergebe sie Ihrem Wohlwollen, auf welches ich noch nie vergebliche Rechnung gemacht. So hoffe ich auch Ihnen nicht lästig zu werden, wenn ich Sie ein Weilchen von mir unterhalte. Ich habe nun in den letzten Monaten erst den Hamlet, dann den Tasso gespielt, und zu meiner innigsten Freude durch beide Rollen, nicht nur einen äußerlichen Erfolg errungen, sondern einen wahrhaften Eindruck bei vielen guten und tüchtigen Menschen hervorgebracht. Im Hamlet habe ich vieles wieder hergestellt, was meine Vorgänger seit Wolf unterschlagen hatten, wobei z. B. zuerst Opheliens Begräbniß beseitigt worden, zuletzt sogar die ganze Kirchhofscene. Ich habe es sogar durchgesetzt, die Theaterscene nach Ihrem Vorschlage in den dramaturg. Blättern einzurichten und die Wirkung hat es vollständig gerechtfertigt. Die ganze Scene gewinnt unendlich an Sammlung und rückt ihr Hauptinteresse eigentlich erst dadurch dem Beschauer vor die Augen. Am Tasso habe ich im Verfolge des Studiums viel größere Freude gehabt, als ich anfangs glaubte. Im Allgemeinen legt man dieser Rolle hauptsächlich ein rhetorisches Interesse bei, ich habe gefunden, daß dies sehr untergeordnet ist, der Charakter ist mit der äußersten Sorgfalt ausgeführt und jedes Wort daran ist charakteristisch. Im Grunde ist es ein unleidlicher Gesell, in Selbstsucht vollgenährt, die überall, selbst in seiner Liebe zur Prinzessin ihn bestimmt und umherwirft, der Reichthum seiner Fantasie allein läßt ihn liebenswürdig erscheinen und bei aller Zweideutigkeit seines Wesens, die uns stets verletzt, müssen wir ihn wieder gelten lassen, weil er so durchaus naiv sich auslebt; es fällt ihm niemals ein, daß er auch nur im Entferntesten Unrecht habe, wenn er sich noch so abscheulich zeigt. Es ist eigentlich ein pathologisches Interesse, was uns an ihn fesselt. Ich habe mit rechter Lust daran gearbeitet und freue mich, bei ferneren Wiederholungen alle Farben recht sicher zu stellen. Das Publikum, wir hatten freilich ein ganzauserlesenes, ging ganz auf meine Zeichnung ein, es war ein Abend, der viele Schock andrer, die man mit schaler Brodarbeit hinbringen muß, überhalten kann.
Meine Reisepläne, die ich im Herbst bildete, und worin ein Besuch bei Ihnen meine Hauptrolle spielte, habe ich verworfen, und hoffe Ihnen auch im nächsten Jahre noch willkommen zu sein. Ich muß und will nach Paris reisen; ich bin gewiß, daß vor den französischen Bühnen noch viel zu lernen ist. Die frappante Auffassung, die große Rührigkeit des Lebens überhaupt, das sind Dinge, die einem Deutschen treffliche Anregungen geben können. Ich halte mich für sicher genug, mir keine Art der Nachahmung aufpacken zu lassen, nur frische, neue, fremde Anregungen suche ich und bin gewiß, sie zu meinem Nutzen zu finden. Ich denke, Sie billigen mein Unternehmen; außerdem ist Paris so reich an geistigem und sinnlichem Leben, daß seine Kenntniß eine Art von unentbehrlichem Bildungsmittel ist. Ich denke mich in 4–6 Wochen dahin aufzumachen, vielleicht erlebe ich Manches, was Sie interessiren dürfte, dann nehmen Sie meine Mittheilung wol freundlich auf.
Ganz der IhrigeEduard Devrient.
Ganz der Ihrige
Eduard Devrient.
Berlind. 8t. Dezbr. 39.
Hochgeehrter Freund und Gönner!
