Wer diese zu ihrer Zeit so beliebte Schauspielerin noch in ihrer Wirksamkeit gesehen, und wer außerdem Neigung hat, Betrachtungen über Bühnen-Charaktereaußerhalbder Bühne anzustellen, dem dürften diese zwei Briefe nicht unwichtig erscheinen; wenn er die kindliche Hingebung des ersten mit der fast vornehmen Fassung des zweiten vergleicht. Allerdings liegen zwölf Jahre, reich an Erlebnissen, dazwischen. Man lieset aus den Zeilen des letzteren leicht heraus, wie unnütz der berühmten Künstlerin die „Lehrstunde“ dünkte, welche Tieck ihr widmen wollte. Vielleicht hatte sie nicht ganz Unrecht? Für Jedweden „vom Handwerk“ wird der praktische Gewinn, der aus Unterweisungen hervorgeht, wie einMann(sey es der bedeutendste!) einer geistvollen und geübten Schauspielerin sie ertheilen kann, immer zweifelhaft bleiben. — Es war eine von Tieck’s größten Selbsttäuschungen, daß er an diesen seinen unmittelbaren Einfluß glaubte. — Ach, hätte er hören können, wie auch Diejenigen, die er sich als aufrichtigst ergeben wähnte, darüber sprachen!
Wer diese zu ihrer Zeit so beliebte Schauspielerin noch in ihrer Wirksamkeit gesehen, und wer außerdem Neigung hat, Betrachtungen über Bühnen-Charaktereaußerhalbder Bühne anzustellen, dem dürften diese zwei Briefe nicht unwichtig erscheinen; wenn er die kindliche Hingebung des ersten mit der fast vornehmen Fassung des zweiten vergleicht. Allerdings liegen zwölf Jahre, reich an Erlebnissen, dazwischen. Man lieset aus den Zeilen des letzteren leicht heraus, wie unnütz der berühmten Künstlerin die „Lehrstunde“ dünkte, welche Tieck ihr widmen wollte. Vielleicht hatte sie nicht ganz Unrecht? Für Jedweden „vom Handwerk“ wird der praktische Gewinn, der aus Unterweisungen hervorgeht, wie einMann(sey es der bedeutendste!) einer geistvollen und geübten Schauspielerin sie ertheilen kann, immer zweifelhaft bleiben. — Es war eine von Tieck’s größten Selbsttäuschungen, daß er an diesen seinen unmittelbaren Einfluß glaubte. — Ach, hätte er hören können, wie auch Diejenigen, die er sich als aufrichtigst ergeben wähnte, darüber sprachen!
München, den 20t. July 1831.
Verehrungswürdiger Herr Hofrath!
Ehrfurcht und Liebe, die mein ganzes Herz für Sie erhabener Mann! lebhaft erfüllen, beschwichtigen nun auch in mir das Bangen der Schuld. — Schuldig werden Sie mich heißen, und meine Handlung als eine sehr tadelnswürdige bezeichnen. — Ich gestehe Ihnen offen: ich selbst vermag mich nicht zu rechtfertigen, und dennoch fühle ich mich lebendig überzeugt, daß ich so handeln mußte. Man kann mich leichtsinnig, unbesonnen, ja sogar carakterlos schelten; indeß wer in meiner Lage einer andern Empfindung als der eines gehorsamen Kindes gefolgt wäre, den würde man gewiß keinen Menschen, sondern ein unnatürliches und verächtliches Wesen genannt haben. — Ich habe kein Hehl vor Ihnen, und spreche mich gegen Sie so freymüthig aus als ich denke. — Angeborne Sehnsucht nach der Fremde, die freundliche, ja ausgezeichnete Aufnahme, die mein jugendliches und schwaches Kunstwirken in Dresden fand, die trefflichen und schätzbaren Freunde, die ich dort in so kurzer Zeit kennen lernte, die vortheilhaften, gewinnreichen Anträge, welche mir die k. sächs. Hoftheater-Intendanz gemacht hatte, eine vermehrte Thätigkeit im auserlesensten Kreise meines Kunstwirkens, alles dieses zog mich mit einem unwiderstehlichen Zauber nach dem lieben, mir ewig unvergeßlichen Dresden und zu einer voreiligen Unterzeichnung hin. Jedoch was ich zu wenig beachtete, geschah. Von allen Seiten umdrängten mich Freunde, Verwandte, Geschwisterte, am dringendsten aber meine Mutter. Diese gute Frau kam nie aus ihrem Vaterlande nur