IX.

Ihr gänzlich ergebenerEduard Devrient.

Ihr gänzlich ergebener

Eduard Devrient.

Dresdend. 24t. März 1847.

Gern hätte ich Ihnen, mein innig verehrter Freund und Meister, von dem Gelingen meines Unternehmens mit Ihrem Blaubart gemeldet. Ich habe gezögert, weil ich einem Scheine von Hoffnung dafür traute, aber ich sehe nun wohl, ich muß den sehr liebgewordenen Plan fallen lassen. Man weicht meiner wiederholten Anregung aus, es ist auch Alles so anders geworden, daß einem Unternehmen, das sich vor dem Alltäglichen auszeichnet, wenig Gelingen zu prophezeien wäre. Ich habe mich und den Blaubart auf das zweite Gebiet zurückgezogen, welches ich als die Erbschaft Ihres Wirkens in Dresden mir angeeignet. Aus der von Ihnen eingeschlagenen dramaturgischen Bahn verdrängt, habe ich versucht Ihren Platz als Vorleser einzunehmen, so wenigstens, daß Ihr Gedächtniß bei Ihren Freunden und Anhängern durch mich immer wieder angefrischt werde. So habe ich denn in diesem Winter eine Reihe guter Stücke vor empfänglichen und reifen Zuhörern von einem Lesepulte aus in Scene gesetzt und dargestellt und zweimal den Blaubart zum Ergötzen und zu wahrhafter Erschütterung zahlreicher Zuhörer vorgetragen. Dieser Erfolg ist nun freilich nicht so umfassend als ein theatralischer, aber er ist sichrer und hat tiefer ergriffen. So habe ich die Genugthuung, daß Ihr Geist hier immer gegenwärtig wirkend fortlebt. Freilich ist er mir auch gerade jetzt unausgesetzter nahe als jemals. Die Geschichte der deutschen Schauspielkunst, welche ich zu bearbeiten unternommen habe, bringt, je weiter und tiefer ich forsche, alles was ich von Ihnen je über das Wesen unsrer Kunst vernommen habe, mir wieder frisch in die Gedanken und läßt so Vieles, was mir sonst Zweifel machte, zu völliger Ueberzeugung werden. Mit dem was Sie über die Entwicklung der deutschen Bühne hier und da inIhren Werken ausgesprochen — leider ist es nur viel zu wenig für mein Bedürfniß — fühle ich mich immer mehr und mehr in Uebereinstimmung gerathen, so daß ich Ihre Anschauungen als die allerunfehlbarsten habe erkennen lernen. Ein Jeder, der gewissenhaft forscht, wird Ihre Ansichten als die einzig passenden Schlüssel erkennen, durch welche man zu der einfachsten und natürlichsten Erkenntniß der Dinge gelangt. Durch meine geschichtlichen Forschungen bin ich erst in vollständige Uebereinstimmung mit Ihnen gekommen, jetzt erst habe ich verstehen gelernt, was ich seit 1822 aus Ihrem Munde gehört. Es ist alles so wie Sie es gesagt haben und Keiner hat die Dinge mit so deutschem Herzen für die deutsche Kunst empfunden wie Sie. Ungeblendet von literarischen Glorien haben Sie immer dem Gedeihen der Kunst nachgefragt, Sie haben die Sache der deutschen Schauspielkunst im Herzen getragen, an die doch das Gedeihen des Theaters geknüpft ist, Sie haben auf nur gesunde und naturgemäße Entwicklung gedrungen. Jetzt wo ich die Ueberfülle des geschichtlichen Stoffes von den geistlichen Spielen an bis in die Göthe-Schillersche Schule zu Weimar durchgearbeitet habe, jetzt ist es mir klar geworden, wie ungeheuer Recht Sie mit so Vielem hatten, wovor ich oft gestutzt. Ich weiß, es freut Sie, daß mir die vollständige Erkenntniß davon aufgegangen und daß ich sie als meinen Dank Ihnen ausspreche, — darum halte ich nicht zurück. Ich hoffe Sie sollen mit meinem Buche nicht unzufrieden sein, denn wenn Sie auch viel daran vermissen werden, den guten Willen und getreuen Sinn für die Sache für welche ich arbeite, wird niemand besser würdigen können, als Sie.

Wie oft sehne ich mich nach Ihrem Rathe, Ihren Nachweisungen aus dem Schatze Ihrer Kenntniße auf diesem Gebiete, wie viel vollständiger würde mein Buch in Ihrer Nähe werden. Darauf muß ich nun freilich verzichten. Mich tröstet es, daß ich der erste bin, der einen Weg durch dieRuinenwüste bahnt, so wird von mir auch fürs erste nur die gangbare Straße gefordert werden können.

Den Nachrichten zufolge, welche wir zuletzt von Ihrem Befinden erhalten haben, trifft dieses Blatt Sie in leidlichem Wohlsein. Hoffentlich wird der Sommer und Ihr Aufenthalt in Potsdam Sie wieder vollständig erfrischen. Vielleicht kann ich mich doch so einrichten, bevor ich meinen ersten Band drucken lassen, zu Ihnen zu kommen und Ihren Rath über Einiges zu erbitten. Möchte es mir schon deshalb vergönnt sein, um mich von Ihrem Wohlergehen überzeugen zu können.

Leben Sie wohl, hochverehrter Mann, und gedenken Sie meiner mit dem alten Wohlwollen

ganz der IhrigeEduard Devrient.

ganz der Ihrige

Eduard Devrient.


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