Meine Pariser Briefe sandte ich Ihnen, ohne eine Zeile zur Begleitung mitzugeben; es war kurz nach dem Tode meiner Tochter, und ich vermochte noch nicht viel Anderes als meinen Verlust zu denken. Vielleicht haben Sie von unsrem Unglück gehört und werden mir den Mangel an Form verziehen haben. Es würde mir unendlich viel Freude machen, wennich erfahren könnte, ob diese Briefe Ihnen irgend etwas Erwünschtes gebracht haben? ob die Gesichtspunkte, aus denen ich die Dinge gesehen, von dem Ihrigen nicht allzusehr abweichen? — Ich entbehre es gar zu sehr, so lange nicht mit Ihnen zusammengewesen zu sein, ich wollte auf meiner Heimreise noch nach Dresden kommen, die Zeit war zu kurz und meine Sehnsucht nach Haus zu groß, es ging nicht an. So muß ich nun eine Menge von Gegenständen bei Seite gestellt sein lassen, bis auf eine günstige Zeit, die vielleicht im nächsten Sommer sich erzwingen läßt.
Heut trete ich nun schon wieder mit einer kleinen Arbeit vor Sie hin, die ich aber mit einer Art von entschuldigender Erklärung begleiten muß. Mit meinem Unmuthe gegen Uebertragung der französischen Bühnenstücke im Allgemeinen scheint es im Widerspruche zu stehen, daß ich selbst mich damit beschäftigt habe, ein französisches Stück auf unsrer Bühne heimisch zu machen, aber die Veranlassung dazu war mannichfacher Art. Ich sah dies Stück in Paris vortrefflich dargestellt, fand es den Kräften der deutschen Bühne angemessen, Bau und Charakter des Stückes sehr nach deutschem Sinn und Schnitt, die nöthigen Modificationen traten mir lebendig entgegen, ebenso manche Erweiterung und Bereicherung des Dialoges für deutsche Gefühls- und Denkweise, so daß ich das Stück mitnahm. — Jetzt nach dem Tode meiner Tochter verlangte mich nach einer Arbeit, die mich beschäftige ohne anzustrengen und so nahm ich das Stück vor. Es fing mich an zu interessiren, die Darstellung französischer Zustände durch eine bequeme Form deutschverständlich zu machen, durch Abkürzen und Hinzufügen den Situationen noch mehr Lebendigkeit zu geben, und ich bin auf diesem Wege wenigstens zu der speciellen Einsicht gelangt, daß unsre gewöhnlichen Uebersetzer das Wichtigste an ihrer Aufgabe immer versäumen. —Natürlich kann ich bei diesem ersten Versuche, der zugleich auch wohl mein letzter sein möchte, nicht erreicht haben, was ich als nothwendig bei einer Bearbeitung für unsre Bühne erkannt, aber ich hoffe, das Stück, wie es da ist wird eine angenehme Aufgabe für die Darstellung, und eine willkommene Gabe für das Publikum sein. Daß ich es Ihnen mittheile, geschieht hauptsächlich, um keine Gelegenheit zu verabsäumen, mein Gedächtniß bei Ihnen aufzufrischen und Ihnen einen Antheil für die eine Hälfte meiner Bestrebungen für die Bühne aufzudringen. Alles was ich von dieser letzten Arbeit hoffe, ist daß Sie sie nicht mißbilligen mögen. Von meiner Schauspielerthätigkeit weiß ich leider nicht viel zu sagen; unser Repertoir ist ganz elend, die neuerscheinenden Stücke sind matt und liefern wahrhaft trostlose Aufgaben, unsre Meisterwerke dagegen werden höchst selten aufgeführt, obschon unser Publikum jederzeit den allerlebendigsten Antheil dafür zeigt. Nur einige bequem aufführbare Stücke halten sich auf unsrem Repertoire, die größeren kommen bei dem geräuschvollen Geschäftsstrudel unsres Bühnenlebens höchst selten zu Stande. Nichts ist aber so niederschlagend, so entnervend für den Künstler, als der Mangel an Aufgaben, die alle seine Kräfte in Anspruch nehmen. Wenn tagtäglich nichts mehr von einem gefordert wird, als was man schon längst geleistet hat, so ist es kaum möglich sich vor einem bloßen Arbeiter-Schlendrian zu bewahren. So ist dann nichts natürlicher, als daß ich mich in Zeiten der Noth immer zu schriftstellerischer Thätigkeit flüchte, um Beschäftigung und Erregung zu finden. Einen Aufsatz, den Sie in dem Berliner Theateralmanach finden werden, möchte ich auch wohl Ihrer Durchsicht empfehlen, aber ich fürchte, Sie schelten mich unbescheiden, weil ich Ihnen mit meinen Arbeiten so lästig werde.