selten aus München. Viele Kinder, widrige Schicksale, Krankheiten und Kummer schwächten allmählig ihren Körper, und sie befindet sich schon seit mehreren Jahren fast immer in einem leidenden Zustande. Sie ist mir das Theuerste, Heiligste auf der Welt, denn so lange ich lebe, hängt sie stets mit der mütterlichsten, zärtlichsten Sorgfalt an mir. Anfangs schien sie meinem sehnlichen Wunsche und H. Devrients überzeugenden Gründen nachzugeben; allein als sie sah, daß es zum Ernste kam, da bot sie alles auf, um mich zurückzuhalten. Sie bat mich zu berücksichtigen, daß, wenn ich München verließe, mein Bruder niemals im Kadetenkorps aufgenommen würde, wodurch ich also dessen ganzes künftiges Lebensglück zerstöhren würde! Sie beschwor mich zu bleiben, denn sie könne ihre Vaterstadt nicht verlaßen, sie fühle es, daß Sehnsucht nach der Heimath ihr schon vor der Zeit ein Grab bereiten würde. Sie erinnerte mich an mein Gelöbniß, sie nie zu verlaßen, welches ich nach dem Tode meines unglücklichen Vaters that. — Was sollte ich nun thun? Was konnte, was durfte ich? ich opferte meine Neigung, mein ganzes Lebensglück, und versprach meiner Mutter, so lange sie lebt, München nicht zu verlaßen. — — Jetzt verdammen Sie mich! — Mögen viele mich falsch verstehen, falsch beurtheilen, Sie sollen es nicht; der Mann, welchem ich mit der innigsten Hochachtung und reinsten Verehrung ergeben bin, und dem ich mich mit kindlicher Offenheit vertraute, soll nicht meinen innern bessern Werth verkennen, und ich bin überzeugt, daß Sie gewiß das Gefühl der Anhänglichkeit, mit dem ich für meine Mutter und meine Geschwisterte (das einzige aber theure Vermächtniß eines ewig theuren Vaters) lebe ehren werden. Halten Sie mich deßhalb auch in der Entfernung Ihrer Achtung werth, und bleiben Sie mir fort und fort mit der freundlichen Zuneigung gewogen, welche Sie mir während meiner Anwesenheit in Dresden so gütig bewiesen. Ihr Andenken bleibt mir ewig unvergeßlich und so lange ich lebe wird das Gefühl meiner reinsten Verehrung in meiner Seele bestehen für den Mann, den Deutschland mit eben so vieler Bewunderung anbethet, wie er von mir warm und herzlich verehrt wird, und mit diesen Empfindungen verbleibe ich so lang ich lebe
IhreergebeneCharlotte v. Hagn.k. b. Hofschauspielerin.
Ihre
ergebeneCharlotte v. Hagn.
k. b. Hofschauspielerin.
P. S.Ihrer liebenswürdigen Familie meine innigsten Grüße.
Berlin, d. 13. Septbr. 1843.
Hochzuverehrender Herr Hofrath.
Durch meine Schwester Auguste hatten Sie die Güte mich wißen zu laßen, daß Sie Sonnabend um 3 Uhr mich zu sprechen wünschen. Wie unendlich bedauere ich, daß dies morgen, wo ich den Vicomte v. Letorières spiele und Morgens zwei Proben habe, unmöglich sein dürfte. Auch möchte ich mich schon mit der nicht kleinen Aufgabe, die Sie mir im Sommernachtstraum zugedacht, etwas beschäftigt haben, um nicht unvorbereitet zu erscheinen. Haben Sie die Güte, mir zu Montag oder Dienstag eine Stunde zu bestimmen, in der ich den Vorzug genießen kann, Sie zu sehen.
Wenn mir außerdem noch eine Bitte erlaubt ist, so möchte ich darauf aufmerksam machen, wie es vortheilhaft sein dürfte, die Leseprobe zu Freitag oder Sonnabend (Mitwoch und Donnerstag bin ich in Urlaub) mehrere Tage vorher bestimmen zu laßen, damit sich alle andern Mitglieder schon vorher mit ihren Rollen befreunden können, was freilich immer der Fall sein müßte, aber bei uns ein wenig aus der Uebung gekommen. Bitte, verrathen Sie mich nicht für meinen Wink, ich bekomme sonst das Chor der Faulen gegen mich —
Mit der größten Ergebenheit
Ihrestets ergebeneDienerinCharlotte v. Hagn.
Ihre
stets ergebene
DienerinCharlotte v. Hagn.