So scheide ich denn heut mit dem Wunsche, daß meine heutigeSendung Sie wohlauf und heiter treffen und Ihre wohlwollende Freundlichkeit für mich neuanregen möge.
Mit unwandelbarer Ergebenheit
IhrEduard Devrient.
Ihr
Eduard Devrient.
Berlin15/11. 41.
Mein hochverehrter Gönner!
Es war mir gestern Vormittag weder möglich einen Platz in Ihrer Nähe zu erhalten, um jede leise Nuancirung Ihres Ausdruckes mir zu sichrem Gewinn zu machen, noch nachher auf schickliche Weise zu Ihnen zu gelangen, um meines Theiles Ihnen meinen Dank für diese Vorlesung abzustatten, die mir wieder eine Fülle der reichsten und wunderbarsten Anschauungen geboten hat. So war mir es auch nicht möglich, Ihnen verabredeter Maaßen meinen von Ihnen gewünschten schriftlichen Vorschlag über die Besetzung des Blaubart zu überreichen; ich theile Ihnen denselben also hier mit, Ihrem Dafürhalten eine jede Modification anheimgebend.
Möchte Ihre Anwesenheit dazu beitragen dies wunderbar fantastische Gedicht unsrer Bühne zu gewinnen, ich würde es, abgesehen davon, daß dadurch einer meiner Lieblingswünsche erfüllt würde, für einen entschiedenen Schritt zur Erweiterung unsrer Thätigkeit und des theatralischen Gesichtskreises mit Freuden begrüßen. In der Hoffnung vor Ihrer Abreise Sie noch einmal zu sehen, zeichne ich in Verehrung
IhrEduard Devrient.
Ihr
Eduard Devrient.
Dresden, d. 13t. July 1846.
Wie lange ist es schon, daß ich Ihnen, hochverehrter Mann, schreiben wollte! Zuerst in der Freude meines Herzens über die reiche Erndte, die meine Saat auf dem von Ihnen urbar gemachten Felde mir eingetragen. Ich verschob es um immer reichere Resultate Ihnen vorlegen zu können und Ihnen zu beweisen, daß all Ihre üblen Prophezeihungen nicht eingetroffen seien. Dann kam eine andre Zeit, wo ich Ihnen schreiben wollte aus tief verletztem Herzen und Ihnen gestehen, daß Sie Recht gehabt mit Ihren Vorhersagungen, wo ich meine Ungläubigkeit rechtfertigen wollte, weil man gewisse Dinge nie glauben darf, bis man sie nicht erlebt, weil es edler ist unter ihrer Erfahrung zu erliegen, als ihre Möglichkeit im Voraus anzunehmen. Und doch, da ich Ihnen von den Verhältnißen hier nichts zu sagen wußte, was Sie nicht wußten, habe ich Ihnen den Ausdruck der ersten Bitterkeit erspart.Besser kann ich mir die Fortdauer Ihrer unschätzbaren Theilnahme verdienen, wenn ich Ihnen sage, daß die Erfahrungen, die ich hier gemacht, und die von keiner noch so schmerzlichen meines Lebens überwogen werden, dennoch den Werth der Resultate nicht verringern, die ich aus meiner Wirksamkeit gezogen. Ich habe mich überzeugt, daß die besten Pläne ausführbar sind, daß es weder an Kräften noch gutem Willen bei den Schauspielern, noch an bereitwilliger Empfänglichkeit im Publikum fehlt, um die deutsche Bühne auf die Höhe der Forderungen unsrer Zeit zu heben. Es ist eben nicht die Schuld unsrer Bühne, daß sie nicht mehr taugt; auch das ist ein Trost. — Habe ich mich in meiner Regieführung in That und Gesinnung als Ihren Jünger gefühlt und gezeigt, ja gerade um deswillen eine ehrenvolle Anfechtung erfahren, so hoffe ich sollen Sie mich in einer literarischen Arbeit Ihnen ebenso getreu erfinden, der ich mich jetzt mit allem Eifer hingegeben habe. Ich versuche mich an einer Entwicklungsgeschichte der deutschen Schauspielkunst. Wie oft bedaure ich aber dabei nicht in Ihrer Nähe zu sein! Von welcher Wichtigkeit müßten mir Ihr Rath, Ihre Andeutungen, Ihre Auskunft sein! Nun muß ich mir einsam forthelfen, finde hier auch nicht alles von Büchern, was mir nöthig wäre. Indessen steht mein Sinn so sehr auf diese Arbeit, daß ich nicht davon kann.
Eine andre Angelegenheit liegt mir noch am Herzen, es ist die Künstlerlaufbahn meiner Tochter, deren Neigung ich denn doch, nach langem heftigen Kampfe nachgegeben habe und an der Intensität ihres Talentes wohl erkenne, daß ich nicht anders durfte. Herr von Lüttichau hat sie angestellt und so soll sie unter meinen Augen ihre Schule machen.
Es ist eigenthümlich, daß das Mädchen an Ihren Gedichten die ersten bedeutenden Zeugen ihrer Fähigkeit gefunden. Als neunjähriges Kind erregte sie als Rothkäppchen unsre Aufmerksamkeit, in den Scenen des Blaubart, die wir vorunsrer Abreise von Berlin bei Lenne’s aufführten, erschien ihr Beruf schon unzweifelhaft. Gern möchte ich nun, daß sie an dieser Rolle sich bald öffentlich versuchte. Das Original aufzuführen, wie es in Berlin bei der mehr verbreiteten literarischen Bildung möglich war, scheint mir hier in Dresden nicht gerathen. Sie selbst, verehrter Mann, kennen ja das hiesige Publikum genug, um meine Bedenken zu theilen. Möchten Sie mir wohl erlauben, dem Gedichte die Form zu geben, die mir der Stimmung hier und den Kräften unsrer Bühne angemessen scheint? Sie billigten vor 3–4 Jahren die Bearbeitung, welche ich Ihnen vorlegte, wollen Sie mir gestatten in dieser Weise Herrn von Lüttichau die Aufführung vorzuschlagen? Ich würde dann Tauberts Musik benutzen, aber mit einigen Modificationen, denn mir scheint, daß er das Gedicht zu sehr eingeengt hat durch melodramatische Behandlung. Das würde ich mit ihm bereden. Sobald mit Ihrer Bewilligung mein Plan gelingt, dem Gedichte die populaire Wirkung zu sichern, die ich davon erwarte, so werde ich bei der ferneren Verbreitung die Bestimmung über die eingehenden Honorare Ihnen anheimstellen, wie ich es schon bei dem ersten thun werde.
Wollen Sie also, verehrter Mann, das Vertrauen erneuern, mit welchem Sie schon vor mehreren Jahren mir eine Einrichtung des Gedichtes übertrugen, so würden Sie mich ebenso hoch ehren als erfreuen und meine Tochter würde Ihnen eine der schönsten Gelegenheiten danken ihr Talent zu bilden. Ich bitte um einige Zeilen, die mir Ihre Willensmeinung kund thun und hoffe, daß Sie meine Bittebaldgewähren.
Meine Frau und Tochter empfehlen sich Ihnen auf das Angelegentlichste. Darf ich bitten die Frau Gräfin Vinkenstein an unsre hochachtungsvolle Ergebenheit zu erinnern?